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Full text of "Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog Bd11 1906"

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BIOGRAPHISCHES JAHRBUCH 

UND 

DEUTSCHER NEKROLOG 



1 

UNTER STANDIGER MITWIRKUNG 

VON 

GUIDO ADLER, F. VON BEZOLD, ALOIS BRANDL, ERNST ELSTER, 
AUGUST FOURNIER. ADOLF FREY, HEINRICH FRIEDJUNG, LUDWIG 
GEIGER, KARL GLOSSY, MAX GRUBER, SIGMUND GUNTHER, 
OTTO GUNTTER, EUGEN GUGLIA, ALFRED FREIHERRN VON 
MENSI, JACOB MINOR, JOHANN SASS, PAUL SCHLENTHER, ERICH 
SCHMIDT, ANTON E. SCHONBACH, GEORG WOLFF U.A. 



HERAUSGEGEBEN 

VON 

ANTON BETTELHEIM. 

XI. BAND 

VOM I. JANUAR BIS 31. DEZEMBER 1906. 

MIT DEM BILDNIS VON CARL SCHURZ IN HELIOGRAVURE. 




BERLIN 

DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER 

1908. 



IV Vorwort 

So groB die Genugtuung ist, die dem Herausgeber neuerdings durch 
so vielseitige Forderung zuteil geworden, seine Selbstkritik zeigt ihm 
gleichwohl, wie viel noch anders und besser zu machen ware- Das~,un- 
gemein gewissenhafte, vomMttnchnerUniversitats-Bibliothekar Dr. Georg 
Wolff mit gewohnter Gediegenheit gearbeitete ^Register zu Band I — X 
(1896 — 1905), Berlin, Georg Reimer 1908s, laBt mit statistischer 
Deutlichkeit erkennen, daB heute, wie zu Schlichtegrolls Zeiten, ein 
Deutscher Nekrolog sich in vielzuvielen Fallen mit der Einreihung 
zahlreicher Namen in die Totenliste bescheiden muB. Haufig schien es 
dem Herausgeber ausreichend, manchen Personlichkeiten nur durch »Bio- 
gramme« gerecht zu werden, die knapp und genau Zeitangaben undQuellen- 
Nachweise ohne besonderen verbindenden Text brachten ; solche von sach- 
verstandigen Bearbeitern der » Totenliste « sorgsam zusammengestellte 
Daten-Sammlungen sind dem Forscher spaterer Zeiten stets willkommen. 
Mehr als einmal war und ist indessen die Auffiihrung wichtiger Namen 
in der Totenliste nur ein Notbehelf, weil es dem Herausgeberjund 
seinen Beratern trotz aller Umfragen und Bemiihungen nicht* gelang, 
geeignete Bearbeiter ftir schwierige Artikei zu gewinnen; andremale 
hemmten RUcksichten auf Mit- und Nachlebende, die iiber kiirzlich Ge- 
schiedene nicht die riickhaltlose Wahrheit aussprechen oder horen wollen. 
Einige Namen, auf die das Gesagte zutriflt, wurden bereits im Vorwort 
zum L Band genannt Bezeichnenderweise hat sich in dem seither ver- 
strichenen Dutzend Jahren weder ftir diese, noch ftir andere heikel zu 
behandelnde Personlichkeiten aus freiem Antrieb ein Biograph gemeldet 
Nicht zur Rechtfertigung des Herausgebers wird auf solche Liicken 
hingewiesen : der Zweck dieser Zeilen ist nur, alten und neuen Lesern 
des Biographischen Jahrbuches und Deutschen Nekrologes ans Herz 
zu legen, diese und ahnliche Mangel beheben zu helfen. 

Die Totenliste hat diesmal Dr. Fritz Weithmann-Holleck Ciber- 
nommen, dem Dr. JohannSassals freundlicher Berater zur Seite stand. 

Wien, Ende August 1908. 

Anton Bettelheim. 



Vorwort 

Dem elften Band wurde wiederum die Gunst zuteil, die Haupt- 
artikel in den Handen bedeutender Gewahrsmanner geborgen zu 
sehen: Ludwig Boltzmann ubernahm Professor Lampa, den Theo- 
logen Herm. Goltz D. Gennrich; den Germanisten M. Heyne 
sein Fachgenosse Edward Schroeder; die Dichter Saar und 
J. J. David wiirdigte Stefan Hock; den Philosophen Eduard 
v. Hartmann sein Junger W. v. Schnehen; Hermann Schell wird 
von Kiefl charakterisiert ; Heinrich Seidel findet in Johannes Tro- 
jan den wohlmeinenden Biographen. Anton Mengers Lebenslauf geht 
CarlGriinberg nach: ihm wares, ebenso wie Ludwig Hevesi (fur seine 
Charakteristik Ludwig Speidels) vergonnt, aufGrund reicher handschrift- 
licher Quellen und miindlicher Zeugnisse durchwegNeues iiber den Werde- 
gang dieser Personlichkeit mitzuteilen. W. Lang schildert aus eigener 
zuverlassiger Anschauung W. Heyd; Ludwig Pietsch berichtet tiber 
einen Erneuerer des Kunstgewerbes in Berlin, Hirschwald; Otto 
Kaemmel gibt ein treues Bild des Herausgebers der »Grenzboten«, 
Johannes Grunow. Unter den Nachtragen war es Band XI vergonnt, 
fur Nothnagel (durch Professor Mannaberg), Koller (durch Corrodi), 
Wilhelm Gurlitt (durch B.Seuffert), Wernicke (durch Heilbronner), 
der Bedeutung des Gegenstandes gemafie Biographien zu bringen. Mit 
diesen Beitragen ist der Inhalt des Hauptteils und der Erganzungen 
noch lange nicht erschopft. Bewahrte Mitarbeiter, V. Hantzsch, 
H. Holland, A. v. Mensi und andere, haben, wie bisher, fiir ihre 
Fachreferate sich eingestellt und dem neu in den Kreis der standigen 
Berater eingetretenen Geheimrat Professor Otto Guntter in Stuttgart 
sind fiir den vorliegenden, wie fiir den nachsten Band eine Reihe be- 
langreicher Winke zur schwabischen Nekrologie zu danken. 



DEUTSCHER NEKROLOG 

VOM i. JANUAR BIS 3i. DEZEMBER 

I906 



Homo liber de nulla re minus quam 
de morte cogitat et ejus sapientia non 
mortis, sed vitae meditatio est. 

Spinoza* Ethices pars IV. Propos. 

Lxvn. 



Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. Dezember 1906. 



Menger, Anton,* am 12. September 1841 in Maniow, f am 6. Februar 
1906 in Rom. — M. wurde am 12. September 1841 als viertes Kind des 
Privatgesch&ftsfuhrers Anton Menger von Wolfensgrun aus dessen — im 
Jahre 1833 geschlossener — Ehe mit Karoline Gerzabek in Maniow, 
einem zwischen den Stadten Neumarkt und Kroscienko in Galizien am 
Dunajec gelegenen Gute, geboren, das seinem GroBvater mutterlicherseits, 
Josef Gerzabek, gehorte. Die vaterliche sowohl wie die mutterliche 
Familie waren deutsch-bohmischen Ursprunges. Jene stammte aus dem 
Egerischen, woher sie nach Galizien, wahrscheinlich unmittelbar nach der 
Angliederung dieser Provinz an Osterreich, ausgewandert war. Josef Gerzabek 
hinwiederum hatte, bis er sich in den zwanziger oder dreifiiger Jahren des 
XIX. Jahrhunderts nach Erwerbung der Staatsdomane Maniow daselbst 
niederliefi, als Kaufmann in Hohenmauth gelebt. Der Vater M.s war anfanglich 
pracsidialis syndicus in Alt-Sandec gewesen. Spater finden wir ihn als 
Justiziar auf dem mit der Patrimonialgerichtsbarkeit ausgestatteten schwieger- 
vaterlichen Gute. Seit dem Beginn der vierziger Jahre endlich bis zu seinem 
am 1. August 1848 erfolgten Tode war er als Inhaber einer Privatgeschafts- 
kanzlei in Biala tatig. Er war vermogenslos und sein Erwerb stets gering: 
die Privatgeschaftskanzleien hatten im allgemeinen neben den Advokaten 
und den Agenten oder offentlichen Geschaftsfuhrern nur einen bescheidenen 
gesetzlichen Wirkungskreis; die M.sche litt aber auch noch insbesondere 
darunter, dafi ihr Leiter sich als Katholiken fiihlte, die Klientel jedoch vor- 
wiegend protestantisch war. Auch das Heiratsgut, welches die Frau mit- 
gebracht hatte, war nur ganz bescheiden. Zudem war die Ehe sehr 
kinderreich: es entstammten ihr zehn Kinder, von denen allerdings vier 
bereits in zarter Jugend starben. So war denn die wirtschaftliche Lage der 
Familie immer eine beschrankte, und nach dem Tode des Gatten hatte 
es die Witwe nicht leicht, sich und ihre sechs Kinder standesgemafi zu 
erhalten. 

Sehr friih schon und lange bereits vor seinem im Herbst 1847 erfolgten 
Eintritt in die Volksschule wurde M. von seinem Vater zu geistiger Arbeit 
angehalten. Nachdem er in Biala die Volksschule und eine Realschulklasse 
absolviert hatte, bezog er im Jahre 1852 das katholische Staatsgymnasium 
in Teschen, das er im Herbst 1856 mit dem Troppauer Gymnasium vertauschte, 



4 Menger. 

urn es zwei Jahre sp£ter neuerdings aufzusuchen. Was ihm an dieser Anstalt 
je linger je weniger zusagte, war ihr — namentlich damals, in der Blutezeit 
der Konkordatsherrschaft — ausgepragt konfessioneller Charakter, wie ja 
auch ein grofier Teil ihres LehrkOrpers dem geistlichen Stande angehdrte. 
Auch bei dem geistig friihreifen Knaben machte sich das Gesetz des 
Kontrastes gel tend: in dem Sohne strenggUubiger katholischer Eltern regten 
sich friihzeitig schon Zweifel an den religiOsen Dogmen und steigerten sich 
in kurzem zu vollstandigem Unglauben. Nicht wenig trug hierzu bei seine 
auflerordentlich umfassende Lektiire historischer und philosophischer Werke. 
Dafi der Knabe, der die Biicherschatze der Sffentlichen Teschner Bibliothek 
eifrigst benutzte, hierbei vorwiegend freigeistige und antiklerikale Schriften 
bevorzugte, wurde naturlich in der kleinen Stadt bald allgemein ruchbar 
und blieb auch dem LehrkOrper nicht verborgen. So kam es denn, dafi er 
bei diesem, trotz glanzender Begabung und Studienerfolge, nicht gut an- 
geschrieben war. Ein Streit mit dem Religionslehrer in der vierten Klasse 
hatte ihn auch nach deren Absolvierung veranlafit, nach Troppau zu iiber- 
siedeln. In die siebente Klasse nach Teschen zuriickgekehrt, erhielt er nun 
hier, kaum ein halbes Jahr spSter, im M£rz 1859 das consilium abeundi 
»wegen starrer Verweigerung des schuldigen Gehorsams, Verharrens in dem- 
selben und wegen Widerspruches. « Er hatte in der Religionsstunde die 
Behauptung des Katecheten, dafi neugeborene Kinder, wenn sie nicht die 
Taufe empfangen ha ben, der ewigen Verdammnis anheimfallen, in jugend- 
lichem Gerechtigkeitsgefuhl bestritten und sich dann nicht nur geweigert, 
zu widerrufen, sondern sogar seinen Standpunkt neuerdings ausdriicklich 
festgehalten. 

Fast hatte dieses Ereignis seinem Lebensschiff eine ganz neue Richtung ge- 
geben. In der Tat, durfte der wegen religidser Streitigkeiten aus der 
siebenten Gymnasial klasse Ausgeschlossene noch hoffen, bei Fortsetzung 
seiner gelehrten Studien in dem damaligen offiziellen Osterreich Raum zu 
finden? War es nicht vielmehr besser oder allein richtig, sich nach einem 
neuen, kaufm&nnischen oder gewerblichen, Beruf umzusehen? Von Kindheit 
auf hatte M. eine grofie Vorliebe fur k&rperliche und Handwerksarbeit 
gezeigt. Als der Elfjahrige aufs Gymnasium sollte, hatte er erklart: Maschinen- 
schlosser werden und zu diesem Zwecke in eine Fabrik als Lehrling ein- 
treten zu wollen. Diesen Plan fafite er nun im Drange der Not neuerdings 
ins Auge. Er liefi ihn jedoch rasch wieder fallen. Er mufite sich sagen, 
dafi ihm die korperliche Fahigkeit zu mechanischer Arbeit nicht mehr in 
geniigendem Mafie eigne. Zu sehr auch war er bereits von wissenschaftlichen 
Bestrebungen erfiillt. So entschlofi er sich denn zu einem Gesuche an die 
Krakauer Landesregierung um Zulassung zur Maturit&tspriifung und bestand 
diese nach erhaltener Bewilligung am 28. Januar i860, also ein halbes Jahr 
vor seinem gesetzlichen Termine, in Krakau. 

Seiner Neigung hatte es nun entsprochen, Philolog zu werden. Auf den 
Rat alterer Freunde widmete er sich jedoch — erst an der Krakauer und seit dem 
Wintersemester 1860 an der Wiener Universitat — dem Rechtsstudium. 
Dieses war, da ihn seine Lehrer vollkommen unbefriedigt liefien, ausschliefi- 
lich ein Biicherstudium. Von allem Anfang an ging er selbst&ndig den 
Quellen nach und besch&ftigte sich zugleich, »um nicht in dem Ozean des 



Mcnger. c 

positiven Rechtes unterzugehen«, eindringend mit den Rechtsphilosophen 
der AufklSrungszeit, von denen namentlich Rousseau durch die leiden- 
schaftdurchgliihte Schonheit der Sprache tiefen Eindruck auf ihn machte. 
Deshalb h&rte aber die Jurisprudenz doch nicht auf, fur ihn ein blofies 
Brotstudium zu bilden. Sie fiillte ihn daher auch keineswegs aus. Neben 
ihr und nachhaltiger noch als sie trieb er auch Philosophic, politische und 
Kulturgeschichte, vornehmlich aber — Mathematik, deren Bannkreis er sich 
zeitlebens nicht zu entziehen vermocht hat. Nicht minder vielseitig zeigt er 
sich in den &ufierst zahlreichen schriftstellerischen Versuchen wahrend der 
Jahre 1862 — 1864. Dieselben behandeln Probleme der Rechtsphilosophie, 
der Rechtsgeschichte und des dogmatischen Rechtes; mit besonderer Vorliebe 
aber bewegen sie sich auf den Gebieten der reinen Philosophie, der Logik 
und der hOheren Mathematik. Vielfach enthalten sie bereits die Keime zu 
den grofien Werken aus der zweiten Epoche seines publizistischen Wirkens. 

Auch dieses streng ernste Studentenleben, das innerhalb beengtester 
materieller Verhaltnisse sich abspielte und dem Wein, Weib und Gesang 
vollstandig fremd blieben, entbehrte nicht jedes Einschlages von Schalk- 
haftigkeit und sogar von derbem Humor. Zu M.s Studentenstreichen gehort 
z. B., dafi er im ersten Semester im Verein mit noch einem Kollegen in 
den verschiedenen Klostern von Krakau und Umgebung sich als Novizen 
anbot und, hier abgewiesen, sich mit einem gleichen Gesuche — diesmal 
erfolgreich — nach Wien wendete: natiirlich ohne auch nur einen Augen- 
blick diesen Schritt ernsthaft zu nehmen. In Wien machte er sich unter 
den Kollegen als scharfer Kritiker der Professoren bekannt. Einmal 
widmete er sogar einem unbeliebten Rektor ein Spottgedicht. 

Die intensive Hingabe an die Wissenschaft erlitt nach M.s am 25. Juli 
1865 an der Wiener Universitat erfolgter Promotion zum Doktor der 
Rechte fur langere Zeit vollstandige Unterbrechung. Das praktische 
Leben trat in sein Recht. M. widmete sich der Advokatur und trat am 
1. August 1865 als Konzipient in eine Kanzlei, die an seine Arbeitskraft die 
hochsten Anforderungen stellte, wo er aber erst nach einem halben Jahr den 
ersten kiimmerlichen Gehalt bekam, welcher sich dann bis 1868 auf 45 Gulden 
monatlich erhohte. Jede materielle Unterstiitzung von seiten der Mutter hatte 
schon um die Mitte des Jahres 1865 aufgehort. So sah sich denn der junge 
hochstrebende Gelehrte genfltigt, zu allerhand Nebenverdienst seine Zuflucht zu 
nehmen. 1865I66 war er als Zeitungskorrektor — natiirlich in den spaten Abend- 
und Nachtstunden — tatig. Wahrend des Krieges um die Vorherrschaft in 
Deutschland, welcher den damals noch streng national gesinnten in steter 
Aufregung erhielt, schrieb er fur kleinere Blatter politische und militarische 
Artikel, fiir welch letztere er mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit noch 
besondere Studien machte. Seit dem Herbst 1868 verwertete er seine 
Abendstunden ein Jahr lang als Vorleser in einem Wiener Patrizierhause. 
Von der mit dem 1. Januar 1869 erfolgten Freigebung der Advokatur an 
besserte sich jedoch seine okonomische Lage sehr rasch. Wahrend der Zeit, 
in welcher er den Anwaltsberuf selbstandig ausiibte (1. August 1872 bis 
31. Juli 1875) gestaltete sich derselbe fiir ihn, dank seinem ungewohnlichen 
juristischen Wissen und Scharfsinn, sogar hochst lukrativ. Doch befriedigte 
ihn die Advokatur nicht. Wohl sagte sie ihm wegen der mit ihr verbundenen 



6 Mcngcr. 

UnabhSngigkeit zu. Andererseits konnte er sich jedoch auf die Dauer mit 
einer blofi auf Erwerb gerichteten Tatigkeit nicht befreunden. Von Jugend 
auf hatte er wenig Bediirfnisse. Besitz aber lockte ihn nur als Mittel zur 
Erlangung und Behauptung von Unabhangigkeit, ohne ihm je Selbstzweck 
zu werden, Dagegen waren seine Wunsche von allem Anfang an darauf 
gerichtet, ausschliefilich und frei der Wissenschaft zu leben. So beschritt er 
denn die akademische Laufbahn. Im Jahre 1872 habilitierte er sich an der 
juristischen Fakultat der Wiener Universitat als Privatdozent fur dster- 
reichisches Zivilprozeflrecht und wurde an derselben am 19. Juli 1875 zum 
aufierordentlichen, drei Jahre spater (15. Juli 1877) zum ordentlichen Professor 
dieses Faches ernannt. In dieser Stellung ist er dann bis zu seiner am 
29. September 1899 erfolgten Pensionierung verblieben. 

Seine Fachdisziplin hatte er nicht etwa aus besonderer Vorliebe fur sie 
gewahlt. Ging ja seine Absicht urspriinglich dahin, sich fiir rdmisches Recht 
zu habilitieren. Er hatte auch bereits eine umfangreiche Monographic: «Zur 
Lehre von der Systematik des Zivilrechtes«, zu diesem Zwecke vorbereitet, 
die allerdings mit ihrem halbsozialistischen Geprage bei den Romanisten 
wohl ebensowenig Anwett gefunden hatte wie etwa Lassalles » System der 
erworbenen Rechte«. Seine Entscheidung war vielmehr von rein opportu- 
nistischen Erwagungen diktiert. Am 4. Februar 187 1 wurde ganz unvorher- 
gesehenerweise durch die Berufung Habietineks als Justizminister in 
das Kabinett Hohenwart eine der beiden Prozeflkanzeln an der Wiener 
Juristenfakultat erledigt. Damit aber eroffnete sich die Aussicht auf baldige 
Erreichung einer Professur, und M. beeilte sich, die Chance auszunutzen. 
Unverziiglich machte er sich an die Ausarbeitung einer Habilitationsschrift. 
Nach kaum zehn Wochen war diese, die sich als »Beitrag zur Lehre von 
der Exekution* gab, fertiggestellt. Bereits am 28. April 1871 konnte er sie 
dem Professorenkollegium iiberreichen. 

Der Beginn der akademischen Lehrtatigkeit sowie die weiteren Schritte 
auf dem neuen Wege wurden ihm nicht gar leicht gemacht. Immerhin 
jedoch erwiesen sich seine Hoffnungen als gerechtfertigt. Von dem Augen- 
blick der Erlangung des Ordinariats an verlief dann sein Leben in Su fieri ich 
glatten und ruhigen Bahnen. Auch alle Ehren, welche das Lehramt und das 
Vertrauen der Kollegen mit sich bringen konnten, wurden ihm voll zuteil: 
er fungierte durch eine Reihe von Jahren als Senator der rechts- und staats- 
wissenschaftlichen Fakultat, zweimal — 1880/81 und 1887/88 — auch als 
deren Dekan; wahrend des Studienjahres 1895/96 fiihrte er das Rektorat der 
Wiener Universitat; im Fruhjahr 1897 wurde ihm der Titel eines Hof rates 
verliehen; nach seinem Rucktritt vom Lehramt schliefilich wurde er auf 
Antrag der Fakultat, deren Glanz er so lange gemehrt hatte, zum Honorar- 
professor fiir Ssterreichischen Zivilprozefi und Rechtsphilosophie ernannt. 

Dafi M. auf diese aufieren Erfolge nicht ohne Genugtuung zuriickblickte, 
ist selbstverstandlich. Verdankte er sie ja auch ausschliefilich sich und seiner 
Arbeit Durchaus verfehlt wSre dagegen die Annahme, dafi sie ihm jemals 
als Ziel seiner Wunsche erschienen waren. Wie seiner engeren Fachwissen- 
schaft, so hat er auch dem Lehramt nur einen Teil, den kleineren Teil, 
seiner Personlichkeit hingegeben — auch diesen iibrigens nicht dauernd. 
Seine Wirksamkeit als Schriftsteller und Lehrer auf dem Gebiete des 6ster- 



Menger. ~ 

reichischen Zivilprozeflrechts hatte fur ihn in erster Linie eben auch nur die 
Bedeutung eines Mittels zum Leben; eines hOheren allerdings und das ein 
grftfieres Mafi innerer und aufierer Bewegungsfreiheit verbiirgte, als irgend ein 
anderes. 

Deshalb freilich sind Ms. Leistungen als Prozefltheoretiker und Lehrer 
nicht etwa gering anzuschlagen. Sie sind im Gegenteil wertvoll und bedeutsam 
gewesen, wie sie ja auch praktisch wirkungsvoller geworden sind, als es sonst 
in der Regel einem Akademiker beschieden zu sein pflegt. Er war wecler 
in seinen Schriften noch in seinen Vorlesungen ein trockener Dogmatiker 
oder Wortklauber. Davor bewahrte ihn zum Teil schon seine langjahrige 
Anwaltstatigkeit, die ihm mit der Kenntnis des praktischen Lebens auch die 
Einsicht in dessen Bediirfnisse vermittelt hatte. Dazu kam aber auch seine 
ausgebreitete Kenntnis fremder Rechtsbildungen alter und neuer Zeit. Er 
handhabte die rechtsvergleichende Methode bereits zu einer Zeit meisterhaft, 
als sie sich in der deutschen Wissenschaft noch lange nicht durchgesetzt 
hatte, und war andererseits bemiiht, die Erkenntnis der heimischen Kodi- 
fikationen auch rechtsgeschichtlich zu vertiefen. So entging er einer Gefahr, 
der besonders Juristen haufig erliegen: er ward nicht zum blofien Diener 
seiner Fachdisziplin, sondern stand iiber ihr. So haftete er denn auch weder 
in den engen Schranken der heimischen Rechtsgestaltungen, noch des 
positiven Rechtes uberhaupt. Vielmehr stand er diesem und jenem als ein- 
sichtiger, von Zweckmafiigkeitserwagungen geleiteter Kritiker gegeniiber, der 
niemals vergafi, dafi Jus fwminum causa factum est. Dies gilt von alien 
seinen zivilprozessualen Schriften. Vor allem aber von seinem » System des 
osterreichischen Zivilprozefirechtes«. Dieses grofiangelegte Werk, das leider 
nicht iiber den ersten, die allgemeinen Lehren behandelnden Band hinaus 
gediehen ist, hat nicht wenig dazu beigetragen, die Unhaltbarkeit des verrotteten 
altOsterreichischenProzefiverfahrens darzutun, und zugleich durch seine Gedanken 
zu dessen Reform auf die spatereDurchfiihrung der letzteren durch Franz Klein 
nachhaltigen Einflufi geiibt. 

Die publizistische Wirksamkeit M.s als Prozessualist gestaltete sich sehr 
fruchtbar, konzentrierte sich aber auf einen verhaltnismafiig kurzen Zeitraum. 
Sie umfafit nicht mehr als die neun Jahre von 1872 bis 1880. Und auch da 
nimmt ihre Ergiebigkeit mit der Ernennung M.s zum Ordinarius plOtzlich ab, 
um bald ganzlich zu versiegen. Nach 1877 ist M. uberhaupt nur noch einmal 
mit einer Abhandlung prozefirechtlichen Inhaltes hervorgetreten, die noch 
dazu im wesentlichen blofi ein Abdruck aus seinem damaligen Kollegien- 
hefte war, und hat sich im ubrigen auf die Erfiillung seiner lehramtlichen 
Pflichten beschrankt Ein tieferes Interesse an seinem Nominalfach hat er 
fortan weder gehegt noch bekundet. Es ist daher auch nicht weiter ver- 
wunderlich, dafl er niemals daran gedacht hat, in dasselbe einschlagende 
Arbeiten unmittelbar anzuregen oder durchfiihren zu lassen. Auch dafi er 
im Jahre 1874 im Verein mit der »Juristischen Gesellschafu in Wien zwei 
Preise fiir die beste Untersuchung zur Geschichte des Gsterreichischen 6ffent- 
lichen und Privatrechtes ausgesetzt hat, beruhte — sicherlich in erster Linie 
wenigstens — auf ganz anderen Grunden als besonderen Sympathien fiir derartige 
Forschungen. ImWintersemester 1873/74 mit advokatorischen, literarischen und 
lehramtlichen Verpflichtungen uberlastet, hatte M. das Hauptkolleg iiber oster- 



g Menger. 

reichischen Zivilprozefi, das damals siebenstundig gelesen zu werden pflegte, 
ausnahmsweise fiinfstiindig angekiindigt. Um aber dem Verdacht des Eigen- 
nutzes und illoyaler Konkurrenz zu begegnen, widmete er das Doppelte der 
ihm aus dieser Vorlesung zugefallenen Kollegiengelder fiir den erwahnten 
wissenschaftlichen Zweck. An Schiilern zwar hat es ihm nicht gefehlt. 
Allein eine »Schule zu griinden«, d. h. Schiiler um sich und in festem Zusammen- 
halt untereinander zu gruppieren, lag ihm vollst&ndig fern. Erweisen sich 
ja derartige Schulgriindungen dem Fortschritt der Wissenschaft nicht seltener 
als Hemmung wie fOrderlich. Denn wenn sie auf der einen Seite dem Gruppen- 
angehdrigen einen festen Boden bieten, auf dem und von dem aus er weiter- 
zustreben vermag, so stehen sie doch andererseits eben darum h&ufig genug 
der Entfaltung von Originalitat und SelbstSndigkeit innerhalb und aufierhalb 
der Schule zugunsten mittelmafliger Handwerkstiichtigkeit im Wege. Allein 
M. ermangelte auch ebensowohl des Ehrgeizes eines Scholarchen, wie der 
Eignung und Neigung zu einem solchen. Aus dem einfachen Grunde schon, 
weil er innerlich ganz und gar von weitausgreifenden, seine ganze Kraft 
absorbierenden Arbeitsplanen erfullt war, die mit der von ihm vertretenen 
Fachwissenschaft so gut wie nichts zu tun hatten und zudem iiber den konservativen 
Rahmen der Universitat hinausgingen. War er doch seit dem Jahre 1873 
»fest entschlossen, die Laufbahn eines sozialistischen Schriftstellers anzu- 
treten*! Um sich fiir diese die voile Bewegungsfreiheit zu wahren, hat er 
auch niemals einen eigenen Familienherd begrtindet, trotzdem die Versuchung 
hierzu wiederholt in lockender Gestalt an ihn herangetreten ist. Mit Rucksicht 
auch auf die zu erwartenden Verfolgungen und Zuriicksetzungen war er — in 
vielleicht ubertrieben angstlich erscheinender Vorsicht — 1873 einem 
Advokaten-Versicherungsverein beigetreten, welcher statutengemafi seinen in 
» Diirf tigkeit « geratenen Mitgliedern eine Jahresunterstiitzung von 1 200 Gulden 
gewahrte. 

Von Jugend auf huldigte M. in ausgesprochener Weise demokratischen 
Anschauungen, die er auch dadurch betatigte, dafi er seit dem Anfang der 
siebziger Jahre von seinem Adelspradikate keinen Gebrauch mehr machte und 
bei Gelegenheit seiner Ernennung zum auflerordentlichen Professor ausdriicklich 
um dessen Weglassung aus dem Ernennungdekret ersuchte. Sie fuhrten ihn 
auch friihzeitig zu kritischer Betrachtung der Grundlagen unserer Privat- 
eigentumsordnung und dazu, sich mit sozialistischen Gedankengangen zu 
befassen. Der Einflufi der sozialistischen Weltanschauung auf ihn trat bereits 
in der zweiten Halfte der sechziger Jahre zutage. In der friiher erwahnten 
Schrift: »Zur Systematik des Zivilrechtes«, die in den Jahren 1867/69 zur 
Abfassung gelangt ist, stellte er das kommunistische und das privatrechtliche 
Rechtssystem als die beiden Extreme aller moglichen Rechtsordnung ein- 
ander gegeniiber und beriicksichtigte dabei den Sozialismus ziemlich eingehend. 
Doch war damals seine Kenntnis des letzteren eine noch sehr diirftige. Sie 
beruhte im wesentlichen auf dem bekannten Buche des von ihm spater als 
» Anekdotenjager « verspotteten Louis Reybaud, Etudes sur Us riformateurs 
ou socialistes modertus, beziehungsweise auf den im Anhang zu demselben 
abgedruckten Auszligen aus den Papieren der Babeuf'schen Verschwftrung. 
Der Hauptgrund freilich, aus dem M. die Weiterarbeit an dieser — unvoll- 
endet und ungedruckt gebliebenen — Monographie einstellte, war, wie wir 



Menger. g 

wissen, der: dafi er die folgenden Jahre mit der notwendigen Ausschliefilichkeit 
der Erringung jener Lebensstellung widmete, die es ihm erst erm5glichen 
sollte, mit unbehinderter ganzer Kraft seinen eigentlichen wissenschaftlichen 
Idealen zuzusteuern. 

Immer mehr hatte sich inzwischen in ihm der Plan ausgestaltet, die 
sozialistischen Gedankenreihen juristisch zu formulieren und in ein Rechts 
system zu bringen. 1878 schritt er tatsachlich an die Ausfiihrung desselben 
und begann jene Darstellung, aus welcher ein Vierteljahrhundert spater die 
»Neue Staatslehre« erwachsen ist. Da sich aber sein literarischer Apparat 
als zu geringfiigig erwies, um die positive und organisatorische Seite des 
Sozialismus auch nur mit einiger Vollstandigkeit darzulegen, so unternahm 
er mehrere grofie »Bucherreisen« (1883, 1885, 1886, 1887) nach Paris, London, 
der Schweiz und zuletzt — der Nachlese halber — nach Berlin. Hier 
erregten, nebenbei bemerkt, seine Buchereinkaufe die Aufmerksamkeit der 
Polizei in so hohem Made, dafl dieselbe ihn — den ordentlichen Professor 
an der Wiener Universitat! — wahrend seines Aufenthaltes in der Reichs- 
hauptstadt unter Beobachtung hielt. Auf diesen Reisen brachte M. eine in 
ihrer Art einzige, nachmals mit Recht zu internationaler Beruhmtheit gelangte 
Bibliothek zusammen, mit deren Reichhaltigkeit an Quellenwerken des franzo- 
sischen, englischen und deutschen Sozialismus auch die Pariser Bibliothdque 
nationale und das British Museum sich kaum zu messen vermogen und die 
ihn wie keinen anderen in den Stand setzte, den literargeschichtlichen 
Ursprtingen und Zusammenh&ngen der sozialistischen Lehren nachzugehen. 

Doch erlitt die Arbeit an der »Neuen Staatslehre* im Laufe der Zeit 
mannigfache, oft sehr langdauernde Unterbrechungen. 

Zunachst dadurch, dafi M. sich entschlofi, vor dem Hauptwerke eine 
Vorstudie zu veroffentlichen. Dieselbe erschien 1886 unter dem Titel: »Das 
Recht auf den vollen Arbeitsertrag in geschichtlicher Darstellung«, der zwar 
klingender ist, die Absichten des Verfassers aber wohl weniger prazis zum 
Ausdruck bringt, als der urspriinglich in Aussicht genommene: »Uber den 
Ursprung der sozialen Grundideen unserer Zeit« ; und zwar um so eher, als 
M. neben dem Recht auf den vollen Arbeitsertrag auch das Recht auf 
Existenz und auf Arbeit, wenngleich nur skizzenhaft, mitbehandelt. — Diese 
Schrift hat zuerst den Ruf M.s iiber die Grenzen der Heimat und der 
deutschen Zunge hinausgetragen. 

Zwei Jahre darauf rief die Publikation des Entwurfs eines burgerlichen 
Gesetzbuches fur das Deutsche Reich in erster Lesung eine tiefgehendc 
geistige Bewegung hervor, welche alle Schichten des deutschen Volkes erfafite 
und der auch M. sich nicht entziehen mochte. Wohl beabsichtigte er 
anfanglich, sich mit einer kritischen Besprechung des Entwurfes zu begnugen. 
Unter der Hand aber wuchs ihm diese und wandelte sich zu einer Kritik 
des gesamten Privatrechtes. Dieselbe erschien erstmals unter der t'Jberschrift: 
»Das biirgerliche Recht und die besitzlosen Volksklassen« im »Archiv fur 
soziale Gesetzgebung und Statistik« (1889/90), gleich danach auch in Buchform. 

Noch war diese Arbeit nicht zu Ende gedruckt, als M. sich auch schon an 
eine neue machte. Auf Wunsch der Schweizer Bundesregierung verfafite 
er im Friihherbst 1889 ein »Gutachten iiber die Vorschlage zur Errichtung 
einer eidgenossischen Hochschule fur Rechts- und Staatswissenschaft«. 



I o Menger. 

Die erste HSlfte des folgenden Jahres wieder war durch die Vorbereitung 
der ersten und zweiten Buchausgabe der Aufs&tze iiber »Das Burgerliche 
Recht und die besitzlosen Volksklassen* in Anspruch genommen; die zweite 
— das Wintersemester 1890/91 — sollte durch die Abhaltung eines »Sozial- 
wissenschaftlichen Seminars« ausgefiillt werden. 

Zu dieser kam es nun allerdings nicht. Denn M. meinte in einer Anfrage 
der Unterrichtsverwaltung: in welcher Weise das geplante Seminar sich in 
den gesetzlichen Rahmen der bestehenden Seminareinrichtungen einfiigen werde, 
den Versuch zu einer Einschrankung des Prinzips der Lehrfreiheit erblicken 
zu miissen, und gab deshalb seine Absicht auf. So h&tte denn einer Wieder- 
aufnahme der Studien zur »Neuen Staatslehre* nach jahrelangem Ruhen 
nichts im Wege gestanden. Da wurde M. in den ersten Januartagen 1891 
von einer Lungenentziindung befallen, die ihn an den Rand des Grabes brachte. 
Man gab ihn allgemein verloren. Und auch er selbst glaubte sein Ende 
nahe. Er sah ihm wie ein Weiser entgegen. Ohne Furcht und mit einer 
solchen Ruhe, dafi er sogar seine lange vorher testamentarisch getroffene 
Anordnung eines Zivilbegr&bnisses jetzt noch einmal miindlich und nach- 
driicklichst wiederholte. Er genas jedoch und erholte sich sogar ziemlich 
rasch. Allein die Krankheit hatte einen Wechsel in der Richtung seiner 
wissenschaftlichen T£tigkeit zur Folge. 

Wie sehr ihn seit jeher die Mathematik angezogen hatte, ist bereits 
angedeutet worden. Nichts ist hierfiir bezeichnender als folgende Tatsachen. 
Im Jahre 1867 kaum wieder in der Lage, zu wissenschaftlicher Arbeit zuriick- 
zukehren, hatte der junge Advokaturskandidat zun£chst nichts Eiligeres zu 
tun, als an die Lftsung eines mathematischen Problems zu schreiten. Noch 
vor der Inangriffnahme seiner Monographie: »Zur Systematik des Zivilrechts*, 
schrieb er die Abhandlung: »Uber ein neues Prinzip der Differentialrechnung, 
angewendet auf die Maclaurin'sche Reihe«, — der erste grOflere wissenschaft- 
liche Aufsatz iiberhaupt, den er vollendet hat. Aber auch 1876, als er sich, 
nach dem Erscheinen seines ^Systems des Ssterreichischen Zivilprozeflrechtes* 
und zum Ordinarius vorgeschlagen, von neuem freier und seinen WOnschen 
gemafi regen zu kdnnen glaubte, erfafite ihn sofort die alte Leidenschaft, 
und noch in demselben Jahre entstanden: »Die Potenzial- und Logarithmal- 
rechnung und die umgekehrten Rechnungsmethoden*, sowie »t)ber das Wesen 
der Differentialrechnung*. — Alle diese Schriften waren ungedruckt geblieben 
und die Beschaftigung mit der Mathematik in den achtziger Jahren g&nzlich 
in den Hintergrund getreten. Als Alternder und gerade, weil er sich altern 
fuhlte, wendete sich ihr M. nun wieder zu. Die Krankheit hatte in ihm den 
Entschlufl gereift, die gesellschaftswissenschaftlichen Studien iiberhaupt und die 
»Neue Staatslehre« insbesondere vorlHufig zuriickzulegen und »in erster Reihe 
seine mathematischen Entdeckungen auszuarbeiten«. Offenbar wertete er 
diese hoher als jene und vermeinte wohl iiberhaupt, sein Hdchstes als 
Mathematiker leisten zu kOnnen! 

Er befand sich hierbei, der Versicherung eines hervorragenden Fach- 
mannes zufolge, in einer — gerade bei bedeutenden Persftnlichkeiten so 
haufigen — SelbsttSuschung iiber das eigentliche Wesen und die Grenzen 
seiner Begabung. Wie dem nun aber immer sei, sicher ist, dafi er der 
neuen Aufgabe bis zum Jahre 1899 seine ganze gewaltige Arbeitskraft 



Menger. I { 

widmete. Er publizierte in dieser Zeit: »Neue Rechnungsmethoden der 
hOheren Mathematik* (1891); »Neue Integrationsmethoden« (1892); »Entwurf 
einer neuen Integralrechnung« (2 Hefte, 1892/93). Alle diese Schriften 
erschienen unter dem Pseudonym Dr. Julius Bergbohm. Denn M. fiirchtetc, 
dafi »die Beschaftigung eines Juristen mit den hochsten Problemen der 
Mathematik in unserer Zeit der Spezialforschung unliebsames Aufsehen 
erregen wiirde«. Aufierdem schrieb er 1894 die unveroffentlicht gebliebene 
Abhandlung: »Zur Lehre von der Integration des tetranomischen Differentials*. 
Nicht genug an dem, machte er sich endlich an die Losung eines von alien 
Mathematikern fiir unlosbar gehaltenen Problems, das er aber mit Hilfe 
seiner neuen Integrationsmethoden fiir I6sbar hielt: an die »Darstellung der 
elliptischen Integrale in geschlossener Form«, und opferte diesem Phantom mit 
einer zum Fanatismus gewordenen Leidenschaft bis 1899 immer wieder und 
stets vergeblich jeden freien Augenblick. 

Dem gesellschaftswissenschaftlichen Gebiete gehort aus dieser fast zchn- 
jiihrigen Periodenur die Rek to rats rede: »Uber die sozialen Aufgaben der Rechts- 
wissenschaft«, an. Der Weiterarbeit an der »Neuen Staatslehre« aber widmete sich 
M. erst nach seiner Pensionierung wieder — nicht ohne den innerlichen Vor- 
behaltfreilich, einigekleineremathematischeEntdeckungen, dieer bei derfrucht- 
losen Jagd nach dem Hauptziele, der elliptischen Integrale, vernachlassigt hatte, 
bei Gelegenheit doch noch auszufuhren und zur Veroffentlichung zu bringen. 

Sein Riicktritt vom Lehramte erfolgte, obgleich mit sehr bedeutenden 
materiellen Einbufien verkniipft, freiwillig und zu einer Zeit, da er noch weit 
von der gesetzlichen Altersgrenze entfernt war. Mit dem Gedanken zu 
demselben trug er sich bereits seit seiner schweren Lungenentziindung im 
Jahre 1891. In der Folge festigte sich ihm derselbe immer mehr. Er war 
standig von schweren Katarrhen heimgesucht und litt fortdauernd unter 
dem Wiener Herbst- und Winterklima. Cberdies war seine Sehkraft durch 
die vieljahrigen iibermafiigen Anspruche, die er an seine von Jugend auf 
kurzsichtigen Augen gestellt hatte, aufierst geschwacht. Und das Wichtigste: 
er wollte endlich, von alien Berufsgeschaften und Riicksichten frei, wenigstens 
einen Teil noch seiner sozialwissenschaftlichen Arbeitsplane verwirklichen. 
Deshalb lehnte er auch ohne Bedenken ab, als ihm im Januar 1894 die 
demokratische Partei Wiens das Reichsratsmandat des ersten Bezirkes anbot, 
obgleich sich ihm damit ein in jiingeren Jahren oft und lebhaft gehegter 
Wunsch erfiillte und die Wahlbewerbung sicheren Erfolg verhiefi. Er mochte 
keine neue Burde auf sich nehmen, da er im Begriffe stand, die alten von 
sich zu werfen. Nur das Rektorat noch wollte er abwarten — das einzige 
Amt, das er jemals aufier der Professur »mit einiger Emotion « angestrebt hat. 
Aufiere Umstande brachten es jedoch dann mit sich, dafi er nicht schon zum 
Ablauf des Studienjahres 1895/96, sondern erst im Sommersemester 1899 
seinen Abschied erbat und erhielt. Der Obertritt in den Ruhestand sollte 
iibrigens nicht die vollstandige und endgiiltige Losung des Zusammenhanges 
mit der Unversitat bedeuten. M. blieb als Honorarprofessor auch weiterhin 
in deren Verband. Seiner urspriinglichen Absicht gemafi sollte diese Zuge- 
hftrigkeit auch keine blofi formelle bleiben. Vielmehr plante er fiir jedes 
zweite Sommersemester die Abhaltung rechtsphilosophischer Vorlesungen. 
Dazu ist es jedoch nachher nicht gekommen. 



1 2 Menger. 

Zugleich mit der Professur legte M. auch die Leitung der »Volkstfim- 
Hchen Universit£tskurse« nieder, die er seit deren Bestande innegehabt hatte. 
Die Anregung zur Einfiihrung von solchen in Wien war zu Beginn des 
Wintersemesters 1894/95 vom Privatdozenten Dr. Ludo Hartmann ausge- 
gangen. Dafi sie aber so rasch verwirklicht wurde, war haupts£chHch ein 
Verdienst M.s gewesen. Dieser, damals Senator der rechts- und staats- 
wissenschaftlichen Fakult&t, hatte das — nachmals von zahlreichen anderen 
Universitaten rezipierte — Statut verfafit; er hatte das Referat hierttber im 
akademischen Senat gefuhrt; unter seinem Rektorat war die neue Institution 
ins Leben getreten. 

Die folgenden Jahre bis zu seinem Tode lebte M. winters fiber und 
bis Mitte Mai abwechselnd in Nizza, Abbazia und Rom. Den Sommer 
verbrachte er zumeist, wie seit Jahren schon, am Siidabhange der Alpen; 
einmal — im Jahre 1900 — benutzte er ihn auch zu einer Reise in die 
Westschweiz und zum Besuche der Pariser Weltausstellung. Einen Teil des 
Friihlings und den Friihherbst pflegte er in Wien zuzubringen. Hier konnte 
man ihn jeden Nachmittag zwischen 2 und 4 Uhr in einem Kaffeehause 
nahe der Universit&t finden, das er nicht so sehr der dort zahlreich aufliegenden 
Zeitungen und Zeitschriften wegen aufsuchte, als weil es ihm Gelegenheit 
bot, bequem und zwanglos mit den Freunden zusammenzutreffen. 

Diese sechs Jahre des »Ruhestandes« waren eine Zeit rastlosen und 
fruchtbarsten Schaffens. Was den Jiingling bewegt, was Kopf und Herz des 
Mannes ein Menschenalter hindurch in sich getragen, das trat nun in voller 
Reife zutage. 

Schon im Marz 1902 war die »Neue Staatslehre« vollendet. Bald darauf 
erfolgte auch ihre Drucklegung. Doch verzOgerte sich ihr Erscheinen durch 
Sufiere Umstande um mehr als ein halbes Jahr. Mitte August 1902 namlich, 
als das Werk bereits bis auf das Vorwort vollstandig ausgedruckt vorlag, strebte 
plOtzlich die Cotta'sche Buchhandlung die Aufldsung des Verlagsvertrages mit 
der Motivierung an, dafi eine Darstellung des sozialdemokratischen Zukunfts- 
staates in den Rahmen ihres Verlages nicht passe. Und als M. auf ihr Ansinnen 
nicht eingehen wollte, verweigerte sie die Ver&ffentlichung des Buches rundweg. 
Der Konflikt fand erst im Marz 1903 dadurch ein Ende, dafi Gustav Fischer- 
Jena in den Verlagsyertrag eintrat. So konnte dann schliefilich die »Neue 
Staatslehre* Ende April 1903 zur Ausgabe gelangen, 

Ein Jahr spater war die »Volkspolitik« abgeschlossen — die aber erst 
nach M.s Tode aus dem Nachlafl herausgegeben worden ist. — Wenige 
Wochen nach Beendigung dieses Werkes schritt der Unermfidliche aucb schon 
an die Abfassung der »Neuen Sittenlehre* und beendigte sie, obgleich durch 
eine schwere Erkrankung im Laufe des Sommers 1904 aufgehalten, bis Ende 
Marz des darauffolgenden Jahres. Sie erschien im August 1905. 

Den Abschlufl dieser Serie von Arbeiten sollte eine »Erkenntnislehre« 
bilden, an welcher M. seit dem Sp&therbst 1903 arbeitete. Er knupfte damit 
an Studien an, die vier Dezennien zuriicklagen, Denn 1864 hatte der damals 
Dreiundzwanzigj&hrige sich an die Ausarbeitnng eines Systems der Logik 
gewagt und diese dann durch kurze Zeit auch w&hrend des Jahres 1868 
fortgesetzt. Hatte ja auch die Untersuchung »Zur Systematik des Zivil- 
rechtes« mit diesen logischen Studien in engstem Zusammenhang gestanden 



Menger. j ^ 

und eine Anwendung dieser auf das Gebiet des Zivilrechtes bedeutet. Nun 
nahm er als Greis von 62 Jahren den alten Faden wieder auf. Aber er spann 
ihn nicht mehr zu Ende. Mitten in voller schopferischer Tatigkeit ereilte 
ihn der Tod. 

Dieser trat ganz unerwartet ein. Noch am 2. Februar 1906 hatte M. 
an seinen Lebenserinnerungen geschrieben, mit deren Abfassung er im 
Sommer 1905 begonnen hatte: vier Tage spater war er seiner alten Feindin, 
einer Lungenentzundung, erlegen. An seinem Sterbebette stand nur die 
Freundin, die ihm fast ein voiles Menschenalter hindurch eine treue, liebe- 
volle Gefahrtin gewesen war. 

M. starb, wie er gelebt: unerschiitterlich irreligios, als Demokrat und 
Sozialist. Und wie im Leben durch seine Schriften, so war er auch iiber 
das Grab hinaus bestrebt, durch seine letztwilligen Verfugungen von seinen 
Gesinnungen weithin vernehmbar Zeugnis abzulegen. 

Am 14. Februar 1906 wurde er in Wien, wohin seine entseelte HiiHe gebracht 
worden war, so wie er es gewunscht hatte: ohne priesterliches Geleite und 
ohne jede religiose Zeremonie, zu Grabe getragen. Tausende gaben ihm das 
Geleite. 

Seine Bibliothek vermachte er der Wiener Universitat. Sie ist nunmehr 
im staatswissenschaftlichen Institut aufgestellt und wird dieses zweifellos 
zu einem Zentralpunkt der Forschungen zur Geschichte des Sozialismus 
machen, wie sie ja auch schon zu Lebzeiten M.s nicht wenigen Schrift- 
stellern auf diesem Gebiete ihre Quellenstudien ermoglicht und gute Dienste 
geleistet hat. 

Als Universalerbin aber des grOfiten Teiles seines betrachtlichen Ver- 
mogens, das er im Verlaufe der Jahre aus seinem Einkommen erspart hatte, 
setzte er eine zu begriindende Stiftung unter dem Namen » Anton Menger- 
Bibliothek« ein. Dieser wies er die Aufgabe zu, die Originalschriften 
alterer Autoren, die fiir die Volkssache eingetreten sind, in kritischen, streng 
wissenschaftlichen Neudrucken zu reproduzieren. Von den politischen 
Schriften sollen nur demokratische, von den nationalokonomischen nur 
sozialistische, von den theologischen nur antiorthodoxe den Gegenstand der 
Bibliothek bilden. Diese testamentarische Verfiigung soil auf jedem Exemplar 
der letzteren abgedruckt werden. 

Die gesellschaftswissenschaftlichen Lehren M.s, die des Lebenden Ruhm 
begriindet haben und dem Toten einen dauernden Platz in der Geistes- 
geschichte iiberhaupt und in der Geschichte des Sozialismus insbesondere 
sichern, ausfiihrlich darzustellen und kritisch zu wiirdigen, ist hier nicht 
die Stelle. Doch sollen sie wenigstens in allgemeinsten Umrissen angedeutet 
werden. 

M. war Sozialist. Nicht etwa blofi in dem haufig gebrauchten verfliefienden 
Sinne dieses Wortes, das dann jeden bezeichnet, der eine Verbesserung der 
Cbelstande unserer herrschenden Gesellschafts-, Wirtschafts- und Rechts- 
ordnung fiir wiinschenswert erklart, gleichgiiltig, welche Mittel hierzu er fur 
richtig erachtet und ob er iiberhaupt solche anzugeben weifl. Vielmehr war 
er ein riickhaltloser Gegner unserer Privateigentumsordnung und entschlossener 
Kollektivist. Uneingeschr&nkt hat er seine reichen Geistesgaben in den Dienst 
der Volkssache gestellt. Alles in allem ein demokratischer Sozialist. 



I 4 Menger. 

Bei der Beurteilung und Verurteilung der herrschenden Ordnung der 
Dinge sowohl wie bei der Wegweisung in der Richtung zur kiinftigen hin 
steht er ganz und gar im Banne der Machttheorie. Wenn andere die Ent- 
stehung des Rechtes auf die — sei es ausdriickliche, sei es stillschweigende 
— Zustimmung der gesamten Nation zuriickfuhren, oder dasselbe organisch 
aus deren Geist erwachsen sein lassen, so sucht und findet er seinen 
Ursprung in Gewalt und List. Die Rechtsordnung ist ihm im wesentlichen 
bloB »das Resultat erfolgreicher Interessenkampfe der Machtigen gegen die 
Schwachen«, das nachmals von der staatlichen Gesetzgebung vorgefunden 
und sanktioniert worden ist. Was Wunder daher, wenn die so begriindete 
Rechtsordnung »immer den Zweck verfolgt, den Nutzen der wenigen Mach- 
tigen auf Kosten der breiten Volksmassen zu f6rdern«? Daran sei auch 
durch die franzdsische Revolution nichts geHndert worden. Diese habe 
namlich zwar die personenrechtlichen Abh&ngigkeitsverhaltnisse durch das 
System der Vertragsfreiheit ersetzt, damit aber »die Okonomischen Fesseln, 
welche die besitzlosen Volksklassen bedriickten, nur neu bemalt, nicht ge- 
brochen«. Denn obgleich die Kampfe gegen die alte Staatsordnung die 
Offentiichen ZustSnde bald mehr, bald weniger in volkstiimlichem Sinne um- 
gestaltet und die Anteilnahme weitester Volkskreise an der Leitung des 
Staates gezeitigt haben, so sei doch die althergebrachte Struktur des be- 
deutsamsten Rechtsgebietes, des Privatrechtes, von dieser Entwicklung voll- 
stSndig unberiihrt geblieben. 

Die Schrift iiber »Das bQrgerliche Recht und die besitzlosen Volks- 
klassen « ist dem Nachweis dieser Tatsache speziell an dem so lange und 
mit so gewaltiger Arbeit vorbereiteten Entwurf eines BUrgerlichen Gesetz- 
buches fiir das Deutsche Reich gewidmet, mit dem die Sehnsucht des 
deutschen Volkes nach der Rechtseinheit endlich Erfiillung finden sollte. 
M. begnugte sich hierbei nicht mit negativer Kritik allein, sondern gab 
dieser auch eine positive ErgSnzung. Bei dieser und jener aber stellte er 
sich nicht etwa auf sozialistischen Standpunkt, sondern blieb dem individua- 
listischen Entwurf gegeniiber ebenfalls auf individualistischem Boden. Anderes 
ware auch unzweckmafiig und verfehlt gewesen, wenn er nicht von vorn- 
herein auf jede praktische Wirkung verzichten wollte. So wird man denn 
in diesem Buche die sozialistischen Lehrmeinungen M.s nur fliichtig und 
nebenbei angedeutet finden. Es wird vielmehr lediglich untersucht und 
gezeigt: »wiefern, auch wenn man die grundlegenden Prinzipien unseres 
Privatrechts als Ausgangspunkt anerkennt, die Interessen der besitzlosen 
Volksklassen verletzt oder nicht geniigend beriicksichtigt werden*, und 
gleichzeitig werden die Anspriiche formuliert, welche die letzteren heute 
schon an jede Privatrechtskodifikation zu stellen hatten. 

Die Verwirklichung dieser Forderungen erschien M. wichtig genug. Er 
hielt es fiir durchaus notwendig, dafl der Staat auch schon im Rahmen der 
herrschenden Privatrechtsordriung und ohne deren Erschtitterung alles tue, 
um den Druck auf die unteren Klassen zu mildern. Er wiederholte daher 
sein Postulat einer Umgestaltung des Privatrechts in volksttimlicher Richtung 
auch in seiner Rektoratsrede, wobei er die geschichtliche Rolle, dasselbe 
ins Werk zu setzen, Osterreich vindizierte, das sich zu deren Ubernahme 
durch seine Zivilprozeflreform von 1895 fahig und fahiger als Deutschland 



Menger. j r 

erwiesen habe. Der Durchsetzung mit dem Geiste der Volkstumlichkeit 
sprach er aber auch fiir alle anderen Rechtsgebiete das Wort und pladierte 
demgemafi in seinem Gutachten an die Schweizer Bundesregierung fiir eine 
Reform der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultaten, um diese von 
den Banden der Tradition frei und fiir ihre grofie neue Aufgabe fahig zu 
machen. All das war ihm jedoch nicht Endziel. Dieses mufi man im 
» Recht auf den vollen Arbeitsertrag « und in der » Neuen Staatslehre« 
suchen. 

Schon in dem erstgenannten Werke erklart er es fiir »die wichtigste 
Aufgabe der Rechtsphilosophie unserer Zeit, . . . die Grundlinien des Sozialismus 
vom juristischen Standpunkt aus zu bearbeiten«. Anders sei Klarheit 
liber Wesen und Mafl der im Interesse der besitzlosen Volksklassen not- 
wendigen Abanderung der Rechtsordnung und iiber die neue Gestaltung des 
wirtschaftlichen Lebens der Menschheit, auf welche die sozialistische Be- 
wegung seit der franzOsischen Revolution gerichtet sei, ebensowenig zu er- 
hoffen wie ein Erfolg fiir diese Bewegung. Ware wohl, fragt er, den 
Reformbestrebungen des 18. Jahrhunderts dauernder Sieg beschieden gewesen, 
wenn nicht die Montesquieu und Rousseau den Nationen einen Abrifi des 
kiinftigen politischen Zustandes geliefert hatten? Und er antwortet mit dem 
Hinweis auf die Tatsache, dafi trotz ungeheuerster Reichtumskonzentration, 
trotz unsagbaren Elendes der arbeitenden Klassen, trotz scharfster Kritik 
dieser Zustande durch die Kirchenvater »auf den Sturz des westrSmischen 
Reiches nicht etwa der Sozialismus, sondern — die mittelalterliche Rechts- 
ordnung folgte«. Das macht, es fehlte der untergehenden Welt der aus- 
gearbeitete Plan fiir die neue, bessere, die sie doch ersehnte und der sie 
durch das sozialreformatorische Urchristentum zustrebte. Sie versank also, 
statt auf eine hohere Stufe der Menschheitsentwicklung zu gelangen, nur in 
voile Barbarei. So gelte es denn auch jetzt, angesichts der sich vorbereitenden 
neuen Weltwende, aus den »endlosen volkswirtschaftlichen und philan- 
thropischen Erdrterungen, welche den Hauptinhalt der sozialistischen Literatur 
bilden«, ebenso die letzten Ziele durch die Aufstellung Gkonomischer 
Grundrechte herauszuheben, wie dies im 17. und 18. Jahrhundert durch 
die Formulierung der politischen Grundrechte geschehen sei. 

Solcher sozialistischer Grundrechte nun formuliert M. drei: das Recht 
auf den vollen Arbeitsertrag, das Recht auf Existenz und — als Modifikation 
blofi desselben — das Recht auf Arbeit. Er umschreibt ihr Wesen und 
zeigt, dafi die beiden erstgenannten »die Grenzen bezeichnen, innerhalb 
deren sich jedes konsequente sozialistische oder kommunistische System 
bewegen mufi«, wahrend das Recht auf Arbeit sich blofi als Ubergangsform 
darstelle. Im iibrigen aber beschrankt er sich im wesentlichen auf eine ge- 
schichtliche Darstellung der allmahlichen Entwicklung des Rechts auf den 
vollen Arbeitsertrag in der sozialistischen Literatur seit der franzosischen 
Revolution, ohne persttnlich zu den Problemen der Zukunftsordnung in 
Recht und Wissenschaft ausgesprochen Stellung zu nehmen. Das blieb dem 
Hauptwerk seines Lebens, der » Neuen Staatslehre«, vorbehalten. 

In dieser fafit M. »die praktischen Vorschlage des Sozialismus zur Um- 
gestaltung unserer Gesellschaft in einem engbegrertzten Gesamtbild zu- 
sammen*. Der Ablehnung des Bestehenden folgt die Darlegung des 



1 6 Menger. 

Besseren, durch das es ersetzt werden soil. Das Motiv ist klar. » Der fast 
ausschliefilich kritische Sozialismus mufite notwendig den Widerspruch weiter 
Lebenskreise hervorrufen, weil wenige Klugheitsregeln so allgemein anerkannt 
sind, als das alte Spriichwort, dafi Kritisieren leicht, Bessermachen schwer 
ist«. So wird denn dem heutigen »individualistischen Machtstaatc der 
» sozialistische oder volkstiimliche Arbeitsstaat« der Zukunft gegeniibergestellt, 
in welchem »die individuellen Interessen der grofien Volksmassen — die 
Erhaltung und FSrderung des individuellen Daseins, die Fortpflanzung der 
Gattung, endlich die Sicherheit von Leben, KSrper und Gesundheit — das 
Hauptziel der staatlichen TStigkeit bilden«, und in welchem den Staats- 
burgern zwar nicht vdllige Gleichheit, jedoch neben politischer Freiheit 
auch die wirtschaftliche, freilich durch die allgemeine Arbeitspflicht ein- 
geschr&nkt, dafiir aber durch die Anerkennung des Rechtes auf Existenz 
gewahrleistet ist. Wenn M. es dann unternimmt, die Riickwirkungen dieser 
Staatszwecke und die zu deren Erreichung durchgefiihrte Kollektivierung 
aller Produktionsmittel einschliefilich Grund und Boden auf Sachen-, Vertrags-, 
Erb-, Ehe-, Familien-, ProzeB- und Strafrecht, die Umwandlung des privaten 
in dffentliches Recht sowie die Organisation und Funktionierung des Arbeits- 
staates im einzelnen zu schildern, so mutet das zun&chst wie ein RUckfall 
in die Utopienliteratur an. Unwillkiirlich stellt man im Geist die »Neue 
Staatslehre* mit Morellys anderthalb Jahrhunderte &lterem »Codc dt la 
nature* zusammen, der auf Babeufs Konzeptionen so entscheidenden Einflufl 
getibt hat. Nichts liegt jedoch M. selbst ferner, als eine Utopie schreiben zu 
wollen. Der objektive Unterschied zwischen Morelly sowie anderen Utopie- 
verfassern und M. wird auch sofort klar, wenn man festMlt, dafi der 
»Arbeitsstaat« nicht auch eine neue Welt mit neuen Menschen und 
anderen Beweggriinden ihres Handel ns sein soli. M. will vielmehr bei 
der Konstruktion seines Zukunftsideals durchaus auf realistischem Boden 
bleiben. Er glaubt nicht, dafi selbst der gewaltigste Umsturz der staatlichen 
Ordnung die Grundlage der menschlichen Natur wesentlich zu andern vermochte, 
und ebensowenig, dafi die neue Ordnung fertig und unvermittelt mit einem 
Schlage erstehen kOnnte. Er anerkennt daher auch, »nur die schon 
heute wirksamen Triebfedern menschlichen Handelns*, kniipft ferner iiberall 
an die uberlieferten Anschauungen von Recht und Staat an und empfiehlt 
nur die der weltgeschichtlichen Praxis bisher gel£ufigen Mittel der politischen 
und sozialen Umgestaltungen. . »Weniger von Aufopferung und Briider- 
lichkeit als von einer verniinftigen Ausgleichung der Interessen « ist bei 
ihm die Rede. Er begniigt sich auch nicht damit, seine eigenen 
Meinungen vorzufuhren, und denkt noch weniger daran, sie aufzudrftngen. 
Mit erstaunlicher Gelehrsamkeit gibt er vielmehr bei jedem Problem an, 
was die Jahrhunderte an LOsungsversuchen gezeitigt haben, eriirtert das Fiir 
und Wider und spricht dann erst in motivierter Weise seine Entscheidung 
aus. So gestaltet sich die »Neue Staatslehre* zugleich zu einer Dogmen- 
geschichte des Sozialismus, wie sie so gelehrt und in solcher Vollst&ndigkeit 
niemals dargeboten worden ist. 

Hat M. in der » Neuen Staatslehre« das Ziel aufgestellt, dem die 
Kulturmenschheit zuzusteuern habe, so will er in der » Volkspolitik « die 
Grundsatze festlegen, von denen sich die beherrschten Volksklassen leiten 



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Menger. 1 7 

lassen sollen, um den »Prozefl iiber die Umbildung der iiberlieferten Staats- 
und Gesellschaftsordnung ohne unnlitze Beschadigung und Vergewaltigung 
der oberen Volksschichten zu Ende zu fiihren«. 

Als Grundlage der Volksp9litik erscheint ihm nicht wie Montesquieu 
die Tugend, sondern das Mifitrauen. »Denn ein Volk, das sein Staatsleben 
nicht argwohnischen Auges verfolgt und das nicht jeden Staatsakt nach 
seiner Einwirkung auf die politische Freiheit beurteilt, wird seiner Selbst- 
bestimmung gar bald durch Gewalt oder, was noch gefahrlicher ist, durch 
den unmerklich wirkenden Einflufi der Regierungstatigkeit beraubt werden«. 
Deshalb verwirft er durchaus }ede Staatsform, welche diese Kontrolle be- 
grifflich schon ausschliefit, indem sie »von seiten des Volkes ein blindes 
Vertrauen, eine riickhaltlose Hingebung erheischt«, wie die Theokratie, die 
reine Aristokratie und die absolute oder halbabsolute Monarchie. Erscheint 
ihm aber andererseits » die Ubereinstimjnung der Staats- und der Volkszwecke 
nur in der sozialen Demokratie gewahrleistet«, so gibt er doch auch die 
Moglichkeit einer volkstumlichen Aristokratie und Monarchie zu. Hat er 
ja schon in der »Neuen Staatslehre« speziell im Hinblick auf Deutschland 
erklart: er halte es fur unwahrscheinlich und unter gewissen Garantien 
auch fur unnotig, dafl das deutsche Volk, einmal Herr seiner Geschicke, zur 
Abschaffung der Monarchie schreite. 

Wenn M. als Inhalt der Volkspolitik das Streben nicht nur nach Freiheit, 
sondern auch nach Macht angibt, so will er natiirlich diese Macht nur im 
Sinn der Erringung und Erhaltung der sozialen Demokratie angewendet 
wissen. Wollen die besitzlosen Volksklassen ihre politischen und sozialen 
Ziele erreichen, so miissen sie »die ganze Welt als ihr Vaterland, die 
gesamte Menschheit als ihre Nation betrachten« — unbeschadet der Be- 
tatigung zunachst im Dienste des eigenen Staates und Volkes. Jeder Krieg, 
jede Unterdrlickung einer Nation durch die andere, sei es im Wege der 
Kolonialpolitik, sei es in national gemischten Staaten, erscheint ihm daher 
ebenso verwerflich wie religioser Zwang. 

In seiner »Neuen Sittenlehre« schliefilich ist M. bemiiht, auch die Sitt- 
lichkeit als Machtwirkung darzustellen. Natiirlich fiihrt ihn diese Voraus- 
setzung zu dem Schlusse: daB die Verbesserung der sittlichen Zustande von 
der Anderung der gesellschaftlichen Machtverhaltnisse abhangig sei. Im 
Zusammenhang mit seinen friiheren Lehrmeinungen aber bedeutet das nichts 
anderes, als »dafi die Einfiihrung der sozialistischen Gesellschaftsordnung die 
praktische Sittlichkeit auf aHen Gebieten weit iiber ihre bisherige Stufe 
emporheben muB«. Und nicht nur das allein! Nur die Sittlichkeit im 
Arbeitsstaate auch » erscheint vor den Ruckschlagen des religiosen Bewuflt- 
seins gesichert und deshalb einer ununterbrochenen Entwicklung zu den 
Idealen der Menschheit f&hig«. 

Soviel wir nun aber auch von M. iiber Sittlichkeit, Recht und Politik 
in der sozialistischen Welt erfahren — der Weg zu dieser verschwimmt in 
ungewissem Zwielicht. 

So wenig er hofft, blofi durch das Wohlwollen und die Einsicht der 
Herrschenden und Besitzenden zu ihr zu gelangen, so verwirft er doch auch 
die Anwendung von Gewalt zu diesem Zwecke. Natiirlich nicht aus Achtung 
vor wohlerworbenen Rechten. Contra hostem aeterna auctoritasl Warum 

Biogr. Jahrbuch it. Deutscher Nekrolog-. n. Bd. 2 



1 8 Menger. 

sollte, was das Schwert geschaffen, nicht auch durch das Schwert unter- 
gehen? Haben etwa »die herrschenden Familien und Parteien (jemals) 
gezdgert, in entscheidenden Momenten selbst die besterworbenen Rechte zu 
zerstdren, wenn es gait, ihre Herrschaft zu begrunden oder dauernd zu 
befestigen«? Wurden nicht von ihnen und zugunsten ihrer politischen 
Interessen »auch Privatrechte in ungeheuerem Umfange auf gewaltsame 
Weise vernichteu? Und er erinnert an die Eroberung und Verteilung 
Englands durch die Normannen, an die Sakularisationen des Kirchengutes 
im Reformationszeitalter, an die kolossalen Besitzentsetzungen in Bdhmen 
nach der Schlacht am Weifien Berge. Sollte nicht, was um des Vorteiles 
enger Lebenskreise willen gerechtfertigt schien, auch zul&ssig sein, wenn das 
Wohl des gesamten Volkes, ja der Menschheit es fordert? Trotzdem wider- 
rat M. einer auf die unmittelbare Umgestaltung der Gesellschaft gerichteten 
Revolution als unzweckm&fiig und unm5glich und empfiehlt, sich mit mehr 
indirekten Maflnahmen »in den aufieren Formen des Rechts« zu begnttgen, 
»auf die Gefahr hin, dafi dadurch der vollst&ndige Triumph der sozialistischen 
Ideen in weite Feme geriickt wird«. Und er verweist auf die Analogie mit 
der Einfuhrung des Christentums, die ja auch nicht ein Prozefi von Jahren 
oder Jahrzehnten, sondern von TahThunderten gewesen sei. Mit anderen 
Worten: Klugheitserwagungen sind es, die ihn bestimmen, bei der Aus- 
niitzung des Sieges der besitzlosen Klassen im Kampfe gegen die oberen um 
den Besitz der Macht in Staat und Gesellschaft einem langsamen Tempo 
und besonnenster Organisationsarbeit das Wort zu reden. 

Wer und was verbiirgt denn aber, dafl in diesem Kampfe der Sieg 
uberhaupt den bisher Beherrschten zuf alien werde? Ihre stetig wachsende 
Macht! entgegnet M. Woher hinwiederum diese Macht, was verursacht ihr 
Wachstum, was sichert dessen Fortdauer und ansteigende Bewegung? Zur 
Erklarung alles dessen wird verwiesen auf die Erschutterung des geltenden 
Rechtszustandes durch eine lange Reihe von Staatsstreichen und Revolutionen in 
den letzten zwei Jahrhunderten ; die Zuruckdringung der religiosen Uber- 
zeugungen in den Massen seit der Aufklarungszeit durch die Erfahrungs- 
wissenschaften ; den internationalen Charakter der sozialen Bewegung, der 
»ihr auch in Fallen drtlicher Niederlagen eine ununterbrochene Entwicklung 
garantiert; das Zusammenleben der Industrie- und zum Teil der Landarbeiter 
in grofien Massen; das allgemeine Stimmrecht und die allgemeine Wehrpflicht; 
die Zunahme schlieBlich der geistigen Ausbildung durch die allgemeine 
Schulpflicht und andere volkstiimliche Bildungsmittel, durch welche die 
Massen »die Fahigkeit zur Aneigung der sozialen Theorien erlangt haben*. 
Allein diese Antwort jregt nur neue Fragen an. Was hat nun alle diese 
Erscheinungen ihrerseits gezeitigt und regelt ihre Funktionierung? 

Hier stockt die Auskunft Dafl all die angegebenen Ursachen der 
sozialen Bewegung im Zusammenhang stehen mit der modernen kapitalistischen 
Produktionsweise, entgeht M., oder besser: er will es einfach absolut nicht 
zugcben. Wo Probleme der wirtschaftlichen Entwicklung, wenn nicht allein, 
so doch gewifl mit vorliegen, sieht er nur Probleme des Eigentums, d. h. 
der Rechtsordnung. Er will es nicht anders, auch wo er, wie z. B. bei dem 
Hinweis auf die Erfahrungswissenschaften als konstitutives Element der 
Macht des Proletariats, selbst betont, dafl die weltlichen und geistlichen 



Mengcr. jg 

Machthaber den wissenschaftlichen Fortschritt nicht vernichten konnen, weil 
er zur Erhaltung der dichtgedrangten Bevolkerung unentbehrlich ist. 1st er 
doch ausgezogen, urn dem Sozialismus seine »nationalokonomische Ver- 
bramung« abzustreifen, seinen juristischen Gehalt »aus den endlosen volks- 
wirtschaftlichen Er6rterungen« herauszuschalen — im bewufiten Gegensatz 
zum Marxismus, dessen wissenschaftliche und geschichtliche Bedeutung er 
niemals anerkannt hat. 

Eine gewisse Rolle spielte hierbei wohl seine persOnliche Abneigung 
gegen Marx. Er sprach diesem nicht nur alle Originalitat ab, sondern 
denunzierte ihn (wie iibrigens auch Rodbertus) sogar geradezu als Plagiator. 
Marx, behauptete er immer wieder, habe seine »wichtigsten sozialistischen 
Theorien alteren englischen und franzosischen Theoretikern entlehnt . . , ohne 
die Quellen seiner Ansichten zu nennen«, und werde »von seinen Vorbildern 
an Tiefe und Griindlichkeit bei weitem iibertroffen«. Und er konnte 
Widerspruch gegen diese Behauptung, die ja seither bekanntlich von vielen 
Seiten aufgenommen worden ist, auch in personlichem Gesprach absolut nicht 
vertragen. Wie manche Stunde verging im Streit daruber! Gibt es iiberhaupt 
schlechthin originelle Denker? Sind nicht vielmehr auch die groflten unter 
ihnen Vollender blofi, da doch keine Gedankenarbeit jemals ohne Zusammen- 
hang mit vorhergegangener durch andere und unvorbereitet durch sie ver- 
richtet worden ist? Trotzdem pflegt man mit Recht als Entwicklungsphasen 
menschlichen Fortschrittes auf jeglichem Gebiete jeden Akt solcher Voll- 
endung zu bezeichnen und ihn mit dem Namen jener Manner zu verkniipfen, 
die, was vor ihnen zerstreut und deshalb unwirksam oder ohne voile Wirkung 
war, sammeln, zu Ende bringen, systematisieren, zu einem geschlossenen 
Ganzen formen, gleichgiiltig, ob sie alle ihre Vorganger auch direkt gekannt 
und geniigend ausfuhrlich zitiert haben oder nicht. Wer bestreitet wohl 
Adam Smith seine geschichtliche Rolle? Und doch sind die Grundlagen 
des Systems der natiirlichen Freiheit lange vor ihm gelegt worden! Natiirlich 
wird heute niemand an Stelle Darwins die Entdeckung der Entwicklungs- 
lehre fur sich in Anspruch nehmen durfen. Ist aber der Entdeckerruhm 
Darwins gegrundeter als der von Marx? Auf alle diese Einwendungen 
hatte M. immer nur eine Erwiderung: Aber Marx hat mala fide seine Vor- 
ganger verschwiegen, um sich ihren Platz in der Geschichte anzumafien! 
Man sieht, hier sprach die Entrustung eines Gerechten und nicht etwa blofi 
kleinliche Schadenfreude uber die Entlarvung eines Missetaters. Und mit 
wenigen Dingen konnte man daher M. lebhafter interessieren, als mit Mit- 
teilungen uber Schriften, deren Verfasser Marx gegeniiber eine der seinigen 
ahnliche Haltung einnahmen. 

Diese personliche Geringschatzung Marx' ist von dessen Anhangern 
reichlich vergolten worden, und sie spotteten ihrerseits nicht wenig iiber den 
»Juristensozialismus«, bis sie in dem Urheber desselben einen sehr wertvollen 
Bundesgenossen erkannten, mit dessen »freundnachbarlicher Feindseligkeit« sie 
sich dann leicht abgefunden haben. Mit dem sachlichen Gegensatz M.s zum 
Marxismus hat das alles jedoch nur wenig zu tun. Ms. Lehrmeinungen 
sind eben mechanischer Natur. Der entwicklungsgeschichtliche Sinn geht 
ihm vollstandig ab. Sein Ideal des sozialistischen Seinsollens ist ein Ausflufi 
seines Ethos, seines Gerechtigkeitsgefiihls, und die Verwirklichung desselben 



20 Menger. 

im Ietzten Grunde doch wieder eine Frage des Willens allein. Auch er 
lafit den Ruf an die besitzlosen Volksklassen ergehen, sich zu einigen. Diese 
Einigung aber ist nicht, wie dem Marxismus zufolge, deklaratorischer Natur 
— weil hervorgerufen durch das Walten der wirtschaftlichen Gesetze — , 
sondern konstitutiver Art. Er spricht es klar aus: »Nichts wire irriger, als 
wenn die besitzlosen Klassen sich im Sinne der materialistischen Geschichts- 
auffassung einem gewissen okonomischen Fatalismus ergeben wollten, der die 
neue Gesellschaftsordnung von selbst zeitigen wird, sobald die richtige Stunde 
geschlagen hat.« Selbst ist der Mann! So schlingt sich denn doch wieder 
dieKette von Menger zu Morelly, und man sieht es klar: M. gehOrt eben- 
falls zu jenen rationalistischen Jakobinern, die ohne kausales Begreifen des 
geschichtlich Gewordenen, ohne tiefere Einsicht in die Elemente, welche an 
dessen Weiterentwicklung und an der Gestaltung der Zukunft wirken, meinen, 
es bedtirfe nur guten Willens, es brauche nur einen beherzten Entschlufi, 
um, was durch Unverstand, Ubelwollen oder Gewalt verfahren worden, wieder 
ins rechte Geleise zu bringen. Mdgen sich die Menschen nur entschliefien, 
den ihnen gewiesenen Weg zu gehen! Haben sie nicht auch bereits durch 
Ausbreitung der Volksbildung »die F&higkeit zur Aneignung der sozialen 
Theorien erlangt«? 

Diese fundamentale Schwache in M.s Lebenswerk, die man gewifl zum 
guten Teil dem Juristen und Mathematiker in ihm zuzuschreiben hat, kann 
niemandem verborgen bleiben. Aber wie grofie Vorziige stehen ihr gegen- 
uber! Welcher Gedankenreichtum und Folgerichtigkeit, welche Fulle von 
neuen Gesichtspunkten und Anregungen, wieviel scharfsinnige Urteile und 
feine Bemerkungen, die auch den Gegner gefangen nehmen und auf ihren 
Gehalt noch lange nicht ausgeschOpft sind! Der literarische Erfolg der sozial- 
wissenschaftlichen Schriften M.s war denn auch — mit Recht — ein ganz 
aufierordentlicher. Sie wurden mehrfach aufgelegt, das Ausland eignete sie 
sich durch eine ganze Reihe von Ubersetzungen an, eine ganze Literatur 
knupft an sie an. Insbesondere gilt dies von dem Buche iiber »Das burger- 
liche Recht und die besitzlosen Volksklassen*. Mit besonderem Stolze konnte 
sich M. nach dessen Erscheinen sagen, dafl er das hOchste Ziel jedes dem 
Gemeinwohle dienenden Schriftstellers erreicht habe: er durfte sich als 
geistigen Fiihrer weitester BevOlkerungskreise fiihlen. Welch tiefen Eindruck 
aber seine Ausfiihrungen gegen den Entwurf eines Burgerlichen Gesetzbuches 
fur das Deutsche Reich und die modernen Privatrechtskodifikationen iiber- 
haupt, auch auf die ziinftige Juristenwelt machten, zeigte die Fassung, 
in welcher das deutsche btirgerliche Gesetzbuch im Jahre 1896 zur Ver- 
abschiedung gelangt ist, dessen Gehalt an sozialpolitisch gef&rbten Vorschriften 
grftfitenteils auf die Einwirkung M.s zuruckgeht; der 1900/01 zur VerOfientlichung 
gelangte Vorentwurf eines Zivilgesetzbuches fiir die schweizerische Eid- 
genossenschaft; die Osterreichische Zivilprozefiordnung von 1895, deren Grand- 
gedanken vielfach in der Richtung von M.s Theorien sich bewegen. 

Nicht wenig hat zu diesen Erfolgen M.s grofie Sprachkunstlerschaft bei- 
getragen. In fast ubertriebener, mitunter sogar bis zur Niichternheit 
gesteigerter Einfachheit, scharf umrissen, durchsichtig klar erhebt sich 
der Bau seiner Darstellung. Keine iiberflussige Phrase beeintrachtigt 
ihre Sch6nheit, kein Bestreben, durch geistreiches oder gelehrtes Bei- 



Menger. 2 1 

werk zu glanzen, die Reinheit der Linienfiihrung. Hinter den kiihlen, 
wohlabgemessenen Worten aber eine Welt von verhaltener Leidenschaft, die 
nur dann und wann in einem drastischen Bild, in einer bitter-ironischen 
Bemerkung durchbricht! Diese Kunstlerschaft war iibrigens — ohne dafi aller- 
dings der Leser es irgendwie wahrnimmt — ebensowohl Ergebnis ernsthaftest 
priifender Arbeit wie naturlicher Begabung. Immer und immer wieder 
kiirzte, modelte und feilte M. an seinen Manuskripten, bis aus Folianten 
schmachtige Bandchen wurden. Und diese Okonomie war eine wohluberlegte : 
»Dickleibige Biicher zieren haufiger die Bucherregale, ais sie gelesen werden.« 
M. aber wollte gelesen und verstanden werden — nicht von einer kleinen Zahl 
von Gelehrten wieder, sondern in mbglichst weiten Volkskreisen. Wenn 
daneben zur Erklarung des Widerhalls, den seine Ansichten gefunden, auch 
auf das Pikante der Tatsache hingewiesen wurde, dafi ein Mann in solcher 
Stellung kritisch und positiv als Gegner der herrschenden Ordnung in Staat 
und Gesellschaft sowie als Sozialist sich bekannte, so kann man dies wohl 
nur in dem Sinne gelten lassen : dafi die Ruckhaltlosigkeit des Bekenntnisses 
unter so gearteten Umstanden sichersten Riickschlufi gestattete auf dessen 
Lauterkeit und Aufrichtigkeit. Um so mehr, als M. auf dem seit 1886 often 
eingeschlagenen neuen Wege nichts fur sich erstrebte und nichts zu erstreben 
brauchte, was er nicht auf dem alten bequemer, reicher und zuverlassig 
erwarten durfte. Der aufrechte Mann und der Schriftsteller Eins — das ist es! 
Und auch darum wird sein Werk ihn uberdauern: »Nicht spurlos zog er 
seine Bahn!« 

Verzeichnis der Schriften Mengers. I. Juristische Schriften: a) inBuch- 
form: Die Zulassigkeit neuen tatsiichlichen Vorbringens in den hoheren Instanzen. Wien 
1873. — System des osterreichischen Zivilprozefirechtcs in rechtsvergleichender Darstellung. 

I. Bd. Der allgemeine Teil. Wien 1876. b) in Zeitschriften: Ober Proteste mangels 
Erfiillung nach Art. 358 HGB. (Zeitschrift fUr Notariat 1866, Nr. 8). — Beitrag zur Lehre 
von der Exekution (Archiv fUr zivilistische Praxis 1872, Bd. 55. S. 371/418, 433/481). — Die 
Abschaffung des Beweisinterlokuts und eine neue Anordnung des Zivilverfahrens (Juristische 
Blatter 1872 Nr. 10 — 1 1). — Das Besitzstbrungsverfahren nach dem osterreichischen 
Entwurf einer Zivilprozeflordnung von 1876 (Allgemeine osterreichische Gerichtszeitung 
1876, Nr. 99 — 1 01). — Kritik von Raban von Canstein, Die rationellen Grundlagen der 
Zivilprozeflordnung (ebenda 1877, Nr. 12 —13). — Die Revision nach dem osterreichischen 
Entwurf einer Zivilprozeflordnung von 1876 (ebenda 1877, Nr. 32 — 33). — Die prozefl- 
hindernden Einredcn nach dem Entwurf von 1876 (ebenda 1877, Nr. 34 — 36), — Lehre von den 
Streitparteien (Grtinhuts Zeitschrift fUr Privat- und ofTentliches Recht 1880, Bd. 7, 
S. 647/713). — II. Sozialwissenschaftliche Schriften: a) in Buchform: Das Recht 
auf den vollen Arbeitsertrag in geschichtlicher Darstellung. Stuttgart 1886; II. Aufl. ebenda 
1891; III. Aufl. ebenda 1904, Obersetzt: ins Englische von Foxwell-Tanner (1899), 
ins Franzosische von Andler-Bonnet (1900), ins Spanische von Posada (1901). — Gut- 
achten Uber die Vorschlage zur Errichtung einer eidgenossischen Hochschule fiir Rechts- 
und Staatswissenschaft. Zurich 1889, — Das burgerliche Recht und die besitzlosen Volks- 
klassen. Tubingen 1890; 11. Aufl. ebenda 1890; III. Aufl. ebenda 1904. Obersetzt: ins 
Italienische von Oberoslcr (1894), ins Spanische von Posada (1897). — Die sozialen 
Aufgaben der Rechtswissenschaft. Wien 1895; 11. Aufl. ebenda 1905. Obersetzt: ins 
Franzosische von Schwiedland (1896), ins Russische zweimal von Gredeskul und 
Jurowski (1896), ins Spanische von Posada (1899). — Neue Staatslehre. Jena 1903; 

II. Aufl. ebenda 1904. Obersetzt: ins Franzosische von Andler-Milhaud (1904), ins 
Bbhmische von Zaloud (1904), ins Polnische (in doppelter Ausgabe 1904), ins Italienische 



22 Menger. Goltz. 

von Oda Lerda-Olberg (1905), ins Russische von Kistjakowsky (1905). — Neue 
Sittenlehre. Jena 1905; II. Aufl. ebenda 1906. — Volkspolitik. Jena 1906. — b) in 
Zeitschriften: eine Reihe von kleineren Aufsatzen in der »Neuen Freien Pressec, »Die 
Zukunfu, *Die Neue Revue«t, »Dokumente der Frauenc, »Europac, von denen hier nur genannt 
seien: Volkstlimliche Hochschulkurse (Die Zukunft vom 12. Juni 1897) und Einhcit der 
Volksbildung (ebenda vom 1. April 1899). — III. Mathematische Schriften (unter 
dem Pseudonym Julius Bergbohm): Neue Rechnungsmethoden der hftheren Mathe- 
matik. 1891. — Neue Integrationsmethoden auf Grund der Potential-, Numeral- und 
Logarithmalrechnung. 1892. — Entwurf einer ncuen Integralrechnung. 2. Hefte 1892/93. 
Quel I en. Die vorstehende Skizze beruht — neben personlichen Erinnerungen — auf 
den von M. hinterlassenen biographischen Notizen. Die Benutzung derselben ist mir 
durch das gfitige Entgegenkommen dcs Rektorates der Wiener Universitat, des Kuratoriums 
der * Anton-Men ger-Bibliothekc und des Frauleins Anna Schafer ermftglicht worden, woflir 
ich auch an dieser Stelle meinen besten Dank sage. — Von den zahlreichen unmittelbar 
oder kurz nach M.s Tode erschienenen Nachrufen sei bier nur erwahnt: Anton Menger von 
Eugen Ehrlich.(in »Stiddeutsche Monatshefte« vom September 1906). 

Wien. Carl Grunberg. 

Goltz, Alexander Georg Maximilian Hermann, Frh. von der, Wirkl. Geh. 
Rat, Vizeprasident des Ev. Oberkirchenrats, Propst zu Colin a. Spree (St. Petri- 
Berlin), ord. Professor der Theologie, Dr. theol., * in Dusseldorf am 17. Marz 
1835, f in Berlin am 25. Juli 1906. 

v. d. G. wuchs in einem Hause auf, dessen Eigenart Band X bereits in dem 
Lebensabrifl seines Bruders Theodor (f am 6. November 1905) von berufener 
Feder eine treffende Schilderung erfahren hat, auf die hier verwiesen werden 
darf. Mit dem um ein Jahr jiingeren, ihm eng verbundenen Bruder zusammen 
durchlief er das Gymnasium der Vaterstadt (Coblenz), mit ihm zusammen 
bezog er Herbst 1853 die Universitat Erlangen, um Theologie zu studieren. 

Er selbst hat bezeugt, dafi der Einflufl der Christum liebenden Welt, aus 
der er hervorwuchs, bei seiner Berufswahl nicht gering anzuschlagen sei. 
Doch hatte diese sich ihm, der noch bis zu seinem 16. Lebensjahr entschlossen 
war, Offizier zu werden, auch innerlich mehr und mehr aufgenOtigt, nament- 
lich seit er mit Herder nahere Bekanntschaft gemacht hatte, dem Theologen, 
der die Theologie fur ein »liberales Studium« erkl&rt hat, das keine Sklaven- 
seele vertrage. Eine solche Seele war es nicht, die v. d. G. aus seinem elter- 
lichen Hause mitbrachte. Auf der einen Seite ganz heimisch in der 
biblisch-pietistischen, ja etwas theosophisch angehauchten FrSmmigkeit, wie sie 
durch seine Eltern — seine Mutter war die Schwester des Geschichtsschreibers 
der nicderrheinischen Kirche, Max Goebel — ihm nahegetreten war, war er doch 
gleich seinem Vater tief eingedrungen in die klassisch-humanistische Geisteswelt; 
von Anfang an schwebte ihm fiir die Theologie die Aufgabe vor, die er am 
Ende seines Lebens einmal dahin nSher bestimmte, dafi es gelte, die »christ- 
liche Wahrheit aus dem Weltbild der antiken und mittelalterlichen Kultur in 
das Weltbild der modernen Kultur zu iibertragen«. Wir begreifen, dafi ihn 
in Erlangen namentlich v. Hofmann mit seiner neuen Weise, alte Wahrheiten 
zu lehren, anzog. Von ihm lernte er die durch Bengel in die Theologie ein- 
gefuhrte grofiartige Anschauung von der Schrift als einem in sich zusammen- 
hangenden lebens vollen Organismus. Auch Hofmanns VersOhnungslehre mit 
ihrer Ersetzung der juridischen durch die ethischen Gesichtspunkte ist fiir 



Goltz. 23 

v. d. G. vorbildlich geworden. Ebenso schlofl er sich in Berlin, wo er 1855 
bis 1856 seine Studien fortsetzte, hauptsachlich an C. J. Nitzsch an, w&hrend 
Hengstenberg ihm keine Sympathie erwecken konnte. Den nachhaltigsten 
Einflufi auf seine theologische Gedankenwelt ubte aber Beck in Tubingen 
aus, zu dessen Fiifien er 1856 — 57 safi. Mit Eifer vertiefte er sich in die 
originalen und charaktervollen Gestalten der wurttembergischen biblischen 
Realisten und Theosophen, deren Ideen neben Rothe besonders durch Beck 
in jener Zeit ihre wissenschaftliche Auferstehung erlebten, nachdem sie bis 
dahin meist nur in den Kopfen einiger Pfarrer und Stundenhalter ein heimliches, 
aber kraftiges Leben gefiihrt hatten. Hier gewann sein Denken jene biblisch- 
realistische Richtung, die ihm das als eine zweite Hauptaufgabe der dog- 
matischen Theologie erscheinen liefi, anstatt der erstarrten und veralteten 
dogmatischen Ausdriicke vergangener Zeiten die biblischen Grundbegriffe in 
ihrem reinen Gehalt und urspriinglichen Vollsinn in die kirchliche Verkiin- 
digung einzufiihren. Dafi er unter diesen Einflussen den Vorlesungen des 
groflen Kritikers F. Chfr. Baur nicht viel Interesse entgegenbrachte, wird nicht 
wunder nehmen. v. d. G. hat in alien literarkritischen Fragen, die das Neue 
Testament betrafen, auch spater stets eine sehr konservative Stellung einge- 
nommen. 

Zum Abschlufi brachte er seine Studien in Bonn 1857/58. Mit Ritschl 
trieb er biblisch-theologische Studien, ohne ihm jedoch innerlich naher zu 
treten. In den homiletischen Ubungen hatte er noch Gelegenheit, Steinmeyer 
kennen zu lernen, der 1858 nach Berlin berufen wurde. Doch hat er nie 
dem Zwang homiletischer Kunstregeln sich beugen mdgen. 

Im Jahre 1858 erschien seine erste literarische Arbeit, ein Nekrolog, 
den er seinem am 13. Dezember 1857 verstorbenen Onkel Max Goebel schrieb, 
dem er besonders nahe gestanden hatte. Wenn er an Goebel ruhmt, dafi 
dieser mit Entschiedenheit fur die von den V&tem ererbte Presbyterial- und 
Synodalverfassung eingetreten sei, die ihm von der Union unzertrennlich 
schien, die nicht erst 1847 aufierlich eingefiihrt wurde, sondern »innerlich 
schon langst unter uns Bestand gewonnen hatte«, wenn er aus Goebels Ge- 
schichte der rheinischen Kirche fur die Stellungnahme gegeniiber den kirch- 
lichen Parteikampfen die Lehre entnimmt, dafi liberal], wo der Geist des 
Herrn ist, sich die Kraft geistlichen Lebens erweise und unter dem bunten 
Wechsel der Formen die Eine Gemeinde Jesu Christi auf ihrem Eckstein 
sich erbaue, wozu eine feine, freie Ordnung und Zucht wesentlich und heil- 
sam beitrage, — so hat damit der 25Jahrige junge Theologe bereits Grund- 
satze ausgesprochen, die fiir sein spateres kirchenpolitisches Wirken Leitsterne 
wurden. 

Inzwischen folgten auch bei ihm auf die Lehrjahre die Wanderjahre, die 
nicht nur seinen Gesichtskreis in religioser und politischer Beziehung erwei- 
terten, die ihm auch jene aufierordentliche Sicherheit des weltmannischen 
Auftretens gaben, die ihn sp&ter auch den schwierigsten Situationen gewachsen 
sein liefi und mit zu jener uberlegenen Ruhe beitrug, die nur selten, dann 
aber urn so wirksamer durch einen Ausbruch des in ihm lodernden Feuers 
durchbrochen, an ihm von Freund und Feind bei kritischen Gelegenheiten 
bewundert wurde. Er wurde nach bestandenem Examen 1859 Hauslehrer 
der Kinder des Herrn von Roeder, des Begleiters des Prinzen Alexander von 



24 Golt *- 

Preufien, der seinen Aufenthalt in der franzdsischen Schweiz genommen batte. 
So hatte er Gelegenheit, die kirchlichen Verbal tnisse Genfs und der iglisc 
libre, mit deren Hauptvertretern, wie Merle d'Aubigni u. a., er in lebhaften 
Verkehr trat, aufs genaueste kennen zu lernen. Eine langere Reise im sud- 
licben Frankreich, die ihn bis nach Paris fiihrte, machte ihn auch mit dem 
franzdsischen Protestantismus bekannt. Namentlich interessierte ihn die Er- 
weckungsbewegung, die — auch damals englisch-methodistischer Herkunft — 
das siidliche Frankreich ergriffen hatte. Er verdffentlichte hieriiber einen aus- 
fiihrlichen Reisebericht in den Protestantischen Monatsblattern i860, dem 
der Herausgeber dieser Zeitschrift das Zeugnis gibt, dafi er »mit ernster Ver- 
tiefung in den Gegenstand, mit Geist und Sachkenntnis« geschrieben sei, und 
der in der Tat durch die Klarheit der Darstellung und Reife des Urteils 
uberrascht. 

v. d. G. hatte einen lebhaften Eindruck von der Kraft des franzdsischen 
Protestantismus auf dem Gebiet des praktisch-religidsen Lebens gewonnen. 
Aber er war keineswegs blind gegen die Gefahren, die mit der Erweckungs- 
bewegung und der in ihrem Gefolge betriebenen ausgedehnten Evangelisations- 
tatigkeit dort wie liberal 1 verbunden waren. Vor all em aber war ihm hier 
die Einsicht aufgegangen, die der Hauptorientierungspunkt in den kirchlichen 
Kampfen der Gegenwart fur ihn wurde, dafi die Grundgedanken, die den 
kirchlichen Bewegungen unseres Jahrhunderts zugrunde liegen, ganz andere 
sind als die des Reformationszeitalters. Mit Unrecht, sagt er, werden die 
kirchlichen Kampfe an die Namen des reformierten und lutherischen Wesens 
angekniipft. In Wahrheit handelt es sich nicht um lutherische und reformierte, 
sondern um konservative und liberale Prinzipien, um objektives Kirchentum 
und Individualismus. Und die Leidenschaftlichkeit und Einseitigkeit in die- 
sen KSmpfen kommt von der Ubertragung der politischen Bewegung in das 
kirchliche Gebiet. Unsern deutschen evangelischen Kirchen wiinscht darum 
der Verfasser etwas von dem lebensfrischen Odem, der den franzdsischen Pro- 
testantismus durchweht, der »wahrlich fruchtbarer ist als das Gezanke kirchlicher 
Parteien* — das war ihm allezeit in innerster Seele zuwider — , als die 
Restauration der Lehrformeln und die Ausschmuckung der gottesdienstlichen 
GebrSuche, ferner etwas auch von dem lebendigen Anteil an der Leitung 
und Pflege des kirchlichen Lebens, der den franzdsischen Gemeinden einge- 
raumt ist, Einrichtung freierer kirchlicher Ordnungen, liberaler, den modernen 
Prinzipien entsprechender Institutionen, die dem lebendigen Christentum nur 
zum Vorteil gereichen kdnnen. 

In dieser Zeit erschien auch sein erster grdfierer wissenschaftlicher Auf- 
satz: Uber die theologische Bedeutung J. A. Bengels und seiner Schule (1861 
in den Jahrbuchern fur deutsche Theologie. Bd. VI, 3. Heft), v. d. G. 
sah die Bedeutung Bengels darin, dafi er die Heilige Schrift als einen in sich 
zusammenhangenden Organismus erkannte, als die Nachricht von der stufen- 
weise fortschreitenden Haushaltung Gottes mit den Menschen, aus der sich 
darum mit Benutzung der wesenhaften und lebensvollen Grundbegriffe der 
Heiligen Schrift ein einheitliches Lehrsystem erheben lasse. So habe Bengel 
mit diesem an Cocceius erinnernden Grundgedanken der Himmel und Erde, 
Zeit und Ewigkeit umfassenden Haushaltung Gottes, des Reiches Gottes, einen 
glUcklichen Fund getan, durch den das theologische Prinzip der reformierten 



Goltz. 25 

(Gottes Ehre) und das anthropologische der lutherischen Theologie (des 
Menschen Heil), in eins gefafit und zugleich zu kosmischer Bedeutung erweitert 
seien. Die Schriftoffenbarung will weder Gottes verborgenes Wesen allein 
enthiillen ohne seine Beziehung zur Menschenwelt, noch dem einzelnen als 
solchem die wahre Gottesverehrung und den geradesten Weg zur Seligkeit 
zeigen, sondern sie stellt das die sichtbare und unsichtbare Welt umfassende 
Reich Gottes in den Mittelpunkt und hat die Herstellung einer geist-leiblichen 
Welt der Herrlichkeit zum Ziel. Man sieht leicht, dafi v. d. G. hier die Wege 
und das Ziel beschrieb, die er — hierin auf gleichem Boden mit Hofmann und 
Beck stehend — seinem eigenen theologischen Denken vorgezeichnet sah: den 
in der Schrift selbst vorhandenen inneren Zusammenhang und ihre beherr- 
schenden Grundgedanken zu erforschen und auf diesem Wege ein System der 
christlichen Wahrheit herzustellen. Den organisierenden Mittelpunkt fur die 
Darstellung des Systems hat er spater freilich in etwas anderer Weise be- 
stimmt. Vorlaufig kam er zur selbstandigen Ausfiihrung seiner Gedanken 
nicht. Er mufite sich begniigen, in zwei ausfuhrlichen historischen Arbeiten 
nach zwei Richtungen die Studien zusammenzufassen, aus denen ihm seine theo- 
logischen und kirchenpolitischen Grundgedanken erwachsen waren. Die eine, 
eine Darstellung der Theologie des Phil. Math. Hahn, der Bengels Gedanken in 
ahnlicher Weise, wie es spater Hofmann getan hat, verarbeitet hatte, trat nicht 
ans Licht, weil Beck ihn davon zuriickhielt, urn dem Bilde dieses Mannes in 
den Kreisen des wiirttembergischen Pietismus, in denen er noch fortlebte, 
nicht zu schaden. 

Die andere Arbeit »Die reformierte Kirche Genfs im 19. Jahrhundert« 
(Basel 1862, 487 S.) erschien kurz, nachdem er auf Veranlassung des damaligen 
Kultusministers v. Bethmann-Hollweg, dessen Familie mit der seinen freund- 
schaftlich verbunden war, zum Prediger bei der Konigl. Preufiischen Gesandt- 
schaft zu Rom berufen war. Dieses Buch zeigt besonders deutlich, was uns 
bisher auch schon entgegengetreten war, wie fur v. d. G. von Anfang an 
Wissenschaft und Kirche in gleicher Weise die Brennpunkte seines Denkens 
und Arbeitens waren. Er durchforschte die Geschichte der Kirche, er ver- 
tiefte sich in die Gedankenwelt der Heiligen Schrift, nicht nur aus rein 
wissenschaftlichem Interesse, sondern immer zugleich mit der Absicht, daraus 
die richtigen Gesichtspunkte zur Beurteilung der kirchlichen Fragen und eine 
haltbare Grundlage fur die Neuordnung der kirchlichen Verhaltnisse zu ge- 
winnen, deren Unerfreulichkeit und Zerfahrenheit in jener Zeit der auf das 
Revolutionsjahr folgenden Reaktion ihm schwer auf dem Herzen lag. Gerade 
die von ihm mit liebevollster Sorgfalt geschilderte Entwicklung, welche Kirche 
und Theologie in Genf in der ersten Halfte des vergangenen Jahrhunderts 
durchgemacht hatten, schienen ihm zu beweisen, dafi fur die deutschen Ver- 
haltnisse das Heil fur die Kirche nur in einer Geltendmachung eines kirch- 
lichen Individualismus liege, der eine freie, vom politischen Leben und der 
staatlichen Bevormundung unabhangige Entwicklung des kirchlichen Lebens 
gewahrleiste, und fiir die Theologie in einer Verbindung der Hofmannschen 
reichsgeschichtlichen Theologie mit dem kraftigen biblischen Realismus Becks. 

In Rom widmete er seine ganze Kraft dem Amte, in das er berufen 
war. Er diente nicht nur der urn die preufiische Gesandtschaft sich sam- 
melnden deutschen Gemeinde, in der er durch den Verkehr mit den in Rom 



26 Goltz. 

ans&ssigen oder kiirzere Zeit dort sich aufhaltenden Kunstlern und Gelehrten 
auch fur seine kiinstlerischen und allgemeinwissenschaf tlichen Interessen reiche, 
gem benutzte Anregung fand. Er predigte auch den evangelischen Soldaten 
der franzosischen Besatzung, da er durch seinen Aufenthalt in der Schweiz 
und Frankreich ihre Sprache vollkommen beherrschte. 

Hier durfte er auch seine eigene Hauslichkeit begriinden. Anna von 
Delius (geb. am 15. August 1837), Tochter des damals schon verstorbenen 
RegierungsprSsidenten Eduard von Delius in Coblenz und dessen Ehefrau 
Charlotte, geb. von Amnion, ihm von Jugend auf bekannt, gab ihm freudig 
das brieflich erbetene Jawort. Sie ist ihm — seit dem 26. August 1863 
ihm verbunden — die treueste und verstandnisvollste Gefahrtin und organi- 
satorisch hochbegabte und zielbewufite Mitarbeiterin auf dem Gebiet der 
kirchlichen Liebestatigkeit geworden. 

Es ergingen Berufungen nach Petersburg und nach Zurich an ihn. Doch 
er zog die Gelegenheit zur wissenschaftlichen Vertiefung und Lehrtatigkeit 
vor, die sich ihm 1865 bot, als ihm seitens eines wissenschaftlichen Vereins 
eine auflerordentliche Professur an der Baseler Universitat angetragen wurde. 
Am 12. Mai 1865 hielt er seine akademische Antrittsrede uber die universale 
Bedeutung der Bibel. In welchem hohen und freien Geiste er den ihm ge- 
wordenen Auftrag, christliche Theologie in bibel glaubi gem Sinne zu lehren, 
auffafite, zeigt die Tatsache, da8 er in dieser Antrittsrede die Treue eines 
Theologen gerade in der mutigen und demiitigen Arbeit an der Sichtung 
der kirchlichen Gegenwart nach dem Maflstab des urkundlichen Denkmals 
besonders bemessen wissen wollte, und dafi er, als er spater durch genauere 
Beschaftigung mit Schleiermacher zu Auffassungen kam, die von seinen fru- 
heren Anschauungen in manchen Punkten abwichen, den Auftrag in die 
H&nde des Komitees zuriickzulegen anbot, weil er zwar auf warm positivem 
Boden stehe, aber in seinen wissenschaftlichen Uberzeugungen nicht orthodox 
sei. Das Komitee sprach ihm sein voiles Vertrauen aus, und er entfaltete in 
den acht Jahren, die er der Baseler theologischen Fakultat angehSrte, eine reiche 
Tatigkeit, geehrt und geschatzt auch von den Kollegen der anderen Fakul- 
taten. 1868 wurde er zum Dr. theol. ernannt, 1870 ordentlicher Professor, 
1872 bekleidete er das Rektorat der Universitat. 

Als reife Frucht seiner Baseler Tatigkeit traten die beiden wissenschaft- 
lichen Hauptwerke seines Lebens ans Licht: Gottes Offenbarung durch heilige 
Geschichte (Basel 1868) und »Die christlichen Grundwahrheiten« (Gotha 1873). 

Die erste Schrift bietet — in Ausfiihrung des von ihm in der »reformierten 
Kirche Genfs* fur die Theologie aufgestellten Programms — eine fast voll- 
standige biblische Dogmatik als Darstellung der urspriinglichen Grundbegriffe 
der Heiligen Schrift, hineingezeichnet in den Rahmen der wachstiimlich sich 
entwickelnden biblischen Offenbarungsgeschichte. Charakteristisch ist auf der 
einen Seite die Energie, mit der v. d. G. sich gegen jede abstrakte Trennung 
des Menschlichen und Gottlichen ausspricht, auf der andern Seite die starke Be- 
tonung der »Wesenhaftigkeit« der biblischen Begriffe, der »Leiblichkeit« f der 
kosmischen Bedeutung Christi, wie sie z. B. der Epheserbrief hervorhebt, der 
stets zu den Lieblingsbriefen von v. d. G. gehdrte. Schon hier sieht man 
neben Hofmann, Beck, Rothe den friiher beruhrten Einflufi Schleiermachers 
hervortreten. 



Goltz. 2/ 

Noch starker ist das der Fall in dem zweiten der genannten Hauptwerke. 
Dieser Einflufl zeigt sich in der strafferen christozentrischen Organisation des 
dogmatischen Stoffes, die hier vorliegt, und in der Auffassung der Person Christi 
auch im einzelnen. Auf Grund der engen Beziehung, in der ihm von Anfang an 
alle wissenschaftliche theologische Arbeit zu den Bedurfnissen der Kirche stand, 
war v. d. G. mehr und mehr zu der t)berzeugung gelangt, dafi es die wichtigste 
dogmatische Aufgabe und zugleich eine Lebensfrage fur die evangelische 
Kirche sei, eine Verstandigung iiber einen Normalausdruck der christlichen 
Wahrheit herbeizufiihren, der nicht nur zur Regelung der offentlichen kirch- 
lichen Verkiindigung, sondern auch als Grundlage fiir die Handhabung der 
kirchlichen Lehrzucht dienen konne. Er nahm hiermit einen Gedanken von 
C. J. Nitzsch auf, der in jenem heriihmten Ordinationsformular der General- 
synode 1846 eine allerdings sehr ephemere Verwirklichung gefunden hatte. 
Den Plan zu seiner dies Ziel verfolgenden Arbeit legte er der wissenschaft- 
lichen Welt in zwei grofieren Aufsatzen der Jahrbucher fiir deutsche Theologie 
1870 und 1871 (Bd. XV und XVI) vor: »Der Weg zum System in der dog- 
matischen Theologies Seiner Grundidee entsprechend, verlangte er hier als 
ersten grundlegenden Teil der dogmatischen Theologie eine Darstellung des 
Wesens des Christentums (katholische Prinzipienlehre), in der jeder im 
Christentum Erfahrene und zu wissenschaftlichem Denken Befahigte den 
wesentlichen Inhalt seiner personlichen Erfahrung, den Kern der heiligen 
Schrift und die gemeinsame Grundlage der kirchlichen Entwicklung, mit 
einem Wort, den Normalgehalt der christlichen Lehre wiedererkennen 
miifite. Danach miisse der Dogmatiker in der konfessionellen Prinzipienlehre 
zeigen, dafi die religiosen Grundsatze seiner Konfession im Gegensatz zu 
anderen Konfessionen das wahrhaft und rein Christliche in unversehrter Ge- 
stalt vertreten, urn dann in einem zweiten ausfuhrenden Teil nach dem fest- 
gestellten Kanon der katholischen und konfessionellen Prinzipien die christ- 
liche Wahrheit in dem inneren Zusammenhange ihrer einzelnen Lehrsatze 
darzustellen. Hier sollen zuerst die Religionslehre (oder christliche Anthro- 
pologic) und die Offenbarungslehre den naturlichen und geschichtlichen Boden 
beschreiben, aus dem das Christentum hervorgewachsen ist und in dem es 
bleibend wurzelt. Dann endlich folgen die eigentlichen Systeme der christ- 
lichen Dogmatik und Ethik, die die christliche Gottesgemeinschaft darzustellen 
haben, das eine, sofern sie ewig und geschichtlich in Gott begriindet, das 
andere, sofern sie sittliches Erlebnis und Tat des Menschen ist. 

Literarisch hat v. d. G. von diesem grofien Lehrgebaude nur den ersten 
grundlegenden Teil, und von ihm auch nur die allgemeinen Prinzipien der 
Dogmatik zur Ausfiihrung gebracht, eben in den noch in Basel geschriebenen 
christlichen Grundwahrheiten, wahrend er in seinen Vorlesungen bis zuletzt 
nach dem hier festgestellten Schema das ganze christliche Lehrsystem vor- 
zutragen pflegte. Aber es hat doch wohl nicht nur an der mit der Zeit 
immer volligeren Inanspruchnahme seiner Krafte durch die praktische und 
kirchenpolitische Tatigkeit gelegen, dafi er zur literarischen Ausfiihrung des 
Gesamtsystems nicht gekommen ist. Von anderem abgesehen, was man gegen 
den Aufbau des Systems einwenden kann, es mufite sich doch auch ihm 
bemerkbar machen, dafl nach der sehr ausfiihrlichen Darstellung, die z. B. Person 
und Werk Christi in den Grundwahrheiten gefunden hatte, dem eigentlichen 



28 Ooltz. 

System der Dogmatik in diesem wichtigsten Punkte nicht viel mehr zu tun 
iibrig gelassen war. Dafi er solch eine ausfiihrliche, weit in die eigentliche 
Dogmatik hineinfuhrende ErOrterung in der Prinzipienlehre anzustellen sich 
gedrungen fiihlte, ist auch wohl ein Beweis dafiir, dafi die von ihm erstrebte 
Verstandigung iiber den Normalausdruck der christlichen Wahrheit erst der 
Ertrag der gesamten dogmatischen Arbeit sein kann. In diesen christologischen 
Ausfuhrungen liegt aber auch der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Leistung 
in den Grundwahrheiten von 

Es ist hier unmOglich, auf einzelnes einzugehen. Nur kurz sei auf 
einige allgemeinere Punkte hingewiesen: v. d. G. legte besonderen Wert 
darauf, dafi die dogmatische Erdrterung der christlichen Grundbegriffe 
im Unterschied von ihrer apologetischen Behandlung rein durchgefuhrt 
werde. Damit wollte er der Dogmatik ihre Unabhangigkeit von einer 
ihr fremden Philosophic und Spekulation sichern. Aus demselben Grunde 
schied er die Erdrterung aller rein spekulativen Probleme aus und 
beschrankte sich auf die Erhebung des in der persdnlichen und geschicht- 
lichen Erfahrung gegebenen Tatbestandes des Christentums, wie er auch in 
der Lehre von der Person Christi, von der geschichtlichen Wirklichkeit seiner 
Personlichkeit, wie sie die Evangelien uns zeichnen, ausging. Ja, wenn er 
auch als Quellen und Normen der christlichen Wahrheit Schrift, kirchliche 
Lehrentwicklung und persOnliche Erfahrung nebeneinander stellte, so ist es 
in Wahrheit auch nur die geschichtliche Offenbarung in Christo, der er den 
Stoff der Dogmatik entnimmt, wahrend Kirchenlehre und persftnliche Erfah- 
rung nur teils die subjektive Voraussetzung, teils leitendes Hilfsmittel bei 
dieser Arbeit sind. Nehmen wir endlich noch das Gewicht, das fiir ihn in 
der Lehre von der Heilszueignung die Gemeinde, der Leib Christi hat, als 
dessen Glied allein der einzelne des Heils teilhaftig wird, so sind das alles 
wichtige und wertvolle Gesichtspunkte, die die Theologie bis dahin nicht 
in dem Mafl betont hatte. Wenn trotzdem die » Grundwahrheiten* im allge- 
meinen nicht die Beachtung fanden, die sie verdienten, so lafit sich das wohl 
nur daraus erklSren, dafi eben damals Alb. Ritschl in einer allerdings st&r- 
keren theologischen Waffenriistung auf den Plan getreten war und seinerseits fiir 
die Geltendmachung dieser zum Teil von ihm noch einseitiger zugespitzten 
Gesichtspunkte die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Doch werden 
die Grundwahrheiten ihre bleibende Bedeutung behalten. Denn auf viele 
der durch Ritschl in Flufl gebrachten Fragen geben sie eine haltbarere Ant- 
wort als sie Ritschl zu geben vermochte, weil sie aus innerlichster Vertiefung 
in die Schrift und tiefer religidser Erfahrung und vollem Verst&ndnis fiir das 
der wahren Religion unverauflerliche mystische Element herausgeboren ist. 
Und was v. d. G. als das Wesen des Christentums bestimmt und in immer 
emeuter Durchdenkung und Prufung als probehaltig gefunden hat, wird 
schwerlich besser formuliert werden kSnnen, trotz des Spottes, mit dem die 
Grundwahrheiten von gegnerischer Seite wohl als »Minimaltheologie« be- 
zeichnet wurden. Denn die von ihm gegebene Definition enthalt tatsSchlich die 
Punkte, auf die nicht verzichtet werden kann, solange von christlicher Reli- 
gion die Rede sein soil. Die Definition lautet: Das Wesen des Christentums 
ist personliche Gemeinschaft des Menschen mit Gott, die als Heil aus siind- 
lichem Verderben durch Jesum Christum vermittelt ist, sowohl in ihrer ewigen 



Goltz. 



29 



Begriindung in der Liebe des Vaters wie in ihrer geschichtlichen Stiftung in 
dem gottmenschlichen Leben des Sohnes wie in ihrer allmahlichen stetig 
fortschreitenden Verwirklichung in der Kirche durch den heiligen Geist. 
Hiermit glaubte er der durch die Bediirfnisse der Kirche dringend geforderten 
Verstandigung iiber den Normalausdruck des wesentlich Christlichen vor- 
gearbeitet zu haben, indem damit ein materialer Kanon aufgestellt sei, nach 
dem die Grenzen der Lehrfreiheit sicher bestimmt werden konnten, wozu 
ein formaler Kanon niemals ausreiche. Dafi auf Grund solcher Vorarbeit ein 
neues »Symbol« mit offentlicher Geltung entstehen moge, ist freilich ein un- 
erfullter Wunsch geblieben, aber doch ein Ziel, dessen Erreichung man wird 
im Auge behalten miissen, wenn man aus den unsere Kirche verwustenden 
Wirren herauskommen will. Er fur seine Person hat den Kanon der 
Grundwahrheiten jedenfalls stets gehandhabt, wenn er in Lehrfragen zu 
entscheiden hatte, und wenn man bedenkt, was in diesem Kanon steht 
und was nicht in demselben enthalten ist, so begreifen wir, daB er der 
strengen Orthodoxie nicht geniigte und den Liberalen doch noch zu ortho- 
dox war. 1 ) 

Durch die unmittelbar praktische Wendung, die er dieser als systema- 
tischer Versuch angekiindigten wissenschaftlich-dogmatischen Arbeit gab, tat 
v. d. G. kund, dafi er zu praktischer Kirchenpolitik sich vor allem gedrungen 
und berufen fiihlte. Und die Folgezeit hat gezeigt, dafi auf diesem Gebiet 
sein besonderes Charisma lag. Schon in seiner Baseler Zeit hatte er die 
vielfach ineinandergreifenden Bewegungen auf dem kirchlichen Gebiet in 
seinem heifigeliebten deutschen Vaterlande mit gespanntester Aufmerksamkeit 
und warmster Anteilnahme verfolgt. In einem nach dem Krieg von 1866 
gehaltenen und zur Verstandigung mit »den evangelischen Christen Nord- 
deutschlands« veroffentlichten Vortrag: »Die Vaterlandsliebe im Sinn und 
Wandel der Christen*, stellte er Pflicht und Grenze der Beteiligung des 
Christen als solchen am offentlichen Leben fest und entwickelte schon hier 
die echt evangelischen Grundsatze, die er spater fur die Stellung des evan- 
gelischen Predigtamts gegenuber den politischen und sozialen Bewegungen 
der Zeit trotz zum Teil mafiloser Angriffe gegen ihn stets geltend gemacht 
hat. Seine kirchenpolitischen Anschauungen vertrat er dann zum erstenmal 
vor einer grofieren Offentlichkeit in dem auf dem Stuttgarter Kirchentag 1870 
gehaltenen bedeutsamen Vortrag: »Die religiosen Gegensatze der Gegenwart 
verglichen mit denen der Reformationszeit.« Er fiihrte hier die schon in 
seinem Reisebericht aus Frankreich i860 ausgesprochenen Gedanken in 
grofierem Zusammenhang aus, um daraus die Folgerung zu Ziehen, dafi, wah- 
rend die neuen Gegensatze zwischen positivem Christentum und blofier Hu- 
manitatsreligion religiose Gemeinschaft ausschlieflen und nur gemeinsame 
Arbeit fiir vaterlandische und humane Interessen gestatten, der Gegensatz 
zwischen der konservativen und fortschrittlichen Richtung des christlichen 
Lebens und Glaubens briiderliche Gemeinschaft nicht nur gestatte, sondern 
fordere, unbeschadet der aus ihnen notwendig entspringenden kirchlichen Partei- 
kampfe, wofern nur das wesentlich Christliche ohne Riickhalt bekannt werde. 



') Vgl. me in en Aufsatz in Thilotesia ftir P. Kleinert, Berlin, Trowitzsch & Sohn, 
1907, S. 69 ff: »H. von der Goltz und die Grenzen der kirchl. Lehrfreiheit. « 



30 



Goltz. 



Die Verpflichtung des Lehrstandes auf die reformatorischen Symbole diirfe 
heute nur als Bekenntnis zu den religiosen Grunds&tzen der evangelischen 
Kirche angesehen werden und binde nicht an die theologische Lehrform des 
1 6. Jahrhunderts. Die wirksamste Waffe sowohl gegen die Anmaflungen und 
Obergriffe Roms als auch gegen das Umsichgreifen einer blofi protestantischen, 
unevangelischen Weltanschauung sei die Zusammenfassung und Verwertung 
der mannigfachen Gaben und KrSfte heiligen Geistes in der Gemeinde des 
Herrn zur lebendigen und zeitgemaflen Bezeugung der heiligen Wahrheit und 
Liebe Gottes in Christo. Wie er sich das dachte, legte er bereits im folgenden 
Jahre in einem umfassenden kirchenpolitischen Bauprogramm dar (in den 
Deutschen Blattern Oktober 187 1 und Januar 1872), an dessen Verwirklichung 
»Der kirchliche Friede im deutschen Reich* (so waren die Aufs&tze Qber- 
schrieben) nach seiner Meinung gebunden war. 

Hier verlangte er zunachst eine Neuordnung des Verhaltnisses zwischen Staat 
und Kirche nach dem Grundsatz des suum cuiqut. 1. eine interkonfessionelle rein 
staatliche Behdrde hat die rechtlichen Verhaltnisse samtlicher Konfessionen zu 
ordnen und zu uberwachen; 2. eine unierte staatskirchliche Behdrde fur die ge- 
samte evangelische Kirche Preuflens ubt die dem Staatsoberhaupt zustehenden 
bischoflichen Befugnisse in staatskirchlichen Angelegenheiten aus, ohne in 
das innerkirchliche Leben anders als mit Vorschl&gen und Gutachten einzu- 
greifen. Auch eine Landessynode mit der Vollmacht kirchlicher Gesetzgebung 
halt er hier bei der Verschiedenheit der einzelnen Provinzen einfach fur ein 
Ungluck. 3. Die einzelnen Provinzialkirchen ordnen ihre Angelegenheiten, 
was Lehre und Gottesdienst betrifft, vOllig selbst&ndig durch Synoden und 
Konsistorien, welch letztere aus Wahl der Synoden unter staatlichem Vor- 
schlags- und BestStigungsrecht hervorgehen sollen. Man erkennt hier den 
echten Sohn der rheinisch-westfalischen Kirche, der, stolz auf ihre Sonderart, 
und auf deren Wahrung iingstlich bedacht, iibersieht, dafi die von ihm er- 
strebte landeskirchliche Einheit auf dem hier vorgeschlagenen Wege nur in 
immer weitere Feme geriickt werden konnte. Dann bespricht v. d. G. die 
GegensStze innerhalb der Kirchen in der uns schon bekannten Weise: ein 
konfessioneller Gegensatz existiert im letzten Grunde innerhalb der heutigen 
evangelischen Kirche Deutschlands nicht mehr und wird nur ktinstlich in sie 
hineingetragen; die Volkskirche, an der wir festhalten miissen, darf nicht als 
priesterliche Gemeinschaft, sondern nur als Erziehungsanstalt fiir das Christen- 
turn betrachtet werden, woraus sich wichtige Konsequenzen fiir Konfirmation 
und Kirchenzucht ergeben, vor allem aber fiir die Lehrfreiheit, fiir deren 
Begrenzung ein neues, aus der VerstSndigung iiber das Wesentliche im Christen- 
tum erwachsendes Symbol nOtig ist, da dazu weder Apostolikum noch 
Augustana geeignet sind. In einem Schlufiabschnitt erOrtert er endlich die 
christliche Theologie in ihrem VerhSltnis zur Weltwissenschaft und stellt hier 
die neuerdings so vielfach verhandelte Forderung einer modernen positiven 
Theologie auf: die Theologie mufi mit alien den Mitteln arbeiten, welche 
die Bildung der Zeit ihr zur Verfiigung stellt, »wir miissen t das Gold der 
christlichen Wahrheit in unseren Tagen umpr&gen in die Denkformen und 
Sprache unserer Zeit, und fiir diese Arbeit, bei welcher Schwankungen und 
Irrwege unvermeidlich sind, fordern wir von den Frommen und den rednerischen 
Zeugen der christlichen Wahrheit Vertrauen und Geduld«. 



Goltz. 



31 



Als dann die preufiische Regierung 1872 den Kampf gegen den Ultramonta- 
nismus der katholischen Kirche begann, erhob v. d. G. noch einmal seine Stimme 
fur die Reform der evangelischen Kirchenverfassung (»Die kirchenpolitische 
Krisis*, Deutsche Blatter 1872), weil bei dem Fehlen jeder Organisation die 
evangelische Kirche bei dem Eingreifen des Staats in das kirchliche Leben not- 
wendig grofleren Schaden leiden musse wie die katholische Kirche. Wie ge- 
nau er mit der letzteren bekannt war, wie er nicht nur den im Vatikanum 
zum Sieg gekommenen Jesuitismus und seine Gefahren klar durchschaute, 
sondern auch einen Blick batte fur »die idealen Seiten des Katholizismus«, 
zeigte ein in demselben Jahr von ihm in Zurich, Basel und Karlsruhe ge- 
haltener, ebenso durch die vollendete Form wie Grofie der Gesichtspunkte 
ausgezeichneter Vortrag (gedruckt bei Perthes, Gotha 1872). 

So war er innerlich wohl vorbereitet und ausgeriistet, um selbst mit Hand an- 
legen zu diirfen bei dem Neubau der preuliischen Landeskirche, der endlich mit 
der Berufung des Heidelberger Kirchenrechtslehrers Herrmann zum Prasidenten 
des Ev. Oberkirchenrats in Berlin wirklichen Fortgang nahm. Die Gelegenheit 
dazu ward ihm geboten, als er im Jahre 1873 als ordentlicher Professor der 
Theologie nach Bonn in die preufiische Heimat zuriickberufen wurde. 

Noch in dasselbe Jahr fallt sein erstes offentliches Auftreten in der 
rheinischen Kirche auf der Bonner Pastoralkonferenz. Es war ihm eine 
Freude, hierbei jenen schon erwahnten Grundgedanken seines Lehrers und 
Amtsvorg&ngers Nitzsch wieder geltend machen zu konnen, indem er als 
Voraussetzung fiir die so notwendige Regelung der kirchlichen Lehrzucht 
neben der Mitwirkung der Kirche bei Besetzung der theologischen Professuren, 
einer Neuordnung des Priifungswesens, eines starkeren Schutzes der litur- 
gischen Heiligtiimer der Gemeinde, vor allem eine neue Formel als Amts- 
geliibde und Norm der kirchlichen Disziplin verlangte (Die Grenzen der Lehr- 
freiheit in Theologie und Kirche, Bonn 1873). Inzwischen war die Kirchen- 
gemeinde- und Synodalordnung Gesetz geworden. Er erkannte klar, dafi jetzt 
der Augenblick gekommen war, in dem entw r eder eine lebensfahige Basis fur ein 
kirchliches Gesamtleben geschaffen oder die Landeskirche ihrer ohne diese 
nicht mehr aufzuhaltenden Auflosung iiberlassen werden musse. Letzteres war 
nach seiner Oberzeugung ein in seinen Folgen unabsehbares Ungluck, da in 
Deutschland die Volkskirche mit alien ihren Segnungen nur als Landeskirche 
Bestand haben konne. So rief er denn, um der bevorstehenden Generalsynode 
den Boden zu bereiten, mit seinem juristischen Kollegen Wach eine besondere 
Zeitschrift ins Leben, die »Synodalfragen« (4 Hefte, 1874 und 75), in denen er 
mit Wach und anderen gleichgesinnten Mannern, wie Beyschlag, S. Krafft, 
Nasse, H. Krummacher, die Bedingungen erorterte, unter denen durch den 
Verfassungsbau das Ziel erreicht werden kdnne, das ihnen unverriickbar vor 
Augen stand: einerseits der Kirche das christliche und evangelische Bekennt- 
nis zu bewahren — auch mit Schonung der konfessionellen Besonderheiten 
— ohne die organische Einheit der Landeskirche zu opfern und andererseits 
der Landeskirche das in dem Prinzip der evangelischen Union ausgesprochene 
Gesamtleben zu sichem, ohne die innerlichsten Heiligtiimer der Kirche dem 
Subjektivismus oder der Herrschaft wechselnder Majoritaten preiszugeben. 
Vom 24. November bis 18. Dezember 1875 tagte die aufierordentliche General- 
synode in Berlin, v. d. G. nahm von Anfang an auf ihr eine hervorragende 



32 



Goltz. 



Stellung ein. Er wurde zum Referenten der Verfassungskommission bestellt, 
die uber die vom Landtag veranlafite omindse Anderung der Schlufibestim- 
mungen der K. G. S. O. zugunsten der Vermehrung des Laienelements in 
den Synoden und grdflerer Beriicksichtigung der an Seelenzahl st&rkeren Ge- 
meinden zu beraten hatte. Ihm ist es mit zu verdanken, dafi trotz aller 
Schwierigkeiten, die von der dem »liberalen« Oberkirchenrats-Pr&sidenten 
wenig geneigten konfessionellen und positiv unierten Gruppe ausgingen, die 
Generalsynodal-Ordnung glucklich unter Dach und Fach gebracht wurde. 

In seinen eigenen Anschauungen brachte die Generalsynode eine bedeutsame 
Wandelung hervor. Mit dem Gedanken, dafi die Selbstandigkeit der Pro- 
vinzialkirchen in ihrer geschichtlich gewachsenen Eigentumlichkeit alien 
kirchlichen Zentralisierungsbestrebungen gegenuber unter alien Urns tan den 
geschutzt werden musse, war er nach Berlin gegangen. Nun war das nicht 
mehr das ceterum etnseo seiner Kirchenpolitik. Aus den Verhandlungen der 
Synode und seinem Verkehr mit den Abgeordneten der ostlichen Provinzen 
erkannte er, dafi man den rheinischen Begriff der Provinzialkirche nicht ohne 
weiteres als Mafistab fur die Ostlichen Verh&ltnisse anwenden k6nne, und dafi 
eine zu grofie Verselbstindigung der Provinzialkirchen bei der Scharfe und 
Riicksichtslosigkeit, mit der in ihnen ein exklusiver Parteistandpunkt geltend 
gemacht wurde, mit Notwendigkeit die Einheit der Landeskirche gef&hrden 
musse. Dazu wurde ihm klar, dafi die Hoffnung vergeblich sei, dafi die 
neuen Provinzen einer in ihren gesetzgeberischen Befugnissen beschnittenen 
kirchlichen Zentralinstanz lieber sich unterstellen wiirden als dem Kultus- 
ministerium. Gegen zu weit gehende Zentralisierung fand er die Provinzial- 
kirchen auch durch die beschlossene Generalsynodal-Ordnung hinreichend 
geschutzt Er selbst hatte dafur gesorgt, dafi aufierdem den Einzelgemeinden 
bei Einfuhrung agendarischer Ordnungen liber Sakramentsverwaltung, sowie 
neuer Gesangbiicher ein Widerspruchsrecht zugesprochen wurde. So hat denn 
v. d. G. seitdem, bei allem VerstSndnis und voller Rucksicht fiir die berechtigte 
Sonderart der einzelnen provinziellen KirchenkOrper, doch mehr der Blick 
auf die innere Einheit der Landeskirche geleitet, deren Interesse eine unab- 
hangige und zielbewufite Initiative der Kirchenregierung forderte, die nicht 
»durch provinziellen Partikularismus und durch synodales Parteitreiben auf- 
gesogen werden diirfe«. 

Es war erklarlich, dafi sich die Augen der in kirchlichen Dingen leitenden 
Manner auf v. d. G. lenkten, als es sich* darum handelte, die erledigte Propstei 
an St, Petri in Berlin, die mit einer Ratsstelle im Ev. Oberkirchenrat ver- 
bunden war, neu zu besetzen. Es wurde v. d. G. nicht leicht, so bald schon 
aus dem ihm so lieben heimatlichen Boden, mit dem er durch Familien- 
beziehungen und Anschauungen fest verwachsen war und auf dem ihm als 
akademischen Lehrer, als Prediger und Synodalmitglied eine schbne Wirk- 
samkeit erbliiht war, sich nach Berlin verpflanzen zu lassen. Aber er folgte der 
Berufung, die wie auch die friiheren entscheidenden Wendungen seines Lebens- 
ganges ohne sein Zutun erfolgt war, als Gottes Ruf und trat mit dem Jahr 
1876 als Propst an St. Petri, als Mitglied des Ev. Oberkirchenrats und 
Honorarprofessor an der theologischen FakultSt in Berlin in die letzte grofie 
Periode seines Lebens ein, in der es ihm vergOnnt war, noch voile drei Jahr- 
zehnte hindurch eine immer wachsende, immer einflufireichere, ganz unge- 



Goltz. 



33 



wfthnlich umfangreiche und inhaltvolle Tatigkeit im Dienste seiner Kirche 
zu entfalten. Es ist hier nicht der Ort, auch noch nicht, namentlich was 
seine kirchenpolitische Wirksamkeit betrifft, an der Zeit, diese seine Tatigkeit 
im einzelnen darzustellen und zu wiirdigen, zumal es hier sich darum handelt 
vor allem ein Bild von seiner Personlichkeit und den ihn beherrschenden 
Gedanken zu entwerfen. Denn das darf man wohl sagen, dafi die Berliner Wirk- 
samkeit von v. d. G. nichts anders war als die Anwendung und Durchsetzung 
derjenigen Gedanken und Grundsatze, die ihm sich als die unveranderlichen 
Richtpunkte fur seine wissenschaftliche Arbeit und sein kirchliches Handeln bis 
dahin festgestellt hatten. Und wenn man sein Lebenswerk als ein Ganzes iiber- 
schaut, kann man nicht anders, als die unbeirrbare Entschlossenheit und zahe 
Beharrlichkeit bewundern, mit der er den von ihm als richtig erkannten 
Weg ging, mochte dieser Weg von erbitterten Gegnern auch als ein Weg ins 
Verderben, von Freunden manchmal als ein allzu schwankender Weg diplo- 
matischer Vermittlung bezeichnet werden. Im ubrigen braucht man nur die 
Gebiete, auf denen er mitarbeitend und vielfach neue Wege weisend, tatig 
war, kurz aufzuzahlen, um einen Eindruck von der wahrhaft vorbildlichen 
Pflichttreue und unermudlichen Arbeitskraft, der Weite seines Gesichtskreises 
und dem erstaunlichen Mafl seines Konnens zu erhalten. 

Im Vordergrund stand seine kirchenregimentliche Tatigkeit, durch die er 
namentlich seit 1891 als geistlicher Vizeprasident des Ev. Oberkirchenrats 
in enger Verbindung mit dem Prasidenten D. Barkhausen hervorragenden 
Anteil an der Ausgestaltung der landeskirchlichen Gesetzgebung und Organi- 
sation hatte, ich erinnere nur an die Gesetze liber Vorbildung und Anstellung 
der Geistlichen, die Einfuhrung der neuen Agende u. a. Die Generalsynode 
von 1903, auf der er nach dem Tode seines Freundes Barkhausen als Kgl. 
Kommissar das Kirchenregiment vertrat, zeigte ihn auf dem Hohepunkt seines 
amtlichen Wirkens, fast mochte man sagen, als die Verk6rperung der Schleier- 
macherschen Idee eines Kirchenfiirsten: in der seltensten Vereinigung von 
religiSser Tiefe und wissenschaftlichem Geist, praktischer Erfahrung, bewun- 
derungswiirdiger Beherrschung aller kirchlichen Rechtsfragen, flir deren Ord- 
nung er ein aufierordentlich sicheres Rechtsgefiihl und die Gabe gliicklicher 
Formulierung besafi. Ebenso hat er bei den von der Eisenacher Kon- 
ferenz, deren Mitglied er seit 1877 war, unternommenen Arbeiten fast 
uberall entscheidend mitgewirkt, so an der Herstellun'g des Gesang- und 
Melodienbuchs fur das deutsche Kriegsheer, dem Abschlufi der Bibel- 
revision und der Revision des Katechismustextes, der Aufstellung der 
neuen Perikopenreihen, der Ratschlage fiir den Bau evangelischer 
Kirchen, fiir die kirchliche Jugendpflege u. a; Die Organisation der kirch- 
lichen Versorgung der deutsch-evangelischen Diaspora im Ausland war sein 
Werk, und um das Zustandekommen des deutsch-evangelischen Kirchenaus- 
schusses hat er sich hochverdient gemacht. Auch die Idee und der Plan des jetzt 
erschienenen ev. Hausbuchs fiir Deutsche im Ausland geht auf ihn zuriick. Seine 
letzte groflere Arbeit, ein Referat iiber die Belebung der Nebengottesdienste, hat 
er der Eisenacher Konferenz am 19. Juni 1906 noch kurz vor seinem Tode darge- 
boten. Aber nicht nur der Landeskirche, sondern auch der brandenburgischen 
Provinzialkirche und der Kirche Berlins hat er wertvolle Dienste geleistet, jener 
durch seine jahrelange Mitgliedschaft der Kandidaten-Prufungskommission und 

Biogr. Jnhrbuch u. Deutscher Nekrolog*. ix.Bd. 3 



34 Golte. 

des Brandenburgischen Chorgesangverbandes, dieser durch seine eifrige Mitarbeit 
in dem synodalen Leben als Mitglied der Kreissynode Kdlln-Stadt und als 
Vorsitzender der vereinigten Kreissynoden, als welcher er mit D. Bruckner 
die Qrundlagen fur die kirchliche Neuorganisation Berlins scbuf. Daruber vergafi 
er seine Petrigemeinde nicht: Er hat es einmal als seines Lebens schOnste Auf- 
gabe und Freude bezeichnet, der Gemeinde den Herrn in seiner lebensvollen Ge- 
stalt, wie das Evangelium sein Bild uns zeichnet, zu verktinden und ohne das 
Beiwerk der Schule seine erl6sende Gottesherrlichkeit den Menschen nahe 
zu bringen. (Tempelbilder aus dem Leben des Herrn Jesu, Berlin 1877, 
Vorw.) Und das hat er ohn' Ermuden von der Kanzel der Petrikirche aus 
getan. In der Gemeinde organisierte er in mustergul tiger Weise die Gemeinde- 
pfiege, fur die in einem Gemeindehaus, dem ersten in Berlin, von ihm ein 
Mittelpunkt geschaffen wurde. Er hat aber auch sonst der Werke der inneren 
Mission in tatkraftigster Weise sich angenommen, des Gustav-Adolfs-Vereins, 
der Sonntagsschulsache, der Fursorge fiir die weibliche Jugend, der deutschen 
Lutherstiftung, vor allem des evangelisch-kirchlichen Hiilfsvereins und der 
Frauenhiilfe. 

Dafl tiber alledem seine akademische und wissenschaftliche T&tigkeit 
nicht in dem Mafl von ihm ausgeiibt werden konnte, wie er gewunscht und 
gekonnt hatte, war ihm ein grofies Opfer und ein grofier Schmerz. Als nach 
dem Abgang Herrmanns und dem Eintritt Kdgels in den Oberkirchenrat 
die veranderten Verhaltnisse eine Zeitlang seine kirchenpolitische T&tigkeit 
zuriicktreten lieflen, hat er seinen Pflichten als akademischer Lehrer, seit 1883 
ordentlicher Professor der Dogmatik an der theologischen Fakultat, in star- 
kerem Mafle sich hingeben konnen und hat namentlich in seinen dogmatischen 
Konversatorien, in denen er in freundlichster und eingehendster Weise der 
einzelnen Studenten sich annahm, zahlreiche und dankbare Schiller um sich 
gesammelt. Aber auch als ihn die immer grfifier werdende Last seiner an- 
deren Amter zwang, seine Vorlesungen aufzugeben, hat er sich stets in engster 
Fuhlung mit der theologischen Wissenschaft auch in ihren neuesten Entwick- 
lungsstadien gehalten. Unvergefllich wird es den Teilnehmern sein, mit 
welchem Eifer, mit welcher nie ermudenden Geduld und welchem VerstSnd- 
nis auch fur die feraliegendsten Dinge er die monatlichen Sitzungen der 
Theologischen Gesellschaft, die er 1878 ins Leben gerufen hatte, leitete. Ihr, 
sowie der Angehorige aller Fakultaten zu wissenschaftlichen Verhandlungen 
vereinigenden Mittwochsgesellschaft hielt er regelmaflig Vortrage dogmatischen, 
ethischen, religionsphilosophischen, auch allgemein-literarischen Inhalts. Seine 
Hoffnung, eine Sozialethik, der er die sparlichen Mufiestunden der letzten 
Jahre gewidmet hatte, noch zum Druck fertig zu stellen, sollte sich nicht er- 
fiillen. Erst nach seinem Tode ist der grundlegende Teil von seinem altesten 
Sohne verOffentlicht worden (Grundlagen der christl. Sozial-Ethik, Berlin 1908), 
ebenso eine akademische Vorlesung iiber »Kirche und Staat«, die er im 
letzten Bonner und ersten Berliner Semester gehalten hatte. 

In aller dieser auf ihm ruhenden Last der Verantwortung und Arbeit war 
ihm ein selten gluckliches und harmonisches Familienleben eine stete Quelle 
der Erholung und neuer Kraft. Hier und in kleinem geselligen Kreise konnte 
man den sonst so strengen Ernst seiner wie aus Stein gemeifielten Ziige sich 
in unendliche Freundlichkeit wandeln, die sonst fest aufeinander gepreflten 



Goltz. 



35 



Lippen zu Worten herzlichen Humors und kindlicher Fr6hlichkeit sich 6ffnen 
sehen. Und jeder, der ihm nahe trat, hat es erfahren diirfen, wie gern er, 
der im amtlichen Verkehr oft unnahbar schien, sich andern ruckhaltlos und 
auf das freundlichste erschlofi. Hinter der scheinbaren Strenge der aufleren 
Erscheinung und anfanglichen Zuriickhaltung barg sich eine milde zartfuhlende 
Seele, die in Liebe gliihte und rastlos an der Ausgestaltung des Bildes des 
Herrn, in dem sie lebte, arbeitete und die Hand Gottes an sich arbeiten 
liefi. Dafi gerade, als zuletzt Anerkennung und aufiere Ehren auf ihn sich 
zu haufen begannen, durch den Tod eines aus hoffnungsvoller Laufbahn hin- 
weggerissenen Sohnes 1903, durch die schwere, mit heldenmiitiger Ergebung 
getragene Krankheit der altesten Tochter Winter 1905/06 dunkle Schatten 
sich iiber dies gliickliche Familienleben breiteten, brach seine schier unver- 
wiistliche Arbeits- und Lebenskraft. Der ihm vorausgegangenen geliebten 
Tochter folgte er nach wenigen Wochen im Tode am 25. Juli 1906 nach 
kurzem Kranksein. Der Ev. Oberkirchenrat gab einer allgemein verbreiteten 
Empfindung Ausdruck, als er in dem ihm gewidmeten Nachruf seinen Heim- 
gang als einen unersetzlichen Verlust fur die preufiische Landeskirche be- 
zeichnete. Was gab ihm diese iiberragende Bedeutung? v. d. G. hat selbst 
einmal den theologischen Meister geschildert: »Was macht ihn denn anders, 
als dafl derselbe erfahren und teilnehmend mitten in der Bewegung des 
christlichen und kirchlichen Lebens steht und zugeich mit umfassendem Uber- 
blick, reichem Wissen und gereiftem Urteil das Wahre vom Schein, das 
Wesentliche vom Unwesentlichen, das Verwandte vom Fremden zu unter- 
scheiden versteht?« Hier hat er (im Jahr 1872) unbewuflt sein ei genes Bild 
gezeichnet, wie es immer klarer und schoner aus seinem ganzen Wesen und 
Wirken heraustreten sollte. Aber dafi seiner Personlichkeit so tiefe und 
weitreichende Wirkung beschieden war, das hat seinen Grund vor allem 
darin, dafi er ein fester Charakter, ein aufrechter, vornehmer Mensch, 
eine im Innersten geheiligte, demiitig fromme Seele, mit einem Wort, ein 
Christ war. 

Von seinen Schriften sind (aufler den schon im Text bertihrten) noch zu nennen folgende 
Vortrage : 
1866: Durch welche Mittel konnen die Glieder unserer Gemeinden am fruchtbarsten in die 

Heilige Schrift eingefuhrt werden? 
1870: Nach dem Tode. 

1874: Die Familie in ihrer Bedeutung ftir die sittlichen Aufgaben der Gegenwart. 
1875: Bildung und Heiligung. 

1876: Bericht liber die Generalsynode an die evangelischen Gemeinden. 
1878: Zur Wttrdigung des apostolischen Glaubensbekenntnisses. Uber Kollision der 

Pflichten. 
1 881: Unionsgesinnung als Bedingung ftir die positive Lbsung der Aufgaben, welche der 

evangelischen Kirche in Deutschland gegenwartig gestellt sind. 
1883: Die deutsche Lutherstiftung. 
1884: J. A. Dorner und E. Herrmann, Gedachtnisrede. Der Wert unserer landeskirchlichen 

Ordnung im Licht ihres iojahrigen Bestandes. 
1886: Unser Kampf gegen Rom in den gemischten Ehen. 
1888: Die Mission der Sonntagsschule fllr die kirchliche Erziehung von Kindern und 

Helfern. 
1894: Die Gemeinschaft der Heiligen. 
1903: Reden auf der V. ordentlichen Generalsynode. 

3* 



*fi Goltz. Grunow. 

Aufierdem : Die Artikel »Preu6enc und »Evangelisch-kirchliche Konfereni* in der Real* 
enxyklopadie fttr protestantiscbe Theologie und Kirchc (II. Auflage, »Konferenz« auch in der 
III. Auflage.) 

Breslau. D. Gennrich. 

Grunow, Johannes, Verlagsbuchh&ndler und Redakteur, * u.Okt 1845, 
t 1. April 1906. 

Johannes Grunow wurde als Sohn des Verlagsbuchh&ndlers Friedrich 
Wilhelm G. am 11. Oktober 1845 in Leipzig geboren und empfing seine 
Ausbildung auf der dortigen Nikolaischule, die er in keinem bluhenden Zu- 
stande antra! und zu Michaelis 1863 als Sekundaner verliefi, um sich nach 
dem Wunsche des Vaters dem Buchhandel zu widmen, obwohl ihn seine 
personliche Neigung zur Kunst hinzog und er sich spater als talentvoller 
Maler erwies. Seine Lehrzeit begann er in Heidelberg bei Winter, auf dessen 
Anregung er tuchtig FranzOsisch lernte, setzte sie dann in Stuttgart unter 
Ernst Hallberger fort, dessen feuriger Idealismus groflen Einflufi auf ihn aus- 
ubte, und arbeitete spater eine Zeitlang bei Triibner in London. Die zu- 
nehmende Kranklichkeit seines Vaters rief ihn im Sommer 1870 in die He i mat 
zuruck. Bei seiner Ankunft in Koln fand er alles starrend in Waffen und 
fragte erstaunt, was das zu bedeuten habe; so schnell war w&hrend seiner 
Reise von England durch Belgien das Kriegsunwetter heraufgezogen. Daheim 
fand er die »Grenzboten«, ein Hauptunternehmen seines Vaters, obwohl dieser 
bis dahin das Eigentumsrecht daran mit Gustav Freytag u. a. teilte, in einer 
beinahe verzweifelten Situation. Denn zwischen Fr. W. G. und G. Freytag, 
der die seit 1841 bestehende Zeitschrift 1848 bis 1861 zusammen mit Julian 
Schmidt, seitdem mit andern Hilfskr&ften redigierte, hatte sich die Kluft 
immer weiter aufgetan, da G. an dem kirchlichen Liberalismus des anderen 
schweren AnstoB nahm und Freytag seine beiden groflen Romane, was ubrigens 
nicht seine Schuld war, nicht bei G., sondern bei Hirzel hatte erscheinen 
lassen. Das fiihrte schliefilich noch im Laufe d. J. 1870 zur vOlligen Tren- . 
nung der beiden lange verbundenen Manner, und da Freytag mit Alfred Dove 
alsbald bei S/ Hirzel eine neue Wochenschrift »Im Neuen Reich* herausgab, 
die sich Ubrigens nur wenig iiber ein Jahrzehnt behauptete, so hielt G. mit 
den auf wenige hundert Abonnenten beschnlnkten »Grenzboten«, deren alleiniger 
Eigentiimer er jetzt war, nur noch eine leere »Hulle in der Hand, aus der 
die Seele entflohen war«. Da erinnerte sich J. G. einer Auflerung 
Julian Schmidts, dafi ein Verleger fUhrend und lenkend auf das geistige 
Leben des Kreises, in den er gestellt sei, einwirken kOnne, und dafi dies 
seine vornehmste Aufgabe sei. »Da spornte mich«, so erzahlt er, »das eine 
leidenschaftliche Gefiihl: du darfst nicht unterliegenl die »Grenzboten« mQssen 
aufrecht erhalten werden zu Ehren meines Vaters. « Er fand einen Redakteur 
in Dr. Hans Blum, er trat mit Bismarck in Verbindung, er machte die »Grenz- 
boten« zu einem oft von diesem benutzten, ihm treu und mit Uberzeugung 
dienenden Organ des groflen Kanzlers, und bald gewann das Blatt sein altes 
Ansehen zuruck. Daruber starb sein Vater am 29. August 1878, und er selbst 
griindete, nunmehr Leiter der Firma, seinen selbst&ndigen Hausstand durch 
die Verm&hlung mit Elisabeth Krais aus Stuttgart. Es war eine Verbindung, 
die ihn dauernd und tief begluckte. Der Verlust mehrerer geliebter Kinder, 



Granow. 



37 



zum Teil nach langem Siechtum, machte das Verh£ltnis nur noch inniger; 
seine Frau wurde die treue Gefahrtin seiner Arbeit, die verstandnisvolle fein- 
sinnige Beurteilerin so mancher ^insendung. Und der warmherzige, leicht 
erregbare Mann bedurfte einer solchen inneren Teilnahme auch in seiner 
Tatigkeit fur die »Grenzboten«. Das Verhaltnis zu Hans Blum ging an der 
sich allmahlich herausbildenden Verschiedenheit der politischen Ansichten, 
die in Zusammenhang stand mit der Trennung eines Teiles der Liberalen 
von Bismarck, in Stiicke, und mit 1879 iibernahm G. die verantwortliche 
Redaktion selbstandig, lange Jahre unterstiitzt von Gustav Wustmann, der 
die literarisch-kunstlerische Richtung der Zeitschrift mitbestimmte und un- 
erbittlich auf sprachliche Sauberkeit hielt. Doch die Richtung im ganzen, 
die persOnliche Note gab ihr G. Er hatte sich eine weit uber das Nachste 
hinausliegende allgemeine Bildung erworben und ungeheuer viel gelesen; 
im iibrigen half ihm sein natiirlicher Takt und sein warmes Gefuhl zu einem 
selbstandigen Urteil. Er war ein deutscher Patriot durch und durch, ohne 
sich jemals einer der bestehenden politischen Parteien zu verschreiben, jede 
Einseitigkeit scharf bekampfend, immer das Ganze im Auge, ein warmer 
Verehrer Bismarcks, dem er iibrigens personlich leider niemals begegnet ist, 
ein guter Protestant, aber fern von jeder konfessionellen Exklusivitat; auch 
in sozialwirtschaftlichen Dingen hatte er sich ein eigenes Urteil gebildet, und 
sein fester Geschmack in literarischen und kiinstlerischen Dingen verwarf 
alles »Ungesunde« und »Schwachliche«. In Bildungsfragen war er ein ent- 
schiedener Humanist. Kampfesfreudig, gewohnt, auch gegen den Strom zu 
schwimmen, machte er sich gar nichts daraus, den Lesern geradeheraus auch 
recht unangenehme Wahrheiten zu sagen, auch auf die Gefahr hin Abon- 
nenten zu verlieren. Im einzelnen empfingen die »Grenzboten« mannigfache 
Anregungen aus den unvergefilichen Abenden im Thiiringer Hofe, die an 
jedem Mittwoch eine kleine Gruppe stehender Leipziger, zuweilen auch aus- 
wartiger Mitarbeiter um G. zu versammeln pflegten, darunter von jenen 
Gustav Wustmann, Friedrich Ratzel, Hermann Kretzschmar, von diesen Max 
Allihn (Fritz Anders), Wilhelm Speck, Adolf Philippi; mancher Artikel ist 
aus einem der dort gefiihrten Gesprache, bei denen keiner hinter dem Berge 
hielt, entstanden. Andere fruchtbare Anregungen kamen ungesucht aus dem 
weiten Kreise der regelmafiigen oder gelegentlichen Mitarbeiter in ganz 
Deutschland, Osterreich, Italien, England unci Frankreich und iiber Europa 
hinaus. G. suchte seine Mitarbeiter nicht, sondern fand sie scharfblickend 
heraus; auf beriihmte Namen kam es ihm gar nicht an, aber wer etwas 
selbstandig Erfahrenes und Gedachtes zu sagen hatte, den zog er heran und 
hielt ihn fest. Ein bequemer Redakteur war er freilich nicht; auch bewahrte 
Mitarbeiter mufiten sich zuweilen »Zurechtstutzungen« stilistischer und anderer 
Art gefallen lassen; manche dankten es ihm, andere zogen sich verstimmt 
zuriick. An Stoffmangel hat er trotzdem niemals zu leiden gehabt, seine 
Hauptaufgabe war vielmehr zu sichten und auszuwahlen, und Unpassendes 
oder Unwillkommenes mehr oder weniger hoflich abzulehnen. Anschaulich 
hat er diese unaufhorlichen und oft qualenden redaktionellen Arbeiten und 
Sorgen in dem Erinnerungsheft zum 1. Oktober 1891 geschildert. 

Eine schwere Krisis brachte auch fur die »Grenzboten« 1890 der Sturz 
Bismarcks. Zu lange waren sie mit ihm verbunden gewesen, als dafi sie das 



38 . Grunow, 

erschQtternde Ereignis nicht aufs tiefste hatten empfinden sollen. Sie be- 
wahrten ihm immer ihre Sympathien bis zum Ende und sind noch oft fur 
ihn eingetreten, aber sie httteten sich, seine Opposition mitzumachen; denn 
G. vertraute mehr als anfangs seine Umgebung auf die Kraft und die Be- 
gabung des jungen Kaisers. Er unterstiitzte deshalb seine Politik nach 
Kraften, aus Oberzeugung, und er wufite, dafi er das anerkannte. Fur seine 
Kolonial- und Weltpolitik und die VerstSrkung der Flotte traten die »Grenz- 
boten* immer entschieden ein, manche modische Schwarmerei lehnten sie 
kuhl ab, die konfessionelle Verhetzung bekampften sie energisch nach beiden 
Seiten. »Hie gut Deutsch allewege« hatte G. seinen Griinen als Motto 
vorsetzen durfen; ob er dieses Ziel auf liberalem oder konservativem Wege 
verfolgte, das kummerte ihn nicht. »Sie sind meine Lebensarbeit geworden 
und geblieben*, durfte er sagen (1891). Mit tiefer Freude erlebte er ihr 50-, 
ihr 6ojahriges JubilSum und sein eigenes 2 5Jahriges als Redakteur; dafi ihm 
der Kaiser und sein Landesherr auch Orden verliehen, war ihm, so fern 
ihm jede Eitelkeit lag, doch eine grofie Genugtuung. — Doch die »Grenz- 
boten« waren nicht seine einzige Arbeit. Denn er war auch Verleger, und 
was fur ein Verleger! Er verlegte nur, was er selbst billigte; ja er arbeitete 
die Romane und Novellen, die er herausgab, vdllig durch, mitunter um; 
er lernte noch in den neunziger Jahren sogar Danisch, um die Ubersetzungen 
aus dem D&nischen selbst kontrollieren und — verbessern zu kOnnen. Eine 
ganze Reihe Autoren hat er auf diesem Gebiet wie auf anderen entdeckt, 
herangezogen, geffirdert: Charlotte Niese, Wilhelm Speck, Max Allihn (Fritz 
Anders), Wette (Krauskopf), die Dinen BrOndstedt, Bauditz u. a., Max Gdhre, 
Carl Jentsch, G. Wustmann, A. Philippi, Moritz Busch, dessen Buch »Graf 
Bismarck und seine Leute« bei seinem ersten Erscheinen 1878 so grofies Aufsehen 
gemacht hatte und G., als er es nach dem Tode des Kanzlers mit wesentlichen Zu- 
satzen aus dem deutschen Original sowie aus spateren Aufzeichnungen und 
mit erginzenden Anmerkungen 1899 zum zweiten Male herausgab (»Tagebuch- 
blatter«, drei Bande) in einen heftigen Federkrieg mit der sog. »Bismarck- 
presse* verwickelte. Wie ihn diese Polemik als gewandten und seines guten 
Rechts sich ^ewufiten, schneidigen Fechter zeigte, so war er auch, soweit 
ihm das die Zeit erlaubte, ein feinsinniger Novellist, und er hatte im An- 
schlufi an Wustmann sich in die deutsche Grammatik so hineingearbeitet, 
dafi er es wagen konnte, 1905 ein » Gramma tisches Nachschlagebuch* als 
Wegweiser (in alphabetischer Anordnung) herauszugeben. Ganz aufierordent- 
liche Sorgfalt wandte er auf die solide und geschmackvolle Ausstattung 
seiner Bucher; er ist in dieser Beziehung bahnbrechend gewesen. Seine 
dritte Aufgabe, das grofie Kommissionsgeschaft von Fr. L. Herbig zu leiten, 
stand ihm innerlich ferner. 

Denn was er trieb, das faflte ihn ganz innerlich, daran nahm er einen 
tief gemiitlichen Anteil. Denn er war Sanguiniker und Idealist durch und 
durch, herzlichen Anschlusses bediirftig, und ein treuer Freund, ein liebevoller 
Gatte und Vater, in seiner &ufieren Erscheinung halb Kiinstler, halb Offizier, 
ein hochgewachsener stattlicher aufrechter Mann, aus dessen blauen Augen 
unter den buschigen Brauen, der hohen, freien Stirn, dem vollen aufbSumen- 
den weiflen Haar und dem dichten Schnurrbart seine ganze energische ge- 
schlossene Persftnlichkeit sprach. Er war kein Mann fur ausgebreitete Ge- 



Grunow. Auspitz. -?g 

selligkeit; am glucklichsten fiihlte er sich in seinem behaglichen, geschmack- 
voll ausgestatteten Hause auf der Inselstrafie, in das er spater auch sein Geschaft 
(aus dem alten Weidmannschen Hause, Konigsstrafie) verlegte, und in einem 
kleinen Kreise seiner Freunde. In seiner Jugend war er viel gereist und ge- 
wandert; spater suchte er sommerliche Erholung am liebsten im oberbayerischen 
Gebirge, in der Ramsau, in Partenkirchen. Fast zufallig kam er einmal mit 
seiner Frau an die oberitalienischen Seen und nach Venedig, dessen Zauber 
beide fast iiberwaltigte. Aber zu Anfang d. J. 1902 trat ein altes Nieren- 
leiden mit solcher Macht auf, dafi die Arzte ihn aufgaben. Er kampfte es 
noch einmal nieder, aber er verlegte seinen Wohnsitz in den anmutigen Vor- 
ort Leutzsch, Nach Leipzig kam er seitdem niemals wieder, weder sein 
Geschaft noch den Thiiringer Hof hat er je wieder betreten. Aber er 
arbeitete unermudlich als Redakteur, Verleger und Schrifts teller, und er setzte 
seine letzte Kraft an sein Grammatisches Nachschlagebuch. Als er es voll- 
endet hatte, versammelte er noch einmal in scheinbarer Riistigkeit zur Feier 
seines 60. Geburtstages einige Freunde um sich. Es war das letztemal. 
Sein Leiden kehrte bald danach mit verstarkter Kraft wieder, und iiber- 
waltigte endlich auch diese starke Natur, deren rasch zunehmenden Verfall 
jeder, der ihn noch auf einige Minuten besuchen durfte, mit Bangen beob- 
achtete. In der ersten Friihstunde des 1. April 1906 verschied J. Gr. nach 
schwerem Kampfe, und am 1. Dezember folgte ihm seine treue, schon 
langst leidende Lebensgefahrtin in den Tod. 

An Literatur ist, abgesehen von dem Erinnerungsheft vom 1. Oktober 1891, 
nichts vorhanden als ein paar kleine Aufsatze in den »Grenzboten« 1906, Nr. 18, 
und in den »Deutschen Buchhandelsblattern* von 1906, 9. Heft. Das meiste in 
der vorstehenden Skizze stammt also aus den personlichen Erinnerungen des 
Verfassers, der G. seit 1874 als Mitarbeiter, seit 1891 auch als Freund nahe 
gestanden hat. Otto Kaemmel. 

Auspitz, Rudolf, * 1837, f IO - M * rz I 9°6» ein hervorragender oster- 
reichischer Industrieller und Abgeordneter, studierte an der Technischen 
Hochschule in Wien und trieb dann mathematische und naturwissenschaft- 
liche Studien in Berlin und Paris. Er errichtete in Mahren eine grofie 
Zuckerfabrik und wurde im Jahre 187 1 in den mahrischen Landtag und 1873 
in das Abgeordnetenhaus des Osterreichischen Reichsrats gew&hlt. Er war 
einer der begabtesten Abgeordneten, die infolge der Neuwahlen von 1873 
in den Reichsrat kamen, er hatte ein ungewohnlich scharfes Denken, wie er 
denn auch ein ausgezeichneter Mathematiker war, er erkannte in alien Fragen 
sofort den wirklichen Kern der Sache, ging mit seiner geschlossenen Argu- 
mentation immer auf das Hauptziel los und verstand es, die schwierigsten 
finanziellen und wirtschaftlichen Probleme klar und deutlich darzustellen. 
Er war nicht gerade ein glanzender Redner, sprach aber immer sehr wirkungs- 
voll, der Zuhorer hatte immer den Eindruck, dafi er von seiner Rede etwas 
lerne, seine Prazision hatte manchmal etwas Schroffes, das lag in seiner 
etwas doktrinaren Natur. Er war ein iiberzeugter Liberaler der alten Schule, 
politisch und wirtschaftlich. Die Generation, welche ihre politische Bildung 
in der ersten Halfte der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts erhalten 
hatte, hing mit einem gewissen Idealismus an den liberalen Ideen und be- 



AQ Auspitt. 

wies oft ein fast dogmatisches Festhalten an ihren Grunds&tzen. Sie stand 
daher den spateren Strdmungen meistens ablehnend gegenuber, so erhielt 
sie einen konservativen Zug und wurde natiirlich bei den neuen Wahler- 
schichten, welche von ganz andern Auffassungen ausgingen, unpopular. Er 
hatte in diesen Dingen den Mut seiner Uberzeugung und liefi sich weder 
einschiichtern, noch zu Transaktionen bestimmen. Er machte nicht Oppo- 
sition urn des popularen Be if alls willen, er hielt darum fest zum Ministerium 
Lasser-Auersperg, er wufite den Wert einer deutschfreundlichen Regierung 
fiir die mahrischen Verhaltnisse zu schatzen, er trennte sich mit mir von der 
Partei in der bosnischen Frage, weil er den Kampf gegen die Okkupation 
und gegen den Berliner Vertrag als sch&dlich fur die Reichspolitik und als 
gefahrlich fiir die Zukunft der Partei ansah. In wirtschaftlichen Dingen war 
er ein theoretischer Freihandler, Anh&nger der Goldw£hrung, alles Dinge, die 
den damaligen Tagesstrbmungen entgegengesetzt waren. 

Er war in alien steuerpolitischen Fragen eine allgemein anerkannte 
Autoritat und konnte hier auf Erfolge hinweisen, wie sie manchmal ein 
leitender Minister, hdchst selten aber ein einzelner Abgeordneter erringt. 
Er war selbst Zuckerfabrikant, kannte daher den Vorteil, welchen das alte 
Pauschalsystem und die ExportprSmie der Industrie sicherten, ganz genau, 
wandte sich aber mit der ihm eigenen Uneigennutzigkeit gegen diese Ein- 
richtungen. Er hat tatsachlich die Reform der Osterreichischen Zuckersteuer- 
gesetzgebung ges chaff en. Seinem unablassigen Bemilhen war die erste Reform 
der Zuckersteuer zu verdanken, die Abanderung des Pauschalmafistabes und 
die steigende Kontingentierung des Netto-Ertragnisses, die eine allm&hliche 
Herabsetzung der Pramiensumme bedeutete, und der zweite noch groflere 
Schritt, die Einfiihrung der Produkten- (Fabrikat*) Steuer, ist ausschliefilich aus 
seiner Initiative hervorgegangen. Sein Feldzug gegen das alte Pauschal- und 
Pramiensystem, das bekanntlich einmal sogar den Staat auf die Zuckersteuer 
mehrere tausend Gulden darauf zahlen liefi, und sein schliefilicher Erfolg 
sichern ihm einen unverg&nglichen Platz in der dsterreichischen Finanz- 
geschichte. 

Noch ein anderes Mai griff er grundlegend und neu schaffend in die 
6sterreichische Steuergesetzgebung ein. Er war von jeher ein warmer An- 
hanger der Personal einkommensteuer gewesen und das Reformprojekt der 
Siebzigerjahre fand seine kraftigste Unterstutzung; dafi es nicht zustande kam, 
lag bekanntlich an anderen Verhaltnissen. Als am Anfang der Neunzigerjahre 
wieder eine Steuerreform vorlag, war der auf die Einkommensteuer bezugliche 
Teil ziemlich den Beschlussen des alten Steuerausschusses, an welchem 
A. einen hervorragenden Anteil genommen hatte, nachgebildet, dagegen 
war fiir die Erwerbsteuer ein h5chst schwerfalliger TariiE projektiert, die 
Nachlasse blieben unbestimmt und fiir gewisse Erwerbsteuertr&ger war auf 
Grund von Bekenntnissen der wirkliche Ertrag zu veranlagen. Man war 
allgemein damit unzufrieden, allein die Meinungen dariiber, was an die Stelle 
des Entwurfes zu setzen sei, gingen weit auseinander. Die Wiener Handels* 
kammer veranstaltete eine Enquete, und A. war der Referent fiir die 
allgemeine Erwerbsteuer. Er beantragte die Beseitigung des Tarifs, der Ver- 
anlagung auf Grund des wirklichen Ertrages, der Unbestimmtheit der Nach- 
l&sse, dafiir die Bildung von Erwerbsteuerklassen, die wieder in Steuergesell- 



Auspitz. a I 

schaften zerfielen, und hier schlug er mit neuerlicher Betatigung seiner 
Uneigenniitzigkeit vor, dafl die grOfieren Erwerbsteuertrager, trotz ihrer vor- 
aussichtlichen starken Heranziehung zur Personaleinkommensteuer, im grofien 
und ganzen an allgemeiner Erwerbsteuer ebensoviel, die mittleren Erwerb- 
steuertrager aber durchschnittlich etwas weniger und die kleinen Erwerb- 
steuertrager wesentlich weniger als bisher an Erwerb- und alter Einkommen- 
steuer erster Klasse zu entrichten haben. Diese leitenden Satze wurden 
nicht blofi vom Handelskammertag, sondern auch vom Steuerausschufi des 
Abgeordnetenhauses angenommen, so dafl die ganze Struktur des ersten 
Hauptstuckes der Personalsteuern iiber die allgemeine Erwerbsteuer eigentlich 
das Werk A.s ist. 

Auf seine Anregung wurde im mahrischen Landesbudget die alte un- 
klare Fondsverrechnung beseitigt und eine moderne Form des Landesvoran- 
schlages hergestellt. 

Trotz seiner vielfachen geschaftlichen und dffentlichen Tatigkeit trieb er 
mit Eifer wissenschaftliche Studien; er veroffentlichte, in Gemeinschaft mit 
R. Lieben, ein gelehrtes Buch iiber die Theorie des Preises (Leipzig 1889), 
welches die Anwendung der hoheren Analyse auf nationalokonomische Lehr- 
satze unternahm. Der nationalokonomische Inhalt des Buches steht wesentlich 
auf der Grundlage der Lehren Ricardos, Hermanns und insbesondere Jevons', 
und stimmt vielfach mit der modernen osterreichischen Werttheorie und Lehre 
vom Grenznutzen uberein. Durch ein scharfsinniges System von Kurven und 
analytischen Formeln wird der Satz, dafi der Preis sowohl der Niitzlichkeit 
des letzten gekauften Teilchens, als den Kosten des letzten verkauften Teil- 
chens gleich ist, nach alien Richtungen und fur verschiedene Einzelfalle 
illustriert. Menge, Nachfrage, Kosten, Nutzlichkeit, Lebensgenuss, Besteuerung 
werden in ein reichhaltiges Koordinatensystem gebracht. Die ganze Arbeit 
ist mit ungewohnlichem Scharfsinn und grofier Exaktheit durchgefuhrt. Die 
mathematische Methode wendet sich an einen so kleinen Teil der National- 
okonomen, dafi der aufiere Erfolg solcher Werke nicht im Verhaltnis zu der 
aufgewendeten geistigen Arbeit steht. Bei Fachgelehrten fand das Buch 
allgemeine Anerkennung und gilt als eine wertvolle Bereicherung der mathe- 
matischen Volkswirtschaftslehre. 

Er war ein Mann von treuer Gesinnung und grofier Zuverlassigkeit. Fur 
wohltatige und allgemeine Zwecke war er von einer beispiellosen Freigebig- 
keit und grofimiitigen Opferwilligkeit. Ein schoner interessanter Zug aus 
seinem Leben wurde erst bei seinem Begrabnis bekannt. A. war ein 
"^grofier Zuckerfabrikant, schlofi sich aber dem damals bestehenden Zucker- 
kartell nicht an, das er aus theoretischer Uberzeugung und aus allgemeinen 
Erwagungen nicht billigte. Der hohe Zuckerpreis im Inlande, der eine Folge 
des Kartells war, kam ihm aber als Verkaufer des Artikels geradeso zugute 
wie den Kartellteilnehmern, er strich aber den Kartellgewinn nicht ein, 
sondern iiberwies ihn jahrlich dem Pensionsfonds der Angestellten der 
Zuckerindustrie. Der Prasident des Riibenzuckervereins teilte in seiner 
Grabrede diese uneigenniitzige Handlungsweise A.s der Trauerversammlung 
mit, die begreiflicherweise davon auf das lebhafteste beriihrt wurde. Person- 
lich war er bediirfnislos und von grofier Schlichtheit, immer bereit, anderen 
zu helfen, ohne ein Wort des Dankes zu verlangen, oft auch ohne die Be- 



42 Auspitr. Heyd. 

treffenden nur wissen zu lassen, von wem die UnterstQtzung ausgegangen 
war. Alle, die ihm naher standen, sch&tzten seine edlen Eigenschaften hoch. 
Sein letztes, langes Leiden trug er mit grofler Geduld und wahrer Seeleh- 
grofle; trotz der groflen Schmerzen, die er litt, kam keine Klage, keine Auf- 
lehnung von seinen Lippen. Er wird seinen Freunden immer im Ged&chtnis 
bleiben als ein guter Mensch, ein starker Denker und ein treuer Freund. 

E. Plener. 

Heyd, Wilhelm, Bibliothekar, Historiker, * in Markgrdningen, Wurttemberg 
23. Oktober 1823, f in Stuttgart 19. Februar 1906. Die Neigung zur 
Geschichte brachte H. schon aus dem Vaterhause mit. Er war der Sohn des 
Stadtpfarrers Ludwig Heyd in Markgrdningen, der durch eine dreib&ndige 
Geschichte des Herzogs Ulrich und andere Schriften zur wiirttembergischen 
Geschichte sich verdient gemacht hat. (A. D. B. XII, 345.) Gleich dem 
Vater, den er schon mit 19 Jahren verlor, war er zur Theologie bestimmt 
und durchlief die evangelischen Seminarien in Blaubeuren und Tubingen. 
Doch neben der Theologie und mehr als diese fesselten ihn schon auf der 
Universitfit historische Studien. Fleiflig Qber den Buchern sitzend, gait er 
friihzeitig unter den Genossen als ein Ausbund von Gelehrsamkeit, ohne dafl 
er in frdhlicher Gesellschaft ein Spafiverderber gewesen wire. Sein erster 
literarischer Versuch — damals war er Repetent am Tubinger Stift — war 
ein Aufsatz in Biedermanns »Germania« von 185 1 iiber die Mischungen deut- 
scher St£mme mit den Vftlkern des rOmischen Westreichs. Im Herbst 1852 
wurde ihm sein Wunsch einer lingeren Studienreise nach Italien erfiillt. Die 
Reise ging iiber Rom nach Neapel, von wo er im November nach Rom zu- 
riickkehrte, um hier noch den Winter zu verbringen. Fleiflig wurden Kirchen, 
Galerien und Ruinenst&tten besucht, mehr noch Bibliotheken und Archive. 
Er ist auf dieser Reise mit manchen Beriihmtheiten der Gelehrtenwelt bekannt 
geworden. In Rom entspann sich die Freundschaft mit Gregorovius, die 
durch verwandte Studien und durch wiederholte Besuche des r&mischen Ge- 
schichtschreibers in Stuttgart befestigt wurde. Er machte damals aber auch 
die Bekanntschaft Scheffels und wurde, wie er selbst im »Schw8b. Merkur« 
(2. Mai 1886) erzShlte, durch diesen in die Gesellschaft eines lustigen Maler- 
kreises eingefuhrt. Man zog zusammen in die Campagna hinaus, streifte durch 
die Via Appia oder wartete in den Osterien am Monte Testaccio beim Torna- 
rellowein den Anbruch der Mondnacht ab. Ende Dezember aber wurde ein 
gemeinschaftlicher Ausflug in die Sabiner Berge gemacht, nach Palestrina, 
Gennazzano, Olevano, wo in der Casa Baldi die Neujahrsnacht mit improvi- 
sierten lebenden Bildern gefeiert wurde. Auch Scheffel hat in den Episteln 
an seine Heidelberger Freunde (1892) in lebhaften Farben jene glucklichen 
rSmischen und sabinischen Tage geschildert und dabei von »Herrn Wilhelm 
Heydt, Doktor der Gottesgelahrsamkeit und Repetent am Stift zu Tubingen* 
ein launiges Konterfei entworfen. 

Die Reise war zu allgemeinen Bildungszwecken unternommen worden. 
Erst im Laufe derselben nahmen H.s Studien eine bestimmtere Richtung auf 
die Handelsgeschichte Italiens im Mittelalter. Er brachte u. a. die Erkenntnis 
nach Hause, da8 unter den Stadten Italiens Genua von der Geschichtschreibung 
vernachlassigt sei, dafi seine altere Verfassungsgeschichte noch im argen liege 



Heyd. 43 

und dafl die Stadt als See- und Kolonialmacht nicht nach Verdienst gewiirdigt 
werde. Und bei naherer Betrachtung stellte sich heraus, dafi iiberhaupt die 
Seestadte Italiens, auch das meistbehandelte Venedig bis dahin einer urkund- 
lich fundamentierten Geschichte ihrer iiberseeischen Besitzungen entbehrten. 
Um zunachst in jene Liicke einzutreten, schrieb H. die Untersuchungen iiber 
die Verfassungsgeschichte Genuas bis 1200, die 1854 in der Tiibinger Zeit- 
schrift fur die ges. Staatswissenschaften verGffentlicht wurden. Die Repetenten- 
stelle am Stift, die ihm Gelegenheit zu kirchengeschichtlichen Vorlesungen gab, 
bekleidete er noch bis 1856. In diesen und den folgenden Jahren entstanden 
die Studien iiber die Kolonien der romischen Kirche in den Kreuzfahrerstaaten 
und in den von den Tataren beherrschten Landern, die 1856 und 1858 in 
der Zeitschrift fur historische Theologie erschienen. Im Jahre 1856 war er 
zum Diakonus in Weinsberg ernannt worden. Doch schon im folgenden 
Jahre, als Franz Pfeiffer nach Wien ging, rief ihn mit sicherem Blick der 
altere Stalin nach Stuttgart an die Konigl. offentliche (jetzt Landes-) Biblio- 
thek. Im Jahre 1865 ruckte er an die Stelle von Hermann Hauff vor und 
1873 nach St&lins Tod ward ihm die Oberbibliothekarstelle zuteil, die er 
durch 24 Jahre, bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1897, bekleidete. 

Mit dem Austritt aus dem Kirchenamt und dem Obergang zur Bibliothek 
hatte er nun freie Bahn fur wissenschaftliche Arbeit in groBerem Stil. Seit- 
dem der Franzose Depping eine Geschichte des Handels zwischen dem 
Morgenland und Europa veroffentlicht hatte (Paris 1830) lag neues urkuncl- 
liches Material in Fiille vor. Eben hatten (seit 1856) zwei Deutsche, G. L. 
F. Tafel und G. Thomas begonnen, Urkunden zur alteren Handels- und Staats- 
geschichte Venedigs herauszugeben. Die Verwertung dieses Materials iiber- 
liefien sie dem jungen Gelehrten und bestarkten ihn in dem Vorsatz, eine 
zusammenhangende Geschichte des Levantehandels zu schreiben. H. unter- 
nahm dies zunachst in einer fortlaufenden Reihe von Abhandlungen iiber die 
Handelsbeziehungen der italienischen Stadte mit dem byzantinischen Reich, 
die er von 1858 bis 1865 in der Tiibinger Zeitschrift fur Staatswissenschaft 
veroffentlichte. Sofort erregten diese Abhandlungen Aufsehen in der wissen- 
schaftlichen Welt Italiens. Sie erschienen in italienischer Ubersetzung und in 
Buchform als Teil 6 und 13 des Sammelwerkes Nuova collezione di opere 
storiche, bearbeitet von Prof. Joseph Miiller in Padua unter dem Titel: 
Le colonic commerciali degli Italiani in Oriente (2 Vol. Venezia e Torino, 
i860 — 1868). Diesem Buch verdankte H. dauernde fruchtbringende Verbindungen 
mit Gelehrten jenseits der Alpen. Soldier Erfolg ermunterte ihn aber, seine 
Arbeit auch Deutschland in gereifterer Form darzubieten. Er konnte darauf 
rechnen, das Interesse eines grofieren Publikums zu gewinnen, wenn der Plan 
erweitert, wenn er auf die Handelsbeziehungen der ganzen romanisch-ger- 
manischen Welt zum Orient ausgedehnt wurde, wobei immerhin Italien der 
Vorrang blieb. Die Urkundensammlungen der Seestadte, die Chroniken der 
Kreuzzuge, die Reise- und Tagebiicher der Jerusalempilger, wie der arabi- 
schen Reisenden, Statuten und Kaufmannsbucher, Handelstraktate, Miinz- und 
Inschriftenfunde, das alles wurde beigezogen, um das Gemalde zu vervoll- 
standigen. »Ich wollte alle Statten, welche dem Levantehandel als Herde 
und Stiitzpunkte dienten, verzeichnen, das ganze Netz der kontinentalen 
Handelswege, die Schiffahrtsstrafien, die Handelsobjekte, das Zoll- und Ab- 



44 Heyd. 

gabenwesen usw. schildern. Bei all diescr Arbeit hielt ich mir vor, wie 
wahr der Ausspruch Baumgartens ist, dafl die wahre Kraft und Bedeutung 
der Geschichte erst hervortritt, wenn sie durch weite R&ume dahinschreitet 
und an grofien Stoffen arbeitet.« So entstand H.s Hauptwerk: » Geschichte 
des Levantehandels im Mittelalter« (2 Bde., Cotta 1877 — 1879), das seinen 
wissenschaftlichen Ruf fest begriindet hat. Mit sicherer Beherrschung des 
weitschichtigen Stoffes und bis ins kleinste sorgf&ltig ausgefuhrt, von den 
Fachgenossen als »wahrhaft klassisches Werk« anerkannt, gilt es bis auf den 
heutigen Tag als bahnbrechend und grundlegend fur diesen wichtigen Zweig 
der mittelalterlichen Geschichte. Die zweite, franzOsische Ausgabe, von dem 
Grafen Paul Riant als Vorstand der Sociiti de VOrient latin veranstaltet 
(Leipzig 1885 — 1886) hat H. selbst mit zahlreichen Verbesserungen und Er- 
weiterungen ausgestattet. Der Obersetzer Furcy Raynaud in Luxemburg, der 
die grofien deutschen militargeschichtlichen Werke tiber den deutsch-franzd- 
sischen Krieg iibersetzt hatte, ruhmte an H. besonders den angenehmen Stil, 
die Klarheit des Satzbaues, was die Arbeit dieser Ubertragung viel leichter 
gemacht habe, als bei vielen anderen. Neben diesem Hauptwerk entstanden 
zahlreiche kleinere Monographien und Aufs&tze, in denen H. seine Forschungen 
in diesem Gebiet weiter ausdehnte. Fiir das Staatslexikon von Rottek und 
Welker schrieb er den Artikel » Venedig*. In Sybels Historischer Zeitschrift 
erschien 1874 eine Abhandlung liber das Haus der deutschen Kaufleute in 
Venedig. Als Festschrift zum Tubinger UniversitStsjubilSum 1877 verSffent- 
Iichte er neue Beitr£ge zur Geschichte des Levantehandels. Andere Aufsatze, 
sowie Rezensionen verwandter Arbeiten erschienen in den GSttinger Gel. 
Anz., in den Sitzungsberichten der bayr. Akademie d. Wiss., im Literar. 
Zentralbl., in der Allg. Zeitung usw. Flir die Allg. D. Biogr. behandelte er 
eine Reihe von Orientfahrern und von schw&bischen Landsleuten. 

Inzwischen fuhrte er an seiner Bibliothek ein stilles Gelehrtenleben. 
Merkwurdigerweise hat er nie-wieder Italien aufgesucht. Vergebens lockte 
Th. Elze, der im Jahre 1842 in Tiibingen studiert und sich mit H. eng be- 
freundet hatte, nach der bella Vtnezia. >Hat diese Zauberin es Dir denn gar 
nicht angetan? Und summt Dir die grofie Glocke von San Marco gar nicht 
ins Ohr: komm wieder, komm wieder?« Als Ersatz fuhrte H. einen ausge- 
breiteten Briefwechsel mit Gelehrten aller Kulturlftnder, die ihm Notizen, 
Kopien, auch Berichtigungen zutrugen, Anfragen an ihn richteten, Schwieriges 
oder Streitiges mit ihm erOrterten. Er gait als Autoritat, von weither wurde 
sein Rat begehrt. Aufier den schon erw&hnten Namen, seien unter seinen 
zahlreichen Korrespondenten und Mitarbeitern noch genannt: Desimoni und 
Belgrano in Genua, Ghinzoni in Mailand, Cipolla in Turin, G. Berchet und 
Graf Soranzo in Venedig, Guasti in Florenz, Schlumberger in Paris, Wiisten- 
feld in Gdttingen, Stieda in Rostock, T. Tobler und ROhricht in Berlin, 
A. Schulte in Breslau, Fluckiger in Strafiburg, D. Schafer in Tubingen, Simons- 
feld in Munchen, Neumann und Karabacek in Wien, Bruun in Odessa, Kunik 
in Petersburg. Ehrungen fur seine wissenschaftlichen Leistungen sind H. von 
den verschiedensten Seiten zuteil geworden. Mitglied der Geschichtsvereine 
in Genua und in Venedig seit 187 1 und 1876, wurde er von der bayr. Aka- 
demie der Wiss. 1879, von der Numismatischen Gesellschaft in Wien 1880 
zum korrespondierenden Mitglied erwahlt. Orden und Titel spendete die 



Heyd. Lemayer. 45 

Regierung des Landesherrn. Die philosophische Fakultat in Tubingen ver- 
lieh ihm 1876, die staatswissenschaftliche im Jahre 1893 den Doktorgrad 
honoris causa. 

Zum Abschlufl seiner handelsgeschichtlichen Arbeiten boten sich ihm 
kleinere Stoffe, die ihm als Siiddeutschen nahe lagen. Er untersuchte die 
Handelsbeziehungen schwabischer Stadte im Mittelalter mit Italien und 
Spanien, mit Genf und Lyon, und veroffentlichte die Ergebnisse dieser Unter- 
suchungen 1880, 1884 und 1893 in den Wurttemberg. Vierteljahrsh. und in 
den Forschungen zur deutschen Geschichte. Als eigene Schrift erschien 1890: 
Die grofie Ravensburger Gesellschaft, worin die Beziehungen eines deutschen 
Grofikaufmannshauses des 14. Jahrhunderts, Vorlaufer der Welser und Fugger, 
urkundlich dargelegt waren. H.s letzte Arbeiten hingen enger mit seinem 
Beruf als Bibliothekar zusammen, dem er unbeschadet seiner gelehrten Nei- 
gungen mit grdflter Gewissenhaftigkeit und Punktlichkeit nachkam. Mit 
seinem iiberlegenen Wissen und seiner Biicherkenntnis verband er eine Freund- 
lichkeit und Humanitat im personlichen Verkehr, die jedem Beniitzer der ihm 
anvertrauten Biicherei bereitwilligst entgegenkam und ihn in seinem Anliegen 
fflrderte, Seinen Fleifi aber wandte er vornehmlich dem wichtigen und zeit- 
raubenden Geschaft der Katalogisierung zu. Von seiner Hand ist der Kata- 
log der historischen Handschriften der Bibliothek in 2 Banden fertiggestellt 
worden (1889 — 1891). Kaum war diese Arbeit getan, so bearbeitete er im 
Auftrage der wurttembergischen Kommission fur Landesgeschichte, der er 
seit ihrer Einsetzung im Jahre 1890 als ordentliches Mitglied angehGrte, die 
Bibliographic der wurttembergischen Geschichte (2 Bde., 1895 und 1896); 
ein iiberaus verdienstliches Werk; ftir alle, die sich irgendwie mit Gegen- 
standen aus der wurttembergischen Geschichte im weitesten Umfange be- 
schaftigen, ein unentbehrliches, zuverlassiges Nachschlagewerk. Und uner- 
miidlich bis in sein hohes Alter gab er im Auftrag derselben Kommission 
im Jahre 1902 aus den Handschriften der Bibliothek den literarischen und 
kiinstlerischen Nachlafi des wurttembergischen Baumeisters und Ingenieurs 
Heinrich Schickhardt heraus, den man den »strengsten der deutschen Re- 
naissancearchitekten«, andere wegen seiner Vielseitigkeit ein Gegenstiick zu 
Lionardo da Vinci genannt haben. Damals lebte H., bereits vom Amt ent- 
bunden, in volliger Zuriickgezogenheit, ausruhend von der Arbeit langer Jahre. 
Eine grundgediegene Natur, schlicht und bescheiden, in sich gekehrt, aber 
voll Treue und Wohlwollen, freundlich und hilfreich, so wird er alien, die 
mit ihm verkehrt haben, im Gedachtnis bleiben. 

Nekrolog im »Schwabischen Merkur«, 22. Februar 1906. Hermann Fischer in der »Frank- 
furter Zeitung«, 25. Februar 1906. Heyds schriftlicher Nachlafl in der Stuttgarter Bibliothek. 

W. Lang. 

Lemayer, Karl Freiherr von, Dr. juris et philosphiae, • Boskowitz in 
M&hren 13. Mai 1841, f Baden bei Wien 13. Mai 1906, k. u. k. Geheimer Rat, 
zweiter President des k. k. Verwaltungsgerichtshofes in Wien, Pr&ses der 
staatswissenschaftlichen Staatsprufungskommission in Wien, lebenslangliches 
Mitglied des Herrenhauses, Ritter des Ordens der Eisernen Krone erster 
Klasse, Besitzer des dsterreichisch-ungarischen Ehrenzeichens fiir Kunst und 



46 Lemayer. 

Wissenschaft und der Ehrenmedaille fur 4ojahrige treue Dienste, Ritter des 
kaiserl. russischen Annen-Ordens zweiter Klasse. 

L. gehort zu den Persdnlichkeiten, die auf die staatliche Entwicklung in 
Osterreich bestimmend einwirkten. Er war eine seltene Erscheinung nach 
seinen geistigen Eigenschaften. Ein einzig dastehendes Ereignis war es, dafl er 
— in der Stellung als blofler Staatsbeamter — die Anregung zur grunds&tz- 
lichen Umgestaltung staatlicher Einrichtungen gab und verwirklichte. Kaum 
jemals ist einem Staatsbeamten eine so wichtige Rolle in der offentlichen 
Wirksamkeit zugefallen. 

L. war einer der fruchtbarsten Geister, die Osterreich hervorbrachte; 
er war zugleich ein Sturmbock fiir die Durchsetzung moderner Kultur- 
bestrebungen in Osterreich. Deshalb ragte er in den Kreisen, den er als 
Staatsbeamter jeweils angehorte, hoch fiber alle seine Genossen hervor; des- 
halb wurde er denn auch nicht selten in der scharfsten Art angefeindet; es 
wurde sein Wirken und seine- Personlichkeit verkleinert, ja es wurde sogar 
von interessierter Seite das Erloschen dieser schOpferischen Kraft mit Freude 
begrfiflt. Aber eben dafi er sich fiber das Niveau des Alltags hoch erhob 
und im Dienste hehrer Ideen Grofies hervorbrachte trotz aller Wider- 
stande, das war sein unvergangliches Verdienst. Er wirkte ebenso stark 
durch seine kraftvolle Personlichkeit, als durch seine eingreifende TStigkeit. 
In hervorragenden Einzelleistungen, wie in unablassiger Arbeit im Getriebe 
der Verwaltung und der Rechtsprechung, in wissenschaftlicher Bet&tigung, 
wie im praktischen Wirken — in alien diesen Richtungen zeigte er eine 
seltene Willensstarke und Entschlossenheit, strengste Sachlichkeit, Originalit&t 
und Unerschfitterlichkeit; so erzielte er nicht nur Individualerfolge, sondern 
wirkte auch vorbildlich. Er war nicht nur Gelehrter im besten Sinne des 
Wortes, sondern auch hervorragender Staatsmann, der auf Gegenwart und 
auf Zukunft des offentlichen Lebens Osterreichs Einflufl zu fiben verstand. 
Wenn einstens eine pragmatische Geschichte der geistigen Entwicklung Oster- 
reichs in staatlicher Beziehung wfihrend der letzten ftinfzig Jahre geschrieben 
werden sollte, dann wird der Name L.s als eines der Manner genannt 
werden mfissen, die die Einfuhrung moderner Grundsatze in die staatliche 
Verwaltung Osterreichs machtig fdrderten. 

L. war von erstaunlicher Vielseitigkeit. Kein Gebiet des Wissens und 
der Kunst ist diesem stets regsamen, gewaltigen und erhabenen Geiste fremd 
geblieben. Den geistigen Eigenschaften L.s entsprach seine aufiere Er- 
scheinung: eine fibermittelgrofie Statur, der KGrper niemals gebeugt, sondem 
hochaufgerichtet, sein Gang ein hoher und wfirdevoller, sein Blick immer 
nach aufwarts gewendet. Sein mannlich ernster, schoner Kopf, die Festigkeit 
in seinem Gesichtsausdrucke sind in dem von dem Professor und Medailleur 
Stefan Schwarz in Metall ausgearbeiteten Bildnisse, das ihm aus Anlafi 
seines vierzigjahrigen Dienstjubilaums am 9. Mai 1904 von den Mitgliedern 
des Verwaltungsgerichtshofes verehrt wurde, sprechend wiedergegeben. Seine 
grofie Bedeutung fiir das moderne Osterreich wurde nicht nur in dem vor 
seinem Tode erschienenen schSnen Artikel Burckhards in der »Zeit« vom 
8. Mai 1904, Nr. 579 (abgedruckt in dem Buche »Quer durch Leben und 
Juristerei«, Wien 1905), sondern auch in zahlreichen Nachrufen gewfirdigt. 
Von diesen sei insbesondere hingewiesen auf den Nekrolog des Professors 



Lemayer. 47 

Dr. Redlich in dem Wiener Tagesjournal »Die Zeit« vorn 16. Mai 1907, auf 
die warmen Worte, die der langjahrige Freund L.s, Ernst von Plener, in 
einer Sitzung der Verfassungspartei des Herrenhauses sprach (»Wiener Zeitung« 
vom 17. Mai 1907), auf den Nachruf des Grafen Schonborn in der »Neuen 
Freien Presse« vom 15. Mai 1906, auf den »Wiener Brief« in der »Breslauer 
Zeitung* vom 20. Mai 1906, ferner auf die Artikel in der »Osterreichischen 
Gerichtszeitung«, 1906 Nr. 20, und im »Osterreichischen Verwaltungs-Archiv« 
(V. Jahrgang, Seite 33 ff.), worin namentlich die Wirksamkeit L.s als Ober- 
richter gewiirdigt wird, endlich auf den Nachruf Herrnritts, in der »Osterr. 
Rundschau« (VII. Band, Seite 199 ff.). Wie weit verbreitet die Wertschatzung 
dieses seltenen Mannes war, zeigte sich in der aufierordentlichen Teilnahme 
an dem Leichenbegangnisse, das am 16. Mai 1906 in der Augustinerkirche 
in Wien stattfand. 

Er wurde als Sohn Karl L.s,- der damals Stadtsyndikus war und spater 
hohe Stellungen im staatlichen Gerichtsdienste einnahm, und der Antonie L. 
(vormals Menzel) geboren. Die ersten Kinderjahre verbrachte er in seinem 
Geburtsorte und zog dann nach Neutitschein und Iglau, wo er die Volks- 
schule besuchte. Drei Klassen des Untergymnasiums legte er in Briinn 
zuriick, von wo er an das deutsche Gymnasium in Ofen kam, nach welchem 
Orte sein Vater als Oberlandesgerichtsrat versetzt wurde. Das erste Semester 
der juristischen Studien absolvierte er an der Pester Universitat, die iibrige 
Studienzeit aber an der Wiener Universitat, wo er 1862 die juristischen 
Studien beendigte. In diesem Jahre befiel ihn eine schwere Lungenerkran- 
kung, von der er sich nach zwei Jahren erholte, jedoch nicht ohne dafi seine 
Gesundheit dauernd geschwacht blieb. Nachdem er einige Zeit in einer 
Advokatenkanzlei in Wien als Konzipient tatig gewesen war, trat er im Jahre 
1864 bei der Finanzprokuratur in Briinn in den Staatsdienst. Im Jahre 1866 
liefi er sich zur Finanzprokuratur nach Wien versetzen; er wurde im Jahre 
1868 Juristenprafekt am Theresianum, welche Stelle er in den folgenden 
Jahren neben angestrengter amtlicher Tatigkeit versah. Im August 1869 
unter dem Minister Hasner zum Ministerial-Konzipisten im Ministerium fur 
Kultus und Unterricht ernannt, ruckte er 1870 zum Ministerialsekretar, 1871 
zum Sektionsrat, 1874 zum Ministerialrat vor und erhielt im Jahre 1876 den 
Titel und Charakter eines Sektionschefs. Eine effektive Sektionschefstelle 
erlangte er in diesem Ministerium nicht, obschon er durch fiinf Jahre die 
wichtigste Abteilung des Ministeriums, fiir Kultuswesen und Hochschulen, 
leitete. Im Jahre 1881 trat er aus dem Ministerium fiir Kultus und Unter- 
richt aus, da er wegen der damaligen politischen Verhaltnisse unter dem 
Ministerprasidenten Grafen Taaffe und dem Unterrichtsminister Freiherr von 
Conrad nicht weiter im administrativen Dienste verbleiben konnte und wollte. 
Er wurde in diesem Jahre als Rat des Verwaltungsgerichtshofes eingesetzt, 
erlangte bei diesem im Jahre 1888 die Stelle eines Senatsprasidenten und 
1894 die Stelle des zweiten Prasidenten. Auf diesem Posten verblieb er bis 
zu seinem Tode am 13. Mai 1906, demselben Tage, an dem er 65 Lebens- 
jahre vollendete. Er verschied nach viermonatiger Krankheit, ungeachtet 
treuester schwesterlicher Pflege. An staatlichen Auszeichnungen erlangte er 
den Orden der Eisernen Krone dritter Klasse im Jahre 1874, diesen Orden 
der zweiten Klasse und in Folge davon den Freiherrnstand im Jahre 1878, 



a$ Lemayer. 

denselben Orden der ersten Klasse im Jahre 1896. Im Jahre 1888 erhielt er die 
Wiirde eines Geheimen Rates, im Jahre 1895 ward er als lebenslangliches Mitglied 
ins Herrenhaus berufen, wo er sich der Verfassungspartei anschlofi und zeit- 
weise, so namentlich aus Anlafi der Debatte im Herrenhause iiber die Zu- 
lassigkeit sogenannter Lagergesetze am 16. J&nner 1897, im Kampfe um den 
ungeschmalerten Bestand der Rechte des Parlaments eine fuhrende Rolle ein- 
nahm. Vermahlt war er in gliicklicher Ehe wahrend der Jahre 187 1 bis 1873 
mit Stefanie Giskra, der Tochter des vormaligen Ministers des Innern Giskra, 
die in jungen Jahren jah verstarb. 

Wohl der wichtigste Augenblick seiner Wirksamkeit im Verwaltungs- 
dienste war es, als er kurze Zeit nach Aufnahme seiner Tatigkeit im Mini- 
sterium fiir Kultus und Unterricht durch den Minister Dr. von Stremayr 
von einer Staatspriifung, wobei er als Kommissar fungierte, berufen wurde 
und den Auftrag erhielt, sich dariiber auszusprechen, welche Mafiregeln die 
dsterreichische Regierung aus Anlafi des Beschlusses des vatikanischen Konzils 
tiber die Unfehlbarkeit des Papstes zu ergreifen hatte. Der Minister gab 
seiner Uberzeugung Ausdruck, es sei ein Gegenschlag zu fiihren, und fragte 
L., was er etwa von einer Wiedereinfiihrung des placetum regium halte. L. 
erwiderte, diese Einrichtung scheine ihm veraltet zu sein; aber es sei nun- 
mehr der Zeitpunkt gekommen, um die schon lange gewunschte Kiindigung 
des Konkordates zu verwirklichen. Der Minister, der von diesem Vorschlage 
anfanglich betroffen zu sein schien, erklarte bald seine Zustimmung, und 
erteilte L. den Auftrag, den Vortrag an den Monarchen sofort in der 
Nacht auszuarbeiten. Um 8 Uhr friih des folgenden Tages im Juni 1870 
hatte L. den Vortrag fertiggestellt, dessen eigentumlich scharfe Motivierung 
so oft besprochen wurde. Der Wortlaut dieses Aktenstiickes ist in der 
•Wiener Zeitungc vom 20. August 1870 verftffentlicht worden. In ihm sind 
hochst eindrucksvoll die Umstande auseinandergesetzt, die aus Anlafi der 
Aufstellung des Glaubenssatzes iiber die Unfehlbarkeit des Papstes zur KQn- 
digung des Osterreich so sehr driickenden Konkordates vom Jahre 1855 
d rang ten. Es ist darin hervorgehoben, dafi vermdge des nun von der Kirchen- 
gewalt einseitig in Anspruch genommenen Rechtes, den Konkordatsvertrag 
auszulegen oder zu brechen, nicht mehr, wie dies bei jedem Vertrage der 
Fall sein mufi, Recht neben Recht, sondern Recht neben einem schranken- 
losen unkontrollierbaren Arbitrium stehe; es sei nicht anders, als wenn im 
allgemeinen Rechtsverkehre ein Vertragsteil sich die ausschliefiliche Befugnis 
beilege, den Vertrag zu deuten; es lehre die Rechtswissenschaft, dafi ein 
derartiger Vertrag nichtig sei; das gleiche Resultat ergebe sich aber, wenn 
das Konkordat vom Standpunkte eines internationalen Vertrages aufgefafit 
werde; denn bei solchen VertrSgen bestehe die stillschweigende Bedingung 
der sich gleich bleibenden Verh&ltnisse (der Klausel rebus sic stantibus); das 
VerhSltnis zwischen dem Sstenreichischen Staate und der katholischen Kirche 
sei aber durch den neu aufgestellten Glaubenssatz wesentlich ge&ndert 
worden, an die Stelle der alten geschichtlichen eingeschr&nkten Kirchen- 
gewalt sei eine neue unbeschr&nkte und unbeschrankbare getreten; die Ge- 
walt, mit der paktiert wurde, und die sich der Staat zu binden glaubte, 
indem er sich ihr selbst band, habe sich in eben den Angelegenheiten, in 
denen ihr gegeniiber Rechte erworben werden sollten, als alleinige unfehl- 



Lemayer. aq 

bare Richterin erklart; dies sei eine causa gravis justa et rationabtlis, die auch 
nach der Ansicht der Kirchenrechtslehrer und der Scholastiker des Mittel- 
alters zum Riicktritte vom Konkordate berechtige. — Es ist bekannt, dafi 
diese von L. inspirierte und durchgefiihrte Aktion mit einem vollen Erfolge 
endigte. Das Konkordat vom Jahre 1855 wurde noch im Jahre 1870 
gekiindigt und verlor dadurch die Eigenschaft eines den Ssterreichischen 
Staat gegeniiber der Kurie in Rom bindenden zwischenstaatlichen Vertrages. 
Es ergab sich aber die Notwendigkeit, die Rechtsverhaltnisse zwischen Staat 
und Kirche, die in dem Konkordate vom Jahre 1855 auf Grundlage der 
Lehren des katholischen Kirchenrechtes geordnet worden waren, nunmehr 
vom staatlichen Gesichtspunkte aus neu zu regeln. L. mufite auch diese 
schwierige Aufgabe I6sen. Er verfaflte die Regierungsvorlagen, die zu den 
Gesetzen vom 7. und 20. Mai 1874 uber die Regelung der aufieren Rechts- 
verhaltnisse der katholischen Kirche, iiber die gesetzliche Anerkennung von 
Religionsgesellschaften und iiber die Religionsfondsbeitrage fiihrten. Eine 
nicht minder wichtige Staatsschrift, als der Vortrag an den Monarchen wegen 
Kilndigung des Konkordates, war der Motivenbericht zu dem Gesetzentwurfe 
uber die Regelung der aufieren Rechtsverhaltnisse der katholischen Kirche, 
der als Beilage 40 den stenographischen Protokollen des Ssterreichischen 
Abgeordnetenhauses fur die VIII. Session beigefugt ist. Dieser Motiven- 
bericht ist nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine staatsmannische 
Leistung ersten Ranges. Die ganze geschichtliche Entwicklung des Ver- 
haltnisses zwischen Staat und Kirche in Osterreich ist dort in ebenso glanzen- 
der, als charakteristischer Art zur Darstellung gebracht. Es sind auch die 
Grundsatze erOrtert, von denen aus nach der damaligen Auffassung der staat- 
lichen Befugnisse in Kirchensachen das Verhaltnis zwischen Staat und Kirche 
in Osterreich zu regeln ware. Der Inhalt des Gesetzentwurfes selbst tragt 
den Verhaltnissen, die sich im Laufe der Jahrhunderte in Osterreich in 
kirchenpolitischer Beziehung ausgebildet haben, Rechnung und war daher 
so sehr geeignet, fur lange Zeit eine feste Grundlage fur die Ordnung der 
Verhaltnisse der katholischen Kirche zum Staate zu geben. Noch heute steht 
diese Grundlage unerschutterlich aufrecht, und es ist nicht anzunehmen, dafi 
in absehbarer Zukunft eine Anderung dieses epochalen Werkes der Gesetz- 
gebung notwendig werden wird. 

Noch eine zweite hochwichtige legislative Aufgabe wurde von L. glanzend 
gelost; das Gesetz vom 22. Oktober 1875, "ber die Einfuhrung des Verwal- 
tungsgerichtshofes, beruht auf einem von ihm verfafiten Entwurfe. So gelangte 
ein moderner Grundsatz der Staatslehre, die Gewahrung des Rechtsschutzes 
gegen die Offentlichen Gewalten, in Osterreich zur Verwirklichung. 

Die Tatigkeit L.s im Ministerium fur Kultus und Unterricht erschopfte 
sich nicht in diesen legislativen Aktionen, er griff auch wirksam in die 
Verwaltung im engeren Sinne ein. Die Fortentwicklung des Hochschul- 
wesens, die Errichtung einer neuen Universitat in Czernowitz und viele andere 
Verwaltungsmafiregeln, die unter ihm geschaffen wurden, geben noch heute 
Zeugnis von dieser seiner Wirksamkeit. 

Seit dem Jahre 1881 bis zu seinem Lebensende widmete sich L. in 
seiner amtlichen Wirksamkeit der Rechtsprechung bei dem Verwaltungs- 

Bio^r. Jahrbuch u. DcuUcher Nekrologr. u. Bd. 4 



cq Lemayer. 

gerichtshofe. Seine Wirksamkeit als Oberrichter bedeutete eine kraftige Ent- 
wicklung dieses Gerichtshofes. Hier trat sein eherner Charakter, seine Un- 
nahbarkeit nach alien Seiten, sein reiches juristisches Wissen hervor, das er 
nie veralten liefl, sondern stets durch fortgesetztes Studium der neuesten 
Ergebnisse der juristischen Literatur des Inlandes und des Auslandes auf 
der H5he der modernen Zeit erhielt. Eine Neigung, die sich so haufig im 
Schofie solcher GerichtshOfe findet, namlich die Neigung, die Rechtsprechung 
zu verkn6chern, in ein Handwerk der Routine zu verwandeln, jeden Fortschritt 
hintanzuhalten, fand in L. keinen Anh&nger. Er verstand es, Recht und 
Gesetz nach seiner Uberzeugung zum Durchbruche zu bringen. Er hatte als 
Oberrichter nicht nur die F&higkeit und Kraft, sich eine eigene Meinung 
zu bilden, sondern auch den festen Willen, von seiner Uberzeugung sich 
durch nichts abwenden zu lassen. PersOnliche Riicksichten, Erwigungen 
der Opportunitat, Wiinsche und Winke aus den hflchsten Kreisen der Ver- 
waltung waren ftir ihn niemals Beweggrund in der Beurteilung streitiger 
Rechtsfragen. Seine Unabhangigkeit, sein stark ausgepragter Sinn fur Objek- 
tivitat und fiir die Pflege des Rechtes, seine wissenschaftliche Potenz wirkten 
unter den jiingeren Mitgliedern befruchtend, anregend, ja begeisternd — 
ebenso wie auf der anderen Seite die Herrschaft der Routine und des grSbsten 
Empirismus, die Verachtung der Wissenschaft, die Willf ahrigkeit fur persOnliche, 
fiir die Rechtsfindung minderwertige Autoritaten auf den Inhalt der Recht- 
sprechung nur verderblich wirken kOnnen. 

Es war die glanzvollste Periode des Verwaltungsgerichtshofes, als L. 
diesem Tribunal als Mitglied und Fiihrer angehdrte. Wo er bestimmend ein- 
wirken konnte, da gelangte das Gesetz in voller Reinheit zur Anwendung. 
Dafi er namentlich in diesem Bereich seiner Tatigkeit Anfeindungen aus- 
gesetzt war, begreift sich, und wer den Charakter L.s kannte, der mufite 
wissen, dafi er alien Anfechtungen gegenuber stets fest blieb, fest bis zu 
seinem Lebensende. Denn bis dahin hielt er trotz schwerer kOrperlicher 
Leiden die Leitung seiner Gerichtsabteilungen in der Hand. 

Die Vielseitigkeit L.s spiegelt sich in seinen schriftstellerischen 
Werken. Als Staatsmann tritt er hervor in den Motivenberichten zu den 
erwahnten konfessionellen Gesetzen, wie auch zu dem von ihm verfaflten 
Entwurfe iiber die Einsetzung des Verwaltungsgerichtshofes. Als Rechts- 
gelehrter zeigt er sich in einer grofien Anzahl wertvoller rechtswissen- 
schaftlicher Arbeiten. Von ihnen mOgen genannt werden der in der «Allg. 
Osterr. Gerichtszeitung* vom Jahre 1869 Nr. 32—35 erschienene Aufsatz iiber 
die Innerberger Hauptgewerkschaft, ein Beitrag zur Lehre vom Zweckver- 
mogen, und der ebenda (Nr. 41 — 47) abgedruckte Artikel iiber das damals 
eben neu geregelte Wasserrecht, welch letztere Arbeit den nachmaligen 
Justizminister Glaser auf L. aufmerksam machte, ferner die „Apologe- 
tischen Studien iiber Verwaltungsgerichtsbarkeit tt in der Griinhutschen Zeit- 
schrift fiir das Privat- und Sffentliche Recht der Gegenwart, 22. Band, 
Seite 353 — 488, und die ebenfalls in dieser Zeitschrift (29. Band, 1. Heft) 
sowie als selbstandiges Werk erschienene Festschrift aus Anlafi der Feier 
des 25jahrigen Bestandes des Verwaltungsgerichtshofes unter dem Titel »Der 
Begriff des Rechtsschutzes im Offentlichen Recht* (Wien 1902). In diesen 



Lemavcr. 



5* 



und vielen anderen kleineren und groBeren Aufsatzen, von denen eine be- 
trachtliche Anzahl in den ersten 28 Banden der vorerwahnten Zeitschrift zu 
finden ist, tritt L.s unvergefiliche Wirksamkeit fur den Ausbau der Theorie 
der Verwaltungsgerichtsbarkeit und des Staatskirchenrechts hervor. Auf dem 
Gebietederadministrativen JustizwarL.bahnbrechend, seine Arbeiten sind nicht 
nur in Osterreich, sondern auch im Auslande stets als grundlegend aner- 
kannt worden. Zusammengefafit sind die Ergebnisse dieser Forschungen in 
den kurz vor dem Ableben L.s eingesendeten Artikeln unter den Schlag- 
worten: »Kompetenzkonflikte«, »Reichsgericht«, »Staatsgerichtshof«, » Ver- 
waltungsgerichtsbarkeit und Verwaltungsgerichtshof« fiir die zweite Auflage 
des Osterreichischen Staatsworterbuchs, herausgegeben von Mischler und 
Ulbrich. Als Verwaltungstechniker zeigt sich L. in seiner Schrift »Die 
V r erwaltung der osterreichischen Hochschulen vom Jahre 1868 bis i877« 
(Wien 1878). In dieser Schrift sind insbesondere auch die wesentlichen 
Ergebnisse seiner Wirksamkeit im Ministerium fur Kultus und Unterricht, 
auf dem Gebiete des Hochschulwesens, und die Grundsatze dargestellt, von 
denen sich L. in dieser seiner verantwortlichen Stellung leiten liefi. Auch 
die hochst wertvolle Studie iiber die Ausbildung zum hoheren Verwaltungs- 
dienste in Osterreich (Schriften des Vereins fiir Sozialpolitik, Band XXXIV, 
Leipzig 1887, Seite 23 — 54) gibt Zeugnis von der grofien Bedeutung des 
Verstorbenen fiir das Gebiet der offentlichen Verwaltung. Als Oberrichter 
entwickelte L. eine weitreichende Tatigkeit in der Verfassung und Verkiin- 
digung von Entscheidungsgriinden zu den Erkenntnissen des Verwaltungs- 
gerichtshofes. Die Sammlung der Erkenntnisse dieses Gerichtshofes, die 
Budwinski seit dem Jahre 1877 herausgab, enthalt nicht die Namen der 
Verfasser der den einzelnen Erkenntnissen beigegebenen Entscheidungsgriinde. 
A us L.s Feder stammen indessen die allerwichtigsten Erkenntnisse des 
Verwaltungsgerichtshofes. Nur beispielsweise mag hingewiesen werden auf 
die trefflichen Erorterungen iiber die Grenzen des Gemeingebrauches an 
offentlichen Strafien und iiber die Befugnisse der Gemeinden bei der Ein- 
raumung von Sonderrechten an Gemeindestrafien. Es ist das Erkenntnis 
vom 12. Juni 1885, das in der Sammlung unter Nr. 2607 veroffentlicht wurde. 
— Von seiner menschlichen Seite lernen wir L. kennen in seinen schonen 
Gedichten, die leider nur zum Teile veroffentlicht worden sind. War er als 
Staatsmann und als Oberrichter durch Festigkeit der Oberzeugung, durch aus- 
gebreitetes Wissen, rasche Aufnahmefahigkeit, auBerordentliche Logik, seine 
unwandelbare, auf echter Oberzeugung beruhende Gesinnung hervorragend, so 
zeigt sich in seinen Gedichten ein feiner, kiinstlerischer Schonheitssinn, eine 
Gestaltungsgabe, eine formvollendete Sprache. Seit seinen Studienjahren be- 
gleitete L. seine Erlebnisse mit lyrischen Dichtungen. Ein Teil dieser Dich- 
tungen erschien im Jahre 1904 anonym unter dem Titel »Unterwegs« (in 
Wien bei Konegen) und gelangte 1907 in neuer, vermehrter Auflage unter 
Angabe des Namens durch Karl von Foregger zur Ausgabe. Die Gedichte 
gewahren einen tiefen Einblick in die geistige Werkstatt dieses bedeutenden 
Mannes. 

Ernst von Plener kennzeichnet in seinem schon erwahnten Nachrufe 
die schriftstellerische Wirksamkeit und die PersOnlichkeit L.s mit folgenden 

4* 



C2 Lemayer. Brftutigam. 

treffenden Worten: »Sowie er seine gerichtlichen Urteile, seine wissenschaft- 
lichen Arbeiten mit einer geschlossenen Argumentation konstruierte, so bil- 
dete er sich seine allgemeinen Anschauungen nach grundlicher scharfer 
Untersuchung und hielt an dem Resultate seines logischen Prozesses uner- 
schuttert fest, unnachgibig und fur flachen Opportunismus unzuganglich. Es 
war der starke Intellekt, der aus sich selbst heraus arbeitete; es war aber 
nicht blofi das dialektische Spiel; denn was der Intellekt gefunden, das 
hielt der Charakter fest. Es war die Herrschaft der Logik und der Uber- 
zeugung zugleich. Alles was er schrieb, war von meisterhafter Form; auch 
seine dichterischen Versuche zeigen eine edle Sprache.« 

Der Schwerpunkt der Bedeutung des seltenen Mannes liegt indessen in 
seinem Wirken auf dem Gebiete des Staatslebens in Osterreich. Es war ein 
grofier sittlicher Grundzug, der dieses sein Wirken bestimmte, n£mlich der 
Grundsatz, dafi die Offentlichen Gewalten niemals in den eigenen Kreis der 
EinzelpersOnlichkeit eingreifen diirfen, dafi niemals die unantastbare indivi- 
duelle Sphare in weiterem Mafie als das Gesetz es zul&flt, den Offentlichen 
Gewalten geopfert werden darf. Deshalb waren seine kirchenpolitischen 
Gesetzentwlirfe nicht dazu angetan, eine Knebelung der Kirche herbeizu- 
fiihren. »Im modernen Rechtsstaate ist jede individuelle Entwicklung grund- 
sStzlich frei und nur ausnahmsweise beschrankt.« Diese Worte finden sich 
als Leitsatz im Motivenberichte zu dem Entwurfe iiber die Regelung der 
aufieren Rechtsverh&ltnisse der katholischen Kirche. Eben deshalb verwarf L. 
den Josefinismus auf dem Gebiete des Staatskirchenwesens, aber auch das 
dualistische System, das ja nach den geschichtlichen Osterreichischen Ver- 
haltnissen nur zu einer Vorherrschaft der Kirche im Staate fiihren miiflte. 
Er regelte die Beziehungen so, dafl die Kirche nicht zu kurz kam, aber dem 
Staate seine voile Freiheit gewahrt wurde. Den Staat befreite er aus der 
unheilvollen Konkordatsfessel. Auf der anderen Seite zog er der staatlichen 
Allmacht Schranken nicht nur gegenuber den berechtigten Anforderungen 
der Kirche auf eine freie Gebahrung im spirituellen Gebiete, sondern auch 
durch die Schaffung des Verwaltungsgerichtshofes, der jeden einzelnen in 
seiner Rechtssphare gegen Obergriffe der Offentlichen Gewalten zu schiitzen 
berufen ist So tat er unendlich viel fiir die Abgrenzung der Kreise der In- 
dividualitaten und der GesamtpersOnlichkeiten, fiir die Gewahrleistung der 
geistigen und wirtschaftlichen Freiheit des einzelnen; so sicherte er aber 
auch wieder das Gebiet der Offentlichen Gewalten, des Staates und der Ge- 
meinde, vor den Ubergriffen konkurrierender, nach Macht strebender KOrper- 
schaften. So stellte er ein Ideal der Rechtsprechung auf, ein Ideal der riick- 
haltlosen selbst gegen die Wiinsche der Machtigsten sich vollziehenden 
Verwirklichung von Recht und Gesetz in der Gebahrung der Offentlichen Ge- 
walten. Das waren nicht voriibergehende, sondern dauernde Errungen- 
schaften auf dem Gebiete des Geisteslebens, durch die er sich ein Denkmal 
fur alle Zeiten schuf. Dr. Max Schuster. 

BrSutigam, Johann Ludwig, Literarhistoriker, Oberlehrer an der Real- 
schule beim Doventor in Bremen, * 12. Jan. 1852 in Breitingen (Kreis Leipzig) 
f 22. Okt. 1906 in Miilhausen im Elsafl, war das sechste Kind eines mittel 



Brautigam. 5 3 

mafiig begiiterten Gutsbesitzers und mufite, da fiir ihn naturgemafl auf dem 
vaterlichen Gute kein Raum war, einen anderen Beruf ergreifen. Die Eltern 
glaubten ein ubriges zu tun, wenn sie ihn, dessen Begabung friih erkannt 
wurde, zum Lehrer ausbilden liefien, und schickten ihn, nachdem er die 
Dorfschule besucht hatte, erst auf die Biirgerschule in Borna bei Leipzig, 
dann 1866 bis 187 1 auf das dortige Lehrerseminar. In den engen Verhaltnissen 
des Internats mit wenigen Stunden Freiheit am Sonntag Nachmittag und bei 
anstrengendem Kirchendienst neben dem Unterricht erzielte B. zwar gute 
Lernerfolge, legte aber auch den Grund zu der Krankheit (Herzmuskelschwache), 
die ihn im Alter von noch nicht 55 Jahren dahinraffte. Neben dem Unter- 
richt trieb B. im Seminar privatim fleiflig Latein u. z., da keine andere Zeit 
dafur zur Verfugung stand, vor Beginn der offiziellen Tagesarbeit, die x /26Uhr 
morgens den Anfang nahm. Nach vorziiglich bestandener Abgangspriifung 
Ostern 187 1 wirkte B. als Lehrer in Leipziger Vororten, unterzog sich einer 
besonderen Priifung in der Musik und leitete zwei Mannergesangvereine. 
Gleichzeitig h6rte er einige Vorlesungen an der Universitat Leipzig und 
studierte, nachdem er aus dem Lehramt ausgeschieden war, aber ohne die 
Reifepriifung abgelegt zu haben, 1873 bis 1876 Philosophic, Padagogik, Ge- 
schichte und Geographie, besonders aber unter Rudolf Hildebrand deutsche 
Sprache und Literatur und erwarb im Staatsexamen Ende 1876 die Lehr- 
befahigung fur Deutsch, Geschichte, Geographie und Padagogik. Gern hatte 
er sich ausschliefilich der literarischen Arbeit gewidmet, aber aus engen 
Verhaltnissen kommend, mufite er in erster Linie an einen neuen Broterwerb 
denken, und als solcher kam fiir ihn nur der Lehrberuf in Frage. Nach 
kurzer Tatigkeit in der Oberlausrtz und Thiiringen kam er 1877 an die 
stadtische hohere Tochterschule in Miilhausen im Elsafi; schon als Student 
hatte er einmal geschrieben: »ich gehe entschieden nach Ablegung meines 
Staatsexamens in die Feme, gleichviel ob in das In- oder Ausland. Wie 
anders wiirde es um die Welt, insbesondere um die Erziehung stehen, wenn 
der Horizont sozial Einflufireicher nicht gar so eng begrenzt ware*. 

Dauerte der Aufenthalt in Miilhausen in einer Zeit, wo seit der Annexion 
noch nicht ein Jahrzehnt verflossen war, auch nur zwei Jahre, so hatte er doch 
tiefen Einflufi auf B.s Anschauungswelt, insofern er den von der Regierung 
beabsichtigten » AussohnungsprozeB « zwischen deutschen und franzOsischen 
Einwohnern nicht nur mit kritischem Auge beobachten konnte, sondern selbst 
unmittelbar alsBeteiligter dabei mitwirken sollte. 13 Jahre nach seinem Weggange 
heiratete B. eine Tochter des Landes franzosischer Herkunft, seine einstige 
Schiilerin, die Tochter eines vormaligen franzOsischen Pfarrers, Alfred Romane, 
der zuletzt Lehrer der franzOsischen Sprache an der hOheren TSchterschule 
und dem Lehrerinnenseminar in Miilhausen und als solcher Amtsgenosse B.s 
war. Wie beide Ehegatten spater iiber die elsassischen Verhaltnisse dachten, 
das zeigt der Umstand, dafi sie den franzSsischen Roman y>L'Oubli? — Alsace 
Lorraine i877—i8qq« von Theodore Cahu und Louis Forest gemeinsam 
unter dem Titel »Das Vergessen? Elsafi-Lothringen 1877 — 1900 a (Goslar, 
F. A. Lattmann 1901) ins Deutsche iibersetzten. In dieser elsassischen Zeit 
streifte B. in dem Drange, das Land und das Volk zu studieren, sobald es 
Ferien gab, in Frankreich, in der Schweiz, in Italien und Siiddeutschland 



ca Br&utigam. 

umher und lernte vorziiglich, sich in die Eigenart anderer Stftmme hinein- 
zuversetzen. Er trat fur die elsassische Volksseele ein, fand jedoch auch bei 
den franzOsisch Gesinnten mit seiner Auffassung keinen Anklang. 

Es war fur B. eine Befreiung, als er 1879 als Oberlehrer an die Realschule 
am Doventor in Bremen berufen wurde, wo er bis zu seinem Tode Deutsch, 
Geschichte und Geographie gelehrt hat. Von hier aus erwarb er sich 1882 
an der Universitat Jena die philosophische Doktorwiirde durch die Disser- 
tation » Leibniz und Herbart fiber die Freiheit des menschlichen Willens« 
(Kassel, Weifi 1882). Der Bremer Senat verlieh ihm 1901 den Professortitel. 

Obwohl mit Leib und Seele Lehrer und von seinen Schulern allgemein 
verehrt, hat sich B. doch seinen Namen nicht durch sein Wirken in der 
Schule geschaffen, sondern durch seine literarische Tatigkeit auf dem Felde 
der Literaturgeschichte, der Literatur- und Kunstkritik. 

B. hat keine Monumentalwerke hervorgebracht. Seine Schriften haben einen 
verhaltnismaflig geringen Umfang, und ihre Bedeutung liegt nicht so sehr in 
dem, was sie bieten, sondern in der Zeit, da sie es boten. Es hat kaum 
eine Frage im geistigen Leben der Nation gegeben, die nicht auch ihn einmal 
besch&ftigt hatte, aber dauernd fesselten ihn doch nur Literatur, Kunst und 
Musik. Auf diesen Gebieten war er mit allem Neuen vertraut und setzte 
sich persOnlich damit auseinander, sich selbst immer weiterbildend. Als 
Theaterrezensent der » Bremer Nachrichten* 1885 bis 1893 hat B. auf die 
Kunstanschauungen der maflgebenden Bremer Kreise und dariiber hinaus 
nachhaltig eingewirkt, indem er als tapferer Anwalt der aufstrebenden, damals 
als revolutionar verschrieenen modernen Literatur auftrat und sich dadurch 
den Vorwurf sozialdemokratischer Gesinnung zuzog. Schon damals, nament- 
lich aber als er wegen des Vorwurfs einer Hinneigung zur Sozialdemokratie 
sein Rezensentenamt verloren hatte, benutzte er vielfach die » Kttlnische 
Zeitung« als Sprachrohr. In ihr hat er z. B. 1895 als erster die Ausstellung 
der Worpsweder Malerschule, die man damals in Bremen als Lachkabinett 
bezeichnete, anerkennend besprochen und dadurch weitere Kreise darauf auf- 
merksam gemacht. Und diese Gedanken hat er bis in seine letzte Zeit 
weitergesponnen, wie der Aufsatz »Die Liineburger Heide in der neueren 
Malerei und Dichtkunst* in der »Zeitschrift fur den deutschen Unterricht« 
(1905, S. 640 — 650) beweist. Ehe noch das gegenwartig so beliebte und schon 
gedankenlos gebrauchte Wort » Heimatkunst « gepragt war, hat B. unzahlige 
Male die sachlich gleiche Forderung erhoben und in diesem Sinne schon 
1 89 1 die erste Biographic des Marschendichters Hermann Allmers (Oldenburg, 
Schwartz) verfaflt. Einen Verein ehemaliger Schiller seiner Realschule rief 
B. ins Leben und leitete die jungen Manner dadurch an, sich mit den Er- 
scheinungen des modernen Geisteslebens zu beschaftigen und anderen davon 
mitzuteilen. 

Eine aufrechte PersOnlichkeit, ein Feind alles Cliquenwesens, trat B. fur 
die Belebung der geistigen Interessen im Volke ein. Dabei leitete ihn der 
Gedanke, dafi es nur auf diesem Wege mdglich sei, der fortschreitenden 
Zerkliiftung des Volkes in Klassen Einhalt zu tun. In einer Aufsatzreihe 
»Die neuere soziale Dichtung« im »Protestantenblatt« (1906 Nr. 24 — 26) 
bringt er diesen Gedanken zu beredtem Ausdruck. 



Brautigam. von Nathusius. 55 

Die Anerkennung fur sein Wirken fand einen erfreulichen Ausdruck in 
einer grofiartigen Offentlichen Trauerfeier, die nach seinem Tode in der 
Realschule am Doventor stattfand. 

Ein Porlratrelief hat Bildhauer Hermann Seekamp in Bremen geschaffen. — 

Aufler den oben im Vorbeigehen genannten Schriften sind noch zu nennen: » Steno- 
graphic und Schule im Nord westen Deutschlands « (Leipzig, Kuffl 1887); »Das franzosische 
Bayreuthc (Goslar, Lattmann 1900); »Auf dem Heimwege, Geschichten und Skizzen* 
(Berlin, Fontane u. Co., jetzt Fleischel u. Co. 1902); »Obersicht tiber die neuere deutsche 
Literatur 1880 — 1903 c (Kassel, Weifi 1903, Sonderausgabe des von ihm neu bearbeiteten 
Teils der »Geschichte der deutschen Nationalliteratur des 19. Jahrhunderts « von Kirchner, 
deren 2. Aufl. — Kassel, Weifi 1902 — er besorgte); »Die neue Kunstkritik« (Ohlau, Leichter 
1904); u Theaterreform in Bremen c (Bremen, Hauschild 1905); »Die Erlosung von der 
Geldgier* (Berlin, FJeischel u. Co. 1907, aus dem Nachlafl verSffentlicht, und zwar in einer 
Form, die nur den Grundrifl dessen darstellt, was er beabsichtigte) ; »Meinungenc (Leipzig, 
Teutonia 1907, eine Sammlung von padagogischen Aufsatzen). Als Herausgeber veroffent- 
lichte er »Das Allmersbuchc (Goslar, Lattmann 1901), 

Dresden. Dr. Arm in Tille. 

von Nathusius, Martin Friedrich Engelhard, * 24. September 1843, 
t als Professor der praktischen Theologie an der Universit&t Greifswald 
9. Marz 1906. 

v. N. hatte das grofle und seltene Gliick, in einem Elternhause aufzu- 
wachsen, in dem eine in hohem Mafie angeregte und anregende Atmosphare 
herrschte. Waren doch seine Eltern Philipp und Marie Nathusius weit iiber den 
Kreis der Familie und der personlichen Bekanntschaft hinaus einflufireich 
und bedeutsam. Philipp von Nathusius, der 1861 gemeinsam mit seinen drei 
jiingeren Brudern in den Adelsstand erhoben war, ein Rittergutsbesitzer, hatte 
sich von 1849 an ganz der Herausgabe und Leitung des » Volksblattes fur 
Stadt und Land« gewidmet und hat in der Geschichte der Inneren Mission 
als der Begriinder des Neinstedter Rettungshauses fiir verwahrloste Knaben 
sich einen unverganglichen Namen geschaffen (vgl. Eleonore Fiirstin Reufl, 
Ph. v. N., das Leben und Wirken des Volksblattschreibers. 1900.) Die Mutter, 
Marie Nathusius, geb. Scheele (gest. 1857), ist eine viel gelesene, heute noch 
sehr geschatzte Volksschriftstellerin gewesen (» Elisabeth «, »Langenstein und 
Boblingen«, »Tagebuch eines armen Frauleins« u. a.). — Zu Althaldensleben 
geboren, besuchte v. N. das Gymnasium zu Quedlinburg bis 1862 und sodann 
bis 1867 die Universitaten Heidelberg, Halle, Tubingen und Berlin, um 
Theologie zu studieren. Von bedeutsamem Einflufi auf den jungen Studenten 
waren A. Tholuck in Halle und Tobias Beck in Tubingen. Nach absolvierten 
Staatspriifungen widmete sich v. N. dem praktischen Pfarramt und wurde seit 
1869 in Wernigerode als Hilfsprediger beschaftigt, bis er 1873 als Pastor in 
Quedlinburg Anstellung fand. Schon bald trat hier die ihm eignende Gabe 
einer auliergewohnlichen Rednergeschicklichkeit in seinen stark besuchten, 
gem gehorten Predigten deutlich zutage. Von 1885 ab war er Pastor an 
der lutherischen Gemeinde zu Barmen-Wupperfeld, wo er neben ergiebigster 
Predigtwirksamkeit und unermiidlicher Seelsorgerarbeit an einzelnen und 
durch Vereinstatigkeit es dennoch verstand, einige Zeit des Tages zu wissen- 
schaftlicher Fortarbeit zu eriibrigen. Freilich eignete ihm die gliickliche 



c6 von Nathusius. 

Gabe aufierordentlich schnellen und zugleich gewissenhaften Arbeitens, 
wobei ihm das treffende Wort zu Gebote stand, wie nur selten jemandem. 
Eine in scharfer Selbstzucht angeeignete und geiibte Konzentration der 
Gedanken und ein peinliches Zuratehalten der zu Gebote stehenden Zeit 
ermOglichten es dem pfarramtlich vielbeschaftigten Geistlichen, noch 
literarisch tatig zu sein. So entstanden: Timotheus, ein Ratgeber fiir 
junge Theologen in Bildern aus dem Leben. 1881. Unser Wandel ist 
im Himmel. (Predigtsammlung). 1881. Das Wesen der Wissenschaft und 
ihre Anwendung auf die Religion. 1885, u. a. 

Vollig gerustet war v. N. daher, als ihm nach Bindemanns fruhzeitigem 
Tode 1888 die Berufung auf den Greifswalder Lehrstuhl fiir praktische 
Theologie zuteil wurde. Hier hat er es verstanden, als Dozent wie als 
Universitatsprediger und als v&terlicher Freund und Berater der Studenten 
eine lange Reihe von Jahren hindurch eine reichgesegnete TStigkeit zu ent- 
falten. Eine grofie Anzahl der jiingeren Geistlichen unserer Zeit verdankt 
die erste Anleitung und Anweisung zu einer segensvollen Amtsfiihrung gerade 
dem, was v. N. ihnen im Kolleg und in den praktischen Ubungen bot, wo 
neben den homiletischen ganz besonders seine katechetischen Ratschl&ge von 
den Studenten geschatzt wurden. Wie den beruflichen, so suchte v. N. auch 
den privaten Verkehr mit der studentischen Jugend fiir letztere mdglichst 
gewinnvoll zu gestalten. Aller kopfhangerischen, weltfremden Art war er 
grundlich abgeneigt. Selbstlos und hilfsbereit, wie er war, wufite er liebe- 
voll, teilnehmend und freundlich der Studenten, die Sonntags nachmittags 
Zutritt in sein Haus hatten, sich anzunehmen, ihnen aus ihrer Schiichternheit 
herauszuhelfen und, wo er N5te innerer oder aufierer Art merkte, ihnen mit 
Rat und Tat beizuspringen. 

» Aus dem praktischen Amte hervorgegangen, suchte v. N. auch in Greifs- 
wald die wissenschaftliche Arbeit und die Tatigkeit als Dozent mit dem 
umfassenden Wirken auf weite Kreise unseres Volkes zu verbinden, indem 
er als Universitatsprediger, als oft begehrter Festredner, als unermiidlich 
tatiger Schriftsteller, insbesondere als Mitherausgeber der seit 1879 er- 
scheinenden, aus dem »Volksblatt fiir Stadt und Land« hervorgegangenen 
»Allgemeinen Konservativen Monatsschrift«, fiir die er die kirchlichen Monats- 
berichte schrieb, seine reichen Gaben und sein warmes Interesse an Volk und 
Kirche betatigte.« (D. Haufileiter, Chronik der Univ. Greifswald, 1905 — 06, 
S. 6). Diese Interessen driickten ihm auch die Feder in die Hand zur Ab- 
fassung des grofien, zweibandigen Werkes: »Die Mitarbeit der Kirche an der 
Losung der sozialen Frage«, 1893 — 94, in welchem er die Wege zur LCsung 
der sozialen Aufgaben aus den Grundsatzen der christlichen Ethik mit Ernst 
und Nachdruck abzuleiten unternahm. Als erste wissenschaftliche Verarbeitung 
dieser Auffassung wird das Buch seine bleibende Bedeutung behalten, wie es 
ihm schon bei Lebzeiten des Verfassers nicht an reicher Zustimmung und An- 
erkennung gefehlt hat. 

In einer auf den Grundgedanken dieses Werkes sich aufbauenden Schrift: 
» Was ist christlicher Sozialismus?« gab v. N. leitende Gesichtspunkte fiir evan- 
gelische Pfarrer (1897). Uber »Christliche Liebe und soziale Hilf e « orientierte 
sein Vortrag von 1902, und im gleichen Jahre sein Aufsatz: »Die kirchlichen 



v. Nathusius. von Milde. e~ 

Aufgaben in bezug auf die Arbeiterbewegung.« Bedeutsam ist auch seine 
Arbeit uber »Die christlich-sozialen Ideen der Reformationszeit und ihre 
Herkunft« (1887). Die letzten Jahre beschaftigte er sich literarisch besonders 
auf dem Gebiete, auf dem er auch praktisch ein Meister war: der Katechetik. 
Seine Anschauungen, die er sich hier erarbeitet hatte, legte er dar in dem 
»Handbuch des kirchlichen Unterrichts nach Ziel, Inhalt und Form« (1903). 

Schwer ward es dem unermudlich-fleifligen, arbeitsfreudigen Manne, sich 
darin zu finden, dafi Krankheit und Siechtum ihn seit November 1904 zu 
Mufie und vOlliger Arbeitsenthaltung zwang. Eine auf starkem persOnlichem 
Christentum basierte Hoffnung liefi ihn immer noch arbeitsreiche Zukunftstage 
schauen, deren Erwartung die triibe Gegenwart der letzten Monate ihm 
ertr&glich machte. In stillem Frieden ist er am 9. M&rz 1906 in der Mitte 
der Seinen entschlafen. Seinem Wunsche entsprechend ist die Leiche in 
Neinstedt a. H. beigesetzt worden. 

D. M. v. Nathusius vertfffentlichte : 

Unser Wandcl ist im Himmel (Predigten). 1881. — Timotheus. Ratgeber ftir junge 
Theologen in Bildern aus dem Leben. 2. Aufl. 1883. — Das Wesen der Wissenschaft und 
ihre Anwendung auf die Religion. Grundlegung fur die theologische Methodologie. 1885. 

— Katechismus-Predigten, nach der Ordnung des Kirchenjahres gehalten. 2. Aufl. 1889. 

— Bibelfestpredigten. 1885. — Zur Geschichte des Toleranzbegriffes (Greifswalder Studien, 
D. H. Cremer dargebracht). 1895. — Was ist christlicher Sozialismus? Leitende Gesichts- 
punkte fUr evangelische Pfarrer. 2. Aufl. 1897. — Die christlich-sozialen Ideen der Re- 
formationszeit und ihre Herkunft. 1897. — Die Mitarbeit der Kirche an der Ltfsung der 
sozialen Frage. 1893 — 94, in 2., vtfllig neubearbeiteter Aufl. 1897. — Der Ausbau der 
praktisch en Theologie zur systematischen Wissenschaft. Ein Beitrag zur Reform des 
theologischen Studiums. 1899. — Zur Charakteristik der Circumcellionen des 4. und 
5. Jahrhunderts in Afrika. Greifswalder Univers.-Programm 1900. — Die kirchlichen Auf- 
gaben in bezug auf die Arbeiterbewegung. (Neue Kirchl. Zeitschrift.) 1902. — Handbuch 
des kirchlichen Unterrichts nach Ziel, Inhalt und Form. 1903!. — Cber die Bedeutung 
christlicher Erkenntnis. (Salz und Licht, Heft 5.) 1903. — Hefte der Freien kirchlich- 
sozialen Konferenz, Nr. 1: Die Frauenfrage. Nr. 5: Bibel und Frauenbewegung. Nr. 26; 
Christliche Liebe und soziale Hilfe. — Zeitfragen des christlichen Volkslebens, 
Nr. 55: Naturwissenschaft und Philosophic (Eine Beleuchtung der neuesten material istisch en 
Kundgebungen Du Bois-Reymonds.) Nr. 80: Wissenschaft und Kirche im Streit um die 
theologischen Fakultaten. Nr. 92 : Die Verfassung der evangelischen Kirche und die neuesten 
Versuche zu ihrer Verbesserung in Preuflen. Nr. 131: Die Kernfrage im Kampf fUr das 
Apostolikum gegen die Schule Ritschls. Nr. 150: Die Inspiration der Heiligen Schrift und 
die historische Kritik. Nr. 179: Die Unsittlichkeit von Ludwig XIV, bis zur Gegenwart. 
(Ein Beitrag zur Geschichte des sittlichen Urteils.) Nr. 208: Uber wissenschaftliche und 
religiose Gewifiheit. — Rezensionen im Theologischen Literaturbericht. — Mitherausgeber 
der Allgcmeinen Konservativen Monatsschrift. 

Alfred Uckeley. 

von Milde, Natalie, Gesanglehrerin, Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, 
* 31. Marz 1850 in Miinchen, f 30. M'irz 1906 in Weimar. Ihr Vater war 
der Opernsanger Fedor v. Milde in Weimar, der sich 185 1 mit seiner Kollegin 
Rosa Agthe verheiratete. Aus den Handen der Mutter (Sangerin Wehner 
gen. Haller) wurde das Kind friihzeitig zu Vater und Stiefmutter ins Haus 
genommen und vOllig gleichberechtigt mit den beiden S&hnen des Paares 
aufgezogen, spiter auch gerichtlich legitimiert. Nach dem Besuch des Sophien- 



58 von Milde. 

stiftes in Weimar widmete sich N. v. M. mit voller Hingabe dem Studium 
und dann dem Unterricht des Gesanges, der in ihren Eltern so hervorragende 
Vertreter besafi, denn Fedor v. M. war seinerzeit ein Stern der Weimarischen 
Hofoper (erster Wolfram im Tannhauser, erster Telramund im Lohengrin 
und beriihmter Hans Sachs in den Meistersingern), und Rosa v. M. (bekannt 
als erste Elsa im Lohengrin) gab ihrem Gatten nichts nach, wie auch beide 
spSter nach dem Abgang von der Biihne mit vielem Erfolg Gesangunterricht 
erteilten. Zur Frauenrechtlerin entwickelte sich N. v. M. ganz allm&hlich 
infolge ihres Gesangunterrichts, der sie bestandig mit der weiblichen Jugend 
in Beriihrung brachte, und durch eingehende Studien auf padagogischem 
Gebiete. Als sich aus dem kleinen und ungestiimen »Frauenverein Reform*, 
der 1888 entstanden war, 1897 der groflere und gesetztere *Verein Frauen- 
bildung-Frauenstudium« herausgebildet hatte, wurde N. v. M. 1900 fiir dessen 
Gruppe Weimar zur ersten Vorsitzenden erw&hlt und verstand es, durch be- 
sonnenes und kluges Auftreten wahrend ihrer ganzen Vorstandschaft alle 
ungesunden Extreme zuriickzuhalten. Sie fSrderte die Sache des Vereins 
mit aufopfemder Hingabe und griindete 1902 in demselben ein besonderes 
Lesezimmer fiir Frauen der Stadt Weimar. Ihre griindliche allgemeine 
Bildung, — sie war auch eine begeisterte Goethefreundin und Goethekennerin 
— ihr harmonisches, kiinstlerisches Wesen, ihre wohltuende, durch klang- 
volles Organ unterstiitzte Beredsamkeit machten sie zu einer der berufensten 
und beliebtesten Rednerinnen der Frauenbewegung. Ihr edler Idealismus 
bewahrte sie vor Zersplitterung im Vereinsleben, stets blickte sie auf das 
Ganze und sah und vertrat die Frauenfrage immer als Menschheitsfrage. 
Manche Seiten der Frauenbewegung sind von ihr in eigenen Arbeiten be- 
leuchtet worden. Sie verOffentlichte folgende Schriften: Frauenfrage und 
Mannerbedenken (1890); Der Richter zwischen Mann und Weib (1893); 
Goethe und Schiller und die Frauenfrage (1895); 1st die Frauenbewegung 
naturlich? (1896); Frauenliebe und -leben in der Literatur (Vortrag auf dem 
internationalen Kongrefi fiir Frauen werk in Berlin 1896, gedruckt in den 
Berichten desselben, S. 335 — 342); Unsere Schriftstellerinnen und die Frauen- 
bewegung (1900); Gegenwart und Zukunft der Familie (1902, Erwiderung 
auf einen gleichbetitelten Aufsatz von Prof. Schmoller). Daneben gab sie 
1901 die »Briefe in Prosa und Poesie von Peter Cornelius an Fedor und 
Rosa v. Milde« heraus, eine dankenswerte Darbietung, die viel dazu bei- 
getragen hat, das Interesse fur ihrer Eltern Freund P. Cornelius und seine 
Tonwerke neu zu wecken. Ihr letztes literarisches Werk »Maria Pawlowna, 
ein Gedenkblatt* (1904) feiert das Andenken der GroBherzogin-Groflfiirstin 
von Sachsen- Weimar als Stifterin der segensreichen Frauenvereine und In- 
dustrieschulen im Groflherzogtum Sachsen. Wie sehr ihr die Frauensache 
am Herzen lag, beweist auch der Umstand, dafi sie den ganzen selbstver- 
dienten Teil ihres Vermogens, etwa 20000 Mark, der Frauensache wollte 
zugute kommen lassen. Ihr Testament, errichtet 1901, bezeichnet dies als 
ihren »letzten und innigen Wunsch« und bestimmt, das Geld solle verwendet 
werden »auf arme talentvolle Madchen, welche studieren wollen«. »Da ich 
das langst nicht ausfiihren durfte, was ich mir fiir meine geliebte Frauen- 
sache vorgesetzt hatte, ist mir der Gedanke einer pekuniaren kleinen Hilfe 



von Milde. Goullon. 



59 



trOstlich. Jeder Taler ist selbst verdient.« Leider konnte diese klare letzt- 
willige Verfiigung nicht in Kraft treten, weil die Erblasserin zwar das Datum 
unter das Testament geschrieben, aber die gesetzlich geforderte Ortsangabe 
hinzuzufiigen vergessen hatte — wahrhaft tragisch bei einer Dame, die fur 
bessere Unterweisung ihres Geschlechtes auch in rechtlichen und geschaft- 
lichen Dingen so eifrig eingetreten war. 

Nachrufe in der »Weimarischen Zeitung* 1906 Nr. 75 vom 30. Marz und in der 
Zeitung »Deutschland« (Weimar) 1906 Nr, 87 vom 30. Marz zweites Blatt. — Gedachtnisfeier 
far Frl. Natalie v. Milde, gehalten am 9. April 1906 vom Verein Frauenbildung-Frauen- 
studium (Weimar 1906, mit Bildnis; enthalt Reden von den Damen H. Obrist-Jenicke, 
M. Stritt und M. v. Btilow.) — Zeitung »Deutschland« (Weimar) 1906 Nr, 194 vom 19. Juli 
zweites Blatt. — Berichte der Abteilungen des Vereins »Frauenbildung-Frauenstudium« 
fttr 1906/7 S. 45. 

Weimar. Ellen Mitzschke. 



Goullon, Karl Heinrich, homdopathischer Arzt und Schriftsteller, * 8. Juni 
1836 in Berka a. d. Ilm, f 25. Oktober 1906 in Weimar. — Er war der 
alteste Sohn des Geh. Medizinalrates und Amtsphysikus Dr. Konrad Ludwig 
Heinrich Goullon in Weimar (f 1883), der als erfolgreicher Vorkampfer der 
Homoopathie bekannt ist. Seine Jugendzeit verlebte G. im Elternhause zu 
Weimar und durchlief das dortige Gymnasium. 1855 bezog er die Uni- 
versitat Jena, um sich der Arzneiwissenschaft zu widmen, und setzte sein 
Studium 1858 in Leipzig, 1859 in Berlin fort. Im letztgenannten Jahre pro- 
mo vierte G. in Jena mit der Dissertation »De meningitide granulosa* und 
bestand bald darauf die arztliche Staatsprufung in Weimar. Als Assistenzarzt 
bei der Landes-Irrenheilanstalt in Jena gewann er ein bleibendes Interesse fur 
die Psychiatrie und ging deshalb 1861 noch auf einige Monate nach Paris, 
um die Einrichtungen der dortigen Sffentlichen und privaten Irrenanstalten 
kennen zu lernen. Die gesammelten Erfahrungen verwertete er spater in 
dem Buche »Grundrifi der Geisteskrankheit. Unterhaltende und belehrende 
Mitteilungen iiber das Schicksal der Irren« (Sondershausen 1867). 1862 be- 
gleitete G. einen jungen geisteskranken Grafen nach seiner Heimat in Russisch- 
Polen, um ihn neben den Eltern regelmaflig zu beaufsichtigen. Dort erhielt 
der junge Doktor auch die Erlaubnis zur Ausiibung arztlicher Praxis in der 
Umgegend, und er benutzte diese Gelegenheit zur Erprobung der homQopa- 
thischen Heilmethode, mit der ihn sein Vater bekannt gemacht hatte. Die 
Erfolge, die er unter dem polnischen Landadel und unter der Bauernschaft erzielte, 
fielen so zu seiner Zufriedenheit aus, dafl er dauernd fiir die Homoopathie 
gewonnen ward. Der Ausbruch des polnischen Aufstandes zwang ihn schon 
1863 zur Riickkehr in die deutsche Heimat, wobei die Vorsicht zu mancherlei 
Umwegen und Irrfahrten ndtigte. 

Zunachst begann G. nun in dem Landstadtchen Stadtremda bei Rudolstadt 
zu praktizieren, bis er sich 1865 in Weimar als Arzt niederlassen konnte. 
Sein ganzes folgendes Leben lang bis zum Tode, also mehr als 40 Jahre, 
hat er da zum Segen kranker Mitmenschen gewirkt. Aber nicht blofi in 
Weimar selbst und dessen Umgebung fand er seine Patienten, sondern mit 
dem Wachsen seines arztlichen Ansehens ward er haufig auch nach ent- 



60 Goullon. 

femteren Gegenden zu Untersuchungen und Beratungen gerufen, und seine 
schriftlichen Raterteilungen und Verordnungen gingen in bedeutendem Um- 
fange bis in weitentlegene Lander, selbst nach Afrika, Asien und Amerika. 
Es war hauptsachlich seine ausgedehnte literarische T&tigkeit auf dem Ge- 
biete der homoopathischen Heilwissenschfcft, die ihn zu solchem Ansehen 
und zu so ehrenvoller Stellung in der homoopathischen Welt erhob. Bereits 
im Jahre 1864 begann G. -mit schriftstellerischen Arbeiten. Er wurde Mit- 
arbeiter an der Jenaer »AUgemeinen Zeitschrift fur Pharmazie*, an der »A11- 
gemeinen homoopathischen Zeitung«, an Hirschels »Neuer Zeitschrift fur ho- 
mOopathische Klinik«, und dann besonders an der »Leipziger Popul&ren 
Zeitschrift fur Homoopathie«, fur die er von ihrer Grundung (1870) an bis 
in seine letzten Lebensjahre eine ungemein grofle Anzahl von Aufsatzen 
geschrieben hat. Zeitweilig wirkte er an der 1872 — 1877 erschienenen »In- 
ternationalen homoopathischen Presses als Fachredakteur fur differentielle 
Arzneimitteldiagnose und redigierte dann sechs Jahre lang (1878 — 1883) die 
alte » HomOopathische Rundschau «. Auch bei den meisten anderen homoo- 
pathischen Zeitschriften betatigte sich G. als Mitarbeiter, und seine Auf- 
satze wurden gern von der homoopathischen Presse des Auslandes iibersetzt. 
Von seinen selbstandigen Werken ist der »Grundrifi der Geisteskrankheit* 
schon erwahnt worden. Diesem folgte sein Buch »Die skrophulosen Erkran- 
kungen und die Vorzuge ihrer Behandlungsweise nach den Prinzipien und 
Erfahrungen der HomOopathie«, von dem 1897 eine zweite Auflage erschien. 
Weiter verOffentlichte er eine »Gesundheitspflege derjenigen Berufsarten, 
welche vorwiegend mit geistiger Arbeit besch&ftigt sind oder eine sitzende 
Lebensweise fiihren«. Seine Abhandlungen » Diabetes mellitus und seine erfolg- 
reiche Behandlung« und »Was verspricht und was leistet Graphit in der 
hom5opathischen Praxis ?« (beide Leipzig 1872), sowie » Thuja occidentalism 
(Leipzig 1877) wurden vom Zentralverein der homdopathischen Arzte 
Deutschlands, seine Arbeit »t)ber das Verhaltnis der Virchow'schen Zellular- 
Pathologie zur Homdopathie* (im 5. Band der »Internationalen Homoopa- 
thischen Presse«) von der Hahnemann-Sociedad in Madrid mit Preisen ge- 
krOnt. Eine fernere Schrift handelt iiber »Das Bienengift im Dienste der 
HomOopathie" (Leipzig 1880). Ebenso verfafite er eine »Gebrauchs~ 
anweisung zur homoopathischen Reiseapotheke« (Leipzig 1896). Von Casparis 
»Hom6opathischem Haus- und Reisearzt« bearbeitete G. die n. Auflage 
(Leipzig 1873), von Hirschels »Homoopathischem Arzneischatz« die 17. Auf- 
lage (Leipzig 1895), von seines Vaters Handbuch »Die Krankheiten der 
ersten Lebensjahre und ihre homoopathische Behandlung* die 3. Auflage 
(Leipzig 1899); auch iibersetzte er aus dem Englischen die Broschiire von 
Burnett »t)ber die Heilbarkeit des grauen Stares auf arzneilichem Wege« 
(Leipzig 1884). 

Viele Auszeichnungen und Anerkennungen zwar nicht von behOrdlicher 
Seite, aber von gelehrten KOrperschaften des In- und Auslandes wurden ihm fiir 
seine umfangreiche literarische Tatigkeit zuteil, und er konnte mit Recht 
von sich sagen, dafi sein Name in der gesamten homoopathischen Welt 
geachtet und geehrt sei. Vornehm und wtirdig war stets seine Schreibweise, 
und niemals hat er seiner Feder etwas Grobes oder Unartiges entschlupfen 



Goullon. Cramer. 6 1 

lassen, wenn es gait, Angriffe abzuwehren und literarische Fehden auszu- 
fechten. Im persOnlichen Umgang erwies sich G. als ein liebenswiirdiger 
Mensch von natiirlichem, ungezwungenem Wesen, der sich die Herzen leicht 
gewann und den seine Patienten hoch verehrten. Wahrend er sich stets 
hilfsbereit fiir seine Mitmenschen und opferwillig fiir bedurftige Patienten 
zeigte, war er fiir seine eigene Person von ungemeiner Anspruchslosigkeit 
und seltener Bescheidenheit. Die Arbeit im Dienste der Kranken fiillte sein 
ganzes Leben aus und selbst als Schwerkranker hat er noch bis in die aller- 
letzten Tage vor seinem Ende Patienten empfangen und beraten. 

G. Puhlmann, Dr. Heinrich Goullon in Weimar, in der »Leipziger Popularcn Zeit- 
sohrift fiir Hom5opathie« 1890 S. 161 (mit Portrat). — P. Mitzschke, Heinrich Goullon, in 
der Zeitung »Deutschland« (Weimar) 1906 Nr. 305 vora 7. November, drittes Blatt, und 
in der neuen »Homoopathischen Rundschauc IV. Jahrgang (Charlottenburg 1906) Nr. 12 
S. 181 f. — Dr. med. Heinrich Goullon in Weimar, in der »Leipziger Popularen Zeitschrift 
fUr Homoopathie* 1906 Nr. 23/24 S. 183ft. (mit Portrat). 

Weimar. Paul Mitzschke. 



Cramer, Richard, Professor und Baurat, * 13. Juni 1847 in Kftthen, 
f 9. September 1906 in Berlin. C. war der Sohn eines herzoglich An- 
haltischen Schul- und Konsistorialrats ; er legte, 18 Jahre alt, das Abiturien- 
tenexamen ab und studierte nach kurzer praktischer Tatigkeit 1865 bis 1868 
an der Koniglichen Gewerbeakademie in Berlin. Er wurde Konstrukteur bei 
Hoppe und Hummel und war bei den Neubauten der Berlin-Potsdam-Magde- 
burger Eisenbahn und bei denen der Anhaltischen Eisenbahn tatig. 1877 
liefi er sich in Berlin als Zivilingenieur nieder, nachdem er durch zahlreiche 
Reisen in Deutschland, England, Frankreich und Belgien sein Wissen er- 
weitert hatte. Erstaunlich grofi ist die Zahl seiner Arbeiten. Das Lichthof- 
dach und das Kuppeldach der Ruhmeshalle, Umbauten im Alten und Neuen 
Museum, die Reichsbank, die Borse, viele Kirchen und Synagogen sind in 
ihren konstruktiven Details von C. berechnet worden. Er wurde bei dem 
Bau des Hoftheaters in Hannover, vieler Privattheater in Berlin und grofier 
Stadttheater zur Losung schwieriger Baukonstruktionen berufen und wirkte 
auch bei deren maschineller Einrichtung mit. An der konstruktiven Aus- 
gestaltung einer grofien Anzahl von GeschSfts- und Warenh£usern in Berlin, 
Frankfurt a. M., Koln und anderen Orten hat er hervorragenden Anteil ge- 
nommen. Besondere Aufmerksamkeit widmete er der Ausgestaltung hydrau- 
lischer Aufzuge, die er fur die Packhofsanlagen in Berlin entwarf. Bei alien 
diesen Bauten standen ihm Architekten zur Seite. Von Werken, die er 
allein ausfiihrte, bediirfen die zahlreichen Gasanstalten besonderer Erwah- 
nung (Dessau, Gotha, Potsdam, Erfurt, Lemberg, Warschau, SchSneberg, 
Leipzig, Magdeburg, Charlottenburg). An diese reihen sich die Wasserwerke 
in Steglitz und Wannsee, endlich die Entwiirfe und Ausfiihrungen von 
Briickenbauten. So die Havelbriicke in Spandau, Briicken in Danzig, Halle 
und Berlin. 1894 wurde C, der nie ein Staatsexamen gemacht hatte, zum 
auflerordentlichen Mitglied der Koniglichen Akademie des Bauwesens er- 
nannt und erhielt 1899 den Titel eines Koniglichen Baurats und den Roten 



62 Gura. 

Adlerorden IV. Klasse. Anlafilich des sojahrigen Grundungsfestes des Ver- 
eins Deutscher Ingenieure erhielt er den Titel: Professor. 

Vgl. Zentralblatt der Bauverwaltung. 15. September. H. Fuchs. 

Gura, Eugen, kgl. bayerischer Kammer- und Hofopernsanger, * 8. No- 
vember 1842 in Pressern bei Saaz in Bdhmen, f 26. August 1906 in Leoni 
am Starnberger See (Bayern). — Im Nordwesten Bdhmens, wo der Egerflufi aus 
dicht bewaldeten, vonBurgen bekrdnten Bergen zunachst dem St&dtchen Kldsterle 
und der Stadt Kaaden aus der Enge des Gebirgstales tritt, um der Kreisstadt 
Saaz zuzueilen, liegt, eine Viertelstunde vom rechten Egerufer entfernt, das Dorf 
Pressern. Dort wurde G., wie er selbst erzShlt, unter dem niedrigen 
Schindeldache des mehr als bescheidenen Schulhauses als der einzige Sohn 
des Volksschullehrers Franz Josef Gura geboren. Seine Mutter war die 
jiingste Tochter des kinderreichen, in stattlicher Behaglichkeit lebenden Land- 
richters Josef Engst, dessen Gutshof auf der hinter Pressern sich binziehenden 
Hochebene stand. Ein Schullehrer, zumal auf dem Lande, mu6 alles konnen. 
Vater Gura war aber ein tuchtiger Musiker, der seinem Sohn den ersten 
Klavierunterricht erteilen und, was mehr wert war, auch Geschmack mit auf 
den Weg geben konnte. Nach seinem schweren Tagewerk schrieb der alte 
Gura beim spftrlichen Schein der Lampe noch Musikalien fur seinen Jungen 
ab, um ihm die Klassiker, vor allem Beethoven zug&nglich zu machen. Der 
kleine Eugen war schon eine Art dorfliches Wunderkind, als die Neigung zu 
einer andern Kunst in ihm erwachte, die ihn zeitlebens nicht mehr losliefi, 
zu der er aber die Anregung nicht im v&terlichen Hause finden konnte. Der 
Knabe kritzelte und zeichnete wo er konnte und wollte Maler werden. Von 
dieser »brotlosen Kunst* wollten aber die Eltern nichts wissen, und das war 
sein Gliick; denn als G. die Anfangsgriinde der Musik iiberwunden hatte, 
fand er selbst mehr Geschmack daran. Aber furs n&chste war auch von der 
Musik nicht die Rede, er muflte nach Komotau auf die Realschule, spater 
nach Rakonitz auf die Oberrealschule und sollte Techniker, Baumeister oder 
Chemiker werden, kurz etwas Praktisches. In letzterem tschechischen Stadt- 
chen lernte er einen musikfreundlichen Regierungsbeamten kennen und durch 
ihn Mozart, Weber und zuletzt auch den Tannhauser Wagners: in Klavier- 
ausziigen. Als er nun aber gar in Wien, wo er spater das polytechnische 
Institut besuchte, den Tannhauser im Kartnerthor-Theater h6rte, war seine Be- 
rufswahl, ihm selbst noch unbewufit, entschieden. Am 15. Mai 1861 hOrte 
Richard Wagner in Wien zum ersten Male seinen Lohengrin. Alois Ander, 
Luise Dustmann in den Hauptrollen. Wagner sprach zum Publikum, und 
der junge G. notierte sich stenographisch seine Worte und folgte ihm heimlich 
nach der Vorstellung, ahnungslos, dafl er dem angebeteten Meister einst 
naher treten werde. Denn vorerst war es noch immer nicht die Musik, 
sondern die Kunst iiberhaupt, die den technischen Kunsten naherstehende 
Malerei, die ihn vom Brotstudium erlSsen sollte. Er erhielt die Erlaubnis 
vom strengen Vater, die Akademie der bildenden Kiinste in Wien zu be- 
suchen. Er hOrte dort u. a. die Vorlesungen Eitelbergers iiber Kunst- 
geschichte, tiber Albrecht Diirer und die alten italienischen Meister. Durch 
einen von Munchen kommenden Maler veranlaflt zog er jedoch im Oktober 



Gura. 63 

1863 in die Kunststadt an der Isar, urn dort die Malschule Anschiitz' zu be- 
suchen. Ein von den jungen Kiinstlern iibermiitig gedichtetes und aufge- 
fiihrtes Trauerspiel »Ritter Kuno von Eberstein« und die sich anschliefiende 
Fidelitat des Kiinstlerfestes sollte die entscheidende Wendung im Schicksal 
des jungen G. herbeifiihren. Er mufite singen: Schubert, Beethovens Ade- 
laide, und seine jungen Freunde, sein Lehrer Anschiitz erkannten, dafi der 
junge Mann besser Sanger als Maler wiirde. Er selbst hatte nie im Traum 
daran gedacht und nicht einmal seine Stimme erkannt, denn er hielt sich 
fur einen Tenor. Franz Hauser aber, der einst gefeierte Wiener Bafibariton, 
brachte G. bald auf den richtigen Weg. Der junge Maler ging noch lange 
in die Akademie und ins Konservatorium, bis Franz Lachner, auf G. auf- 
merksam gemacht, ihn im Theater Probe singen liefi und G. vom 1. April 
1865 an fur die Munchner Oper mit einem vorerst sehr bescheidenen Gehalt 
verpflichtet wurde. Aber erst am 14. September desselben Jahres kam G. 
als Graf Liebenau im Waffenschmied zum ersten Auftreten. Obwohl der 
junge Bariton jedesmal gefiel, wurde er doch sehr wenig beschaftigt; freilich 
wurde er von dem Stimmriesen Kindermann vorlaufig in den Schatten ge- 
stellt. So trachtete denn G. von Munchen fortzukommen, urn so mehr als er 
in Landsberg a. L. eine Braut seiner harrend wufite. 

Er ging nach Breslau zu Direktor Theodor Lobe. In der ersten in dem 
nach dem Brande neu erbauten Stadttheater gegebenen Oper, den Huge- 
notten, sang G. den Nevers und gefiel. Am 4. Oktober 1868, genau vier 
Monate nachher, verband er sich mit seiner geliebten Therese. In Breslau 
nun fand er die regere Beschaftigung, nach der er sich so sehr gesehnt hatte. 
Am 27. Februar, wenige Wochen nach seiner Hochzeit, hatte er die Freude 
neben Tichatschek als Tannhauser, zum erstenmal den Wolfram von Eschen- 
bach singen zu dtirfen — jene Rolle, in der er spater zahllose Male und an 
den verschiedensten Biihnen Triumphe feierte. Seine Tatigkeit in Breslau 
war so recht geeignet, den jungen Kunstler in seinen Beruf tiichtig einzu- 
fiihren. Heute sang er eine der grofien Baritonrollen, morgen eine Bafibuffo- 
rolle, und dann wieder trat er als Schauspieler in einem klassischen Trauer- 
spiel auf. Aber das Gluck sollte nicht lange wahren. Lobe mufite seine 
Direktion wegen Teilnahmslosigkeit des Publikums aufgeben und G., der so 
einer ungewissen Zukunft entgegensah, wandte sich mit seiner kleinen Fa- 
milie — sie hatte sich inzwischen urn zwei Kopfe vermehrt — nach Leipzig, 
wo er am 5. September 1870 mit dem alten Erfolge als Wolfram zum ersten- 
mal auftrat. Wie nicht anders moglich, ist G. in Leipzig auch als Konzert- 
sanger im Gewandhaus aufgetreten, und hier hat er so recht eigentlich den 
Grund zu seinem spateren Ruhm als Oratorien- und Konzertsanger gelegt. 
Bis in diese siebziger Jahre in Leipzig zuriick datiert auch G.s mutvolles 
Eintreten fur vergessene oder unterschatzte Meister des Liedes. Er war der 
erste, der im Gewandhaus ein Lied von Robert Franz sang, er erweckte 
Loewes Lieder und Balladen zu neuem Leben und ist bis zum Abschlufi 
seiner Kiinstlerlaufbahn der berufenste Interpret Loewescher Balladen, insbe- 
sondere des »Nock«, ^Archibald Douglas«, »Ritter 01uf«, »Edward« und des 
»Prinz Eugen« geblieben. In die Leipziger Zeit fallt auch seine persSnliche Be- 
riihrung mit Richard Wagner, die f iir ihn von entscheidender Tragweite sein sollte. 



64 Gura. 

Am 20. Dezember 1874 kam im Leipziger Stadttheater jene Auffiihrung 
von Spohrs Jessonda zustande, liber die Wagner im 10. Band seiner Schriften 
unter dem Titel »t)ber eine Opernauffiihrung in Leipzig* berichtet. Dort 
bespricht er eingehend die Leistung G.'s als Tristan d'Acunha und sprach 
sich ebenso lobend zur Frau des Kiinstlers aus, die zufallig an jenem Abend 
neben ihm in der Loge saQ: »Sagen Sie ihm: er ist ein Mann, ein Mann I « 
Schon damals nahm Wagner G. fiir seinen in Bayreuth darzustellenden Ring 
des Nibelungen in Aussicht. Da er aber fiir den Wotan und Hans Sachs 
schon den stimmgewaltigen Franz Betz im Auge hatte, konnte nur der 
Gunther in der Gotterdammerung fiir G. in Frage kommen. In mehreren 
Briefen jedoch bat der Meister G., sich auch fur den Wotan und Donner 
(Rheingold) bereit zu halten. Letzteren sang er denn auch dort. Inzwischen 
war das Leipziger Stadttheater in andere Hande iibergegangen, und Pollini 
erhaschte diesen gunstigen Augenblick, um den Kiinstler, der eben in der 
Vollkraft seiner Jahre stand, unter glanzenden Versprechungen nach Hamburg 
zu locken. Von Bayreuth ubersiedelte G. gleich nach Hamburg. Wie sechs 
Jahre vorher stellte sich G. auch den Hamburgern, am 3. September 1876, 
als Wolfram vor. Bayreuth und der riihrige Pollini trugen den nun gefestigten 
Ruhm des Sangers bald in alle Lande. Konzertreisen fiihrten ihn nach 
Holland, Gastspiele nach England. Er sang dort (1882) den Hollander, 
Wolfram, Minister in Fidelio, den Telramund und, vermutlich durch Jenny 
Lind vermittelt, auch in einem Hofkonzert. Der Erfolg war liberall der 
gleiche. Aus den Briefen an seine Sdhne und aus seinen am Ende seines 
Lebens geschriebenen Memoiren leuchtet noch der Stolz auf seine Triumphe. 
Die Freude, die hOchste seiner Freuden gehort aber immer — und das ist 
fiir G. charakteristisch — seiner kleinen, sich immer mehr vergroflernden 
Kupferstichsammlung. Er erwirbt in Holland und England alte Diirer- und 
andere Drucke, hat von anderen kleineren Lieblingen bald das ganze Lebens- 
werk beisammen und ruft, nachdem er die Geschichte seiner Kunstschatze 
erz&hlt, begeistert aus; »Die Wonnen, die diese Werke dem Kunstfreund und 
Enthusiasten zu bereiten vermSgen, und sei ihm vom Schicksal beschieden, 
auch nur eine Auswahl von wenigen Blattern zu besitzen, sie sind allein im- 
stande dem Leben einen Inhalt zu verleihen, der alle Nichtigkeiten des 
Daseins verschwinden macht. Keine der Kiinste, auch nicht die Musik, kann 
den hohen Reiz des hehren Kunstbesitzes, die stillen Freuden, die der An- 
blick und das Sichversenken in diese unsterblichen Werke gewahren, jemals 
aufwiegen!« Die Erinnerungen G.s, die er nicht aus eigenem Antriebe, 
sondern auf Anregung einer Freundin seines Hauses ein Jahr vor seinem 
Tode niederschrieb und die lange nicht das bieten, was man von ihm er- 
warten durfte — sie sind, vermutlich schon infolge des bereits leidenden 
Zustandes ihres Verfassers fiir ein so reiches Leben merkwurdig matt aus- 
gefallen — sind mit verschiedenen Zeichnungen und Radierungen G.s ge- 
schmuckt. Sie zeigen u. a. sein Geburtshaus in Pressern und die Umgebung 
seiner Villa am Starnberger See. Dort hatte er sich ein spater sich mahlig 
ausdehnendes Heim geschaffen, schon bevor er in Miinchen gebunden war. 
Natiirlich schwebte ihm dabei immer ein Engagement an der Munchener 
Hofbiihne als letztes Ziel vor. Nach langeren Unterhandlungen mit dem da* 



Gura. 65 

maligen Generalintendanten Frhrn. v. Perfall kam es im Winter 1882—83 zu 
einem zweimaligen Gastspiel, und am 5. Oktober 1883 trat G. sein letztes 
Engagement als Telramund an. Im Jahr darauf sang G. in den bekannten 
Separatvorstellungen fur den unglucklichen Kcinig Ludwig II. den Amfortas 
im »Parsifal« neben Reichmann, der dazu, wie auch andere GSste, von Wien 
nach Miinchen berufen worden. Neben diesem nicht gerade fur die Theater- 
geschichte — denn die Miinchener Auffuhrungen des Parsifal fanden ja nur 
als geheime Privatvorstellungen mit Ausschlufi jedes Publikums statt — , aber 
fiir die Geschichte dieses Werkes interessanten Datum merkt G. noch eines 
besonders an: den -15. Oktober 1885, wo er mit beispiellosem Erfolge in der 
kOstlichen, unter Liszt in Weimar durchgefallenen, unter Hermann Levi in 
Miinchen der deutschen Biihne wiedergewonnenen Oper »Der Barbier von 
Bagdad « von Peter Cornelius zum ersten Male die Titelrolle sang. Dieses 
Datum blieb auch fur die Zukunft bedeutungsvoll, denn nun konnte dieses 
so lang verkannte Werk nicht mehr ganz verschwinden, namentlich dank der 
meisterhaften, vom vornehmsten Humor getragenen Darstellung des Abdul 
Hassan durch G. Er sang ihn auch noch am Tage seiner 2 5Jahrigen Biihnen- 
tatigkeit, am 14. September 1890 unter besonderen Ehren. Auch nach dem 
Tode Wagners blieb G. dem Hause Wahnfried verbunden: er ubernahm bei 
den Festspielen im Jahre 1886 den Konig Marke und wieder den Amfortas, 
ebenso 1889 und 1892 und dazu den Hans Sachs. Im Jahre 1896 nahm G. 
Abschied von der Biihne, nachdem er kurz vorher noch die Freude erlebt 
hatte, in einer Musterauffiihrung des Don Juan im kleinen Kgl. Residenz- 
theater, in der sein Sohn die Titelrolle sang, den Leporello spielen zu 
kOnnen. Dieser Sohn Hermann hatte vom Vater Intelligenz und Spieltalent, 
leider nicht den ganzen Zauber seiner Stimme geerbt. Er wirkt gegenwartig 
als gesch&tzter Bariton und Oberregisseur an der Schweriner Oper, wahrend 
der andere Sohn dem Kgl. Schauspiel der Miinchener Hofbiihne als niitz- 
liches Mitglied angehort. Das Prinzregenten-Theater, das Miinchener Fest- 
spielhaus, half G. noch einweihen. Es wurde zur ErSffnung des Hauses, am 
20. August 1 90 1, der dritte Akt der Meistersinger aufgefuhrt. Er sang da 
zum letzten Male den Hans Sachs. Dem Konzertleben blieb G. aber noch 
lange treu. Sein edles, aber nie sehr robustes Organ konnte da im kleineren 
Raume noch viele Perlen verstreuen. Schubert, Schumann, Loewe, Hugo 
Wolf, Hans Sommer kamen durch ihn zu einer zum Teil noch immer voll- 
endeten Darstellung. Ein Jahr spater nahm G. auch vom Konzertpodium 
Abschied, mit ihm wohl der grdfite und berufenste Sanger Loewescher 
Balladen. Es lag in der Natur der Dinge, dafl seine Kraft zuerst auf der 
grofien Biihne zu versagen anfing, als er noch im Konzertsaal zauberhafte 
Wirkungen ausiibte, schon durch den iiberzeugenden kiinstlerischen Vortrag 
allein. G. ist aber auch ein intelligenter, geschmack- und humorvoller Schau- 
spieler gewesen, dem man jede Rolle glaubte, weil er immer gewissenhaft 
ganz in jeder, auch der undankbarsten Aufgabe aufging. Er hat wohl 
Schiiler gehabt, aber keinen, der irgendwie von sich reden gemacht hatte. 
Das Beste und Individuellste, was er besafi, konnte er eben keinem hinter- 
lassen. -*• Leider war dem Meistersanger ein schweres, lange dauerndes 
Siechtum beschieden. Eine friihzeitige Arterienverkalkung triibte zuerst 
seinen klaren Geist kaum merklich, machte aber immer fiihlbarere Fort- 

Biogr. Jahrbuch u. Deutschcr Nckrolo?. n. Bd. c 



66 Gura. Lautenschlager. 

schritte; es war ein langsames und schmerzvolles Sterben, als er, von seiner 
inzwischen auch schon verstorbenen treuen Gattin mit letzter Aufopferung 
aller Kr&fte gepflegt, in seinem Tuskulum am Stamberger See den letzten 
Atemzug tat — ein edler, liebenswiirdiger Mensch, durch und durch ein 
Kiinstler von Gottes Gnaden. 

Zu seiner Biographic wird die verlafiliche Hauptquelle natiirlich immer sein Buch 
* Erinnerungen aus meinem Leben, von Eugen Gura. Leipzig. Breitkopf & Hartel 1905* 
bleiben. Nekrologe brachten bei seinem Tode alle Tagesblatter, der Theateralmanach der 
Deutschen Btihnengenossenschaft (18. Jahrg. 1907). Die Daten in Eisenbergs Grofiem 
Deutschen BUlinenlexikon diirften auf seinen eigenen Mitteilungen beruhen. Aus seinen 
reiferen Jahren existiert ein Pastellbildnis von ihm, das Wilhelm Hecht gemalt hat; auch 
seine Erinnerungen enthalten ein wohlgetroffenes Portrat aus seinen Ruhmestagen. Am 
4. August 1907, wenige Wochen vor dem ersten Gedenktag seines Todes wurde im Fried- 
hof zu Aufkirchen, wo G. unfern seiner Villa begraben Hegt, mit einer schonen Feier 
ein sinniges Denkraal enthiillt, das Adolf v. Hildebrand entworfen hat. 

Miinchen. Alfred Frhr. v. Mensi. 



LautenschlXger, Karl, Kgl. Maschinerie-Direktor und Ehrenmitglied der-Kgl. 
Theater in Miinchen, * 11. April 1843 zu Bessungen bei Darmstadt, f 30. Juni 1906 
in Miinchen. — L. war einer der genialsten Theatertechniker unserer anspruchs- 
vollen Zeit. Friih verlor er seinen Vater, einen Backermeister, und da seine 
Mutter bald den Hofschauspieler und Szenerie-Inspektor des Darmst&dter Hof- 
theaters, Christian Bormuth, heiratete, kam der Knabe schnell mit dem Thea- 
ter in Fiihlung. Schon trat er als Tells Knabe auf, und Emil Devrient, 
der das Talent des aufgeweckten Jungen gelegentlich eines Gastspiels in 
Darmstadt entdeckt hatte, wollte seine fernere Ausbildung iibernehmen. Seine * 
Mutter widersetzte sich aber diesem Ansinnen und gab auch spater nur mit 
Widerstreben zu, dafi er vom Maschinenmeister Karl Brand in die Lehre ge- 
nommen wurde. Er war erst 17 Jahre alt, als er schon fiir den zeitweise 
abwesenden Lehrmeister den ganzen Dienst als Maschinenmeister versehen 
konnte. In den Jahren 1859 — 63 sah er an der Seite Brands die Biihnen- 
einrichtungen der meisten Theater und bildete sich so zu einem hervor- 
ragenden Theaterpraktiker aus. Er war durchaus Antodidakt. Allgemeine 
Bildung und tieferes Wissen hat diesen anschl&gigen Kopf nie besonders be- 
schwert. Aber kaum zwanzigfahrig konnte er, am 13. September 1863, am 
Rigaer Stadttheater eine selbstandige Stellung iibernehmen und ausfiillen, und 
nach zwei Jahren konnte er einem Ruf an das Stuttgarter Hoftheater folgen, 
wo er bis 1880 blieb. Die Miinchner Hofbiihne bereitete gerade ihre Muster- 
vorstellungen in diesem Jahre vor, als L. nach Miinchen berufen wurde, das 
er nun nicht mehr verlassen sollte. Hier konnte er so recht zeigen, was die 
wackeren S6hne Miedings zu leisten imstande sind. L. war nicht nur der 
szenische Organisator der bekannten geheimen Separatvorstellungen Kdnig 
Ludwigs IL, sondern er hatte auch auf dessen Schlossern manch ungewdhn- 
liche technische Einrichtung zu treffen. Sein Ruhm und Ruf stieg, und er 
wurde in die halbe Welt berufen, um Theater einzurichten. So danken ihm 
das Schweriner Hoftheater, das neue Rigaer Stadttheater, das Lessing-, das 
Berliner- und das Viktoria-Theater in Berlin ihre Einrichtungen. In Bologna 
richtete er den Tannhauser ein, in Paris als »MonsieurLauf« im Auftrag derfran- 



Lautcnschliiger. 67 

zosischen Edison-Gesellschaft die Grofle Oper mit seinem paten tierten elektrischen 
Biihnenapparat. Die Verwendung der Elektrizitat flir die Beleuchtung der Biihne 
und als Motor geht ganz und gar auf L. zurlick. Das kleine K5nigliche Re- 
sidenztheater in Munchen war das erste Theater, dem die jetzt so allgemeine 
elektrische Beleuchtung zuteil wurde. Bei der elektrischen Ausstellung des 
Jahres 1881 in Paris kam L. auf den Gedanken, und die des Jahres 1883 in 
Munchen hat ihn wohl noch darin bestarkt. Unter den Intendanten v. Perfall 
und v. Possart konnte L. alle seine technischen Wunder und Teufeleien los 
werden, zu denen schon die wie an keiner andern Biihne haufigen Auffuhrungen 
Wagnerscher Werke einen steten Anlafi boten. So richtete er auch 1903/04 
noch die ersten der spater so beriichtigten und angefeindeten Conriedschen 
Parsifal-Auffiihrungen in New York ein, wie es denn iiberhaupt zuletzt keine 
bedeutende Biihne des In- und Auslandes gab, die nicht rnindestens seinen 
technischen Rat verlangt hatte. 

An der Munchner Hofbiihne wirkte L. bis zum 1. Juni 1902 in nicht 
weniger als 116 Neuinszenierungen. Es wurden ihm die Goldene Medaille 
flir Wissenschaft und Kunst, Orden und Ehren verliehen, er wurde zum Ehren- 
mitgliede des Kgl. Hoftheaters ernannt. Bleibender als diese Ehren werden 
seine Werke aller Orten seinen Namen auf die Nachwelt bringen, vor allem 
drei: die Einrichtung des Munchner Wagnerfestspielhauses, des Prinzregenten- 
Theaters, die sogenannte Shakespeare- und die Dreh-Biihne. Die Shake- 
speare-Biihne wurde vom damaligen Oberregisseur des Kgl. Schauspiels Jocza 
Savits erdacht und unter Mitwirkung und Unterstiitzung seines Chefs Frhrn. 
v. Perfall 1889 ausgefiihrt. L. konstruierte den Biihnenapparat zur sinnreichen 
Vereinfachung der Szenerie, welche es ermoglichte, Shakespearesche und 
andere Dramen vollstandig, ungestrichen und bei offenen Verwandlungen in 
kiirzester Zeit zu spielen: den Aufbau auf der Biihne mit einem Mittelvor- 
hang und das vorgebaute Proscenium. Die Erfindung der Shakespeare-Biihne, 
die wohl anderwarts nachzuahmen versucht wurde, aber mit Weglassung in- 
harenter Teile, so dafi ein Erfolg nicht zu erwarten war, ist ja eigentlich 
so recht gegen den mod.ernen Ausstattungs-, Dekorations- und Maschinenluxus 
gerichtet; sie hatte also einem modernen zauberkundigen Biihnentechniker 
wenig sympathisch sein miissen. Naher stand L. deshalb auch sein eigenstes 
Werk, die Drehbiihne, die es ermOglicht, drei verschiedene Dekorationen auf 
eine elektrisch zu bewegende Drehscheibe zu setzen und so ebenfalls bei 
offener Szene in wenigen Sekunden das Biihnenbild zu verwandeln. L. richtete 
die kleine Biihne des Residenztheaters so ein, und Ernst v. Possart brachte 
dann darauf die schnell beriihmt gewordenen Neuinszenierungen Mozartscher 
Werke, des Figaro (1895), Don Giovanni (1896), die Entfiihrung (1897) und 
Cosi fan tutte (1897) in der Originalfassung und im Zeitkostiime heraus. 
Am schonsten bewahrte sich die Drehbiihne bis heute bei den Auffuhrungen 
des Don Giovanni und von Cosi fan tutte, wo eben die meisten Verwand- 
lungen notig sind. Ein nicht zu verschweigender Nachteil der Lauten- 
schlagerschen Erfindung ist die starke Resonanz der auf den Biihnenboden 
aufgesetzten Drehscheibe (besonders im Schauspiel, das natiirlich auf der 
nicht abzunehmenden Drehbiihne, auch wenn sie nicht beniitzt wird, eben- 
falls gespielt werden mufi) und die Kleinheit der jedesmal dem Zuschauer 
zugekehrten Kreissegmente, die das jeweilige Biihnenbild ergeben. L. hatte 

5* 



68 Lautenschlftger. Cloos. Heync. 

ubrigens spater sein Eigentumsrecht an der Drehbuhne noch gerichtlich zu 
verteidigen. 

Auch nach seiner Demission im Jahre 1902, deren Griinde eigentlich 
niemals ganz bekannt wurden — L. stand noch in den besten Jahren — ist 
er der Miinchner Hofbtihne ein stets bereiter Berater geblieben. Meist war 
er aber auf Reisen, um neue Buhnen einzurichten oder alte Einrichtungen zu 
verbessern. Ein krebsiges Magen- und Leberleiden, gegen das L. naturlich 
vergeblich in Karlsbad Heilung gesucht hatte und dem auch eine Operation 
nicht mehr Einhalt tun konnte, verschlimmerte sich 1906 pldtzlich, so dafi 
L., der noch voller Plane war und seine Erfahrungen auch in einem Buch 
iiber moderne Theatertechnik niederlegen wollte, ihm erliegen muflte. Er 
hat leider weder dieses Buch, noch einen Schiller, noch einen ann&hernd 
ebenbiirtigen Nachfolger hinterlassen, nur das all-gemeine Bedauern, dafi 
dieser anschl&gige Kopf so friih seiner Kunst entrissen worden. 

Einen kurzen Abrifl seines Lebens brachte der Almanach der Deutscben BUhnenge- 
nossenschaft (18. Jahrgang, 1907), Iangere Xachrufe die Tagesblatter und einige tech- 
nische Zeitschriften. 

Miinchen. Alfred Frhr. v. Mensi. 



Cloos, Ulrich, Regierungs- und Baurat, * 16. August 1852 in Goch am 
Rhein, f 8. Mai 1906 in KOln. C. besuchte das Gymnasium in Saarbriicken, 
und mufite, um sich die Mittel zum Studium zu erwerben, nach Absolvierung 
der Provinzial-Gewerbeschule, in praktische Dienste treten. Nach 3J&hriger 
Unterbrechung seiner Studien bezog er zuerst 1875 die Technische Hoch- 
schule zu Karlsruhe, und legte 1880 in Berlin die Baufuhrerpriifung ab. 
Durch vier Jahre war er nua beim Bau der Berliner Stadtbahn beschiftigt, 
wurde 1884 Regierungsbaumeister und leitete als solcher den Bau des 
zweiten Geleises der Fischbachbahn, bei der aufierordentliche Schwierigkeiten 
zu bewaltigen waren. 1896 wurde er Leiter der Betriebsinspektion Saar- 
briicken und in Anerkennung hervorragender Verdienste in dieser Stellung 
1903 als Mitglied der KOniglichen Eisenbahndirektion KCln zum Umbau der 
Bahnanlagen berufen. 

Vgl. Zentralblatt der Bauverwaltung. 23. Mai. H. Fuchs. 



Heyne, Moriz, Universitatsprofessor der deutschen Philologie, • 8. Juni 
1837 in Weifienfels, f 1. M&rz 1906 in Gftttingen. 

H. war der Sohn eines Seilermeisters und er hat die Herkunft aus dem 
Handwerkerstande gern mit Behagen herausgekehrt: den grofien Arch&ologen 
Christian Gottlob Heyne, den obersachsischen Leineweberssohn, nannte er 
gern »den Onkel«. Die Mittel des Vaters und des Grofivaters reichten nur 
eben hin, ihm neben der Biirgerschule einigen Privatunterricht erteilen zu 
lassen. Auf diesen gestiitzt erwarb H. an der Hallischen Lateinschule das 
Zeugnis der Reife fur Prima und trat dann in den Kanzleidienst der Justiz- 
verwaltung — er hat also niemals eine hohere Lehranstalt besucht. 1857 
wurde er Supernumerar, sp&ter Aktuar; durch eine friihe Heirat gewann er 
die Mittel, im Herbst i860 die Universit&t Halle zu beziehen und sich dem 
Studium der Sprachwissenschaft und des deutschen Altertums zu widmen. 



Heyne. 69 

Von seinen Lehrern hat allein Heinrich Leo starker auf ihn eingewirkt, das 
meiste aber verdankte er seinem energischen Privatstudium; er war Autodi- 
dakt und ist es sein Leben lang geblieben. Schon in seinem vierten Semester 
gab er die »Kurze Laut- und Flexionslehre der altgermanischen Dialekte* 
(Paderborn 1862) heraus, die bis zum Jahre 1880 noch dreimal gedruckt 
wurde und jedenfalls bis zur 3. Auflage (1874) ein nutzliches und sehr be- 
liebtes Handbuch war. Seine Ausgabe des »Beowulf« (Paderborn 1863) legte 
er der Fakultat als Doktorschrift vor: am 3. Dezember 1863 wurde er unter 
Dispens vom Maturitatszeugnis promoviert; ein Jahr spater folgte die Ha- 
bilitation. 1869 erhielt H. ein Extraordinariat, 1870 wurde er als Ordinarius 
nach Basel berufen, wo er der Nachfolger Wilhelm Wackernagels war, 1883 
bot ihm die preufiische Regierung ein Ersatzordinariat in Gottingen an, 
hauptsachlich um seine Kraft dem Grimmschen Worterbuch zu erhalten, zu 
dessen Mitarbeiter H. seit 1867 zahlte: denn er hat mehrfach geschwankt, ob er 
nicht den akademischen Beruf mit der Leitung eines Museums vertauschen 
solle, und er wiirde in diesem Falle wohl der Lexikographie Valet gesagt 
haben. So siedelte er nach Gottingen uber und ist hier neben alien seinen 
Arbeiten und Interessen bis an sein Ende auch als akademischer Lehrer tatig 
gewesen, anfangs als Stutze und Ersatz fiir 'den greisen Wilhelm Mtiller, 
spater mit jiingern Kraften zur Seite. 

Den oben erwahnten literarischen Erstlingen war die Neubearbeitung des 
Stammschen »Ulfilas« (1865), eine eigene Edition des »Heliand« (1866), die 
Sammlung der »Kleinere Denkmaler der altniederdeutschen Sprache* (1867), 
schliefilich eine >Kleine altsachsische und altniederfrankische Grammatik« 
(1873) gefolgt; die meisten dieser Werke haben mehrere Auflagen erlebt, 
ohne sich aber andauernd des inneren Anteils und der aufieren Sorgfalt H.'s 
zu erfreuen. Denn es waren in ihrer Entstehung Lohn- und Notarbeiten ge- 
wesen — sein Interesse und seine besondere Befahigung zogen H. von Edition 
und Grammatik hinweg zu Wortforschung und Altertumskunde. In der 
Vereinigung dieser beiden Gebiete und in der gegenseitigen Befruchtung der 
Geschichte der Realien und der Worter lag H.s Starke und Eigenart. H. 
hat an dem »Deutschen W6rterbuch« der Briider Grimm die Buchstaben H. 
I, J, L, M ganz allein, die Buchstaben R und S (bis etwa zur Mitte) mit 
weitgehender Unterstutzung seiner von ihm zur Mitarbeit erzogenen Gottinger 
Schiiler bearbeitet; zuletzt hatte er das Z in Angriff genommen, denn er 
wollte das grofie nationale Werk personlich zum Abschlufi bringen: bei dem 
Worte »zahllos« ist er abberufen worden. Es sind alles in allem 4 Bande 
mit ca. 1 1 000 Spalten, auf deren Titelblatt sein Name steht. Er beherrschte die 
lexikographische Technik in eminentem Mafie und arbeitete Hotter als irgend 
ein anderer unter den Nachfolgern der Grimms, wenn auch freilich nicht so 
tief bohrend und so mit behaglicher Anmut ausgestaltend wie Rudolf 
Hildebrand. 

Doch allmahlich erschien dem zum Meister geschulten Wortforscher diese 
Beschrankung auf wenige Buchstaben als ein erniedrigender Frondienst: es 
drangte ihn, seine Erfahrung, seinen Uberblick uber den deutschen Sprach- 
schatz und seine sichere Technik auch einmal an einem vollstandigen Worter- 
buch eigensten W T urfes zu erproben, und so entstand sein »Deutsches Worter- 
buch* in 3 Banden (1890— 1895, 2. Aufl. 1906). Es war kaum abgeschlossen, 



70 Heyne. Renk. 

als H. zur Ausfuhrung eines weit litem Lieblingsplanes iiberging, eines, den 
er seit seinen akademischen Anfangen mit sich herumgetragen hatte. Von 
jeher hatten ihn, auch beim Studium und bei der Interpretation der Texte, 
die Realien ganz besonders angezogen: aus der Arbeit am Beowulf erwuchs 
ihm schon 1864 die Studie »t)ber die Lage und Konstruktion der Halle 
Heorot*. In Basel hat er die Schopfung seines Amtsvorgangers, die »Mittel- 
alterliche Sammlung«, von wertvollen, aber slufierlich unscheinbaren Anfangen 
zu einem stattlichen Museum ausgestaltet, in Gdttingen eine »St&dtische 
Altertumssammlung* aus dem Nichts geschaffen und mit bescheidenen 
Mitteln zu iiberraschender Ausdehnung gebracht: in wenig mehr als einem 
Dezennium ist hier ein kulturgeschichtliches Museum fur Siidhannover er- 
wachsen, das durch Reichtum und Vielseitigkeit des Materials und durch 
seine lehrreiche Anordnung ein vielfach zum Wetteifer anspornendes Vorbild 
geworden ist. Aus den Arbeiten fur Basel waren einzelne Studien, wie die 
iiber die »Basler Glasmalerei des 16. Jahrhunderts « (1883) und eine Tafel- 
publikation »Kunst im Hause« (2 Teile; 1-880, 188a) hervorgegangen, die 
liebevolle Beschaftigung mit den Antiquitaten Niedersachsens nahrte und 
zeitigte den Plan der »Deutschen Hausaltertiimer«, die in fiinf Buchern ein 
Bild der materiellen und geafellschaftlichen Kultur unserer Vorfahren von den. 
altesten Zeiten bis zum 16. Jahrhundert bieten sollten. In den Jahren 1899 
bis 1903 sind 3 Bande erschienen, welche »Das dcutsche Wohnungswesen «, 
»Das deutsche Nahrungswesen «, » KOrperpflege und Kleidung bei den 
Deutschen« behandeln; ein vierter Band war begonnen, der Abschnitt iiber 
»Das deutsche Handwerk« wird als Torso demnachst verMentlicht werden. 

H.s Arbeitskraft war bis zu seinem Ende ungebrochen: das Leiden, dem 
er nach kurzer Krankheit erlag, hat er in seiner Gefahrlichkeit wohl kaum 
erkannt. Zettel von der WOrterbucharbeit lagen auf seiner Bettdecke, als 
ihm die Besinnung zu schwinden begann. Sein Tod hinterliefi eine Liicke, 
die nicht nur an der Universitat, sondern auch in weiten Kreisen der Biirger- 
schaft empfunden wurde. Denn der »Geheime Rat« war durch die T&tig- 
keit fiir das Stadtische Museum mit alien Schichten der Bevolkerung in nahe 
Beziehung getreten: er genofi eine Popularitat, wie sie wohl nie zuvor ein 
G6ttinger Hofrat erfahren hat. In seiner aufieren Erscheinung, wie in seinem 
ganzen Gehaben waren die Ziige des Gelehrten und des Burgers einer kleinen 
Stadt hdchst eigenartig gemischt — und Nahe und Abstand wurden wech- 
selnd und doch gleichmafiig empfunden. 

Beilage zur Allgemeinen Zeitung Nr. 62 vom 16. Marz 1906. — Chronik der Kgl. 
Georg-August-Universitat ftir das Rechnungsjahr 1905 (worin vollstandige Bibliographic). 

Gdttingen. Edward SchrOder. 

Renk, Anton, Dr. phil., Schriftsteller, * 10. September 1871 in Innsbruck, 
f 2. Februar 1906 ebenda. — R. absolvierte in Innsbruck das Gymnasium, stu- 
dierte auf der dortigen Universitat Philosophic und Germanistik, besuchte Italien, 
genofi seine reiche SchOnheit, das Beste aber gab ihm das Volk seiner Heimat. 
»Wenn ich zuriickdenke« sagt er einmal, »wie viel meinem Eigenwesen voll- 
standig entsprechende, weil in der Natur begriindete Freude ich aus dem 
Umgange mit dem Volk erhielt, so drSngt es mich, diesen Dank auch abzu- 
tragen.« Besser und schOner als er es in seinen Schriften und Dichtungen 



Renk. Beemelmans. 7 1 

tat, konnte er seinen Dank nicht abtragen. In zahlreichen Aufsatzen be- 
richtete er in Zeitschriften Osterreichs und Deutschlands iiber Land und Leute 
Tirols. Auch selbstandige Monographien widmete er dieser Aufgabe. Her- 
vorgehoben zu werden verdienen die Schriften »Im obersten Inntal Tirols « 
(1899) und »Der Tod in den Alpen« (1900). R. erzahlt uns in seinen kultur- 
geschichtlich wertvollen Monographien von den Sagen und Marchen, die bei 
den Tirolern noch lebendig sind, ihren eigentiimlichen Sitten und Gebrauchen, 
ihren Vorstellungen iiber Welt, Leben und Tod, von ihren Gesangen uad 
Spruchen. Auch in kiinstlerisch geformten Novellen und Geschichten fiihrt 
er uns ins Tiroler Volksleben ein. Die Prosa R.s, die neben Novellen auch 
Marchen umfaflt, ist lebendig und frisch; der Stil ist plastisch. In der 
Seelenzeichnung zeigt er sich als starker Beobachter und Konner. Seine 
beste Kraft entfaltete R. aber doch in der Lyrik. Die drei Gedichtbande 
» Ranken « (1894), »t)ber den Firnen .... Unter den Sternen « (1901), 
»Sonnwendbuch« (1904) sind in erster Linie zu nennen. Fern von auf- 
dringlicher Originalitatssucht und ebensofern von aller Geneigtheit, Kon- 
ventionellem sich zu bequemen, gab R. seinen Gedichten festgefiigte, wohl- 
gebildete, reine Formen, urn in sie kostlichen Inhalt zu fassen. Lebhafte, 
reiche Phantasie, herzenstiefes, warmes Gemiit lebt in seinen stimmungsstarken 
Dichtungen. Den Bergen, dem Hochgebirge wandte er seine besondere Liebe 
zu; wie wenige bringt er in seinen Gedichten die eigenartige SchOnheit der 
Natur und des Lebens in jener erhabenen Welt zur Anschauung. Gleich 
Gilm und Pichler war R. ein begeisterter Deutscher, gleich ihnen schrieb 
auch er politische und sonstige Tendenzdichtungen. Ich nenne hier die 
Gedichtsammlung » Tiroler und Buren« (1901), worin er sich auf die Seite 
der deutschen Stammesbriider in Sudafrika stellt, und weise auf den Band 
Dichtungen »Pax vobiscum* hin. Hier tritt er in ehrlicher Uberzeugung 
feurig fiir die Idee des allgemeinen Friedens ein; der blutige Krieg dunkt 
ihm kulturwidrig, menschenunwiirdig. Cberall erscheint hier R. nicht nur 
als bedeutender Dichter, sondern auch als edler, nur dem Besten und Reinsten 
zustrebender Mensch. 

Vier Bde. von »A. R.s Werke. Hg. v. Jungtirol* erschicnen 1907 und 1908 in 
MUnchen. In den ersten zwei Bdn. stehen die Gcdichte R.s, die beiden anderen enthalten 
Prosaschriften. Der erste Bd. wird durch eine kurze Biographic R.s von F. Kranewittcr 
eingeleitet; der zweite Bd. enthalt ein Bildnis R.s. Am Schlusse des ersten Bds. sind alle 
selbstandig erschienenen Werke des Dichters verzeichnet. 

Miinchen. Dr. Arnulf Sonntag. 

Beemelmans, Friedrich Wilhelm, Ministerialrat im Kaiserl. Ministerium 
fiir Elsafi-Lothringen. * 1837 in Prummern, Rgbz- Aachen, f 2. April 1906 
in Strafibuig i. E. Absolvierte das Gymnasium in Aachen und setzte seine 
Studien an der Bauakademie in Berlin bis 1862 fort. Er wurde hierauf 
Baufuhrer der Berlin-Stettiner und Niederschlesisch-Markischen Bahnbauten, 
machte den Feldzug 1866, der ihn bis Koniggratz fiihrte, mit, wonach er 
als Abteilungsbaumeister beim Bau der Berliner Ringbahn tatig war. Der 
Ausbruch des Krieges 1870 unterbrach diese Laufbahn. Er wurde der Feld- 
eisenbahnabteilung zugeteilt und zeichnete sich bei der Wiederherstellung 
des grofien Tunnels bei Dammskirch (Belfort) aus; mit dem Eisernen Kreuz 



72 



Beemelraans. Hartmann. 



am weifien Bande kehrte er aus dem Kriege zurtick. 1872 wurde er als 
Eisenbahnbaumeister bei der Gerteraldirektion der Reichseisenbahneh ange- 
stellt und 1873 zum Bau- und Betriebsinspektor befordert. In dieser 
Stellung war B. in hervorragender Weise an den umfangreichen Wiederher- 
stellungsarbeiten der els&ssischen Bahnen beteiligt und erhielt fur seine 
Verdienste urn die Ausgestaltung neuer Linien 1876 den Roten Adlerorden 
IV. Klasse. 1879 wurde er oberster technischer Referent fur Wegebau und 
Eisenbahnwesen und 1880 Ministerialrat, als welcher er die Anlage neuer 
Strafien, die Herstellung grofler Rheinbriicken, den Bau zahlreicher Lokal- 
bahnen forderte; 1892 iibemahm er auch das Referat uber die Hochbauten 
und entfaltete auch in diesem Amte eine umfassende Tatigkeit. Die Voll- 
endung des Landesausschufigeb&udes, der Neubau der Universitat, das Justiz- 
und das Ministerialgebaude sind seiner Initiative zu danken. 

Vgl. Zentralblatt der Bauverwaltung. 7. April. H. Fuchs. 

Hartmann, Karl Robert Eduard von, der letzte der sieben grofien 
Denker Deutschlands, Dr.pkiL, Kgl. Preufi. Oberleutnant a. D., * am 23.Februar 
1842 zu Berlin, Lindenstrafie Nr. 112, f am 5. Juni 1906 zu Grofllichterfelde, 
Marienstrafie 7 a. — Als das einzige Kind eines preufiischen Hauptmanns, 
sp&teren Generals der Artillerie, aus dessen Ehe mit der Tochter eines Arztes, 
Dr. med. Dohse, genofi H., gehegt von der Liebe und Sorgfalt beider Eltern, 
von friih auf eine Gemiit und Geist gleichmafiig anregende Erziehung: be- 
sonders durch den Vater, der auf ihn, zugleich mit der ernsten Lebensauf- 
fassung und dem hohen Pflichtgefiihl, die ihm selbst eigen waren, auch jenen 
klaren Blick und nuchternen Wirklichkeitssinn iibertrug, der den Sohn spater 
bef&higen sollte, zu der Zeit der Bismarckschen Realpolitik auch die deutsche 
Philosophie aus dem Reiche des reinen Gedankens in die Welt der natiir- 
lichen Wirklichkeit herabzufiihren, ohne sie doch ihres idealen Zuges zu 
berauben. Friih reif, lernte H. schon im vierten Jahre beim Vater lesen, 
bekam dann zunachst etwas Unterricht durch einen Hauslehrer und trat zu 
Ostern 1848 in die KOnigliche Seminarschule zu Berlin, wo er, aufier in 
Naturwissenschaften und deutscher Literatur, besonders wichtige Anregungen 
durch den Religionsunterricht empfing und der kiinftige Denker sich schon 
in lauten Zweifeln des neunjahrigen Knaben an gewissen Grundlehren des 
Christentums ankiindigte. Auf dem Friedrich-Werderschen Gymnasium, das 
er von Ostern 1852 ab besuchte, fesselte ihn erst von der Obersekunda an 
(1855) wieder die Mathematik wegen ihrer nun schon mehr oder minder 
deutlich von ihm »geahnten philosophischen Bedeutung als Zauberschlussel 
zur anderweitig unmSglichen Losung begrifflich gestellter Aufgaben*. Und 
daneben die Physik, wo Professor Bertram den Grand zu seiner spateren 
Erkenntnislehre legte und ihn zuerst auf den Gedanken fiihrte, dafi ein wirk- 
licher Stoff aufier und neben der Kraft eine leere Einbildung sei. An den 
alten Klassikern, namentlich den Lateinern, fand er wenig Geschmack. Nur 
Sophokles entziickte ihn, und ganz iiberwaltigt ward er von der einfachen 
Gr5fie des Thukydides, an dem ihm zuerst » das Wesen des Klassischen auf- 
ging«: als der (ihn selbst sp&ter auszeichnenden) »naturlichen Kunst, ohne 
Kunst an jeder Stelle in schlichter Weise das Notige zu sagen und das Ganze 
logisch zu ordnen*. — Im ganzen^empfand H. die Schule jedoch als eine 



r 



Hartmann. 



73 



druckende Last und seine kiihne Freidenkerei, zusammen mit seiner ihnen 
unverstandlichen Schwarmerei fiir Kunst, trennten ihn auch von den meisten 
seiner Genossen. Um so eifriger beschaftigte er sich mit personlichen Lieb- 
habereien, las viel schOne Literatur, ubte fleifiig Musik, studierte sie auch 
theoretisch und zeichnete und malte schon friih in Professor Briickes Atelier. 

Mit sechzehn Jahren, nach wohlbestandenem Maturum, verliefl H. das 
Gymnasium. Das Studium war ihm so verlejdet, da6 er nach der Universit&t 
kein Verlangen trug. Um so weniger, als seinen fein veranlagten und 
gebildeten Sinn das laute studentische Wesen abstieQ. Er sehnte sich (wie 
er selbst sagt) »nach einer bestimmten und zwingenden Berufstatigkeit, die 
ihm hinlanglich Mufle freilassen sollte, um die Kunste und Wissenschaften 
dilettantisch mit Erfolg zu betreiben, aber zugleich die jugendliche Kraft 
in fest vorgezeichneten Bahnen zusammenhielt und vor der Verlotterung des 
Sichselbstiiberlassenseins bewahrte.« Beides aber glaubte er im Offizierstande 
zu finden. »In dem preufiischen Militarismus (so schreibt er) bewunderte 
ich einen kunstvollen Organismus, innerhalb dessen die straffste Subordination 
unerlafiliches Mittel zum Zweck ist, und ich war Philosoph genug, um zu 
wissen, dafi die einmal begriffene Notwendigkeit auch im konkreten Falle 
nicht mehr als auflerer Zwang empfunden wird.« So wurde H. aus eigenem 
freien Entschlufi Soldat. Und er hat es, mit Recht, sp£ter nie bedauert; 
denn er hat so eine ganz andere Charakterbildung empfangen und das 
menschliche Leben, die Grundlage alles philosophischen Weiterdenkens, weit 
anschaulicher, unmittelbarer und vielseitiger kennen gelernt, als dies fur 
gewOhnlich einem Jungling m5glich ist, der sich von Anfang an fiir die 
Laufbahn eines Gelehrten bestimmt. — 

Am i. Oktober 1858 trat H. in das Garde-Artillerie-Regiment zu Berlin 
ein, exerzierte das iibliche Vierteljahr zu Fufl und am Feldgeschiitz, kam 
dann nach Spandau, um hier den Festungsdienst kennen zu lernen, ward im 
August 1859 zum Fahnrich ernannt und behufs Ausbifdung im Reiten zur 
Feld-Artillerie nach Berlin zuriickversetzt, kam sodann auf die Artillerie- und 
Ingenieurschule, wurde hier zum Offizier befordert, machte als solcher im 
Jahre i860 die grofie Belagerungsiibung bei Jiilich mit und wurde im Jahre 
darauf zur Aushilfe bei der Artillerie-Prufungskommission abkommandiert: 
iiberall wegen seiner hervorragenden Leistungen von den Vorgesetzten hoch- 
geschatzt und vielfach durch kSnigliche Belobigung ausgezeichnet, bei den 
Kameraden aber als vermeintlicher »Streber« weniger beliebt und noch weniger 
in seinen idealen Bestrebungen verstanden. Denn diese verfolgte er auch als 
Soldat weiter, benutzte alle dienstfreien Nachmittage zum Aktzeichnen im 
Atelier, zum Malen daheim, zum Musizieren oder zum Lesen philosophischer, 
kunst- und naturwissenschaftlicher Werke aller Art und widmete die Abende 
dem Theater oder dem geselligen Verkehr in den verschiedensten Berufs- 
und Gesellschaftskreisen, um sich so einen freien Blick iiber das Leben in 
seiner Gesamtheit zu bewahren. Da brachte der Juli 186 1 eine unerwartete 
Wendung. H. hatte das Ungluck, sich eine heftige Quetschung der linken 
Kniescheibe zuzuziehen, zu der sich, nach verfehlter Kaltwasserbehandlung, 
sofort Rheumatismus gesellte. Die mehrfachen Badereisen, die der junge 
Offizier, zwischendurch noch immer wieder Dienst tuend, in den nachsten 
Jahren unternahm, bereicherten wohl seine Menschen- und Weltkenntnis und 



74 Hartmtnn. 

erschlossen ihm neue Landschaftsbilder, aber sie brachten ihm zuerst nur 
voriibergehende, dann gar keine Besserung mehr. Und so erbat und bekam 
er 1865 schlieBlich seinen Abschied mit dem Charakter als Premier- 
leutnant. Innerlich war er um diese Zeit langst schon auf neuen Wegen. 
Als ihm, drei Jahre zuvor der Gedankean die etwaigeNotwendigkeiteines Berufs- 
wechsels zuerst nahe getreten war, hatte er den Vorsatz gefafit, gegebenen- 
falls Maler zu werden. Ein Jahr spater aber war ihm sein Beruf dazu wieder 
zweifelhaft geworden, weil er merkte, dafi es ihm »an der intuitiven Kraft 
sinnlicher Gestaltenbildung vor dem geistigen Auge fehlte*. Und nun warf 
er sich ein ganzes Jahr mit verdoppeltem Eifer auf die musikalische Kompo- 
sition. Allein auch hier konnte er sich nicht genugtun. Seine Leistungen 
blieben hinter seinem rascher fortschreitenden Kunstverst&ndnis zuriick. Und 
er erkannte, daO ihm auch hier zu wirklich eigenartigen Schopfungen der 
GiJtterfunke des Genies fehle, ohne den nun einmal in der Kunst, wie in 
der Wissenschaft auch, die h6chsten Ziele unerreichbar bleiben. So verschlofi 
er denn seine Noten, wie er vorher Pinsel und Palette verschenkt hatte, und 
konnte nun mit Fritz Reuter sagen »ein Stuck Ballast flog nach dem anderen 
iiber den Bord meines Lebensschiffleins*. Es war im Herbst 1864. Aber 
jemehr er iiber Bord geworfen, je leichter sein Nachen geworden, desto 
mehr war er in das richtige Fahrwasser gekommen. Ja, er fiihlte es selbst, 
dafl er »nun erst, mit der Ruckkehr zur Wissenschaft, und zwar in der Gestalt 
des freien philosophischen Denkens, zu seinem wahren Beruf zuriickgekehrt 
war, der ihm frtiher nur dunkel vorgeschwebt hatte und von anderen, vor- 
dringlicheren Neigungen und Talenten zeitweilig iiberwuchert war.« — 

Schon in seinem 13. und 14. Lebensjahre nSmlich hatte H. (wie er selbst 
berichtet), mit dem Niederschreiben von Gedanken, Einf&llen, Fragen, Zweifeln 
und Aphorismen begonnen und sodann im Jahre 1858, teils noch auf dem 
Gymnasium, teils im Beginn der Militfirzeit, seine erste zusammenhangende 
Arbeit geschrieben : » Betrachtungen iiber den Geist«, in denen er, vorwiegend 
noch auf dem Boden eines aufkl&rerischen Deismus, aber schon mit 
pantheistischer Beimischung, fur den psychologischen Determinismus und 
die im Tode erfolgende Wiederverschmelzung des individuellen mit dem 
absoluten Geiste eintrat. Dann hatten ihn besonders psychologische Probleme 
beschaftigt und in einer (1859) zu Spandau verfaflten Abhandlung iiber »Die 
Geistest&tigkeit des Empfindens* hatte er bereits die Annahme eines 
besonderen Empfindungsvermdgens bestritten und das Empfinden aus Be- 
gehren und Denken (oder Vorstellen) abzuleiten versucht: was ihm freilich 
bei seiner damaligen Unkenntnis des Unbewufiten nicht recht gelingen 
konnte. Die n&chsten drei Jahre brachten wegen der starkeren Inanspruch- 
nahme durch den Dienst und die kunstlerischen Neigungen eine l&ngere 
Pause in diesen philosophischen Arbeiten. Doch wurde H. in dieser Zeit 
(i860 und 1862) durch den im Hause seiner Eltern verkehrenden Privat- 
gelehrten Dr. Ludwig Hoffmann mit Schelling und mit Hegel bekannt 
gemacht; was ihn, trotz seiner entschiedenen Ablehnung der dialektischen 
Methode, doch zun&chst in seiner angeborenen rationalistischen Denkweise 
best&rkte. Und als er im Friihjahr 1863 die alten Versuche wieder aufnahm, 
da schrieb er neben einer Reihe kleinerer, meist psychologischer Aufs&tze 
(iiber Freundschaft, Gewissen, Ehre u. a.) sowie einigen Heften Aphorismen, 



Hartmann. 



75 



die zum Teil schon spatere Grundpfeiler seines Systems (wie die Formel zur 
Vereinigung des Optimismus und des Pessimismus, die Teleologie und die 
Atomtheorie) enthielten, zunachst eine grofiere Abhandlung »Ober den 
Wert der Vernunft und der Erkenntnis fur das menschliche 
Handel n und Gliick«. Sie sollte den abstrakten Rationalismus, der sein 
Denken und Streben bis dahin beherrscht hatte, noch einmal zusammenfassen 
und in seiner vollen Leistungsfahigkeit darstellen. Aber indem er ihn so in 
seinem ganzen Umfange zu verherrlichen suchte, ward er sich gerade seiner 
Schranken bewufit und von selbst schon iiber ihn hinausgetrieben. Es 
bedurfte nur noch eines entscheidenden Anstofies von aufien. Und ein 
solcher ward ihm durch die Bekanntschaft mit Schopenhauer im Herbst 1863. 
Zwar konnte er, geschult wie er war, dessen offenbare Schwachen und Ein- 
seitigkciten nicht iibersehen. Aber er erkannte beim Lesen seiner Werke 
deutlicher als zuvor die bis dahin mehr nur gefiihlten Mangel der Allvernunft- 
lehre Hegels. Und er sah zugleich die Moglichkeit, iiber sie hinauszugelangen 
und den in seiner Gegnerschaft gegen die dialektische Methode schon an- 
gelegten Bruch mit dem rational istischen Prinzip endgiiltig zu vollziehen. 
Hatte er doch selbst, vier Jahre vorher, in seiner Abhandlung »Ober die 
Geistestatigkeit des Empfindens« Denken und Begehren schon fur die 
wurzelhaften Quellen der Empfindung und damit der ganzen inhaltlichen 
Erscheinungswelt erklart. Nun brauchte er diese beiden seelischen VermOgen 
statt im rein psychologischen ja nur im metaphysischen Sinne zu fassen und 
er hatte auch schon die Vereinigung von Hegel und Schopenhauer vollzogen, 
hatte die Grundlage einer neuen Weltanschauung gewonnen, die die All- 
vernunftlehre des einen und die Allwissenslehre des anderen gleichermaBen 
in sich aufhob. 

Zwar hatte vor ihm bereits Schelling in seinem letzten System 
ahnliche Gedanken verfolgt, aber auf dem Boden des christlichen Gottes- 
begriffes, den Blick getriibt durch eine theologisierende Mystik, und darum 
ohne durchschlagenden Erfolg. H. dagegen erkannte in dem Begriff des 
unbewufiten Allgeistes die Zauberformel, die allein die Vereinigung jener 
beiden Gegensatze ermoglichte. Auch dieser Begriff lag gewissermaflen in 
der Luf't. Schon Leibniz hatte sich der Annahme unbewufiter Vorstellungen 
bedient und in ihnen das Band gesehen, welches jedes Wesen mit dem 
ganzen ubrigen Universum verbindet. Kant hatte den Gedanken aufgegriffen 
und besonders in seiner Anthropologic weiter entwickelt. Fichte hatte 
dann gelegentlich Gott oder die Einheit der unendlichen Vernunft mit dem 
unendlichen Willen als das substanzielle Wissen ohne Bewufitsein bezeichnet. 
Schelling hatte in seinem ersten System von dem » Ewig-Unbewufiten « 
gesprochen, »was, gleichsam die ewige Sonne der Geister, sich durch sein 
eigenes ungetrubtes Licht verbirgt«. Schopenhauers blinder Wille, der 
den bewufiten Intellekt erst hervorbringt, war ebenso ersichtlich ein unbe- 
wufiter Wille, wie die logische Idee Hegels, die erst auf dem Wege durch 
die Natur zu sich selbst kommt, unausgesprochen eine unbewufite Vernunft 
war. Und nicht nur in der Metaphysik, auch in der Psychologic hatte der 
Begriff des Unbewufiten Eingang gefunden und war von Carus, Fortlage, 
J. H. Fichte u. a. mehr oder weniger zur Erklarung der seelischen Er- 
scheinungen herangezogen worden. Allein seine ganze Tragweite zu erkennen, 



j6 Hartmann. 

ihn in den Mittelpunkt unserer ganzen Weltanschauung hineinzuriicken und 
so eine neue Epoche des menschlichen Denkens einzuleiten, das war 
dem Genie H.s vorbehalten, der dabei, fern von alien hem men den Ein- 
fliissen akademischer Schulmeisterei, in glucklicher Unbefangenheit ganz auf 
sich selbst angewiesen wan Denn die Horsale der Universit&t hatte er nur 
als neugieriger Gyriinasiast einige Male besucht. Dann aber nicht wieder. 
Einem gliicklichen Instinkte folgend, war er »bei der Wasserleitung voriiber 
bis zu den Quellen « gegangen : zu den Werken der grofien Selbstdenker vor 
ihm. Freilich hatte er sie zunachst noch ohne Plan und bestimmten Zu- 
sammenhang mit seiner eigenen Schriftstellerei gelesen. Im Herbst 1864 
aber, nach dem endgiiltigen Verzicht auf alle Kiinstlertraume, begann er mit 
ihrem systematischen Studium. Und als er im Begriff des Unbewufiten die 
Formel gefunden hatte, die ihm die Welt und ihre Erscheinungen deuten sollte, 
da machte er sich noch gegen Ende desselben Jahres daran, seine Gedanken 
in grdfierem MaQstabe zu ordnen und niederzuschreiben : wie bisher bei 
seinen kleineren Versuchen, so auch jetzt noch ohne jede Rucksicht auf die 
Offentlichkeit: nur aus dem Bediirfnis heraus, sich in seinem eigenen Denken 
zurechtzufinden. Erst mit dem Fortschritt der Arbeit kam ihm der Gedanke 
an einc sp&tere Verttffentlichung. Aber ohne dafi er es damit eilig gehabt 
hatte. Liefl er die Arbeit doch in den Sommern 1865 und 66 wShrend 
zweier Erholungsreisen ganz ruhen und verfaflte obendrein, durch die Lekture 
Immermanns angeregt, zwischendurch im Herbst 1866 noch ein Drama 
» Tristan und Isolde «, dem er dann im Jahre 1868 noch ein zweites » David 
und Bathseba« hinzufugte. Ja, selbst nach Vollendung des Werkes im 
April 1867 blieb das druckfertige Manuskript noch ein reichliches Jahr un- 
beriihrt im Pulte des jungen Denkers liegen, der inzwischen (im Sommer 1867) 
noch eine kleine Schrift »Uber die dialektische Methode« verfaflte, 
und erst die zufallige Bekanntschaft mit einem entgegenkommenden Verleger 
im Fruhjahr 1868 gab den Anstofi zur Einleitung des Druckes. 

Im November 1868 erschien das Werk dann unter dem Titel » Philo- 
sophic des Unbewufiten* und erregte bald das allgemeinste Aufsehen. 
Die bedeutendsten Tageszeitungen und Zeitschriften brachten ermunternde, 
anerkennende, ja vielfach geradezu gl&nzende Besprechungen : zum rPeil von 
literarisch hervorragenden Persdnlichkeiten, wie R. v. Gottschall, Moritz 
Carrtere, Hieronymus Lorm u. a. . Man begruflte das Werk als » eine origi- 
nelle, epochemachende Leistung«: »als Erzeugnis eines Denkers, der die 
Phraseologie und die Schablone verschmahe und befahigt erscheine, eine 
Briicke zwischen den Naturwissenschaften und der Philosophic zu schlagen*. 
Der Name des bis dahin unbekannten jungen Mannes, der inzwischen fur 
jene kleinere Schrift von der Universitat Rostock den Doktortitel bekommen 
hatte, war bald in aller Leute Mund. Auch das Ausland beeilte sich, von 
ihm Kenntnis zu nehmen. Und der fur ein solches Werk ganz unerhdrte 
Absatz von allein acht deutschen Auflagen mit 11 250 Exemplaren in zehn 
Jahren zeigte, dafi die Anteilnahme und der Beifall der gebildeten Kreise 
zunSchst eher zu- als abnahm. Anders in den Fachkreisen. Der bekannte 
Hegelianer Professor Erdmann in Halle schenkte freilich in der zweiten 
Auflage seines vielgelesenen Grundrisses der Philosophic (1870) dem Werke 
eine eingehende und vorwiegend gunstige Besprechung; was zur Folge hatte, 



Hartmann. 



77 



dafl H. noch im selben Jahre von drei Seiten her ein akademischcr Lehrstuhl 
angetragen wurde, den er aber ausschlug : teils wegen seines Lcidens, teils 
um sich, unbehindert durch alle aufleren Riicksichten, die voile Unabhangig- 
keit des Denkens zu wahren. Auch Professor Uberweg (in KQnigsberg) trat 
mit H. in Verbindung und ward nur durch seinen friihen Tod (187 1) ver- 
hindert, nach aufien hin fiir ihn zu wirken. Im allgemeinen aber fanden die 
Fachgelehrten, ob Naturforscher, Theologen oder Philosophen, nur zu tadeln. 
Und der Tadel wurde um so heftiger, je mehr der Beifall in Laienkreisen 
zunahm. 

Was die Theologen abstiefi, war — aufler dem vielfach mifiverstandenen 
Pessimismus, gegen den sich die meisten Angriffe, auch der Philosophen, 
richteten — vor allem zweierlei: einmal der nachdruckliche Hinweis auf die 
leibliche Bedingtheit des Bewufitseins und die blofie Scheinhaftigkeit des 
»Ich«, was beides den Unsterblichkeitsglauben bedrohte, und zum anderen 
die ausdriickliche Leugnung der Personlichkeit Gottes. Immerhin hielten 
sich die zahlreichen Gegenschriften zuerst noch in anstandigen Grenzen, wie 
man denn uberhaupt auf theologischer Seite von Anfang an (bis heute) der 
allgemeinen philosophischen Bedeutung H.s verhaltnismafiig noch am 
meisten gerecht geworden ist. Als aber H. im Jahre 1872 mit dem Aufsatz 
»Der Kampf zwischen Kirche und Staat« gegen die politischen Um- 
triebe der katholischen Kirche vorging und spater (1874) in der geistspriihenden 
Schrift »Die Selbstzersetzung des Christentums und die Religion 
der Zukunft« nicht nur die Orthodoxie beider Bekenntnisse, sondern fast 
mehr noch den sogenannten »liberalen Protestantismus« bekampfte und somit 
die gesamte christliche Religion als innerlich iiberwunden verwarf, da erhob 
sich bald ein ungeheurer Sturm gegen ihn. Von Kanzeln und Kathedern 
herab zog man gegen den » Materialisten « und »Gottesleugner«, den »Feind 
der Religion « und » leibhaftigen Antichristen « zu Felde, bezeichnete sein 
ganzes System wohl gar als »derHolle abgelauscht« und spielte den Kampf 
in die konfessionelle Tagespresse hinuber, wo er bald in ein wiistes Gezank 
ohne jede sachliche Bedeutung ausartete. Erst mit dem Ende der siebziger 
Jahre flaute die Erregung langsam ab: die frommen Herren von der Presse 
hatten sich ausgeschimpft und auch die wissenschaftliche Theologie fand es 
geratener, sich nach vermeintlicher »Widerlegung des Pessimismus « um »die 
Schrulle des Unbewufiten« nicht weiter zu bekummern. 

Nicht minder entschieden als die der Theologen, wenn auch von Anfang 
an weniger laut, war die Abneigung der Philosophen vom Katheder. 
Schon dafi die literarische Kritik sich unterfangen hatte, iiber ihre Kopfe 
hinweg einem Nichtfachmanne zu dem Rufe eines grofien Denkers zu ver- 
helfen, mochte manche Herren von der Zunft verdriefien. Dazu waren die 
wenigen noch iibrigen Schiiler Hegels durch den gleichzeitigen Angriff auf 
die dialektische Methode, die zahlreicheren Anhanger Herbarts durch die 
unerhorte Nichtberiicksichtigung ihres grofien Meisters von vornherein gegen 
den kiihnen Neuerer und vermeintlichen »Schopenhauerianer« eingenommen. 
Fiir die grofie Mehrheit der Jiingeren aber, die, dem skeptischen Zuge der 
Zeit folgend, soeben alle menschliche Erkenntnis in die Grenzen des Be- 
wufitseins eingesperrt hatten, fiir die geniigte es schon, dafi H. uberhaupt 
eine Erkenntnis des Ubersinnlichen erstrebte, um von der Hohe ihres ver- 



78 Hartmann. 

meintlichen »Kritizismus«, kantischen »Idealismus« oder »Positivismus« herab 
mit Geringschatzung iiber ihn abzuurteilen und sein ganzes Werk als den 
Ausflufl einer unkritischen Naivitat oder philosophischen Ruckstandigkeit zu 
bezeichnen. Und nicht besser erging es ihm bei den Naturf orschern. 
Die empfanden es zunachst schon als einen Angriff auf die selbstherrliche 
Wiirde ihrer eigenen, allein zur Losung der Weltritsel berufenen Wissenschaft, 
dafi »die induktive Methode* hier zu » spekulativen Ergebnissen* fiihren, 
also die Naturwissenschaft der verachteten Metaphysik nur als Sockel und 
Leiter dienen sollte. Und H.s Eintreten fiir den Glauben an Naturzwecke, 
seine Annahme einer unbewufit organisierenden Tatigkeit hinter dem blinden 
Mechanismus der Atome, seine AuflSsung der Materie in stofflose Krafte, 
die Gleichsetzung der Kraft mit dem Willen, die Beseelung der Pflanzen 
und die EinfGhrung gar von Unterbewufltseinen fiir die mittleren Hirnteile, 
die Riickenmarksabschnitte und die Ganglienknoten — alle diese und viele 
andere, vermeintlich mit den sichersten Ergebnissen der Physik im Widerspruch 
stehende » Erfindungen « stempelten in den Augen aller mechanistischen 
Naturforscher — und wer war in dieser Zeit kein Mechanist? — die »Philo- 
sophie des Unbewu6ten« ohne weiteres zu einer dilettanti schen Ausgeburt 
mystischer Phantasterei. 

So in dem Endurteil von dem » unwissenschaftlichen « Charakter des 
ganzen Werkes ilbereinstimmend, hielten beide Teile, Philosophen und Natur- 
forscher, in der grflfleren Mehrzahl sich offenbar der Miihe einer eingehenden 
Begrundung ihrer Ansichten ganz enthoben. Wenigstens war das, was in 
Wirklichkeit gegen H. vorgebracht wurde, im allgemeinen sehr gering oder 
minderwertig. Und was an philosophischen Kritiken wirklich Beachtung 
verdiente, wie die Schriften von Vaihinger, Frauenstadt, Bahnsen, Volkelt, 
Rehmke u. a., das fand rasch seine Widerlegung durch den Angegriffenen 
selbst in einer Reihe von Aufsatzen, die spater als » ErUu terungen zur 
Metaphysik des Unbewuflten« in einem Bande gesammelt erschienen (1874. 
Zweite Auflage 1877 unter dem Titel »Neukantianismus, Schopen- 
hauerianismus und Hegelianismus in ihrer Stellung zu den philo- 
sophischen Aufgaben der Gegenwart*). Oder durch seine Anhanger, wie 
Dr. Moritz Venetianer (»Der Allgeist« 1874) u. A. Taubert ( » Der Pessimismus 
und seine Gegner« 1873). Ja, ehe noch irgendein Offentlicher Angriff von ihrer 
Seite erfolgte, hatte H. mit der Schrift »Das Ding an sich und seine 
Beschaffenheit« (1871. Zweite und dritte Auflage unter dem Titel 
»Kritische Grundlegung des transzendentalen Realismus« 1875 und 1889) 
schon den Kampf in das Lager seiner neukantischen Gegner hineingetragen 
und den Nachweis geliefert, dafi in Kants Erkenntnislehre zwei verschiedene 
Gedankenreihen durcheinanderlaufen, von denen die eine, folgerichtig zu 
Ende gedacht, zum Verzicht auf jede Erkenntnis, die andere dagegen zu 
seinem eigenen, H.s Standpunkte hinuberfuhrt. Aber was brauchte man 
innerhalb der Zunft die Angriffe eines solchen » Dilettanten « zu beachten? 
Man zuckte nur einfach die Achseln, erwShnte seinen Namen womOglich gar 
nicht mehr oder nur mit geringsch&tzigem Lacheln iiber den »Phantasten« 
und »Metaphysiker« und hielt so bald auch die studierende Jugend von 
jeder ernsteren Besch^ftigung mit seinen Schriften zurttck. Und wie die 
Philosophen, so machten es die Naturforscher. Zun&chst freilich schien es, 



Hartmann. yg 

als ob hier, nach ein paar wurde- und wertlosen Schmahschriften zweier 
obskurer Skribenten, die von H.s Anhangern A. Taubert und Karl du Prel 
leicht zuruckgewiesen waren, im Jahre 1872 mit der anonymen Schrift »Das 
Unbewufite vom Standpunkte der Physiologie und Deszendenz- 
theorie« (1872) ein vernichtender Schlag gegen H. gefvihrt wiirde. Und 
wie Haeckel, der sich die Ansichten des ungenannten Verfassers ausdriick- 
lich aneignete (vgl. Naturliche Schopfungsgeschichte. Vierte Auflage. Vor- 
wort), so glaubten die Naturforscher allgemein, hier eine vollstandige Wider- 
legung der » Philosophic des Unbewufiten« zu besitzen. Aber H. blieb die 
Antwort nicht schuldig. Er griff die Gegner auch hier wieder im eigenen 
Lager an, schied in einer seiner glanzendsten Schriften die Abstammungslehre 
und die Zuchtwahllehre als »Wahrheit und Irrtum im Darwinismus« 
(1875), setzte sich dabei besonders mit Haeckels mechanistischer Natur- 
ansicht auseinander, gab zugleich in der lichtvollen Abhandlung »Zur 
Physiologie der Nervenzentra« (1875) dem naturwissenschaftlichen 
Teile seines Erstlingswerkes eine neue festere Grundlage und enthiillte sich 
schliefilich in der zweiten Auflage jener anonymen Gegenschrift (1877) selbst 
als deren Verfasser : wobei er die Griinde fur seine ungewohnliche, gerade durch 
das Verhalten der Gegner gerechtfertigte Kampfweise angab, nur einige 
nebensachliche Punkte der Kritik bestehen liefi und im iibrigen all 
die Einwande, die er sich vom Standpunkte der mechanistischen Natur- 
wissenschaft aus gemacht hatte, widerlegte. Da war nun freilich guter Rat teuer. 
Dem Denker nur so einfach, wie bisher, »laienhafte Unkenntnis der Natur- 
wissenschaftlichen Tatsachen« vorwerfen, das ging nun offenbar nicht mehr 
an; in eine ernstliche Erorterung des Fur und Wider aber einzutreten, dazu 
fiihlte man sich aufierstande. Und so folgte man dem guten Beispiele der 
Kathederphilosophen : man ignorierte die Werke H.s mit Einschlufl der 
vorher so viel gepriesenen Schrift »Das Unbewufite usw.« wie auf still- 
schweigende Verabredung. 

Diese Haltung der Fachkreise blieb natiirlich nicht ohne Einflufi auf die 
groBe Masse der Gebildeten. Waren diese anfangs gerade durch die heftigen, 
allseitigen Angriffe auf H. angeregt worden, sein viel umstrittenes Buch selbst 
in die Hand zu nehmen, so mufite dieses mehr aufierliche Interesse not- 
wendig einschlafen, als der laute Widerspruch nach und nach verstummte. 
Obendrein war der ganze Anteil an einem so ernsten philosophischen Werke 
von vornherein bei vielen wirklich nur eine »Modesache« gewesen. Vor 
allem aber kamen die Parteien, die sich anfangs am meisten fur H. erwarmt 
hatten, mehr und mehr dahinter, dafi sie seine eigentlichen Absichten in 
Wahrheit mifiverstanden hatten. Seinen Pessimismus hatte man als un- 
fruchtbaren Weltschmerz im Sinne Schopenhauers gedeutet, seine Verwandt- 
schaft mit diesem iiberhaupt fiir viel enger gehalten, als sie es wirklich war, 
aus seinem philosophischen auch auf politischen Freisinn geschlossen, 
seinen Kampf gegen das Christentum als einen Kampf gegen die Religion 
verstanden und die ersten Hindeutungen auf eine kiinftige Ethik in der 
» Philosophic des Unbewufiten« nicht beachtet oder nicht weiter ernst 
genommen. Und nun zeigte sich mit jeder neuen Schrift, dafi H. in 
religioser und sittlicher, wie in politischer Hinsicht weit konservativer war, 
als man in den links stehenden Kreisen wiinschte und wunschen konnte. 



80 Hartmann. 

So erschien er nun den einen nicht mehr radikal genug, w£hrend er den 
anderen noch immer zu radikal blieb: ein Umstand, der um so mehr ins 
Gewicht fiel, als mit den siebziger Jahren die Zeit des gemafiigten 
Liberalismus uberhaupt zu Ende ging und das deutsche Volk sich immer mehr 
in zwei extreme Lager spaltete. Ja, durch eine Reihe politischer Aufsatze, die 
1881 unter dem Titel »Die politischen Aufgaben und Zustinde des 
Deutsche n Reiches« gesammelt auch in Buchform erschienen, hatte H., 
wie vordem die Klerikalen, so nun auch die Agrarier, die Sozialisten und 
die Freisinnigen direkt vor den Kopf gestofien, und all diese Parteien fiber 
trugen ihre Abneigung gegen den Politiker ohne weiteres auch auf den 
Philosophen H. Auch traten mit dem Ausgange des Kulturkampfes die 
idealen Fragen uberhaupt gegen die materiellen in den Hintergrund. Das 
metaphysische Feuer, das die » Philosophic des Unbewufiten« voriiber- 
gehend wieder angefacht hatte, erlosch vSllig in den Wogen des Partei- 
getriebes. Und wer sich in den aufreibenden wirtschaft lichen und sozialen 
Kampfen dieser Zeit wirklich noch mit anderen Dingen abzugeben wunschte, 
der suchte Zerstreuung in der neuen, eben damals mit grofiem L&rm auf 
den Plan tretenden naturalistischen Kunst, die Hand in Hand mit dem 
scheinbar siegreichen Darwinismus alien Geist aus dem Leben verbannte und 
die »Umwelt« zur alleinigen Ursache alles menschlichen Denkens und 
Handelns machte. Oder wem das nicht genugte, der wandte sich dem 
neuen philosophischen Gestirn Friedrich Nietzsches zu, der mit seinem 
dichterischen Schwunge die Einbildungskraft berauschte, mit den Halbwahr- 
heiten seiner scharf geschliffenen Aphorismen alle nicht ganz festen KOpfe 
blendete und mit seiner vdlligen Vemeinung aller bisherigen Gedanken- 
entwicklung den radikalen Parteien ebenso entgegenkam, wie der Bequem- 
lichkeit, die sich mit solch leichtfertigem Absprechen nur allzu gern der 
Notwendigkeit einer ernsteren Gedankenarbeit enthoben sieht. Die » Philo- 
sophic des Unbewufiten « aber war nicht mehr »zeitgemafi« und ihrVerfasser 
nur der langst Qberholte » Modephilosoph « eines gliicklich dahingegangenen, 
vermeintlich »von miidem Weltschmerz angekrankelten Geschlechtes « : ein 
Mann, dessen neue »dickleibige Bficher« man um so weniger zu beachten 
brauchte, als ja seine ganze »uferlose« Schriftstellerei von » beruf ener Seite « 
l&ngst als » unwissenschaftlich « erwiesen worden war. 

Inzwischen aber war dieser selbe Mann, unbeirrt durch die Strfimungen 
des Tages und unbekiimmert um den augenblicklichen Erfolg, mit immer 
gleicher Spannkraft tatig an seinem Werke. Im Juli 1870 hatte er sich mit 
einer Jugendfreundin, der Tochter eines preufiischen Obersten, Agnes 
Taubert, vermfthlt, die nicht nur ihm selber eine aufopfernde Gattin und 
dem einzigen aus ihrer Ehe hervorgegangenen Tochterchen eine liebevolle 
Mutter war, sondern auch mit verschiedenen Schriften (besonders: » Philo- 
sophic gegen naturwissenschaftliche Uberhebung « 1872, und »DerPessimismus 
und seine Gegner« (1873) ebenso kiihn wie gewandt in die Kampfe um die 
»Philosophie des Unbewuflten* eingriff. Zwar ward dieser Bund im Mai 1877 
durch den Tod der Frau vorzeitig geldst, aber H. hatte das Gluck, schon 
im Herbst 1878 in Fr&ulein Alma Lorentz, der Tochter eines Bremer 
Grofikaufmannes, eine neue Lebensgefahrtin zu finden, die sich des ver- 
einsamten Mannes und seines Hauses treu sorgend annahm, sich mit dem 



Hartmann. 8 1 

gleichen Eifer und Verstandnis wie die erste in seine Gedankenwelt einlebte, 
ihm bei seinen Arbeiten teilnehmend zur Seite stand, spater auch selbst zu 
der Feder griff (»Zuriick zum Idealismus « 1902) und im Laufe der Jahre ihn 
mit fiinf Kindern (einem ersten rasch wieder gestorbenen Knaben, einem 
zweiten Knaben und drei Madchen) beschenkte. Und so, zufrieden im eigenen 
traulichen Heim (erst in Berlin selbst und dann seit Mitte der achtziger Jahre 
in Grofl-Lichterfelde), geliebt und verehrt von den Seinen, denen er der beste 
Gatte und der fursorgendste Vater war, durch Bucher, Zeitungen und einen 
grofien Freundeskreis geistig hochstehender Manner (wie Otto Pfleiderer, 
Lasson, Doring u. a.) lebendig mit der Auflenwelt verbunden, ohne doch 
selbst mit in ihr Getriebe hineingerissen zu werden, » weltabgeschieden (wie 
er selbst schrieb), aber nicht weltfremd«, vielmehr alle Wandlungen des Zeit- 
geistes, alle politischen Ereignisse ebenso wie alle wissenschaftlichen Neu- 
erscheinungen von seiner stillen Warte aus aufmerksamen Blickes verfolgend 
und selbst immer wieder mit der Feder in sie eingreifend — so schuf H. 
in den 37 Jahren nach Erscheinen der » Philosophic des Unbewufiten«, neben 
einer Unzahl von kleineren Schriften und Aufs&tzen verschiedensten Inhalts, 
eine lange Reihe monumentaler philosophischer Werke, denen unsere Gegen- 
wart jedenfalls nichts und auch die Vergangenheit nur wenig Gleichwertiges 
an die Seite zu stellen hat. Das erste Jahrzehnt von 1868 — 1878 brachte 
neben den bereits erwahnten erkenntniskritischen, naturphilosophischen 
und metaphysischen Arbeiten noch mehrere bedeutsame Beitrage zur Aus- 
einandersetzung mit der Naturwissenschaft: wie z. B. die Aufsatze »Anfange 
naturwissenschaftlicher Selbsterkenntnis« (1873, mit Bezug auf 
Du Bois - Reymonds viel besprochene Ignorabimus-Rede) und »Ernst 
Haeckel als Vorkampfer der Abstammungslehre« (1874). Dazu die 
ersten Versuche auf dem Gebiete der Asthetik und der Geschichte der 
Philosophic, wie die Aufsatze: »Zur Asthetik des Dramas* (1868 und 1875), 
»Das Problem des Tragischen« (1868), » Shakespeares Romeo und Julie « 
( l ^73)t »Zur Geschichte der Asthetik « (187 1), »Ein chinesischer Klassiker* 
(1870), » Das philosophische Dreigestirn des 19. Jahrhunderts « (1875) u. a. m. — 
alle spater vereinigt in den »Studien und Aufsatzen* (1875). Auch die 
zuerst (1870) unter einem Decknamen (F. A. Miiller) verOffentlichten, im Larm 
des grofien Kriegsjahres aber kaum beachteten »Briefe liber die christ- 
liche Religion« fallen in diese erste Periode und legen Zeugnis daftir ab, 
mit welcher Grundlichkeit H. sich schon zu Anfang seiner Laufbahn in die 
geschichtlichen Urkunden des Christentums versenkt hat, und wie er tats&ch- 
lich der gewaltigste Gegner ist, der dieser Religion bisher uberhaupt er- 
standen ist. 

Das zweite Jahrzehnt brachte dann zunachst »Die PhSnomenoIogie 
des sittlichen Bewufltseins« (1879): die erste und bis auf diesen Tag 
die einzige, dem Gegenstand in seinem ganzen Umfange wirklich gerecht 
werdende »ethische Prinzipienlehre « : d. h. eine systematische Entwicklung 
der mannigfaltigen Erscheinungsformen des sittlichen Bewufitseins in ihrem 
irineren Zusammenhange, mit kritischer Abwagung jeder einzelnen von ihnen 
und » mit besonderer Riicksicht auf brennende soziale und kirchliche Fragen 
der Gegenwart«. Dann folgte im Jahre 1880, als H.s junge Frau nach der 
Geburt eines ersten rasch wieder verstorbenen SOhnchens im Wochenbett 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog-. ti. Bd. 6 



82 Hartraann. 

ernstlich erkrankte, w&hrend er selbst mit einer neuen schweren Kniegelenk- 
entziindung darniederlag, aus eigenster Lebenserfahrung heraus geschrieben 
die tief schiirfende Abhandlung iiber »Die Bedeutung des Leides«. Sie 
erschien mit verschiedenen anderen Arbeiten, worunter besonders noch der 
Aufsatz tiber »Kant als Vater des modernen Pessimismus« als 
bedeutsam zu nennen ist, vereinigt in einem Bandchen »Zur Geschichte 
und Begriindung des Pessimismus*. Und ihr gesellte sich noch im 
selben Jahre eine neue Schrift wesentlich theologischen Inhalts »Die 
Krisis des Christentums in der modernen Theologie*, die zu- 
sammen mit ihrer Vorgingerin iiber » Die Selbstzersetzung des Christentums « 
(1874) in kurzen Ziigen schon das Programm der H.schen Religionsphilosophie 
enthielt. Diese selbst folgte dann in den beiden n&chsten Jahren: erst 
der historisch-kritische Teil »Das religiose Bewufitsein der Mensch- 
heit im Stufengange seiner Entwicklung« (1881) und dann der 
systematische Teil »Die Religion des Geistes« (1882). Und an sie 
schlofi sich wenige Jahre spfiter schon das nachste grofie Werk des Denkers : 
die Asthetik, und zwar ebenfalls in zwei Teilen: einer kritischen Geschichte 
der »Deutschen Asthetik seit Kant* (1886) und einem systematischen 
Ausbau der »Philosophie des SchOnen* (1887). — Damit war die 
Philosophic des Bewufitseins durch H. in ihrem vollen Umfange erschOpft: 
das sittliche, das religiose und das &sthetische Bewufitsein. Und zwar im Laufe 
eines einzigen Jahrzehntes und durch fiinf grofie Werke von wahrhaft klassischer 
Vollendung: alle gleichermafien ausgezeichnet durch ihre Tiefe, wie durch 
ihre Klarheit, durch ihren uniibertroffenen Gedankenreichtum, wie durch ihre 
wundervolle Form, besonders ihren grofiartigen, iibersichtlichen Aufbau. 
Und daneben hatte der unermudliche Denker mit seiner wohl einzig da- 
stehenden Schaffenskraft noch Zeit gefunden, nicht nur die Erziehung seiner 
Kinder zum grofien Teil selbst in die Hand zu nehmen, sondern auch mit 
einer ganzen Reihe von kleineren Schriften und Aufs&tzen in die wissenschaft- 
lichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen K&mpfe des Tages ein- 
zugreifen, so dafi wir aus dieser Zeit von ihm u. a. noch »Die politischen 
Aufgaben und Zustfinde des Deutschen Reiches« (1881, in zweiter 
erweiterter Auflage unter dem Titel »Zwei Jahrzehnte deutscher Politik* 
1889), »Die modernen Probleme« (1886 mit einer grofien Abhandlung 
iiber den Somnambulismus), »Das Judentum in Gegenwart und Zu- 
kunft« (1885), »Die philosophischen Fragen der Gegenwart* (1885) 
und die Schrift iiber den »Spiritismus« (1885) zu verzeichnen haben. 

Die n&chsten acht Jahre nach dem Erscheinen der Asthetik brachten 
auf philosophischem Gebiete nur eine kleinere systematische Arbeit »Das 
Grundproblem der Erkenntnistheorie* (1889) und daneben auf der 
einen Seite das Schriftchen iiber »Die Geisterhypothese des Spiri- 
tismus und seine Phantome* (1893), auf der anderen »Die sozialen 
Kernfragen« (1894), ein »Ergebnis dreifiigj&hriger Studien und Reflexionen « : 
gefolgt von den »Tagesfragen« (1896), einer Sammlung von Aufs&tzen 
allgemeineren, teils politischen Inhalts. Im ubrigen waren diese acht Jahre 
mit philosophiegeschichtlichen Studien ausgefiillt, als deren erste kleinere 
Friichte im Jahre 1888 eine Kritik von »Lotzes Philosophic* und im 
Jahre 1893 eine Darstellung von »Kants Erkenntnistheorie und Meta- 



Hartmann. 83 

physik in den vier Stadien ihrer Entwicklung« erschienen. Dann 
aber folgte, nach solcher Zeit der Sammlung und Einkehr auf philosophischem 
Gebiete, von 1896 in raschen Absatzen wieder eine Reihe grofier und schwer- 
wiegender Werke. Zuerst (1896) die »Kategorienlehre«: das theoretische 
Hauptwerk H.s, ohne Frage eine der bedeutendsten Leistungen der ganzen 
neueren Philosophic Dann die zweibandige »Geschichte der Meta- 
physik« (1899 und 1900). Dann »Die moderne Psychologies eine 
kritische Geschichte der deutschen Psychologie in der zweiten Halfte des 
19. Jahrhunderts (1901). Dann »Die Weltanschauung der modernen 
Physik «: eine Naturphilosophie der unorganischen Natur, gestiitzt auf die 
neuesten Ergebnisse der physikalischen Forschungen (1903). Dann »Das 
Christentum des Neuen Testaments«: die zweite, zum Teil umgearbeitete 
Auflage der friiher erwahnten »Briefe iiber die christliche Religion « (1905). 
Und schliefilich »Das Problem des Lebens«: eine Reihe von Studien 
iiber alle wichtigeren Probleme der Lebensforschung nach dem heutigen 
Stande der Wissenschaft, verbunden mit einem geschichtlichen Ruckblick 
auf die Entwicklung der modernen Biologie seit den Tagen Darwins (1906). 
Und neben diesen grofieren Werken, die (nach Professor L. Steins Urteil) 
den Denker iiberall ».in hochster Reife und Vollendung« zeigen: den ganzen 
von der Gegenwart angehauften Schatz von Erfahrungstatsachen auf dem 
Gebiete der Natur-, wie auf dem der Geisteswissenschaften mit vollkommener 
Sicherheit beherrschend und gedanklich zur Einheit einer innerlich ge- 
schlossenen Weltanschauung verkniipfend — neben diesen fiinf oder sechs 
grofieren Werken brachte dasselbe fruchtbare Jahrzehnt an kleineren Arbeiten 
u. a. noch eine Darstellung von »Schellings philosophischem System* 
(1897), eine tief eindringende Kritik von »Wundts System der Philo- 
sophie« (1898. Preufiische Jahrbiicher Bd. 66), »Ethische Studien« 
(1898), eine Reihe von Beitragen »Zur Zeitgeschichte« (1900) und ver- 
schiedene wichtige Aufsatze iiber Aug. Weismann, Joh. Reinke, H. Driesch, 
Willi. Ostwald, Dorners Religionsphilosophie, »Die letzten Fragen der Er- 
kenntnistheorie und Metaphysik«, »Die allotrope Kausalitat«, »Die Unermefi- 
lichkeit der Welt «, den » Wert der Welt « und »Die Grundlage desWahrschein- 
lichkeitsurteils«, Ja, in der gleichen Zeit entstand auch noch ein achtbandiges 
»System der Philosphie im GrundriB«, das, imHerbst 1905 abgeschlossen, 
noch einmal die ganze Lebensarbeit H.s in gedrangter Darstellung zusammen- 
fafit und im Laufe der nachsten zwei Jahre (1908 und 1909) vollstandig 
erscheinen soil. Und auch damit war die Schaffenslust und Kraft des grofien 
Denkers nicht erschSpft. Sein nachstes Werk sollte eine »Philosophie der 
Geschichte« werden. Und schon war er, geistig frisch wie nur je, seit 
Ende 1905 mit den Vorarbeiten dazu beschaftigt, als ihn im April 1906 ein 
schon lange sich vorbereitendes Magenleiden auf das Krankenlager warf und 
nach acht qualvollen Wochen am 5. Juni der Tod ihn erloste. An seinem 
Grabe aber schlofi der erwahnte Freund des Hauses und geistvolle Theologe 
Prof. D. O. Pfleiderer seine tief empfundene Trauerrede mit den Worten: 
» Friiher, als wir alle es gedacht, hat die tGdliche Erkrankung ihm die Feder 
aus der fleifiigen Hand genommen. Dennoch ist sein Lebenswerk vollendet. 
Es liegt vor uns in seinen Schriften als der gewaltige Gedankenbau, auf der 
Erde fuBend und zum Himmel ragend, Zeit und Ewigkeit, Natur und Geist, 

6* 



84 Hartmann. 

Gott und Welt in Einheit zusammenschliefiend. . Und es steht vor uns in 
dem harmonischen Bilde seiner Personlichkeit, in deren unvergefllichen Z(igen 
die heitere Ruhe des Weisen geschrieben stand, aus deren schOnen, strahlenden 
Augen die Klarheit des Geistes und die Gute des Herzens zu uns sprach. « — 
Freilich, es waren nur wenige, die es wirklich wuflten, was die Wissen- 
schaft, was unser Volk und was die gesamte Kulturmenschheit an Eduard 
v. Hartmann verloren hatte. Wohl widmeten alle grdfieren Tageszeitungen 
und Zeitschriften Deutschlands seiner PersOnlichkeit, wie seinem vielseitigen 
Schaffen ehrenvolle Nachrufe. Aber ein richtiges Verst&ndnis fiir die eigent- 
liche philosophise he Bedeutung des Mannes verrieten doch nur die aller- 
wenigsten dieser Auslassungen. Und die, deren Aufgabe es gewesen ware, 
ihre Zeitgenossen gerade darttber aufzukl&ren: die amtlichen Vertreter der 
Philosophic verhielten sich schweigend. Nur Professor L. Stein hielt in der 
Aula der Universitit Bern vor zahlreicher Versammlung eine wQrdige Ge- 
dachtnisrede auf den »ersten Denker deutscher Zunge*. Und in Berlin 
veranstaltete die philosophische Gesellschaft eine Feier zu Ehren des Ver- 
storbenen. Aber von "den persftnlichen Freunden H.s wie Professor Lasson, 
Ddring u. a. abgesehen, glanzten auch hier, wie am Grabe H.s, die Universitat 
und die BehOrden — durch Abwesenheit. Und doch bricht sich, alien lange 
angehauften Vorurteilen zum Trotz, die Einsicht in die wahre Bedeutung des 
Mannes heute auch in den Fachkreisen langsam Bahn. Schon i. J. 1888 war 
H. in dem Kieler Professor Aug. Krohn ein warmer Freund und Bewunderer 
erstanden, der in ihm »den einzigen Vertreter des deutschen Geistes* sah, 
»der sich der m&chtigen Zeit unserer politischen Wiedergeburt in Rat und 
Tat gewachsen gezeigt habe«. Auch Franz Hoffmann (in Wurzburg) und 
G. Glogau (in Kiel) n&herten sich, jener in den achtziger, dieser in den 
neunziger Jahren H. Und wie der eine in seinen eigenen Gedanken vielfach 
durch ihn beeinflufit wurde, so suchte ihm der andere, freilich infolge des 
Widerstandes der Jesuiten vergeblich, noch einen Lehrstuhl zu verschaffen. 
Aber ihre Stimmen verhallten, ebenso wie die alteren von Professor Lasson 
und Volkelt, ungehdrt in der allgemeinen Abneigung gegen die » Philosophic 
des Unbewuflten*: um so mehr, da Krohn und Glogau, beide rasch nach- 
einander, in friihen Jahren starben. Und so muflte der bedeutendste Schiller 
H.s, Professor A. Drews, sich noch Ende der neunziger Jahre mit einem 
Lehrstuhl an der Technischen Hochschule in Karlsruhe begniigen. Heute 
aber liegen die Sachen wesentlich anders. Haben doch jene wissenschaftlichen 
Richtungen oder Lehren, die H. seinerzeit feindselig gegeniiberstanden und 
seine Ansichten wtitend bekampften oder meist ungehdrt verdammten, in- 
zwischen selbst mehr oder weniger abgewirtschaftet. So in der Philosophic 
besonders die neukantische Richtung und der ganze ebenso unfruchtbare, 
wie widerspruchsvolle Skeptizismus oder Agnostizismus; in der Naturwissen- 
schaft aber der dogmatische Materialismus und mechanische Darwinismus 
mit seinem Aberglauben an den Stoff und die Allmacht der naturlichen 
Zuchtwahl. Ja, die allerneueste Biologie bewegt sich unverkennbar in den 
Bahnen, die ihr H. schon vor 35 Jahren vorgezeichnet hat. Und wo dessen 
Werke »zuf&llig« einem der Jiingeren in die Hande fallen, da linden sie ein 
lautes Echo. So erkldrt z. B. der bekannte Physiker Chwolson (in Peters- 
burg), er habe H.s » Weltanschauung der modernen Physik«, dieses »grofiartige 



Hartmann. 85 

Werk des beriihmten Denkers«, »mit staunender Bewunderung studiert* und 
mehr daraus gelernt &ls von alien seinen Fachgenossen. Joh. Reinke (in 
Kiel) rechnet die Schrift »Wahrheit und Irrtum im Darwinismus* zu dem 
Besten, was je iiber diesen Gegenstand geschrieben worden ist, und fragt 
erstaunt, »wie war es moglich, dafi wir Botaniker und Zoologen eine so 
wichtige Arbeit nicht kennen lernten?* Hans Driesch (in Heidelberg) 
bezeichnet H.s Untersuchungen iiber das Wesen des Lebens als »aufier- 
ordentlich bedeutungsvoll, da sie zum ersten Male bewufit aus dem Leben 
gewonnene Grundbegriffe den grundlegenden Begriffen des Anorganischen 
gegeniiberstellen*. Und der bekannte geistvolle Philosophiehistoriker 
Win del band nennt H.s » Kategorienlehre « mit Recht »die bedeutendste 
Erscheinung auf diesem Gebiete seit Hegels Logik* und das » grofiartigste 
Erzeugnis begrifflicher Architektonik, das die letzten Jahrzehnte in Deutsch- 
land gezeitigt haben«. Und so ist es denn heute wirklich nur noch eine 
Frage der Zeit, wann H.s gewaltiges Lebenswerk auch in der Zunft 
allgemeine Anerkennung finden wird. — 

Es erubrigt nun nur noch, hier einen kurzen Uberblick iiber die 
geschichtliche Stellung, sowie die Grundgedanken und den inneren Zusammen- 
hang seines ganzen Systems zu geben. H.s Methodenlehre bildet den 
Abschlufl aller neueren Untersuchungen auf diesem Gebiete von Descartes 
bis zur Gegenwart. Denn er zuerst hat grundsatzlich mit der auch von 
Kant fiir die Philosophic noch festgehaltenen Forderung einer unbedingten 
Gewifiheit gebrochen, und indem er das wirkliche Sein als unbewufites der 
unmittelbaren Erfahrung des Bewufitseins entriickte, auch die UnmSglichkeit 
einer mehr als blofi wahrscheinlichen Erkenntnis dargetan. So ist nicht 
Kant, wie man gewohnlich sagt, sondern erst H. der Begriinder einer 
wahrhaft kritischen Philosophic geworden. Er zuerst hat die Bahn 
fiir eine induktive Philosophie frei gemacht und diese so in Hinsicht der 
Methode, wie in Hinsicht der Zuverlassigkeit ihrer Erkenntnis mit den 
einzelnen Sonderwissenschaften auf eine Linie gestellt, indem er die Aufgabe 
aller realen Wissenschaft dahin bestimmte, von der gegebenen Erfahrung 
des Bewufitseins auf das Jenseits des Bewufiseins oder das Jenseits der 
Erfahrung zu schliefien. — Damit iibereinstimmend fiihrt H. in der Er- 
kenntnistheorie den transzendentalen Idealismus Kants durch Aufdecken 
seiner wahren Folgen ad absurdum, zieht die von Kant und alien seinen 
Anhangern im Widerspruch mit ihren Grundsatzen verstohlen einge- 
schmuggelten realistischen Annahmen ans Licht und erweitert sie zu einem 
folgerichtig durchgefiihrten » transzendentalen Realismus«, der den berech- 
tigten Kern des Idealismus (namlich die Einsicht in die UnmSglichkeit 
einer unmittelbaren Erfahrung von irgendeinem Sein jenseits des Bewufitseins) 
und den berechtigten Kern des naiven Realismus (namlich den Glauben an 
das Dasein und die Erkennbarkeit einer aufierbewufiten natiirlichen Wirklich- 
keit) in sich aufnimmt, ihre beiderseitigen Irrtiimer und Einseitigkeiten aber 
ausscheidet und so tatsachlich die hohere Synthese ihrer relativen Wahrheiten 
darstellt. — In der Naturphilosophie verwirft H. die reine Stoffbewegungs- 
lehre oder Hylokinetik ebenso wie die moderne qualitative Energetik (Ost- 
walds u. a.) und stellt beiden seinen atomistischen Dynamismus gegenuber, 
der den Glauben an einen aufierhalb des Bewufitseins wirklich daseienden 



86 Hartmann. 

Stoff als widersinnig und zu keiner Erklarung etwas taugend bekftmpft, die 
Materie in ein blofies System gesetzmaflig bestimmter Atom- und Zentralkrafte 
auflSst und die verschiedenen Energieformen als bloBe Gesamtergebnisse aus 
verschiedenartig zusammengesetzten mechanischen Energien der Atome und 
Molekule betrachtet. In der Biologie aber ist H. der Vorkampfer und 
bedeutendste Vertreter des Neovitalismus. Wie er, ohne die Wahrheit der 
Abstammungslehre zu verkennen, doch die Irrtumer der Darwinschen Zucht- 
wahllehre am friihesten durchschaut hat, so hat er auch die Unzulanglichkeit 
jeder mechanistischen Ansicht gegeniiber den biologischen Fragen von jeher 
betont und zur Erklarung des Lebens die Annahme besonderer immechanischer 
und tiberenergetischer, nach eigenen hoheren Gesetzen unbewufit wirkender 
KrSfte gefordert — Dem entspricht seine Psychologie, die den Materialismus 
ebenso wie die reine Bewufitseinsseelenlehre bekampft, zur Erklarung der 
gegebenen, aber aus sich selber schlechterdings unverstandlichen Bewufitseins- 
erscheinungen aufier den materiellen Dispositionen und mechanischen Energien 
des Gehirns noch vorbewufite Seelentatigkeiten oder synthetische Intellektual- 
funktionen (= Kants Kategorien) annimmt, Wille und Vorstellung als die 
beiden untrennbar zusammengehorigen Seiten dieser unbewufiten Seelen- 
tatigkeit betrachtet und an die Stelle des blofien Parallelismus korperlicher 
und bewuflt geistiger Vorgange eine mittelbare, eben durch jene unbewuflte 
Tatigkeit der Seele vermittelte Wechselwirkung zwischen Kdrper und Bewufit- 
sein setzt. — H.s Metaphysik aber griindet sich auf den Gedanken, dafi 
Natur und Geist oder gesetzmaflig bestimmte KraftSuflerung und vorstellungs- 
mafiig bestimmter Wille am letzten Ende eins und dasselbe seien, und dali 
beide, Wille und Vorstellung (oder Kraft und Gesetz) im Verein den Urgrund 
der doppelseitigen (subjektividealen und objektivrealen) Erscheinungswelt 
bilden. Diese Metaphysik ist also zunSchst » IdentitStsphilosophie « , aber 
mittelbare im Gegensatz zu der bisherigen Behauptung einer unmittelbaren 
Einheit von Bewufitsein und wirklichem Sein. Sie ist ferner (wie schon 
bemerkt) eine Synthese der Hegelschen Allvernunftslehre und der Schopen- 
hauerschen Allwissenslehre, insofern sie die Vernunft (oder Vorstellung) und 
den Willen als die beiden zusammengehGrigen Attribute, Eigenschaften oder 
Wesensbestimmungen eines unbewufiten Allgeistes auffafit (Panpneumatismus). 
Sie ist »Idealrealismus«, insofern sie den Inhalt der gegebenen Erscheinungs- 
welt durch die Vernunft (Idee oder unbewuflte Vorstellung), ihr wirkliches 
Sein oder Da-Sein aber durch den Willen bestimmt sein lafit. Sie ist 
»konkreter Idealismus«, insofern sie an Stelle der abstrakten, mit bewufiten 
menschlichen Begriffen verwechselten Ideen Platos und all seiner Nachfolger 
eine einheitliche, aber in sich gegliederte, durchaus konkrete Idee oder 
unbewuflte Vorstellungs tatigkeit setzt, die in sich ebenso bestimmt und 
mannigfaltig ist, wie die vielheitliche Erscheinungswelt, deren ubersinnlichen 
Bestimmungsgrund sie bildet. Und sie ist »konkreter Monismus«, insofern 
sie im Gegensatz zu Plotin, Spinoza und alien anderen Pantheisten die 
Wirklichkeit der Welt und ihrer konkreten Erscheinungen trotz der Einheit 
ihres wesenhaften Grundes festhalt und so die Wahrheit des Individualismus 
mit der des Monismus verbindet. Damit aber ist sie die erste wissenschaft- 
lich begriindete Form des » Pantheismus « , wShrend alle friiheren nur 
Erzeugnisse entweder der blofien Ahnung oder der mystischen Sehnsucht 



Hartmann. 



87 



oder einer die Wirklichkeit vergewaltigenden und iiberfliegenden Phantasie 
waren. 

In der Axiologie oder Wertschatzung des Lebens und der Welt 
bekampft H. ebenso den einseitigen Pessimismus Schopenhauers, wie den 
einseitigen Optimismus Leibnizens oder Hegels und verbindet die Einsicht 
in den Leiduberschufi des Lebens (eudamonologischer Pessimismus) mit dem 
Glauben an den zweckmafiigen Entwicklungsfortschritt (teleologischer Opti- 
mismus). Der Pessimismus hat bei ihm nichts mit gefiihlsmafligem, taten- 
losem Weltschmerz zu tun. Er ist in theoretischer Hinsicht reines, gefuhls- 
freies Wissen um das uberwiegende Leid des Daseins und in praktischer 
Hinsicht die Voraussetzung ebenso des religiosen, wie des sittlichen Bewufit- 
seins, insofern er uns dort mit der Sehnsucht nach ErlGsung erfiillt und hier 
(genau wie bei Kant) zum Beweggrunde wird, auf alles selbstsiichtige Streben 
zu verzichten und in sittlicher Hingabe mitzuarbeiten an der zweckmafiigen 
Entwicklung des Ganzen. — Dementsprechend bekampft H. in seiner Ethik 
(in Obereinstimmung mit Kant) ebenso alien Eudamonismus wie alle Hetero- 
nomie (Fremdgesetzgebung) und fordert eine » autonome Moral « oder sittliche 
Selbstbestimmung, wobei er aber (im Gegensatz zu Kant und Schopenhauer) 
den sittlichen Triebfedern des Geschmacks, des Gefiihls und der Vernunft 
gleichmafiig Rechnung tragt und sich bei der Frage nach den Zielen und 
dem letzten Grunde der Sittlichkeit zugleich (mit Hegel) auf den Glauben 
an eine zweckmaflige Entwicklung und (mit Schopenhauer) auf den Gedanken 
der Alleinheit alles Seienden stiitzt. — In der Religionsphilosophie 
beriicksichtigt H. Vorstellung, Gefuhl und Wille gleichmafiig, erweitert den 
Begriff des Gottesmenschen zu dem der Gottmenschheit, betont die Einheit 
von Glauben und Gnade, verwirft alle Fremderlosung zugunsten einer Selbst- 
erlosung des begnadeten, gottdurchwalteten Menschen und erstrebt eine 
Vereinigung der wertvollen Bestandteile des Christentums und der des 
Buddhismus oder eine Uberwindung des jiidisch-christlichen Theismus und 
des abstrakten Monismus der Inder durch den Fortgang zu der hoheren, sie 
beide in sich aufhebenden Stufe des konkreten Monismus: d. h. zu der 
Religion des unpersonlichen Gottesgeistes, die er ebenso historisch durch 
immanente Kritik jener beiden grofien geschichtlichen Religionsformen, wie 
psychologisch durch Untersuchung und Deutung der gegebenen Erfahrungs- 
tatsachen des religiosen Bewufitseins begriindet. — In der Asthetik endlich 
bekampft er den abstrakten Idealismus, der die wahre Schonheit in einer 
Welt iibersinnlicher Ideen sucht (Plato, Plotin, Schelling, Schopenhauer u. a.), 
ebenso wie den abstrakten Formalismus, der sie nur in der sinnlichen Form 
finden mochte (Herbart), und sucht die richtige Mitte zwischen beiden Ein- 
seitigkeiten in einem konkreten Idealismus, der (mit Hegel) das Sch5ne als 
»das sinnliche Scheinen der Idee« auffafit, den Begriff des » asthetischen 
Scheines* (im Anschlufi an Schiller) weiter ausbildet und die psychologischen 
Bedingungen des kunstlerischen Schaffens und Empfindens in ihrer Bedeutung 
voll anerkennt, aber ohne sie (mit der rein empirischen oder psychologischen 
Asthetik) fur seine letzten Ursachen zu halten und in ihnen einen Aufschlufi 
iiber das eigentliche Wesen des SchSnen zu suchen. 

So erstreckt sich Hartmanns System iiber alle Gebiete der Philosophic 
Auf alien hat er die bisherigen Untersuchungen vertieft oder bis zu Ende 



38 Hartmann. 

gefuhrt, auf alien die fruchtbaren Keime oder Ans&tze seiner Vorganger zur 
Entfaltung gebracht und selbst wieder fruchtbare Keime in unermefilicher 
Fiille ausgestreut. Ja, man kann, ohne zu ubertreiben, ruhig sagen: in der 
ganzen Geschichte der Philosophie gibt es kein anderes System mehr, das 
so den Zusammenhang mit der ganzen Gedankenarbeit der Vergangenheit 
wahrt und zugleich die s&mtlichen Erfahrungen der Gegenwart in sich auf- 
genommen hat, — keines, das so allumfassend und so gewissenhaft in alien 
seinen Teilen durchgearbeitet ist, — keines, bei dem alle Ergebnisse aus 
hundert verschiedenen Gedankenreihen so genau zusammenpassen und sich 
so zur Einheit zusammenschlieflen, wie bei H. Die konkret-monistische 
Philosophie Hartmanns ist der erste grofie induktiv begriindete 
Bau einer wahrhaft einheitlichen Weltanschauung. Und wenn die 
Nachwelt sich erst grundlicher in das Studium seiner Werke versenkt, dann 
wird H. auch allgemeiner als das anerkannt werden, als was er von den wenigen, 
die ihn und den ganzen Umfang seiner Lebensarbeit heute wirklich kennen, 
schon bei seinem Tode verehrt worden ist: als einer der grofiten Denker 
des deutschen Volkes. — 

Anhang: Eduard von Hartmanns Schriften: A. Systeraatische Werke: 
i. Das Problem der Erkenntnistheorie (1871. Dritte Auflage 1889). — 2. Kate- 
gorienlehre(i896). — 3. Das sittliche Bewufltsein (1879. Zweite Auflage 1886). — 
4. Die Religion des Geistes (1882. Dritte Auflage 1907). — 5. Philosophie des 
SchOnen (1887). — 6. Philosophie des Unbewufiten (1868. Elfte Auflage 1904). 
Drei Bande: der erste mit einem langeren Vorwort (57 S. enthaltend: a) Mein Verbal tn is 
zu frtiheren Philosophen. b) Der Zusammenhang meiner Schriften. c) Der Begriff des 
Unbewufiten. d) Zur Geschichte der Philosophie des Unbewufiten) und einem Anhange: 
»Zur Physiologie der Nervenzentra € ; der dritte mit den Schriften: »Das Unbewufite vom 
Standpunkt der Physiologie und Deszendenztheorie «, » Wahrheit und Irrtum im Darwinismus c 
und »Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Philosophie des Unbewufiten*. — 
7. System der Philosophie im Grundrifi (1907/09) in acht Teilen: und zwar f Er- 
kenntnislehre, Naturphilosophie, Psychologie, Metaphysik, Axiologie (oder Wertlehre), Ethik, 
Religionsphilosophie und Asthetik. 

B. Historisch-kritische Arbeiten: 8. Das religiose Bewufltsein der 
Menschheit (1881/1888. Dritte Auflage 1906). — 9. Das Christentum des Neuen 
Testaments (1870 >Briefe ttber die christliche Religiose. Zweite Auflage 1905). — 
10. Die Krisis des Cbristentums in der modernen Theologie (1880/1888). — 11. Ge- 
schichte der Metaphysik (1899/1900), Erster Band: bis Kant. Zweiter Band: seit 
Kant. — 12. Kants Erkenntnistheorie und Metaphysik in den vier Perioden 
ihrer Entwicklung (1893). — 13. Kritische Grundlegung des transzendentalen Realis- 
mus (Erste Auflage unter dem Titel »Das Ding an sich und seine Beschaffenheitc. 1871 
b. 1875. Dritte Auflage 1889). — 14. Schellings philosophisches System (1897). — 
15. (Jber die dialektischeMethode (1868). — 16. Lotzes Philosophie (1888). — 17. I. H. von 
Kirchmanns erkenntnistheoretischer Realismus. — 18. Neukantianismus, Schopenhaueria- 
nismus und Hegelianismus in ihrer Stellung zu den philosophischen Aufgaben der Gegen- 
wart (Erlauterungen zur Metaphysik des Unbewufiten. 1874/1877). — 19. Die deutsche 
Asthetik seit Kant (1886). — 20. Zur Geschichte und BegrUndung des Pes- 
simismus (1880/1892). Inhalt: Die Axiologie und ihre Gliederung. Die Stellung des 
Pessimismus in me in em System. Plotins Axiologie. Kant als Vater des modernen Pessi- 
mismus. Der Pessimismus in der Lyrik. Ist der Pessimismus schadlich ? kann er erziehlich 
wirken? fuhrt er zura Selbstmord? ist er wissenschaftlich zu begrtinden? Die Lust als kri- 
tischer Wertmaflstab. Dealings philosophische Gtiterlehre. Der Pessimismus und der Gottes- 
begriff. Die Bedeutung des Leides. — 21. Philosophische Fragen der Gegen- 



Hartmann. 80 

wart (1885). Inhalt: Die Schicksalc meiner Philosophic. Mcin Verhaltnis zu Schopen- 
hauer. Die Schopenhauersche Schule. Philosophic und Christcnturo. Obersicht der wich- 
tigsten philosophischen Standpunkte. Zur Pessimismusfragc Zur Religionsphilosophic. 
Was ist Nirvana? Indische Gnosis oder Geheimlehre. Die Grundbegriffe der Rechtspbilo- 
sophie. Kant und die hcutige Erkenntnisthcorie. Die Rcaldialektik. — 22. Kritischc 
Wanderungen durch die Philosophic der Gegenwart (1889). Inhalt: Zur Ge« 
schichte der neuesten Philosophic Zu Schopenhauers hundertjahrigem Geburtstagc Mein 
Verhaltnis zu Hegel, Wundts Ethik. Die Motivation des sittlichen Willens. Eine neue 
dialektische Form der Mystik. Zur Erkenntnisthcorie. Die Ergebnisse der modernen Sprach- 
philosophie. — 23. Ethische Studien (1898): Unterhalb und obcrhalb von Gut und 
Bose. Nictzsches neue Moral. Stirncrs Vcrherrlichung des Egoismus. Die antike Huma- 
nitat. Heteronomie und Autonomic. Der WertbcgrirT und der Lustwert. Ethik und Eu- 
damonismus. Religionspbilosophische Thescn. — 24. Die moderne Psychologic: 
cine Geschichte der deutschen Psychologic in der zweiten Hal ft c des 19. Jahrhunderts (1901). 
— 2$. Die Weltanschaung der modernen Physik (1902). — 26. Das Problem des 
Lebens: biologische Studien (1906). Inhalt: Die Abstammungslehre scit Darwin. Mecha- 
nismus und Vitalismus in der modernen Biologie. Die qualitative Energetik. Organisches 
und Unorganisches. Die Zelle. Die stammesgeschichtliche Entwicklung der mchrzelligen 
Organismen. Die regulatorischen Leistungen des Organismus. Der Tod. Die Vererbung, 
Die Bedeutung der geschlechtlichen Fortpflanzung. Die stammesgeschichtliche Entwicklung 
der Saugetiere und des Menschen. Das Lebensprinzip. Energetik, Mechanik und Lcben. 
Die Finalitat im Verhaltnis zur Kausalitat. Die psychophysische Kausalitat. — 27. Noch 
nicht gcsamraelte wissenschaftliche Aufsatze in verschiedencn Zeitschriften: 
Die Grundlagen des VVahrscheinlichkeitsurteils (Vierteljahresschrift filr wissenschaftliche 
Philosophic Mai 1904). Die letzten Fragcn der Erkenntnistheorie und Metaphysik (Zeit- 
schrift ftir Philosophic und philosophische Kritik. Bd. 108). Transzcn dental er Idealismus 
und Realismus (ebenda Bd. 99). Zum Begriff der Kategorialfunktion (ebenda Bd. 115). 
Wundts System der Philosophic (Preufiische JahrbOcher Bd. 66). Ein Neuschellingianer 
(Portig; ebenda Bd. 78, Heft 3). Moderne Naturphilosophie (Ostwald; ebenda Bd. 109). 
Dorners Religionsphilosophie, (ebenda Bd. 114). Fechners Universalbewufltsein (in der 
» Sphinx « Juni 1891). Die allotrope Kausalitat (Archiv ftlr systematische Philosophic 
1898. Bd. V, Heft 1). Ein neuer Schopenhauerianer (Karl Peters; in der Gegenwart 1883 
Nr. 24). Robert Hamerling als Philosoph (ebenda 1891, Nr. 1). 

C. Populare Schriften: (9). Das Christentura des Neuen Testaments 
(1870/1905). — 28, Die sozialen Kernfragen (1896. In billiger Volksausgabe, 1907, 
in A. Reimanns deutscher Btlcherei). — 29. Gesammelte Studien und Aufsatze 
(1876. Dritte Auflage 1888). Inhalt: Mein Entwicklungsgang. Ober wissenschaftliche 
Polemik. Leibniz als politischer Optimist. Der Kampf zwischen Kirche und Staat. Prinzip 
und Zukunft des Vdlkerrechts. Ein chinesischer Klassiker. Symptome des Verfalls im 
Ktinstler- und Gelehrtentum. Das Gefangnis der Zukunft. Das schtinste Denkmal des 
Dichters. Zur Asthetik des Dramas. Das Problem des Tragischen. Altere und moderne 
TragtfdienstofTc Shakespeares Romeo und Julie. Der Ideeninhalt in Goethes Faust. 
Schillers philosophische Gedichte. Aus einer Kiinstlerwerkstatt (Otto Ludwig). Zur Ge- 
schichte der Asthetik. Naturforschung und Philosophic Anfange naturwissenschaftlichcr 
Selbsterkenntnis. Ernst Haeckel als Vorkampfer der Abstammungslehre in Deutschland. 
Die Lebenskraft. Das Wcsen des Gesamtgeistes. Atomismus und Dynamismus. Schopen- 
hauer und die Farbenlehrc Das philosophische Dreigestirn des 19. Jahrhunderts: Schelling, 
Hegel, Schopenhauer. — 30. Zwei Jahrzehnte deutscher Politik und die gegen- 
wartige Weltlage (1881/1889). — 3*- Moderne Probleme (1885/1888). Inhalt: Was 
sollen wir essen? Unsere Stellung zu den Tieren. Die Gleichstellung der Geschlechter. 
Die Lebensfrage der Familic Die heutige Geselligkeit. Die Wohnungsfrage. Moderne Un- 
sitten. Zur Reform des Universitatsunterrichts. Das Philosophiestudium auf den Universitaten. 
Die Oberbtirdung der Schuljugend. Die preufiische Schulreform von 1882. Der Streit urn 



go Hartmann. Zimmermann. 

die Organisation der hoheren Schulen. Der BUcher Not. Die epidemische Ruhmsucht 
unserer Zeit. Der Somnambulismus. — 32. Tagesfragen (1896). Inhalt: Steuern wir 
einer Plutokratie entgegen ? Die Gefahr der Demokratie. Unsere Verfassung. Der Nicder- 
gang der Volksvertretung. Die Reform der Volksvertretung. Die kirch lichen Zustande in 
Preuflen. Die Jungfernfrage. Der Zweikampf. Das Spiel. Lotterie und Totalisator. Die 
preufiische Schulreform von 1892. Der deutsche Unterricht im Gymnasium. Das Endc 
des naturwissenschaftlichen Zeitalters. Freie und unfreie Ktinste. Ober Schriftstellerei, Er- 
folg und Kritik. Das Philosophiestudium durch LektUre. Wie wird man Philosoph? — 
33. Zur Zeitgeschichte: neue Tagesfragen (1900). Inhalt: Europaische Politik und 
Weltpolitik. Der Neutralitatsvertrag mit Rufiland. England und Deutschland. Ein Rack- 
blick auf das alte Jahrhundert. Ein Ausblick auf das neue Jahrhundert. Sozialdemokratie und 
Anarchism us als Abspaltungen aus dem Liberalismus. Die Kampfmittel gegen die Sozialdemo- 
kratie. Die agrarische Frage. Die Kreditwirtschaft Das heutige Gymnasium. Die Kanalfrage. 

— 34. Das Judentum in Gegen wart und Zukunft(i88s). — 35. Zur Reform deshtiheren 
Schulwcsens (1875). — 36. Die Selbstzersetzung des Christentums und die* Re- 
ligion der Zukunft (1874. Dritte Auflage 1888). — 37. Der Spiritismus (1885; 1898). 

— 38. Die Geisterhypothese des Spiritismus und seine Phantom e (1891). — 39. Dramatische 
Dichtungen (Pseudonym: Karl Robert, 1871). — Noch nicht gesammelte Aufsatze all- 
gem ein verstandlichen Inhalts: Ein Umschwung in der modernen Biologie (Reinke; 
in der » Gegenwart*. 1902 Nr. 1). Ein vitalistischer Zoolog (H. Driesch; ebenda 1902 
Nr. 27). Weismanns Neudarwinismus (in »Nord und Siidc. Sommer 1904). Die Uner- 
mefllichkeit der Welt (Preufiische JahrbUcher Bd. 101, Heft 2). Der Individual israus der 
Gegenwart (ebenda Bd. 96, Heft 21). Wundts Weltanschauung (in der » Gegenwart «. 1901, 
Nr. 27/28). Zur Geschichte der cbristlichen Religion (ebenda 1900, Nr. 14). Das Wesen 
des Christentums in neuester Beleuchtung (gegen Ad. Haraack; in der » Gegenwart c. 1901, 
Nr. 1). Das Wesen des Christentums (ebenda 1901, Nr. 14 und 15). Der Wert der Welt 
(in » Deutschland c. Marz und April 1903). 

Schriften fiber Eduard von Hartmann und seine Philosophic: Arthur 
Drews, Professor der Philosophic zu Karlsruhe: Ed. von Hartmanns philosophisches System 
im Grundrifi. (Nachst den Werken des Philosophen selbst die Hauptquelle fUr alle Hart- 
manniana. Mit Portrat. Zweite vermehrte Ausgabe. Heidelberg, Karl Winter. 1906). Der- 
selbe: Das Lebenswerk Ed. von Hartmanns (Theod. Thomas, Leipzig 1907). Derselbe: 
Die Lebensanschauung Ed. von Hartmanns (in der Zeitschrift: »Lebenc. Herbst 1906). 
O. Plttmacher: Der Kampf urns Unbewufite. Mit einem chronologischen Veneichnis der 
Hartmannliteratur bis 1890 (1880. Zweite Auflage 1890). Dieselbe: Der Pessimismus in 
Vergangenheit und Gegenwart (Heidelberg, Weifl. 1883; 1888). Max Schneidewin: 
Lichtstrahlen aus Ed. von Hartmanns Werken (H. Haacke, Sachsa 1881). Derselbe: Offener 
Brief an Ed. von Hartmann (zum 50. Geburtstage des Philosophen. 1892). Theod. Kapp- 
stein: Ed. von Hartmann ; eine Einftihrung in seine Gedankenwelt Vorlesungen gehalten 
an der ireien Hochschule Berlin. Mit Portrat und Faksimile. (Fr. A. Perthes, Gotha 1907). 

— Dr. Raphael Koeber »Das philosophische System Ed. von Hartmanns c (1884. 
Heute langst veraltet). — Joh. Volkelt »Das Unbewufite und der Pessimismus c (1873. 
Heute ebenfalls veraltet). — Eine Darstellung der Hartmannschen Philosophic im Auftrage 
der Pariser Sorbonne ist in Arbeit und wird hoffentlich bald erscheinen. Ebenso eine 
zweite (von Dr. Otto Braun) fUr Frommanns >Klassiker der Philosophic c. — Eine wohl- 
gelungene Bilste Hartmanns von A. E. Bouc ist zu haben im Atelier Gebrttder Micheli. 
Berlin 1906. Verschiedene Port rats in Nachbildung u. a. bei Hermann Haacke, Sachsa 
im Harz, bei der Photographischen Gesellschaft in Berlin. 

Freiburg i. Br. Wilhelm v. Schnehen. 

Zimmermann, Julius, Landschaftsmaler, * 1824 zu Augsburg, f 16. April 
1906 in Munchen, erregte schon wfthrend seiner Gymnasialstudien, ebenso wie 
sein geistesverwandter Freund Max von Menz (1824 — 95) grofie Erwartungen 



Zimmerxnann. Beer. 



91 



des Zeichenlehrers Franz Dahmen. Indessen besuchte Z. noch die Uni- 
versitat, schwenkte dann aber doch zur Kunst iiber, wozu er an der Akademie 
unter der Leitung seines Vaters, des nachmals so wohlbekannten Historien- 
malers und Galeriedirektors Clemens von Zimmermann (1788 — 1869) histo- 
rische und genrehafte Gegenstande behandelte. In erster Reihe eine Szene 
aus der Apostelgeschichte, wie Paulus den Zauberer blendet (lithographiert 
von S. Braun), aber auch Bildnisse und Familienszenen, darunter eine gliick- 
liche Mutter (1854), ein »Junger Musikant« (1858) und »Spaziergang« (1861). 
Vorziiglich wendete er sich zur Landschaft, welche Z. insbesonders als Aqua- 
rellist, im Sinne von Leopold Rottmann (1813 — 81) und August LSffler 
(1822—66) virtuos behandelte. Grofle Tatigkeit entfaltete Z. als Lehrer fur 
Zeichnen und Malen an der K. Pagerie, am Max-Joseph-Stifte und Ludwigs- 
Gymnasium; fast alle Mitglieder des Kdnigshauses sah er als Schiller. Am 
nSchsten stand ihm der mehr als dilettantisch begabte Bankdirektor Theodor 
von Sendtner (1823 — 1895), dessen feingestimmte Bilder zwar nie in den 
Handel kamen, aber auf alien Ausstellungen willkommene Aufnahme fan den. 
Am liebsten nahm Z. die Motive aus dem Schwarzwald, Altbayern und der 
Schweiz. Zu seinen besten Aquarellen gehOrten ein Blatt vom Vierwald- 
stattersee (1872), der Reichenbachfall (1873); e * ne Landschaft bei Interlaken 
(1876); der Brienzersee mit Ringgenburg (1885); am Tannenstock bei Hallein 
(1890); Schlofi Arenenberg; der Bahnhof in Zurich. KOstliche Holzstock-Zeich- 
nungen lieferte er zu illustrierten Prachtwerken, besonders zu der von Gsell-Fels 
bearbeiteten »Schweiz« (1875). Begabt mit einemgesellschaftlichglanzend wirken- 
den Humor hat er sich im Gedenkbuch der Miinchener Kunstlergenossenschaftmit 
voller Portratahnlichkeit als »Maler, Holzhacker und Zimmermann* verewigt. 
Sein Nachlafl kam Anfangs Dezember 1907 nachtraglich zur Ausstellung. 

v gl- Eggers Kunstblatt. 1854, V., 335. Maillinger 1876, III., 915. Fr. v. 
Btttticher 1901, II., 1058. Nr. 165 »Allgemeine Ztg.« 10. April 1906. 

Hyac. Holland. 

Beer, Eduard, Baurat, Direktor der stadtischen Wasserwerke in Berlin, 
* 3. Januar 1848 in Pobethen (Provinz Ostpreufien), f 17. Januar 1906 in 
Berlin. B. absolvierte mit 17 Jahren das Kniphdfische Gymnasium in 
KOnigsberg i. Pr., bezog 1866 die KOnigliche Bauakademie in Berlin und 
legte die staatlichen Priifungen fiir das hohere Baufach ab. Hierauf war er 
bei den Bauten der Magdeburg-Halberstadter und der Berliner Nordbahn 
praktisch tatig, verliefl aber bald diese Stellung und leitete 1879 bis 1882 
den Bau des Landeshauses fiir die Provinz Ostpreufien in KOnigsberg i. Pr. 
Nach einer Studienreise nach Italien und einer kurzen Dienstzeit bei der 
Generaldirektion der Landfeuersozietat der Kurmark trat er 1884 als Vor- 
steher der Bauabteilung Tegel der stadtischen Wasserwerke in Berlin ein, 
wo er sich durch vorbildliche Neuanlagen dauernde Verdienste erworben hat. 
Seit 1886 mit der Oberleitung der Neubauten fiir die Wasserwerke Berlins 
betraut, trat er 1889 definitiv in stadtische Dienste und wurde 1893 als 
Direktor des Wasserwerkes berufen. B.s Wirken fand nach anfanglicher An- 
feindung voile Anerkennung. 

Vgl. ZentraJblatt der Bauverwaltung. 27. Januar. Zeitschrift des Vereins Deutschcr 
Ingenieure. H. Fuchs. 



Q2 Herger. Bork. 

Herger, Edmund, Genremaler, * 13. Juni i860 zu Remda, f 21. No- 
vember 1906 in Miinchen, studierte 1872 — 78 in Weimar bei Brendel und 
Theddy, ging darauf zu Defregger nach Munchen, welchem er sich anfangs 
innig anschlofi, folgte dann aber dem Einflufl aller iibrigen Zeitgenossen. 
Nach damaliger Sitte oblag er mit unermudlichem Eifer dem Studium von 
Interieur: Bauernstuben, Burg- und Klosterwinkeln, die er mit passender 
Staffage belebte. Ebenso Gutes, ja iiberraschend Feingestimmtes leistete er 
mit zahlreichen Landschaften, in denen sich alle Probleme, Moden und 
Manieren der jiingsten Dezennien widerspiegelten. Dazu geh6ren beispiels- 
weise die » Winterfreuden « einer zahlreichen J ugend am schulfreien sonnigen 
Nachmittag auf dem stadtischen Schloflberg; die Produktionen einer wandern- 
den Schmiere auf offenem Dorfplatz, beuteteilende Landsknechte, Sonntags- 
jager k la Griitzner, Heiratsvermittler, ein kleiner » Kegelspieler « und »Tafel- 
musikant« — womit er ganz in Defreggers Schuhe trat, indes die »Faune 
auf der Keilerjagd« und der alpenwildanpirschende »Zlatorog« einen Um- 
schwung zu Bocklin bekundete, wahrend ein mit subtiler Finesse durchge- 
fuhrtes Brustbild einer B&uerin an Leibl denken liefi. Ebenso kOstlich war 
der spielende Lichtertanz uber dem in einer Glasvase prangenden Blumen- 
straufl. Dann kamen wieder charakteristische Tierk6pfe und ein humoristischer 
Esel mit einer an Braiths Wahrhaftigkeit erinnernden Auffassungsgabe. Seine 
Vielseitigkeit bewies H. mit den 1887—91 im Schlofie Grubhof ausgefiihrten 
mythologischen Decken- und Wandbildern, womit der Kiinstler in einem, 
ihm zwar neuen, aber ganz zust£ndigen Gebiet anscheinend ganz salonsicher 
sich bewegte. — Sein im Miinchener Kunstverein (Mai 1907) ausgestellter, 
aus mehr denn achtzig Nummern bestehender Nachlafl gab ein lebendiges 
Zeugnis dieses vielseittgen, immer frischen KSnnens. Holzschnitt und Photo- 
graphic haben sich verhaltnismSflig bisher wenig seiner Werke bemSchtigt. 

Hyac. Holland. 

Bork, Wilhelm, Geheimer Baurat, Mitglied der KOniglichen Eisenbahn- 
direktion Berlin, * 1842 in Jakobshagen in Pommern, f 9. MSrz 1906. 
Wuchs in armlichen VerhSltnissen auf, offenbarte jedoch friihzeitig eine 
auflergewflhnliche Begabung, so dafi er das K6nigliche Gewerbeinstitut be- 
suchen konnte. Seine Ingenieurt&tigkeit begann er, nach Abschlufl der 
Studien beim Bau der Berliner Verbindungsbahn und trat 1870 zur Thiirin- 
gischen Eisenbahn iiber, wo er beim Bau der Linie Gera-Eichicht mit dem 
Bau der Briicken und der maschinellen Einrichtung beschaftigt war. 1872 
Maschinenmeister in Erfurt, 1876 Lokomotivwerkst&ttenleiter daselbst und 
nach Verstaatlichung der Thiiringischen Bahn 1883 Maschineninspektor. 
1887 wurde B. nach Berlin versetzt, wo er als Vorstand der Hauptwerkstatte 
bis 1895 eine hervorragende TUtigkeit entfaltete. 1890 wurde er zum Eisen- 
bahndirektor und 1895 zum Mitglied der KSniglichen Eisenbahn- 
direktion Berlin befordert. Sein Name drang durch zahlreiche Aufsatze in 
technischen Zeitschriften und durch einige Erfindungen, wie eine Radreifen- 
befestigung und einen Geschwindigkeitsmesser in weitere Kreise. Seiner Ini- 
tiative smd die Versuche, Hauptbahnen elektrisch zu betreiben, zu danken. 

Vgl. Zentralblatt der Bauverwaltung. 17. Marz. H. Fuchs. 



Hahn. Fabini. 93 

Hahn, Josef, Landschaftsmaler, * 15. Dezember 1839 m Munchen, 
f 22. Mai 1906 ebendaselbst, absolvierte das Gymnasium zu Scheyern, be- 
suchte bei Julius Thaeter die Zeichenklasse der Miinchener Akademie, bildete 
sich unter Adolf Stademanns (1824 — 95) Leitung zum Landschafter, betatigte 
seine hervorragenden Talente als Lehrer an der kunstgewerblichen Fort- 
bildungsschule, wo er durch drei Dezennien jungere Krafte mit einem 
Schonheitssinn flir Formen in die richtige Bahncn leitete. Unzahlige, spater 
hervorragende Gewerbemeister danken ihm zeitlebens fiir seine kiinstlerische 
Fuhrung und Unterweisung. Jeden freien Augenblick nutzte H. zu Ausfliigen 
in die Berge von Altbayern und Tirol, wo ihm besonders die Chiemsee- und 
Bodenseegelande zu fein abgetonten Stimmungsbildern begeisterten, welche 
in der Heimat, wie im Ausland freudige und ehrende Aufnahme (Goldene 
Medaille in London 1875) fanden. Durch weitere Studienreisen nach Nord- 
deutschland, nach der Havel und mit besonderer Vorliebe in der Umgegend 
von Berlin, jiingte er, fortwahrend seinen Gesichtskreis erweiternd, diese 
idyllische Kunst. — Eine Ausstellung im Miinchener Kunstverein fand all- 
seitige Teilnahme; der Nachlafi wurde mit gutem Erfolg durch H. Helbing 
(12. Dezember 1906) versteigert. 

Vgl. Singer 1896, II., no. Kunstvereinsbericht f. 1906, S. 15. 

Hyac. Holland. 

Fabini, Ludwig, k. u. k. Feldzeugmeister, wirklicher Geheimrat usw., 
* am 29. August 1830 in Waldhiitten bei Mediasch (Siebenburgen), f am 
9. September 1906 in Igls bei Innsbruck. Der Sohn eines alten sieben- 
biirgisch-s£chsischen Pfarrergeschlechtes — ein Ahnherr, der Generaldechant 
Johann Fabini, verteidigte 1642 mannhaft auf dem Landtage in Weiflenburg 
(heute Karlsburg) das Recht der sachsisch-evangelischen Pfarre in Burkos — 
hat er in einem Familienleben, leuchtend in musterhafter Ordnung, durchweht 
von dem edelsten Geiste des evangelischen Christentums, die gliicklichen Tage 
der Jugend verlebt. 

Auf dem Schaflburger Gymnasium oblag er, wie sein um drei Jahre 
alterer Bruder Theodor, den Mittelschulstudien. Der Schlufl derselben fiel 
in das Jahr 1848. Als im November dieses Jahres die siebenbiirgisch- 
sachsische Nation ein Jagerbataillon — das spatere 23. k. u. k. FeldjSger- 
bataillon — equipierte und unter die kaiserlichen Fahnen ins Feld stellte, 
trat F. mit seinem Bruder Theodor, dieser nach beendigten Rechtsstudien, 
jener dem Schlusse seiner Gymnasialstudien nahe und einer der tiichtigsten 
Schuler seiner Anstalt, begeistert fiir Thron und Vaterland, treu dem Wahl- 
spruch der alten sachsischen Fahne »ad retinendam coronam* freiwillig in die 
Reihen der » s&chsischen « Jager in Mediasch ein (5. November). »Bewahrt 
euch edel und brav, wie ich mich dessen von euch versehe«, schrieb der Vater 
an die ins Feld ausriickenden S5hne. Beide haben die Mahnung tief ins Herz 
sich gegraben. Theodor F. fiel bei dem Sturm auf die Briicke bei Piski am 
9. Februar 1849, Ludwig F. hat des Vaters Mahnung in einem langen, miihevollen 
Leben betatigt. An ihm hat sich das Wort des englischen Dichters: »Die 
Jugend zeigt den Mann, gleichwie der Morgen den Tag verkundet« voll und 
ganz bewahrheitet. Sobald der Feldzug des Jahres 1849 beendet war, begab 
sich F. nach Schafiburg, legte dort die Maturitatspriifung ab und kehrte im 



94 



Fabini. 



Herbste 1850 wieder zu seinem Bataillone zuriick. Mit diesem marschierte 
er in dessen neue Garnison nach Lemberg. Nach wenigen Wochen wurde 
er zum Leutnant im 5. Jagerbataillon ernannt. Die Zeit des Friedens benutzte 
F. zu eifrigem Studium. 

In den Schlachten, die er dann mitgemacht, hat er mehr als einmal dem 
Feinde ins Auge geblickt und sich als tapferer und entschlossener Offizier 
bewahrt. So im Feldzuge in Italien (1859), so im Kriege gegen Preufien im 
Jahre 1866 im Treffen bei Trautenau, wo er mit zwei Kompagnien, ungeachtet 
einer Blessur am Fufle, die Angriffe seines Bataillons geschickt einleitete 
und mit Entschlossenheit ausfiihrte, so bei Neu-Rognitz und bei KOniggrStz. 
Insbesondere bei dem letztgenannten Schlachtorte hat F. seinen fruher 
errungenen Lorbeeren neue hinzugefugt. Allgemein ist anerkannt worden, 
dafi er damals als Kommandant der Vorhut auf dem Marsche nach Unter- 
Dohalic rastlos tatig war und mit grofler Umsicht alle Anordnungen zur 
Instandsetzung der Verteidigung der Zuckerfabrik bei Unter-Dohalic traf. 
Wahrend des Riickzuges durchwatete er die Bistritz, sammelte seine Ab- 
teilungen und hielt die HOfe so lange besetzt, bis die eigenen Truppen den 
Riickzug bewirkt hatten und er erneuert den Befehl erhielt, zuruckzugehen. 
In Anerkennung » seiner hervorragenden tapferen und vorziiglichen Leistungen « 
in diesem Feldzuge erhielt F. eine AllerhOchste Belobung und vorzugsweise 
fur sein Verhalten im Treffen bei Trautenau den Orden der Eisernen Krone 
3. Klasse mit der Kriegsdekoration. 

Nach dem Kriege (1868 — 1870) trat F. in die Kriegsschule ein und 
wurde nach Absolvierung derselben als Hauptmann des Feldjager-Bataillons 
Nr. 28 — zugeteilt dem Generalstabe — bei der Militarabteilung des General- 
kommandos in Hermannstadt verwendet und im selben Jahre zum provi- 
sorischen Generalstabschef der 35. Infanterietruppendivision in Klausenburg 
ernannt 1875 wurde er Generalstabsmajor und kam zum Generalkommando 
nach Prag. Hier lenkte er durch seine Tiichtigkeit die Aufmerksamkeit des 
Feldzeugmeisters und Kommandierenden Generals Josef Freiherrn vonPhilippovic 
auf sich und fand in ihm bald einen Freund und Gfinner. Und als nun im 
Auftrage des Berliner Kongresses dsterreichisch-ungarische Truppen unter dem 
Oberkommando des Feldzeugmeisters Philippovic in Bosnien und der Herzego- 
wina eindrangen, nahm der Oberkommandant F., der inzwischen Oberst- 
leutnant geworden war, als Souschef des Generalstabes mit. Der Feldzugs- 
plan und ein historisch-politisches Memorandum hierzu war von F. ausgearbeitet 
worden. In dem letzteren wurde darauf hingewiesen, dafl es fur Osterreich- 
Ungarn von hdchster Wichtigkeit sei, in Bosnien mit solcher tJbermacht 
aufzutreten, dafl auch nicht der geringste Mifierfolg zu befiirchten sei. Da- 
durch werde es zu einem Axiom des ganzen Orientes, dafi mit diesem Staate 
anzubinden nicht gut sei. Das Prestige miisse durch ein solches Vorgehen 
derart steigen, dafi man fur die Zukunft gewonnenes Spiel habe. Zu diesem 
Zwecke brauche man etwa fiinf Armeekorps, die mobilisiert werden miifiten. 
Leider wurden die beanspruchten Krafte nicht sofort bewilligt, sondern nur 
etwa 80000 Mann. Als mit diesen kein Auskommen zu linden war, wurden 
weitere Truppenmassen mobilisiert, so dafi schliefilich elf Truppendivisionen 
in Bosnien standen, also etwa so viel, als F. in seinem Memorandum ge- 
fordert hatte. 



L 



Fabini. 



95 



Bei Aufstellung der zweiten Armee kam F. in die Operationskanzlei 
derselben. Die Disposition fur die Einnahme von Sarajevo, die am 19. August 
1878 erfolgte, war die Arbeit F.s. Aus dem eroberten Lande brachte er 
neben einer allerhSchsten belobenden Anerkennung auch das Ritterkreuz des 
Leopoldordens mit. Diese Auszeichnung gewann noch mehr an Bedeutung 
dadurch, dafl der Armeeoberkommandant Philippovic F. seinen eigenen 
Leopoldsorden, welchen er durch voile dreiBig Jahre getragen hatte, an die 
Brust heftete. Wie sehr F. die Achtung seines Vorgesetzten besafi, beweist 
iibrigens auch der Umstand, dafi dieser ihn nach Beendigung des Feldzuges 
mit sich nach Prag nahm. Hier riickte F. noch als Oberstleutnant zum 
Generalstabschef des Generalkommandos vor. Im Jahre 1880 zum Oberst 
im Generalstabskorps ernannt, ubernahm er spater das Kommando der 
17. Infanteriebrigade und 1891 als Generalmajor die 22. Brigade. Zwei Jahre 
sp&ter avancierte er zum Feldmarschalleutnant und erhielt das Kommando 
der 14. Inf an terietruppendi vision. Nach dreij&hriger erfolgreicher Tatigkeit 
auf diesem Posten wurde F. seines umfassenden, griindlichen Wisssens, seiner 
praktischen FJhigkeiten und seiner besonderen Charaktereigenschaften wegen 
fiir die Stelle des Kommandanten der Armeeschiefischule in Bruck a. L. und 
des Prases der Priifungskommission zur Beurteilung der Stabsoffiziersaspiranten 
ausersehen. 

Aber schon 1897 wurde er Kommandierender General des 6. Korps in 
Kaschaii und Wirklicher Geheimrat. Gleichzeitig verlieh ihm sein Allerh6chster 
Kriegsherr das Infanterieregiment Nr. 102. Das n&chste Jahr brachte seine 
Ernennung zum Feldzeugmeister, und als die nationalen Wirren in BOhmen, 
namentlich in dessen Hauptstadt den Gipfelpunkt erreicht hatten, wurde F. 
die Stelle des Korpskommandanten und Kommandierenden Generals in Prag 
zuteil. Dafi diese Wahl fiir den schwierigen Posten eine gluckliche gewesen, 
zeigte die Beruhigung in Prag, sobald F. daselbst erschienen war. In dem- 
selben Jahre feierte er sein fiinfzigj&hriges Dienstjubilaum; es war auch das 
Jahr, in welchem Kaiser Franz Josef sein fiinfzigjahriges Regierungsjubilaum 
beging. Der Monarch iibersandte ihm die goldene Erinnerungsmedaille und 
ein huldvolles Handschreiben, in dem er der langen Dienstzeit F.s gedachte. 
»Was Sie«, heifit es in diesem, »im Kriege und im Frieden Hervorragendes 
geleistet, in welch ausgezeichneter Weise Sie in den vielfachen und schwie- 
rigen Verhaltnissen wirkten, bleibt immer in meiner dankbaren Erinnerung.« 

Auch die Heimat vergafi nicht des Jubilars. Die Stadt Mediasch verlieh 
ihm ihr Ehrenbiirgerrecht. Der Abordnung der Stadt, die ihm das Diplom 
nach Pretac (bei Mediasch) brachte, wo er bei seinem alteren Bruder Johann 
weilte, der dort Pfarrer war, antwortete er: »Unter den Ehrungen, die mir 
diese Tage gebracht haben, stelle ich nicht in die letzte Reihe die Ehrung, 
die mir heute die Stadt Mediasch durch Verleihung ihres Ehrenbiirgerrechtes 
zugedacht hat. Ich danke an diesem Tage vor allem Gott, der mich bis 
hierher in Gesundheit und voller Rustigkeit geleitet hat. Ich danke Seiner 
Majest&t, meinem allergn&digsten Herrn, dessen Gnade mich die hftchste 
milit&rische Stufe hat ersteigen lassen. Ich danke meinem unvergefllichen 
Elternhause, das in seiner schlichten Einfacheit mich gelehrt hat, das Gute 
zu wollen und das Schlechte zu meiden. Ich danke meinem Vater, der mich 
mit Milde strenge erzogen, ich danke meiner guten Mutter, die mich ermahnt 



q6 Fabini. Boltzmann. 

hat: edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Ich danke Ihnen, meine Herren, 
dafl Sie mich zu den Ihren zahlen wollen, ich danke es Ihnen urn so mehr, 
als ich auch einmal von diesem Erdenwallen ausruhen will, wo meine 
gottseligen El tern ruhen, an ihrer Seite.« 

Auch die nSchsten Jahre brachten F. ein reiches Mafl von Eh run gen. 
Als er am 29. August 1900 in den groBen ManSvern bei Pilsen seinen 
70. Geburtstag feierte, gratulierte ihm unter Fiihrung des Generaltruppen- 
inspektors, Generals der Kavallerie Prinz zu Windischgr&tz das Offizierskorps 
in uberaus herzlicher und ehrender Weise. Und als der deutsche Kronprinz 
Kaiser Franz Josef am 14. April 1901 seine Aufwartung machte, wurde F. 
ihm als militarischer Begleiter beigegeben. 

Vier Jahre darauf bat er, da seine angegriffene Gesundheit ihm nicht 
mehr erlaubte, seinen Dienst in gewohntem Pflichtgefuhl zu erfiillen, urn 
seine Versetzung in den Ruhestand. Sie wurde ihm von seinem Kriegsherrn 
in allerhuldvollster Weise und unter Verleihung des Grofikreuzes des Leopold- 
ordens gewahrt. Aufler den bisher genannten Ehrenzeichen besafi F. den 
Stefansorden, die Milit&rverdienstmedaille am Bande des Militarverdienstkreuzes 
und am roten Bande, den preuBischen roten Adlerorden I. Klasse, das Komtur- 
kreuz des italienischeu Ordens St. Mauritius u. Lazarus und das Grofikreuz 
des rumanischen Ordens vom Stern. F. sollte sich nicht lange des Ruhe- 
standes erfreuen. In Igls bei Innsbruck, wo er bei seinem Neffen, dem gleich- 
namigen Generalstabsoberst, weilte, ist er an Arterienverkalkung schon am 
9. September 1906 gestorben. 

Bis zu seinem Tode ist F. ein treuer Sohn seines Volkes geblieben und 
seinem Wunsche gemafi in Mediasch neben seinem Vater bestattet worden. 
Mit berechtigtem Stolze hat das s&chsische Volk, dem er entsprossen, F. auf 
seiner Laufbahn immer h6her steigen sehen, mit berechtigtem Stolze hat es 
auf ihn geblickt, dessen hohe Gerechtigkeit, seltene Giite, grofie Umsicht 
und persdnliche Tapferkeit alien, die einmal seine Untergebenen gewesen 
sind, in unausldschlicher Erinnerung bleiben werden. Auch bei seinem Volke 
wird sein Andenken nie vergehen. 

Siebenbttrgisch-Deutsches Tageblatt. Nr. 7569 (1898) von F. Sch. 

Hermannstadt. D r. F r. S c h ii 1 1 e r. 

Boltzmann, Ludwig, Physiker, * 20. Februar 1844 in Wien, f 5. Sep- 
tember 1906 in Duino. B.s Vater, der k. k. Finanzkommissar war, starb fruh- 
zeitig. Ein Bruder B.s, namens Albert, der gleichfalls ein hochbegabter 
Jiingling war, starb schon als Gymnasialschuler an Lungentuberkulose. So 
lebte B. in seinen jungen Jahren allein mit seiner Mutter, einer geborenen 
Bauernfeind, und seiner Schwester Hedwig, welche gleichfalls kein hohes 
Alter erreichte. Das Leben dieser Schwester endete in geistiger Umnachtung. 
Die Gymnasialstudien absolvierte B. in Linz. Im Jahre 1863 bezog er die 
Wiener Universit&t; hier studierte er Mathematik und Physik unter Moth, 
Stefan und Petzval. Schon damals trat er in engfreundschaftliche Beziehungen 
zu Loschmidt. 1866 promoviert habilitierte er sich bereits im Jahre darauf 
fur Physik an der Wiener Universitat Schon vorher war er Assistent Stefans 
geworden (1867). Doch hatte er auch die Lehramtspriifung fttr Gymnasien 
abgelegt und das Probejahr am akademischen Gymnasium in Wien absolviert. 



Boltzmann. 07 

B. taugte nicht zum Mittelschullehrer; er verstand es nicht Disziplin zu 
halten. Seine starke Kurzsichtigkeit mag das Ihre dazu beigetragen haben, 
dafi er nicht dazu kam, die Herrschaft iiber die Klasse zu erlangen. Es 
blieb ihm aber gliicklicherweise erspart, den ihm nicht zusagenden Beruf 
als Liickenbiifier langere Zeit auszuiiben. Kaum war er in das akademische 
Leben eingetreten, so erhielt er eine Berufung nach Freiburg i. B. Seine 
Mutter bewog ihn, den Ruf nicht anzunehmen. Doch erleichterte ihm die 
osterreichische Unterrichtsverwaltung diesen Schritt durch Gewahrung einer 
Remuneration. Als junger Privatdozent verlobte sich B. mit Fraulein Henriette 
von Aigentler, einer Dame, die — zu jener Zeit war dies wohl eine Selten- 
heit — selbst mathematischen und physikalischen Studien obgelegen hatte. 
Bald nach dem Freiburger Ruf erhielt er — bereits verlobt — eine Berufung 
an das Polytechnikum in Zurich. Diesen Ruf lehnte er gleichfalls ab. Er 
erhielt aber alsbald eine ihm zusagende Stellung, indem er bereits nach drei 
Semestern Privatdozentur zum ordentlichen Professor der theoretischen Physik 
in Graz ernannt wurde (1869). Hier blieb er bis 1873 mit zwei Unter- 
brechungen: in den Jahren 1871 und 1872 war er je ein Semester beurlaubt; 
er verbrachte diese Zeit in Heidelberg und Berlin mit Studien undArbeiten; 
dabei trat er dem Mathematiker Konigsberger, den Physikern Kirchhoff und 
Helmholtz, dem Chemiker Bunsen naher und lernte die beruhmte Mathe- 
matikerin Sonja Kowalewska kennen. 1873 ubernahm er als Nachfolger 
seines Lehrers Moth eine Professur der Mathematik an der Universitat in 
Wien. 1876 kehrte er aber wieder nach Graz, und zwar als Professor der 
Experimentalphysik zuriick. In demselben Jahre vermahlte er sich mit 
Fraulein von Aigentler. Nun blieb B. voile vierzehn Jahre in Graz. Ein 
Intermezzo in dieser Zeit war seine Ernennung zum Nachfolger Kirchhoffs 
an der Berliner Universitat, die schon vollzogen iiber seine Bitte vom Kaiser 
Friedrich wieder annulliert wurde. 1890 verlieB er aber Graz und ging als 
Professor der theoretischen Physik nach Miinchen. Hier blieb er bis 1894, 
in welchem Jahre er als Nachfolger seines Lehrers Stefan als Professor der 
theoretischen Physik an die Wiener Universitat zuruckkehrte. 1900 nahm er 
eine Berufung in gleicher Eigenschaft nach Leipzig an, wo er aber nur zwei 
Jahre blieb, urn 1902 wieder nach Wien zu gehen. Hier hielt er in den 
letzten Jahren neben seinen Vorlesungen iiber theoretische Physik auch solche 
iiber Naturphilosophie. 

Die hervorragende Stellung, welche sich B. in der wissenschaftlichen 
Welt durch seine Arbeiten eroberte, zeigt sich schon aufierlich durch die 
zahllosen Ehrungen, mit welchen er iiberhauft wurde: alle hervorragenden 
Akademien der alten und neuen Welt haben ihn zu ihrem Mitglied gemacht, 
vier auslahdische Universitaten, Oxford, Christiania, New Hawen und Worcester 
ihn zum Ehrendoktor kreiert; er besafi das Ehrenzeichen fur Kunst und 
W r issenschaft und den bayrischen Maximiliansorden. 

Die verschiedenen Professuren — theoretische und experimentelle Physik, 
Mathematik und Philosophic — welche B. bekleidete, sind der aufiere Aus- 
druck fur den Kreis der wissenschaftlichen Interessen, welche seinem Denken 
und Arbeiten Richtung und Inhalt gaben. Was er auf dem Gebiete der 
Physik in theoretischer und experimenteller Hinsicht leistete, sichert seinem 
Namen Unsterblichkeit. 

Biog-r. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolojr. ix. Bd. 7 



q8 Boltzmann. 

Durch seine Lehrer und Freunde, Loschmidt und Stefan, wurde seine 
Aufmerksamkeit auf zwei Gebiete hingelenkt: die kinetische Gastheorie und 
die Maxwellsche Theorie der elektrischen Erscheinungen. Er hat es selbst 
erz&hlt, dafi ihm Stefan auf die Frage, was er studieren solle, urn in die 
Elektrizitatslehre einzudringen, eine englische Grammatik in die Hand gab, 
die ihm den Zugang zu Maxwell eroffnen sollte. Von Maxwell hat er die tiefsten 
Anregungen empfangen, der erkenntnistheoretische Standpunkt, den Maxwell 
in der theoretischen Physik einnahm, hat in B.s philosophischen Uberlegungen, 
ahnlich wie bei Hertz, eine grofie Rolle gespielt. 

B.s erste grofie Experimentalarbeiten betrafen die Maxwellsche elektro- 
magnetische Theorie des Lichtes. Aus dieser Theorie ergibt sich eine 
eigentiimliche Beziehung zwischen dem elektrischen und optischen Verhalten 
von die Elektrizit£t nicht leitenden Substanzen. Ihre Dielektrizit&tskonstante, 
eine Zahl, welche angibt, urn wievielmal geringer die zwischen zwei 
Elektrizitatsmengen wirkende Kraft ist, wenn sich diese Elektrizit&tsmengen 
in der Substanz befinden, verglichen mit der Kraft, die sie aufeinander im 
leeren Raume ausiiben, ist nach Maxwell gleich dem Quadrat ibres Brechungs- 
quotienten, welcher durch den Quotienten aus der Lichtgeschwindigkeit im 
leeren Raum und der Lichtgeschwindigkeit in der Substanz bestimmt ist. B. 
priifte und bestatigte diese Beziehung an einer Reihe von Gasen. 
Die grofien experimentellen Schwierigkeiten, welche hierbei zu uberwinden 
waren, legen ein gl&nzendes Zeugnis fGr B.s experimentelle Geschicklich- 
keit ab. 

Wendet man diese Maxwellsche Beziehung auf doppeltbrechende Kristalle 
an, in welchen sich das Licht in verschiedenen Richtungen mit verschiedener 
Geschwindigkeit fortpflanzt, so folgt aus derselben die Verschiedenheit der 
Dielektrizitatskonstante nach verschiedenen Richtungen. B. war der Erste, 
der diese Konsequenz gezogen und sie zugleich einer experimentellen Unter- 
suchung an Kugeln, die aus den rhombischen Kristallen des Schwefels 
geschliffen waren, unterworfen hat. Die experimentellen Schwierigkeiten 
waren hier noch grttfier als jene der Untersuchung iiber Gase, und schon 
die Ausarbeitung der Versuchsmethode, welche scharfsinnige mathematische 
Uberlegungen erforderte, war an sich ein Meisterstiick. 

So gab B. die ersten experimentellen Belege ftir die Maxwellsche Theorie. 
Als dann viele Jahre spater Hertz den gleichen Boden betrat und durch seine 
beriihmten Versuche den Sieg der Maxwellschen Theorie definitiv entschied, 
kehrte B. neuerdings als Experimentator zu der Maxwellschen Theorie zuriick, 
indem er eine Methode fur die Beobachtung elektromagnetischer Strahlen 
angab und sie zu elektrooptischen Versuchen verwendete. 

Die durchaus originate Art, in welcher B. dem Maxwellschen Gedankenkreis 
gegenubertrat, erhellt am klarsten aus seinen Vorlesungen liber die Maxwellsche 
Theorie, die er in Buchform selbst herausgegeben hat. Wenn B. in einer 
Rektoratsrede, die ein Nachruf auf Kirchhoff war, den Begriff der Sch5nheit 
auf theoretisch-physikalische Untersuchungen angewendet und den £sthetischen 
Gehalt derselben mit unvergleichlichem kiinstlerischem Pathos an Beispielen 
illustriert hat, so diirfen diese Vorlesungen B.s iiber die Maxwellsche Theorie 
als eines der gl&nzendsten Beispiele fur die Berechtigung jenes Wortes 
genannt werden. 



Boltzmnnn. 



99 



Das Gebiet, dem B. sein ganzes Leben hindurch ununterbrochene Arbeit 
zugewendet, auf welchem er seine hochste Leistung vollbracht hat, ist die 
mechanische Theorie der Warme in dem strengen Sinn, welche die Warme 
als kinetische Energie unsichtbarer Bewegungen betrachtet. Es ist das Ver- 
dienst B.s, w«nn der auf die Gase bezugliche Teil dieser Theorie heute als 
ein imposantes Gebaude dasteht. Die Grundauffassung der mechanischen 
Warmetheorie lafit den ersten Hauptsatz der Thermodynamik als den Aus- 
druck des Prinzips der Erhaltung der Energie erscheinen. Ist die Warme, 
wie es diese Theorie ausspricht, nichts anderes als eine Bewegungsenergie, 
dann gilt fur sie der in der Mechanik festgestellte Satz von der Erhaltung 
der Energie, und die Einheit der Warmemenge mufi unter alien Umstanden 
einem gewissen, experimentell festzustellenden Betrag mechanischer Energie 
unwandelbar gleich sein. Dies ist ja, wie Robert Mayer und Joule gezeigt 
haben, in der Tat der Fall. Der sogenannte zweite Hauptsatz der Thermo- 
dynamik bringt aber eine sehr unwillkommene Einschrankung des ersten. 
Man kann namlich eine gegebene Menge mechanischer Energie vollstandig 
in Warme, eine gegebene Warmemenge aber nur zu einem gewissen Teil in 
mechanische Energie zuruckverwandeln. Letztere Tatsache steht zwar nicht 
im Widerspruch mit dem ersten Hauptsatz, wie zur Zeit der Auffindung des 
zweiten Hauptsatzes eingewendet wurde und gelegentlich auch heute noch 
behauptet wird, indem das Umwandlungsverhaltnis des in Arbeit verwandelten 
Teiles der gegebenen Warmemenge wieder genau der Mayer-Jouleschen 
Aquivalentzahl zwischen Warme und Arbeit entspricht. Aber sie zeigt, dafi 
vom Standpunkt der praktischen Verwertbarkeit zu Arbeitsleistungen die 
Warme einen geringeren Wert hat als die mechanische Energie. Den groBten 
Betrag einer gegebenen Warmemenge verwandelt man in Arbeit mittels eines 
sogenannten umkehrbaren Prozesses, d. h. eines solchen Vorganges, der in 
alien seinen Teilen, ohne Zuhilfenahme anderer, urspriinglich an den Vor- 
gangen nicht beteiligter Korper, riickgangig gemacht werden kann. Nun sind 
aber solche Vorgange ein Ideal. Alle in der Natur vorkommenden oder 
technisch realisierbaren Vorgange sind nicht umkehrbar, irreversibel ; dadurch 
wird die Ausnutzbarkeit einer gegebenen Warmemenge noch weiter ein- 
geschrankt. Zur Beschreibung dieses Sachverhaltes wurde von Clausius ein 
neuer Begriff gebildet, die Entropie. Bei jedem natiirlichen irreversiblen Prozefl 
nimmt die Entropie zu. Wenn wir erfahren wollen, wie ein gegebenes System von 
Korpern sich verhalten wird, so sagt uns der erste Hauptsatz dariiber nichts aus; 
der zweite gibt dieLosung: sind Vorgange moglich, bei welchen eineVermehrung 
der Entropie des Systems eintritt, so treten diese Vorgange ein; wenn nicht, 
so geschieht nichts. Wie lafit sich nun das Prinzip der Entropievermehping 
vom Standpunkt der mechanischen Theorie der Warme deuten? 

B. hat diese Frage durch konsequente Anwendung der Grundgedanken 
der sogenannten kinetischen Theorie der Gase fur den gasformigen Zustand 
beantwortet und damit gezeigt, wie sich vom Boden der mechanischen Auf- 
fassung der Warmevorgange eine Interpretation des Entropiebegriffes geben 
lasse. Freilich ist diese Deutung keine rein mechanische, indem sie, wie 
die genannte Theorie der Gase, neben Prinzipien der Mechanik noch solche 
der Wahrscheinlichkeitsrechnung — statistische Prinzipien — heranzieht. Es 
sei hier, weil es sich urn die Hauptleistung B.s handelt, eine eingehendere 

7* 



1 00 Boltzmann. 

Darstellung der B.schen Ideen gegeben. Wir schliefien uns dabei den Aus- 
fiihrungen Professor Wafimuths an, welche in seinem Erinnerungsblatt an 
Ludwig Boltzmann mitgeteilt sind (Ludwig Boltzmann. Ein Erinnerungsblatt 
von Prof. Dr. Anton Wafimuth in Graz. Beilage zur Munchener Allg. Zeitung 
vom 31. Jan. u. 1. Febr. 1907). Nach der kinetischen Theorie- macht man 
sich vom gasfdrmigen Aggregatzustand folgende Vorstellung: Die Molekule 
des Gases schwirren frei durcheinander. Sie bewegen sich immer geradlinig, 
bis sie mit einem anderen Molekul zusammenstofien. Durch die Zusammen- 
stofie erfahrt im allgemeinen sowohl die Grdfle als auch die Richtung der 
Geschwindigkeit eines Molekuls eine Anderung. Es werden sonach in dem 
Gase die verschiedenartigsten Werte der Geschwindigkeit vorkommen; der 
physikalische Zustand des Gases wird durch den Mittelwert der Geschwindig- 
keiten seiner Molekule bestimmt. Maxwell hat gezeigt, wie die verschiedenen 
Werte der Geschwindigkeit fiber die Gasmolekule verteilt sind. Die Wahr- 
scheinlichkeit des Zustandes eines Gases ist nach B. um so grftfier, durch je 
mehr Kombinationen der Teilchen er herbeigeftthrt werden kann. 

Es werde die Geschwindigkeit, welche in dem Gase am haufigsten ver- 
treten ist, als Einheit angenommen. Es gibt dann noch andere Geschwindig- 
keiten im Gas, z.B. 0.5, 1.5, 2.5 u. s. f. Alle Molekule, deren Geschwindigkeiten 
nahe an eins liegen — und diese ist sehr h&ufig — bilden eine Gruppe, 
deren Geschwindigkeiten, folglich auch Bewegungsenergien, nahe einander 
gleich sind. Ebenso bilden die Molekule, deren Geschwindigkeit nahe an 
0.5 liegt, eine solche Gruppe u. s. f . Wir wollen diese Gruppen als Elementar- 
gebiete bezeichnen. Es gibt also sehr viele derartiger Elementargebiete. Zur 
Veranschaulichung begnugen wir uns mit der Annnahme, dafi nur sieben 
solcher Elementargebiete vorhanden seien und dafl es sich im ganzen um 
zehn Molekule ai, az, &i . . . . aio handle. Dann kann es vorkommen, daB 
in einem bestimmten Moment die Molekule nach ihrer Bewegungsenergie 
iiber die sieben Elementargebiete in der Weise verteilt sind, wie dies in dem 
Schema I angegeben ist: 

Schema I. 

Elementargebiet 1 2 3 4 5 6 7 

Zahl der in dem Elementar- \ 

gebiet vorhandenen Molekule J 1 200142 
d. h. also, dafi die meisten Molekule, namlich vier, sich im sechsten Gebiet, 
ferner im zweiten und siebenten je zwei, im ersten und funften je ein, im 
dritten und vierten gar kein Molekul befinden. Diese Verteilung der Molekule 
kann aber, da ja die Molekule ai bis aio einander gleichwertig sind, auf die 
mannigfaltigsten Weisen zustande kommen. Es kann z. B. das Molekul a4 
in einem der Gebiete 1, 2, 5, 6, 7, ebenso das Molekul 2^ in einem dieser 
Gebiete usw. sich befinden. Fiir diese verschiedenen MOglichkeiten erh£lt 
man das Schema II: 

Schema II. 
Das Molekul ai an &$ 34 as a6 a? a8 ag aio 

kann sich befinden im Elementargebiet 6175622667 
oder in 6175622676 

oder in 6175622766 

oder in ... . 






Boltzmann. j q I 

Immer ist hierbei die Verteilung, wie sie Schema I darstellt, erfullt, stets 

sind 4 Molekule im Gebiet 6, je 2 in den Gebieten 2 und 7, je eines in 1 

und 5, und keines in 3 und 4. Die Zahl W der moglichen derartigen Ver- 

teilungen, wie im Schema II einige angeschrieben sind, ergibt sich nach 

den Regeln des Permutierens zu 

1X2X1X4XCX6X7X8X0X10 
W = — - — - = 17800. Der durch das Schema I 

IX1X2X1X1X2X3X4X1X2 6/ uu11.11 " o cm* x 

dargestellte Zustand kann demnach auf 37800 Arten hergestellt werden, und 
wir miifiten, um das Schema II vollstandig anzuschreiben, 37800 Zeilen dazu 
verwenden. Bestimmen wir nun in ganz analoger Weise die Zahl der Arten, 
in welchen man einen Verteilungszustand herstellen kann, in welchem von 
unseren 10 Molekulen vier im ersten, drei im zweiten, zwei im dritten und 
eines im vierten Elementargebiet, und gar keines in den Gebieten funf bis 
sieben vorhanden sind, so findet man sie gleich 
1X2X3X4X5X6X7X8X0X10 , , , 

1x2x3x4x^2x3x1x2x1 =I26o °- Wahrend als0 die erst g ena ™* 
Verteilungsart auf 37 800 verschiedene Arten hergestellt werden kann, vermag 
man die zweite nur auf 12600 verschiedene Arten zu realisieren. Noch 
kleiner, namlich 252, wird die Zahl der Arten, wo je funf Molekule in je 
einem Elementargebiet untergebracht sind, wahrend sich in den restlichen 
fiinf Elementargebieten gar kein Molekul befindet. Fur die erste Verteilungsart 
sind also 37800, fur die zweite 12600, fiir die dritte blofl 252 Moglichkeiten 
giinstig, es ist daher relativ die erste Verteilungsart wahrscheinlicher als die 
zweite im Verhaltnis von 37800:12600, die zweite wahrscheinlicher als die 
dritte im Verhaltnis von 12600:252, die erste wahrscheinlicher als die dritte 
im Verhaltnis von 37800 : 252. Die geringste relative Wahrscheinlichkeit hat 
der Fall, dafi alle 10 Molekule die gleiche Bewegungsenergie haben, also in 
einem Elementargebiet liegen, es gibt da nur eine einzige Moglichkeit. Die 
Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Zustandes ist daher um so grofier, je 
grofier die Zahl der Elementargebiete, je weniger geordnet die Verteilung, 
je ungeordneter der Zustand ist. 

Denken wir uns nun, dafi die zehn Gasmolekule mit gleichen Ge- 
schwindigkeiten, also auch gleicher Bewegungsenergie, in ein sonst leeres 
Gefafl eintreten und dafi das Gefafi nach ihrem Eintritt sofort geschlossen 
wird. Die Molekule werden an die Wande des Gefafies prallen, von diesen 
zuriickgeworfen; es werden Zusammenstofie zwischen ihnen stattfinden, wobei 
Anderungen ihrer Geschwindigkeit zustande kommen werden. Mit diesen 
Anderungen andert sich aber sofort die Verteilung der Gasmolekule in den 
verschiedenen Elementargebieten, die urspriingliche Verteilung, wo alle Mole- 
kule in einem einzigen Elementargebiet eingeordnet waren, die Verteilung 
von kleinster Wahrscheinlichkeit, macht einer anderen Verteilung von grofierer 
Wahrscheinlichkeit, wo die Molekule in mehreren Elementargebieten ein- 
geordnet sind, Platz. Je langer die Molekule sich selbst iiberlassen bleiben, 
desto wahrschefnlichere Zustandsverteilungen nehmen sie an. Die naturliche 
Veranderung ist also die, dafi der Zustand des Gases aus dem jeweils vor- 
handenen Zustand in einen wahrscheinlicheren ubergeht. Ist endlich derjenige 
Zustand erreicht, von welchem ab eine Vergrofierung der Wahrscheinlichkeit 
nicht mehr moglich ist, so findet keine weitere Veranderung mehr statt, es 



102 Boltzmann. 

ist Gleichgewicht eingetreten. Genau das gleiche Verhalten wie die Zustands- 
wahrscheinlichkeit zeigt nun die als Entropie bezeichnete Gr56e: sie nimmt 
bei jedem naturlichen Vorgang zu. Kann sie in einem gegebenen Fall nicht 
weiter zunehmen, hat sie den in diesem Falle grOfitmdglichen Wert erreicht, 
so tritt weiter keine Veranderung mehr ein, es ist ein Gleichgewichtszustand 
erreicht. Man kann also die Zustandswahrscheinlichkeit als ein Mafi fur die 
Entropie ansehen und den Entropiesatz auch so aussprechen, dafl man sagt y 
die Naturvorgange verlaufen so, dafl die beteiligten Korper aus weniger 
wahrscheinlichen Zust&nden in immer wahrscheinlichere ubergehen. 

Eine zusammenfassende Darstellung der Gastheorie, welche ihm auch 
noch andere fundamentale Arbeiten verdankte, z. B. iiber das VerhSltnis der 
beiden spezifischen Warmen eines Gases bei konstantem Druck und konstantem 
Volum, iiber die Dissoziation, gab B. in seinen Vorlesungen fiber Gastheorie, 
die in zwei B&nden erschienen sind. Auch fiir die Enzyklop&die der raathe- 
matischen Wissenschaften hat er, in Gemeinschaft mit einem seiner Schiller, 
J. Nabl, den Artikel iiber Gastheorie bearbeitet 

Von den fibrigen Arbeiten B.s seien erwahnt seine in Gemeinschaft mit 
Topler ausgeffihrte Experimental untersuchung » iiber die Luftschwingungen 
in Pfeifen*, seine Weiterfiihrung der Helmholtzschen Studien iiber Wirbel- 
bewegung, seine Untersuchungen iiber elastische Nachwirkung, die durch 
prinzipielle Gesichtspunkte bemerkenswerte Untersuchung fiber das Hall- 
Phanomen und seine theoretische Begrundung des von Stefan aus den Beob- 
achtungen von Dulong, Petit, de la Provostaye und Desains abgeleiteten Gesetzes, 
dafi die Gesamtst rah lung eines KOrpers proportional ist der vierten Potenz seiner 
absoluten Temperatur. Das Stefan-Boltzmannsche Strahlungsgesetz ist eine der 
Grundlagen der nun bereits weit ausgebildeten Lehre von der Strahlung. 

Aufler den bereits genannten .zusammenfassenden Darstellungen hat 
B. noch Vorlesungen fiber die Prinzipe der Mechanik (zwei Bande) ver- 
6ffentlicht, nicht gehaltene Vorlesungen, wie er bemerkt. Eine widerspruchs- 
freie Darstellung der klassischen Mechanik ist es, die er hier versucht, in 
Betatigung eines sehr gesunden, von ihm wiederholt betonten Konservativismus. 

Neben diesen fachwissenschaftlichen Arbeiten hat B. wiederholt und 
gem das Wort an einen grdfieren Kreis gerichtet ; diese Vortrage hat er kurz vor 
seinem Tode in einem Bande »Popul£re Schriften« zusammengefaflt. Hier finden 
wir seine Akademierede fiber den zweiten Hauptsatz der mechanischen 
Warmetheorie, einen meisterhaften popularen Vortrag iiber die Maxwellsche 
Theorie, Antrittsvorlesungen (fiber Mechanik), verschiedene Aufs&tze fiber die 
Stellung und den Charakter der Theorie in der Physik und vieles andere. 
Dieses — freilich stellenweise gar nicht popul&re — Buch gibt fiberhaupt 
ein Qbersichtliches Bild fiber B.s Denken und Forschen und l&flt dabei auch 
die PersSnlichkeit B.s vor dem geistigen Auge des Lesers erstehen. In 
diesem Buche finden wir seine Polemik gegen die Energetik, seine »einzige« 
philosophische Abhandlung, einen Vortrag fiber Schopenhauer und eine eigen- 
artige Darstellung seiner Reiseeindrficke in Amerika, wo er wiederholt Vor- 
lesungen gehalten hat. Das alte »Zi style c'est rhommc* darf auf diese Dar- 
stellung mit voller Berechtigung angewendet werden. 

B. war ein Forscher von hoher Originalitat und scharf umrissenem 
eigenartigen Typus. Die Resultate, die er erreicht hat, gehdren der Wissen- 



Boltzmann. 



103 



schaft, jeder Junger derselben kann sich sie aneignen. B.s Forschungsmethode 
gehdrt ihm allein. Sein mathematisches Genie in Verbindung mit einer 
seltenen plastischen Vorstellungskraft, die er dem kiinstlerischen Einschlag 
in seiner Personrlichkeit verdankte, gibt seiner Methode den Charakter. Er 
geht geraden Weges auf das Problem los. Eine Fiille, die andere verwirrt, 
ordnet er mit Leichtigkeit, das mathematische Dickicht, das ihr entspriefit, 
durchschlagt er. Und dazu kommt die beispiellose Durchdringung des 
Tatsachenmaterials, die ihn in jeder Frage zu raschem Urteil befahigte. 

Auch in seinen Vorlesungen, als Lehrer, bewahrte er diese Eigenart. 
Er entwickelt die Voraussetzungen in einfacher Art, gewissermafien wie sie 
sich natiirlich darbieten. In den Grundlagen fur die Darstellung eines 
Problems tritt keine durch die spateren Entwicklungen bedingte und sie 
vielleicht erleichternde Wendung auf. Das gab eine kristallene Klarheit. 
Die Durchfiihrung selbst mochte dann alle Hilfsmittel der Analysis erfordern — 
B. war der Mann dazu, sie zu handhaben und auch ein grofles Auditorium 
von mannigfaltigen Graden der Begabung und Vorbildung ans Ziel zu fiihren. 
Freilich hat ihn das, zumindest in seinem Wiener Auditorium, immer Schweifi 
gekostet; im buchstablichen Sinne des Wortes, denn der enge, unzulangliche 
Horsaal war so dicht gefiillt, dafl ihm selbst knapp Raum blieb, um die 
Lange der Tafel abschreiten zu konnen. 

Der Antrag, nach dem Abgange Machs uber Naturphilosophie zu lesen, 
kam seinen philosophischen Neigungen entgegen. Diese stammten bei ihm 
aus zwei Wurzeln: der idealistischen Denkrichtung, die alien groBen Forschern 
eigen ist, und dem Drange nach Klarheit, welcher bei der Beschaftigung mit 
prinzipiellen Fragen des F^ches zwanglaufig zu erkenntnistheoretischen Uber- 
legungen fiihrt. Wiewohl B. gelegentlich Kant als einen Esel erklarte und 
Schopenhauer mit der Grobheit Schopenhauers behandelte, die idealistische 
Grundstimmung verband ihn der idealistischen Philosophic naher, als er es 
Wort haben mochte. Diese philosophische Stimmung liefl ihn auch die von 
Maxwell als fruchtbares Forschungsmittel in die theoretische Physik eingefiihrte 
Methode der dynamischen Illustration zu einem allgemeinen Erkenntnisprinzip 
erweitern. Im Grunde seines Herzens aber war er ein Vertreter der mechanischen 
Naturansicht und speziell der Atomistik, derenWert fiir die Naturwissenschaften 
er in scharfsinniger und iiberzeugender Weise wiederholt dargelegt hat. Auch 
die Analysis hat nach B. atomistischen Charakter. Eine wichtige Rolle maB 
er dem Entwicklungsgedanken bei. Das Maxwellsche Prinzip schien ihm 
aber die Moglichkeit zu geben, die mechanische Auffassung mit dem Idealismus 
zu vereinigen. So blieb er denn von dem Phanomenalismus Machs durch 
eine unuberbriickbare Kluft getrennt, die seine wechselnde Stellung gegen 
diesen grofiten dem Boden der Naturwissenschaften entsprossenen Erkenntnis- 
theoretiker verstandlich macht. Wie sehr B. von philosophischen Fragen 
bewegt wurde, konnte man in den letzten Jahren wiederholt beobachten. 
Die Sitzungen der philosophischen Gesellschaft besuchte er haufiger als die 
der physikalischen, und auch im Privatgesprach betrat er mit Vorliebe das 
philosophische Gebiet. Auch hier trat B.s Originalitat, manchmal in para- 
doxer Weise, zutage. Der Titel seines letzten in der philosophischen Gesell- 
schaft gehaltenen Vortrages: »Erklarung der Entropie und der Liebe aus 
der Wahrscheinlichkeitsrechnung « mag diese Behauptung illustrieren. 



104 BolUmann. Hirschwald. 

B. war sogar ein wenig Pessimist. In humoristischer Weise hat er dies 
gelegentlich der Feier seines sechzigsten Geburtstages in seiner Tischrede 
erklart, in welcher er erzShlte, dafi er urn Mitternacht zwischen Faschings- 
dienstag und Aschermittwoch in einem Hause, das ein grofies Vergniigungs- 
lokal beherbergte, unter den verhallenden Kl&ngen der Fastnachtsmusik zur 
Welt gekommen sei. Von da stamme sein halb lustiges, halb trauriges 
Gesicht. Das gleiche Bild zeigt B.s Geschick: ein Leben voll glucklichster 
Arbeit, reich an aufleren Erfolgen und innerem Gliick, gesegnet mit alien 
Ehren, getragen von der Liebe der Seinen, der Verehrung der ganzen 
wissenschaftlichen Welt — und dann sein tragischer Tod, den er, in einem 
Zustande nervGser, durch Oberarbeitung herbeigefuhrter Zerruttung, sich selbst 
gegeben hat. 

Dem Verfasser bekannt gewordene Nekrologe: 

Ettinghausen, A. v. Nachruf, gehalten bei der Gedachtnisfeier fUr B. im natur- 
wiss. Verein fUr Steiermark. Mitteilungen dieses Vereins 1906. — Bryan, G. H. Procee- 
dings of the Royal Society of London iqoy. — HasencShrl, F. Wiener elektrotechnische 
Zeitschrift 1906. — Hftfler, A. Suddeutsche Monatshefte 1906, Heft 10. — J*ger, G. 
Zeitschrift fUr Mathematik und Physik (Herausgeber Escherich, Mertens, Wirlingen) Wien 1906. 

Professor Dr. Anton Lampa (Wien). 

Hirschwald, Herrmann, Griinder und Leiter des Kunstgewerbe-Magazins 
zu Berlin, * zu Lauenburg in Pommern am 12. Dezember 1845, f zu Berlin 
am 4. April 1906. — Der Name dieses Mannes ist mit der Entwicklungsge- 
schichte des neuen deutschen Kunstgewerbes innigst verknupft. An seiner 
Wiederbelebung und Erneuerung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hat 
er sich durch seine verstandnisvolle rastlose T&tigkeit fiir dessen Sache grofie 
Verdienste erworben. Von alien ersten deutschen Autoritaten auf diesem 
Gebiet ist das jederzeit anerkannt worden. Er hatte das Gliick, gerade zur 
rechten Zeit geboren zu werden, d. h. dafl er in den Jahren der jugendlichen 
Kraft, des Unternehmungsdranges und der frischen Begeisterungsf&higkeit 
nach Berlin kommen konnte, als hier die grofle Bewegung zur Reform oder 
richtiger zur vOlligen Erneuerung des deutschen Kunstgewerbes eben be- 
gonnen hatte. Diese datiert bekanntlich vom Jahr 1867 und der damaligen 
zweiten Pariser Weltausstellung. Auf ihr war durch die sich hier aufdrSn- 
gende Vergleichung der Leistungen anderer Nationen, besonders Frankreichs, 
Englands und Japans, in alien angewandten Kunsten mit denen der Deutschen 
uns die Erkenntnis aufgegangen, wie sehr wir in dem gesamten Kunstge- 
werbe zurtick geblieben wSren und wie dringend not es tate, alle Mittel 
energisch in Bewegung zu setzen, um eine griindliche Besserung dieses Zu- 
standes herbeizufiihren. Das Londoner South Kensington Museum, seine 
Mustersammlungen und seine Lehranstalt boten das beste Vorbild, auf 
welchem Wege das am sichersten zu erreichen sei. Die Frau Kronprinzessin, 
die in ihrer britischen Heimat Zeuge des, vor allem durch dies Institut be- 
fOrderten, raschen, gewaltigen Umschwungs auf dem Gebiet des englischen 
Kunstgewerbes gewesen war, schiitzte im Verein mit ihrem Gemahl diese 
Reformbestrebungen in ihrem neuen Vaterlande mit liebe- und verstandnis- 
vollem Eifer. Durch eine Vereinigung von ausgezeichneten Mannern, Kiinst- 
lern, Technikern und wohlhabenden opferfreudigen Kunstfreunden, war unter 



Hirschwald. 105 

dem niederschlagenden und wieder anfeuernden Eindruck jener Pariser Er- 
fahrungen in Berlin im folgenden Jahr das » Kunstgewerbemuseum « ge- 
grundet worden; anfanglich ein Privatuntemehmen, das, auf gesunden Grund- 
lagen fufiend, sich zu immer groflererBedeutung entwickelte. Seine eingreifende 
Wirkung auf das Berliner Kunstgewerbe wurde bereits auf der ersten Wiener 
Weltausstellung von 1873 erfreulich offenbar. Als junger Kaufmann kam H. in 
seinem zwanzigsten Jahr nach Berlin. Lebhaftes Interesse an allem kiinstlerischen 
und gewerblichen Schaffen beseelte ihn und liefi ihn lebhaft teilnehmen an der 
neuen machtigen Bewegung auf dem Gebiete dieser menschlichen Tatigkeiten. 
Dr. Julius Lessing, einer der eifrigsten undeinsichtigstenBahnbrecher undFiihrer 
dieser Bewegung, Mitbegriinder und Direktor des Museums, hatte 1872 unter 
der Protektion des Kronprinzlichen Paares im Zeughaus die erste Aus- 
stellung von in Berliner Besitz befindlichen Meisterwerken des Kunstge- 
werbes der Vergangenheit veranstaltet. Hier lernte H. das in friiheren Jahr- 
hunderten geschaffene Herrliche und den ganzen ungeheuren Abstand der 
Leistungen der Gegenwart von jenen leuchtenden Beispielen kennen und er- 
messen. Lessings sachliche, klare, geistvolle Berichte iiber die Wiener Welt- 
ausstellung in der Berliner Nationalzeitung aber offneten ihm den Blick uber 
das, was dem deutschen Kunstgewerbe der Gegenwart not tat, wenn es 
wieder zu einer neuen Bliite gelangen sollte. Als dann unsere Gewerbe- 
treibenden und ihre Berater den Beschlufi fafiten, im Sommer 1879 eine 
Berliner Gewerbeausstell ung zu veranstalten und die vorbereitenden 
Arbeiten dafiir begannen, entschied sich H. dafur, seine geschaftliche Tatig- 
keit ganz in den Dienst des Kunstgewerbes zu stellen. Im Juni 1879 ver- 
sandte er an die Berliner Kunstgewerbetreibenden und die Aussteller ein Rund- 
schreiben, in welchem er mitteilte, dafi er im AnschluB an die Ausstellung 
ein Magazin fiir die Erzeugnisse des gesamten Berliner Kunstgewerbes in 
dem Hause Unter den Linden 154 — 55, er6ffnen werde, um durch die 
permanente Ausstellung stilvoller und gediegener Leistungen des hiesigen 
Kunstfleifles das Interesse des gebildeten Publikums fiir das heimische Ge- 
werbe dauernd zu gewinnen. Den einzelnen Gewerbezweigen verhiefi er jede 
erspriefiliche Unterstiitzung durch Zufiihrung von Entwiirfen und Modellen 
mustergiiltiger Erzeugnisse der fremdlandischen Industrie, durch tatige Bei- 
hilfe bei Versuchen zur Vervollkommnung einzelner Zweige der kunstge- 
werblichen Technik oder bei Herstellung kostbarer Einzelstiicke. Das Ma- 
gazin wiirde fiir das gesamte Berliner Kleinkunstgewerbe eine Zentralstelle 
bilden, bei welcher keine der grSfieren und kleineren Werkstatten Berlins 
unvertreten bleiben solle. 

Dieser Aufruf fand in den betreffenden Kreisen lebhaften Widerhall und 
seitens namhafter einfluBreicher PersOnlichkeiten, besonders auch der beiden 
Direktoren des Kunstgewerbemuseums, der Professoren Grunow und Julius 
Lessing, kraftige Unterstiitzung. Am 18. Oktober jenes Jahres, am Geburts- 
tag des Deutschen Kronprinzen, des Schiitzers und Fdrderers aller Be- 
strebungen, die auf den Fortschritt auf den Gebieten der Kunst und des 
Kunstgewerbes im Vaterlande gerichtet waren, wurde das Magazin in jenem 
Eckhause Unter den Linden und der Kleinen Kirchstrafie eroffnet. An dem 
raschen Aufschwung und der glanzenden Entwicklung dieses H.schen Unter- 
nehmens hatte wohl die Gunst der Verhaltnisse, der Umstand, dafi das Ma- 



106 Hirschwald. 

gazin in einer Zeit gegtundet war, als das starke Bediirfnis eines solchen 
Instituts sich in Berlin geltend machte, wesentlichen Anteil. Aber der Haupt- 
grund lag doch in der Persdnlichkeit H.s; in seiner Umsicht, seinen durch 
Studien und Beobachtung best&ndig vertieften und erweiterten Kenntnissen 
auf den Gebieten alles kunstgewerblichen Schaffens und aller einschlagigen 
Verhaltnisse, in seinein scharfen, sicheren Blick fur die bestandigen all- 
mahlichen Wandlungen des Geschmacks ; in seinem rastlosen Tatigkeitsdrange, 
seinem schdnen Ehrgeiz »allzeit voran« zu sein, nur wirklich gute, gediegene, 
untadlig gearbeitete Erzeugnisse aus fremden und seinen eigenen Werk- 
statten aufzunehmen. In letztern wurden von kunstgewerblichen Arbeiten 
besonders solche aus gepreBtem und geschnittenem Leder und getriebenem 
Kupfer bald mit vollendeter Meisterschaft hervorgebracht. Sp&ter erweiterte 
sich das Feld ihrer T&tigkeit und dehnte sich auch auf das der Kunst- 
mobelfabrikation aus. Und dabei war er unermudlich tatig, die kunstge- 
wcrbliche Bewegung in alien deutschen Landen, wie im Auslande zu be- 
obachten, sich auf weiten Reisen persOnlich durch eigene Anschauung dariiber 
zu unterrichten, neue wichtige Verbindungen anzukniipfen. So gelang es 
ihm, seinem Berliner Institut seinen Platz in der ersten Reihe aller ahn lichen 
Unternehmungen zu erobern und zu erhalten. Sein eigenes Ansehen wuchs 
mit dem von ihm geschaffenen Magazin. Er sah sich anerkannt als Autori- 
tat in alien Angelegenheiten des Kunstgewerbes. Vom Reichskommissar fur 
die beiden Weltausstellungen in Australien 1888 und 1889 wurde er zur 
Beurteilung und Begutachtuug der zur Aufnahme fur beide eingereichten 
Erzeugnisse herangezogen. Die Weltausstellung in Chicago besuchte er per- 
sonlich. Durch die dort empfangenen Eindriicke bestimmt, schritt er nach 
seiner Heimkehr zu einer Umgestaltung seines Kunstgewerbemagazins. Dessen 
bisheriger einseitiger Charakter wurde abgeschafft, das » Deutsche Kunstge- 
werbemagazin « in ein international umgewandelt und 1892 in die weiten 
schon gruppierten Raume der ersten drei Stockwerke 3es neuen Geb&udes 
Leipziger Strafie 117 verlegt. Sie boten in ihren Salen und Treppenhausern 
geeigneten Raum, um die ins Enorme gesteigerte Menge von ausgewahlten 
kunstgewerblichen Erzeugnissen aller Kulturvdlker kiinstlerisch geschmackvoll 
und ubersichtlich gruppiert darin zur Aufstellung zu bringen. Aber dieser 
Rahmen wurde innerhalb der folgenden sieben Jahre bereits wieder zu enge. 
Das Magazin iibersiedelte 1900 in das gegeniiberliegende Haus No. 13, in 
dessen samtlichen Geschossen, die sich an drei Seiten eines grofien hell en 
Hofes (des General-Postamtsgebaudes) hinziehen, nun auch den wiederum 
stark vermehrten Produkten des Kunstgewerbes und einer Fulle reiner 
— plastischer und graphischer — Kunstwerke bequeme Aufstellung gegeben 
werden konnte. Seinen alten Namen hatte das Magazin inzwischen in dem 
» Hohenzollern-Kaufhaus« umgewandelt; zu einer permanenten kunstge- 
werblichen Ausstellung grofien Stils war das urspningliche Magazin herange- 
wachsen. Innerhalb der so gefiillten R&ume veranstaltete H. dann noch pe- 
riodische Sonderausstellungen von erlesenenObjekten einer bestimmten Gattung, 
wie die der k6stlichen Schmucksachen des grofien originellen franzdsischen 
Meisters Lalique, sowie die von Bronzen und Modellen Rodins und anderer 
franzdsischer Bildhauer, wie die von Holzschnitten aus alien Zeiten der Ge- 
schichte dieser vervielfaltigenden Kunst, wie die von Schmucksachen und M6beln 



Hirschwald. Flllggen. 107 

nach den Entwurfen des Belgiers Van der Velde, wie der Erzeugnisse der neuen 
Wiener kunstgewerblichen Werkstatten, oder der modernen farbig gedruckten 
Radierungen. Das vornehme kunstgebildete einheimische und fremde Publikum 
hatte langst gelernt, die eigentiimlichen Vorziige dieses Instituts und der Leis- 
tungen auch der damit verbundenen eigenen Werkstatten H.s nach Gebiihr zu 
wiirdigen. Die Firma wurde mit grofien Auftragen zur Lieferung voll- 
standiger Einrichtungen in verschiedenem Stil und Geschmack iiberhauft. 
Aber wenn sich in alien immer mannigfacheren Unternehmungen H.s sein durch- 
dringender scharfer Gesch&ftsverstand offenbarte, so bekundete sich darin 
doch nicht minder die schone ehrliche Begeisterung nicht nur fur das Kunst- 
schone und alles wirklich gut und vollendet Gearbeitete, sondern fiir alles 
Grofie und Gute, alles Wahre und Echte, das er als solches erkannt hatte. 
Die Quelle und Wurzel dieser Begeistefungsfahigkeit aber waren sein warmes, 
lauteres Gemiit. Dem entquoll und entsprofi auch seine starke, innige Fa- 
milienliebe, seine Wonne an Gattin und Sohn. In ihrem Besitz fand er sein 
hochstes Gliick, wie im Leben mit ihnen im traulichen, mit erlesenem Ge- 
schmack eingerichteten Heim den hGchsten Genufl. Ebenso zeigte er sich 
immer der innigsten und dauerhaftesten Freundschaft fahig. Jedem, den er 
einmal in sein Herz geschlossen, kennen und schatzen gelernt hatte, be- 
wahrte er treueste Anhanglichkeit und Zuneigung sein Leben lang. In den 
letzten Jahren begann der erst Fiinfzigjahrige zu krankeln und triibe Todes- 
ahnungen suchten ihn immer haufiger heim. Aber vergebens mahnte ihn 
sein leidender Zustand, sich Ruhe zu gonnen. Sein leidenschaftlicher Eifer, 
immer an der Vervollkommnung und der Erhaltung seiner Schopfung auf 
ihrer Hohe zu arbeiten, liefi sich auch durch Rucksichten auf sein eigenes 
Wohl nicht dampfen. Er machte es wie »die Kerzen, sie leuchten, indem 
sie vergehn*. Seine grofie Widerstandskraft unterlag endlich doch im Kampf 
mit der Krankheit. Am 4. April 1906 hat dies brave, warme, treue Herz 
aufgehort zu schlagen. Die Asche des in Hamburg verbrannten entseelten 
K5rpers ruht in einem kostlichen, kunstvollen Gefafi auf dem Kirchhofe zu 
Friedrichsfelde bei Berlin. Dort hat sie einen wiirdigen Platz gefunden unter 
dem Denkmal, das nach dem Entwurfe eines Freundes, des bekannten Archi- 
tekten Baurat Wolffenstein ausgefiihrt wurde. 

Ludwig Pietsch. 



Fliiggen, Josef, Historienmaler, * 3. April 1842 in Munchen, f 3. No- 
vember 1906 auf seiner Villa zu Bergen (bei Traunstein), erhielt die ersten 
griindlichen Eindriicke im Atelier seines Vaters Gisbert Fliiggen (181 1 
bis 1859. Vgl. »Allg. Deut. Biogr.« 1878, VII. 140), welchen man ob den 
immer hochdramatischen, dem biirgerlichen Leben entnommenen Riihr- 
stucken den »Iffland unter den Matem « benannte. — Folgenreiche An- 
regung gewahrte Carl Pilotys glanzende Schulung, die 1866 durch den Be- 
such von "Paris, London und Belgien zur Abrundung kam. Es gehorte 
aber immer noch der Mut der Jugend dazu, um nach Schwinds Vorgang 
mehrfach ahnliche Szenen aus dem Leben der Thiiringer Landgrafin Elisabeth 
zu wagen. Auch der Abschied Margaretens, der Gattin des »entarteten« 
Albrecht, von ihren Kindern, wobei die Mutter im Ubermafi des Schmerzes 



108 FlUggen. 

ihre Z£hnchen dem Liebling in die Wange biB — eine gliicklicherweise ver- 
einzelte Kundgabe der Liebe — wurde im Bilde verherrlicht; ein fiir malerische 
Zwecke kaum zwingender Stoff. Schwind hatte auf seinem Wartburgbilde 
wenigstens den Moment erwahlt, wie Kunigunde von Eisenberg, das schdne 
Edelfr£ulein, als Ehefrieden trennende Circe zum erstenmal dem minne- 
siechen Herzog kirrend erscheint. Es ist unglaublich, mit welch wider- 
strebenden Stoffen die »Historien«-Maler sich damals abqu£lten* So mufite 
Uhlands Ballade mit den drei in LebensgrOfle an der Totenbahre von 
»Wirthins Tochterlein* klagenden Gesellen alien Duft einbiifien. Es bleibt 
ein vergeblich Bemtihen, den klangreichen Rhythmenzauber der »Drei Zi- 
geuner« Lenaus mit realistisch schmierfinkigen Slowaken auf die Leinwand 
zu bannen, weil niemand malen kann, wie iiber die Saiten des am Baum 
hangenden Zimbal »der Windhauch lief « und iiber des Schlafenden »Herz 
ein Traum ging«I Es ware iiberhaupt neuerdings die Lektiire oder richtiger 
das Studium von Lessings »Laokoon« iiber die Darstellbarkeit und Grenzen 
der einzelnen Kiinste unseren malenden und meifielnden Eleven zu empfehlen, 
nach deren landl£ufiger Meinung der Verfasser der » Hamburger Dramaturgic « 
» gar nichts von der Kunst verstanden « habe. Wie viele Maler, beispielsweise 
auch F., vergeudeten ihreZeit, den sein »Verlorenes Paradies« diktierenden 
Milton darzustellen, bis Munkacsy mit den einfachsten Mitteln die Schilderung 
der riesigen Geistesarbeit des erblindeten Dichters I6ste. — Besser gluckte 
es fiir Fluggen, aus eigenen Erlebnissen seine Stoffe zu nehmen, z. B. »Am 
Strand von Genua*, und mit lebenatmenden Portr£ts. Fur die Galerie des 
Bayerischen National-Museums freskotierte F. die »Vertreibung der Oster- 
reicher aus der Stadt Kelheim 1705 durch den Biirgermeister Matthias 
Kraus« (Spruner 1868, S. 181). Mehr an das Vorbild Ferdinand Pilotys 
(vgl. »Allg. Deut Biogr. « 53, 161) gemahnte das grofie Representations- 
stiick die »Hochzeit einer Augsburger Patriziertochter « (187 1, gestochen 
von Albrecht Schultheifl), wobei ein Schwarm von G&sten die Brautgeschenke 
iiberbringt. Die etwas opernhafte Inszenierung bildete nebst seinen Bei- 
tr&gen zum grofien illustrierten Prachtwerk von Scheffels »Ekkehard« (mit 
Liezen-Mayer, Herterich, Gabriel Max u. a.) die Ouverture von Fliiggens 
spaterer Berufstatigkeit Ein erfreulicher Auftrag wurde ihm durch die Aus- 
schmiickung der kolossalen Raume des fur Freiherrn von Sarter erbauten 
Rheinschlosses » Drachenburg « (bei K5nigswinter), wobei F. sich mit Hermann 
Schneider und Ferdinand Wagner in die Aufgabe teilte. Auf F. fiel die 
Darstellung der M&rchen von Schneewittchen, DornrOslein, des Rhein und 
der Mosel mit den charakteristischen Einzelfiguren von Ahr, Lahn, Neckar 
und Main. Mit grofier Begeisterung ldste er sein Werk (vgl. Liitzows Zeit 
schrift 1884, XIX, 182). Dann nahm er mit einem Genrestiick, wie eine 
Witwe »Das letzte Kleinod* zum Wucherer bringt (Nr. 15, » Illustr. Frauenztg. « 
1883) und dem »Tod der hi. Elisabeth « (vgl. » Kunst fur Alle« 1888, S. 341 
und Nr. 2351 » Illustr. Ztg.« Lpz. 21. Juli 1888), Abschied von der Olmalerei. 
Schon friiher hatte F. begonnen, Szenen aus den Opern Richard Wagners zu 
bearbeiten. Davon erschienen 1880 auf der Dusseldorfer Ausstellung je vier, 
teilweise grau in grau gehaltene, einige auch farbig untertuschte Kartons zu 
Lohengrin, Tannhauser, Tristan und den Meistersingern, wobei F. den Schwer- 
punkt auf die malerisch diplomatische Behandlung der Kostiime legte. Schon 



Fliiggen. I0 9 

bei dem grofien Schutzenfestzug des Jahres 1881 hatte der Kunstler nach 
Makarts Vorgang die iiberraschende »Gruppe der Jagd« bis ins kleinste 
Detail arrangiert, die Jager und Jagerinnen zu Fufl und zu Pferd, Armbrust- 
schutzen, Wildtrager und Treiber mit der rassigen Meute der Hunde, den 
von holden Damen und leichten Reitern umschwarmten Prunkwagen der 
Diana und bei dem Weihnachtsspiel der Kunstler lebende Bilder & la Rogier 
van der Weyden gestellt (1884). Nun widmete er sich ganz diesen szenischen 
Kunsten und trat nach dem Tode des genialen Franz von Seitz als Direktor 
des Kostiimwesens an die Kgl. Hofbiihne (1883). Mit alien den ihm zu- 
standigen Mitteln, mit einer seinem Vorganger adaquaten Leichtigkeit und 
Eleganz der Zeichnung und dem harmonischen Farbensinn forderte er dieses 
miihselige, aber hochst dankbare Repertoire, wobei alle Hiilfsmittel der 
neuesten Technik angespannt wurden. Langst mit der Kostiimkunde des 
Mittelalters betraut, erweiterte er, nun mit ethnographischem Interesse fur 
alle Zeiten sammelnd, seine Forschungen, alle Reproduktionsarten benutzend 
und nicht selten durch Originale erganzend, wobei auch Hausgerate und 
Kulturhistorisches in das Bereich seines vielseitigen Studiums gezogen wurden. 
Er vereinte einen wohlgeordneten, fortwahrend anwachsenden Schatz, welcher 
nicht allein seiner kiinstlerisch gestaltenden Tatigkeit erwiinschte Vorbilder 
bot, sondern wohl auch seinen Nachfolgern eine weitere Basis bieten diirfte. 
So inszenierte F. seit Marschners »K6nig Hiarne« siebzehn Jahre lang alle 
sowohl friiheren, wie neueren Opern des Hoftheaters, wobei seine Resultate 
auch in Weimar, Wien und Karlsruhe, sogar in Paris und London festen 
FuB fafiten. F. leitete die Auffuhrung von Wagners Werken und Mozarts 
Schopfungen (Figaro, »Cosi fan tutte«, Entftihrung und Zauberflote) in neue 
Bahnen, immer mit mustergultiger Kostiimierung und malerisch fein abge- 
tonter Zusammenstimmung des Biihnenbildes wirkend. Eine solche Kraft 
wurde im hohen Grade nutzbar fur die Separatvorstellungen K6nig Ludwigs II. 
mit deren indischem Repertoire, wie »Kalidasa«, »Urwasi« u. a., bei den 
franzftsischen Prunkstiicken des Barock und Rokoko, insbesondere bei Auf- 
fuhrung von Wagners Nibelungen und Parzival; F.s Zauberstab waltete liber 
dem kostumlichen Teil der Festspiele im Prinzregent-Theater und weiter 
daruber hinaus fur anderweitige Buhnen. Titel, Ehren und Wurden folgten 
diesen artistischen Burden. Als F. sich 1903 von seiner Amtstatigkeit zuruck- 
zog, benutzte er die ersehnte Mufie zur Ausarbeitung seiner »Geschichte des 
Kostiims aller Zeiten und V6lker«. Als Resultat ergab sich ein in funfund- 
zwanzig Folianten wohlgeordnetes Werk, ein Torso deutschen Sammelfleifies, 
welches vielleicht unter gleich genialen Handen einer Weiterfiihrung und Er- 
ganzung entgegenreift. — F.s aufgestapeltes Museum von Antiquitaten, 
M5beln, Textilen, Kostumen und anderweitem Urvaterhausrat, mit Atelier- 
schmuck, Olgemalden, Handzeichnungen, Aquarellen wurde durch Hugo 
Helbings Auktionsanstalt 1899 unc * 1907 andern Sammlern und Liebhabern 
zuganglich gemacht und verwertet. 

Vgl. Maillinger 1876, III., 2176 flf. Singer 1895, I., 454. Fr. v. Bfttticher 
1895, 1., 314. Poitriits und Biographien in Nr. 11. Uber Land und Meer, XXIII. Jahr- 
gang 1869. Nr. 3035 »lllustr. Ztg.«, Lpz. 29. August 1901. Alex Braun im Mlinchener 
Kunstvereinsbericht f. 1906, S. 13. A. Rosenberg, Moderne Kunst. 1894, III., 87. 

Hyac. Holland. 



I JO SchelJ. 

Schelly Herman, Professor der Apologetik und vergleichenden Religions- 
wissenschaften an der University Wiirzburg, einer der groflten katholischen 
Theologen der Neuzeit * am 28. Februar 1850 in Freiburg i. B., f 31. Mai 
1906 in Wiirzburg, wurde Sch. Ende der sechziger Jahre Schiiler des damaligen 
Privatdozenten Franz Brentano in Wiirzburg. Von diesem in die Aristoteles- 
forschung eingefuhrt, promo vierte er 1873 in Freiburg i. B. in der Philosophic, 
1883 * n Tubingen in der Theologie. 1879 — 1881 machte er Studien am 
deutschen Nationalhospiz der » Anima« in Rom. Am 26. November 1884 wurde 
er von KdnigLudwigll. zum auflerordentlichen Professor in derWiirzburger theo- 
logischen Fakultat ernannt. 1888 erfolgte seine BefOrderung zum Ordinarius. 

Mit einer faszinierenden Lehr- und Rednergabe und einem tiefgrundenden, 
spekulativen Talente ausgestattet, warf sich Sch. mit Feuereifer und un- 
besieglicher Energie auf die Probleme, welche der katholischen Theologie 
aus ihrer Eingliederung in den Organismus der deutschen Universitaten und 
aus dem modernen Wissenschaftsbetrieb iiberhaupt, besonders aber aus der 
gewaltigen Gedankenarbeit der neueren deutschen Philosophie erwuchsen. 
In einer ungewdhnlich ausgedehnten und intensiven schrifts teller ischen T£tigkeit 
suchte er das k^tholische Dogma in die Perspektiven der modernen Frage- 
stellungen zu riicken und gegen die philosophischen Einwiirfe durch neue, 
scharfsinnige Pegriindung zu verteidigen. Er folgte dabei den Bewegungen, 
welche das philosophische Wissen der letzten Generation in Eduard von Hart- 
mann nahm, einerseits, weil Hartmanns System ihm als der konsequenteste 
Ausl£ufer der Gedankenentwicklung seit Kant erschien, andererseits, weil 
kaum ein anderer so tief wie Hartmann eine grofiartige Synthese des Zeit- 
wissens mit den Grundgedanken der deutschen Spekulation erstrebte, besonders 
aber, weil kein neuerer Denker so scharf wie Hartmann die Spitze der 
modernen Gedankenbewegung gegen die Fundamente des Christentums 
zurichtete, indem er im Anschlufi an das » Testament* von David Friedrich 
Straufi (1872) die neuere, deutsche Theologie als » unchristlich « zu erweisen 
suchte und (1880) die »Krisis des Christentums « proklamierte. Den christ- 
lichen Monotheismus suchte Hartmann als Monosatanismus darzustellen durch 
scharfe Zuspitzung der uralten Probleme der Theodizee und besonders der 
Frage nach der Ewigkeit der Hdlle. 

Unter diesen Auspizien stand Sch.s Lebensarbeit. Der Zweifel der 
neueren Aristotelesforschung am theistischen Charakter des aristotelischen 
Gottesbegriffes fiihrte ihn zu Plato zuriick. Der Einschrankung des Kausali- 
tatsgesetzes auf das Gebiet der Sinnlichkeit durch Kant setzte er eine 
schrankenlose Ausdehnung dieses Gesetzes entgegen. Er wollte nicht, wie 
Schopenhauer dem Theismus vorwarf, den Gaul des Kausalit&tsgesetzes vor 
der Station » Gott « ausspannen, sondern stellte den Gottesbegriff selbst unter 
dieses Gesetz, indem er mit der platonischen Schule Gott als »Ursache 
seiner selbst« erklflrte. Er tat aber dies nicht im Sinne Spinozas, welcher 
eine Fortentwicklung des gSttlichen Wesens zu immer grSfierer Vollkommen- 
heit annahm, sondern er lehrte eine ewige Vollkommenheit {actus purissimus) 
des gdttlichen Wesens, das er aber nicht mit Aristoteles als ruhend, sondern 
mit Plato als ewige Selbsttat auffafite. 

Von diesem Gesichtspunkte aus suchte Sch. das katholische Dogmen- 
gebaude neu zu fundamentieren: die positiven S&tze des kirchlichen Dogmas 



Schell. 1 1 j 

suchte er s£mtlich f estzuhalten ; nur die spekulative Begriindung derselben 
wollte er auf eine neue Basis stellen. Die in glanzender und origineller Form 
auf alien Gebieten der religiGsen Frage von Sch. aufgefiihrte Gedankenarbeit 
lOste grofien Enthusiasmus auf der einen, lebhaften Widerspruch auf der 
anderen Seite aus. Die Neuheit und KQhnheit der Ideen; die Schwierigkeit 
und Sublimitat der von ihm mit Vorliebe behandelten hOchsten Probleme, 
um welche sich der Streit der katholischen Schulen seit 600 Jahren dreht; 
besonders aber in manchen Fragen eine scharfe Bekampfung der traditionellen 
Theologie und ein absichtliches Offenlassen weitausschauender, fur das Dogma 
zweifellos gefahrlicher Perspektiven : all das wirkte zusammen, um bei dem 
unstreitig hervorragenden, geistigen Gehalt der Sch.schen Schriften eine 
Bewegung von solcher Intensitat auf theologischem Gebiete hervorzurufen, 
wie sie die neuere Zeit jedenfalls seit der Infallibilitatsfrage nicht mehr 
erlebt hat. Die ganze gebildete Welt, nicht blofi in Europa, sondern daruber 
hinaus wurde in das lebhafteste Interesse fiir die Ideen Sch.s hineingezogen. 

Besonders war dies der Fall, seitdem Sch. 1896 zum ersten Rektor der 
neuen, prichtigen Universit&t in Wiirzburg gewahlt worden war, fiir welche er 
die stolze, einigende Aufschrift gefunden hatte: »Veritati.* Am 28. Oktober 
1896 weihte er die neue Helmst&tte der iiber die alte, furstbischOfliche 
Stiftung l&ngst hinausgewachsenen University ein mit einer aufsehenerregenden, 
geistvollen Rede iiber » Theologie und Universitat*. Im gleichen Jahre ver- 
fafite er zwei Schriften, welche rasch ihren Rundgang durch alle Lander 
machten und zum wichtigsten und entscheidenden Ereignisse seines Lebens 
wurden: »Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts t und »Die neue 
Zeit und der alte Glaube«. Sch. entrollte in djesen Schriften ein Programm, 
um dem Katholizismus die vielfach verlorenen Positionen im Geistesleben 
der VSlker zuriickzuerobern und ihm zur Vollentfaltung der in seinem Schofie 
ruhenden Krafte zu verhelfen. Im sensationsliisternen Strohhaufen der Tages- 
kritik ziindete aber das, was er gegen herrschende Miflst&nde vorbringen zu 
miissen glaubte, mehr als das wirklich Wertvolle, das er zu einem gesunden 
Fortschritte geltend zu machen bemiiht war. Sch. wurde der bestgelobte 
und bestgehafite katholische Denker der Gegenwart. Sein Naine wurde zum 
Programm auch fiir minderwertige Richtungen, mit deren Gesamttendenz er 
innerlich nichts zu tun hatte, wie fiir den sogenannten Reformkatholizismus 
Joseph Miillers, welcher Sch.s Namen in kirchlichen Kreisen in MiBkredit 
brachte. 

Gegen Sch.s Theologie traten auf: in einseitiger Kritik der Neuthomist 
Gloflner, in maflvollerer Weise und mit tieferer Griindlichkeit der Benediktiner 
Janssens, der Jesuit Hurter und spater die Jesuiten Chr. Pesch und Stufler. 
Der Hauptgegner Sch.s an dem Orte seiner Wirksamkeit war Dompfarrer 
Braun. Am 15. Dezember 1898, wenige Monate, nachdem Bischof Stein von 
Wiirzburg nach Miinchen iibergesiedelt war, verurteilte die Indexkongregation 
mehrere Schriften Sch.s. Einen Widerruf forderte Rom von Sch. nicht. 
Sch.s Unterwerfung unter das Dekret der Indexkongregation wurde von Freund 
und Feind mifideutet. Diese Unterwerfung war kein Widerruf. Das Recht 
der Kirche, glaubensgefahrliche Schriften zu verbieten, ist ein unverletzliches; 
zu entscheiden, ob ein solches Verbot durch sachliche Griinde oder Opportunist 
veranlafit erscheint, ist ihre Sache. Der Bischof von Wiirzburg hatte Januar 1904 






112 Schcll. 

und Dezember 1905 Unterredungen mit Sch. iiber seine theologische Auf 
fassung. Ober die erste Unterredung machte der Bischof ohne Sch.s Wissen 
Aufzeichnungen, welche schon dadurch mangelhaft sind, dafi in ihnen die 
Texte aus Sch.s Werken hdchst ungenau, ja teilweise direkt falsch wieder- 
gegeben sind; in der zweiten, von Sch. unterzeichneten Aufzeichnung ist 
durchaus von keinem Widerruf die Rede; Sch. lehnt dort nur Interpretationen 
seiner Lehre ab, welche mit dem Dogma in Widerspruch stehen. Diese 
Aufzeichnungen fanden nach Sch.s Tod durch Vertrauensbruch ihren Weg in 
die Offentlichkeit Sch.s Feinde benutzten sie, um seinen Charakter zu 
sch&nden. Das ist Unrecht: Schell lebte und starb als iiberzeugter 
Katholik, der mit Liebe an seiner Kirche hing. Seine Unterwerfung 
unter das Urteil der Kirche war durchaus loyal. Aber diese Unterwerfung 
bedeutet nach seiner Auffassung kirchenrechtlich nicht das, was seine Feinde 
daraus folgerten. Die Kirche hat dem hochverdienten Gelehrten das kaudinische 
Joch des Widerrufes erspart; sie kann aber ihrem Prinzip nach nicht darauf 
verzichten, in Glaubenssachen ihre unverriickbaren Positionen festzuhalten und 
deren Anerkennung von all ihren Gliedern, auch den besten und ed els ten, 
zu fordern. 

Am 31. Mai 1906, abends 8 Uhr, verschied Sch., w3hrend eines Gewitters 
heimeilend, an einem Herzschlag. Sein Tod loste die lebhaftesten Sympathien 
fur ihn aus. Eine grofie Zahl hervorragender Katholiken erliefl einen Aufruf 
zur Errichtung eines Grabdenkmals, darunter der Bischof v. Henle von 
Regensburg und der Erzbiscbof v. Abert von Bamberg. Der Theologie- 
professor Ernst Commer in Wien schrieb, in pietat loser Weise Merkles 
Leichenrede auf Sch. kritisiqrend, eine wissenschaftlich wertlose Broschiire, 
worin er nachzuweisen suchte, dafi das Denkmal fur Sch. als Demonstration 
gegen die Kirche beabsichtigt sei und dafi Sch. das geheime Haupt einer 
internationalen Verschworung gegen Rom gewesen sei. Durch diese Dar- 
stellung irregeleitet, erliefi der apostolische Stuhl am 14. Juni 1907 ein 
Schreiben an Commer, worin das Vorgehen Roms gegen Sch.s Schriften als 
gerechtfertigt erklart, aber unter energischer Abweisung von Sch.s Irrtiimern 
sein edler Charakter warm gelobt wurde. Auf die Beschwerde des Denkmal- 
komitees gegen Commers Darstellung erkannte der hi. Stuhl durch Schreiben 
vom 27. Juli 1907 die pietatvolle Absicht der Unterzeichner des Denkmals- 
aufrufes an. Das Denkmal wird von SeebOk ausgefuhrt und im Sommer 1908 
auf Sch.s Grab enthullt. 

Commers Schrift rief einen heftigen Kampf hervor, besonders seitdem 
durch Hennemann seine fruheren Briefe an Sch. ver5fientlicht wurden, in 
denen er zu Sch.s Lebzeiten dessen Schriften mit mafilosen Lobeserhebungen 
bedacht hatte, die er nach seinem Tode verdammte. Der apostolische Stuhl 
wurde mit dieser Affare zu Unrecht in Beziehung gesetzt, weil der Papstbrief 
vom 14. Juni 1907 keineswegs eine Approbation der Schrift Commers bedeutete, 
sondern nur dieselbe als Gelegenheitsanlafl beniitzte, um die klare Stellung- 
nahme der Kirche in der gefahrlichen Verwirrung bestimmt zum Ausdruck 
zu bringen. Die Stellungnahme des hi. Stuhles ist kein Hindernis fiir die 
Hoffnung der gebildeten Katholiken, dafi Sch.s Lebenswerk nach Ausscheidung 
mancher, zweifellos gef&hrlicher Positionen fiir Kirche und Vaterland zum 
Segen gereichen wird. 



dM 



Schell. Eckardt. I i 3 

GroOere Schriften Schells: I. Theologische Schriften: 1. Das Wirken des dreieinigen 
Gottes, 1884; 2. Katholische Dogmatik (4 Bande), 1889/93; 3- Gott " nd Geist (2 Bande), 
1895/96; 4. Religion und Offenbarung, 3. Aufl. 1907; 5. Christus, 17. Tausend 1906; 
6. Jahve und Christus, 2. Aufl. 1907. 

II. Nichttheologische Schriften: 1. Die Einheit des Seelenlebens nach Aristoteles 1873; 
2. Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts, 7. Aufl. 1899; 3. Die neue Zeit und der 
alte Glaube, 2. Aufl. 1898; 4. Das Problem des Geistes, 2. Aufl. 1897; 5. Theologie und 
Universitat, 1897. Dazu kommt cine Fiille kleinerer Gelegenheitsschriften, deren gesammelte 
Ausgabe bei Schoningh in Paderborn durch Hennemann in Vorbereitung ist. 

Liter ntur: Ernst Commer, Herman Schell und der fortschrittliche Katholizismus, 
Wien, 2. Aufl. 1908; Hennemann, Commers Briefe an Schell, WUrzburg 1 907 ; F. X. Kiefl, 
Herman Schell, Mainz, 2. Aufl. 1907; Kiefl, die Stellung der Kirche zur Theologie von 
Herman Schell, Paderborn 1908; Hennemann, Widerrufe Schells? WUrzburg 1908. 

Kiefl. 

Eckardt, Aloys, Landschafts- und Genremaler, * 1845 zu Lichte, 
f 1. Marz 1906 in Miinchen. Friih verwaist, kam der Knabe in eine Porzellan- 
fabrik mit notdurftigem Unterhalt, so daB er nach vierjahriger Lehrzeit nach 
Eisfeld iibersiedelte und dort Holzwaren bemalte. Das Feldzugsjahr 1866 
brachte ihn unter die Waffen, dann nach Wien, wo er als Porzellanmaler 
sich erfolgreich betatigen konnte, bis ihm der Ausbruch des deutsch-franzo- 
sischen Krieges abermals die Muskete eines Thuringer Infanteristen in die 
Hand spielte. In Frankreich schwer erkrankt, wurde er nach Berlin ins La- 
zarett verbracht ; hier vertrieb er sich die Zeit der Rekonvaleszenz, ein neuer 
Quentin Massys, mit Aquarellen, welche die Aufmerksamkeit der caritative 
Pflege ubenden edlen KronprinzeB Friedrich erwarben, die sich einige seiner 
Blattlein erbat und durch gnadige Gegengabe den Maler erfreute. Abermals 
auf den Kriegsschauplatz zuriick, blieb E. bis zum FriedensschluB im Re- 
giment, das er bei guter Fuhrung absolvierte. Frisch nahm er seine liebge- 
wonnene Arbeit wieder zu Wien auf und brachte es mit der ihm eigenen 
Energie fertig, seine langst gehegten Plane zu verwirklichen. Obwohl mit 
knappen, buchstablich dem Munde abgesparten Mitteln, wagte er die Fahrt 
nach dem goldenen Vlies, fand Aufnahme an der Miinchener Akademie und 
in Lindenschmit den erhofften vielseitigen Lehrer, dessen Malweise der streb- 
same Schuler sich schnell zu eigen machte. Nun ging es rasch vorwarts, 
mit den besten seiner jiingeren Zeitgenossen die Wette bietenden Genre- 
bildern, deren malerische Probleme und Beleuchtungs-Effekte ihn anzogen. 
Darunter die Bude einer » Fischhandlerin«, eine Szene in der »Waschkiiche«, 
wobei nicht allein mit den Handen, sondern auch mit der Rede die Arbeit 
forderlich besorgt wird; die im Keller ihr Gefliigel rupfenden Frauen; ein 
die zuhorenden Madchen durch Jagerlatein tiberraschender Holzschlager; der 
»Schwierige Fall« zweier feiner Stadtkinder, die einem landlichen Schmiede- 
meister ihren beim Rodeln griindlich zerbrochenen Schlitten zur Reparatur 
bringen, das Innere einer Thuringer Handfertigkeits-Schulstube und Schreinerei 
mit aufgeweckten, ihrem Lehrer im verstandnisinnigen Erfahren lauschenden 
Knaben. Die Krone aber bildete eine »Schmiede« mit den vom gliihenden 
Eisen angestrahlten hammernden Zyklopen, eine neben Menzels Walzwerk 
immer selbstandig berechtigte Leistung. Mit diesen und anderen Arbeiten, 
darunter auch viele ansprechende »StiIleben« ) hatten sich alle Erwartungen 

Bio^r. Jnhrbuch u. Dcutsclier Nckrolog-. xi. Bd. g 






I 14 Eckardt. Harburger. 

und Hoffnungen seiner Jugend erfiillt. Doch machte sich ein qualendes 
Leiden hemmend fiihlbar, da des Kunstlers Herzt&tigkeit stdrend funktionierte. 
Eines Tages stand es plfltzlich still. In Erinnerung seiner Thuringer Wald- 
heimat hielt E. in seinem Atelier eine Anzahl gefiederter Sanger, freifliegende 
Finken, Meisen und andere Lieblinge, ein echter Sohn des schdnen Thuringer 
Landesl 

Vgl. Fr. v. Bfltticher 1895, 1., 252. Karl Sohn im Kunstvereinsbericht f. 1906, S. 12. 

Hyac. Holland. 

Harburger, Edmund, Genremaler, * 4. April 1846 zu Eichstatt, f 5. No- 
vember 1906 zu Miinchen, kam kaum einjahrig mit seinen Eltern nach Mainz, 
wo er 1858 den Vater verlor und von der Schulbank weg seinen Unterhalt 
in einem Baugesch&ft selbst verdienen mufite. .Lieber hatte H., in welchem 
sich damals schon der Kunstler ahnungsvoll regte, statt nach Kelle und 
Winkelmafl zu Pinsel und Palette gegriffen. Nach langer Lehrzeit, an die 
er stets gerne zuriickdachte, da ihm die Familie seines Chefs freundlich 
naher riickte, sollte H. 1866 zur weiteren Ausbildung die technische Hoch- 
schule in Miinchen besuchen, doch zog es ihn aus den Kollegien des 
Polytechnikums mehr nach den S&len der Kunstakademie, welche ihm, trotz 
mangelhafter Vorkenntnisse, die ersehnte Aufnahme bot. Und er kam mit 
ausdauerndstem Fleifl, scharfer, unermudlicher Beobachtungsgabe und seinem 
Feingefuhl fiir Helldunkel erst bei Karl Piloty, dann bei Wilh. Lindenschmit, 
wobei auch W. Diez* Vorgang fdrderlich mitwirkte, bald in das ersehnte, 
wiinschenswerte Fahrwasser. Die Mittel zur weiteren Ausbildung verschaffte 
er sich durch Beitr&ge zu illustrierten Zeitschriften, die anf&nglich von 
anderen, z. B. von Kollarz, auf Holz gezeichnet wurden, darunter die » Fisch- 
zucht«-Scherze »Aal, Back-, Gold- und Tinten-Fisch « (in Nr. 4 »Uber Land 
und Meer« 1869. XXIII, 77). Den Grund zu H.s nachmaliger, weitreichender 
Beriihmtheit legten die »Fliegenden Blatter*, als diese seine humoristische 
Begabung erkennend, derselben den weitesten Tummelplatz dffneten. Kaspar 
Braun sah in H. einen Teil seiner eigenen Jugend, eine neue erfreuliche 
Kraft, welche so ziemlich in dieselben Fufitapfen trat; er hoffte in ihm einen 
Ersatz fiir den seither ganz vergessenen Friedrich Michel Heil, den gewandten 
Schilderer problematischer Charaktere, welcher todkrank und ohne Pflege, 
ganz verlassen, in schauerlicher Weise am 26. November 1865 im eigenen 
Atelier verbrannte. 

Hier machte H. vielfache Phasen durch. Anf&nglich mehr Illustrator 
und Causeur, lag ihm die eigentliche Karikatur ferner, desto schneidiger 
betrieb er als sein Fach die ironisierende, bald sehr zugespitzte Schilderei 
gewisser Typen. So beispielsweise das ganze m&nnliche standesgem&fle 
Dienstpersonal vom Hans, Hansl, Johann, Schani, Jean und dem zum Herrn 
Oberkellner promovierten Johannes, die kauenden, schlingenden, speisenden, 
schlampampenden, tafelnden, dinierenden Esser, die ganze askulapische 
Klimax, vom landlaufigen Bauerndoktor bis zum geheimr&tlichen Spezialisten, 
alle Schattierungen der Professoren, die Couleur der ewigen, selbst nach 
zw6lf Semestern noch durchgefallenen Studenten, die ganze Schmiere und 
den Bettelstolz mimender KulissenreiBer, Komodianten, ihrer Direktoren und 
affinit&ren Dichterlinge; die ganze Misdre der Kneipgenies, Bierduseler 



Harburger. j f c 

und Schnapsbnider, die in dem Motto: »Nur einmal in meinem Leben 
mocht* ich mir begegnen, wann ich Geld hatte« gipfelnden jovialen Lumpen 
katexochen; die Spezies der Knall-Protzen, die hoher ansteigende Serie der 
baronisierten Bankiers und Kommerzienrate, Fettbauche und Amtsrichter, 
insbesondere aber die Wucherer und Auslese der Kornbauern, iiber die auch 
Karl Stieler in seinen Dialektdichtungen die ziirnende Geifiel schwang: 
Dieser ganze Kreis von menschlichen Auswiichsen bildete die Domane 
seines Stiftes, die er auch gerne mit dem immer bereitwilligen Pinsel festhielt. 
Eine Auslese davon bietet das » Harburger-Album « (Munchen 1902, bei Braun 
u.Schneider), welchem eine gleiche Sammlung von »Ftinfzig Bildern« (eben- 
daselbst) zur Seite ging; ebenso eine Kollektion von »Trinkspriichen«. Auch 
illustrierte H. die Gedichte in Pfalzer Mundart »Etwas zum Lachen« von 
Fr. Lennig (Mainz, bei Fr. Kirchheim), welche bis 1872 in siebenter Auflage 
erschienen. Dazu machte sich bei H., ebenso wie bei dem ihm vielfach 
verwandten Fritz Steub, das Streben bemerkbar, mit pragnantester Zeichnung 
auch eine breitere Farbenwirkung zu erzielen. 

Unermiidlich mit dem Zeichenstift, iibte H. Pinsel und Palette; fort- 
gesetzte Ausfliige nach den Bergen Altbayerns und Tirols brachten neue, 
kostbare Studien. Zu seinen ersten Errungenschaften gehftrte die Olstudie 
einer »Wirtsstube in Stafflach am Brenner « (1872), welche er mit Figuren 
staffiert noch zweimal zu Bildern gestaltete, die, wie ein ganzes Programm 
wirkend, als glanzendes Zeugnis seines ernsten Strebens und Konnens gelten. 
Diese namentlich in den helldunklen Partien meisterhaft durchgearbeitete 
Skizze erschien nachmals 1906 auf der Berliner und 1907 auf der Miinchener 
Ausstellung: »Eine prachtige Harmonie aus Braun und Weifi, mit dem reif- 
lichen Abwagen der feinsten Zwischentone«. So sammelte H. in Tirol, wo 
es noch die schonsten getafelten Stuben und die traulichen »Herrgottwinkel «, 
die machtigsten Ofen in den verraucherten Weinkneipen gibt, ein kaum auf- 
arbeitbares Kapital von Skizzen und Studien. Diese bevolkerte er dann nicht 
allein mit einsamen Rauchern und Trinkern k la Teniers und Ostade, sondern 
auch mit figurenreichen Szenen. So schilderte H. eine Wirtsstube, in welcher 
die verlangerte Gemeinderatsitzung unter allzu lebhafter Handhabung von 
Bierkriigen einen ziemlichen Siedegrad erreichte; in diesen wahren Hexen- 
kessel von bauerlichem Meinungsaustausch fallt eine, vielleicht vor drohendem 
Regensturz fliehende, Unterschlupf suchende stadtisch feine Familie, die in 
ihrer Rat- und Fassungslosigkeit die »Kontraste« (1873) verstarkt. In einem 
ahnlichen »Interieur« hat ein »Dorfbarbier« seine sauberliche Tatigkeit 
begonnen; anderswo wird »Jagerlatein« doziert (1874) oder die »Erziehung 
des Bacchus « (1876) dargestellt. Ofters wiederholte sich die Konsultation 
eines »Dorfarztes«, eine »Weinprobe« (1882), dann verstieg er sich wohl 
auch zu einem venetianischen Fischhandler, einer Ansicht der Stadt vom 
Atelierfenster aus, einem Facchino und einer » Bella « 4 la Eugen von Blaas. 
Damit waren seine italienischen Erinnerungen fertig. Ein paarmal erwahlte 
H. eine arme, unter sehr gemischten Empfindungen an einem reichen 
Trousseau arbeitende »Naherin« (radiert von W. Wornle); ganz uniibertrefflich 
durch die subtile Stimmung: zwei in ihre Arbeit versunkene, Ruben und 
Apfel schalende Madchen — ein bewunderungswertes Bijou (1883). Die 
ersten Mutterfreuden der jungen Gattin, die behagliche Ruhe einer im 

8* 



I 1 6 Harburger. Matthiessen. 

urvHterlichen Lehnstuhl rastenden alten Frau; ein in voriibergehenden 
Dissonanzen befindliches, unerschutterlich bew&hrtes Freundespaar, treue 
»alte Herren« und &hnliche aufregende Szenen. Einmal liefl er sich gar zu 
wiirfelnden Soldaten im Kostum des Dreifiigj&hrigen Krieges und zu einer 
»Szene am Roulette « hinreifien; auch zu einem landschaftlichen Ausschnitt, 
einem kleinen Stilleben, oder zu etlichen PortrSts: seinem eigenen in 
jiingeren Jahren und im gereiften Mannesalter, letzteres in halber Figur: 
unter dem eingeknullten Kunstlerhute erscheint die stramme Gestalt, mit 
dem scharf auslugenden Auge, dem langen graumelierten Puritanerbarte, ein 
Ksdfmadt man* im ganzen Sinne. Dazu (teilweise mit Lenbach gemalt) seine 
Gattin und Kinder, dabei ein »Familienbild«, mit dem die Maman zeich- 
nenden Jilngsten. Er hatte den Traum seiner Jugend reichlich erfullt, sich 
und den Seinen ein Haus gebaut mit einem tauglichen Atelier, in welcbem 
ungesucht die Modelle sich einstellten. Fiir diese oft fragmentarischen Er- 
scheinungen lagen Kostume bereit, auch allerlei kulturhistorische Unbezahl- 
barkeiten, beispielsweise ein aus dem XVII. Jahrhundert gerettetes, wohl- 
erhaltenes, grofies, voll eingerichtetes Puppenhaus, aber auch Bauernkasten 
mit Schnitzwerk, alten Tischen, BSnken und Stiihlen. H.s Bilder hatten in 
alien Galerien, Kunstvereinen und Sammlungen Aufnahme gefunden, waren in 
der Heimat ebenso wie in England und Amerika salonf&hig, durch Photo- 
graphic, Stich und Holzschnitt volkstiimlich geworden; alle kunstgeschicht- 
lichen Kompendien verzeichneten seinen Namen, Lebensgang, sein Wirken 
und Schaffen. Sein 60. Geburtstag wurde mit groflen Ehren gefeiert. Aber 
nimmer nahet das Gliick frei von Leide. Die letzten Jahre brachten vielfach 
Pein und Schmerzen, die der Patient heroisch ertrug mit demselben Humor, 
der ihm zeitlebens die Hand gefuhrt hatte. 

Vgl. Pecht, Mttnchener Kunst. 1888. S. 406. Ltitzow, Ztschft 1884* XIX, 
157. Nr. 1581. L'Unrvtrs IUusirc IL VII. 1885. Univcrsum 1887. Ill, 40 (Rosegger). 
Kunst f. Alle. 15. V. 1888. Rosenberg, Mttnchener Maler seit 1871. S. 56, Ders. in 
Velhagen u. Klasings Monatshefte. 1890. 151 — 163. Ders. in Gesch. der modernen Kunst. 
1894. Ill, 103. H.s Haus. Nr. 2442. Illustr. Ztg. Leipzig. 19. IV. 1890. H.s Atelier: 
Vom Fels zum Meer. 1889. 90. I. Hft. G. Fuchs in Nr. 518 Neueste Nachrichten 
9. XI. 1906. Fr. v. Btitticher. 1895. l» 4 6 °- Alex. Heilmeyer. 264. Allg. Ztg. 
11. VI. 1907. Medaillonportrat und BQste von Jos. Floflmann (1907). Arena. Januar 1907, 
S. 1053 ff. 

Hyac. Holland. 

Matthiessen, Heinrich Friedrich Ludwig, emeritierter ordentlicher 
Professor der Physik an der Universitat Rostock, * 22. September 1830 in 
Fissau bei Eutin, f 15. November 1906 zu Rostock i. M. M., dessen Vater 
Lehrer war, besuchte das Gymnasium in Eutin, verliefl es 1851 mit dem 
Reifezeugnis und studierte in Kiel Mathematik, Astronomie und Naturwissen- 
schaften, speziell Physik unter der Leitung von Gustav Karsten. Von 1854 
bis 1855 war er in Kiel Konservator am Zoologischen Museum, dann Assistent 
am Physikalischen Institut, promovierte 1857 zum Dr. phil. und habilitierte 
sich in Kiel als Privatdozent der mathematischen Physik. 1859 wurde er 
Lehrer der Mathematik und Physik am Gesamtgymnasium in Jever, 1864 
Subrektor am Gymnasium in Husum, wurde 1873 zum Professor ernannt und 
1874 als ordentlicher Professor der Physik an die Universitat Rostock be- 



Matthiessen. 



117 



rufen. Dort war er Direktor des 1875 neu eingerichteten Physikalischen In- 
stituts und Seminars, Mitglied der Priifungskommissionen fiir Kandidaten des 
hflheren Schulamts in Physik und mathematischer Geographie, der arztlichen 
Vorpriifung, der pharmazeutischen Staatspriifung und der Priifung fiir Nahrungs- 
mittelchemiker, seit 1888 Direktor des Astronomisch-meteoronomischen Ob- 
servatoriums, Konservator der grofien Kreisteilmaschine des landesherrlichen 
Industriefonds, Inspektor des elektrischen Beleuchtungswesens, der Gas- und 
Wasserversorgung der Universitatsinstitute sowie Administrator und Berechner 
der akademischen Waisenkassen. Er war Dekan seiner Fakultat und be- 
kleidete 1885 — 86 das Rektorat der Universitat. Seit 1862 war er Mitglied 
der Mathematischen Gesellschaft zu Jena und seit 1885 der Kaiserl. Leopold.- 
Karol.-Akademie der Naturforscher in Halle. 1883 wurde ihm von der me- 
dizinischen Fakultat der Universitat Zurich die Ehrendoktorwiirde verliehen. 
i8qo machte er mit Unterstiitzung der preufiischen Akademie der Wissen- 
schaften und des mecklenburg-schwerinschen Ministeriums eine dreimonatliche 
Reise nach dem n5rdlichen Eismeer zum Studium des physikalisch-optischen 
Baues der Augen der Walfische; seine gewonnenen Resultate hat er in einer 
Festschrift zu v. Helmholtz' sojahrigem Doktorjubilaum am 2. November 1891 
niedergelegt. 1905 wurde er auf sein Ansuchen unter Verleihung des Kom- 
thurkreuzes des mecklenburgischen Hausordens der Wendischen Krone vom 
Halten von Vorlesungen entbunden und nahm seinen dauernden Wohnsitz 
in dem mecklenburgischen Badeort Miiritz. Von k5rperlichem Leiden suchte 
er im nachsten Jahre Heilung in Rostock und dort im Universitats-Kranken- 
hause machte eine Herzlahmung seinem Leben am 15. November unerwartet 
ein Ende. Am 17. November fand fiir den langjahrigen Hochschullehrer vor 
der Beerdigung ein feierlicher Trauergottesdienst in der Aula der Universi- 
tat statt, bei welcher der derzeitige Dekan der philosophischen Fakultat 
Professor Kern an der aufgebahrten Leiche dem verdienten Gelehrten warme 
Worte der Anerkennung zollte. — Bis in sein hohes Alter war M. schrift- 
stellerisch tatig. Seine Publikationen bewegen sich auf den Gebieten der 
Mathematik, Physik, Astronomie, Meteorologie und Physiologie. An selb- 
standigen Schriften hat er veroffentlicht: Uber die Gleichgewichtsfiguren ho- 
mogener, frei rotierender Fliissigkeiten, Kiel 1857; Uber die Anordnung der 
Elektrizitat auf isolierten Leitern von gegebener Form und die Methode der 
Messung des Bindungskoeffizienten der elektrischen Verstarkungsapparate, 
Jever 1861; Die algebraischen Methoden der Auflosung der literalen quadra- 
tischen, kubischen und biquadratischen Gleichungen nach ihren Prinzipien 
und ihrem innern Zusammenhang dargestellt, Husum und Leipzig 1866; 
Kommentar zur Aufgabensammlung von Heis fiir Schiiler, Koln, 1870, 4. Aufl. 
K6ln 1902; Schliissel zur Aufgabensammlung von Heis fiirLehrer undStudierende 
Bd. I, II, Koln 1873, 3. Aufl. Koln 1886; das Klima von Athen, Schleswig 
1873 (Aug. Mommsen, Griechische Jahreszeiten, Heft 2); Grundrifi der Diop- 
trik geschichteter Linsensysteme, Leipzig 1877; Grundziige der antiken und 
modernen Algebra der literalen Gleichungen, Leipzig 1878; Obungsbuch fiir 
den Unterricht in der Arithmetik und Algebra fiir hohere Biirgerschulen 
nebst Sammlung der Resultate in 2 Heften, Koln 1882, 5. Aufl. 1902. Von 
ihm herausgegeben wurden: Heis und Eschweiler, Lehrbuch der Geometrie, 
Bd. I, Planimetrie, Aufl. 7, Stereometrie, Aufl. 4, Koln 1881, Trigonometrie, 



1 

\ 



Il8 Matthiesscn. Christ. 

AufL 3, K6ln 1887; Heis, Sammlung von Beispielen und Aufgaben aus der 
allgemeinen Arithmetik und Algebra, Aufl. 48— 111, K6ln 1877— 1906. Die 
in Zeitschriften verstreuten Arbejten einzeln anzugeben, wiirde zu weit fuhren. 
Auch einige VortrSge hat M. gehalten. Die Verdienste der preufiischen 
Staatsregierung um die FSrderung der exakten Wissenschaften (Rede in der 
Aula zu Husum bei der Feier des Geburtstags des Kdnigs WilhelmL, 1869); 
Die Okonomie in der physikalischen Natur und ihre Ausnutzung fur den 
menschlichen Haushalt (Rostocker Rektoratsrede am 28. Februar 1886); Reise- 
berichte aus Finmarken: Land und Leute, Walfang (Offentlicher Vortrag in 
der Aula der Rostocker University, Winter 1890—91.) 

Aufzeichnungen von Prof. Matthiessen; Poggendorffs biographisch-literarisches Hand- 
worterbuch; Albertis Lexikon schleswig-holsteinscher Schriftsteller; Hellmanns Repertorium 
der dcutschen Meteorologic ; Mittag-Lefflers Acta mathematical Kukulas Allgemeiner Hoch- 
schulen-Almanach; Rostocker Anzeiger, Jahrg. 26, No. 268, 270, 271 Beiblatt 2. 

A. Vorberg. 

Christ, Fritz, Bildhauer, * 7. Januar 1866 zu Bamberg, f 5. Juli 1906 
in Miinchen, erhielt rechtzeitig im Hause des Vaters, eines wohlbekannten 
Steinmetzmeisters, Anregung und FOrderung, so dafi er schon mit schSnen 
technischen Kenntnissen (Ende 1880) nach Miinchen gehen konnte, um sich 
bei seinem hochbegabten Bruder Adam Christ weiter zu bilden. Als aber 
letzterer durch jene wShrend eines Kiinstlerfestes ausgebrochene Brand- 
katastrophe am 19. Februar 1881 hinweggerafft wurde, verlor F. die erwartete 
Stiitze. Ein Stipendium aus der Kgl. Kabinettskasse ermdglichte dem zu 
den schOnsten Hoffnungen berechtigten Eleven die Fortsetzung seiner Studien 
an der Akademie, erst bei Professor Widnmann, wo Ch. rasch sich hervor- 
tat und durch die Figur eines »Sterbenden Kriegers« die grofie silberne Me- 
daille als h&chste Auszeichnung erwarb, dann bei Eberle und Ruemann. 
Zahlreiche AuftrSge fGr Grabdenkmaler folgten, wobei der junge Kiinstler 
durch die Verbindung von Stein und Bronze sein feines SchOnheitsgefiihl 
glanzend bewShrte. Fiir einzelne, meist in Metallgufi vervielfaltigte Statuetten 
erfolgten Medaillen von den Expositionen zu Chicago, Miinchen, Paris und 
Kopenhagen; die Munchener Glyptothek erwarb eine Frauengestalt in Mar- 
mor. Seine Vaterstadt Bamberg bestellte ein Denkmal fiir KOnig Ludwig II. 
Unter solchen Auspizien konnte Ch. daran denken, einen eigenen Herd zu 
griinden. Am 19. April 1906 begann die Hochzeitsreise nach dem SQden; 
kurz nach der Riickkehr machte eine Blinddarmentzundung diesem von Gliick 
und Freude getragenen Leben ein iiberraschendes Ende. Wenige Tage vor- 
her zeigte er einem Freunde das reizende, eben vollendete Figiirchen einer 
lachelnden »Fortuna« mit den Worten: »Das Gliick reicht dem Menschen 
nur die Hand, um dieselbe wieder zuriickzuziehen ; ein vollkommenes Gliick 
gibt es nicht. « Der zierliche Bronzegufl trug bei der nachmals im Glaspalast 
veranstalteten Gesamtausstellung seiner Schdpfungen den mit Trauerflor um- 
wundenen Lorbeerkranz der Munchener Kunstler-Genossenschaft. Andere in 
Marmor, Bronze und Edelmetall vervielfaltigte, verschieden benannte, hSchst 
gefallige Gestalten vollenden diese Korona, darunter eine »Seerose«, 
»Bacchantin«, »Perle«, »Gratulantin«; das reizende KSpfchen eines »jugend- 
lichen Bacchus «, dazu eine » Judith «, eine »Nymphe« mit SchmuckkSstchen, 



Christ, von Rothmund. 



119 



» Susanna*, » Salome «, aber auch »Colchicum«, » Verfuhrung«, »Siinde« 
usw. betitelte Gestalten. Zu dem wahren Portratbild seiner faszinieren- 
den Erscheinung gehorten auch eine riihrende Anspruchslosigkeit, die ihn 
trotzdem zum lebendigen Mittelpunkt jeder Geselligkeit, insbesondere bei 
Kunstlerfesten, machte, wo er lebende Gruppen von klassischen Kampfern, 
Ringern und Fechtern inszenierte, auch archaologische Szenen aus Mesopo- 
tamien und dem Lande der Pharaonen, aus Persepolis und Hellas, so dafi die 
uralt echten Skulpturen aus Konigsgrabern unter das elektrische Licht ge- 
riickt schienen. Dazu stellte er mit Hilfe von Kindern lebende Imitationen 
von Meiflener Porzellanfigiirchen, so dafi ein Impresario, freilich vergeblich, 
gl&nzende Angebote machte. Als kiihner Turner oblag er mit Gletscherseil 
und Nagelschuhen waghalsigem Alpensport bei Hochtouren im Karwendel und 
Wilden Kaiser. Bekannt in alpinen Kreisen wurde seine, noch dazu mit 
einem taubstummen Gefahrten namens Fick unternommene Tour nach dem 
iibelberiichtigten »Totenkirchlein«, wosie sich, obendrein fuhrerlos, verstiegcn 
und in der Not durch einen Kamin zwangten, der heute noch ihren Namen 
tr&gt. In alien Angelegenheiten der Kunstgenossenschaft bewies er sich mit 
Wort und Tat als immer bereiter Heifer. » Media in vita* mufite er von 
hinnen! Unwillkurlich drangt sich das Sophokleische Wort auf »Nimmer 
nahet im Leben das Gluck lauter und frei von LeideU 

Vgl. Singer 1906, VI., 54. Milnchener Kunstvereinsbericht 1907, S. 1 1 ff. Katalog 
der Mlinchener Jahresausstcllung 1907, Nr. 1745 — 57. 

Hyac. Holland. 

von Rothmund, August, Dr. Professor, Geheimrat, * 1. August 1830 zu 
Volkach als Sohn des Kgl. Physikus und spateren Professors der Chirurgie 
an der Universitat Munchen Dr. Christoph von Rothmund; f 27. Oktober 
1906 in Munchen. Studierte in Munchen unter dem Physiologen Harless, 
dem Anatomen Schneider und den Klinikern Ringseis und Gietl; in Wiirz- 
burg unter Virchow, KGlliker, Kiwisch und Scherer. Dann 2 Jahre Assistent 
der chirurgischen Abteilung des Miinchener allgemeinen Krankenhauses; dar- 
nach Srztlich tatig bei der ersten Miinchener Cholera-Epidemie. Er lag 
weiterhin in Wien bei Schuh und Dumreicher chirurgischen und bei Eduard 
von J&ger ophthalmoskopischen Studien ob. Darauf folgte ein langerer 
Studienaufenthalt in Prag bei Arlt, in Berlin bei Albrecht v. Graefe und in 
Paris bei Sichel und Desmarres. Ihm folgte alsbald auf Grund einer Ab- 
handlung uber »Kunstliche Pupillenbildung« die Habilitation an der Uni- 
versitat Munchen. 1856 und 1857 Vorstand der chirurgischen Poliklinik, 
iibernahm v. R. gleichzeitig die Leitung der im Jahre 1822 gegnindeten 
Schlagintweitschen Augenheilanstalt, die sich unter ihm innerhalb weniger 
Jahre derartig entwickelte, dafi die Zahl der Betten rasch auf 60 anwuchs. 
Ihr Wirkungskreis erstreckte sich schlieBlich weit in die benachbarten Kron- 
lander des Ssterreichischen Kaiserstaates, nach Suden sogar bis in die Poebene. 
1859 — zur Zeit, als v. R. in Verona freiwillig arztliche Kriegsdienste leistete — 
erfolgte die BefOrderung zum aufierordentlichen Universitatsprofessor. — Er- 
nennung zum ordentlichen Professor der Augenheilkunde, 19. Marz 1863. 

Gleich Hasner in Prag verliefi v. R., unbeirrt durch die Stromung, 
die in den sechziger Jahren die Extraktion des Altersstares mit der 



1 20 von Rothmund. 

Erhaltung der Iris durch die Extract, scler. e. Tridect. zu verdr&ngen 
suchte, die klassische Methode nie ganz, sondern bediente sich ihrer fort- 
gesetzt eklektisch liberal] da, wo ihm die gunstigen Voraussetzungen dafiir 
nur irgendwie gegeben zu sein schienen. Auch urgierte v. R. bereits 1874, 
dafl bei beiderseits schwarzen Pupillen die Kranken auf dem Auge, das mit 
Erhaltung der Iris und des Pupillenspieles vom Stare befreit worden war, 
ein viel besseres SehvermOgen hatten, als auf dem andern mit Linearschnitt, 
d. h. mit Iridektomie operiertem Auge. Ebenso wies er mit Eduard Meyer 
(Paris) schon damals auf die Nachteile hiii, die die vielfach gebrauchliche 
pr&paratorische Erweiterung der Pupille durch Atropin auf den Heilverlauf 
der Starextraktion ausiibte. 

v. R. war mit Mooren und Pagenstecher d. A. einer der Ersten, die 
einen Anstaltsbericht verQffentlichten. — Der fur die Jahre 1861/62 wurde 
von Zehender mit dem Bemerken referiert : » Es hat uns sehr befriedigt, hier 
einen ausfiihrlich rSsonnierenden Bericht und nicht blofl ein trockenes Ver- 
zeichnis der behandelten Krankheitsformen zu erhalten. « 

Beziiglich der Entstehung und des Wesens der Kurzsichtigkeit trat v. R. 
bereits seit dem Anfang der sechziger Jahre in Wort und Schrift mit iiber- 
zeugenden Griinden fur eine Scheidung dieser Refraktionsanomalie in ver- 
schiedene Unterarten ein. Schon damals beobachtete er bei Landleuten das 
Auftreten von Staphyloma posticum mit starker Kurzsichtigkeit und das 
erblich-famili&re Vorkommen dieses t)bels. 

Durch die Abhandlung iiber » Chromhidrose oder Chromokrinie der 
Augenlider und deren Ursache«: eine Krankheit, die als eine hGchst eigen- 
tiimliche Farbabsonderung in den Augenlidern oder als eine schlau durch- 
gefuhrte Simulation von seiten des Patienten angesehen wurde, bewies v. R., 
dafi es sich um eine Seborrhoe handelt und die FSrbung lediglich durch 
einen Niederschlag von feinen Kohlenteilchen auf die durch allzu starke 
Sekretion der Talgdrusen und Abschuppung der diinnen Epidermis zustande 
gekommenen seborrhoeischen Stellen des Randes der Augenlider verur- 
sacht wird. 

Auf den Zusammenhang von Erkrankungen des Auges mit anderen 
Krankheiten lenkte v. R. bereits zu einer Zeit, in der die Ophthalmologic 
ein in ihrer Entwicklung begriindetes vorwiegend lokalistisches Geprage be- 
safl, die Aufmerksamkeit durch die Abhandlung iiber »Katarakten in Ver- 
bindung mit einer eigentiimlichen Hautdegeneration*. 

Sein therapeutisches Wollen und Kdnnen bauten sich auf gesunden Er- 
w&gungen auf. So beseitigte er unter anderm zweimal eine Amaurose in- 
folge von Ischfimie der Retina mit gleichem Erfolge wie Alfred Graefe — dieser 
hatte in einem Falle das durch eine Iridektomie erreicht — mit der keinerlei 
Verstiimmelung des Auges bedingenden Paracentese. Er ging dabei von dem 
Gedanken aus, dafl durch raschen Abflufi des Humor aqueus ein leerer Raum 
in der H6hle des Augapfels erzeugt, mithin eine Kongestion herbeigefiihrt 
werde, die vielleicht die Netzhautgefafle wieder fiillen kOnnte. 

Bereits in den siebziger Jahren betonte v. R., dafl durch die medikamen- 
tdse Antiseptik mit all den Behelfen, die man damals fur unerlafilich hielt 
(Carbolspray usw.), als solche auch fur die operativen Eingriffe und insbe- 
sondere auch fur die Staroperationen nicht die Hoffnungen auf Erzielung 



von Rothmund. Lewinski. 121 

einer wesentlich hGheren Heilziffer der Kataraktextraktion erfullt werden 
wiirden, die auf dem Hohepunkt der Begeisterung fur diese Neuerung in der 
Behandlung von vielen gehegt wurden. Er wies vor allem auf die Tatsache 
hin, dafi auch in der » vorantiseptischen Zeit«, wo die operative Chirurgie 
noch mit grofien Verlustziffern zu rechnen gewohnt war, operative und trau- 
matische Wunden des Auges eine gute Heiltendenz zeigten. Neben Rein- 
heit des Bindehautsackes und neben Unversehrtheit der Lidrander und des 
Tranen-ableitenden Apparates komme fiir die fehlerfreie Heilung der Bulbus- 
wunden mindestens ebenso sehr die tadellose Beschaffenheit des angewendeten 
Instrumentariums als auch die geiibte Hand des Operateurs sehr belangreich 
in Betracht: Gesichtspunkte, die in ihrer Tragweite spater durch Steffan ins 
richtige Licht gestellt wurden; nicht minder durch die bakteriologischen 
Untersuchungen, die in dem Ergebnis gipfeln, dafi es bisher noch durch kein 
Verfahren gelungen ist, die Oberflache des Bulbus derart keimfrei zu 
machen, dafi der Augenoperateur stets und ausnahmslos sicher ist, ein steriles 
Operationsgebiet zu besitzen. 

Auch die im letzten Jahrzehnt bei den Augenarzten zu allgemeiner Wert- 
schatzung gelangte methodische Anwendung von subkonjunktivalen In- 
jektionen geht auf v. R. zuriick. Er hat bereits 1866 davon mit Losungen 
von Kochsalz und Salzsaure (1,0:5000.0) zur Resorptionsbeforderung von 
Hornhautexsudaten Gebrauch gemacht. Auch die von v. R. gegebene kurze 
Erklarung der Wirkung dieser Behandlung: Entstehung eines Reizzustandes 
im Auge und dadurch bedingte Vermehrung des Stoffwechsels ist in neuerer 
Zeit durch zahlreiche experimentelle Untersuchungen vollkommen bestatigt 
worden. 

Das gleiche gilt von der unter Mitwirkung von Buhl entstandenen Arbeit 
uber » die Entstehung und Behandlung der epidermoidalen Zysten der Regen- 
bogenhaut«. 

Auch war v. R. der erste deutsche Ophthalmologe, der die in neuerer 
Zeit zu so grofier Bedeutung gelangte Entfernung eines im Innern des Auges 
sitzenden Eisensplitters durch den Magneten mit Gluck bewerkstelligte (1873). 

v. R. legte in seiner klinischen Tatigkeit je langer desto eindringlicher 
den Nachdruck auf die Augenheilkunde. Auch im Unterricht und in der 
praktischen Unterweisung seiner Zuhorer kam das in der Art zum Aus- 
druck, dafi das praktische Bedurfnis und die als zuverlassig erprobten Heil- 
mittel stets im Brennpunkt der ErOrterung standen. 

Eversbusch. 

Lewinski, Alfred v., koniglich preufiischer General der Infanterie, 
* 14. Januar 1831 zu Miinster i. W., f 21. Juli 1906 in Gorlitz. — »Ich 
dien'U lautete der Denkspruch, den v. L. einmal als kommandierender 
General fiir einen jungen Sammler niederschrieb; in einem langen, treuen 
und erfolgreichen Dienstleben hat er diesem Spruch lebendigen Ausdruck 
geliehen. Zu drei Malen und in verschiedenen Bereichen stand er am Feinde: 
1864 in der Front, 1866 in der Adjutantur eines Armeeoberkommandos, 
1870/71 im Generalstabe einer Division; wie Werder (Hans), Lentze, Hilgers, 
Scherff, Fischer und andere, die ebenfalls als Generalstabsoffiziere von 
Divisionen am deutsch-franzosischen Kriege teilnahmen, erreichte v. L. nach- 






12 2 Lewinski. 

mals hohen Generalsrang. — Sohn eines Offiziers, der 1870 als Oberst- 
leutnant a. D. verstarb, trat Alfred v. L. 1848 beim Kolbergschen Grenadier- 
Regiment Nr. 9 ein, wurde im nachsten Jahre Sekondleutnant, besuchte die 
allgemeine Kriegsschule und erhielt 1858 die BefOrderung zum Premierleutnant. 
i860 trat er in das neugebildete 2. Pommersche Infanterie-Regiment Nr. 49, 
1862 als Hauptmann und Kompagniechef in das 8. Brandenburgische Infanterie- 
Regiment Nr. 64 iiber. An der Spitze der 3. Kompagnie des letzteren Regi- 
ments zog er gegen DSnemark aus; das Gefecht an der Buff elkoppel brachte 
ihm den Roten Adlerorden 4. Klasse mit Schwertern, der Ubergang nach 
Alsen das Ritterkreuz des Hohenzollernschen Hausordens mit Schwertern 
ein. Es folgte, von 1864 bis 1867, ein Kommando als Adjutant bei dem 
von Prinz Friedrich Karl befehligten III. Armeekorps. Dem Prinzen war 
v. L. schon friiher naher getreten; 1858/59 Lehrer der Taktik, Milit&rliteratur 
und Dienstkenntnis an der Divisionsschule in Stettin, war er in letzterem 
Jahre Mobilmachungsadjutant der 3. Division gewesen und hatte in den frischen 
Geist, der von des Prinzen Divisionsfiihrung ausstrahlte und dem ganzen 
Heere zugute kam, einen derartigen Einblick gewonnen, daB er, mit Hinzu- 
nahme seiner sp&teren Erfahrungen, fiber Prinz Friedrich Karl das Gesamt- 
urteil gefallt hat: »Ich sch&tze ihn als Soldaten so hoch wie keinen zweiten.* 
Auch w&hrend des Feldzugs gegen Osterreich verblieb er beim Prinzen, trat 
als Adjutant zum Oberkommando der I. Armee und erwarb den Kronenorden 
3. Klasse mit Schwertern. Bald reihte sich dem Schlachttage von Koniggratz 
ein erheblicher Teil der ernstesten K&mpfe von 1870/71 an. v. L. war 
inzwischen, 1867, zum Generalstabe der 5. Division versetzt und in demselben 
Jahre zum Major befordert worden. Als soldier erlebte er Spicheren und 
Vionville, Noisseville, Beaune la Rolande, Orleans und Le Mans, die 
Schlachten seiner Division. Stulpnagel hie6 ihr ruhmvoller Fiihrer. Gewifi 
waren der auflerordentliche Ehrgeiz dieses Generals und die Schattenseiten, 
die sich in Verbindung mit dergleichen zu offenbaren pflegen, feststehend. 
Aber die gl£nzenden soldatischen Eigenschaften Stiilpnagels geboten Hoch- 
achtung und Vertrauen, und seine Fiirsorge fur die Untergebenen, so auch 
fur jedes Mitglied des Stabes, war weitgehend und aufier allem Zweifel. 
Als Grundton des VerhSltnisses zwischen dem Divisionskommandeur und 
seinem Generalstabsoffizier herrschte gutes Einvernehmen. » Major v. L.«, 
schreibt der damalige Feldprediger der Division, »ist auch im Kriege stets 
heiter und unverdrossen und halt auf gute Kameradschaft*. v. L. brachte 
beide Eiserne Kreuze aus dem Feldzuge heim; spat, erst 1873, erhielt er 
den pour k mirite. Der kommandierende General Konstantin v. Alvensleben 
hatte diesen Orden fiir L. wiederholt vergeblich erbeten; als ihn dieser 
endlich empfing, fiihlte sich Alvensleben durch die spate Verleihung, wie er 
an L. schrieb, »tief gekr4nkt«, und es war dies einer der Griinde seines 
vorzeitigen Riicktritts. Zeit seines Lebens aber war v. L. -stolz darauf, die 
samtlichen preufiischen Kriegsorden — es war dies eine Seltenheit — sein 
eigen zu nennen. — Ende 1872 wurde er, seit Anfang des Jahres Oberst- 
leutnant, Chef des Generalstabes des IX. Armeekorps, 1874 in dieser Stellung 
Oberst. 1878 bis 1880 fiihrte v. L. das 2. Posensche Infanterie-Regiment 
Nr. 19, von 1880 bis 1885 — seit 1881 als Generalmajor — die 9. Infanterie- 
brigade. Bis 1889 unterstand ihm alsdann — 1886 war er Generalleutnant 



Lewinski. Seidcl. 1 23 

geworden — die 4. Division. Als Gouverneur von Straflburg wurde er 1890 
General der Infanterie und erhielt im namlichen Jahre als Nachfolger des 
Generals v. Heuduck das Kommando des XV. Armeekorps. Wegen eines 
Starleidens trat er indessen bereits 1892, mit dem Grofikreuz des Roten 
Adlerordens mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe dekoriert, in den 
Ruhestand, aus dem ihn 1906 — er stand im 76. Lebensjahre — der Tod 
abrief. Soviel im Umrifi uber des aufiere Leben dieses Mannes, der, um an 
den zu Anfang erwahnten Wahlspruch wiederanzukniipfen, sein ganzes Dasein 
hindurch die strengste Pflichtauffassung vertrat, dabei sich selbst dessen so 
wenig bewuflt, dafi eine etwaige Erorterung dariiber, wie weit eine Qber- 
nommene Pflichterfiillung zu gehen habe, bei ihm gar kein Verstandnis 
gefunden hatte, der — einem Mitglied seiner Familie sei das Wort gelassen — 
» instinktiv pflichttreu war bis ins kleinste, ohne rechts oder links, nach oben 
oder nach unten zu sehen<r. » Seine Auffassungen waren sehr strikte, grad- 
linige; er kannte auch bei anderen nur ein Ja oder Nein, ein Schwarz oder 
Weifi, ein Gut oder Schlecht.« Unaufrichtigkeit war ihm fremd; Scheinwesen 
ignorierte er; dafi andere, etwa Untergebene, ihm gegeniiber schmeichelten, 
»schusterten«, war ausgeschlossen. Sein Familienleben — er lebte in kinder- 
reicher Ehe — war ein sehr gluckliches, sein Wohlwollen gegen Untergebene 
ein ungemein werktatiges. Wenn er es aber fur unfein gehalten hatte, fur 
seine engere Familie, seine Sflhne ein gutes Wort einzulegen, so bedeutete 
es fur ihn eine Hauptfreude, mit Wort und Tat diejenigen zu fordern, die 
ihm dienstlich unterstanden und die es ihm wert schienen. Aufiergewohnliche 
Bescheidenheit entwickelte er in der Beurteilung seiner selbst. Gern betonte 
er das notwendige Gliick des Soldaten, das auch ihm stets der wichtigste 
Heifer gewesen sei. Der eigenen schlichten Lebensfuhrung entsprach es, 
dafi ihm auch anderwarts jeglicher Luxus zuwider war. Mit den neuzeit- 
lichen Anspriichen an das Leben konnte er sich durchaus nicht befreunden; 
immer wieder eiferte er gegen den » verheerenden Hang zum Wohlleben« 
und wies darauf hin, wie einfach fruher die Offizierkorps gelebt hatten, ohne an 
Vornehmheit oder Geselligkeit zu verlieren. Kurzum, man darf Alfred v. L. 
jenen Charakteren beigesellen, deren Wesen am besten durch den Begriff 
» altpreufiisch « bezeichnet wird. 

Berliner Militar-Zeitung 1906, Nr. 31. — D. Kretschmar, beim Stabe der 5. Infanterie- 
Division 1870/71, Basel 1896, S. 163; Krieg, General C. v. Alvensleben, Berlin 1903, 
S. 154. — Briefliche Mitteilungen des Generals v. L. selbst an den Unterzeichneten ; Mit- 
teilungen eines Sohnes, des Oberstleutnants beim Stabe des Grenadier-Regiments Kronprinz 
Friedrich Wilhelm (2. Schlesischen) Nr. 11 v. L. 

Koburg. Archivar Dr. Krieg. 

Seidel, Heinrich, * am 25. Juni 1842 in Mecklenburg zu Perlin, einem 
der graflichen Familie von Bassewitz gehorenden Gut und kleinen KirchdoiiF, 
wo sein Vater Prediger war, f 7. November 1906 zu Grofi-Lichterfelde. Bei 
der Taufe erhielt S. aufier dem Rufnamen noch die Namen Friedrich Wilhelm, 
Karl, Philipp, Georg und Eduard; denn es waren sieben Taufpaten da, von 
denen jeder nach alter Sitte einen Namen spendete. Im Frieden des 
kleinen Dorfes hat S. seine Kindheit verlebt, und was ihn dort umgab, 
. und was er sah, hat sich tief ihm eingepragt. Das schlichte Pfarrhaus, das 



1 24 Seidel. 

kurz vor seiner Geburt noch mit Stroh gedeckt war, daneben der Garten 
rait Obstb&umen und Blumenbeeten, dann das herrschaftliche GebSude, in 
dem allerhand Merkwiirdiges zu sehen war, ein stilles Pl&tzchen an der 
alten Kirchhofsmauer, wo er in der Sommerszeit gern traumend im Grase lag, 
im Kirchturm, der von Schwalben umflogen war, der Raum, wo die Glocken 
hingen, endlich das wogende Kornfeld und im Hintergrunde der d&mmernde 
Wald: alles das ist ihm wohl im Gedachtnis geblieben und hat spater Platz 
gefunden in seinen Dichtungen. In seinem Buchlein von Perlin nach Berlin 
hat S. seine Kinder- und Jugendzeit auf sehr anziehende Weise beschrieben. 

In Perlin besuchte der kleine Heinrich die Dorfschule, wurde dann von 
seinem Vater und mit Pension£ren zusammen von einem Seminaristen unter- 
richtet. 1850 wurde sein Vater als Prediger an die Nikolaikirche in Schwerin, 
der Hauptstadt des grofieren der beiden Mecklenburgs, versetzt und siedelte 
mit den Seinen — es waren zu Heinrich, dem ersten Sprofiling, noch zwei 
Kinder hinzugekommen — dorthin iiber. S. kam dort zun&chst in die 
erste Klasse einer Vorbereitungsschule und von da in die Quinta des 
Gymnasiums, in der er sich ziemlich lange aufgehalten hat. Auch in Schwerin 
blieb er in trautem Verkehr mit der Natur. Das reiche Vogelleben auf dem 
grofien Schweriner See und an dessen Ufern gab ihm Gelegenheit, genau 
mit all den reizenden Vogelarten bekannt zu werden, die in seinen kleinen 
Geschichten eine so grofie Rolle spielen. Auch wachsen in der Schweriner 
Gegend schone einfache Rosen, Rosen aber sind die Lieblingsblumen des 
Dichters geworden, der um die Rosenzeit zur Welt gekommen ist In seinen 
Erzahlungen, Marchen und Liedern, wie viel bliiht und duftet da von wilden 
und Gartenrosen! 

1859 wurde S. konfirmiert, man ging in der Familie dariiber zu Rat, 
was er werden sollte, und entschied sich fiir das Maschinenbaufach. So ver- 
liefi er als Tertianer das Gymnasium und wurde Lehrling in der Schweriner 
Lokomotiv-Reparaturwerkstatte, wo er ein halbes Jahr blieb. Nachdem er 
dann ein halbes Jahr Privatunterricht in der Mathematik genommen hatte, 
bezog er, 18 Jahre alt, das Polytechnikum in Hannover. Dort begann fiir 
ihn, im Verein mit guten Gesellen, ein frOhliches Leben. Er trat der Ver- 
bindung »Obotritia« bei, die, benannt nach den ehemaligen wendischen 
Bewohnern Mecklenburgs, den Obotriten, eine gr6flere Anzahl seiner Lands- 
leute umfafite. In Hannover fing er in aller Stille zu dichten an, wozu er 
von Hause etwas mitgebracht hatte. Sein Groflvater und mehr noch sein Vater 
war poetisch veranlagt gewesen, und von letzterem sind hubsche Erzahlungen 
und Lieder in die Offentlichkeit gekommen. Das fr5hliche Leben des jungen S. 
aber in Hannover erreichte dadurch ein Ende, dafl 1862 sein Vater starb. 
Da nicht genug Mittel vorhanden waren, um ihn auf der Polytechnischen 
Hochschule weiter studieren zu lassen, mufite er an der warts untergebracht 
werden und kam als Lehrling in die kleine Maschinenfabrik von K&hlert in 
der mecklenburgischen Stadt Gustrow, wo er wie ein gewfihnlicher Hand- 
werker zu arbeiten hatte. Dabei aber lernte er vom Leben nicht wenig 
kennen, was fiir ihn von Wert war, und hat manchmal bei den Hammer- 
schlagen, wahrend er mit der Feile am Schraubstock stand, gedichtet. Bei 
solcher Arbeit entstand sein Gedicht »Die weifie Rose*, das mehrfach ver- 
tont worden ist. 



Seidel. 125 

1866 kam er nach Berlin, zuerst als Schiiler der Gewerbe-Akademie. 
1868 trat er in die WOhlertsche Lokomotivenfabrik ein und erhielt darauf 
eine Stellung beim Neubau der Potsdamer Sahn. 1872 wurde er angestellt 
beim Neubau der Anhalter Bahn und blieb dabei bis 1880. In dieser 
Stellung hat er etwas geleistet, das ihm einen Namen gemacht hat, ehe er 
noch als Dichter bekannt war. Das ist die Konstruktion des eisernen Daches 
der Ankunftshalle auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin, die nach seiner Be- 
rechnung gemacht ist. Das war ein Kunststuck, wie es damals auf dem 
ganzen Kontinent sonst noch nicht vorhanden war; denn die Ankunftshalle 
besitzt eine Spannweite von 62 1 /* Metern. Auch manche kleinere Arbeiten 
noch auf ahnlichem Gebiet hat er damals ausgefuhrt. 

1872 hat S. sich in Berlin einen eigenen Herd gegrundet, an dem er 
Freude und Frieden fand und mehrere Kinder emporbluhen sah. Als 1880 
die Arbeiten bei der Anhaltischen Bahn ein Ende fanden, entsagte er dem 
Ingenieurberuf und ging ganz zur Schriftstellerei und Dichtkunst iiber. Mit 
Vertretern der Poesie hatte er in Berlin schon nicht lange nach seiner An- 
kunft dort Fiihlung gewonnen. Er wurde Mitglied eines literarischen Vereins, 
des » Tunnels iiber der Spree «, in dem er mit namhaften Dichtern, wie 
Fontane, Felix Dahn, Scherenberg, Friedrich Eggers und andern noch in 
Beruhrung kam. 

Bis 1880 einschliefilich sind schon 7 Bandchen mit Dichtungen S.s 
erschienen, darunter im Verlag von Rudolf Hoffmann in Peterswaldau, 
spater Breslau, 1871 »Der RosenkOnig«, 1872 »Blatter im Winde«, 1873 
»Fliegender Sommer*, 1874 »Aus der Heimat* und 1875 » Humoristische 
Skizzen*, ferner im Verlag von Luckhardt in Berlin 1880 »Winterfliegen«. 
Diese sieben Bandchen enthalten eine Anzahl uberaus reizender Sachen, von 
denen nur erwShnt seien: »Erzahlungen der vier Freunde«, »Der gute alte 
Onkel«, »Das arme alte Gespenst«, » Professor Muckensturms Lebensretter«, 
»Der Rosenk6nig« und »Hans Peiter Semmelmann«. Alle diese Sachen 
sind Meisterstiicklein an anmutiger Schreibart und kOstlichem Humor, die 
sieben B&ndchen fanden aber nur wenig Beachtung. Darum sind sie nicht 
verloren gegangen, denn ihr In halt ist von Liebeskind in Leipzig, der 1880 
S.s Verleger wurde, in die dann von ihm herausgegebenen Seidelbiicher auf- 
genommen worden. Zuerst aber erschien im Liebeskindschen Verlag 1881 
das Buch »Leberecht Huhnchen, Jorinde und andere Geschichten«. Mit 
diesem Leberecht Huhnchen, dem entziickenden, dem Leben entnommenen 
Idyll, ist S. dann auf einmal einer der beliebtesten und gelesensten Dichter 
geworden, und das mit Recht. Zu der Figur Leberecht Hiihnchens aber 
hat ihm Modell gestanden ein Hannoverscher Studiengenosse, Karl Hohn, 
und aufierdem, als er die Fortsetzungen zu seinem ersten »Hiihnchen« 
schrieb, ein in einem Berliner Vorort ans&ssiger Mann von ahnlicher Art, der 
in Freundeskreisen »Hunold Muller von der Havel « genannt wurde. Was 
selbst in den Vororten der deutschen Reichshauptstadt an Poesie zu finden 
ist, wenn einer nur das richtige Auge dafur besitzt, geht ja aus einer ganzen 
Anzahl der Schopfungen S.s hervor. 

Bis 1896 hat S. in Berlin gewohnt und zwar im » Karlsbad*, einer 
stillen Strafie, die bis in die neunziger Jahre eine sogenannte »Privatstrafie« 
geblieben ist. Als er wegen Verkaufs des Hauses von dort wegziehen mufite, 



1 26 Seidcl. 

erwarb er sich ein kleines Anwesen in GroB-Lichterfelde bei Berlin, wo er 
seitdem hauste, sich viel mit Blumenzucht beschaftigte, etwas Obst und 
Gemuse baute und voriibergehend auch einen kleinen Hiihnerhof besafi. 
Dort ist er im Krankenhause, in das er gebracht werden mufite, nach 
schwerem Leiden, das er geduldig und gefaflt ertrug, in der Morgenfriihe 
gestorben. Der Schreiber dieses Aufsatzes, der 1880 S. kennen lernte und 
dann sehr viel mit ihm, zumal auf der Heide und am Seestrand, umher- 
gewandert ist, konnte, als er gestorben war, von ihm sagen: 

»Du hast gewahrt dir lebenslang 
Getreu* der Seclc Ruh, 
Und auch den letzten schweren Gang 
Gingst still und l&chelnd du.« 

S. hat vieles geschrieben, was lange Zeit noch Menschen, die Sinn 
fiir die Natur, fur das Einfache und fur wahre Poesie haben, erfreuen wird. 
Er selbst hielt fiir das Beste, das er geschaffen hat, seine Marchen, und nicht 
mit Unrecht, glaube ich, denn auch seine reizendsten kleinen Geschichten 
sind im Grunde Marchen, die, wie alle echten Marchen, die grOflte Vertrautheit 
mit der Natur zur Grundlage haben. Seine Marchen im besonderen Sinne 
sind mit allerliebsten Illustrationen von Karl Rohling unter dem Titel 
» Wintermarchen « zuefst in der Deutschen Verlagsanstalt Union in Stuttgart 
erschienen, in demselben Verlag auch seine » Kinderlieder und -geschichten «. 
Auch fiir die Kinderwelt hat er vieles geschaffen, was in den Kreisen der 
Kleinen mit Freude aufgenommen worden ist. Abgesehen von den Marchen, 
ist dies alles in Versform gehalten und von munterer und lustiger Art. 

S.s Gedichte, die zuerst auf einzelne Bandchen verteilt waren, sind 1903, 
in einen Band zusammengefaflt, in einer Gesamtausgabe erschienen, die 
aufier vielem Ernsthaften, Anmutigen und Zarten auch Humoristisches und 
Drolliges in Menge enthielt Eine kleine Sammlung solcher Sachen, die 
besonders zum Vortrage in Gesellschaften geeignet sind, erschien 1896 in 
besonderer Ausgabe unter dem Titel »Die Musik der armen Leute und 
andere Vortrage*. Darunter ist das auch vortrefflich vertonte Stiick, das 
dieser Sammlung den Namen gegeben hat, »Die Musik der armen Leute «, 
ein solches, das auch in Zukunft uberall, wo es zum Vortrage gelangt, Ver- 
gniigen und von Herzen kommenden Beifall erregen wird. 

S. war ein Mecklenburger und Niederdeutscher von Hause aus und 
beherrschte die plattdeutsche Mundart mit vollkommener Sicherheit. Eine 
Anzahl ganz allerliebster plattdeutscher Gedichte enthalt seine Gedicht- 
sammlung, und auch unter seinen Prosasachen ist etwas Plattdeutsches, aufier- 
dem fallt er in seinen kleinen Erzahlungen, die in Mecklenburg spielen, 
wenn es die Gelegenheit gibt, ins Plattdeutsche hinein und handhabt es 
dann auf eine solche Weise, das denjenigen, die es gut verstehen kdnnen, 
wenn sie es h6ren, das Herz im Leibe lacht. 

Ein Vogelsprachenkundiger war S., wie es wenige sonst wohl gegeben 
hat und noch gibt. Das fiihrte ihn dazu, den Text zu einem Vogelbuch 
zu schreiben, fiir das Hektor Giacomelli die Bilder geliefert hat. Das 
Buch, das 1888 im Verlag von B. Elischer in Leipzig erschienen ist, nennt 
sich »Natursanger«. Es enthalt die Abbildungen von zwanzig unserer 
heimischen Vogelarten. Diese hat S. beschrieben und jeder Beschreibung ein 



Seidel. Burckhardt. 



127 



allerliebstes kleines Gedicht, das sich auf den Vogel, mit dem er zu tun hat, 
bezieht, hinzugefugt. Von diesen Vogeln will ich nur nennen Goldhahnchen, 
Rotkehlchen, Pirol, Schwalbe, Zaunkonig, Grasmiicke, Eisvogel, Nachtigall, 
Kohlmeise, Buchfink und Zeisig. Auf alle, auch auf den Sperling, hat er 
etwas Hiibsches zu sagen gewufit. 

Aus dem Verlage von Liebeskind in Leipzig gingen nach dem Tode 
dieses Verlegers kurz vor 1900 S.s Biicher in den Verlag der J. G. Cottaschen 
Buchhandlung in Stuttgart iiber. Erschiener^sind in beiden Verlagshandlungen 
zusammen bis zu S.s Tode folgende Bande: Bei Liebeskind: I. Leberecht 
Huhnchen, Jorinde und andere Geschichten. II. Vorstadtgeschichten. 
III. Neues von Leberecht Huhnchen und andern Sonderlingen. IV. Ge- 
schichten und Skizzen aus der Heimat. V. Die goldene Zeit. VI. Ein 
Skizzenbuch. VII. Glockenspiel (Gedichte). VIII. Leberecht Huhnchen als 
Grofivater. IX. Sonderbare Geschichten. X. Der Schatz und anderes. 
XI. Neues Glockenspiel (2. Sammlung der Gedichte). XII. Berliner Skizzen. 
XIII. Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. XIV. Die Augen der 
Erinnerung und anderes. Darauf bei Cotta: XV. Reinhard Flemmings 
Abenteuer zu Wasser und zu Lande. XVI. und XVII. Wintermarchen. 
Nach S.s Tode erschienen als XVIII. und XIX. Band Fortsetzung und Schlufi 
von » Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande «, der 
reizendsten aller Schuljungengeschichten. Dann erschien im vergangenen 
Jahre noch ein Nachtrag unter dem Titel: »Ludolf Marzipanis und anderes 
von Heinrich Seidel. Aus dem Nachlafl herausgegeben von H. W. Seidel « 
(dem einen der Sohne S.s), und auch dieses Buchlein enthalt noch manches 
Hubsche. So sind von S., abgesehen von hier und dort verstreuten Prosa- 
aufsatzen und Gedichten — solcher besitzt auch Schreiber dieser Zeilen, mit 
dem er vielfach in Versen verkehrt hat, nicht wenige — im ganzen zwanzig 
kleine Bande vorhanden. Kleine Bande sind es nur, aber ihrer zwanzig, die 
viel enthalten, was noch vielen Menschen Freude bereiten wird. Etwas 
Einheitliches ist dadurch zustande gebracht, daB die Cottasche Buchhandlung 1900 
eine Gesamtausgabe von S.s Schriften begonnen hat. » Leberecht Huhnchen «, 
der aller Liebling ist, mit den verschiedenen Fortsetzungen existiert daneben 
in einer hubsch ausgestatteten Sonderausgabe, die der Deutschen Kaiserin 
gewidmet ist. Zu seinem 60. Geburtstag, 25. Juni 1902, wurde S. von der 
philosophischen Fakultat der Universitat Rostock zum Ehrendoktor ernannt. 
Diese von seinem Heimatland ihm erwiesene Ehrung hat ihn sehr erfreut. 

S. war ein niederdeutscher, im besonderen ein mecklenburgischer Dichter 
von angeborenem Kunstverstandnis und in hohem Grade mit der Natur ver- 
traut, ein Mensch von heiterem Wesen, geschickt in dem, was er angriff, ein 
treuer Freund und ein guter Wandergesell. 

J. Trojan. 

Burckhardt, Heinrich, Glasmaler, * 13. Mai 1822 zu Eisfeld in Thiiringen, 
f 22. August 1906 zu St. Georgen am Ammersee. Sein Leben und Ent- 
wickelungsgang ist untrennbar mit seinem jungern Bruder Christian Burck- 
hardt (* 16. April 1824 zu Eisfeld, f * m September 1893 in Munchen. Vgl. 
»Allgem. Deut. Biographies XXXX, 381) verbunden. Beide empfingen auf 
der Munchener Akademie griindliche Bildung, wendeten sich zu der unter 



1 28 Burckhardt. Gossmann. 

Ainmillers Leitung frisch aufbliihenden Technik, der Glasmalerei, griindeten 
1854 fur diesen Kunstzweig ein eigenes Atelier, in welchem sie ihre selb- 
standigen Kompositionen zur Ausfiihrung brachten. Wie in einer mittelalter- 
lichen »Fabrika« (Bauschule) arbeiteten sie neidlos und von dem beider- 
seitigen freudigen Gefiihl des Schaffens getragen mit gleichem Wetteifer ver- 
standnisinnigst Hand in Hand, jeder vOllig selbstlos fiir die vereinten Auf- 
gaben alle Kraft einsetzend. Mit ihren tiichtigen Leistungen schmuckten sie 
alsbald viele Kirchen des ElsaB, jfu Meiningen, Saalfeld, Bremen, Osnabrfick, 
Heilbronn und Worms. Herzog Maximilian von Bayem zeichnete ihre An- 
stalt durchVerleihung desHoftitelsaus, ihre VaterstadtEisf eld verlieh den Briidern 
das Ehrenbiirgerrecht. GrofiartigeFensterbilderlieferten sie fiir das Ulmer Minister 
und die Martinskirche zu Landshut. Weitere AuftrSge erfolgten fiir die Schweiz, 
Frankreich, England, Amerika, sogar nach China. Nach dem Tode seines 
Bruders blieb Heinrich unter Beihilfe seines gleichnamigen Neffen Heinrich 
B. (* 4. Oktober 1853) bis ins vorgeriickte Alter unermiidlich tatig. Dann 
zog sich Heinrich B. von den anstrengenden Arbeiten zuriick in die idyllische 
Ruhe der sch6nen Ammersee-Gel&nde, wo er, das votium cum digmtatc* 
genieflend, in seiner Liebe und Begeisterung fiir die Natur der Landschafterei 
oblag, nur zu seines Herzens stiller Erquickung, ohne mit diesen Erzeug- 
nissen in die Offentlichkeit zu treten. Sein vorgenannter Neffe machte sich 
auch durch ansprechende Genrebilder einen geachteten Namen. 

Vgl. Kunstvereins-Bericht f. 1906, S. 11. Bericht des Vereins fttr christliche Kunst 
1907, Seite 12. Singer 1895, I. 199. Fr. v. B5tticher 1895, I. 144. 

Hyac. Holland. 

Gossmann, Friederike, K. K. Hofburgschauspielerin, verm£hlte Graf in 
Prokesch von Osten, * in Wiirzburg 23. M£rz 1838, f in Gmunden 
14. August 1906. Als Tochter des Gymnasialprofessors Gossmann und der 
Sangerin Johanna Constanze Gossmann-Weinzierl kam sie 1840 mit dem 
Vater nach Miinchen, wo sie nach dem friihen Verlust der Mutter bald in 
einem Pensionat untergebracht wurde, um sp£ter fiir den Beruf einer Gouver- 
nante herangebildet zu werden. Der Zug zum Komftdienspiel rebellierte 
aber schon in dem Kinde derart gegen alle Schulregelrechtigkeit, dafl fur 
das Gouvernantentum schlechte Aussichten waren. Es gab Strafen und 
Szenen. Der Vater wollte von BQhnentraumen durchaus nichts wissen. Da 
war die Kleine nahe daran, durch einen Gewaltstreich sich frei zu machen 
und mit einer Seilt&nzertruppe durchzugehen, die in jener gemiitlichen Zeit 
sich noch unter freiem Himmel produzierte und die gliihende Bewunderung 
des Kindes auf sich zog. Ein Gericht Dampfnudeln — die Schw&rmerei der 
kleinen Durchbrennerin — die vor der Geniefahrt in die weite Welt noch 
unwiderstehlich lockten, hielt sie ab, rechtzeitig mit den » Kiinstlern « zu ver- 
schwinden. Ohne auf sie zu warten, waren die Seilt&nzer, jeder ein Requi- 
sitenstiick seiner Kunst auf dem Riicken, per pedes abgezogen, der nSchsten 
Landstrafie zu. Diese bittere Entt&uschung driickte aber nur voriibergehend 
den Hang zur Kunst in den Hintergrund. Die ungestiimen Bitten des Kindes 
setzten es endlich doch beim Vater durch, dafl die Kdnigl. bayerische Hof- 
schauspielerin Constanze Dahn um eine Priifung angegangen wurde. Der 
Ausspruch der Meisterin war: »Fiir die Biihne geboren!« Sofort nahm sie 



Gossmann. 1 20 

selbst die Kleine in Unterricht, und binnen kurzem fand sie die Schiilerin 
reif, an ihrer Seite zum erstenmal aufzutreten. Die erste Rolle der kaum 
Funfzehnjahrigen war Leonie im » Damenkrieg«. Nun ging es vorwarts mit 
dem ganzen Feuer der ersten Jugend und Begeisterung. Das erste Engage- 
ment fuhrte sie nach Konigsberg zu einer Gesellschaft, die abwechselnd auch 
in Danzig und Elbing spielte. Dann kam die junge Kunstlerin 1855 nach 
Berlin, wo sie Charlotte Birch-Pfeiffer und der Direktor des Hamburger 
Thalia-Theaters, Maurice, kennen lernten. Beide erkannten in ihr auf den 
ersten Blick ein wunderbar urwiichsiges, frisches Talent, wie es die deutsche 
Biihne lange nicht besessen. Ein Engagement auf zwei Jahre 1855 — 1857 
an das Thalia-Theater in Hamburg war die unmittelbare Folge dieser Be- 
kanntschaft. Der Ruf der blutjungen Kunstlerin zog aber sehr bald auch 
die Aufmerksamkeit Laubes auf sich. Es erfolgte ein Gastspielantrag, auf 
Engagement abzielend, vom Burgtheater in Wien. Maurice wollte den eben 
aufgegangenen Stern seiner Biihne, in den bereits ganz Hamburg verliebt 
war, naturlich nicht so schnell verlieren und bestand auf seinem Kontrakt. 
Unter seiner Leitung entfaltete sich eigentlich erst recht F. G.s ureigenstes 
Talent. Er lenkte ihre Begabung in die richtige Bahn, da er in ihr sofort 
die echte Naive, ihrer ganzen Individualist und Erscheinung nach, erkannt 
hatte, wahrend sie zum tragischen Fach sich berufen glaubte. Wie nun die 
siebzehnjahrige Kunstlerin zwischen diesen beiden Machtigen ihr Recht zu 
erobern, ihren flammenden Ehrgeiz zu befriedigen suchte, ist kostlich in ihren 
an Laube gerichteten Briefen und auch in den Tagebiichern jener Zeit zu 
lesen. Zugleich mit ihrem Brief schickte sie Laube ihr Repertoire von 72 
Rollen, naiven, sentimentalen, tragisohen ! Sie furchtete sich vor nichts. Durch 
wiederholte Sturmpetitionen ihrerseits und die Nachgiebigkeit von Direktor 
Maurice kam endlich doch ein Gastspiel am Burgtheater im Juni 1856 zu- 
stande. Laube hatte eine Reise nach Hamburg nicht gescheut, um auch 
das Seine zur Ermoglichung dieses Gastspiels zu tun. F. G.s erste Gastrolle 
in Wien war Marianne in Goethes Geschwistern, dann Margarethe in »Er- 
ziehungsresultate«, Wolfgang Goethe im »KOnigslieutnant« und Roschen 
in »Rose und R6schen«. Die Kritik war sofort enthusiastisch, das Burg- 
theaterpublikum im Sturm erobert. Das Engagement wurde hierauf fur das 
Jahr 1857 abgeschlossen und F. G. kehrte gliickestrunken noch einmal nach 
Hamburg zuruck. Die Tagebuchaufzeichnungen aus jener Zeit sind iiber- 
schaumend lebensfreudig; sie sind liebenswiirdig aufrichtig durch und durch. 
»Kurz aber schwindlig soil mein Leben sein!« Und sie genieflt es in vollen 
Ziigen, wird umschwarmt, angebetet, verhatschelt, doppelt nun, wo ihr Ver- 
lust bevorsteht. Sie genieflt, wie es nur die erste Jugend wagen kann, 
tanzt bis zum Umsinken, reitet stundenlang im stromenden Regen, kommt 
tropfnafi, vergnugt nach Hause und spielt abends. Von Tollheiten, Amuse- 
ments aller Art erzahlen ihre Tagesreferate, die immer zum Schlufl 
noch geschrieben werden, manchmal im Bette noch und dann oft in 
eine ernste, ja vernichtende Selbstschau ausklingen. Ein Gastspiel Da- 
wisons iibte einen machtigen Eindruck auf sie. Im Zusammenspiel mit 
ihm kommt sie zu der Erkenntnis, dafl sie noch nichts kann, nichts ist 
neben diesem Kiinstler. In dieser Zeit fuhr F. G. nach Berlin, um mit 
der Birch-Pfeiffer die » Grille* zu studieren, und hangt wieder einmal 

Ringr. Jahrbuch 11. Dcutscher Nekrolog-. 11. lid. 9 



1 30 Gossmann. 

sehr ernsten Gedanken nach, weil ihr die Birch-Pfeiffer sagte, sie hitte sich 
verbummelt. 

Dem Antritt des Wiener Engagements gingen viele Hindemisse voraus, 
und Laube konnte nicht genug bieten, wollte die junge Kiinstlerin aber doch 
sobald wie irgend m6glich in Wien haben. »Mein lieber Direktor«, schreibt 
sie am 20. Februar 57, »schien iiber den pekuni&ren Schadenersatz, den man 
ihm fur meine kleine Person bieten wollte, etwas beleidigt zu sein und ich 
bin es auch. 1000 Mark fur zwei Monate! Maurice sagte, wenn ein Stuck 
einschliige, br&chte ich ihm das an einem Abend ein. « Sie unterzeichnet 
sich »Ihr jiingstes Lorbeerb&umlein* , wahrscheinlich eine eigene Aufierung 
des sonst so Gestrengen wiederholend, mit dem sie in ihren Briefen uberhaupt 
in vertraulichster Riickhaltlosigkeit spricht. Sie will eine Rolle in einem 
Stuck von ihm haben. »Erinnern Sie sich Ihres Versprechens in Hamburg 
auf dem Wege vom Hotel Belvedere nach Hotel Kronprinz? Lassen Sie mich 
nur erst in Wien sein, dann quale ich Sie so lange, bis fur mich eine 
Rolle von Ihnen geschrieben ist.« — Laube schickte 500 fl. fur Reise- 
und Ubersiedlungskosten. Die Quittung dafiir lautete: »Nun bin ich ein 
Krftsus ! « 

Im Mai 1857 trat F. G. in der » Grille « ihr Engagement im Hofburg- 
theater an. Der Erfolg war womdglich noch stiirmischer, als bei ihrem Gast- 
spiel. Die Kritik sprach in Superlativen. Das Publikum war vernarrt in die 
kleine Grille. Der Enthusiasmus kannte keine Grenzen. Das Gliick des Er- 
folges machte die junge Kiinstlerin aber durchaus nicht blind fur das, was 
sie am Burgtheater von den grofien Kiinstlern jener Zeit noch lernen konnte. 
Mit Begeisterung blickte sie zu ihnen auf. Eine ihrer angebetetsten Ge- 
stagen war die Tragfldin Julie Rettich, neben welcher sie sich humoristisch 
bescheiden das Radieschen des Burgtheaters nannte. Auf der schwindelnden 
H&he ihrer Popularitat fiihrte sie jene liebenswtirdige, fiir einen der Grund- 
ztige ihres Wesens charakteristische Tat aus, durch welche sie die Existenz 
einer schwer bedr&ngten Familie rettete. Dieser gehOrte eine kleine Mehl- 
messerei in Mariahilf, welche durch gesch&ftliches Ungliick unter den Hammer 
kommen sollte. F. G. entschlofi sich, an einem bestimmten Tage in der 
Mehlmesserei zu verkaufen. Als dies bekannt wurde, pilgerte » ganz Wien « in 
den kleinen Laden. Die Equipagen des Adels und der Finanzwelt standen 
reihenweise der engen Gasse entlang. Alle Welt wollte Mehl von der 
Gossmann haben, und so steuerte das gemiitliche Wien seinem vergdtterten 
Liebling in wenigen Stunden die Summe in die Hand, welche die Inhaberin 
des Geschafts, eine Witwe und ihre Kinder, vor dem Ruin sicherte. 

Die auflerordentlichen Erfolge am Burgtheater trugen der jungen KQnst- 
lerin die gl£nzendsten Gastspielantrage zu. Da sie keine Rechenmeisterin 
war, hielten Soil und Haben nie gleichen Schritt und die Nebeneinnahmen 
der Gastspiele waren ihr daher sehr willkommen. Laube wollte aber nichts 
davon wissen und gab sie nur selten auf kurzeste Zeit frei. Darauf schrieb 
sie ihm gelegentlich am 20. M&rz 58: »Liebster bester Herr Direktorl Wenn 
Sie nicht wollen, dafi die kleine Grille mit Nachstem versiegelt wird, so 
unterstiitzen Sie mit alien Kraften die Beriicksichtigung beifolgender Kleinig- 
keiten!?!? Aber kein Vorschufi, bitte recht schdn. Ich wiifite nicht, dafl ich 
das jemals wieder abzahlen kdnnte. Fiir das kaiserliche Theater ist es eigent- 



Gossmann. 1 3 1 

lich doch eine KJeinigkeit und fur mich die dreizehnte Arbeit des Herkules, 
jedenfalls die schwierigste von den zwolfen. Schneider H. wird sich die 
Ehre geben, noch mit einer Rechnung von a peu prcs 600 fl. zu erscheinen. 
Sie sehen, die 1500 fl. sind beisammen. Bitte, bitte, rangieren Sie mich; 
ich verspreche auch recht fleifiig, gesammelt!? und sparsam zu sein. In 
tiefen Schulden ersterbend, hochachtungsvoll F. G. « 

Nach wenig Jahren, 1859, verliefl F. G. das Burgtheater, urn freier uber 
ihre Gastspielreisen verfugen zu konnen. Es zog sie aber bald wieder dahin 
zuriick. Dies wiederholte sich dreimal, bis sie am 7. Marz 1861 das Burg- 
theater ganzlich verliefi, um wenige Tage spater sich mit Graf Prokesch 
von Osten, dem Sohne des osterreichischen Internunzius in Konstantinopel, 
des ausgezeichneten Kenners und Schilderers des Orients, zu vermahlen. 
Wien wollte an den Verlust seiner Grille nicht glauben. Die Tagesblatter 
widmeten der jungen Frau die begeistertsten Nachrufe. F. G. zog mit ihrem 
Gatten, nach einem langeren Aufenthalt in Konstantinopel und Agypten, 
dann nach Gmunden am Traunsee, wo sie in einem dicht neben Karl 
La Roches Sommersitz liegenden Hauschen gliickliche Jahre, fern von der 
Buhne verlebte. Spater iibersiedelte das Paar in den grfifleren heutigen 
Prokesch-Besitz, dessen erhohte Lage einen wundervollen Blick auf den 
Traunsee und die Gebirgswelt des Salzkammergutes gewahrt. Hier ent- 
wickelte sich neben dem schonsten Familienleben — drei TSchter und ein 
Sohn wurden dem Ehepaar geboren — ein lebensvoller geselliger Verkehr, 
eine feingeistige Atmosphare, die gleicherweise von der Hausfrau, wie dem 
Hausherrn ausging. Graf Prokesch war aus dem Armeedienst ausgetreten 
und widmete sich nun literarischen Arbeiten. Er trat mit verschiedenen 
interessanten Werken hervor, zu denen die Herausgabe eines Teils des reichen 
literarischen Nachlasses seines Vaters, sowie Publikationen aus dem Nachlafi 
von Friedrich von Gentz gehoren. Zu den letzteren zahlen: »Aus dem Nachlafi 
Friedrich von Gentz'. « 2 Bde. Gerold. Wien. 1867—68. » Dipfches inedites du 
Chevalier de Gentz. « 3 Bde. Paris. Plon. 1876—77. »Zur Geschichte der 
orientalischen Frage. « (Briefe von Gentz). 1 Bd. Wien. Braunmiiller. 1877. Zu 
den ersteren: Aus dem Nachlafi des Grafen Prokesch von Osten: »Mein Ver- 
haltnis zum Herzog von Reichstadt. « » Zwei Sendungen nach Italien. « Stuttgart. 
Speemann. 1878. » Prokesch' Briefwechsel mit Gentz und Metternich.« 2 Bde. 
Gerold. 1881. » Briefe des Grafen Prokesch von Osten.* 1849— 1855. iBd. Gerold. 
1896. Eigene Arbeiten des Grafen Prokesch fun. waren »Nilfahrt bis zu 
den zweiten Katarakten*, »Fuhrer durch Agypten und Nubien*. Leipzig. 
Brockhaus. 

Aus der jugendspriihenden Naiven des Burgtheaters war eine Gr&fin von 
vornehm anmutigem Wesen und eine zartliche Gespielin ihrer Kinder ge- 
worden. Doch das Kiinstlerblut und der Vollglanz ihres Ruhmes, in dem 
sie trotz ihres Rucktritts von der Buhne blieb, liefien sie nicht ruhen. Die 
verlockendsten Antrage zogen sie wieder zum Theater. Sie ging indessen 
auf kein festes Engagement mehr ein, sondern unternahm nur noch Gast- 
spieltouren nach Deutschland, Holland, Rufiland. Cberall waren es dieselben 
Triumphzuge. Ihre Kunst schien noch gewachsen, noch vertiefter geworden 
zu sein. In einem Briefe Friedrich Nietzsches aus Bonn im Januar 1865 heifit 
es: » Von ihr (F. G.) mufi ich euch noch viel erz£hlen. Wir Frankonen waren 

9* 



j 32 Gossmann. 

natiirlich samt und sonders in sie verliebt, heulten auf den Kneipabenden 
die Lieder, die sie gesungen, und rieben auf ihr Wohl einen Salamander. « 
Zu den Rollen, die fur sie geschrieben waren, kamen neue, die sie durch 
die Welt tragen sollte. »Sie hat ihr Herz entdeckt* schrieb Wolfgang 
Muller fiir sie wihrend eines Gastspiels in Kdln, dann Moritz Hartmann sein 
»Gleich und gleich,« Halm sein »Wildfeuer«. M. Bernays widmete ihr in 
seinen Schriften »Zum Deutschen Drama und Theater* einen langen Auf- 
satz, in dem er das Wesen ihrer kunstlerischen Individualit&t tiefgehend und 
begeistert zugleich analysierte. An ihrer » Grille « hebt er besonders hervor, 
dafl sie diese Gestalt nicht aus dem Birch-Pfeifferschen Buhnenmachwerk, 
sondern aus ihrem eigensten Ich herausgeschaffen und darum ■ durch elemen- 
tare Wahrheit und Poesie hoch iiber den Wert des Stuckes emporgehoben 
habe. »Sie formt und adelt den unfertigen Stoff, den ihr die Autoren 
uberliefern, und bis in seine kleinsten Bestandteile hinein durchdringt sie 
ihn mit lebensvoller Schdnheit. So wird es ihr denn auch moglich, einen 
bedeutungslosen, platten Dialog zur Poesie umzubilden, ihm ihre eigene 
Kraft und Anmut zu geben*. Die grftfite kiinstlerische Bedeutung legte 
Bernays ihrer Darstellung der Marianne in Goethes » Geschwistern « bei, wie 
sie bewunderaswiirdig rasch und sicher die Folge wechselnder Empfindungen 
hindurchgeht. »Das Drama fiihrt uns doch nahe an eine Region von 
Empfindungen heran, in der ein Mensch von gesunder Sinnesart und klarem 
Gefiihl unmOglich mit Behagen verweilen kann. F. G. weifl es durch ihre 
Darstellung zu verhindern, dafl irgend eine unbehagliche Empfindung uns 
beriihrt. Sie offenbart hier ebenso viel kiinstlerische Feinheit wie tiefe 
Herzenskenntnis. Vor allem iiberzeugt uns diese Marianne gleich durch ihre 
ersten Worte von der unberiihrten Reinheit ihres Gemutes, von der kind- 
lichen Unbefangenheit und von der frischen geistigen Gesundheit ihres 
Wesens.« — Hier schSpfte die Kunstlerin allerdings aus ureigenster Quelle. 
So war sie selbst, deren Ruf wahrend einer Laufbahn von seltenem Glanze 
rein und unangetastet blieb von bdser Nachrede. 

Auf der H6he ihres vollsten kunstlerischen K6nnens, 1867, entsagte 
F. G. fiir eine Reihe von Jahren ganz der Buhne und widmete ihr Talent 
nur noch Vorlesungen und Gelegenheits-Auffuhrungen, meist fiir wohlt&tige 
Zwecke. Durch die Residenz des hannoverschen Hofes in Gmunden, mit 
dem das Haus Prokesch in freundlichsten Beziehungen stand, gab es iiberdies 
Ofters festliche Gelegenheiten, bei denen die Grafin durch kleine selbstver- 
faflte Dichtungen und Darstellungen mitwirkte. Sie griff jetzt uberhaupt 
manchmal zur Feder und verdffentlichte in Jahrbiichern und Zeitschriften 
allerlei hiibsche kleine Sachen. Schade ist es, dafl sie ihre Erinnerungen an 
interessante Menschen und Erlebnisse aus ihrer iiberaus reichen, wenn auch 
kurzen Btihnenlaufbahn nicht zusammenfafite. In ihrem schOnen Heim in 
Gmunden sammelte sie in dem bekannten Grillenzimmer alle Trophaen ihrer 
Siegesziige. Dieses Gemach ist heute mit seinen Bildnissen, Kr&nzen, Ge- 
schenken, Adressen, ein sehr charakteristisches Sttick Zeit- und Buhnen- 
geschichte. 

Die Neuerscheinungen der Literatur und des Theaters wurden mit grOfitem 
Interesse verfolgt. Man konnte das so schdn in der Ruhe der Halbl&ndlich- 
keit Gmundens, wo doch immer ein kleiner Kreis von Menschen sich zu- 



1 



Gossmann. 



133 



sammenfand, deren Interessen auf gleicher Hohe standen. Man las oft mit 
verteilten Rollen. Anzengruber begann damals endlich zur Anerkennung als 
Dramatiker zu kommen. Im Hause Prokesch wurde mit Begeisterung der 
Pfarrer von Kirchfeld gelesen, dessen Hauptrollen F. G. als Anna Birkmaier 
und Erzherzog Johann — der spatere Johann Orth — ein fleifliger Gast im 
Hause Prokesch, als Pfarrer sprach. Uber die Gestalt dieses Erzherzogs, 
der ein hochbegabter Mensch und ein Idealist vom reinsten Wasser gewesen 
sein mufi, schrieb sie spater eine sehr hiibsche Skizze in eines der Scheffel- 
Jahrbiicher, deren fleiflige Mitarbeiterin sie war. Neben einem uberaus reg- 
samen geistigen Leben gab man sich aber auch eifrig alien Ubungen des 
Sports, Fechten, Schiefien, Radeln, hin, Grafin Fifi aber, wie sie genannt 
wurde, mit besonderer Vorliebe dem Wohltatigkeits-Sport im besten Sinne. 
Ihre warme frohe Menschenliebe ersann immer neue Feste und Formen, um 
Gutes zu stiften, Bedurftigen zu helfen. Ihre Kunst und ihre gesellschaftliche 
Stellung halfen ihr dabei. Eine ihrer schonsten und bleibendsten Schopfungen, 
die heute, nach ihrem Tode noch, von ihrem Gatten treu behutet und weiter- 
gefiihrt wird, ist die wahrend des ganzen Winters stattfindende Ausspeisung 
der Schulkinder eines armen Gebirgsdorfes in der Traunsee-Gegend, Neu- 
kirchen. Jede Weihnacht, solange F. G. lebte, fuhr das Ehepaar Prokesch 
uber die Berge im Schlitten nach diesem Dorf, um selbst die Christbe- 
scherung zu bringen. Viele solcher Verdienste veranlaflten denn auch den 
Gemeinderat der Stadt Gmunden, Grafin Prokesch in das goldene Ehrenbuch 
der Stadt einzutragen. 

Nach langen Pausen trat F. G. noch zweimal offentlich zu wohltatigen 
Zwecken auf. 1875 spielte sie im Wiener Stadttheater Gretchen im Faust, 
und wiederum dreizehn Jahre spater 1888 in Wien und 1889 in Hamburg 
»Nora«, deren Rolle ihr Ibsen selbst gesandt hatte mit den Worten: »Eine 
Rolle fur Sie!« — Also ein Menschenalter spater konnte sie noch in dem 
gleichen Jugendfach auftreten, mit dem ihre Laufbahn begonnen hatte. Sie 
erlebte an diesen Abenden noch einmal die Seligkeiten des Erfolges. Ibsen 
sandte ihr telegraphisch seine Huldigung. Die Kritik nannte ihre Auffassung 
der Nora »die gliicklichste Mischung eines starken gel^uterten Verstandes 
und eines mit Leben iiberfullten Naturells«. 

Nach dieser letzten Rolle trat F. G. fur immer in das Privatleben zuriick, 
nur zeitweilig noch am Lesetisch ihre sonnige Kunst dem Wohltun widmend, 
oder einen engeren Kreis erfreuend. Helle, echte Menschenliebe war der 
innerste Kern ihres Wesens, der sie nie ruhen liefi. So aus ihr selbst heraus, 
schien uber ihrem ganzen Leben ewige Sonne zu leuchten, ewige Jugend ihr 
beschieden. Das gliicklichste Familienleben, in dem sie mehr die gute 
Kameradin der heranwachsenden Jugend, als die lehrende, wehrende Haus- 
mutter war, trug und hatschelte sie. Und als die bliihende Tochterschar 
sich verheiratete und ihr Enkel bescherte, mochte sie weder Schwieger- noch 
GroBmutter heiflen. Mimmi wollte sie schlankweg genannt sein von Grofi 
und Klein. Ein offenherziges Bediirfnis, so viel wie moglich die Jugend 
oder deren Abglanz wenigstens festzuhalten, das so tief menschlich, weiblich 
ist, und von so wenigen ehrlich eingestanden wird, blieb ihr eigen bis zum 
Tode, vor dem sie ihrem Gatten, dem treuesten Gefahrten der letzten schweren 
Zeit, noch den Wunsch aussprach, dafl man ihr Angesicht bedecken moge, 



134 



Gossmann. Sufimann. 



falls es entstellt ware. Selbst im Augenblick vor dem ewigen Dunkel dachte 
sie daran, keinen unsch6nen Eindruck zu hinterlassen. 

F. G. starb zu der Zeit, als die Alpenwelt ihres schdnen Traunsees in 
voller Sommerherrlichkeit prangte. Zu ihrem Begr&bnis kamen viele von 
hohem Rang und Namen. Das Ergreifendste aber war ein langer Kinderzug, 
der ihrem Sarg folgte. t)ber 200 Kinder waren drei Stunden weit herge- 
kommen, aus dem Gebirgsdorf Neukirchen, um ihrer heimgegangenen Wohl- 
taterin den letzten Dank darzubringen. 

In Kinderherzen, weit, weitab von der lauten Welt, hat ihr die eigene 
Liebe ein bleibendes Denkmal geschaffen. Ein anderes erz&hlt von ihrer 
Kunst: im Wiener Burgtheater, wo unter den plastischen Bildnissen der 
Gr6fiten dieser Biihne ihre feinen Madchenziige als » Grille « spatere Ge- 
schlechter griiflen. Goswina v. Berlepsch. 

SiifJmann, Hermann, Dr. med., Komitatsoberphysikus, ord. Mitglied des 
ungarischen Landessanitatsrates, * am 22. Mai 185 1 in Hermannstadt, 
f ebenda am 2. Januar 1906. 

S. besuchte nach Vollendung der Gymnasialstudien in seiner Vaterstadt 
im Jahre 1869 zunachst die Universitat Heidelberg, um Medizin zu studieren. 
Der Aufenthalt daselbst — er hdrte u. a. bei Arnold Anatomie und bei 
Helmholtz Physiologie — ist fur sein ganzes Leben von der hOchsten Be- 
deutung geworden und zwar sowohl fur die Entwicklung seines Charakters 
wie fur die tiefe Auffassung seines Berufes. Nach zweijahrigem Studium in 
Heidelberg begab er sich nach Wien, wo an der medizinischen Fakultat die 
hervorragenden Professoren Hyrtl, Rokitansky, Dumreicher, Bamberger, 
Billroth, Hebra, Salzer ihre H6rer fesselten. In Wien promovierte S. 1875 
zum Doktor der gesamten Heilkunde. 

In den beiden letzten Studienjahren hatte S. an der Poliklinik unter 
Professor Urbantschitsch, dann an der von Professor Arlt geleiteten Augenklinik 
und an der chirurgischen Abteilung unter Professor Salzer gearbeitet. Schon 
im Mai 1875 wurde er zum Sekundararzt am Franz- Josefs-Biirgerspital in 
Hermannstadt gewahlt und trat diesen Dienst am 1. Juli dieses Jahres an. 
Hier eroffnete sich dem strebsamen jungen Arzte ein weites Feld fur seine 
Tatigkeit. Der stadtische Magistrat anerkannte die erfolgreiche Wirksamkeit 
S.s, ernannte ihn zum Leiter des Spitals und sprach ihm seine besondere 
Anerkennung aus (1*881). 1882 wurde er zum Primararzt an demselben 
Spitale gewahlt. Es ist gewifi mit ein Verdienst S.s, wenn diese Anstalt, 
die zu S.s Zeit bei 169 Kranken nur zwei Arzte hatte, bis heute einen der- 
artigen Aufschwung genommen hat, dafi sie zwei Primararzte und vier 
Sekundararzte in Anspruch nimmt. Auf S.s Anregung und noch unter seiner 
Anleitung wurden an Stelle des mangelhaft geschulten bisherigen Pflege- 
personals Schwestern der evangelischen Krankenpflegeanstalt eingefiihrt und 
der Bau eines eigenen Pavilions fiir Infektionskranke beschlossen, allerdings 
aber erst 1888 ausgefuhrt. 

Nach funfjahriger Arbeit als Primararzt erhielt S. seine Berufung als 
Oberphysikus des Hermannstadter Komitates. In dieser Stellung, die seinen 
Wirkungskreis im Vergleich zu seinem bisherigen bedeutend erweiterte, hat 
S. bis zu seinem Tode sich auf jede Weise bemuht, den Sanitatsdienst des 



Stiflmann. 



135 



ganzen Munizipiums zu reorganisieren. Die neue amtliche Eigenschaft 
ermoglichte S. vor allem sich als Hygieniker zu betatigen. In zahlreichen 
Aufsatzen, die in der Tagespresse erschienen, in einer grofien Reihe von 
Flugschriften hat er immer wieder hygienische Fragen behandelt und das 
Verstandnis weiterer Kreise fur diese zu wecken versucht. Es ist ihm dies 
nicht immer in der erwiinschten Weise gelungen, das hat ihn aber nicht 
entmutigt, auf dem einmal als richtig erkannten Wege weiter zu gehen. 

Eine seiner ersten Bemuhungen im neuen Amte bezweckte, die grofie 
Kindersterblichkeit zu beseitigen. Er fiihrte deshalb im Hermannstadter 
Komitate eine grundliche Reform der Hebammen-Vorbereitung durch, veranla6te 
die Griindung einer Hebammenschule in diesem Verwaltungsbezirke und den 
Bau fur Unterbringung derselben in Hermannstadt. Gleichzeitig wurde auch 
ein Wiederholungskurs fur die schon praktisch tatigen Hebammen eingerichtet. 

Zur Bekampfung der Infektionskrankheiten suchte er die Errichtung 
beweglicher Krankenbaracken durchzusetzen, was ihm zwar nicht gelang, 
doch erreichte er wenigstens die Aufstellung einiger Desinfektionsapparate. 

Seit 1897 setzte er seine ganze Kraft dafur ein, ein Sanatorium im 
Hohenklima ins Leben zu rufen, das unbemittelten Rekonvaleszenten dienen 
sollte, denen eine Lungenkrankheit drohte. Fur diese Idee hat S. auch 
materielle Opfer nicht gescheut, er hat aber auch mafigebende Faktoren fur 
sie zu begeistern gesucht und sogar das Interesse und den Beistand der 
Regierung zu erringen verstanden. Im Zusammenhange mit seinem unermiid- 
lichen Kampfe gegen die Tuberkulose steht auch seine Teilnahme am 
Tuberkulosekongrefi im Oktober 1905 in Paris. Das Programm desselben 
weist auch einen Vortrag S.s auf, der nur wegen Mangel an Zeit wieder 
abgesetzt werden mufite. S.s hervorragende Tatigkeit auf hygienischem 
Gebiete wurde bald auch hoheren Ortes erkannt und gewiirdigt. Schon 
1895 wurde ihm die Ehre zu teil, vom ungarischen hygienischen Landes- 
verein zum Ehrenmitgliede gewahlt zu werden, und zwei Jahre darauf 
ernannte ihn der Minister des Innern zum Mitgliede des Landessanitatsrates, 
der obersten Sanitatsbehorde Ungarns. 1905 wurde S. neuerdings auf weitere 
sechs Jahre in den Sanitatsrat berufen. 

Neben seiner amtlichen Tatigkeit und ausgedehnten Privatpraxis fand S. 
doch noch Zeit, fur die Hebung und Forderung seines Standes unentwegt 
tatig zu sein. Ihm verdankt der siebenbiirgisch-sachsische Arzteverein seine 
Griindung, und als Obmann der Hermannstadter medizinischen Sektion des 
naturwissenschaftlichen Vereins hat er unermudlich gewirkt. 

S. war bereits vor Jahren infolge einer tiickischen Krankheit, der auch 
zwei seiner Geschwister zum Opfer gefallen waren, nahe dem Rande des 
Grabes gewesen. Dank der aufopfernden Pflege seiner Familie und der 
grofien Heilkraft des Bades Borszek war er aber vollstandig genesen. In 
den letzten Tagen vor seinem Tode klagte er wieder uber Unwohlsein, zu 
dem eine ungewGhnlich stark auftretende Typhusepidemie in Hermannstadt 
mit ihren Anstrengungen und Aufregungen wohl mit beigetragen hat. Dennoch 
kam sein Tod, auch denen, die mit ihm tagtaglich umgingen, unerwartet. 
Er starb infolge eines Herzschlages. 

Dr. Fr. Schuller, Schriftstellerlexikon der Siebenblirger Deutschen IV. Bd. 

Hermannstadt. Dr. Fr. Schuller. 



1 36 Hacker. 

Hacker, Horst, Landschaftsmaler, * 8. April 1842 zu Plaussig bei Leipzig, 
f 18. Dezember 1906 in Miinchen, verbrachte die Jugend auf dem Rittergut 
der Eltern, durchlief die Kadettenschule zu Dresden und trat nach glanzendem 
Absolutorium als Offizier in das sachsische leichte Reiterregiment zu Groflen- 
hain. Hatte er schon auf der Schule gezeichnet, so liefl ihm jetzt der Dienst 
genug Zeit, die vom hohen Rofl herab oder in stiller Wanderung erlauschten 
Eindrucke auf die Leinwand zu bannen. Das instinktive Gefiihl, die weite, 
farbige Welt kennen zu lernen, nahm allgemach so iiberhand, dafi er dem 
militarischen Dienst entsagte, um die freie Natur grundlich zu studieren. 
Darum iibersiedelte H., vom Ruf der dortigen Kunstlerschaft machtig 
angezogen, nach Miinchen, trat erst bei Richard Zimmermann, dann bei Adolf 
Lier abermals in die Schule und ging wohlgemut an sein neues Arbeitsfeld 
nach den altbayerischen Bergen durch die Schweiz nach Oberitalien und 
den weiten Siiden hinab, iiberall offenen Auges die neuen Eindrucke ein- 
heimsend und in Skizzen und Bildern nach eigener Erfahrung und Stimmung 
festhaltend. Die ihm auf alien Wegen entgegenstrahlende helle, harmonische 
Freude wiederzugeben, dafl seine Empfindung auch aus dem Bilde den 
Beschauer ebenmafiig frohgestimmt und begluckend packe: das gelang ihm 
in hohem Grade. Gleichviel, woher er seine Motive nahm, ob aus dem 
Otztal oder von dem Wetterhorn, vom Gosau- oder Ober-See (bei Berchtes- 
gaden), oder der Axenstrafle bei Fltielen, ob bei Fruhling oder Sommer, in 
Herbst- oder Winterzeit: alles widerhallte in Eichendorffs sangesheiterer 
Wanderlust: »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den fuhrt er in die 
weite Welt!« Es schien immer Sonntag in seinem Gemute. Seine Kunst 
ging jeder diisteren Stimmung, schwarz geballten Wolken oder pfeifendem 
Sturm lieber aus dem Wege; doch verwertete er auch solche Szenen. Ihm 
imponierte die Groflartigkeit der Alpenfursten in iiberwaltigender Macht und 
Herrlichkeit. Auch ein stiller See mit trefflich gemaltem Wasser, umrahmt 
von tiefdunklem Tann, iiberragt von schnee- und eisgekrOnten Gipfeln, dariiber 
einige in klarer Luft stillhinsegelnde Wftlkchen. Und dann erst der schCn- 
geschwungene Bogen des Golfes von Neapel mit dem Vesuv. Sein Opti- 
mismus blieb dem Kiinstler treu und war ihm auch nfttig und trOstete ihn, 
als b6se, schwere Tage der Krankheit kamen. Das »aequam servare mentem 
rebus^ in arduis* ist auch eine philosophische Asthetik! Er wurde diesem 
artistischen Kredo zwar nie ungetreu, aber man fuhlte doch, dafl sein Pinsel 
milder und matter wurde und der Kiinstler nicht mehr aus der Gegenwart 
Born schopfte, sondern an Erinnerungen zehrte. Eine konventionelle Eil- 
fertigkeit nahm iiberhand. In guten Tagen kamen freilich wieder Nachkl&nge 
aus der besten Zeit. Dazu zahlten eine Herbstpartie aus der Ramsau (1869), 
Weg nach der Zwieselalm mit den Donnerkegeln, der Golf von Bajae, Motive 
vom Simplon. »Aus der Welt Ende« (im Suldental vor der Ortlergruppe), 
ein Winterabend (Rehe unter Buchen am gefrorenen Flufl; in der Feme 
Sonnenuntergang und ein ragender Dom), » Waldinneres « mit Edelwildstaffage; 
eine grofle gestiirzte Eiche im Winter als »Gefallener Waldk6nig« (1890). Als 
der Kiinstler die grOfieren Studienreisen nach dem Siiden einstellte, reduzierte 
er sich auf den Gardasee, die Reichenau und zuletzt auf Bernried, dessen 
herrlicher Park immer neue Motive bot. In seinem Atelier hatte er ein 
wahres Museum von kostbaren Seltsamkeiten und iiberall aufgefundenen 



Hacker. Jahn. 1 37 

Kunstsachen aufgestapelt, auch Olgemalde alter und moderner Meister, die 
durch Helbing zur vielumworbenen Auktion kamen. Zwei grofie, seine ganze 
Kunstlerlaufbahn vorfiihrende Kollektionen im Kunstverein ausgestellt, boten 
Liebhabern und Sammlern erwiinschte Gelegenheit. Medaillen und Aus- 
zeichnungen waren ihm vielfach zuteil geworden, 1874 von London, 
1879 Teplitz und Sydney, 1901 Lyon. Ein anziehendes Bikinis aus jiingeren 

Jahren malte R. Hirth du Frenes. 

Vgl. Fr. v. Botticher 1895. I. 443. Singer 1896. II. 114. Nekr. im Bericht des 
MUnchener Kunstvereins fiir 1906, S. 14. 

Hyac. Holland. 



Jahn, Hans, Chemiker, * Kustrin 4. Juli 1853, f 7. August 1906 Berlin. 
Nach Absolvierung des franzosischen Gymnasiums in Berlin studierte er an 
der dortigen Universitat, sodann in Heidelberg und zuletzt wieder in Berlin 
Chemie, Physik und Mathematik, wobei seine Lehrer hauptsachlich A. W. 
v. Hofmann, R. Bunsen, G. Kirchhoff und L. Kronecker r waren. Im Hof- 
mannschen Institut als Privatassistent angestellt, fiihrte J. seine erste selb- 
standige Arbeit uber Derivate des sekundaren Oktylalkohols aus, mittels deren 
er sodann im Sommer 1875 an der Universitat Heidelberg den Doktortitel 
erwarb. Bald darauf empfahl ihn Hofmann an Prof. Christomanos in Athen, 
in dessen Laboratorium er 1875 als Assistent eintrat; ferner hatte J. nach der 
Ernennung zum Professor an der dortigen Universitat chemische Vorlesungen 
zu halten. 1877 gab er diese Stellung auf und siedelte nach Wien uber, 
wo er sich an der Universitat als Privatdozent habilitierte und zugleich im 
Laboratorium von Prof. E. Ludwig arbeitete. Dann vertauschte er 1884 
Wien mit Graz, habilitierte sich abermals und trat in das damals neue 
chemische Institut seines Freundes L. von Pebal ein. Nach dessen tragischem 
Tode wandte sich J. 1889 wieder nach Berlin, wo Landolt den durch riihm- 
liche Arbeiten bereits bekannten Forscher mit Freude in sein damaliges La- 
boratorium an der Landwirtschaftlichen Hochschule aufnahm. Als Landolt 
1891 die Leitung des II. chemischen Universitats-Instituts ubertragen wurde, 
folgte J. und habilitierte sich zugleich wieder als Privatdozent. Er wurde 
1896 zum auflerordentlichen Professor mit dem Lehrauftrage fiir Elektroche- 
mie (1898) zum Abteilungsvorstande an dem Institute ernannt. Seine regel- 
mafligen Vorlesungen betrafen, aufler der Elektrochemie, die Thermochemie 
und Thermodynamik chemischer Vorgange, eine Einleitung in die theoretische 
Chemie und die Elemente der Differential- und Integral-Rechnung fiir Che- 
miker. Als mit Beginn des Wintersemesters 1904/5 das Laboratorium unter 
die Direktion von Prof. W. Nernst mit der Bezeichnung » Physikalisch-che- 
misches Institut « Iiberging, blieb J. in der friiheren Stellung. 

Die wissenschaftlichen Arbeiten J.s beginnen in dem Jahre 1875, wo er 
sich mit dem sekundaren Oktylalkohol beschaftigte und einige neue Derivate 
desselben darstellte. Nach seiner Ubersiedelung nach Athen veroffentlichte 
er 1878 eine genaue Analyse des Wassers der warinen Quellen von Thermo- 
pylae und unternahm ferner eine Untersuchung griechischer Gerbmaterialien, 
besonders der Valonia, wobei es sich hauptsachlich urn die Bestimmung ihres 
Gerbstoffgehaltes handelte. 



138 Jabn. 

Aus der in Wien im Laboratorium des Prof. E. Ludwig zagebrachten 
Zeit stammt eine 1880 ausgefuhrte Arbeit iiber die Einwirkung von Phospho- 
niumjodid auf Schwefelkohlenstoff. Eine weitere Untersuchung betrifft das 
Studium der Zersetzung der D£mpfe einfacher organischer Verbindungen 
durch Zinkstaub. 1882 folgten 1. Bestimmungen der Dampfdichte des Broms. 
2. Versuche zur Darstellung der Aminbasen sekund&rer Alkohole. In der 
letzten VerOffentlichung aus der Wiener Periode, den elektrolytischen Studien, 
betritt J. 1883 endlich das Gebiet, welchem er spater sein Hauptinteresse 
zuwandte. 

Die folgenden, im Universitatslaboratorium zu Graz ausgefuhrten Unter- 
suchungen J.s erstrecken sich vom Jahre 1885 bis Friihjahr 1889. 

Eine neue Periode in den Publikationen J.s beginnt mit der Obersiedlung 
nach Berlin. Hier beschaftigte er sich in dem Laboratorium der Landwirt- 
schaftlichen Hochschule zuerst mit der elektromagnetischen Drehung der 
Polarisationsebene in Fliissigkeiten, besonders in Salzldsungen. In einer 
weiteren Abhandlung: Zur Thermochemie der Rechts- und Links- Weins&ure, 
wird nachgewiesen, dafi die Neutralisationswarmen der beiden S&uren gegen 
Nikotin iibereinstimmend sind. Die nun folgenden Untersuchungen stammen 
alle aus dem friiheren sogenannten II. Chemischen Institut der Universit&t. 
Sie betreffen zunachst eine in Gemeinschaft mit Landolt ausgefuhrte Unter- 
suchung iiber die Molekularrefraktion einiger einfacher organischer Ver- 
bindungen fur Strahlen von unendlich grofier Wellenlange, ferner die latenten 
Verdampfungsw&rmen einiger organischer Verbindungen, handelnd iiber die 
Beziehungen derselben zu den Dielektrizit&tskonstanten. Sodann folgt eine 
Notiz iiber die sekund&ren W&rmen galvanischer Elemente und die gemein- 
schaftlich mit G. Mftller vorgenommene Arbeit » iiber die dispersionsfreie 
Molekularrefraktion einiger organischer Verbindungen «. 1895 erscheinen 
sodann rasch folgende Abhandlungen : Beitrage zur Thermodynamik der 
galvanischen Polarisation, in Gemeinschaft mit O. Schdnrock. — Ober die 
Abh&ngigkeit des Dissoziationszustandes einiger S&uren der Fettreihe von 
der Temperatur. — Ober die von der Batterie w&hrend der Zersetzung 
gelOster Elektrolyte zu leistende Arbeit, sowie iiber die an den Elektroden 
polarisierter Zersetzungszellen lokalisierten WarmetOnungen. — Ferner folgen 
(1897) Elektrochemische Notizen, betreffend 1. die Elektrolyse des Natrium- 
hydroxyds unter Anwendung einer Quecksilberkathode, 2. eine Modifikation 
des Warren de la Rueschen Elementes. — 1898 erschien die wichtige Mit- 
teilung iiber galvanische Polarisation. Im AnschluO daran steht die Abhandlung 
iiber die galvanische Polarisation in den Ldsungen der Alkalisulfate (1899). — 
W&hrend der Jahre 1900 und 1901 verdffentlichte J. unter dem Titel: »Uber 
den Dissoziationsgrad und das Dissoziationsgleichgewicht stark dissoziierter 
Elektrolyte « drei wichtige Abhandlungen. — Sodann erschien zu derselben 
Zeit die Mitteilung: Ober die Nernstschen Formeln zur Berechnung der 
elektromotorischen Kraft der Konzentrationselemente. Eine weitere lange 
Reihe von Versuchen, welche J. unter Mithilfe verschiedener seiner Schuler, 
wie Bogdan, Bukschnewski, Oppenheimer, Goldhaber, Berliner, Redlich, 
Metelka und Frl. Hertz, ausfiihrte, betrifft die »Wanderungsgeschwindigkeit 
der Ionen in verdiinnten L6sungen«. Im Anschlufi an die Dissoziations- 
abhandlungen erschien ferner 1902 der »Entwurf einer erweiterten Theorie 



Jahn. I39 

der verdunnten L5sungen«. Die letzten experimentellen Arbeiten, mit denen 
J. sich beschaftigte, betrafen endlich die Verfeinerung der kryoskopischen 
Methoden. Die zunSchst erlangten Resultate, welche unter Anwendung der 
Haloidsalze der Alkalimetalle erlangt wurden, finden sich 1905 in der 
Abhandlung: »Cber die Erniedrigung des Gefrierpunktes in den verdunnten 
LOsungen stark dissoziierter Elektrolyte« niedergelegt, und es sollten die 
Versuche noch in umfangreicher Weise fortgesetzt werden. Diese Arbeiten 
waren schon weit gediehen, und insbesondere wurde die Mefimethode durch 
Benutzung einer hochempfindlichen Thermosaule verfeinert, als der Tod 
leider mit rauher Hand dem Plane, welcher der Wissenschaft noch wertvolle 
Ergebnisse geliefert hatte, ein plotzliches Ende bereitete. Es steht jedoch 
zu hoffen, dafl das von dem Verstorbenen bereits gesammelte, wenn auch 
noch nicht abgeschlossene Beobachtungsmaterial, auch in seiner jetzigen Form 
zur Klarung mancher Fragen auf dem Gebiete der verdunnten Losungen 
beitragen wird. 

Wirft man einen Riickblick auf die gesamten experimentellen Arbeiten 
J.s, so fallt vor allem -in die Augen der bewunderungswurdige Fleifi und die 
Sorgfalt, welche er auf die Ausfuhrung verwandte. Die Zahl der von ihm 
angestellten Beobachtungen ist eine ungemein grofle, und stets war er bei 
denselben bemiiht, die moglichste Genauigkeit anzuwenden, so dafl den 
Resultaten ein unbedingtes Vertrauen entgegengebracht werden kann. Ein 
weiterer Punkt, der in vielen Abhandlungen J.s riihmlichst hervortritt, ist die 
Beherrschung des mathematischen Kalkuls, was um so mehr anzuerkennen 
ist, als seine Studienjahre in eine Zeit fielen, wo die physikalische Chemie 
noch unentwickelt war und die wenigsten jungen Chemiker es flir notig 
hielten, sich grundliche Kenntnisse in der Mathematik anzueignen. Die Ver- 
trautheit mit dieser Wissenschaft ermoglichte es J., in Gebiete wie die 
Thermodyjiamik einzudringen und nutzbringenden Gebrauch davon zu machen. 

Die erwahnten Experimental-Untersuchungen sind aber nicht die einzigen 
Arbeiten J.s: er war auch in literarischer Beziehung mit Erfolg tatig. Im 
Jahre 1882 erschien sein Werk: »Die Grundzuge der Thermochemie und 
ihre Bedeutung fur die theoretische Chemie « (Wien, Holder), dessen zweite 
Auflage 1892 folgte. Ferner gab er 1895 bei demselben Verleger einen 
Grundrifl der Elektrochemie heraus, welches Buch 1895 die zweite Auflage 
erlebte. Namentlich dieses letztere Werk hat von Anfang an durch die un- 
gemein klare und lebendige Behandlung des Stoffes ungeteilten Beifall gefunden. 

In Anbetracht der vielen verdienstvollen Leistungen J.s lafit sich fragen, 
wie es kam, daO seine aufiere Laufbahn sich nicht in entsprechender Weise 
gestaltet hat. Die Grunde lagen wahrend der ersten Zeit wohl in dem 
mehrfachen Wechsel der Universitaten (Athen, Wien, Graz, Berlin), an denen 
er wirkte, und spater in der mit den Jahren immer mehr zunehmenden 
Schwerhorigkeit. Aber an Anerkennung seiner wissenschaftlichen Verdienste 
hat es ihm dennoch nicht gefehlt; so erhielt er 1906 von der Deutschen 
Bunsen-Gesellschaft einen Ehrenpreis, und wenige Wochen vor seinem Tode 
wurde ihm von seiten des Preufiischen Kultusministeriums durch dieVerleihung 
des Titels Geheimer Regierungsrat noch eine Auszeichnung zuteil. Dieselbe 
hat ihm, dem selbstlosen Manne, welchem alles Strebertum ganzlich fern 
lag, als Trost fur manche erlebte Obergehungen nochaufrichtige Freude gemacht. 



140 jAkn. 

J.s persdnliche Eigenschaften sch&tzten alle, die mit ihm in Beriihrung 
kamen. Von einfacher, gerader Natur, stets gef&llig und immer munterer 
Laune, hatte er sich viele Freunde erworben. Hervorragend war sein 
musikalisches Talent; er spielte meisterhaft die Violine, und es machte ihm 
tiefen Kummer, als er vor einigen Jahren wegen stark vermehrter Schwer- 
hdrigkeit die geliebte Musik ganz aufgeben mufite. Aber das Gefuhl der 
Vereinsamung blieb ihm dennoch erspart, da er auch den bildenden Kunsten 
ein feinfuhliges Verstandnis entgegenbrachte. Der mehrjahrige Aufenthalt 
auf dem Boden Griechenlands hatte zuerst seinen Sinn fur die klassische 
Kunst entwickelt; spater unternahm er wiederholt Reisen nach Italien, 
Frankreich und den Niederlanden, urn sich an den Meisterwerken der 
Malerei, Plastik und Architektur zu erbauen. Reichhaltige Sammlungen von 
Abbildungen der Kunstschatze brachte er heim, und sorgf&ltig gefuhrte 
Reisetagebiicher halfen ihm, das Geschaute dauernd in der Erinnerung fest- 
zuhalten. Fiir alle seine Neigungen fand J. warmes Verstandnis bei seiner 
treuen Lebensgefahrtin; er hatte sich im Jahre 1883 in Wien mit Sophie 
von Sichrovsky, Tochter des langst verstorbenen Mitbegriinders der Kaiser 
Ferdinands-Nordbahn, vermahlt und mit ihr eine von kiinstlerischem Geiste 
erfullte Hauslichkeit geschaffen. Den zahlreichen Freunden, die in dem 
gastlichen Hause verkehrten, werden die dort verbrachten Stunden stets in 
angenehmer Erinnerung bleiben. 

Nicht minder machten sich auch im Laboratorium die vorzuglichen 
Eigenschaften J.s geltend. In den Zimmern des Instituts, in welchem die 
physikalisch-chemischen Praktikanten sich befanden, herrschte immer ein 
reges Leben und ei frige Arbeitslust. J. gab sich sehr viel mit seinen 
Schulern ab und stand ihnen stets mit Rat zur Seite; viele verdanken ihm 
grdfitenteils ihre Ausbildung, einige sind der wissenschaftlichen Forschung 
treu geblieben, wie sein mehrjahriger Assistent Dr. W. Roth, jetzt Professor 
in Greifswald, Dr. K. Hopfgartner, Professor in Innsbruck, und Dr. O. SchSn- 
rock, Mitglied der Physikalisch-technischen Reichsanstalt. J. selbst arbeitete 
im Laboratorium mit unermudlichem Eifer, er brachte der Wissenschaft jedes 
Opfer und war stets be re it, selbst kostbare Apparate aus eigenen Mitteln 
anzuschaffen, wenn sie vom Institute wegen des beschr&nkten Fonds nicht 
geliefert werden konnten. 

J.s Gesundheit war lange Zeit, abgesehen von dem Ohrenleiden, sehr 
befriedigend. In den ersten Augusttagen 1906 entwickelte sich jedoch 
pldtzlich eine Blinddarmentzundung, welche zur Aufnahme in eine chirurgische 
Klinik und rascher Operation notigte. Die letztere wurde zuerst gut iiber- 
standen, aber bald trat gegen alle Erwartung Verfall der Krafte ein, 
und am 7. August endigte sein Leben. Am 10. August fand das Be- 
gr&bnis statt. 

Zu friih fand J.s Wirksamkeit ihren Abschlufi; aber was er geschaffen, 
hat die Wissenschaft gefordert und bereichert, sein Name wird daher dauernd 
in Ehren bleiben. 

Auszug aus dem Nekrolog von H. Landolt im Jahrgang XXXIX, Heft 18 der Berichte 
der Deutschcn Chemischen Gesellschaft, 1907. Dazu: Neue Freie Presse. 6. September 1906, 
Natur- und Volkerkunde (eingehende, liebcvolle Wttrdigung Jahns durch einen berufenen 
persttnlichen Freund). 



Mali. 141 

Mali, Christian, Tier- und Landschaftsmaler, * 2. Oktober 1832 zu 
Broekhuizen (Utrecht), f 1. Oktober 1906 in Munchen. Die aus Schwaben 
stammenden Eltern waren zur Ubernahme einer Gutsverwaltung nach Holland 
iibergesiedelt; da aber der sorgende Vater schon 1833 starb, kehrte die 
Mutter mit ihren zehn Kindern nach Stuttgart zuriick, wo sie bei ihrem 
Schwager, dem Maler und Kunsthandler Pieter Francis Peters (1818 — 1903) 
freundliche Aufnahme fand. Christian M. betrieb zuerst die Xylographie, 
bis er imstande war, sich mit seinen miihsam erworbenen kleinen Ersparnissen 
nach Munchen zu wagen, wo sein alterer Bruder Jan Mali (* 7. September 
1828 in Broekhuizen, f 28. Januar 1865 zu Munchen) schon einen riihmlichen 
Namen als Landschafter errungen hatte. Christian machte Gluck mit kleinen 
Dorflandschaften aus Schwaben und Franken, die er anheimelnd staffierte, 
wobei er geschickt auch die Architektur in den Bereich der Darstellungen 
zog. Eine forderliche Erweiterung seines Programms erfolgte, als M„ mit 
seinem Landsmann A. Braith (vgl. Bettelheim, Biographisches Jahrbuch 1907, 
X, 181 ff.) zusammentreffend, auch die Tierwelt in sein Repertoire schlofl. 
Braith blieb ihm zeitlebens ein treuer Freund und Berater; in unzertrennlichem 
Einvernehmen machten sie ihre Studien, forderten und steigerten sich wechsel- 
seitig, obwohl jeder der beiden seine eigene kiinstlerische Strafie ging: Braith 
in seiner virtuosen Realistik des Tierportrats, M. mit dem weiteren, fruhe 
schon gefundenen Ausblick auf Tiere und Menschen und deren Wohnstatten; 
die jeweilige landschaftliche und architektonische Umgebung in warmer 
Farbenstimmung, in herzerfreuender Wirkung geschickt und fesselnd ver- 
einend. Nicht allein seine alte, sondern auch die neue liebgewordene Heimat 
beherrschte M. vollig; M. erweiterte den Kreis seiner Studien fortwahrend auf 
Fahrten nach Tirol, an den Bodensee, die Steiermark, nach Verona, die romische 
Campagna, ohne sein liebes Schwaben zu vergessen. So verarbeitete M. die 
eingeheimsten Erinnerungen aus dem alten Maulbronn, Afimannshausen und 
Kochem an der Mosel, von Dachau und dem Frauenwftrth im Chiemsee, mit 
heimziehenden und durstigen Herden von Schafen und Kiihen, bei Sonnenschein- 
und Regenwetterstimmung oder »An der Table d'h6te im Stall «, einen Vieh- 
transport iiber den See oder bei Friihschnee auf der Aim, den Abzug von 
derselben, Dorfleben und Ochsengespann bei Friihlingsmorgen, Herbstabenden 
und Wirtshausszenen, Begegnungen an der Stalltiir, am Dorfweiher, auf der 
alten Brennerpost, Viehmarkte und Heuernten an bayerischen Seen; ein 
Morgen spielt bei Amalfi, ein Mondaufgang mit Abendglocken im Otztal, 
ein schnatternder Gansemarkt in Schwaben zu Martini, kopflose Flucht und 
Voltage erschreckter Rosse: alles interessant erzahlt, neu erlebt und frisch 
geschaut in reizender Unmittelbarkeit und lebenswarmem Kolorit. Braith 
und M. erganzten sich mit wechselseitiger FGrderung, keiner stand dem 
anderen im Wege, eintrachtig zogen sie ihre verschiedenen Strafien. Da der 
bewegliche M. praktischen Sinnes war, so gait er bald fur den etwas phleg- 
matischen Braith als unentbehrlicher Heifer in alien realen Lebensfragen. 
Aus den reichlich zufliefienden Resultaten bauten sie sich ein gemeinsames 
stattliches Heim mit sechs Ateliers, welches, da lauter Landsleute darinnen 
hausten, die »Schwabenburg« genannt wurde. Infolge der auf der'Pariser 
Ausstellung 1867 errungenen Erfolge der Miinchener Kunst wendeten sich 
viele amerikanische und englische Kunstfreunde unmittelbar gleich an die 



142 



Mali, von Lomnitz. 



Quellen mit Bestellungen, AuftrHgen und Eink&ufen. So herrschte auch in 
der Schwabenburg ein » gemiitliches « Leben. Infolge der Verwandtschaft 
M.s mit Peters, der zu Stuttgart eine permanente Kunstausstellung etabliert 
hatte, wurden verschiedene Sammler nach der Isarstadt gerufen, wobei M. 
als sprachgewandter Dolmetsch beim Kauf von Bildern, Kunstwerken, Alter- 
tiimern und sonstigem kosmopolitischen Salonschmuck vermittelte. Trotz 
dieser zeitraubenden TStigkeit fand M. immer noch die gehOrige Ruhe, um 
seinen anziehenden kleinen Bildern mit gewissenhaftester Durchbildung den 
feinsten Reiz zu verleihen. 

Wie sein im Leben treu verbundener Freund Anton Braith testierte 
auch M. alle seine Bilder, Skizzen, Studien und Altertumer der Stadt 
Biberach, nebst einer Summe von 60000 Mark zum Ausbau des dort von 
Braith gegriindeten st&dtischen Museums, ebenso verfiigte M., neben seinem 
Seelenbruder zur letzten Ruhe gebettet zu werden. Im Anschlufi an Braiths 
Stiftung vermachte M. den ganzen, aus zirka 300000 Mark bestehenden 
Lebenserwerb groflmiitig an den Miinchener Kiinstler-Unterstutzungs-Verein, 
auch das von Braith und M. zu Munchen erbaute Haus nebst dem dazu ge- 
hOrigen Bauplatz. Freilich mit besonderen Auflagen : 20000 Mark bestimmte 
er zur Errichtung fur ein den beiden Freunden in Biberach zu errichtendes 
Denkmal. Mit einem ansehnlichen Legat bedachte M. die wQrttember- 
gische Stadt Weilheim an der Teck, sorgte fiir zwei &ltere Schwestera durch 
Aussetzung von Leibrenten, nachdem er mehrere Verwandte und wohlUttige 
Stiftungen schon fruher namhaft bedacht und etliche ansehnliche Stipendien 
fiir jiingere Kiinstler gegriindet hatte. Die beiden Freunde leitete der edle 
Grundsatz, dafi alles, was sie mit dem Pinsel erworben (die Summe be- 
ziffert sich auf eine halbe Million), wieder den Kiinstlern zukommen solle, 
um den Lebensabend manches Kunstgenossen freundlicher zu gestalten oder 
in Fallen dringender, unverschuldeter Not helfend einzugreifen. Und dazu 
hatte M., ebenso wie der gleich philanthropisch veranlangte Maler und 
Bildner Sebastian Habenschaden (18 13 — 1868. Vgl. Allg. Deutsche Biographie 
10, 266) mit einer beinahe an Geiz grenzenden Sparsamkeit gegen sich und 
seine Umgebung geknausert, immer den idealen, erst nach seinem Tode 
bekannt gewordenen Zweck im Auge. 

Prinzregent Luitpold erteilte ihm ob seiner kunstlerischen Leistungen 
und wohlt&tigen Stiftungen 1903 den Michaelsorden, sein Landesherr Konig 
Karl von Wurttemberg den Friedrichsorden und die goldene Medaille fur 
Kunst und Wissenschaft und den Professortitel ; verschiedene goldene und 
silberne Medaillen von in- und ausw£rtigen Ausstellungen wurden ihm 
zuerkannt. 

Vgl. Fr. von Bbtticher 1895, I, 925, Nr. 469 Miinchener >Neueste Nachrichtenc 
7. Oktober 1906, Nr. 459. »Allg. Ztg.c 4. Oktober 1906. Portrat in Nr. 1 »Ober Land 
und Meerc, 89. Bd. »Kunst ftir Alle« 1890, 14. Heft, S. 224. Fr. Pecht. Mifnchener 
Kunst 1886, S. 450. Rosenberg, Gesch. der modernen Kunst, 1894, III, 96. Fr. Ortlieb 
im Kunst vereinsbericbt f. 1906, S. 16. 

Hyac. Holland. 

Meltzl von Lomnitz, Oskar, Dr. Jur., Direktor der Bodenkreditanstalt in 
Hermannstadt, * am 18. Oktober 1843 in Sachsisch-Regen, f am 1. Dezember 



von Lomnitz. 143 

1905 in Hermannstadt. M. entstammte vaterlicherseits einem alten Zipser 
Geschlechte. Sein Grofivater Samuel von Meltzl war zu Anfang des neun- 
zehnten Jahrhunderts nach Siebenbiirgen gekommen und hatte im Regener 
Bezirk ausgedehnte Gebirgswaldungen aus adeligem Besitze angekauft, sich 
dauernd in Sachsisch-Regen niedergelassen und den seither bliihenden Holz- 
handel seines neuen Heimatsortes begriindet. Aber schon M.s Vater — 
ebenfalls Samuel genannt — war schon vollstandig Sachse geworden und 
hatte als Vertrauensmann der sachsischen Nationsuniversitat die Ausarbeitung 
der Gemeindeordnung fur das Sachsenland auf sich genommen. Am 18. Ok- 
tober 1843 wurde ihm sein Sohn Oskar geboren. Als fiinfjahriger Knabe 
erlebte M. die Schrecknisse der ZerstGrung seiner Vaterstadt durch wilde 
Szeklerscharen. Auch sein Vaterhaus wurde vernichtet und den Flammen 
ubergeben, das gesamte bewegliche Gut geplundert. Nach Absolvierung 
des evangelischen Gymnasiums A. B. in Bistritz (1861) und der Rechtsakademie 
in Hermannstadt (1866) legte er an der Budapester Universitat die vorschrifts- 
mafiigen Rigorosen ab und erwarb den Doktorgrad beider Rechte. Eine 
auswartige Universitat zu besuchen, erlaubten die bescheidenen Vermogens- 
verhaltnisse des Vaters nicht. Der unter dem Zwang der Umstande erwahlte 
Beruf als Vizestaatsanwalt in seiner Vaterstadt, dann in Gyergy6szentmiklos 
und in MarosvAsdrhely (1866— 1875) befriedigte ihn nicht, obwohl ihm die 
Amtszeugnisse iiber seine Wirksamkeit »universales Wissen, groBe Verwend- 
barkeit und Gewissenhaftigkeit« nachriihmten. Nach langen vergeblichen 
Versuchen gelang es ihm endlich im Herbste 1875 sich an der Hermann- 
stadter Rechtsakademie zu habilitieren. Schon im nachsten Jahre wurde er 
auflerordentlicher und 1877 ordentlicher Professor fur Nationalokonomie, 
Finanzwissenschaft und Finanzgesetzkunde. Als einer der bedeutendsten 
Lehrer hat M. an der Hermannstadter Rechtsakademie dann die nachsten 
zehn Jahre gewirkt, bis Kultus- und Unterrichtsminister Trefort es fur gut 
befand, diese Lehranstalt, die nicht allein von sachsischen, sondern auch 
ungarischen und rumanischen Jiinglingen besucht worden war, aufzul5sen. 
Das war geschehen, um dem Staate die wenigen tausend Gulden, die er fur 
die Rechtsakademie verwendete, ersparen zu k&nnen und um der juridischen 
Fakultat in Klausenburg eine lastig empfundene Konkurrenz aus dem Wege 
zu schaffen. 

Neben seinem Berufe als Professor war M. schon in dieser Zeit als 
eifriger Schriftsteller hervorgetreten. 1870 erschien seine Arbeit iiber »Luxus 
und Luxusgesetzgebung« (Hermannstadt), 1873 seine Schrift: »Die Stellung 
der Siebenbiirger Sachsen in Ungarn«. Hermannstadt, Schmiedicke. Dies 
letztere Werk fand weder bei den Sachsen, noch bei den Magyaren Beifall. 
Entschieden weist diese Arbeit verschiedene Mangel auf. Einmal geht sie 
von Voraussetzungen aus, an deren Richtigkeit man zweifeln mufi, und 
zweitens zeigt sie im ganzen wie in den einzelnen Teilen nicht wenige 
Widerspriiche. Die beiden nachsten grofieren Arbeiten M.s beschaftigten 
sich mit dem ungarischen Parlamente. Die eine behandelt: « Die Zusammen- 
setzung des ungarischen Reichstages.« Eine staatsrechtliche Studie. Hermann- 
stadt 1880; die andere: »Die Reform des ungarischen Oberhauses.« Hermann- 
stadt 1884. Alle bisherigen Arbeiten ubertreffen aber an Bedeutung die 
beiden nachsten:' 1. Das alte und neue Kronstadt von G. M. G. Herrmann, 



144 



von Lomnitz. 



Kgl. Rat. Ein Beitrag zur Geschichte Siebenbiirgens im 18. Jahrhundert, 
bearbeitet von Oskar v. M. I. Bd. Hermannstadt 1883. II. Bd. ebenda 1887, 
2. Statistik der sachsischen Landbevftlkerung in Siebenbiirgen. Hermannstadt 
1885. Arch, f, s. Lkde. XX. Bd. und im Sonderabdrucke. 

Mit groflem historischem und kritischem Apparat hat M. zu Herrmann 
»Das alte und neue Kronstadt« Anmerkungen hinzugefiigt, die eine wesentliche 
Erganzung dieses Werkes bilden. Ein weiterer Vorzug der Zutaten M.s ist 
die eingehende Benutzung der gesamten magyarischen Literatur uber den 
behandelten Zeitraum, sowie die gleichmaflige Verteilung von Licht und 
Schatten, die objektive Art der Behandlung. Eine ausfiihrliche Einleitung, 
welche eine eingehende Orientierung iiber die bewegenden Faktoren des 
18. Jahrhunderts in Siebenbiirgen und Ungarn gibt, sowie die Biographie 
Herrmanns zeigen, mit welcher Hingebung und Liebe M. seine Aufgabe 
erfaflt hat. Es ist da nicht zu verwundern, wenn sich manchem Leser » Des 
alten und neuen Kronstadts« der Gedanke aufgedrangt hat, »ob den sach- 
kundigen, von voller Beherrschung des geschichtlichen Stoffes zeugenden 
Einleitung und Bemerkungen M.s nicht noch grCfiere Bedeutung zukomme, 
als dem edierten alten Texte.« 

Weit iiber die sachsisch-siebenbfirgischen Gaue trug den Namen M.s 
seine » Statistik der sachsischen Landbevdlkerung in Siebenbiirgen «. Namen t- 
lich in Deutschland fand sie bei Fachgelehrten und in den hervorragendsten 
Zeitschriften hohe Anerkennung. Auf Vorschlag des Statistikers Bockh wurde 
M. von dem im Jahre 1886 in London tagenden internationalen statistischen 
Institute zu seinem ordentlichen Mitgliede gewahlt. 

M. will in seiner » Statistik* dem sachsischen Volke »die Ziige seines 
eigenen Bildes mit mdglichster Treue entgegenhalten*. Er befafit sich aller- 
dings nur mit den 227 sachsischen Landgemeinden und geht nicht auf die 
s&chsische stadtische Bevdlkerung ein, daftir wird aber die Landbevdlkerung 
eingehend behandelt sowohl in ihrer Seelenzahl als auch in ihrem Verhaltnis 
zu den nichtdeutschen Nationalitaten, ferner wird jede einzelne Gemeinde, 
das Zahlenverhaltnis zwischen Sachsen und Nichtsachsen hervorgehoben. 
Ohne uns in weitere Erflrterungen einzulassen, wollen wir hier nur die 
Schliisse, zu denen M. infolge seiner Untersuchungen gelangt, anfiihren. Er 
sagt: »Wir haben keine Ursache zu Besorgnissen hinsichtlich des Bestandes 
der Sachsen in Siebenbiirgen. . . Wir sind berechtigt, die ziemlich verbreitete 
Meinung, dafi die Sachsen in stetem Ruckgang befindlich seien, dafi ihre 
Propagationsfahigkeit am ErlSschen sei und anderes, fur eine vdllig 
unbegrtindete zu erklaren.« 

Durch die AuflOsung der Hermannstadter Rechtsakademie war M. f der 
damals noch nicht 43 Jahre alt war, gen5tigt, sich nach einer anderen 
Anstellung umzusehen. Eine Professur an einer der beiden ungarischen 
Universitaten gehorte wohl nicht zu den Unm5glichkeiten, trotzdem M. als 
prononcierter Sachse gait, sie entsprach aber wenig seinen Wiinschen und so 
bewarb er sich auch nicht darum. Seinen Freunden im Deutschen Reiche 
ware es vielleicht gelungen, M. den Weg zu einer deutschen Lehrkanzel zu 
ebnen. Doch war M. es selbst, der den Gedanken hieran aufgab. 

So blieb er zunachst in Hermannstadt und ubernahm am 1. Januar 1886 
die Leituhg des » Siebenbiirgisch-Deutschen Tageblattes«, dessen bisheriger 



von Lomnitz. 



145 



Leiter Dr. Karl Wolff von seiner Stelle zuriickgetreten war. Seine redaktionelle 
Tatigkeit bei diesem Blatte hat allerdings nur acht Monate gedauert. Die 
von ihm ini vollen Einverstandnis mit den mafigebenden Personlichkeiten 
zwischen den Sachsen und der Regierung angebahnte Verstandigung fand 
bei der Mehrheit des sachsischen Volkes keinen Anklang und so trat er aus 
der Redaktion aus. Dafi aber M. deshalb nicht das Vertrauen seines Volkes 
verloren hatte, bewies die Reichstagswahl des folgenden Jahres, in welcher 
der erste Wahlkreis der Stadt Hermannstadt ihn zu seinem Reichstags- 
abgeordneten berief. Dieses Mandat wurde M. auch bei den spateren Neu- 
wahlen im Jahre 1892 und 1896 iibertragen. Auch im ungarischen Reichstage 
hat M. als Redner Hervorragendes geleistet. Schon seine erste Rede am 
17. Januar 1888, welche sich gegen die magyarisierenden Tendenzen und 
gegen den Sprachenzwang in den konfessionellen Volksschulen wendete, 
machte grofien Eindruck. Selbst der Konig, dem M.s Rede vorgelegt worden 
war, machte bald darauf bei einem Hoffeste die Bemerkung zu M., er habe 
die Rede »mit grofiem Interesse« gelesen; da6 er sie auch billigte, zeigte 
der weitere Zusatz des Konigs: »Die Sachsen miissen erhalten bleiben.« 
Auch in der Folge der Zeit ist M. wiederholt im Reichstage fur sein Volk 
aufgetreten, ganz besonders geschah dies aber wahrend der Verhandlungen 
liber den benichtigten Banffyschen Gesetzentwurf beziiglich der Magyarisierung 
der Ortsnamen. Als mehrere seiner Wahler M. fiir sein mannhaftes Auftreten 
ihre Anerkennung ausdriickten, antwortete er in einem Briefe, den er an den 
gegenw&rtigen Stadtpfarrer von Hermannstadt, Dr. A. Schullerus, richtete : 
»Ich darf es wohl gestehen, dafi Sie mir damit eine groflere Freude gemacht 
haben, als Sie wohl selbst erwartet haben mOgen. Und zwar deshalb, weil 
ich mir sehr wohl bewufit war, dafi mein Auftreten im Reichstag nicht ohne 
Folgen bleiben werde. Ja, diese meine Befurchtung beginnt schon, wie ich 
aus verschiedenen Anzeichen sehe, einzutreffen. Ich habe aber die Verant- 
wortlichkeit fiir diese Folgen auch aufgenommen, weil ich es — alles recht 
erwogen — fiir zweckmafiig und notwendig hielt, omnibus, quibtis expedit scire, 
in erster Reihe der Regierung, zu Gemiite zu fiihren, dafi wir auch die Zahne 
zeigen kdnnen und auch noch weiter gehen k6nnen.« 

Die Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit M.s konnte jedoch durch den 
Reichstag nicht vollkommen ausgefullt werden, und so nahm er schon 1890 
die Sekretarstelle an der Prefiburger Handels- und Gewerbekammer an. 
Diese gab ihm willkommene Gelegenheit, der Publizistik treu zu bleiben. 
Aus dieser Zeit ist vor allem seine Arbeit iiber »Gewerbe und Handel der 
Sachsen im 14. und 15. Jahrhundert« hervorzuheben, in der er zu dem neuen 
Resultate gelangte, dafi die bisherige Anschauung, die Bliite des siebenbiirgisch- 
sachsischen Handels und Gewerbes sei durch den Welthandel zwischen Morgen- 
und Abendland bedingl gewesen, unrichtig sei. Dieser sei tatsachlich nicht 
durch Siebenburgen gegangen, weshalb die Sachsen auch nie daran teil 
gehabt hatten. 

In seiner Eigenschaft als Handelskammersekretar gab M. in den 
Jahren 1890 — 1897 die Jahresberichte der Kammer heraus, die zum weit- 
uberwiegenden Teil aus seiner Feder stammten. Auch veroffentlichte M. in 
den von ihm begriindeten Publikationen der Prefiburger Handels- und 
Gewerbekammer zahlreiche Aufsatze hauptsachlich gewerblichen Inhaltes. 

Biogr. Jahrbuch u. Dcutschcr Nekrolo^. xi. Bd. lO 



I46 von Loronitz. 

Wie sehr die Regierung in Budapest M.s mutvolles Auftreten im Reichs- 
tage im Gedachtnis gehalten, zeigte sie M. bei seinem Rucktritte von seiner 
Stellung als Handelskammersekret&r. Da M. n&mlich nur acht Jahre in 
Prefiburg gewesen war, hatte er keinen Anspruch auf einen Ruhegehalt. 
Die Handelskammer aber votierte ihm als Zeichen ihrer Anerkennong fur seine 
eifrige und erfolgreiche T&tigkeit einen Jahresgehalt als Abfertigung. Dieser 
Beschlufl bedurfte der Best&tigung der Regierung. Diese verweigerte jedoch ihre 
Genehmigung mit dem Bemerken, M. sei in Prefiburg German isa tor gewesen. 

Fur M. brachte das Jahr 1898 einen neuen Abschnitt in seinem Leben. 
Am 29. September dieses Jahres wurde er n&mlich zum Direktor der Boden- 
kreditanstalt in Hermannstadt gewahlt und ubersiedelte aus Prefiburg dahin. 
Seine reichen Kenntnisse und die Sicherheit seines Urteiles in finanziellen 
Fragen bef&higten ihn hervorragend fiir diese leitende Stellung, und er hat 
diese Fahigkeiten mit unermiidlichem Fleifie, buchst&blich mit Selbstauf- 
opferung in den Dienst dieser Anstalt gestellt. 

Neben zahl reichen anderen organisatorischen Bestimmungen verdankt 
sie ihm ihr heute in Kraft stehendes Pensionsstatut und ihre » Dienst- und 
Disziplinarordnung*. Der Gesch&ftsumfang steigerte sich durch sachkundige 
Entwicklung der schon friiher betriebenen Gesch&ftszweige in der verhaltnis- 
m&fiig kurzen Zeit der T&tigkeit M.s um iiber 80 Prozent, wobei fiir die bei 
Bewilligung von Darlehen geiibte Vorsicht der Umstand Zeugnis ablegt, dafi 
die Zinsenriickstande unter M.s Leitung erbeblich geringer waren als bei 
dem so viel kleineren Geschaftsumfang von 1898. 

M. war es vergbnnt, die Vollendung dessen zu erleben, was schon der 
Begriinder der Anstalt, Dr. Bedeus, sein Vorg&nger, angebahnt hatte, dafi die 
Anstalt in die Reihe der ersten heimischen Geldinstitute eintrat, was wohl 
am besten dadurch gekennzeichnet wird, dafi ihre Pfandbriefe, die in fruheren 
Jahren mit hdherer Verzinsung oder zu einem niedrigeren Kurse als die 
Emissionen der Budapester Anstalten ausgegeben werden mufiten, jetzt bei 
gleich hoher Verzinsung (4 Prozent) im Durchschnitte, mindestens den gleichen, 
oft l&ngere Zeit hindurch einen h5heren Kurs behaupteten, als die gleich 
verzinslichen Papiere erster Budapester Anstalten, und wie diese schon seit 
Jahren immer hdher notieren, als die ungarischen Staatspapiere. Das 
gehobene Ansehen der Bodenkreditanstalt in Hermannstadt kam bei der 
Konversion der ungarischen Rente (Einbeziehung der Anstalt in das die 
Konversion durchfiihrende Konsortium) und der Zusrcherung der den beiden 
groflten ungarischen Bodenkreditinstituten gewahrten Steuerbegiinstigungen 
bezuglich der ttsterreichischen Rentensteuer zur Geltung. 

In den letzten Jahren seines Lebens machte sich bei M. ein Herzleiden 
immer mehr bemerkbar, das um so gefahrlicher wurde, da er neben seinem 
Amte als leitender Direktor der Bodenkreditanstalt eine Unzahl aller Arten — 
fast durchwegs Ehren&mter — auf sich nehmen mufite. So gehdrte er als 
Mitglied des Landeskonsistoriums der hSchsten kirchlichen Behdrde des 
sachsischen Volkes an, so war er Mitglied zahlreicher Ausschiisse und Ver- 
tretungen des Komitates und der Stadt Hermannstadt, Vorstand des sachsischen 
landwirtschaftlichen Vereins, Direktor der Pensionsanstalt der evangelischen 
Landeskirche usw. Der geschwachte K6rper M.s war schliefilich den an ihn 
gestellten Forderungen nicht gewachsen und brach zusammen. 



von Lomnitz. Ruemann. 



147 



Ein Herzschlag rifl ihn mitten aus seiner arbeits- und segensreichen 
Tatigkeit heraus. 

Bei seinem Volke wird sein Andenken immer ein gesegnetes bleiben. 

Kalender des Siebenblirger Volksfreundes. Hermannstadt 1907. Dr. Fr. Schuller, 
Schriftstellerlexikon der Siebenblirger Deutschen. IV. Bd. Hermannstadt 1902. 

Hermannstadt. Dr. Fr. Schuller. 

Ruemann, Wilhelm von, Bildhauer, * 11. November 1850 in Hannover, 
f 6. Februar 1906 in Ajaccio (Korsika), bildete sich seit 1872 in Munchen 
auf der Akademie bei Jos. Knabl (s. A. D. B. 16, 260), trat vollstandig ver- 
traut mit der Technik seiner Kunst 1874 in das Atelier M. Wagmullers 
(s. A. D. B. 40, 483), seines vorbildlichen Meisters und treuen Freundes, 
dessen Stilrichtung er sich also anschlofl, dafi er nach W.s am 26. Dezember 
1881 erfolgtem Ableben die Vollendung des Justus von Liebig-Denkmals 
iibernahm,, wozu R. das Sockelrelief selbstandig lieferte. Inzwischen entstand 
ein trauernder Genius als Grabdenkmal fur die Familie Holste. Siegreich 
ging R. aus der groflen Brunnenkonkurrenz fur die Stadt Lindau hervor, 
wozu Friedrich Thiersch den architektonischen Anteil ubernahm (vgl. Nr. 2165 
» Illustr. Ztg.« 27. Dez. 1884). Rasch folgten die Busten zweier Arzte, des 
Direktors von Martin und Hofrats von Hecker, des Malers Squindo und Julius 
Severin, das Familien-Grabmal des Grofiindustriellen Angelo Saullich, der 
Latona-Brunnen fiir Herren-Chiemsee (Lutzow. 1884. XIX, 660), die prachtigen 
Allegorien des Dampfes und der Elektrizitat (im Palais Cramer-Klett) usw. 
Zu R.s nachsten Hauptwerken zahlt das Landesdenkmal auf dem Schlachtfeld 
bei Worth und Frftschweiler (1886 — 1889), wozu der Kiinstler doppelt berechtigt 
war: hatte er doch den deutsch-franzosischen Krieg selbst durchgemacht und 
am 2. Oktober 1870 vor Metz eine schwere Verwundung erhalten; R. pries 
diesen Tag, an welchem er » fiir die Grofle und Einigung des Vaterlandes 
auf dem Schlachtfeld geblutet«, immer als »das gliicklichste Ereignis seines 
Lebens«. Dann das Ruckert-Denkmal in Schweinfurt, in welchem er den 
Dichter im gereiften Lebensalter, sitzend und iiber die » Weisheit des 
Brahmanen« meditierend zur Darstellung brachte (Nr. 44, Schorers Familien- 
blatt 1890), wahrend andere statt des Gelehrten lieber den Sanger des herz- 
erfrischenden »Liebesfruhlings« und der patriotischen »GeharnischtenSonette « 
gesehen hatten. Ferner der Luitpoldbrunnen mit einer Reiterstatue des Regenten 
in Landau in der Rheinpfalz (Nr. 2563, » Illustr. Ztg. « Leipzig, 13. August 
1892), die Kaiser-Wilhelm-Denkmale in Heilbronn und Stuttgart. In ganz 
charakteristischer Auffassung hat R. den Physiker Georg Simon Ohm vor 
dem Polytechnikum in Munchen (vgl. Nr. 44, »Ober Land und Meer«, 1895, 
74, 832) sitzend dargestellt — R. hatte nun einmal die Vorliebe fur diese 
Positur — ebenso den gelehrten Forscher Robert Mayer in Heilbronn und 
die Busten des Prinzregenten (Universitat Erlangen), des Fiirsten Bismarck 
und Grafen Moltke (in der Wandelhalle des Berliner Reichstagsgebaudes und 
in Chemnitz), der gelehrten Prinzefi Therese von Bayern, des Malers Gysis, 
des Archaologen Heinrich von Brunn usw. Ein in » naked purity* knospendes, 
in holdester Unschuld prangendes, sitzendes Madchen, mit virtuoser Bravour 
in Marmor gemeifielt, kam in die Staatssammlungen Berlins. Als Meisterwerk 
der feinsten Empfindung bei m5glichst realistischer Wiedergabe des Details 

10* 



j ^8 Ruemann. ZockJer. 

hat R. die auf ihrem Totenbett liegende Herzogin Luise von Bayern 
kiinstlerisch behandelt (Original in der Munchener Glyptothek, eine Wieder- 
holung in der Kapelle des herzoglichen Palais; vgl. Liitzows Zeitschrift. 
1894, S. 620). 

Zu den letzten groflcn Werken R.s, durch welche sein Name abermals 
in aller Mund kam, gehoren das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Nurnberg 
(Nr. 3255, »Illustr. Ztg. « 16. November 1905) und die Ende Dezember 1905 
vor der Feldherrnhalle zu Miinchen enthullten kolossalen LCwen (vgl. 
Nr. 3261 » Illustr. Ztg. « 28. Dezember 1905). Als Modell zu letzteren hatte 
R. ein lebendiges prachtvolles Exemplar viele Monate lang aus einer Menagerie 
in sein Atelier genommen, ein sprechender Beweis fiir die kostbare Griind- 
lichkeit seiner Studien. Noch am Tage der Enthiillung trat R. eine Reise 
nach Korsika an, um seine durch akutes Lungenleiden erschutterte Gesund- 
heit endlich zu pflegen, leider vergebens. Von der Feuerbestattung in Zurich 
kehrte seine Asche nach Miinchen zuruck; die Beisetzung de*selben im 
nOrdlichen Camposanto gestaltete sich zu einer reichen Kunstlerehrung. 

Die Vollendung seines Pettenkofer-Denkmals wurde unter A. von Hilde- 
brands Obhut an Erwin Kurz Gbertragen. Im Jahre 1884 hatte R. mit 
einer Tochter des Historienmalers und Akademieprofessors Arthur Freiherr 
von Ramberg (s. A. D. B. 27, 203) seinen Ehebund geschlossen. Seit 1887 
bekleidete er eine Professur an der Akademie, wo zahlreiche SchGler 
begeisterte Anregung fanden. Viele Auszeichnungen waren ihm nebst Ver- 
leihung des persdnlichen Adels zuteil geworden. 

Das der Natur abgelauschte Leben der toten Masse einzuhauchen, gait 
ihm als die vornehmste Aufgabe seiner schOpferischen TStigkeit. Dabei ist 
er niemals einseitigem Materialismus verfallen; immer hat R. die Gesetze 
einer grofien und ernsten Kunst hochgehalten. Mit hinreiflender Kraft, eine 
faszinierende Erscheinung, verpflanzte er seine Lehre in die ihm anvertraute 
Jugend, und herrlich ist die Saat aufgegangen. Mit ganzer Hingabe ubte er, 
selbst auf Kosten des eigenen Schaffens, seine Lehrtatigkeit. Bei rucksichts- 
loser Harte gegen Unwiirdige, erwies er sich gutig und hilfsbereit fiir jedes 
ernst strebende Talent. Die lautere Ehrlichkeit seiner Uberzeugung hat, wie 
E. v. Stieler in der Grabrede riihmte, keiner bezweifelt. 

Vgl. Nr. 102, »Al]g. Ztg.« 3. Marz 1906. Alexander Heilmeyer in » Kunst fiir Allec, 
1903, XVIII, 299 — 305 u. 1905. XX, 174. Auktions-Katalog von R.s NachlaB bei Helbing 
am S.November 1906. Kunstvereins-Bericht f. 1906, S. 17. 

Hyac. Holland. 

Zdckler, Otto, Professor der Theologie, * am 27. Mai 1833 in Griin- 
berg in Hessen, f am 9- Februar 1906 in Greifswald, war der Sohn des 
Rektors, spateren Pfarrers, Dekans ugd Kirchenrats Johann Konrad Z5ckler. 
Er verlebte seine Jugendzeit bis zum Jahre 1849 zumeist in Laubach und 
wurde dort von seinem Vater unterrichtet. Im Herbst 1849 kam er auf das 
Marburger kurfurstliche Gymnasium und wurde dort in seinem wissenschaft- 
lichen Denken und in seinem religidsen Leben vor allem durch den Unter- 
richt des bekannten Theologen und Literaturhistorikers August Friedrich 
Christian Vilmar, des damaligen Gymnasialdirektors, gef6rdert, ja er empfing 
von ihm fiir sein ganzes Leben bleibende Eindriicke. Widmete er sich auf 



Zockler. T49 

der Universitat Giefien, wo er 185 1 — 1854 studierte, vor allem der klassischen 
Philologie, wodurch er sich eine griindliche philologische Bildung aneignete, 
so wurde er doch durch den spateren Leipziger Professor Gustav Baur, der 
Altes Testament und praktische Theologie las, in den Kreis der theologischen 
Fragen gezogen. Entscheidend aber waren fur ihn die philosophischen Vor- 
lesungen des dem Protestantismus nicht fernstehenden einstigen Dogmatikers 
der untergegangenen Giefiener katholisch- theologischen Fakultat, nunmeh- 
rigen Philosophen Leopold Schmid. Von ihm gewann er nicht nur tiefe 
theologische Eindrucke, sondern Schmid wies ihn auch auf die Bahn seiner 
Lebensarbeit, der Apologetik des Christentums gegeniiber dem Materialismus 
und Atheismus, welche meinten, sich fur ihre Theorien auf die neuen Errungen- 
schaften der Naturwissenschaft stiitzen zu konnen. Wurde er auf diesem 
Wege eigentlich der dogmatischen Theologie zugefiihrt, so wies ihn doch seine 
ganze Anlage mehr nach der historischen Seite. So kam es, dafl seine Ar- 
beit als Dozent und als Schriftsteller doch mehr auf dem historischen Gebiete 
lag und von ihm auch da, wo er sich eigentlichen apologetischen Themen 
zuwandte, die historische Seite der Frage stark in den Vordergrund gestellt 
wurde. Z. beschlofi nun seine Studienzeit mit dem Lehramtskandidaten- 
examen, erhielt den Dr. phil. 1854, wurde Erzieher beim Prinzen Ferdinand zu 
Solms-Lich, bestand 1855 die erste theologische Priifung und trat eine langst 
geplante Studienreise an, welche ihn bis zum Marz 1856 an verschiedene 
Universitaten, Erlangen, Berlin u. a., fiihrte und ihn mit einer groflen Reihe 
bedeutender Theologen, wie Hofmann, Delitzsch, Nitzsch, Dorner, in Beruhrung 
brachte und ihn in seinem theologischen Denken befruchtete. Sodann ging 
er zur Absolvierung des einjahrigen Kursus an das grofiherzoglich hessische 
Predigerseminar zu Friedberg und promovierte von dort aus 1856 zum Licen- 
tiaten der Theologie in Giefien; spater hat er dann, 1857, auch die zweite 
theologische Priifung bestanden, wurde ordiniert und widmete sich auch ge- 
legentlicher Predigttatigkeit. Inzwischen aber hatte er sich schon 1857 in der 
theologischen Fakultat zu Giefien als Privatdozent eingefuhrt und begann nun 
eine rege Dozententatigkeit und lebhafte wissenschaftliche Schriftstellerei. 
Allein erst am 30. Juni 1863 wurde er zum a. o. Professor ohne Gehalt, erst 
1865 zum besoldeten Extraordinarius ernannt. Aber bereits 1866 empfing er 
durch des Berliner Hofpredigers Rudolf Kogel Vermittlung die Berufung fur 
das Fach der Kirchengeschichte, daneben der theologischen Enzyklopadie 
und der Apologetik nach der preufiischen Universitat Greifswald, wohin er 
im Oktober 1866 ubersiedelte. Und hier in Greifswald hat er dann 40 Jahre 
lang unermudlich bis zu seinem Tode gewirkt, bald im Verein mit seinem, 
obwohl ganz anders gearteten, dennoch mit ihm innig verbundenen Freunde 
Hermann Cremer. Z. hat mit andern dazu beigetragen, die theologische 
Fakultat der kleinen Provinzuniversitat in ungeahnter Weise aufierlich und 
innerlich zu heben, so dafi die Zahl der dortigen Studenten der Theologie 
von 17 zeitweise auf weit iiber 300 stieg und die Fakultat zur Statte fleifliger 
wissenschaftlicher Arbeit wurde. Bis' acht Tage vor seinem Tode hat Z. 
lehrend und forschend unermudlich gearbeitet, bis ein sanfter schneller Tod 
ihn aus seinem reichen Leben abberief. — Z.s Hauptbedeutung liegt auf seiten 
seiner gelehrten Arbeit. Er ist hinsichtlich der gelehrten Literatur rezeptiv 
und produktiv gewesen, wie wenige Theologen seiner Zeit. Wenn man die 



ISO 



Z tickler. 



Reihe seiner wissenschaft lichen Werke und Publikationen durchgeht, so ist 
man erstaunt, wie in der Spanne eines Lebens eine solche literarische Tatig- 
keit mGglich ist. Weniger als andere wurde er gewifi von solcher Arbeit 
abgezogen; hatte doch schon friihzeitig ein schweres Ohrenleiden ihm die 
Mdglichkeit genommen, wissenschaftlichen Austausch in reicherem Mafie 
durch das Gesprach zu pflegen; es hangt auch damit zusammen, dafi er je 
l&nger je mehr sich von der Zeit und Kraft in Anspruch nehmenden syno- 
dalen Arbeit, Vereinstatigkeit etc. zuriickzog. Aber auch Anlage und Bildung 
wiesen ihn auf die literarische Tatigkeit. Ein scharfer, klarer Verstand, ver- 
bunden mit einer guten philologisch-historischen Schulung und ein nie er- 
nriidender, sich selbst in Zucht nehmender Fleifl und die Gewohnheit, immer 
schnell und mit ganzer Intensitat zu arbeiten, haben die eigentlichen Vorbe- 
dingungen fur diese grofie literarische Tatigkeit geliefert. Diese Tatigkeit 
lag ganz auf dem Gebiete der Theologie; allein innerhalb der Theologie be- 
herrschte er alle Disziplinen und hat infolgedessen auf fast alien ihren Ge- 
bieten Publikationen ver6ffentlicht. So haben wir Arbeiten von ihm auf dem 
Gebiete des Alten und des Neuen Testamentes, der Dogma tik und der 
Kirchengeschichte. Auf den beiden ersten Gebieten handelt es sich vor 
allem um Kommentare zum Alten und Neuen Testamente, zu den Apokryphen 
und Pseudepigraphen des Alten Testaments in dem Langeschen Bibelwerk 
und im Strack-Zocklerschen Kommentarwerk. Auf dem Gebiete der Dog- 
matik hat er neben einer Geschichte der systematischen Theologie in dem 
von ihm herausgegebenen Handbuch der theologischen Wissenschaften u. d. 
vor allem sich der Apologetik des Christentums gewidmet. Je langer je mehr 
ist er zwar immer wieder zu historischen Stoffen zuriickgekehrt und hat auch 
bei dogmatisch-apologetischen Problemen immer wieder die historische Seite 
in den Vordergrund der Betrachtung geriickt, aber er hat es doch als seine 
Aufgabe betrachtet, positive Beitr&ge zur wirksamen Verteidigung des Christen- 
tums zu bieten. Und wie es in der Situation der Mitte des vorigen Jahr- 
hunderts lag, handelte es sich fur ihn vor allem um eine Auseinandersetzung 
mit der Naturwissenschaft. Nicht wollte er das Christentum gegen die Natur- 
wissenschaft verteidigen, wie man ihm wohl in die Schuhe schob; er hat 
es vielmehr im Gegenteil immer betont, dafl er in den neuen gesicherten 
Erkenntnissen der Naturwissenschaft eine Best&tigung des Christentums sehe; 
aber einer Naturphilosophie, einem Materialismus und Atheismus gegeniiber, 
die fur ihre philosophischen Ideen sich auf die Naturwissenschaft beriefen, 
ging er zum Angriff vor. Diesem Zwecke diente die von ihm begrilndete 
und reichlich von ihm mit Beitr&gen versehene apologetische Zeitschrift »Der 
Beweis des Glaubens* ; ferner Werke wie ^Geschichte der Beziehungen zwischen 
Christentum und Naturwissenschaft « und »Gottes Zeugen im Reiche der Natur« 
und manche andere. Man braucht Z. gewiB nicht in der manchmal schwierigen 
Grenzbestimmung zwischen naturwissenschaftlicher und religiflser Erkenntnis 
iiberall zuzustimmen — er hat jedenfalls friiher die naturwissenschaftliche 
Erkenntnis gelegentlich an die zeitlich bedingte Naturanschauung der bibli- 
schen Schriftsteller viel zu eng ketten wollen — das wird Z.s Verdienst zweifel- 
los bleiben, dafi er vielen klar gemacht hat, dafl das Christentum durch den 
Materialismus keineswegs iiberwunden werden ktinne und dafi er viele Mit- 
arbeiter zu entsprechender Apologetik angeregt hat. — Aber wie gesagt, Z. war 



ZBckler. i 5 1 

doch mehr zum Historiker geboren, als zum Systematiker. Einen ungeheuer 
reichen Schatz historischen Wissens auf alien Gebieten der Kirchengeschichte, 
von groflen Dingen bis hinein in die Minutien, hatte er sich erworben und* 
er vermehrte ihn bis zuletzt durch bestandige eingehende Lektiire der neuen 
Erscheinungen, so dafi er gleichmafiig auf alien Gebieten der Kirchengeschichte 
sehr reiche Kenntnisse besafi. Eine Unzahl kleiner und grofierer historischer 
Arbeiten vor allem in der protestantischen Realenzyklopadie, eine Menge 
Rezensionen, besonders im theologischen Literaturblatt, seine jahrliche Be- 
richterstattung iiber die kirchengeschichtliche Literatur in den »Jahresberichten 
fiir Geschichtswissenschaft« zeigten seine grofie historische Kenntnis und Be- 
lesenheit. Griindlich gearbeitet waren auch seine kirchen- und dogmenge- 
schichtlichen Monographien, wie »Hieronymus« und die »Geschichte der 
Askese«, in zweiter Auflage unter dem Titel »Askese und M6nchtum« (1897), 
»Das Kreuz Christi« (1875) usw. Z.s historische Arbeiten zeichnen sich 
nicht gerade durch Glanz der Darstellung aus, aber sie sind durch die Masse 
des gelehrten Materials fiir den Leser sehr lehrreich; sie lassen das entwick- 
lungsgeschichtliche Moment im Laufe der Darstellung stark vermissen, aber 
sie entschadigen durch die solide Grundlichkeit der auf genauer Durchfor- 
schung der Quellen beruhenden Konstatierung des Tatbestandes. So wird man, 
wo man immer auch an Z.s historische Arbeit anknupft, auf einer festen, solide 
fundamentierten Basis der Untersuchung stehen. Dies Moment der groflen 
Genauigkeit und Grundlichkeit wird Z.s Arbeiten auf dem historischen 
Gebiete einen dauernden Wert verleihen. — Wenn Z. einst in seiner Bio- 
graphie den Hieronymus mit folgenden Worten charakterisierte: »Es ist durch- 
aus von Anfang bis zu Ende ein Gelehrtenleben, ein Leben voll gelehrter 
Studien und mannigfaltiger schriftstellerischer Unternehmungen«, so hat er 
damit sein eigenes Leben zugleich gezeichnet. Aber stand ihm Wissenschaft 
und wissenschaftliche Beschaftigung sehr hoch, hSher miissen wir gerade 
bei diesem Manne stellen, was er war als PersGnlichkeit, als christlicher Cha- 
rakter. Jeder, der in seinem Hause aus und ein ging, wer zu seinen Fiifien 
safi und seinem gelehrten Vortrage auhorte, wer als Student sich von ihm 
gern erteilten Rat holte, kurz, wer mit ihm in Benihrung trat, fuhlte, dafi er 
in den Bannkreis einer edlen, durch und durch von der Kraft des Christen- 
tums gelauterten PersOnlichkeit trat. Er hat wacker im Kampfe gestanden, 
entschieden auch in seiner kirchlichen Stellung als Lutheraner, aber die Liebe 
war doch das hochste Gesetz seines Lebens. 

Vgl. m ein en Aufsatz »Otto Zc5ckler« in ^Reformation* 1906, S. 322 — 325; Chronik der 
Universitat Greifswald 1905/06 S. 4—5; Otto Ztfckler, Erinnerungsblatter. Gtitersloh 1906 
(Bertelsmann), 128 S. mit einem Bilde des Entschlafenen und Beitragen von seinem Sonne 
Theodor Zflckler, V. Schultze und Steude; zur BibliogTaphie der Werke Zocklers, 
vgl. Meusels »Kirchliches Handlexikon« (1902) Bd. VII. S. 384 — 386; ferner dazu zur Er- 
ganzung Zieler und Scheffer: »Das akademische Deutschland« (Leipzig 1905) 1. Bd. 
Biographie Zocklers. Eine vollstandige Bibliographic bringt H. Jordan, »Verzeichnis der 
lit. Veroffentlichungen O. Zbcklersc (Gutersloh 1907, C. Bertelsmann) 32 S., auch ab- 
gedruckt als Annan g zu der nach Z's. Tode von Jordan und Schlapp herausgegebenen 
>Geschichte der Apologie des Christentumsc (ib. 1907). Vgl. zahlreiche Nachmfe etc. in 
Zeitungen, Zeitschriften etc. 

Erlangen. H. Jordan. 



I.52 Bekk. von Scala. 

Bekk, Adolf, Dr. phil., k. k. Schulrat, * 16. Juni 1830 in Baden bei 

Wien, f *3- September 1906 in Bad Gastein. — B., seit seinem zweiten 

Lebensjahre des Vaters beraubt, verlebte eine triibe Jugendzeit. In einer 

geistlichen Erziehungsanstalt in Wien untergebracht, muflte er freudlos die 

Jahre des Gymnasialstudiums hinbringen. Die Universit&t besuchte er zuerst 

in Leipzig, um Medizin zu studieren. Er ging aber bald zum Studium der 

Philosophie und Literatur fiber, das er in Wien, Munchen, Jena und Graz 

fortsetzte. Eine akademische Professur war ihm in Aussicht gestellt worden, 

aber seine darauf gerichteten Hoffnungen erwiesen sich als eitel. Da be- 

schlofi er 1864 das Lehrfach zu ergreifen. Er holte die notigen Examina 

nach, wurde an verschiedenen Realschulen und Gymnasien verwendet und 

kam 1870 als Hauptlehrer an die Lehrerbildungsanstalt nach Salzburg. 187 1 

wurde er bereits deren Direktor. 1879 erhielt er den Titel eines k. k. 

Schulrates. Grdfieren Kreisen hat sich B. durch seine schriftstellerische Tatig- 

keit bekannt gemacht. Vor allem trat er als Literarhistoriker hervor. Uber 

Shakespeare schrieb er drei selbst&ndig verOffentlichte Arbeiten, darunter eine 

kleine Biographie (1864). Auch als Shakespeare-Ubersetzer versuchte ersich. 

Unter dem Titel »Die Griechen vor Troja* gab er eine sehr anerkennens- 

werte metrische Obertragung von »Troilus und Cressida« heraus (i860)* 

Selbst&ndige Dichtungen bot er in dem Gedichtband »Ranken« (1863. 3. Aufl. 

1904). Die Gedichte, in der Form meist gliicklich, zeichnen sich durch Ge- 

mutstiefe, schwungvolle Begeisterung und gesunde, edle M&nnlichkeit aus. 

Einen zweiten Band mit dem Titel »Wohin« liefi er 1882 folgen; verschiedene 

Gelegenheitsdichtungen gingen neben her. Eine Sammlung vaterl&ndischer 

Dichtungen gab er im Jahre 1898 heraus; er benannte sie »Das ist mein 

Osterreich«. Einige Ver&ffentlichungen zeigen ihn auch auf dem Gebiete 

des Historikers bewandert. Aufsatze in Zeitschriften schrieb B. in reicher 

Zahl. Die gebildeten Kreise Salzburgs, den Hof des dort residierenden Grofi- 

herzogs von Toskana mit eingeschlossen, verdankten dem Wissen B.s viel. 

Ein Fiihrer des geistigen Lebens in Salzburg ist mit B. dahingegangen. 

Munchen. Dr. Arnulf Sonntag. 

Scala, Ferdinand von, P. O. C. Missionssekretftr der nordtirolischen Ka- 
puzinerprovinz, Festtagsprediger, Schriftsteller, * in Bozen am 28. Mai 1866, 
f zu Innsbruck am 4. Mai 1906. — Als Knabe z&hlte S. nicht zu den 
Schiilern, denen es ein Leichtes ist, an der Spitze ihrer Kameraden zu stehen. 
Im Gymnasium gelang ihm der Aufstieg von einer zur anderen Klasse nicht 
immer aufs erstemal. Erst spater wurden S.s Leistungen bedeu tender. 1883 
war er in den Kapuzinerorden eingetreten, 1888 wurde er zum Priester ge- 
weiht. Als Priester und Prediger entfaltete er eine rege, erfolgreiche T&tig- 
keit, und auch seine schriftstellerischen Arbeiten trugen ihm in seiner Heimat 
reiche Anerkennung ein. Da sind zunachst seine Schriften, die mit seiner 
priesterlichen Stellung in Zusammenhang stehen. Uber die Kapuzinerin 
» Maria Magdalena von Martinengo « berichtete er in einer Biographie, eine 
Schrift »Uber seraphische Fr6mmigkeit« zeigt ihn als katholischen Asketiker. 
Angereiht mag hier seine poetische Arbeit »St. Fidelis von Sigmaringen« 
(1897) werden. S. nennt seine Dichtung Trauerspiel ;' sie ist aber nur eine 
in dialogischer Form bearbeitete Legende. So stark auch aufierlich-theatra- 



von Scala. Bankel. Reinhardt. 



153 



lische Mittel in Anspruch genommen werden, so ist dem Stiicke, dessen Held 
ein vollkommener Heiliger ist, dramatische Handlung im wahren Sinne doch 
fremd. Auch den ubrigen Dramen S.s fehlt ein fester dramatischer Kern. 
Seine Schauspiele sind im wesentlichen in Rollen ausgeschriebene Er- 
zahlungen; der Dialog als solcher zeugt jedoch haufig von gutem Sinn fiir 
wirksame Rede. Die Stoffe der Schauspiele sind der Ruhmesgeschichte 
Tirols entnommen; » Andreas Hofer«, » Peter Mayr«, » Joseph Speckbacher « 
heiflen ihre Titel. Auf Privatbiihnen wurden die Stiicke in Tirol mehrfach 
mit Erfolg aufgefuhrt, vornehmlich wohl dank ihrem patriotischen Inhalte. 
Der warme Patriot S. zeigt sich auch in dem Verfasser der Biographic des 
Innsbrucker Biirgermeisters Josef Huter und in dem Herausgeber der »Kriegs- 
erlebnisse des Bauersmannes und Patrioten Lorenz Rangger«. Vaterlandische 
Feiern genossen h£ufig die Unterstutzung S.s, manche von ihnen gingen so- 
gar auf ihn als den Veranlasser zuhick. So ist es begreiflich, dafi' S. viel 
Zustimmung und Liebe in seinem Vaterlande erntete. Sein friiher Tod in 
Innsbruck, wo er seit 1899 lebte,, trug in weite Kreise Tirols Trauer. 

Miinchen. . Dr. Arnulf Sonntag. 

Bankel, Josef B., Kupferstecher, * 1837 in Nurnberg, f 12. Juni 1906 
zu Miinchen; bildete sich auf der Miinchener Akademie und dann bei seinem 
Schwager, dem Kupferstecher und Radierer Albrecht Schultheifi, dessen 
malerische Behandlung er sich mit grofiem Geschick aneignete. Weitere 
Fdrderung brachte ein Aufenthalt zu Paris 1866 und 1867. In Miinchen 
arbeitete er viele Platten, auch fiir Fr. Pechts » Lessing- und Shakespeare- 
Galerie« (Leipzig bei Brockhaus). Vorzuglich gelang die koloristische Wieder- 
gabe nach Watter's »Lustiger Fahrt« (Postwagen mit zwei Nonnen im Coupe 
und einer schmucken Tirolerin, mit welcher der Postilion schakert) 1871; 
ein vielbeliebtes Nietenblatt fiir Kunstvereine. Seit 1874 lieferte B. viele 
Portrats: Liebig (nach Trautschold), Mozart, Handel, Richard Wagner (im 
Auftrag Konig Ludwigs II.) usw., die einen erheblichen Fortschritt kundgaben 
und ihn den besten Stechern der Miinchener Schule anreihten. Dazu kamen 
nach Liezen-Mayer » Faust in der Hexenkiiche« und »Gretchen vor dem Bilde 
der Mater dolorosa «. Zu seinen glanzendsten Leistungen zahlt der »Raub der 
Sabinerinnen « und »Kastor und Pollux « (Rubens). — Der nur zu bedachtig 
und langsam arbeitende Mann erfreute sich keines sorglosen Lebensabends. 
Seine edle Tochter Luise trat in Stellung, um dem verehrten Vater unter die 
Arme zu greifen. Aus Gram iiber dessen Tod nahm sie Lysol und wurde, 
erst zwanzigjahrig, am 19. Juni neben dessen Grabe bestattet. 

Hyac. Holland. 

Reinhardt, Heinrich, Professor, * am 10. Dezember 1855, f 6. Dezember 
1906. R,, aus burgerlicher Familie in Olten hervorgegangen, besuchte die Schulen 
seiner Vaterstadt, das obere Gymnasium in Schwyz, absolvierte die Maturitats- 
priifung in Solothurn und widmete sich hierauf philologisch-historischen 
Studien an den Universitaten Miinchen, Heidelberg, Strafiburg, Wien und 
Innsbruck. Von all seinen zahlreichen Lehrern hat Scheffer-Boichorst den 
tiefsten Eindruck auf ihn gemacht. Die Art, wie dieser die G^schichte auf- 



154 



Reinhardt. 



faflte und behandelte, hat R. ganz besonders angesprocben und in seiner 
spateren akademischen Tatigkeit sichtlich beeinflufit. 

Ehe es ihm vergOnnt war, seinen gewissenhaften und griindlichen Studien 
mit einer Dissertation iiber die Veltlinerfrage des 17. Jahrhunderts einen 
formellen AbschluB zu geben, wurde R. frisch von der Universitat weg von 
der Luzerner Regierung zum Geschichtslehrer an den oberen Klassen der 
Realschule, des Gymnasiums und Lyzeum4 in Luzern berufen, und in dieser 
Eigenschaft wirkte er ein Jahrzehnt als beliebter Lehrer und verdffentlichte 
seine ersten literarischen Arbeiten. Zu voller Entfaltung aber gelangte er 
erst, als ihm 1889 an der neu errichteten Universitat Freiburg in der Schweiz 
der Lehrstuhl fur allgemeine neuere Geschichte iibertragen wurde. Zum 
akademischen Lehrer war er so recht geschaffen, und bei den noch unfertigen 
Zust&nden kam ihm auch sein organisatorisches Talent ganz besonders 
zustatten. Wegen seiner umfassenden Kenntnisse, seiner trefflichen Geistes- 
und Herzenseigenschaften nahm er von allem Anfang an eine angesehene 
und einflufireiche Stellung unter seinen Kollegen ein, und seine freundschaft- 
lichen persdnlichen Beziehungen zu den Griindern der Universitat, zu denen 
er in weiterem Sinne auch gerechnet werden darf, machten ihn zu einem 
Bindeglied zwischen Regierung und Lehrkorper. So ist es nicht zu ver- 
wundern, dafi er schon im zweiten Jahre durch das Vertrauen seiner Kollegen 
als Rektor zur Leitung der jungen Universitat berufen wurde. Was er da in 
den schwierigen Anfangen und bei den mit Rucksicht auf die eigenartige Zu- 
sammensetzung des LehrkOrpers libera 11 auftauchenden organisatorischen 
Problemen mit Aufbietung einer fast iibermenschlichen Kraft, die er aus 
heiliger, selbstloser Begeisterung fur die grofie Idee schOpfte, als Rek- 
tor und Prorektor alles geleistet, ist schwer zu sagen, und bei Kollegen 
und Vorgesetzten herrscht nur einstimmige Anerkennung seiner grofien 
sch5pferischen Tatigkeit. Bis zu seinem Ableben wirkte er, mit Aus- 
nahme eines einzigen Semesters, das er zu einer archivalischen Studienreise 
nach Spanien gebrauchte, freudig und begeistert als einer der anregendsten 
akademischen Lehrer. Darin erblickte er auch seine Hauptaufgabe, und 
immer tiefer suchte er in den Stoff einzudringen, immer genauer die Probleme 
zu formulieren! Was seine Vorlesungen besonders auszeichnete, war der 
sichere Blick fur die Ideen, welche eine Zeit beherrschten, und seine tief- 
sinnige Geschichtsphilosophie pflegte in der Geschichte von Humanismus 
und Renaissance zum vollsten Ausdrucke zu gelangen. Seine ausgesprochen 
katholische Gesinnung brachte er mit Entschiedenheit, aber ohne Schroffheit 
oder verletzende Aufierung tiber Andersdenkende zum Ausdruck. Er war 
eine aufierordentlich zartfuhlende, feingestimmte Seele, die auch das Denken 
und Empfinden anderer zu begreifen und zu wiirdigen verstand. R. begniigte 
sich nicht, seinen Hdrern Wissenschaft beizubringen, sondern er wollte im 
edelsten Sinne erzieherisch auf die akademische Jugend einwirken. Das ist 
ihm auch gelungen; denn mit grofler Liebe, ja mit Begeisterung hingen die 
Studenten an ihm und verehrten in ihm nicht blofl den Professor, sondern 
einen vaterlichen Freund und stets geneigten und hilfsbereiten Berater in 
ihren zahlreichen Anliegen. Mitten aus rastloser Tatigkeit, aus begonnenen, 
halbfertigen Arbeiten und blofien Pl&nen wurde R. noch im besten Mannes- 
alter durch eine ttickische Krankheit nach wenigen Tagen dahingerafft. 



Reinhardt. 155 

Seine irdischen Oberreste wurden in den stimmungsvollen Arkaden der 
Hofkirche zu Luzern beigesetzt. Seither, nicht viel mehr als ein Jahr spater, 
folgte ihm auch seine ihm ebenbiirtige Gattin, geb. Bell aus Luzern, die an 
seinem geistigen Schaffen einen verstandnisvollen Anteil genommen, im Tode 
nach; doch war die sonst gluckliche Ehe kinderlos geblieben. 

Als Geschichtslehrer in Luzern fertigte er fur Unterrichtszwecke eine 
lithographisch vervielfaltigte Darstellung der Schweizer Geschichte an, 
ein vielversprechender Entwurf zu einem Handbuche der Schweizer Geschichte, 
das zu schreiben ihm allerdings nicht vergonnt war, indem sein neuer 
Wirkungskreis in Freiburg ihm andere Aufgaben stellte. Derselbe, bis 
1 516 fortgefiihrt, ist ein auflerst brauchbares Hilfsmittel der politischen und 
Verfassungsgeschichte, auf den besten Monographien beruhend und mit 
wissenschaftlichem Apparat versehen, ganz besonders verdienstlich zu einer 
Zeit, wo Dierauers klassische Geschichte der Schweizerischen Eidgenossen- 
schaft noch nicht vorlag. Seine anderen historischen Arbeiten lassen sich 
in drei Gruppen zusammenfassen. Die erste ist erwachsen aus den mit 
seiner geplanten Dissertation zusammenhangenden Studien zur Geschichte 
der Biindner Wirren, und zwar zunachst »Beitrage zur Geschichte der 
Biindner Wirren 1618 — i62o«. Diese Vorgeschichte des Madrider Ver- 
trages (vom Jahre 1621), die mit Riicksicht auf den verwendeten Quellenstoff 
teilweise den Charakter einer Skizze hat, zeigt bereits die Vorzuge der 
R.schen Geschichtsbehandlung: GrOfie des Hintergrundes, gerechtes Abwagen 
im Urteil, feines Verstandnis fiir diplomatische Aktionen, psychologischen 
Kennerblick und durchgebildetes Darstellungstalent. Den gleichen Stoff 
griff er wiederum auf in seinem »Veltlinermord in seinen unmittelbaren 
Folgen fiir die Eidgenossenschaft« und setzte ihn fort von der zweiten 
Halfte Juni bis Mitte August 1620 mit Heranziehung eines reicheren Quellen- 
materials in klarem fest umrissenen Aufbau, in enger Anlehnung an die 
Quellen und doch mit kiinstlerischer Behandlung des Stoffes, welche auch 
die kleinsten und scheinbar geringfiigigen Einzelheiten dem Bilde einzufugen 
verstand, ohne dasselbe zu iiberladen. Diese Studien fanden ihren vorlaufigen 
Abschlufi in der Herausgabe der »Korrespondenz von Alfonso und 
Girolamo Casati mit Erzherzog Leopold V.«, welche im Gegensatz zu dem 
friiher publizierten Aktenmaterial franzSsischen und venetianischen Ur- 
sprungs die Osterreichisch-spanischen Berichte an die Offentlichkeit bringt 
und auf die Stellung Leopolds zum Madrider Vertrag vbllig neues Licht 
wirft. Die Einleitung dazu enth&lt den besten Oberblick iiber die ver- 
wickelte Biindener Geschichte jener bewegten Zeit. Edition, Regesten und 
Kommentar, welch letzterer eine ungeahnte Fiille von Material aufweist, 
sind von vorbildlicher Genauigkeit. 

Ein neues Gebiet betrat R., indem er sich zusammen mit seinem 
Kollegen Fr. Steffens an die Herausgabe von Nuntiaturberichten aus 
der Schweiz machte. Nur wenige Wochen vor seinem Tode gelangte der 
erste Band, in der Hauptsache sein Werk, zur Ausgabe, ein stattliches Buch, 
die reife Frucht langjahriger und muhevoller Arbeit mit einem Kommentar 
voll der wertvollsten Hinweise und einer Reichhaltigkeit, die nur ein Kenner 
dieser Epoche gebiihrend zu schatzen weifi — weit liber das Mafi desjenigen 
hinausragend, was man von einer solchen Arbeit billigerweise erwarten darf. 



I 56 * Reinhardt 

Der Text ist auflerst sorgfaltig erstellt, die Regesten zu den Akten kieine 
Kunstwerke, das Register mustergiiltig. Die dazu gehOrige Vorgeschichte 
der Nuntiatur, zunSchst als Einleitung zu diesem Bande gedacht und 
ausschliefilich R.s Werk, wuchs unter der Hand zu einem eigenen Bande an 
und muflte deshalb abgetrennt und besonders herausgegeben werden. Allein 
der Tod erreichte den Verfasser, ehe er mit dieser Arbeit zu Ende kam — 
j 7 Bogen liegen gedruckt vor — und nun wird sich sein Mitherausgeber 
Steffens dieser Aufgabe unterziehen und diese Einleitung zum Abschlusse 
bringen. 

Gleichzeitig hatte R. im Auftrage der Walliser Regierung eine auf zwei 
Bande berechnete Biographie des KardinalsSchinner in Angriff genommen, 
die so recht geeignet war, sein Lebenswerk zu werden. Keine Persdnlichkeit 
aus der Schweiz hat so tief in die europ&ische Geschichte eingegriffen; 
glanzvoll, fast d&monisch hebt sich diese Riesengestalt der Renaissance ab 
von dein dunklen Hintergrund jener grofien Kampfe in den italienischen 
Gefilden, welche die junge Eidgenossenschaft aus ihrer lokalen Beschr&nktheit 
hinaushob und zum entscheidenden Faktor der <europ£ischen Politik im 
Beginn des XVI. Jahrhunderts machte. Dafi die Eidgenossenschaft sich vom 
Tauinel der Grofimachtstellung berOcken liefl, war Schinners Werk. Allein 
durch die Herausgabe der Nuntiaturberichte vollauf in Anspruch genommen, 
kam er iiber die Vorarbeiten zu diesem monumentalen Werke nicht hinaus. 
Iq den Archiven von Lille, Briissel, Paris, Madrid, Simancas, Wien und 
Innsbruck hatte er das Material zusammengesucht, aber ohne damit auch nur 
bis zur H&lfte zu kommen. Eine Frucht seines Aufenthaltes in Spanien ist 
die kieine Abhandlung: Schweizergeschichtliche Forschungen auf 
spanischen Archiven und Bibliotheken, eine treffliche Orientierung iiber den 
Bestand der spanischen Archive an Helvetica, wodurch er sich alle Forscher 
zu Dank verpflichtete. R. half auch die Zeitschrift fur Schweizerische 
Kirchengeschichte mitbegrunden, erlebte aber deren Erscheinen (1907) 
nicht mehr. 

Es war ein Verh&ngnis, dafi der Mann von so hohem Gedankenfluge, 
dieser weiten Bildung, verklart von goldlauterem Idealismus, dieser Kunstler 
des Wortes und der Darstellung sich meist an Aufgaben heranmachte, die 
unter seinem Konnen lagen, und die grofien, die dankbaren, die seinen 
Namen weiten Kreisen bekannt gemacht hatten, der Zukunft, die er nicht 
mehr erlebte, vorbehielt. Allein diejenigen, welche ihn n&her zu kennen 
oder seine Schuler zu sein das Gliick hatten, sowie jene, die mit seinen 
Schriften sich naher befassen, werden ihn nichts destoweniger richtig ein- 
zusch&tzen wissen; denn er war mehr, als seine Bescheidenheit ahnen liefl, 
zu Grdfierem geschaffen, als er uns hinterlassen hat, daneben ein ganzer, ein 
edler Mensch, ein warmer Freund, eine Zierde seines Standes. 

Schriften: 1. Beitrage zur Geschichte der BUndener Wirren in ihren Wirkungen auf 
die Eidgenossenschaft (16 18 — 1620), Bcilage zum Jahresbericht der hoheren Lehranstalt in 
Luzern. Luzern 1881. — 2. Albin Kaufmann. Prof, in Luzern. Beilage zum Jahresbericht 
der hSheren Lehranstalt in Luzern. Luzern 1884. — 3. Der Veltlinermord in seinen un- 
mittelbaren Folgen fUr die Eidgenossenschaft, in: Geschichts freund der V Orte Luzern, Uri, 
Schwyz, Unter^'alden un«J Zug. 40. Band. 1885. — 4. Jost. Jos. Niklaus Schiffmann von 
Luzern, Kunstmaler, in Ncujahrsblatt der Ziircher KUnstlergesellschaft 1886. — 5. Die fCorre- 



Reinhardt. von Wittich. I c t 

spondenz von Alfonso und Girolamo Casati, spanischen Gesandten in der schweizerischen 
Eidgenossenschaft, rait Erzherzog Leopold V. von Osterreich 1620 — 1623. Ein Beitrag zur 
schweizerischen und allgemeinen Geschichte im Zeitalter des Dreifiigjahiigen Krieges. Mit 
Einleitung und Anmerkungen, in Collectanea Friburgensia Fasciculus I. Freiburg in der 
Schweiz 1894. — 6. Schweizergeschichtliche Forschungen auf spanischen Archiven und 
Bibliotheken. Bern 1900. — 7. Die Nuntiatur von Giovanni Francesco Bonhomini 1579 — 1581. 
Dokumente 1. Bd.: Aktenstticke zur Vorgeschichte der Nuntiatur 1570 — 1579. Die Nuntiatur- 
berichte Bonhominis und seine Korrcspondenz mit Carlo Boiromeo aus dem Jahre 1579 
(bearbeitet mit Franz Steffens) in: Nuntiaturberichte aus der Schweiz seit dem Conzil 
von Trient I. Abteilung. Solothurn 1906. — 

Nekrologe: 1. von Alb. Biichi in Freiburger Gescbichtsblatter, XIII. Jahrgang, 
Freiburg i. Schw. 1906. — 2. von A. Btichi in Zeitschrift flir Schweizerische Kirchen- 
geschichte. 1. Jahrgang, Freiburg 1907. — 3. von J. Wafimer in Monat-Rosen des Schweiz. 
Studenten-Vereins. 51. Jahrgang, 1908. — 4. von Ludwig Suter in Jahresbericht der 
hoheren Lehranstalt in Luzern fiir das Schuljahr 1906/07 und Separatabdruck. Luzern 1907. 

A. Biichi. 

v. Wittich, Adolf, k. preufi. Generaloberst der Infanterie, * 28. August 1836 
in Schonlanke (Regierungsbezirk Bromberg), f 23. Februar 1906 in Wiirzburg. — 
Unter den Generalen Kaiser Wilhelms II. niinmt v. W. nach Rang und geistiger 
Bedeutung einen hervorragenden Platz ein. Aus bescheidenen Verhaltnissen 
arbeitete er sich, durch klaren Verstand und ungewohnliche Schaffenskraft 
unterstiitzt, zu einem tuchtigen Generalstabler empor, der wahrend zweier 
Feldzuge Gelegenheit bekam, die grofien Verhaltnisse des Krieges kennen zu 
lernen. In langer Friedenszeit stieg er dann bis zum Kommandierenden 
General auf und sah seine Laufbahn durch die Ernennung zum Generalobersten 
mit Feldmarschallsrang gekrOnt. — Sein Vater war Wachtmeister im 4. Ulanen- 
Regiment, erhielt beim Abschied den Charakter als Sekondleutnant und 
starb als Kreisgerichtssekretar 1855, wahrend seine Mutter, die 1888 abschied, 
noch einen grofien Teil des glanzenden Vorwartskommens ihres Sohnes 
erlebte. v. W. trat, nachdem er die Kadettenanstalten in Kulm und Berlin 
besucht hatte, am 1. Mai 1855 als Sekondleutnant beim 39. Infanterie-Regi- 
ment in Mainz ein. Ein reges geistiges Streben war dem jungen Offizier 
bei praktischer Tiichtigkeit von vornherein eigen. Bald sehen wir ihn als 
Kadettenerzieher in Wahlstatt und Berlin. Geschichte und Geographie waren 
die Facher, in denen er unterrichtete. Er war ein vortrefflicher Lehrer, der 
es verstand, durch lebhaften Vortrag die Schiiler fortzureifien. Er wufite den 
Ehrgeiz im guten Sinne zu wecken, er kargte nicht mit Lob, wo Leistungen 
anzuerkennen waren, trage Schiiler stachelte er durch wohlangebrachte Ironie 
an. In der Kriegsgeschichte erwarb sich v. W. aufiergewohnliche Kenntnisse; 
dank besonders gutem Gedachtnis verfugte er allmahlich iiber eine staunens- 
werte Fiille von Einzelheiten. Ende i860 zum Premierleutnant befordert, 
war er von 1863 bis 1869 neben seinen sonstigen Dienstverhaltnissen Mitglied 
der Militar-Examinations-Kommission. Als Ergebnis einer italienischen Reise 
erschien 1865 die Schrift »Die italienische Armee in ihrem heutigen Bestande, 
mit spezieller Beriicksichtigung der Infanterie. « Diese Veroffentlichung erregte 
die besondere Aufmerksamkeit des Generals v. Moltke und trug zur Versetzung 
des Verfassers in den Generalstab bei. Erst dreifiigjahrig, riickte v. W. 1866 
zum Hauptmann im grofien Generalstabe auf, machte im grofien Hauptquartier 



1 58 von Wittich. 

des KOnigs als jiingster Generalstabsoffizier den Feldzug gegen Osterreich, 
insbesondere die Schlacht bei K&niggr&tz mit und erwarb den Roten Adler- 
orden IV. Klasse mit Schwertem. Nach dem Kriege nahm den Generalstibler 
von 1866 bis 1868 eine Lehrt&tigkeit an der Kriegsakademie in Anspruch; 
es folgte, vom Februar 1869 ab, eine kurze Spanne Frontdienst, dem er sich 
als Kompagniechef im pommerschen Fttsilierregiment Nr. 34 zu Frankturt a. M. 
hingab; im M&rz 1870 kehrte er zum grofien Generalstabe zuriick, wurde 
vierzehn Tage spater in den Generalstab des IV. Aimeekorps versetzt und 
zog, seit dem 20. Juli Major, als erster Generalstabsoffizier dieses Korps 
gegen Frankreich aus. Unter dem mit trefflichen Fuhrereigenschaften aus- 
gestatteten General Gustav v. Alvensleben, der zudem eine auf den ver- 
schiedensten Gebieten des Wissens unterrichtete und anregende Persdnlichkeit 
war, beteiligte sich Major v. W. n£chst kleineren Unternehmungen und Gefechten 
an den Schlachten bei Beaumont und Sedan sowie an der Einschliefiung 
von Paris. Mit beiden Eisernen Kreuzen geschmuckt, trat er 1872 beim 
grofien Generalstabe wieder ein, wurde 1875 Oberstleutnant und im nachsten 
Jahre Abteilungschef, versah auch eine Weile erneut ein Lehramt an der 
Kriegsakademie. 1877 nahm ihn das damals von Blumenthal befehligte 
IV. Korps wieder bei sich auf, diesmal als Chef des Stabes. Dann aber 
vertauschte er den Generalstab mit dem Kriegsministerium, wurde 1878 Chef 
der Abteilung fur die Armee-Angelegenheiten und im folgenden Jahre Oberst. 
Im M£rz 1885 wurde er mit der Fiihrung der 12. Infanterie-Brigade (Regi- 
menter 24 und 64) beauftragt, im September des n&mlichen Jahres erfolgte 
die BefSrderung zum Generalmajor und Ernennung zum Kommandeur dieser 
Brigade. Wahrend der Brigadefuhrung, 1887, wurde er Mitglied der Kommission 
zur Bearbeitung eines neuen Exerzierreglements. Vor allem aber bahnte sich 
gegen das Ende der achtziger Jahre ein Wendepunkt in der Geschichte seines 
Lebens an in Gestalt besonderer Beziehungen, die er zu der Person des 
nachherigen Kaisers Wilhelm II. gewann. Auf W. fiel die Wahl, als es sich 
darum handelte, einen Offizier zu finden, der auf Grund reichen kriegs- 
geschichtlichen Wissens belehrende Vortr&ge vor dem Prinzen Wilhelm halten 
kOnnte. Generalmajor v. W. entledigte sich dieser Aufgabe mit grOfitem 
Geschick, und die Eindriicke hinwiederum, die Prinz Wilhelm von W. gewann, 
veranlaflten ihn, gleich beim Regierungsantritt diesen zu seinem diensttuenden 
Generaladjutanten und bald hernach auch noch zum Kommandanten des 
neu geschaffenen kaiserlichen Hauptquartiers zu ernennen. Seine Vortr&ge 
setzte v. W. iibrigens fort; ein damaliger kaiserlicher Fliigeladjutant entsinnt 
sich der ungew6hnlich interessanten Art, in der General v. W. iiber die 
napoleonischen Feldziige redete; mit dem Kaiser wohnte gewOhnlich das, 
gesamte Hauptquartier den Vortragen bei. Von 1888 bis 1892 gehflrte v. W. 
seit September des ersteren Jahres Generalleutnant, der unmittelbaren Urn- 
gebung des Allerhflchsten Kriegsherrn an. Sodann, im August 1892, trat er 
als Nachfolger des Generals v. Grolman an die Spitze des XL Armeekorps 
in Kassel. Mehr denn 11 Jahre hindurch wartete er dieses Amtes, wurde, 
um die &ufieren Daten vorwegzunehmen, 1893 zum General der Infanterie 
befflrdert, 1903 zum Generalobersten und empfing dazwischen, 1897, den 
Schwarzen Adlerorden. Obwohl vor 1892 nur kurze Zeit in der Front ver- 
wendet, war v. W. doch ein ausnehmend praktischer Soldat und hervor- 



von Wittich. Appel. 159 

stechender Fiihrer. Wie seine gesamten militarischen Anschauungen nur der 
Kriegserfahrung entsprangen, so verfolgte er als Korpskommandeur in Wort 
und Schrift ausschliefllich und in jeder in Betracht kommenden Hinsicht die 
kriegsmafiige Ausbildung seiner Truppen. Auch die organisatorische Begabung, 
die er im Kriegsministerium betatigt hatte, kam dem Korps vielfach zugute. 
» Seine Erlasse«, schreibt ein ehemaliger Chef seines Stabes, »waren kurz 
und auBerordentlich klar, seine Besprechungen wirkten in hohem Mafle 
belehrend und anregend. Die Zahl der Zuhorer am Schlufl der Manover 
war immer sehr groB, wenn der allverehrte Kommandierende General das 
Wort ergriff und die Ereignisse des Tages beleuchtete. Es war im allgemeinen 
nicht seine Art, streng zu urteilen, er liefl berechtigte Ansichten immer 
gelten, Fehler stellte er ohne Scharfe klar und bewies, aus welchem Grunde 
anders zu verfahren gewesen ware.« Schlicht in seinem Wesen, dr&ngte er 
sich nie in den Vordergrund. Er verkehrte mit seinen Untergebenen un- 
gezwungen und freundlich; ein warmes Herz hatte er besonders fur die 
Jugend. Bei seiner groBen Gedachtniskraft und Menschenkenntnis kannte er 
selbst die jiingeren Offiziere seines Korps nicht nur dem Namen, sondern 
auch der Person nach. Er wufite vielfach auch ihre Eigentumlichkeiten und 
verstand es daher in seltener Weise, fiir besondere Dienstleistungen die 
rechten Leute zu finden. Bei weitgehender Fiirsorge fiir die Untergebenen, 
bei nie erlahmender Hilfsbereitschaft gegeniiber anderen dachte er zuletzt 
an sich selbst; fur seine Person war er ungemein bediirfnislos und bescheiden. 
Sehr glucklich lebte er in seiner Familie; ein fiirsorgender Gatte und Vater, 
ein liebenswiirdiger, gastfreier Wirt, ein vortrefflicher Gesellschafter, war er 
denen, die er seiftes naheren Umgangs wiirdigte, ein treuer, ausdauernder 
Freund. Um den Menschen wie um den Soldaten herrschte aufrichtige Trauer 
bei vielen, als v. W. zu Wurzburg, wo er sich zur Kur aufhielt, in seinem 
70. Lebensjahre infolge eines Herzschlags verstarb. 

Leipziger Illustrierte Zeitung 1892, Nr. 2566 (Zernin); Berliner Militar-Zeitung 1903, 
Nr. 38; Militar-Wochenblatt 1906, Nr. 30 (Nekrolog von L.). — Mitteilungen ehemaliger 
Kameraden und Untergebener. 

Koburg. Archivar Dr. Krieg. 

Appel, Johann, Frhr. v., k. u. k. General der Kavallerie, * am 11. No- 
vember 1826 in Sikirevicze in Slavonien, f in Gradiska am 7. September 1906. 
Mit 14 Jahren trat A., Sohn des FML. Josef Ritter v. A. in die Grazer Kadetten- 
kompagnie, wurde am 16. September 1843 als Kadett in das Infanterieregiment 
Nr. 59 eingeteilt, aber schon nach zwei Monaten zum 4. Ulanenregiment tiber- 
setzt, in welchem er ein Jahr spater zum Leutnant und am 11. April 1848 
zum Oberleutnant avancierte. In dieser Charge empfing er die Feuertaufe 
bei Bevilacqua, 20. April 1848, focht dann bei Goito, Vicenza, Sommacampagna, 
Custoza, Volta und Novara und, zur Armee in Ungarn ubersetzt, bei Csanak, 
Komorn, Szoreg, Csatdd und Temesv&r. Fiir seine hervorragenden Leistungen 
in diesen Feldzligen wurde ihm zuerst die Allerhochste Anerkennung und 
am 10. Februar 1850 das Militar-Verdienstkreuz zuteil. Der Krieg des 
Jahres 1859 gegen Frankreich und Piemont bot A., der inzwischen zum 
Major im 12. Ulanenregiment vorgeruckt war, Gelegenheit zu einer Reihe 
gl&nzender Waffentaten. Wahrend des Treffens bei Montebello, 20. Mai, 



] 60 Appel. 

unternahm er an der Spitze seiner Division wiederholt erfolgreiche Attacken, 
zwischen dem 21. und 23. Mai wirkte er, mit einem selbst&ndigen Streif- 
kommando betraut, bestimmend ein auf die Beschleunigung der Offensive 
der Armee, so dafl ihm Kaiser Franz Josef den Orden der Eisernen Krone 
3. Klasse verlieh, nachdem er ihm schon vorher die belobende Anerkennung 
ausgesprochen hatte; bei Solferino aber erwarb sich A. die hflchste militarische 
Auszeichnung, den Maria-Theresien-Orden. 

A. war am 23. Juni abends von seinem Streifzuge in Volta eingetroffeh 
und erhielt den Befehl, wieder zu seinem Korps, dem 5., einzurucken. Auf 
dem Marsche dahin stiefl er unweit Cavriana auf zuriickweichende Teile des 
1. Korps. Er bewirkte deren Rallierung und liefl sie, unterstlitzt von seinen 
zwei Geschutzen, nordostlich Cavriana eine Aufnahmestellung beziehen. Er 
selbst stellte sich mit seinen Reitern den Kommandierenden des 1. und 
7. Korps, FML. Graf Clam und FML. Zobel, zur Deckung des Ruckzuges zur 
Verfugung. Um die sich dem heftig andrangenden Feinde entgegenstemmende 
Division FML. Prinz v. Hessen zu unterstiitzen, nahm A. unmittelbar vor 
Cavriana Stellung, er selbst ritt zur Rekognoszierung im heftigsten Kugelregen 
vor. Im kritischsten Momente, da starke feindliche Infanterieabteilungen 
die Verbindung zwischen den Brigaden Wussin und Brandenstein bedrohten, 
fiihrte er dann die ihm zun&chst stehenden Ulanen gegen den Feind. Durch 
die kiihne Attacke der Lanzenreiter angefeuert, schlossen sich die bereits im 
Zuriickgehen begriffenen Infanterieabteilungen dem Angriff an, so dafl der 
weit uberlegene Gegner, eine starke Kavalleriemacht vor sich vermutend, 
zuriickwich, wahrend dessen Unterstiitzungen Karrees auf den Bergkuppen 
bildeten und die Angreifer mit Geschutz- und Gewehrfeuer uberschiitteten. 
Im Anreiten wurde A. durch eine Gewehrkugel schwer im Gesichte verwundet, 
trotzdem stellte er die Attacke erst ein, nachdem er sich iiberzeugt hatte, 
dafl der Gegner nunmehr zu langsamerer und vorsichtigerer Verfolgung ent- 
schlossen war. Aus dem heiflen Kampfe zuriickgekehrt und nachdem er 
seine Abteilungen vollst&ndig ralliert hatte, sank A. bewufltlos vom Pferde 
in demselben Augenblicke, als der Kaiser auf dem Kampfplatz erschien. 
Rasch wieder zum Bewufitsein gelangt, fand A. die seltene Kraft und Energie, 
um mit blutendem Gesicht und unter furchtbaren Schmerzen dem Allerh6chsten 
Kriegsherrn liber die Situation beim Gegner und iiber die eigenen Maflregeln 
zu berichten. Infolge der schweren Verwundung verlor A. das linke Auge. 
In Wiirdigung dieser Leistungen verlieh der Kaiser dem Major A. am 
17. Dezember 1859 das Ritterkreuz des Leopoldordens und erhob ihn am 
28. Januar 1860 in den Freiherrnstand. Am 21. Mai desselben Jahres wurde 
ihm vom Ordenskapitel das Ritterkreuz des Maria Theresien-Ordens zuerkannt. 

Den Feldzug gegen Preuflen 1866 machte A., der am 19. Februar 1863 
zum Oberstleutnant, am 29. Oktober desselben Jahres zum Obersten befordert 
worden war, als Brigadier in der 1. leichten Kavalleriedivision Gen. Frhr. 
v. Edelsheim mit. In dem Avantgardegefecht vor Jicin, 28. Juni, gelang es 
A., ein preufiisches Detachement zuriickzuwerfen, und in der Schlacht bei 
Koniggratz wirkte er insbesondere mit seiner gut postierten Kavalleriebatterie 
uberaus erfolgreich. Nach dem Feldzuge mit dem Orden der Eisernen Krone 
2. Klasse ausgezeichnet, wurde A. zum Kommandanten des Zentral-Kavallerie- 
kurses ernannt, in welcher Verwendung er, am 9. November 1867 zum General- 



Appel. Brackebusch. igj 

major, am i. November 1874 zum Feldmarschalleutnant befordert, bis zu 
seiner Ernennung zum Milit£rkommandanteh in Temesv&r, 2. August 1881, 
verblieb. Nachdem A., am 6. April 1881 zum Geheimen Rat ernannt, noch 
vom 8. April 1882 bis zum 9. August desselben Jahres Milit&rkommandant 
in Hermannstadt gewesen war, wurde er mit dem Titel eines Generals der 
Kavallerie zum Kommandierenden General in Sarajevo und zum Chef der 
Landesregierung in Bosnien und der Herzegowina ernannt. In dieser 
schwierigen Stellung wirkte Freih. v. A., am 1. Januar 1883 zum Wirklichen 
General der Kavallerie befordert, bis zu seinem Ubertritt in den Ruhestand am 
2. Dezember 1903, wobei ihm der Allerhochste Kriegsherr die Brillanten zum 
Maria-Theresien-Orden verlieh. Nicht zum wenigsten ist dem Freih. v. A. 
der Aufschwung, den die okkupierten Provinzen genommen haben, zu danken. 
Er erwies sich als vortrefflicher Administrator, als zielbewufiter und standhaftei 
Trager der 6sterreichisch-ungarischen Politik, aber auch als giitiger und herz- 
gewinnender Vermittler zwischen dem Reich und den neuerworbenen Pro- 
vinzen. Freih. v. A. ist nach kurzer Krankheit am 7. September 1906 in 
Gradiska gestorben. 

Lukes, Militarischer Maria-Theresien-Orden. Kavalleristische Monatshefte, 1906. 
1. Heft. Anneefreund 1906, Nr. 25. Wiener Abendpost 1900, Nr. 199. Minerva, 1895. 
III. Jahrgang. Arnieezeitung 1899, Nr. 143. Vedette, 1887, Nr. 21. Annecblatt 1886, Nr. 37. 

Oskar Criste. 

Brackebusch, Ludwig, Geolog und Forschungsreisender, * 4. Marz 1849 
zu Northeim im ehemaligen K5nigreich Hannover, f 2. Juni 1906 zu Han- 
nover. Schon in seiner Jugend empfand er eine ausgesprochene Neigung fur 
das Sammeln von Naturgegenstanden, weshalb er nach Absolvierung des Gym- 
nasiums sich in G6ttingen dem Studium der Naturwissenschaften widmete. 
Als 1870 der Deutsch-Franzosische Krieg ausbrach, zog er mit ins Feld, kehrte 
aber dann nach Gdttingen zuriick, um seine Studien fortzusetzen. Von seinen 
akademischen Lehrern beeinflufiten ihn namentlich der Geolog Wolfgang Sar- 
torius von Waltershausen, der Mineralog Johann Benedict Leisting, der Bota- 
niker August Grisebach, der Zoolog Karl Claus, der Palaontolog Karl von 
Seebach, der Geograph Johann Eduard.Wapp&us und der Chemiker Fiiedrich 
Wflhler. Von alien Zweigen der Naturwissenschaft zog ihn die Geologie am 
meisten an. Er benutzte deshalb die Sommermonate, um im heimischen Harz- 
gebirge geologische und geognostische Untersuchungen anzustellen. Eine 
Frucht dieser Arbeiten war seine 1874 abgeschlossene Dissertation »Entwick- 
lung der geognostischen Verhaltnisse der Gegend zwischen dem Falkenstein 
und KSnigerode am Unterharz«, die im folgenden Jahre zu Hildesheim im 
Druck erschien. Noch vor Vollendung dieses Erstlingswerkes eroffnete sich 
ihm ein weites und aussichtsreiches Wirkungsfeld im fernen Siidamerika. Die 
Regierung der Republik Argentinien hatte namlich 1870 an der alten, noch 
aus der spanischen Zeit stammenden, aber ziemlich darniederliegenden Uni- 
versitat Cordoba eine naturwissenschaftliche Fakult&t begriindet, die der Mittel- 
punkt fur eine umfassende geogtaphische, ethnologische und naturwissenschaft- 
liche Erforschung des ausgedehnten Staatsgebietes werden sollte. Da es dem 
Lande selbst an einer geniigenden Zahl tiichtiger Lehrkrafte fehlte, wendete 
man sich an verschiedene namhafte Gelehrte in Deutschland mit der Bitte 

Blogr. Jahrbuch u. Deutschcr Nckrolog-. it. BiJ. II 



1 62 Hrackebusch. 

urn Empfehlung von jiingeren Fachleuten, die sich gleichzeitig fur das Amt 
eines Professors und den Beruf eines Forschungsreisenden eigneten. Auch B. 
erhielt einen Ruf als Professor der Mineralogie und Geologie und nahm ihn 
1875 trotz entgegenstehender Bedenken an. 16 Jahre hat er diesem Amte 
vorgestanden und sich bedeutsame Verdienste um die geologische Erschlieflung 
Argentiniens erworben. Nachdem er sich in seiner neuen Heimat etwas 
orientiert und mit Sprache, Sitten und Gebrauchen einigermafien vertraut 
gemacht hatte, begann er gemeinsam mit seinem Kollegen und Landsmann 
Arthur Seelstrang eine Untersuchung der westlich von der Universit&tsstadt 
gelegenen, in geologischer Hinsicht sehr interessanten Sierra de Cordoba. 
Eine von beiden gemeinsam entworfene Kartenskizze des Gebirges im Mafi- 
stabe von 1 : 500000 wurde spater in der Zeitschrift der Berliner Gesellschaft 
fur Erdkunde (XVII, 1882, Tafel 1) ver6ffentlicht. In den n&chsten Jahren 
dehnte B. seine Aufnahmen auf die weiter sudwestlich in der Provinz San 
Luis sich erhebende Sierra de San Luis, sowie auf die Sierra de Ambato 
in der Provinz Catamarca aus. Allmahlich aber stieg der Wunsch in ihm auf, 
eine systematische Durchforschung der gewaltigen, zum Teil die Grenze 
zwischen Argentinien und Chile bildenden und noch nahezu unbekannten 
Cordillerenketten zwischen den Provinzen San Juan im Suden und Jujuy im 
Norden vorzunehmen. Durch eine gemeinsam mit Seelstrang verfafite Denk- 
schrift, die namentlich auf die reichen Mineralschatze jenes Gebietes hinwies, 
suchte er die Behorden und die wissenschaftlichen Gesellschaften des Landes 
von der Bedeutsamkeit eines solchen Unternehmens zu uberzeugen (Ideas 
sabre la exploration cientifica de la parte norotste de la Rcpublica, gedruckt 
im Boletin del Institute Geogrdfico Argentmo III, 1881/82, S. 312 — 315, 323 
bis 331). Sein Plan wurde gebilligt, und so brach er um Weihnachten 1880 
zu seiner ersten grofleren Forschungsreise auf. Nachdem er die Sierra de 
Cordoba iiberschritten hatte, durchzog er, nur durch einen glucklichen Zufall 
dem Tode des Verdurstens entgehend, die ausgedehnte Salzsteppe Salinas 
Grandes, iiberstieg die Sierra de Ancaste in der Provinz Catamarca und 
wendete sich dann westwarts nach der Provinz Rioja, die er von dem gleich- 
namigen Hauptorte aus in zahlreichen Kreuz- und Querfahrten durchstreifte. 
Sein Hauptaugenmerk richtete er auf die geologisch hdchst merkwurdige 
Sierra de Velasco und die durch ihren Erzreichtum beriihmte Sierra Famatina. 
Hier traf er einen seit Jahren ansassigen deutschen Berg- und HQtteningenieur 
namens Emil Htinicken, der ihn in die einzelnen Gruben des ausgedehnten 
Minendistrikts begleitete und ihm eine Menge sachverstandiger Auskiinfte 
erteilte. Ein Versuch, den etwa 6400 m hohen Nevado de Famatina zu be- 
steigen, mufite wegen Unwetters aufgegeben werden. Dann durchforschte er 
die weiter westwarts gelegenen Grubenbezirke Guandacol und Guachi, sah 
sich aber durch den Eintritt der ungiinstigen Jahreszeit an weiterem Vor- 
dringen gehindert und kehrte deshalb durch die Provinz San Juan nach Cor- 
doba zuriick, wo er Ostern 1881 nach viermonatiger Abwesenheit mit reichen 
Sammlungen beladen gliicklich eintraf. Als er der Regierung einen Bericht 
iiber seine Ergebnisse eingesandt hatte, erhielt er von ihr die Aufforderung, 
eine Reise nach der Nordprovinz Jujuy anziitreten, um die daselbst vor- 
handenen Petroleumquellen auf ihren Wert und ihre Ausbeutungsm&glichkeit 
hin zu untersuchen. Anfang August fuhr er zun£chst mit der Eisenbahn bis 



Brackebusch. 1 63 

Tucuman, dann mit der Post bis zur Hauptstadt Jujuy. Von hier aus besuchte 
er die Petroleumdistrikte in den Sierras de Santa Barbara und Maiz Gordo, 
die reichen Goldfelder an der bolivianischen Grenze, sowie die heifien Quellen 
von Rosario de la Frontera in der Provinz Salta. Ende Dezember 1881 traf 
er wieder in Cordoba ein. Das nachste Jahr verbrachte er damit, eine Be- 
schreibung dieser Reise nebst einer Karte der Provinz Jujuy im Mafistabe 
von 1:1000000 zu entwerfen, die er im BolcHn del Instituto Geogrdfico 
Argentino (III, 1881/82, Tafel 1, S. 398— 408; IV, 1883, S. 9— 17, 203—210, 
217 — 226), sowie im Bolctin de la Academia Nacional de Ciencias en Cdrdoba 
(V, 1883, Nr. 2, S. 137 — 184) ver5ffentlichte. Im August 1883 trat er eine 
dritte Reise nach dem Nordwesten an, um die schneebedeckten Hochgebirge 
der Provinz Salta und die dortigen Minendistrikte zu untersuchen und topo- 
graphisch aufzunehmen. Da ihn die vorhandenen Karten dieser Gegend 
infolge ihrer Fehlerhaftigkeit vdllig irrefuhrten, verliefi er ohne es zu ahnen 
das argentinische Gebiet und fiel in die Hande von chilenischen Grenz- 
wachtern, die ihn fur einen Spion hielten und mit dem Tode bedrohten. 
Nur mit gr60ter Miihe gelang es ihm zu entkommen und mit Hilfe eines 
indianischen Schmugglers die Grenze zu erreichen. Er durchquerte nun 
rasch die Provinz Catamarca, hielt sich nur kurze Zeit in Cordoba auf und 
nahm zur Erholung von den Reisestrapazen einen langeren Urlaub, den er 
zu einer Fahrt in die deutsche Heimat benutzte. Ein Jahr lang verweilte er 
in Europa und arbeitete an der Herausgabe einer Karte, die seine bisherigen 
Beobachtungen unter Benutzung alles vorhandenen sonstigen Materials im 
Mafistabe von 1 : 1000 000 zusammenfafite und 1885 * n Gotha unter dem Titel 
^Mapa del Interior de la Republica Argentina* in 6 Blattern auf Kosten der 
argentinischen Regierung veroffentlicht wurde. Sie reicht von 22^2 bis 35 
siidl. Br. und umfafit aufler den westlich vom 62.0 w. L. v. Gr. gelegenen ar- 
gentinischen Provinzen auch das angrenzende chilenische Gebiet. Sie zeichnet 
sich namentlich dadurch aus, dafl sie die Topographie der durch ihren Erz- 
reichtum wichtigen Nordwestprovinzen, vor allem den Verlauf der Cordilleren- 
ziige, in vielen Einzelheiten berichtigte und zum Teil v6llig umgestaltete, 
wenn sie auch in bezug auf die Langenbestimmungen nicht ohne Irrtiimer 
ist, da sie nicht durchgSngig auf Vermessungen, sondern auch auf Erkundi- 
gungen und Beobachtungen aus der Feme beruht. 

Im Sommer 1885 kehrte B. nach Argentinien zuriick, doch konnte er 
nicht sogleich wieder eine grftfiere Reise unternehmen, da infolge der bevor- 
stehenden Wahl eines neuen Prasidenten die Cffentlichen Gelder fur politische 
Zwecke in Anspruch genommen waren. Er begniigte sich deshalb mit 
Wanderungen durch die unweit von Cordoba gelegenen Provinzen Tucuman, 
Catamarca und Rioja. Erst gegen Ende des Jahres 1886 fand er Gelegenheit 
zu einer ausgedehnteren Forschungsexpedition. Zunachst durchzog er die 
Provinz Mendoza und besuchte die Selengruben und Petroleumquellen von 
Cacheuta. Dann drang er bis in die Nahe des Aconcagua vor, ohne ihn 
indes zu ersteigen, wendete sich darauf nordw&rts nach der Provinz San Juan, 
uberschritt das erzreiche Gebirge Pi6 de Palo und die Sierra de la Huerta 
und untersuchte die Kohlenfelder von Paganzo in der Provinz Rioja. Als 
er wieder in Cordoba eintraf, war daselbst die Cholera ausgebrochen, so dafi 
er schleunigst umkehrte und sich nach der hochgelegenen und gesunden 



j()4 Brackebusch. 

Provinz Catamarca begab. Vor allem besuchte er den Kupferminenbezirk 
von Belen und die goldreiche Sierra Gulampaja. Als sich die Seuche aber 
auch hier ausbreitete, wendete er sich westw&rts der chilenischen Grenze zu, 
um die hdchsten KSmme der Cordilleren kennen zu lernen. Diese entlang 
zog er dann an Dutzenden von Hochgipfeln und Passen voriiber unter mannig- 
fachen Gefahren durch Hunger, Kalte und verwilderte Eingeborene nach 
Siiden, bis er endlich in San Juan, dem Hauptorte der gleichnamigen Provinz, 
wieder in die Kulturwelt eintrat. Ende Mai 1887 erreichte er glucklich 
Cordoba, wo unterdes die Cholera erloschen war. Anfang Februar des nachsten 
Jahres verliefl er diese Stadt abermals und begab sich zunachst wiederum 
nach San Juan. Von hier aus iiberstieg er die Sierra del Tigre und folgte in 
Gesellschaft eines Schmugglers dem Rio Castafto aufwarts bis in sein Quell- 
gebiet. Hierauf stellte er die Wasserscheide nach Norden zu bis in die 
Provinz Salta fest, nahm eine lange Reihe von Passen und Hochtalern auf, 
untersuchte mehrere bisher unerforschte Erzlager und kehrte dann im Juni 

1888 nach Cordoba zuriick. Die nachsten beiden Jahre verbrachte er mit 
der wissenschaftlichen Bearbeitung der auf seinen fiinf Forschungsreisen zu- 
sammengebrachten reichen Sammlungen und Aufzeichnungen, namentlich mit 
der Anfertigung einer groBen Karte von ganz Argentinien, von der eine Probe 

1889 in Buenos Aires veroffentlicht wurde. Da es ihm aber h&ufig an den 
notwendigen literarischen Hilfsmitteln fehlte, und da sich auflerdem die po- 
litischen und finanziellen Verhaltnisse des Landes immer ungiinstiger ge- 
stalteten, nahm er 1890 seinen Abschied und liefl sich dauernd in Deutsch- 
land nieder. 

Hier erschien nun als wichtigstes Ergebnis seiner langjahrigen Studien 
eine n Afapa de la Republica Argentina y de los Paises limitrofcs" (Hamburg 
1891) in 13 Blattern und im Maflstab von 1 : 1000 000. Sie stellt ganz Siid- 
amerika siidwSrts vom 21.0 s. Br. einschliefilich der Falklandsinseln dar und 
zeichnet sich ebenso durch gefalliges Aufiere, wie durch sorgfaltige Ver- 
wertung aller neueren Forschungsergebnisse aus. Die 9 nordlichen Blatter 
wurden bald darauf mit geologischem Kolorit versehen unter dem Titel 
n Mapa geologica del Interior de la Republica Argentina" ausgegeben (Gotha 
1892, neue Auflage Cordoba 1894). Eine ausfiihrliche Selbstanzeige iiber beide 
Karten verttffentlichte B. in Petermanns Mitteilungen 1892, S. 177 — 189 (auch 
als erweiterter Sonderabdruck Gotha 1892), eine Schilderung seiner Reisen 
wahrend der Jahre 1875 — x 888 in den Verhandlungen der Gesellschaft fiir 
Erdkunde zu Berlin XVIII (1891), S. 53 — 79, eine Karte zur Veranschaulichung 
dieser Wanderungen im Maflstab von 1 : 3000000 in Petermanns Mitteilungen 
1892, Tafel 14 — 15, eine tJbersicht iiber die Kartographie der Atacama-Wiiste 
ebenda 1891, S. 225 — 230, eine Karte des nordwestlichen Teils der Argen- 
tinischen Republik und des chilenischen Grenzgebietes, gleichfalls im Mafl- 
stab von 1 13000000, in der Zeitschrift der Gesellschaft fiir Erdkunde zu 
Berlin XXVII (1892), Tafel 5, und eine ungemein viel Neues bietende, nicht 
weniger als no Passe verzeichnende Abhandlung iiber die Cordillerenpasse 
zwischen der Argentinischen Republik und Chile vom 22. — 35.0 s. Br. ebenda 
S. 249 — 348. Daran schlofi sich im folgenden Jahre ein gleichfalls sehr 
lehrreicher, durch 2 Karten erlauterter Aufsatz iiber die Bodenverhiltnisse 
des nordwestlichen Teils der Argentinischen Republik mit Bezugnahme auf 



Brackebusch. Gruber. 



165 



die Vegetation (Petermanns Mitteilungen 1893, S. 153 — 166 und Tafel 10 — 11). 
Ein darin angekiindigtes zusammenfassendes Werk iiber die mineralogischen 
und geologischen Verhaltnisse Argentiniens kam leider nicht zur Vollendung, 
vielmehr begniigte sich der Verfasser, einzelne Abschnitte daraus in ver- 
schiedenen deutschen Fachzeitschriften, namentlich im Globus und in der 
Zeitschrift fur Berg-, Hiitten- und Salinenwesen zu verdffentlichen. Bald nach 
der Ruckkehr aus Sudamerika hatte sich B. zu dauerndem Aufenthalt in 
Hannover niedergelassen. Hier beschaftigten ihn aufier den argentinischen 
Studien namentlich Forschungen iiber den Kalibergbau in seiner Heimat- 
provinz und iiber die Petroleumfelder in der Liineburger Heide. Als Haupt- 
ergebnis dieser Untersuchungen erschien eine „Geologische Karte der Provinz 
Hannover und der angrenzenden Landesteile nebst Angabe der Mineralvor- 
kommen, Mineralquellen, Hiittenanlagen, Zementfabriken, Mineralmiihlen etc. 44 
im Mafistab von 1 : 500000 (Hannover und Leipzig 1899), die allerdings von 
der Kritik keineswegs giinstig aufgenommen wurde. AuOerdem verttffent- 
lichte er noch eine Broschiire ^Der Einflufl der geologischen Verhaltnisse 
auf die Besiedelung Niedersachsens 44 (Hannover 1899), sowie mehrere Ab- 
handlungen in der Fachzeitschrift »Petroleum«. In den letzten Jahren seines 
Lebens trat er nur noch selten hervor. Seine wertvollen Sammlungen iiber- 
liefl er zum Teil den Kgl. Museen in Berlin. Viktor Hantzsch. 

Gruber, Johann Christian, fruchtbarer und vielseitiger geographischer 
Schriftsteller, * 14. Dezember 1858 zu Wassertriidingen in Mittelfranken, 
f 10. Juli 1906 in Munchen. Er stammte aus einfachen Verh&ltnissen und 
verriet friihzeitig treffliche Geistesgaben, da aber die beschrankten Mittel der 
Eltern es nicht erlaubten, den Knaben auf das Gymnasium zu schicken, 
wurde er fiir den Lehrerberuf bestimmt, zu dem ihn eine innere Neigung 
trieb. Nachdem er zunftchst die Vplksschule, dann die Praparandenanstalt 
seiner Vaterstadt besucht hatte, bezog er 1875 das Lehrerseminar zu Schwabach 
und bestand bereits 1877 die Abgangspriifung mit Auszeichnung. Seine 
gunstigen Zeugnisse verschafften ihm eine Lehrerstelle in Munchen, und hier 
fand er bald vielfache Gelegenheit und Veranlassung, seine Bildung zu 
erweitem und zu vertiefen. Um ein festes Ziel vor Augen zu haben, beschlofi 
er, sich fur die Reallehrerpriifung vorzubereiten, welche tuchtigen jungen 
Volksschullehrern die M5glichkeit eroffnete, an hohere Schulen iiberzugehen. 
1878 liefi er sich deshalb an der Miinchener Technischen Hochschule 
immatrikulieren, um Geographie, Geschichte und deutsche Sprache und 
Literatur zu studieren. Am meisten zog ihn die geographische Wissenschaft 
an, und er hatte das Gliick, in der Person des vor kurzem zum Professor 
ernannten Friedrich Ratzel einen iiberaus anregenden und fordernden Fiihrer 
durch dieses weite Gebiet zu gewinnen. Zwischen beiden Mannern kniipfte 
sich bald ein enges Freundschaftsverh&ltnis, das viele Jahre hindurch bis zu 
Ratzels Tode andauerte, und G. riihmte sich sp&ter gem, der alteste Schiiler 
des grofien Geographen zu sein. 1881 bestand er die Staatsprufung fiir das 
Lehramt an Mittelschulen wiederum mit Auszeichnung. Nachdem er sich 
einige Zeit hindurch literarisch beschaftigt hatte, erhielt er eine Stellung 
zunachst als Hilfslehrer, dann als Hauptlehrer an der Stadtischen Handels- 
schule in Munchen. Annahernd 20 Jahre hat er dieser Anstalt, zuletzt durch 



1 66 Gruber. 

den Professortitel ausgezeichnet, mit seltener Treue und bedeutendem Erfolg 
gedient, und viele Hunderte von Schiilern verdanken ihm nachhaltige Forderung. 
Sein Leben flofi ruhig und ohne bemerkenswerte &ufiere Ereignisse dahin. 
Zum Leidwesen aller, die ihn naher kannten, wurde er im kraftigsten Mannes- 
alter von einem langwierigen unheilbaren Herzleiden ergriffen, das schliefilich 
zu einem raschen Tode fiihrte, der ihn aus einem Dasein voll unermiidlicher 
Tatigkeit rifi. G. war ein Mann von umfassendem Wissen namentlich auf 
erdkundlichem Gebiete, von ungewohnlicher Arbeitskraft und peinlicher Ge- 
wissenhaftigkeit, dazu ein trefflicher Charakter von einfachem, bescheidenem 
Wesen und ein Idealist, der sich durch keinerlei Mifierfolg von seinem 
Optimismus abschrecken liefl. Als Schriftsteller hat er eine erstaunliche 
Fruchtbarkeit entfaltet. Da er wufite oder wenigstens ahnte, dafl ihm kein 
langes Leben beschieden war, niitzte er die Zeit in intensivster Weise aus, 
und so trat er fast in jedem Jahre mit einem Buche oder einigen grofieren 
Abhandlungen an die Offentlichkeit. Weil seine Arbeiten Zeugnis ablegen 
von grundlicher Sachkenntnis und fleifiigem Literaturstudium, so wurden sie 
von der Kritik fast durchg&ngig giinstig aufgenommen. Zu seinem Bedauern 
war es ihm nicht vergflnnt, seinen geographischen Gesichtskreis durch aus- 
gedehnte Reisen zu erweitern. Deshalb begnugte er sich, die heimatliche 
Gegend zwischen den Alpen und der Donau so eingehend als mdglich 
kennen zu lernen. Drei Gebiete waren es namentlich, die er durch seine 
Werke bereichert hat: die Landeskunde Bayerns, die Methodik des 
geographischen Unterrichts und die Wirtschaftsgeographie. 

In das erstgenannte Gebiet gehSren vor allem mehrere wertvolle 
Untersuchungen iiber die Landschaft um Munchen, namentlich liber die Isar, 
die meist in den Jahresberichten der Geographischen Gesellschaft in Munchen 
oder in den Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde erschienen: 
»Das Isartal zwischen der Loisach- und^ Ampermundung « (Jahresbericht VI, 
1880, S. 107 — 140, gekronte Preisschrift der Technischen Hochschule), »Der 
Hachinger Bach und seine Umgebung* (ebenda S. 141 — 147), »Die Heide- 
landschaft um Miinchen und ihre Entstehung« (ebenda IX, 1885, S. 24 — 30), 
»Das Munchener Becken. Ein Beitrag zur physikalischen Geographie Sud- 
bayerns,« mit 1 Kartenskizze und 2 Profilen (Forschungen, Band I, Heft 4, 
S. 169 — 214, Stuttgart 1885), » Moorkolonien in feayern« (Jahresbericht X, 
1886, S. 8 — 23), »Uber das Quellgebiet und die Entstehung der Isar,« mit 
1 Karte (ebenda XII, 1888, S. 1 — 68, auch als Leipziger Dissertation, durch 
die er am 14. Juli 1887 auf Verwendung Friedrich Ratzels den philosophischen 
Doktortitel erwarb), » Die Isar nach ihrer Entwicklung und ihren hydrologischen 
Verhaltnissen,« mit 8 Tafeln Diagrammen (Munchen 1889), » Die Bedeutung 
der Isar als Verkehrsstrafie « (Munchen 1890) und » Schilderungen zur Heimat- 
kunde Bayerns. Mit 1 Kartchen, 4 Profilen und 3 landschaftlichen Skizzen. 
Im Anschlufi an die geographischen Anschauungsbilder von Franz Engleder* 
(Munchen 1892). Sp&ter dehnte G. seine heimatkundlichen Studien noch auf 
jene geographisch interessante Gegend, der er selbst entstammte, namlich 
auf das Ries aus. Hierher gehdren zwei griindliche und umfangreiche Mono- 
graphien: »Der Hesselberg am Frankenjura und seine siidlichen Vorh6hen,« 
mit 1 Karte, 1 hypsographischen Kurve und 5 Abbildungen (Forschungen, 
Band IX, Heft 6, S. 373 — 452, Stuttgart 1896), und »Das Ries. Eine geo- 



Gruber. 1 67 

graphisch-volkswirtschaftliche Studie,« mit 2 Kartenbeilagen und 12 Text- 
illustrationen (ebenda Band XII, Heft 3, S. 187 — 291, Stuttgart 1899). Auch die 
Bibliographic der bayrischen Landeskunde hat er durch fleifiige Kompilationen 
gefOrdert. Zunachst stellte er die Literatur iiber die siidbayrischen Moore 
zusammen (Jahresbericht IX, 1885, S. 1 — 23). Dann gab er in unregelmaOigen 
Zwischenr&umen im Auftrage der Munchener Geographischen Gesellschaft 
Oberblicke iiber neu erschienene Biicher, Aufsatze und Karten zur Landes- 
kunde Bayerns heraus, die fur jeden Forscher auf diesem Sondergebiete 
unentbehrlich sind (Jahresbericht X, 1886, S. 126 — 140; XI, 1887, S. 60 — 73; 
XII, 1888, S. 141— 160; XIII, 1890, S. 48— 70; XIV, 1892, S. 104— 121; XV, 
1894, S. 181 — 194; XVI, 1896, S. 289 — 309; XIX, 190 1, S. 76 — 98). Endlich 
hat er sich auch um die Aufhellung der bis dahin noch ziemlich dunklen 
Geschichte der bayrischen Landeskunde durch seine Abhandlungen » Adrian 
v. Riedl, der vornehmste altbayrische Hydrograph* (Ausland 1892, Nr. 9), 
»Die landeskundliche Erforschung Altbayerns im 16, 17. und 18. Jahrhundert,« 
mit 1 Karte (F.orschungen, Band VIII, Heft 4, S. 283 — 359, Stuttgart 1894) 
und » Die Verdienste Lorenz v. Westenrieders um die bayrische Geographie « 
(Festschrift der Geographischen Gesellschaft in Munchen zur Feier ihres 
25JShrigen Bestehens, 1894, S. 91 — 118), sowie durch mehrere biographische 
Artikel iiber bedeutende Geographen Verdienste erworben, unter denen die 
iiber seinen Lehrer Ratzel in* der Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1901, 
Nr. 282 und in der Bayrischen Zeitschrift fiir Realschulwesen 1905, S. 1 — 15 
hervorzuheben sind. 

Ebenso wie bei seinen landeskundlichen Studien war er auch auf dem 
von ihm mit besonderer Vorliebe gepflegten Gebiete der Methodik des 
geographischen Unterrichts bemiiht, das geschichtlich Gewordene mit 
modernem Geiste zu durchdringen und so Vergangenheit und Gegenwart 
miteinander zu verkniipfen. Deshalb beschaftigte er sich auch eingehend 
mit der Geschichte des geographischen Schulbetriebs und verdffentlichte 
dariiber einige Abhandlungen: »Die Entwicklung der geographischen Lehr- 
methoden im 18. und 19. Jahrhundert Riickblicke und Ausblicke,« mit 
2 K&rtchen und 8 Skizzen (Munchen 1900) und »Was hat man in Altbayern 
wahrend des 18. Jahrhunderts fiir den Unterricht in der Vaterlands- und 
Erdkunde geleistet?« (Bayerland XIII, 1902, S. 123! 140 — 142. 153^) Den 
modernen Standpunkt vertrat er hauptsachlich in folgenden Schriften und 
Aufsatzen: »Uber Geographie und geographischen Unterricht an hdheren 
Lehranstalten. Kritische Betrachtungen « (Programm der St&dtischen Handels- 
schule in Munchen 1901), »t)ber den geographischen Unterricht in den 
deutschen Mittelschulen und die unverjahrten alten Forderungen an ihn« 
(Geographischer Anzeiger III, .1902, S. 19 — 22), »Friedrich Ratzels Politische 
Geographie und ihre didaktische Bedeutung« (ebenda IV, 1903, S. i6sf.), 
» Geographie als Bildungsfach« (Leipzig 1904, ein schulgeographisches 
Glaubensbekenntnis mit dem Motto: Am Wurzelwerk der Schulgeographie 
nagen immer noch drei Sch&dlinge: eine gutenteils rechtlos gewordene Uber- 
lieferung, landlaufiger Konventionalismus und die Unduldsamkeit starrsinniger 
Doktrin&re), sowie in zahlreichen kleineren Artikeln in padagogischen Zeit- 
schriften, namentlich in der Bayrischen Zeitschrift fiir Realschulwesen. Er 
betont darin, dafi der geographische Unterricht als unentbehrliches Bildungs- 



j 68 Gruber. Schmidt. 

• 
mittel von stetig wachsender Bedeutung in alien Schulen und auf alien 
Klassenstufen zu seinem Rechte kommen und den ubrigen realistischen 
Fachem als gleichberechtigt angereiht werden miisse, dafl er nicht nur 
positives Wissen aneignen, sondern vor allem die Denkfahigkeit des Schiilers 
und die Lust am Losen von Problemen steigern solle, und dafl er liberal], 
wo es irgend angangig ist, von geschulten Fachlehrern erteilt werden mdge. 
Diese Forderungen hat G. auch in zahlreichen Vortragen zum Ausdruck 
gebracht, und so gait er in - den Kreisen der Fachgenossen als einer der 
unermudlichsten und erfolgreichsten VorkSmpfer fiir die Reform des geo- 
graphischen Unterrichts. 

Wenn er wiederholt von sich selbst behauptete, dafi seine Arbeiten fiber 
geographische Didaktik und Methodik die Frucht einer langjahrigen Schul- 
praxis und Lehrerfabrung seien, so gilt das in gleichem Mafie auch von 
seinen Veroffentlichungen zur wirtschaftlichen Geographie, die er fast 
samtlich im Auftrage der Verlagsbuchhandlung B. G. Teubner in Leipzig ver- 
fafite. Er verstand es, den spr&den Stoff lebensvoll darzustellen und aus 
der Fiille der Zahlen und Tatsachen die zugrunde liegenden allgemeinen 
Gesetze herauszuheben. Hierher gehdren zunachst zwei B&ndchen der 
Teubnerschen Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt « : »Deutsches Wirt- 
schaftsleben auf geographischer Grundlage geschildert« (Band 42, 1902) und 
»Wirtschaftliche Erdkunde« (Band 122, 1906). Daran schlossen sich wirt- 
schaftsgeographische Abschnitte in zwei anderen Sammelwerken desselben 
Verlags: »Wirtschaftsgeographie Deutschlands « (in demWerke: Der deutsche 
Kaufmann, herausgegeben auf Veranlassung des Deutschen Verbandes fiir das 
kaufmannische Unterrichtswesen, 1905, S. 1 — 64) und »Wirtschaftsgeographie 
der wichtigsten Kulturl&nder « (in dem Werke: Der deutsche Groflkaufmann, 
herausgegeben auf Veranlassung desselben Verbandes, 1905, S. 99 — 148). Diese 
beiden Abschnitte wurden auch als Sonderdrucke herausgegeben und noch 
in demselben Jahre zu einem selbstandigen Werke verarbeitet; »Wirtschafts- 
geographie mit eingehender Berttcksichtigung Deutschlands, « mit 12 Dia- 
grammen und 5 Karten. In enger Beziehung hierzu steht die kurz vorher 
erschienene Programmabhandlung »Beitr&ge zum VerstSndnis des deutschen 
Wirtschaftslebens « (36.Jahresbericht derStadtischenHandelsschule in Miinchen, 
1Q04) und ein nicht vdllig zum Abschlufi gekommener » Atlas der Wirtschafts- 
geographie fiir kaufmannische Lehranstalten«, den die Verlagshandlung von 
Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig aus G.s Nachlafi zur Ver6£Fent- 
lichung iibernahm. 

G. Breu in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1906, Nr. 189, S. 319. — 
A. Geistbeck in der Bayrischen Zeitschrift fUr Realschulwesen 1906, S. 279 — 287 und 
im Geographischen Anzeiger VII, 1906, S. 217 — 219 (mit Bildnis). — H. Haack im 
Geographen-Kalender V, 1907, S. 283^ — E. Oppermann in der Zeitschrift fUr Schul- 
geographie XXVIII, 1906/7, S. 33—35- 

Viktor Hantzsch. 

Schmidt, Emil, Anthropolog, * 7. April 1837 in Obereichst&dt im Kreise 
Querfurt, f 22. Oktober 1906 in Jena. Nach dem Besuche des Gymnasiums 
studierte er seit 1857 zunachst in Jena, dann in Bonn Medizin und Natur- 
wissenschaften und erwarb neben dem medizinischen auch den philosophischen 



Schmidt. l(Jg 

Doktortitel. 1862—65 wirkte er als Assistent an der chirurgischen Klinik der 
Universitat Bonn und liefi sich dann als praktischer Arzt in Essen nieder. 
Spater iibernahm er die Leitung des Kruppschen Krankenhauses und trat 
auch der Familie Krupp als Hausarzt nahe. Ira freundschaftlichen Verkehr 
mit fiihrenden Mannern der deutschen Grofiindustrie gewann er einen un- 
gewdhnlich weiten Blick und eine griindliche Kenntnis des internationalen 
Wirtschaftslebens. Neben seinen anstrengenden Berufsgeschaften fand er 
noch Mufle fur musikalische und kiinstlerische Betatigung, fiir ausgedehnte 
Reisen und fur wissenschaftliche Arbeiten auf seinen Lieblingsgebieten, der 
Anthropologic und Urgeschichte. 1869 bereiste er Nordamerika, um die 
Spuren des vorgeschichtlichen Menschen in der Neuen Welt an Ort und 
Stelle zu studieren. Als Frucht dieser Fahrt erschien 1872 eine umfangreiche 
Abhandlung »Zur Urgeschichte Nordamerikas« im 5. Bande des Archivs fiir 
Anthropologic. 1874 — 75 nahm er einen langeren Aufenthalt in Agypten, 
um das vielumstrittene Problem zu untersuchen, ob der korperliche Typus 
der Bewohner des Niltals, namentlich ihre Schadelform, seit dem Beginn 
der historischen Zeit konstant geblieben sei oder sich allmahlich verandert 
habe. Auf Grund von vielen hundert Schadelmessungen beantwortete er die 
Frage zugunsten der Best&ndigkeit und wies nach, dafi die Energie der Ver- 
erbung machtiger gewesen ist als die Energie aufierer Einfliisse. Mit einer 
reichen Sammlung von Schadeln, die er seitdem standig vermehrte, kehrte 
er in die Heimat zuriick. 1876 begab er sich abermals nach Nordamerika, 
um die vorgeschichtlichen Abteilungen der bedeutendsten Museen zu be- 
sichtigen, die wichtigsten Fundstellen zu besuchen und persdnliche Fuhlung 
mit den namhaftesten Anthropologen jenes Landes zu gewinnen. Die Er- 
gebnisse dieser Reise legte er in mehreren Abhandlungen nieder, unter denen 
namentlich eine 1877 im 11. Bande des Archivs fiir Anthropologic veroffent- 
lichte iiber »Die prahistorischen Kupfergerate Nordamerikas« hervorzuheben 
ist. Die rein wissenschaftliche Tatigkeit entsprach seinen Neigungen so sehr, 
da6 er sich 1882 entschlofl, seine arztliche Praxis aufzugeben und nach 
einem der Mittelpunkte des deutschen Geisteslebens iiberzusiedeln, um sich 
daselbst ganz seinen Spezialstudien zu widmen. Seine Wahl fiel auf Leipzig, 
das ihn durch die Universitat mit ihren reichen Bildungsmitteln und durch 
das machtig aufbluhende Museum fiir VOlkerkunde anzog. Nachdem er sich 
eingelebt und Fuhlung mit den Fachkreisen gewonnen hatte, habilitierte er 
sich 1885 durch eine Abhandlung »Uber alt- und neuSgyptische Schadel* 
und durch eine offentliche Probevorlesung »Uber die Ursachen der Schadel- 
formen« als Privatdozent fiir Anthropologic, Ethnologie und Urgeschichte. 
1889 wurde er zum aufierordentlichen Professor, 1896 zum ordentlichen 
Honorarprofessor ernannt. Seine Vorlesungen behandelten hauptsachlich: 
physische Anthropologic, Grundziige der Ethnologie, Urgeschichte des 
Menschen,. Anleitung zu anthropologischen Beobachtungen, Ethnographie 
Amerikas. Aufierdem hielt er anthropographische und anthropometrische 
Ubungen ab. Seine Sch&delsammlung, die mit ann&hernd 1200 Nummern 
allmahlich eine der bedeutendsten Deutschlands geworden war, iiberwies er 
dem Anatomischen Institut der Universitat zur Aufbewahrung. Um ihre 
wissenschaftliche Benutzung zu erleichtern, verOffentlichte er einen in Tabellen- 
form angeordneten Katalog, der die genauen Mafle jedes einzelnen Stiickes 



170 



Schmidt. 



angibt. Er ist betitelt: »Katalog der im Anatomischen Institut der University 
Leipzig aufgestellten kraniologischen Sammlung des Herrn Dr. Emil Schmidt, 
nach dem Bestande vom i. April 1886 zusammengestellt« und erschien in dem 
von A. Schaaffhausen herausgegebenen Inventarisationswerke »Die anthropo- 
logischen Sammlungen Deutschlands* (Braunschweig 1887). Als Nebenertrag 
der Mefiarbeiten entstanden noch verschiedene Aufsatze kraniologischen In- 
halts, die meist im Archiv fur Anthropologic zum Abdruck kamen. Besondere 
Hervorhebung verdienen die » Kraniologischen Untersuchungen «, »Die Hori- 
zontalebene des menschlichen Schadels«, »Die Bestimniung der Schadel- 
kapazitat« und »Die antiken Schadel Pompejis* im 9., 12., 13. und 15. Bande 
der genannten Zeitschrift. An weitere Kreise wendete sich eine kleine 
Schrift uber »Die altesten Spuren des Menschen in Nordamerika« in der 
von R. Virchow und W. Wattenbach herausgegebenen Sammlung gemein- 
verstandlicher wissenschaftlicher Vortrage (Heft 38 — 39, Hamburg 1887). Aus 
akademischen Vorlesungen und Ubungen wuchs bald darauf ein gr5fieres, 
durch zahlreiche Abbildungen erlautertes Werk heran: » Anthropologische 
Methoden. Anleitung zum Beobachten und Sammeln fur Laboratorium und 
Reise* (Leipzig 1888). 

Um die Brauchbarkeit dieser Methoden persOnlich zu erproben und um 
zugleich einige auf ganz primitiver Kulturstufe stehende Valkerschaften aus 
eigener Anschauung kennen zu lernen, trat S. 1889 eine langere Reise nach 
Ceylon und Vorderindien an. Er landete nach glucklicher Uberwindung 
eines Hitzschlags im Hafen von Colombo, hielt sich aber nicht lange an der 
fieberheifien Kiiste auf, sondern drang rasch nach dem gebirgigen Innern zu 
dem Naturvolke der Weddas vor. Mit wohlwollender Untersttitzung der 
britischen Behftrden gelang es ihm, sowohl die wilden als die angesiedelten 
Reste dieses aussterbenden Stammes eingehend zu beobachten und sehr zahl- 
reiche Individuen zu messen und zu photographieren. Nachdem er auch 
die unvergleichlichen Naturschflnheiten der Insel bewundert hatte, fuhr er 
uber den Golf von Manaar nach Tutikorin und besuchte von hier aus mehrere 
kleine, von der Kultur noch wenig beriihrte Drawidast&mme der Sudspitze 
Indiens, namentlich die zum Teil noch in Baumwohnungen hausenden Kanikar, 
die Malser und Kader in den Anamala-Bergen, die Todas, Kurumbas, Kotas 
und Badagas in den Nilgiris. Auch von diesen brachte er eine reiche 
Ausbeute an Messungen und Photographien heim, die ihn in den Stand 
setzte, ihre anthropologische Eigenart und ihr kSrperliches Verhaltnis zu 
anderen Rassen sehr eingehend zu untersuchen. Im Sommer 1890 kehrte er 
nach Leipzig zuriick und entschloB sich, obwohl bereits in vorgeruckten 
Jahren stehend, zur Verheiratung mit C£cilie Overbeck, der Tochter des 
durch seine Forschungen tiber Pompeji bekannten Archaologen. Als Friichte 
der indischen Reise und durch sie hervorgerufener Studien veroffentlichte er 
in den n&chsten Jahren aufler einer Reihe von Aufsatzen, die meist in der 
Zeitschrift » Globus « erschienen, zwei mit sch6nen Abbildungen nach eigenen 
Aufnahmen ausgestattete, wegen ihrer trefflichen Schildemngen der Natur 
und des Volkslebens auch von Nichtfachleuten gem gelesene Werke: » Reise 
nach Siidindien« (Leipzig 1894) und » Ceylon « (Verdffentlichungen desVereins 
der Biicherfreunde, 6. Jahrgang, Nr. 7, Berlin 1897), sowie zwei Abhandlungen 
in Sammel werken : »Die Rassenverwandtschaft der VOlkerstamme Siidindiens 



Schmidt. Obst 1 7 T 

und Ceylons« in der Festschrift fur Adolf Bastian (Berlin 1896, S. 79 — 92) 
und den Abschnitt uber Indien in Helmolts Weltgeschichte (Band II, Leipzig 
und Wien 1902, S. 337 — 518). Auch seine amerikanischen Studien brachte 
er zu einem auQeren Abschlufi durch ein inhaltreiches, mit Tafeln und Ab- 
bildungen ausgestattetes Buch uber die »Vorgeschichte Nordamerikas im 
Gebiet der Vereinigten Staaten« (Braunschweig 1894). 

Seit der Mitte der neunziger Jahre machte sich bei ihm ein Herzleiden 
bemerklich, uber dessen Unheilbarkeit er sich als Arzt im klaren war. Als- 
trotz wiederholter Badekuren und Reisen nach dem Siiden die Beschwerden 
immer mehr zunahmen, legte er 1900 sein Lehramt nieder und grundete 
sich in Jena ein behagliches Heim, das er bis zu seinem Tode nur noch 
selten verlieB. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er ganz in wissenschaft- 
licher Mufle. Ein grdfleres Werk entstand nicht mehr, wohl aber eine 
betrachtliche Zahl von Aufsatzen vorwiegend anthropologischen Inhalts, die 
er meist im » Globus « verSffentlichte, und eine Arbeit uber die Bevolkerung 
der Erde fur das Geographische Handbuch zu Andrees Handatlas, heraus- 
gegeben von A. Scobel (Bielefeld und Leipzig 1902, S. 175 — 211). Auch 
zahlreiche Biicherbesprechungen, in denen er zu den bedeutsamsten Neu- 
erscheinungen seines Faches Stellung nahm und eine Reihe wichtiger 
Probleme mit grundlicher Sachkenntnis erOrterte, stammen aus dieser Zeit. 
S. war ein Mann von iiberaus vielseitiger Bildung und von umfassendem 
Wissen nicht nur in seinen Spezialgebieten, ein feinsinniger Freund der 
Musik und der bildenden Kunst und ein vornehmer, liebenswiirdiger und 
bescheidener Charakter, dem jede Reklame und jedes Strebertum fern lag. 
Die Urgeschichte Amerikas, die V5lkerkunde Indiens und die Kraniologie 
verdanken ihm wesentliche Forderung. 

R. Andree im Globus XC (1906), S. 309—312 (mit Bildnis). — Deutsche Rundschau 
ftir Geographic und Statistik XXIX (1907), S. 182—184 (mit Bildnis). 

Viktor Hantzsch. 

Obst, Hermann Bernhardt, Anthropolog und Ethnolog, Begriinder und 
Leiter des Museums fur Vfllkerkunde in Leipzig, * 16. Januar 1837 zu Leipzig, 
f 16. Mai 1906 ebendaselbst. Sein Vater war Redakteur an der Kgl. Leipziger 
Zeitung, seine Mutter eine franzdsische Schweizerin aus Genf. Der Knabe 
besuchte zunachst die I. Burgerschule, dann das Nicolaigymnasium seiner 
Vaterstadt Er verriet friihzeitig gute Anlagen un.d einen lebhaften Sammel- 
trieb, nahm an den Vorgangen des Cffentlichen Lebens eifrigen Anteil und 
versuchte sich, einer ererbten Neigung folgend, schon als Schuler auf dem 
journalistischen und belletristischen Gebiete. Die politischen Ereignisse der 
Jahre 1848 und 1849 wirkten machtig auf ihn ein, doch empfand er als Sohn 
eines konservativen und konigstreuen Beamten einen Widerwillen gegen alle 
Umsturzbestrebungen und grundete deshalb unter seinen Mitschiilern einen 
» Deutschen Verein « zur Verteidigung der Monarchie gegen die Anfeindungen 
der Demokraten und Republikaner. Seit 1857 studierte er in Leipzig Medizin, 
doch beschrankte er sich nicht auf dieses Fach, sondern widmete einen 
grofien Teil seiner Zeit den Kunsten und schrieb ftir verschiedene Zeitungen 
regelmaflige Berichte iiber theatralische und musikalische Auffuhrungen. 
Nachdem er 1863 die medizinische Staatspriifung bestanden und den Doktor- 



I72 Obst 

titel erworben hatte, erhielt er eine Anstellung als Assistent am anatomischen 
Institut der Universitat und iibernahm aufierdem das Amt eines Theaterarztes. 
Aber seine Interessen erschtfpften sich nicht in der beruflichen T&tigkeit* 
Vielmehr gewann er durch befreundete Fachgenossen Fiihlung mit dem 
weiten Gebiete der Anthropologie und Ethnologie, und beide Wissenschaften 
zogen ihn bald wie mit Zauberkraft in ihren Bann, so dafi er ihnen sein 
Leben und seine ganze Kraft zu widmen beschlofi. Zwar fiihlte er sich 
nicht zur Ausarbeitung von gelehrten Werken iiber diese FJcher bef&higt, 
aber dafiir erschien ihm das Sammeln und Ordnen vOn vdlkerkundlichen 
Gegenst&nden als ein wiirdiger Lebensinhalt. Sein Wunsch ging zun&chst 
dahin, eine Reise nach iiberseeischen L&ndern anzutreten, um mftglichst 
lange Zeit unter den NaturvOlkern zu leben und die Erzeugnisse ihrer 
Technik zu erwerben. Die angelegten Sammlungen sollten dann in Leipzig 
als Grundstock fur ein ethnographisches Museum aufgestellt werden. Aber 
der deutsche Krieg des Jahres 1866 hinderte ihn zun&chst an seinem Vor- 
haben. Er wurde als Militararzt einberufen und folgte den s&chsischen 
Truppen nach Btthmen und Osterreich. Nach der Ruckkehr bemiihte er 
sich, bei einer der damals vorbereiteten Forschungsexpeditionen als wissen- 
schaftlicher Begleiter anzukommen, aber alle seine Bemtthungen stellten sich 
als vergeblich heraus, und selbst seine anfangs nicht unbegrundet erscheinenden 
Hoffnungen auf Teilnahme an der z weiten deutschen Nordpolfahrt unter 
Koldewey erwiesen sich schlieSlich als triigerisch. So sehr ihn die wieder- 
holten Absagen enttauschten, so vermochten sie ihn doch nicht von seinem 
Vorhaben abzubringen. Zwar mufite er in Ermangelung eigener Geldmittel 
auf ausgedehnte Reisen verzichten, aber er beschloB nun in Leipzig zu 
bleiben und eine mdglichst grofie Zahl von Forschungsreisenden, Kaufleuten 
und anderen in den iiberseeischen L£ndern lebenden Pers&nlichkeiten fur sein 
geplantes Museum zu interessieren. Im Herbst 1869 bot sich ihm eine 
giinstige Gelegenheit, eine umfassende, an Seltenheiten und Kostbarkeiten 
reiche kulturhistorische Sammlung zu erwerben, die der verstorbene Ober- 
bibliothekar und Hofrat Gustav Klemm in Dresden zusammengebracht hatte 
und die jetzt von dessen Erben zum Verkauf ausgeboten wurde. O. war 
zwar nicht in der Lage, den Kaufpreis aus eigenem Vermttgen zu bezahlen, 
aber um die Kollektion nicht zersplittern oder ins Ausland wandern zu 
lassen, wendete er sich mit einem 6ffentlichen Aufruf an die wohlhabenden 
Burger Leipzigs und forderte sie auf, einen Verein zu gninden, dessen Zweck 
es sein sollte, die Klemmsche Sammlung zu erwerben, in Leipzig wiirdig 
aufzustellen und fur ihre Verwaltung und systematische Vermehrung Sorge 
zu tragen. Die Bitte fand Geh6r, zahlreiche angesehene Gonner traten dem 
Verein bei, die Behdrden unterstiitzten das Projekt, und zwei hochherzige 
Damen bewilligten eine ansehnliche Summe zum Ankauf und zur Uberfuhrung 
der Gegenstande. In Leipzig wurden sie im Sommer 1870 zunachst in 
einigen unbenutzten R&umen des chemischen Laboratoriums der Universitat 
aufgestellt, und so war die Grundung des Museums fur Vdlkerkunde voll- 
zogen. Der Verein, der sich anfangs »Das Deutsche Zentralmuseum fur 
V6lkerkunde« nannte, hiefi seit 1873 » Verein des Museums fiir V6lkerkunde 
zu Leipzig*. O. hat ihm bis 1874 als 1. Schriftfiihrer, dann bis 1883 als 
zweiter Vorsitzender und seitdem als Direktor des Museums angeh6rt. Uber 



Obst. 



173 



seine Verdienste um das Museum urteilt sein Amtsnachfolger W. Bergt: »O t 
war die Seele und die treibende Kraft des Unternehmens. Es ist erstaunlich, 
was er zur Erreichung seines Zieles an Arbeit geleistet hat. Durch eine 
unermudliche Werbearbeit im grofien und kleinen, durch Vortrage, durch 
unzahlige Zeitungsartikel, durch Hunderte und Tausende von Briefen, durch 
persdnlichen Einflufi, durch die ausgedehntesten Beziehungen in alien Welt- 
teilen verstand er es, alle Kreise, selbst die hdchsten, auch Kaiser und KCnige, 
fiir seine Sache zu gewinnen. Die Wahrheit seines Wahlspruchs Audaccm 
fortuna juvat hat er bei der Verfolgung seiner Museumsplane bis zu den 
aufiersten Grenzen mit erstaunlichem Erfolge erprobt Fiir alle jene, welche 
seine rastlose Tatigkeit, die reine Begeisterung fiir die Sache und die selbst- 
lose Hingabe an einen wissenschaftlichen Zweck erlebt haben, wird dieses 
seltene Beispiel von Ausdauer und Zahigkeit, von unermiidlicher Arbeitskraft 
und gliicklicher Uberwindung schwerer Hindernisse in dankbarer Erinnerung 
geblieben sein.« Durch eine iiberaus rege Agitation in Schrift und Wort 
gewann er in den meisten L&ndern Ehrenmitglieder, Bevollm&chtigte, G6nner 
und F6rderer des Museums. Da infolge dieser Werbetatigkeit die Sammlungen 
iiberraschend schnell anwuchsen, erwiesen sich die Unterkunftsraume bald 
als zu eng. Gliicklicherweise erklarte sich der Rat der Stadt Leipzig bereit, 
dem Museum das geraumige zweite Stockwerk des alten Johannishospitals gegen 
einen mafiigen Mietzins zu iiberlassen, und so konnte es im Sommer 1874 
dahin iibersiedeln und zugleich seine Schatze besser als vorher dem Publikum 
zeigen. Die Entwicklung des Instituts nahm nun von Jahr zu Jahr in 
erfreulicher Weise ihren Fortgang. Als hervorragendste Erwerbungen sind 
zu nennen die reichhaltige und kostbare japanische Sammlung der Deutschen 
Gesellschaft fur Natur- und Volkerkunde Ostasiens in Tokio (1878), die 
anthropologisch-ethnographische Abteilung des Museums Godeff roy in Hamburg 
(1885) und die hOchst wertvolle Kollektion sudamerikanischer Kunst- und 
Industrieerzeugnisse der beiden Reisenden Wilhelm Reifi und Alfons Stubel 
(1887). Der letztere iiberwies aufierdem noch sehr zahlreiche Photographien, 
Zeichnungen und Aquarelle sudamerikanischer Landschaften, Originalgemalde 
der Vulkane von Ecuador, sowie eine Fiille von Gesteinsproben als Grundlage 
fur ein anzugliederndes Museum fur L&nderkunde. Leider war es nicht 
moglich, diese Schatze wiirdig und ubersichtlich aufzustellen. Die zur Ver- 
fiigung stehenden RSumlichkeiten erwiesen sich als viel zu eng, und so 
mufite ein grofier Teil der Bestande in Kisten verpackt auf dem stadtischen 
Lagerhofe untergebracht werden. Um sie nicht ganz unbenutzt stehen zu 
lassen, wurden seit 1888 zun&chst im Festsaale der alten Buchh&ndlerbOrse, 
dann im groflen Priifungssaale des alten Konservatoriums wechselnde Sonder- 
ausstellungen der neuen Erwerbungen veranstaltet. Aber das unstete Wander- 
dasein erwies sich fur viele zerbrechliche und empfindliche GegenstSnde als 
wenig vorteilhaft, und so strebte O. mit z&her Energie darauf hin, dem 
Museum ein fiir lange Zeit ausreichendes wiirdiges Heim zu sichern. Da 
der Patronatsverein die hierfiir notwendigen erheblichen Geldmittel nicht 
aufzubringen vermochte, wendete er sich an die Stadtverwaltung mit der 
Bitte um tatkraftige Unterstiitzung, Die stadtischen BehOrden bewiesen ein 
verstindnisvolles Entgegenkommen, und so wurde nach l£ngeren Verhand- 
lungen 1895 ein Vertrag abgeschlossen, durch welchen sich die Stadt bereit 



174 



Obst. 



erkl&rte, den Sammlungen geeignete Unterkunft in dem neuerbauten Grassi- 
Museum am Kftnigsplatz einzuraumen, wofiir sie einen wesentlichen Einflufl 
auf die Verwaltung zugestanden erhielt. O. behielt sein Amt als Direktor, 
und unter seiner Leitung wurde nun im Laufe mehrerer Jahre die Ordnung, 
Katalogisierung und Neuaufstellung der Bestande durchgefiihrt. Die noch 
vorhandenen Liicken suchte er, unterstiitzt durch erhebliche stadtische Zu- 
schiisse, nach Kraft en auszufiillen, und so gewann die Sammlung allmahlich 
eine solche Bedeutung, dafi sie in Deutschland nur noch hinter dem Berliner 
Museum fur VSlkerkunde zuriickstand. Namentlich die Erzeugnisse der Natur- 
volker Ozeaniens und Afrikas finden sich kaum anderswo in gleicher Voll- 
standigkeit. Rasch wuchs auch die Zahl der schaulustigen Besucher, nicht 
minder die der wissenschaftlichen Benutzer, die zum Teil aus weiter Feme 
zu Studienzwecken herbeikamen. Das grofie Publikum suchte die Direktion 
durch Veranstaltung von Sonderausstellungen, Fuhrungen und allgemein ver- 
standlichen Vortragen iiber ethnographische Themen zu interessieren. 

Mit Anfang des Jahres 1904 ging das Institut vollig in st&dtischen Besitz 
iiber, und die Rechtsanspriiche des Museumsvereins erloschen. Einige Monate 
spater starb Alfons Stiibel, der verdienstvollste Gonner des Museums, und 
hinterliefi ihm nicht nur ein reiches Vermachtnis an Geld, dessen Zinsen fur 
den weiteren Ausbau der von ihm begriindeten Abteilung fur L&nderkunde 
verwendet werden sollten, sondern auch seine bedeutende Photographien- 
sammlung und seine wertvolle, an seltenen Werken und Karten reiche Bibliothek. 
1905 errichtete dann die Schwester Stiibels, Frau Oberbiirgermeister Stiibel in 
Dresden, mit einer namhaften Summe die Alfons-Stiibel-Stiftung, aus der 
ein eigener Vorstand fur die erwahnte Abteilung besoldet werden sollte. 
O. hat seinen Freund Stiibel nicht lange iiberlebt. Ein schweres Magen- 
leiden, das ihn seit Jahren quake, fiihrte seinen Tod herbei. Seinem aus- 
drucklichen Wunsche entsprechend wurde er ohne Sang und Klang, ohne 
Ehrungen und Blumenschmuck, ohne geistliche Begleitung im einfachen 
Sarge eines Armenh&uslers beerdigt. Er war ein Mann von sehr eigenartigem, 
nur wenigen Freunden verstandlichem Charakter. Wer ihn nicht naher 
kannte, hielt ihn fiir ein Original. Trotzdem er mit Hunderten von Menschen 
in alien Weltteilen in regem Briefverkehr stand, hielt er srch persCnlich vom 
offentlichen Leben fast v5llig zuriick. An Arbeitsfreudigkeit, Anspruchs- 
losigkeit und Uneigennutzigkeit kamen ihm wenige gleich. Ehrungen und 
Auszeichnungen suchte er sich mdglichst zu entziehen. 

Als Schriftsteller hat er keine grdfleren Arbeiten von dauerndem Werte 
hinterlassen, was ihm Ofters zum Vorwurf gemacht wurde. Sein Hauptwerk 
ist ein » Anatomischer Atlas « (Leipzig 1868 — 74), von dem 1876 eine zweite 
Auflage erschien. Erwahnenswert sind ferner seine Dissertation »Studien 
iiber die Entstehung des Menschen und seiner Rassen« (Leipzig 1863) und 
zwei Broschuren: »Karl Ewald Hasse, der Nestor der deutschen Kliniker« 
(Hamburg 1900) und »Ein Museum fiir L^nderkunde. Vortrag, zu Alfons 
Stiibels Gedachtnis gehalten im Vortragssaale des Grassi-Museums zu Leipzig am 
26. Juni 1905* (Leipzig 1905). Die Ergebnisse seiner langjahrigen anthropo- 
logisch-ethnographischen Studien sowie seiner Reisen, von denen ihn die 
ausgedehnteste 1881 nach Siidrufiland, der Krim, dem Kaukasus, Armenien 
und Turkestan fiihrte, hat er aus Mangel an Zeit nicht im Zusammenhange 



Obst. Bier. 



175 



verdffentlicht. Audi eine philosophische Untersuchung » Makrokosmos und 
Mikrokosmostf, die sein naturwissenschaftliches Glaubensbekenntnis enthalten 
sollte, kam nicht zum Abschlufl. Eine sehr umfangreiche Tatigkeit entfaltete 
er als Journalist. Tausende von Artikeln iiber die verschiedensten Wissens- 
gebiete erschienen meist ohne seinen Namen in Tagesblattern und popularen 
Zeitschriften. Einen wesentlichen Anteil hat er auch an den Publikationen 
des von ihm geleiteten Museums. Von diesen sind zu nennen: 1. — 28. Bericht 
des Museums fiir V6lkerkunde in Leipzig (1873 — 1900), Mitteilungen (1905), 
Jahrbuch (1906) und Ver8ffentlichungen des stadtischen Museums fQr V5lker- 
kunde zu Leipzig (1907). Seine reichhaltige Bibliothek wurde nach seinem 
Tode fiir das Museum angekauft. 

Verwaltungsbericht des Rates der Stadt Leipzig far das Jahr 1896, S. 209—216. — 
Das Museum fttr Volkerkunde zu Leipzig und sein Begr Under: Wissenschaftliche Beilage 
der Leipziger Zeitung 1906, Nr. 86. — \V. Bergt im Jahrbuch des stadtischen Museums 
fUr Vfilkerkunde zu Leipzig I (1906), S. 7 — 14 (rait Bildnis). 

Viktor Hantzsch. 

Bier, Ernst Woldemar, Professor, Direktor der Kgl. Turnlehrerbildungs- 
anstalt zu Dresden, * 25. Juni 1840 in Schandau, f 7. Januar 1906 in Dresden. — 
B.s Vater, ein Gerichtsbeamter, wurde wegen Beteiligung an den Maiunruhen 
1849 strafweise nach Annaberg versetzt. Er hatte schwer zu kampfen, da 
seine geringen Einnahmen fiir den Unterhalt einer zahlreichen Familie nicht 
zureichen wollten. Dennoch wurde es erm6glicht, dafi der vorziiglich beanlagte 
und strebsame Woldemar B. 1854 bis 1859 das Annaberger Schullehrerseminar 
besuchte. 15. November 1859 wurde er Hilfslehrer, zuerst in Schwarzenberg, 
aber schon von Oktober i860 an in Chemnitz. Hier trat er in die 186 1 
vom Direktor Zettler erdffnete Turnanstalt fiir Kinder als Hilfskraft ein. Das 
war der erste Schritt- auf seiner Turnlehrerlaufbahn. Mit aufierordentlichem 
Eifer betrieb er damals Turnen, Hieb- und Stoflfechten und erlangte darin 
eine seltene Fertigkeit. Im Chemnitzer Turnverein wurde er bald nach 
seinem Eintritt zusammen mit Zettler unter die Vorturner aufgenommen. 
1862 beteiligte sich B. in der Kgl. Turnlehrerbildungsanstalt zu Dresden 
unter Klofl' Leitung an einem Nachhilfekursus. Im n&chsten Jahre legte er 
die Priifung fiir Turnlehrer an hSheren Schulen mit bestem Erfolg ab und 
erhielt daraufhin im Mai 1864 die neugegrundete Stelle eines standi gen 
Assistenten an der Dresdner Turnlehrerbildungsanstalt. Hier fand er reichlich 
Gelegenheit, sich weiterzubilden. 1867 wurde ihm das Amt eines Ober- 
tumlehrers an den stadtischen Volksschulen und am Gymnasium zu Zwickau 
iibertragen. Diese Stellung ermoglichte ihm die Griindung eines eigenen 
Heims. Er nahm sich in Zwickau auch des Turnens der Erwachsenen in 
opferwilligster Weise an und erwarb sich schon damals allgemeine Zuneigung. 
Im Marz 187 1 iibernahm B. in Salzburg die Amter eines Inspektors des 
stadtischen Schulturnens und eines Turnlehrers am k. k. Gymnasium, der 
Realschule und dem Lehrerseminar sowie im dortigen Turnverein. Nebenbei 
gab er in mehreren M&dcheninstituten Unterricht und leitete die Ubungen der 
Feuerwehr. Der oberSsterreichisch-salzburgische Turngau w&hlte ihn zum 
Gauturnwart. In Salzburg fand B. eine begeisterte Verehrung. Man bewahrte 
ihm dort spSter ein bleibendes Andenken, und er selbst und seine Gattin 



176 Bicr - 

dachten mit Freude an die Salzburger Freunde zuriick. Ffir Ostern 1874 
wurde B. als Oberturnlehrer an das Kg]. Gymnasium- in Dresden berufen. 
Er folgte diesem Rufe, weil seine Salzburger Stellung nur eine provisorische 
war. Nach Klofl' Tode erhielt er 1882 die Stelle eines Direktors der Dresdner 
Kgl. Turnlehrerbildungsanstalt. Hier wirkte er bis zum 1. Mai 1905, wo er 
sich durch ein schweres Herzleiden genfttigt sah, in den Ruhestand zu treten. 
Wenige Monate spater wurde er durch einen pldtzlichen Tod "erlSst. — 
B. erwarb sich auflerordentliche Verdienste um das sachsische und urn das 
ganze deutsche Turnwesen, nicht blofi um das Schulturnen, sondern auch 
um das Vereinsturnen. Unter seiner Leitung hob sich der Besuch der ihm 
anvertrauten Anstalt best£ndig. Sie wurde durch ihn der Mittelpunkt des 
gesamten turnerischen Lebens in Dresden. Er gestaltete die Turnlehrerkurse 
vollig um, indem er statt der bisherigen wochentlichen Einzelstunden, die 
iiber das ganze Jahr verstreut waren, durchgehende mehrmonatliche Aus- 
bildungsperioden fur Turnlehrer und Turnlehrerinnen einfiihrte. Hierdurch 
wurde eine wesentliche Fdrderung der theoretischen Arbeiten wie der 
praktischen Ubungen erreicht. Auch im iibrigen fiihrte B. eine bedeutende 
Verbesserung der Anstaltseinrichtungen durch. Der Dresdner Turnlehrerverein, 
dessen Vorsitzender B. des fifteren war (1905 Ehrenvorsitzender), verdankt 
seiner Wirksamkeit aufierordentlich viel. Er wurde durch ihn auch ein 
praktischer Verein, ein Fortbildungsinstitut namentlich der Dresdner Turn- 
lehrer. Auf B.s Anregung richtete man das jetzt in Dresden viel gepflegte 
Jugendturnen ein; auch schaffte er Ende der siebziger Jahre den Jugend- 
spielen in Dresden Eingang. Ferner war B. Mitglied des Vorstandes und 
zeitweilig Geschaftsfiihrer des S&chsischen Turnlehrervereins und gehOrte dem 
Vorstande des Deutschen Turnlehrervereins an, bei dessen Begriindung er 
erfolgreich titig gewesen war. Von 1876 an stand er als Kreisvertreter an 
der Spitze des 14. (sachsischen) Turnkreises, womit er*zugleich Mitglied des 
Ausschusses der grofien deutschen Turnerschaft war. Diese Stellung behielt 
er bis 1904, wo er von der Leitung zuriicktrat und zum Ehrenkreisvertreter 
ernannt wurde. Als Kreisvertreter ubte B. einen iiberaus f6rdernden EinfluB 
auf die Entwicklung des sachsischen Turnwesens aus. Unter ihm bltihte der 
Kreis so auf, dafl er jetzt mit seinen rund 1400 Vereinen beinahe ein Fiinftel 
der ganzen deutschen Turnerschaft bildet. B. gab ihm eine neue, sehr 
zweckmaflige Einteilung in Gaue und Bezirke. Er selbst war der verdienst- 
vollste Mitbegriinder des Dresdner und des Mittelelbeturngaues. Das Geflihl 
der Zusammengeh5rigkeit wurde stets rege erhalten durch den lebhaften Ver- 
kehr der Gaue und Vereine untereinander und durch das von B. gegriindete 
und von ihm und W. Frohberg geleitete Kreisorgan » Der Turner aus Sachsen. 
Kreisblatt fur den 14. Deutschen Tumkrei6 Sachsen. Dresden 1895 ff.«, dem 
die seit 1882 von B. herausgegebenen »Jahrbiicher der deutschen Turnkunst« 
vorangegangen waren. Zu demselben Zwecke traf B. wichtige Neuerungen 
bei den Gau- und Kreisturnfesten ; auch fOrderten den Zusammenhalt die 
1887 von B. geschaffenen, alle zwei Jahre in Dresden abgehaltenen Vorturner- 
lehrg&nge fur den ganzen Kreis, in denen Hunderte von sachsischen Turnern 
ausgebildet wurden. Zu alledem kamen grofie gemeinschaftliche Unter- 
nehmungen. Wie B. mit seinen Schulern haufige Wanderungen in Dresdens 
nahere und weitere Umgebung machte, so veranstaltete er fur den Kreis eine 



Bier. Forstemann. 



177 



Anzahl grofierer Reisen. Den Anfang machte die Fahrt zum Frankfurter 
Turnfest 1880. Im nachsten Jahre folgte die Turnerfahrt nach Salzburg und 
darauf noch viele Reisen in die Alpen, iiber das Mittelmeer sowie zu 
anderen Turnfesten. Sehr segenbringend war eine von B. gegrundete Kreis- 
unterstutzungskasse fur verungliickte Turner, die ihm besonders am Herzen 
lag und der er unter anderem die ansehnlichen Ertragnisse der grofien 
Turnerfahrten zufliefien liefi. Vor allem aber wirkte B. als Personlichkeit. Seine 
Beerdigung gestaltete sich zu einer erhebenden Feier, zu der eine nach 
Hunderten zahlende Menge von nah und fern gekommen war. 

Fur seine Verdienste erhielt B. 1900 das Ritterkreuz des Kgl. Sachsischen 
Albrechtsordens 1. Klasse (2. Klasse schon 1885) und 1905 den Professortitel. 

M. Zettler im » Turner aus Sachsen« 20. Juni 1900. Nr. 25 S. 474flf. — » Erinnerungs- 
blatter an den Heimgang des Ehrenkreisvertretcrs Prof. Woldemar Bier. . S.-A. aus dem 
» Turner aus Sachsen«.. Dresden i9o6« (enthiilt u. a.: »Ein Erinnerungsblatt von 
Freundeshand. Von Rob. Heeger«; » Prof. Woldemar Bier. Von P. Zlillchner«; » Woldemar 
Bier. Von G. Klepl«). — »G. Klepl, Rede zur Gedachtnisfeier fur Prof. Woldemar Bier.. 
18. Marz 1906* im » Turner aus Sachsen* 30. Mai 1906. Nr. 22 S. 442 ff. — R. Gasch 
in der » Illustrierten Zeitung« Bd. 126. 18. Jan. 1906. S. 89 f. — »Dresdner Anzeiger« 
9. und 11. Jan. 1906. Nr. 7 S. 5. Nr. 9 S. 5. — »Dresdner Journal* 8. und 11. Jan. 1906. 
Nr. 5 S. 36. Nr. 8 S. 57. — »Dresdner Nachrichten« 9. und 11. Jan. 1906. Nr. 7 S. 2. 
Nr. 9 S. 2f. — »Beilage zur Allgemeinen Zeitung* 1906. Nr. 9 S. 71. 

A. Reichardt. 

Fdrstemann, Ernst Wilhelm, Geh. Hofrat Prof. Dr., langjahriger 
Bibliotheksvorstand, Sprachforscher, * 18. September 1822 in Danzig, f 4. No- 
vember 1906 in Charlottenburg. — F.s Familie stammt aus Nordhausen. 
Sein Vater, ein hervorragender Mathematiker, war Professor am Danziger 
Gymnasium. Nachdem F. dieses Gymnasium bis 1840 besucht hatte, bezog 
er die Universitat Berlin, um hauptsachlich vergleichende Sprachwissenschaft 
zu studieren. Ein Jahr spater siedelte er nach Halle iiber und setzte hier 
bis Michaelis 1842 seine Studien fort, worauf er sie, nach Berlin zuriick- 
gekehrt, Ostern 1844 vollendete. Seine Lehrer waren besonders Lachmann, 
Bopp und Pott. 11. Juni 1844 erlangte er in Halle die philosophische 
Doktorwurde durch eine Abhandlung, die bereits erkennen liefi, wie viel die 
Sprachwissenschaft von ihm erwarten durfte. 1845 bestand er das philo- 
logische Staatsexamen in Berlin. Nach seiner Promotion erhielt er in Danzig 
eine Hauslehrerstelle, die er bis 1848 bekleidete. Daneben war er seit 
Michaelis 1844 Hilfslehrer am Danziger stadtischen Gymnasium. Diese Tatig- 
keit setzte er bis 185 1 fort, wo er, einem doppelten Rufe folgend, Graflich 
Stolbergischer Bibliothekar zu Wernigerode und Collega quartus des dortigen 
Gymnasiums wurde. Beide Amter wurden von ihm 14'/* Jahre lang ver- 
waltet; als Gymnasiallehrer riickte er allm£hlich bis in die erste Oberlehrer- 
stelle auf. 

In Danzig hatte F. eine von der Berliner Akademie der Wissenschaften 
auf Veranlassung Jakob Grimms gestellte Preisaufgabe bearbeitet, welche 
eine Sammlung der deutschen Eigennamen bis zum Jahre 1100 verlangte. 
Er brachte es damals nur zu einem Entwurf, erhielt aber trotzdem 1849 als 
einziger Bewerber den Preis. Dieser Entwurf bildete die erste Gestalt seines 
spateren » Altdeutschen Namenbuchs«. Da in Danzig solche Studien mit 

Biogr. Jahrbuch u. Deutsclicr Nekrolog*. xi.Bd. 12 



I78 Fflrstemann. 

groflen Schwierigkeiten verbunden waren, begriifite F. es mit Freuden, dafl 
er nach Wernigerode kam. Hier befriedigte ihn die Arbeit an der Bibliothek 
sehr, w£hrend das Schulamt ihm manche Widerw£rtigkeiten bereitete. Die 
Bibliothek erfuhr durch ihn allmdhlich eine vdllige Umwandlung. Er 
beschrSnkte ihre Benutzung auf emste Zwecke und vermehrte sie von etwa 
50000 auf beinahe 70000 Bande. Nachdem er sie in zweihundert Abteilungen 
zerlegt und die Neuaufstellung der BCicher, zumeist ganz allein, besorgt hatte, 
begann er 1858 mit einer vollstandigen Erneuerung der Kataloge, indem er 
einen Standorts- und einen alphabetischen Katalog anlegte. Neben dieser 
regen bibliothekarischen T&tigkeit aber sammelte er fortw&hrend Stoff zur 
Vervollkommnung seiner Preisarbeit. Ohne damit zum Abschlufi gekommen 
zu sein, verSffentlichte er auf das Drangen Jakob Grimms 1856 den ersten 
Band seines »Namenbuchs«, dem 1859 der zweite folgte. Grimm sprach 
sich recht lobend iiber dieses monumentale, wenn auch im einzelnen noch 
mangelhafte Werk aus. 1861 vervollst£ndigte F. sein philologisches Examen 
durch eine in Halle bestandene Prufung fur Geschichte. 1862 wurde er zum 
Professor ernannt. 

Freilich fand F. in Wernigerode bei der Menge der bibliothekarischen 
Arbeiten doch nicht so viel Zeit zu wissenschaftlichen Studien, wie er 
wiinschte, und er fuhlte sich uberhaupt dort als Gelehrter etwas vereinsamt. 
Aber eher, als er glaubte, trat hierin ein Wandel ein. Anfang 1865 besuchte 
ihn der Oberbibliothekar Gersdorf aus Leipzig und riet ihm, die Stelle des 
Oberbibliothekars der Dresdner K5nigl. 6ffentlichen Bibliothek als Nachfolger 
des erblindeten Klemm anzunehmen. F., der vorher Berufungen nach Salz- 
wedel, Spandau und Prenzlau ausgeschlagen hatte, folgte dieser Einladung 
gern. Wie man erzahlt, hatte die KOnigin Elisabeth, die Witwe Friedrich 
Wilhelms IV., EinfluB auf seine Berufung nach Dresden. F. selbst sagt 
(1874), dafl er in gewisser Hinsicht auch seine amtliche Stellung Jakob 
Grimm verdanke. Ostern 1865 siedelte er nach Dresden Ober. Anfangs 
begegnete er in seinem neuen Amte mehrfachen Schwierigkeiten, die teils 
persdnlicher Art waren, teils solche, die in dem damaligen unbefriedigenden 
Zustande der KOnigl. Bibliothek lagen, deren Entwicklung seit langem ins 
Stocken geraten war. Die Bibliotheksr&ume, der Vermehrungsfonds, die 
Kataloge und teilweise auch das Personal waren unzul&nglich. F. ging, wie 
er selbst sagt, mit Begeisterung daran, Abhilfe zu schaffen. Nachdem der 
ndtige Raum gewonnen war, wurde die Anordnung der Bibliothek neu- 
gestaltet, ein Standortskatalog in einem Zeitraum von 13 Jahren geschaffen, 
ein neuer alphabetischer Katalog in Angriff genommen, von dem bei F.s Ab- 
gange etwa vier Funftel fertig waren, und verschiedene Spezialkataloge 
begonnen. Die Frequenz der Bibliothek stieg unter F.s Leitung auf das 
Doppelte. Der Vermehrungsfonds wurde von 3000 allmahlich auf 25000 M 
erhOht. Andererseits aber diirfte F. bei der fiir die Bibliotheken nachteiligen 
Abschaffung der Pflichtexemplare nicht ohne Schuld gewesen sein. 

1887 trat F. von der Leitung der KOnigl. 0. Bibliothek zuriick. Sein 
Bildnis, von Julius Scholtz in 01 gemalt, wurde damals von seinen zahl- 
reichen Freunden gestiftet und in der Bibliothek aufgeh&ngt. Ein anderes 
Bildnis F.s findet sich in dem kurzlich erneuerten » Ftirstenzug « am Dresdner 
K6nigl. Schlosse, wo er als Vertreter der Wissenschaft den Fiirsten folgend 



Ftfrstemann. 



179 



dargestellt ist. Nach seinem Abgange von der Kdnigl. Bibliothek iibernahm 
F. das doppelte Amt eines Bibliothekars der Privatbibliothek des Konigs 
von Sachsen und eines Vorstandes der Prinzlichen Sekundogenitur-Bibliothek. 
Die letztere, etwa 60000 Bande, gestaltete er in drei Jahren vollig urn, 
indem er sie in eine grofiere Zahl von Abteilungen zerlegte, die Bucher neu 
signierte und einen alphabetischen Katalog begann. 1892 wurde F. das 
Komturkreuz 2. Klasse des Kgl. Sachs. Albrechtsordens verliehen; das Ritter- 
kreuz 1. Klasse des Verdienstordens hatte er schon 1878 erhalten. Als er 
1894 sein fiinfzigjahriges Doktorjubilaum feierte, widmeten ihm die Beamten 
der Kgl. 5. Bibliothek ein Verzeichnis seiner Schriften und Aufsatze, und 
die Historische Gesellschaft zu Dresden iiberreichte ihm als ihrem Mit- 
begriinder und langjahrigen Vorsitzenden eine Festschrift » Historische Unter- 
suchungen«. 1. Januar 1899 trat F. in den Ruhestand und ein Jahr sp£ter 
siedelte er nach Charlottenburg uber. 

Die Mayahandschrift der Dresdner K5nigl. Bibliothek, das bedeutendste 
Literaturdenkmal Zentralamerikas aus der Zeit vor der Einwanderung der 
Europaer, veranlafite F., nachdem er seine umfangliche »Geschichte des 
deutschen Sprachstammes « herausgegeben hatte, sich hauptsachlich der Er- 
forschung der Mayahieroglyphen zuzuwenden. Auf die Veroffentlichung 
der Dresdner Handschrift liefi er eine Reihe von bahnbrechenden Unter- 
suchungen zur Entzifferuhg und Erlauterung der Mayahandschriften und 
zuletzt auch der inschriftlich erhaltenen Mayahieroglyphen folgen. Mit 
bewundernswertem Scharfsinn deckte er das Zahlensystem der Maya auf und 
legte den Grund zur Erforschung ihrer Chronologic Neben diesen Studien 
fand er noch Zeit zu einer vollig neuen Bearbeitung des ersten Bandes 
seines »Namenbuchs« und zu verschiedenen Schriften familiengeschichtlichen 
Inhalts. 

Um das Bibliothekswesen hat sich F. grofle Verdienste erworben. Seine 
kleine Schrift iiber Schulbibliotheken enthalt fiir die Verwaltung kleinerer 
Bibliotheken recht brauchbare Vorschlage. Besonders aber ist hervorzuheben, 
dafl er einen engeren Zusammenschlufi der verschiedenen offentlichen 
Bibliotheken forderte. So begriifite er freudig die Griindung des Vereins 
deutscher Bibliothekare und der Vereinigung Berliner Bibliothekare. Von 
dieser wurde zwei Wochen nach seinem Tode eine zahlreich besuchte 
Gedachtnisfeier abgehalten, bei der Prof. Dr. Paalzow ein Lebensbild des 
Verstorbenen zeichnete. 

Im persOnlichen Verkehr vereinigte F. Schlichtheit des Wesens mit einer 
gewinnenden Freundlichkeit. Als Bibliothekar und als Gelehrter entwickelte er 
eine staunenswerte Arbeitskraft. Freilich wurde bei seinem schnellen Arbeiten 
manchmal die notige Genauigkeit vermifit. Wissenschaftlich t&tig war er 
fast bis zu seinem Ende in ungebrochener Frische des Geistes. 

Aufler einer ungemein groflen Zahl von Aufsatzen in verschiedenen Zeitschriften 
wurde von ihm verSffentlicht: » De comparativis ct superlativis linguae Graecae et Latinae 
commentatio. (Diss.) Nordhusae i8j4«\ % Altdeutsches Namenbuch. Bd. 1. Personennamen. 
Nordhausen 1856 (2. Aufl. Bonn 1901). Bd. 2. Ortsnamen. Nordhausen 1859 (2. Aufl. 
Nordhausen 1872) c; »Das Leben von Ernst Gttnther Fcirstemann, Prof, und Dr. phiL, 
Wernigerode 1859 « (anonym); »Die deutschen Ortsnamen. Nordhausen 1863c; »0ber 
Einrichtung und Verwaltung von Schulbibliotheken. (Gratulationsschrift.) Nordhausen 1865 «. 



12' 



I go Forstemann. Hultsch. 

»Die Graf lich Stolbergische Bibliothek zu Weraigerode. Nordbausen 1866 c; » Graf Christian 
Ernst xu Stolberg- Wernigerode. Hannover 1868 c; »MitteiIungen aus der Verwaltung der 
Kgl. o. Bibliothek zu Dresden 1866—80. Dresden 1871 — 81 c; desgl, 1881—85 im 
>Zentralblatt fUr Bibliothekswesen c, Jahrg. 3. 1886; » Gescbichte des deutschen Sprach- 
stammes. Bd. 1. 2. Nordhausen 1874/75 c; »Die Mayabandschrift der Kgl. 8. Bibliothek 
zu Dresden, herausgeg. . . Leipzig 1880 (2. Aufl. Dresden i892)c; » Erlauterungen zur 
Mayahandschrift der Kgl. 6. Bibliothek zu Dresden. Dresden 1886 c; »Zur Entzifferung 
der Mayahandschriften. I — VII. Dresden 1887 — 98 c; » Nachrichten flber die Familie 
FOrstemann bis zum Jahre 1600. Dresden 1889 c; »Das Leben von Wilhelm August 
Ftfrstemann, Prof, und Dr.phiL.. Dresden 1891c; »Das Leben von J oh an n Heinrich 
Fttrstemann, BUrgermeister der freien Reichsstadt Nordhausen (1708 — 1793).. Dresden 
1893 c; »Das Leben von Karl Wilhelm Forstemann, Superintendenten und Pastor (1777 
bis 1845). Berlin 1896 c; »Aus dem alten Danzig. Danzig 1900. (Gedanensia Bd. 4)c; 
»Kommentar zur Mayahandschrift der Kgl. 3. Bibliothek zu Dresden. Dresden 1901c; 
»Kommentar zur Madrider Mayahandschrift (Codex Tro-Cortesianus). Danzig 1902 c; 
»Kommentar zur Pariser Mayahandschrift (Codex Peresianus). Danzig 1903 c; » Biblio- 
graphic der Familie Forstemann. Leipzig 1906c. Auch hat F. eine engliscHe Obersetzung 
des Mayakommentars vorbereitet. 

H. Paalzow im » Zentralblatt flir Bibliothekswesen c. Jahrg. 23. 1906 S. 552 ff. — 
Derselbe im »Dresdner Anzeiger, Sonntags-Beilage c. 16. Dez. 1906. Nr. 50 S. 201 f. 
Paalzow benutzte Ausztige aus einer handschriftlichen Selbstbiographie F.s, die sich im 
Besitze seines Sohnes befindet. — Handschriftlicher Lebenslauf F.s in der Dresdner 
Kgl. 8. Bibliothek. — » Globus c Bd. 90. 1906. Nr. 22 S. 341 f. — »Vossische Zeitungc 
1906. Nr. 547. — F. Kluge in der »Zeitschrift fttr deutsche Wortf orschung « Bd. 8. 
1906/7. S. 380. — » Dresdner Anzeiger c 7. Nov. 1906. Nr. 307 S. 4. — » Dresdner 
Journal c 6. Nov. 1906. Nr. 258 S. 6. — Verzeichnisse von F.s Schriften geben: »Kefller, 
Nachrichten von Schriftstellern und Kiinstlern der Grafschaft Wernigerode. Wernigerode 1856 c. 
S. 288 ff. u. 295; »Haan, Sachs. Schriftsteller-Lexikon. Leipzig 1875 c, S. 77; » Forstemann, 
Verzeichnis der von mir im Druck erschienenen Schriften. Dresden 1887 c (handschriftlich 
in der Dresdner K. 6. Bibliothek); »(Rudert,) Ernst Wilhelm F.s Schriften u. Aufsatze. Er- 
innerungsgabe. Dresden (i894)c; »F., Bibliographie der Familie Forstemann c S. 26 ff. 

A. Reichardt 

Hultsch, Fried rich Otto, Oberschulrat Prof. Dr., Rektor der Kreuzschule 
zu Dresden, hervorragender Philolog, * 22. Juli 1833 in Dresden, f 6. April 
1906 in Dresden. — H. war der Sohn eines Kupferdruckereibesitzers. 1846 
bis 1 85 1 besuchte er die Dresdner Kreuzschule. Mit aufiergewohnlicher 
Begabung verband er schon als Schiiler einen eisernen FleiQ. Nachdem er 
die Abgangsprufung mit grofier Auszeichnung bestanden hatte, studierte er 
in Leipzig klassische Philologie, wobei er besonders durch Anton Westermann 
gefOrdert wurde. Seine hervorragende Anlage fur philologische Kritik trat 
schon im Anfange seines Studiums zutage; den Professoren gegenuber wahrte 
er durchaus seine wissenschaftliche SelbstHndigkeit. Im Februar 1855 bestand 
H. die Priifung fur das h5here Schulamt und zwei Monate sp&ter wurde er 
zum Doktor promoviert. Sein Probejahr absolvierte er 1855 bis 1856 am 
Dresdner Gymnasium zum heiligen Kreuz, dem er als Schiiler angehdrt hatte. 
Daneben erteilte er (1855 — 57) Unterricht in den oberen Klassen der damals 
hochangesehenen Krauseschen Lehr- und Erziehungsanstalt. Ostern 1857 wurde 
er an der Leipziger Nikolaischule als zweiter Adjunkt und bald nach Michaelis 
1858 am Gymnasium zu Zwickau als Oberlehrer angestellt, Michaelis 1861 
aber wieder an die Kreuzschule berufen. Hier wirkte H. lange Jahre segens- 



Hultsch. 1 8 1 

reich. Zuerst war er Lehrer der Mittel- und Oberklassen, aber bereits 
Ostern 1868 erhielt er als Nachfolger Klees das Rektorat, nachdem er mehr- 
fache andere Berufungen zum Konrektor und Rektor ausgeschlagen hatte. 
Es war keine leichte Aufgabe, die sein Amt ihm stellte. Unter seiner Leitung 
stieg die Schiilerzahl von 388 auf 635, und es mufiten durchweg Parallelklassen 
errichtet werden. Zur umf&nglichen Verwaltung der Kreuzschule ubernahm 
er noch die Einrichtung des neu gegriindeten Wettiner Gymnasiums, das er 
von 1879 bis 1882 ebenfalls leitete. Auch hatte H. als Philolog im alten 
Sinne eine Zeitlang gegen die modernen Bestrebungen anzukampfen, die 
eine Zuruckdrangung der altklassischen Studien forderten. Freilich er- 
weckte seine strenge Gelehrtennatur, der jede Minute kostbar war, mitunter 
Widerspruch. Ostern 1889 sah sich H. durch Rucksicht auf seine Gesund- 
heit genfltigt, in den Ruhestand zu treten. Dabei erhielt er den Titel Ober- 
schulrat. Der Professortitel war ihm schon 1864, das Ritterkreuz 1. Klasse 
des Kgl. Sachs. Verdienstordens 1879 verliehen worden. Dem scheidenden 
Rektor zu Ehren wurde von ehemaligen Kreuzschiilern eine Hultsch-Stiftung 
begriindet. Es war H. vergonnt, seinen Ruhestand eine langere Reihe von 
Jahren zu geniefien, bis ihn 1905 eine schwere Krankheit befiel, der er nach 
wenigen Monaten erlag. H. war eine fest ausgepragte Personlichkeit, von 
grflflter Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue und von strengster Wahrheitsliebe, 
abhold jeder unklaren Schw&rmerei und SchOnrednerei, dabei aber voll 
Interesse fur die Reize der Natur wie fur die SchGnheit der Kunst. Seine 
Schiiler gewdhnte er vor allem niichtern zu urteilen. Seine Behandlung der 
altklassischen Sprachen zeichnete sich durch Klarheit aus. In der Erschlieflung 
neuer Quellen und der Verwertung der schon bekannten war er, besonders 
wahrend seines Ruhestandes, unermudlich tatig. Seine grofie kritische Aus- 
gabe des Polybios bot zuerst eine genaue Vergleichung der maflgebenden 
Handschriften. An sie schlofi sich eine Fulle von kleineren Arbeiten uber 
die Textgestaltung und den Sprachgebrauch des Polybios. Aber H. verband 
mit philologischem Scharfblick auch mathematisches Talent. Er war ein 
Forscher ersten Ranges auf dem Gebiete der antiken Mafl- und Munzkunde 
und der griechischen Mathematik und Astronomie. Ein grundlegendes, 
zuverlassiges Werk ist seine »Griechische und rdmische Metrologies. Fiir 
die Kenntnis der alten Mathematiker ist von besonderem Werte die Ausgabe 
des Pappos von Alexandria, die zuerst alles, was von diesem erhalten, nach 
der besten Cberlieferung nebst einer lateinischen Ubersetzung und anderen 
Beigaben bietet. In den Jahren seines Ruhestandes beschaftigte sich H. 
haupts&chlich mit der Erforschung und Erkl&rung der Sgyptischen Miinzen 
und Mafle und der Eigentiimlichkeit der &gyptischen Rechenkunst Mit 
grofiem Scharfsinn enthiillte er diese uralten Systeme, und immer neue Funde 
bestatigten die Richtigkeit seiner Ergebnisse. H. war Mitglied der Kgl. 
Sachsischen Gesellschaft der Wissenschaften (seit 1885) und des *EXXtjvixos 
^1X0X071x65 EuXXoyoc in Konstantinopel sowie Korrespondent der Kgl. Gesellschaft 
der Wissenschaften zu Gottingen. Seine wertvolle Bibliothek ging nach 
seinem Tode in die Bibliotheken der Kreuzschule und des Wettiner 
Gymnasiums uber. 

H. verfcffentlichte nachstehende Schriften: »Quatstionts Polybianac I. II. Zwickau 1859. 
Dresden 1869.* (Progr.); »De Damaretco argtntco Syracusanorum nummo. Dresden 



1 82 Hultscb. Israel. 

i86a.c (Progr.); »Griechische und tttmiscbe Metrologie. Berlin 1862 c (2. Bearb.: Berlin 
1882); »Die K&mpfe urn das Meifiner Land untcr Kdnig Heinrich IV.c (in: »lhren 
Maj. Kftnig Albert und Kttnigin Carola 18. Juni 1878 dargebracht vom Lehrerkollegium 
der Kreuzschule c) ; »Heraion und Artemision, zwei Tempelbauten Joniens. Vortrag. 
Berlin 1881c; »Zur Erinnerung an Dr. Christian Ernst August Grobel, Rektor der Kreuz- 
schule. Gedachtnisrede. Dresden 1884 c; »Die erz&hlenden Zeitformen bei Polybios. Ein 
Beitrag zur Syntax der gemeingriechischen Sprache. I — III. Leipzig 1891 — 93 c (in den 
» Abhandlungen der K. Sachs. Gesellschaft der Wissenschaften c) ; »Die N&herungswerte 
irrationaler Quadratwurzeln bei Archimedes (Nachrichten der K. Gesellschaft der Wiss. 
zu G&ttingen. 1893. Nr. io)c; >Das n. Problem des mathematischen Papyrus von 
Akhmimc (in: »Historische Untersuchungen. Ernst Fttrstemann. . gewidmet von der 
Historischen Gesellschaft zu Dresden. Dresden 1894 c); »Die Elemente der agyptischen 
Teilungsrechnung. Abt. I. Leipzig 1895 c (in den » Abhandlungen der K. Sachs. Gesell- 
schaft derWiss.c); »Poseidonios liber die Grttfie und Entferaung der Sonne. Berlin 1897 c 
(in den » Abhandlungen der K. Gesellschaft der Wiss. zu Gttttingenc); »Die Gewichte des 
Altertums nach ihrem Zusammenhange dargestellt. Leipzig 1898c (in den » Abhandlungen 
der K. Sachs. Gesellschaft der Wiss.c); >Die Ptolemaischen MUnz- und Rechnungswerte. 
Leipzig 1903 c (ebenda). Hierzu kommen viele Arbeiten, darunter weit liber hundert 
kritische Besprechungen, in philologischen und mathematischen Zeitschriften und Btichern, 
wie in den >Berichten der K. Sachs. Gesellschaft derWiss.c, im tPAilologus*, in der 
*Bibliotheca mathematical, in der » Realencyklopadie des klassischen Altertums c von Pauly- 
Wissowa. Herausgegeben wurde von H. : »Heronis Alcxandrini geometricorum et 
stereometricorum reliquiae. Ace. Didymi Alcxandrini mensurae marmorum et anonymi 
variae collectiones . . Berolini 1864 c; » Metrologie or urn scriptorum reliquiae . . I. //. Lipsiae 
1864 — 66 c; xPolybii kistoriae . . Vol. I— IV. Berolini 1867 — 72 (vol. I. II. edit. 2. Berol. 
1888/92) c ; » Cemorini de die natali liber . . Lipsiae 1867 c ; » Pappi Alexandrini collection** 
quae super sunt . . Vol. I — ///. Berolini 1876 — 78*; »Autolyci de sphaera quae movetur liber, 
de ortibus et occasibus libri II una cum scholiis antiquis ... Lipsiae /88j«; »Scholien zur 
Sphank des Theodosios. Leipzig 1887 c (in den » Abhandlungen der R. Sachs. Gesellschaft 
der Wiss.c). 

» Jahresbericht des Gymnasiums zum heil. Kreuz in Dresden c 1862 S. 39 f„ 1865 
S. 97, 1869 S. 22 f., 1890 S. iff., 1907 S. 3f. und 13. — »Worte zum Ged&chtnis von 
Friedrich Hultsch. Gesprochen am 14. Nov. 1906 von Hermann Lipsiusc (in den »Berichten 
der K. Sachs. Gesellschaft der Wiss. zu Leipzig. Phil.-hist. Klasse. Bd. 58. 1906 c 
S. 191 ff. — Urbach im »Bericht liber die.. 16. Jahresversammlung des Sachsischen 
Gymnasiallehrervereins. Leipzig 1906 c S. 34 ff. — Fr. Poland im »Dresdner Anzeigerc 
22. Juli 1903. Nr. 201 S. 2f. (ein Nekrolog soil von Poland im »Jahresbericht liber die 
Fortschritte der klass. Altertumswissenschaftc erscheinen). — »Dresdner Anzeigerc 8. und 
11. April 1906. Nr. 96 S. 5 u. 53. Nr. 99 S. 5. — »Dresdner Gesellschaftsblattc 1906. 
Nr. 2 S. 5. — »Beilage zur Allgemeinen Zeitungc 1906. II. Quartal. Nr. 84 S. 72. — 
» Ulustriertes Universum-Jahrbuchc 1906 S. 176. 182. — »Hinrichsen, Das literarische 
Deutschland. 2. Aufl. Berlin 1891c Sp. 609. 

A. Reichardt. 

Israel, August, Oberschulrat, Dr. phil. A.c 9 Seminardirektor, * 31. MSrz 
1836 in Eibau, f 25. August 1906 in Blasewitz bei Dresden. — I. war der 
Sohn eines Appreturmeisters. In der Familie, die mit den Herrnhutern in 
Verbindung stand, herrschte der Geist ernster Religiosit&t, der auch ftir 
August Ls Lebensfuhrung bestimmend blieb. Schon in seiner Kindheit 
zeigte dieser eine aufiergew6hnliche Strebsamkeit. Auf Wunsch seiner Mutter 
w&hlte er den Lehrerberuf. Darum besuchte er nach der Konfirmation noch 
ein Jahr lang die Dorfschule und bereitete sich, wie auch schon vorher, 



Israel. 



183 



durch Privatstunden fur das Seminar vor. Ostern 185 1 trat I., in das 
Proseminar zu Zittau ein. Aber schon nach einem Jahre verliefl er diese 
damals recht mangelhafte Anstalt und fand auf dem Bautzener Seminar 
Aufnahme. Hier bestimmte ihn in Geistesrichtung und Lehrweise besonders 
der Direktor Drefiler, ein begeisterter Anhanger Benekes, der humorvolle 
Seminarlehrer Ruffany und der als Musiker vortreffliche Kantor Hering. 
Nach glanzend bestandener Abgangspriifung erhielt I. Ostern 1856 eine 
Hilfslehrerstelle an der Zittauer Biirgerschule. Hier fand er nicht nur eine 
gute praktische Schulung, sondern bildete sich auch in den Wissenschaften, 
namentlich in Naturkunde und Musik, eifrig weiter. Nachdem er 1858 die 
Konsistorialpriifung abgelegt, trat er die ihm iibertragene Stelle eines 
Obungsschullehrers am Seminar zu Annaberg an. 8. Dezember 1858 wurde 
er dort Oberlehrer. Im nachsten Jahre verheiratete er sich. Bald danach 
ubernahm er im benachbarten Buchholz die Leitung eines Chorgesangvereins, 
mit dem er sogar Oratorien mit Erfolg auffiihrte. Durch Vermittelung seines 
Gonners, des Geh. Kirchen- und Schulrats D. Gilbert erhielt I. Michaelis 1866 
auf ein Jahr Urlaub zum Besuche der Universitat Leipzig. Hier beeinfluflten 
ihn besonders Kahnis, Zarncke und Hankel. 1867 absolvierte er die Prlifung 
fur das hohere Schulamt und kehrte nach Annaberg zuriick. 1869 wurde 
der erst Dreiunddreifiigjahrige auf Gilberts Vorschlag Direktor des neu- 
errichteten Seminars in Zschopau. Und er erwies sich als wohlgeeignet fiir 
dieses Amt. Er war ein verstandiger Leiter, der die Eigenart jedes ihm 
unterstellten Lehrers schonte und ihn am richtigen Platze verwendete. Er 
wuflte das ganze Kollegium in seltener Einheit zu halten. Vor allem legte 
er Wert darauf, in haufigen Zusammenkunften und jahrlichen Ausfliigen 
jedem auch gesellschaftlich nahezutreten. In seinem Wesen war I. schlicht 
und ohne Falsch, teilnehmend und hilfsbereit. Aber mit Herzensgiite ver- 
band er die nStige Tatkraft. Seine Charakterfestigkeit hielt auch nach oben 
hin stand. Die Schiiler suchte er vor allem zu selbstandigen Personlichkeiten 
zu erziehen und sie zu methodischem Denken und eigenem Forschen unter 
Zuruckgehen auf die Quellen anzuregen. Zu diesem Zwecke ffirderte er 
angelegentlich die Schulbibliothek und besorgte die Biicherausgabe selbst. 
Auch traf er Einrichtungen, die damals im Seminarleben neu waren und 
manche Angriffe erfuhren. Um die jungen Menschen weltgewandt und 
selbstandig zu machen, gab er ihnen reichliche Freizeit und gewahrte ihnen 
mancherlei Freiheiten; denn sein Gruodsatz war: »Junglinge miissen gewagt 
werden*. Demselben Zwecke dienten die mit den Schulern veranstalteten 
haufigen Spaziergange und die jahrlichen grofieren Ausfliige. I.s Unterrichts- 
weise zeichnete sich durch Natiirlichkeit aus; sie war nicht kunstgerecht, 
aber anschaulich, klar und einfach, volkstumlich, derb, humorvoll und 
anregend. Er legte weniger Wert auf die Menge des Stoffes und auf 
systematisch geordnete Kenntnisse als auf eine griindliche Durchdringung 
und auf Erlauterung durch Beispiele, die ihm bei seinem staunenswerten 
Wissen auf sehr verschiedenen Gebieten in Fulle zu Gebote standen. Die 
von ihm abgehaltenen Prufungen waren bei der Eigenart seiner Fragestellung 
nicht leicht. Aber seine Unterrichtsstunden nennt einer seiner Schiiler un- 
vergefiliche Weihestunden. Und Lehrer wie Schiiler bewahrten eine seltene 
Anhanglichkeit an den Direktor unci seine Familie. Es bildeten sich zahl- 






184 Israel. 

reiche Vereinigungen ehemaliger Zschopauer, unter denen der alte I. oft 
weilte. Auch wurde, als er 25 Jahre im Schulamt tatig war, von seinen 
fruheren Schulern eine Israel-Stiftung begriindet. Ostern 1898 sah sich I. 
durch verschiedene Leiden, namentlich durch haufige Gichtanfalle, gendtigt 
in den Ruhestand zu treten. Hierbei erhielt er den Titel Oberschulrat. 
Titel und Rang eines Schulrats war ihm schon 1885, das Ritterkreuz 1. Klasse 
des K. Sachs. Verdienstordens 1892 verliehen worden. Sein Abschied von 
Zschopau gestaltete sich zu einer erhebenden Feier. 1903 wurde sein 
Bildnis in 01 gemalt durch seine fruheren Zftglinge fur den Betsaal des 
Zschopauer Seminars gestiftet. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte 
I. in Blasewitz, wo er noch den al test en Sohn seines Adoptivsohnes im 
Lesen und Schreiben unterrichtete, besonders aber eine eifrige wissenschaft- 
liche T^tigkeit entwickelte. Im Februar 1905 ernannte ihn die Universit&t 
Zurich fur seine Verdienste als Padagog und besonders als F6rderer der 
Pestalozzikunde zum Dr. phiL A. c. Sein kSrperlicher Zustand aber wurde, 
nachdem er im Sommer desselben Jahres einen Schlaganfall erlitten hatte, 
immer bedenklicher. Schon halb gebrochen feierte er seinen siebzigsten 
Geburtstag, den er nicht lange uberleben sollte. Seine Beerdigung erfolgte 
in Zschopau unter uberaus zahlreicher Beteiligung von dortigen Kollegien 
und Vertretern auswartiger Vereinigungen. — Arbeit war immer I.s Lebens- 
element. Den Lehrerverein von Zschopau und Umgebung, dessen Griindung 
er angeregt hatte, leitete er 25 Jahre lang, wie auch von 1893 an bis zu 
seiner Pensionierung den von ihm begriindeten Sachsischen Seminarlehrer- 
verein. Dieser ernannte ihn nach seinem Abgange zum Ehrenmitglied. 
Auch war I. fur das Wohl der Stadt Zschopau eifrig tStig. Namentlich 
betrieb er die Griindung einer Kinderbewahranstalt und leitete sie jahrzehnte- 
lang. Daher erfolgte 1894 seine Ernennung zum Ehrenbiirger von Zschopau. 
Bei alledem fand I. noch Zeit zu einer regen wissenschaftlichen T&tigkeit, 
die sich anfangs auf den Gebieten der Musik und Botanik, spater aber 
besonders auf dem der Geschichte der P&dagogik bewegte. Hier machte er 
sich vor allem verdient durch die Herausgabe selten gewordener padagogischer 
Schriften und durch das miihevolle Werk seiner Ruhestandszeit, die » Pestalozzi- 
Bibliographie«. Die botanischen Studien fuhrten ihn 5fters ins Hochgebirge, 
dessen begeisterter Verehrer er wurde. Seine Schriften iiber die Alpen gab 
er nebst Schulreden und anderen padagogischen Arbeiten in den »Zerstreuten 
Blattern« gesammelt heraus. I.s wertvolle Bibliothek wurde mit der Bibliothek 
der Comenius-Stiftung vereinigt und der Kaufpreis der Israel-Stiftung iiber- 
wiesen. 

Schriften I.s: »Anleitung zur Erfindung zweckmafiiger Choralzwischenspiele, erlautert 
durch viele Beispiele. Annaberg 1862 (Hildhurghausen 1876) «; »Schliissel zum Bestimmen 
der in und urn Annaberg und Buchholz wild wachsenden Pflanzen (Phanerogamen und 
Gefalikryptogamen). Buchholz 1862 (3. Aufl., bearb. von Rubs am. Annaberg i888)«; 
» Karte : Zschopau und Umgebung. Zschopau 1874 c (Progr.); »Grundlinien der elementaren 
Lehrmethodik. Zschopau 1875c. (Progr.); »Beitrag zur Geschichte der elementaren Lehr- 
methodik im 17. Jahrhundert. Zschopau 1877 c (Progr.); » Erfahrungen auf Alpenreisen. 
Vortrag. . Annaberg 1882 «; » 1st es ratsam, dem padagogischen Unterrichte im Seminar 
Herbarts System zugrunde zu legen?.. Vortrag. Gotha i88i« (aus den » Padagogischen 
Blatternc); »Die padagogischen Bestrebungen Erhard Weigels (1653 — 1699 Professor der 
Mathematik zu Jena). Ein Beitrag zur Geschichte der padagogischen Zustande im 17. Jahrh. 



Israel. David. 185 

Zschopau 18844c. (Progr.); » M. Valentin Weigels Leben und Schriften. Nach den Quelle n 
dargestellt. Zschopau 1888 — 90*. (3 Progr.); » Wolfgang Ratke (Ratichius)c in Schmids 
»Geschichte der Erziehung Bd. Ill, 2. Stuttgart 1892 c; »Zerstreute Blatter, fttr seine 
Schtiler gesammelt. Zschopau 1894 c; » Mitteilungen Uber die Lehrer und Schtiler des 
Kgl. Seminars zu Zschopau.. 1869 — 94. Zschopau 1894c; »Versuch einer Zusammen- 
stellung der Schriften von und Uber Pestalozzi. I. II. Zschopau 1894/95 c. (2 Progr.); 
»Erganzungen zu A. Israels Pestalozzi-Bibliographie von R. Aron und August I.c (aus den 
» Mitteilungen der Gesellschaft fUr deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte. Jahrg. 6. 
Berlin 1896 c); »Dr. Karl Friedrich Bahrdt und die Philanthropine zu Marschlins und 
Heidesheimc in Schmids » Geschichte der Erziehung Bd. I V, 2. Stuttgart 1 898 c ; > Pestalozzi s 
Institut in Iferten. Beitrage . . aus den nachgelassenen Papieren Karl Justus Blochmanns. 
Gotha 1900 (Beitrage zur Lehrerbildung. . Heft 20) c; » Pestalozzi-Bibliographie. Bd. I — III. 
Berlin 1903 — 05 (NIonumcnta Ger maniac paedagogica XXV. XXIX. XXXI) c. I. gab 
heraus: »Sammlung selten gewordener p&dagogischer Schriften des 16. und 17. Jahrhunderts. 
Heft 1 — 13. Zschopau 1879 — 86 c (von Heft 10 an war Mitherausgeber Joh. Mtiller), worin 
Heft 2 : » Erasmus, dcclamatio dc pucris ad virtuttm ac Micros libcraliicr instituendis . . . 
Cbersetzt und mit Einleitungen von August I. 2. Aufl.c (1. Aufl. Zschopau 1872. Progr.) 
Hierzu kommen zahlreiche Aufsatze I.s in den » Padagogischen Bl&Uernc, in der »Sachsischen 
Schulzeitungc, in den » Monatsheften der Comenius-Gesellschaftc, in der RofimaBlerschen 
Zeitschrift »Aus der Heimatc usw. 

»G. Berger, den Manen August l.sc in den > Padagogischen Bl&tternc Bd. 35. 
Gotha 1906. Nr. ii S. 493 ff. Bergers Quellen sind: 1. Persflnliche Mitteilungen und 
Beobachtungen f 2. Die Festrede I.s am 8. April 1894 (in »Das 2 5jahrige Jubilaum des 
K. Lehrerseminars zu Zschopau am 7. — 9. April 1894, S.-A. aus dem Wochenblatt fttr 
Zschopau und Umgegendc S. 4ff.), 3. Die Gedachtnisrede M. Seidels am 29. Aug. 1906. — 
M. Seidel im »i 1. Bericht des Sachsischen Seminarlehrervereins. 1906c, S. 48 ff. (vgl. S. 3 f.). — 
G. Rocke in den » Mitteilungen der Gesellschaft fttr d. Erziehungs- und Schulgeschichte c 
Jahrg. 17. Berlin 1907. S. 75 ff. — » Israel, Mitteilungen Uber die Lehrer und Schtiler des 
K. Seminars zu Zschopau 1869 — 94 c, S. 3f. — E. Ebert im » Pestalozzianum c N. F. 
Jahrg. 3. 1906. Nr. 9 S. 85 ff. — » Sachsische Schulzeitung c 1903. Nr. 52 S. 90off., 1906. 
Nr. 13 S. 160 f. — A. Zschoche im »Kalender des Sachsischen Pestalozzi- Vereins auf das 
J. 1907c, S. 4 (s. a. S. 3). — »P&dagogische Blatterc Bd. 27. 1898 S. 283 ff. — »Die 
deutsche Schulec Jahrg. 10. 1906 S. 252. 597. — »Dresdner Anzeigerc 28. u. 30. Aug. 
1906. Nr. 236 S. 25 u. Nr. 238 S. 6. — »Dresdner Nachrichtenc 27. Aug. 1906. Nr. 235 S. 1.— 
»Dresdner Journal c 31. Aug. 1906. Nr. 202 S. 4. A. Reichardt. 

David, Jakob Julius * 6. Februar 1859 * n Mahrisch-Weiflkirchen als 
drittes Kind eines jiidischen Pachters f in Wien 20. November 1906. Seine 
Knabenzeit verlebte er in Fulnek, dem Hauptort des Kuhlandchens; der 
deutsche Jude unter slavischen Bauern, harten, arbeitsamen, verschlossenen 
Menschen, deren dumpfe Gedriicktheit sich in melancholischen Liedern 
Luft macht, mit ihrer l&rmendbunten Tracht in fast gewolltem Gegensatz zu 
der einfarbiglehmigen Scholle, die sie bebauen; gezahmte Nachkommen wilder 
Hussiten, die stille Glaubigkeit der m&hrischen Bruder bewahrend, mit einem 
seit den Tagen des Comenius gehegten Drang zu tieferer Bildung, der all- 
jahrlich die Sohne in die Stadt, an die Universitaten treibt, von wo sie 
allzuoft enttauscht, verbittert, verschlossener und stumpfer als je an den ererbten 
Pflug zuriickkehren. Der jahzornige Vater, den seine Riesenkraft zu rasch 
bereuten Gewalttatigkeiten verlockt, dessen scharfer Verstand in den Sorgen 
des Alltags verpufft, von tiefem Gemiit, das er rauh vor der Welt und den 
Seinen verbirgt, stirbt-1866 an der Cholera. Die schwache, durch den uber- 



1 86 David. 

legenen Mann in scheue Zuriickhaltung gedr&ngte Mutter rcttct aus der 
finanziellen Krise, die der Tod des Familienerhalters und der Krieg ver- 
ursachten, ihr Teil und uberl§Bt die Kinder ihrem Schicksal. Verwandte 
sorgen fur sie und bringen den kleinen Jakob, den ein unregelmlfliger 
Elementarunterricht weniger gefSrdert hatte als auf eigene Faust betriebene, 
desultorische Lekture, aufs Gymnasium nach Kremsier. Auch hier und an 
den Anstalten in Teschen und Troppau gings mit dem begabten, aber lassigen, 
grublerischen Knaben nur langsam vorwSrts, eine schwere Erkrankung verzOgerte 
das Stadium. Mit geschwachtem Gehttr und Gesicht mufite der Achtzehn- 
jahrige in den schweren Kampf des Lebens. An der Wiener Universitat 
studierte er Germanistik und Geschichte, freundlichst gefSrdert zumal von den 
beiden grofien Lehrern Richard Heinzel und Erich Schmidt, denen er zeit- 
lebens treudankbar anhing. Jahre der bittersten Not waren zu uberstehen, 
in denen die Sorge um Brot und Obdach doch nicht die robuste Kraft, den 
ingrimmigen Humor, das selbstbewufite Streben des Hartgeschmiedeten ganz 
zu zerstSren vermochte. Der Tod seiner Mutter nahm ihm den letzten Halt 
Da bot sich ihm eine Stelle als Hofmeister und dam it Mufie zu dichterischer 
Produktion. Neben diese Lehrtatigkeit, die ihm vor allem im Hause des Bild- 
hauers Heinrich Natter einen Kreis genialer und gu tiger Menschen nahebrachte, 
trat nun eine zun&chst gerne ergriffene, bald als lastige Frohne empfundene Mit- 
arbeiterschaft an Zeitschriften und Zeitungen. Noch strenger wurde er in den 
Dienst der Zeitung gespannt, als es gait, Frau und Kind, den Trost und 
Sonnenschein seines truben Lebens, zu ernShren. Die aufreibende Arbeit war 
zu viel fur den von langem Darben geschw&chten KOrper. Vier Jahre dauerte 
ein uns&glich schweres Sterben, das David mannhaft und pflichttreu bis 
zuletzt sorgend und schaffend durchlitt. Er starb am 20. November 1906. 

Der vom Journalismus, dessen verheerende Wirkungen er mit persftnlichstem 
HaB in einer diistern Novelle und objektiver, aber noch immer voll Abneigung 
in einer sp&ten Studie geschildert hat, zu rastloser schriftstellerischer Arbeit 
Gedrangte hat dieser hastigen Produktionweise nie Zutritt in das Heiligtum 
seiner dichterischen Schopfungen gewahrt. Schwer hat er um jede einzelne 
gerungen und die Spuren harter Arbeit kleben selbst an dem Besten, was er 
geleistet hat. Am tiefsten tr&gt seine Lyrik die Eindriicke der knetenden 
Hand. Nur etwa ein Spitzbubenlied gelingt ihm leicht und frei, sonst schleicht 
die Sprache gedriickt und duster einher unter der Last schwermiitiger Gedanken 
oder sie bricht sich in einem wilden Schrei hochmutiger Verzweiflung. Das 
ganze Leid seines Lebens achzt aus diesen erschutternden, aber reizarmen 
Versen, in denen er selbst dem geliebten Tdchterlein auf den ersten Schulweg 
nur bdse Prophezeiung mitzugeben weifi. Nicht nur, wenn er jiidische Legenden 
behandelt und Hiob als einen neuen Prometheus mit der Gottheit hadern 
laflt, hat sein Stil etwas alttestamentarisch Herbes, Scharfumrissenes, und strenge, 
volkstiimlich-archaisierende Todes- und Kampfpoesie gelingt ihm durchaus. 
In verst&rten Seelen und verst6rten Zeiten ist er zu Hause. 

Lange und ernst hat sich David um das Drama bemuht. Der bedeutendste 
deutsche Dramatiker seiner Zeit, Ludwig Anzengruber, dem er eine liebevolle 
Charakteristik gewidmet hat, leitet ihn zunachst zum Bauernstiick; der Titel 
»Hagars Sohn« entspringt wieder dem vertrauten altjiidischen Sagenkreis, 
der Inhalt fiihrt in die leidenschaftlich erregte Zeit des oberOsterreichischen 



David. 187 

Bauernaufstandes. Ein aufrechter Herrenmensch steht im Mittelpunkte unci 
sein hafierfiillter, zuchtloser unehelicher Sohn, beides, wie manche der Neben- 
personen, libertrieben pointierte Charaktere; die Handlung setzt wiederholt 
ruckweise an und erhebt sich am Schlusse etwas gewaltsam zu dem groBen 
Sundenbekenntnis des Bauers, fiir das wie fur manches Detail in der altertiimlich 
und biblisch gefarbten Redefuhrung wohl Tolstoj's »Macht der Finsternis« 
vorbildlich war. Versuche, den Wiener Boden dramatisch zu gewinnen, 
mifllangen. Es fehlt die rechte Heiterkeit des Milieus, dem die tragischen 
Charaktere nur durch eine forcierte, Sufierliche Lustigkeit ihren Zoll zahlen, 
es fehlt eine aus den Charakteren sich miihelos ergehende Handlung. Im » Regen- 
tag« ist alle Sorgfallt auf die problematische Baronesse Kitty gewandt, »dies 
nervose, sich in sich selbst abzappelnde Weltkind, dessen Schwingen gerade 
stark genug sind, um es nur eben nicht in dem Sumpfe versinken zu lassen, 
iiber dem es flattert, nicht mehr kraftig genug, urn's in reinere Hohen zu 
heben«; die unertraglichen Mustermenschen, unter die sie gerat, und die 
muhselig fortkriechende Entwickelung des Konfliktes lassen die larmende 
Ablehnung durch das Wiener Publikum begreiflich erscheinen. Noch weniger 
ist es in der »Neigung« gelungen, die Familie des Projektenmachers Kostler 
glaubhaft zu zeichnen; die Schatten sind zu dunkel und der Schlufi nicht 
befreiend, sondern sentimental. Mit Liebe hat David an seinem romantisch- 
symbolischen Schauspiel » Der getreue Eckardt« gehangen, das mit mancher 
Beziehung auf den jungen Deutschen Kaiser und Bismarck das Hohelied der 
Treue verkunden und ein gesundegoistisches, aber aller Liebesaufopferung 
fahiges Weib schildem sollte. Auch hier bleibt das meiste allzu gedanklich, 
es fehlt — auch den versifizierten Partien — der Reiz der Sprache, die 
Kontrastierung der Charaktere ist zu absichtlich, die humoristisch gemeinten 
Volksszenen sind zu breit und duster geraten. So blieb denn Davids Ver- 
haltnis zum Theater im wcsentlichen ein rezeptives; zahlreiche Theater- 
kritiken bezeugen sein Verstandnis fiir die dramatische Dichtung und fiir die 
Kunst des Schauspielers, von denen er Mitterwurzer in einer eigenen Studie 
charakterisiert, Dawison — den er freilich nicht mehr gesehen hat — zum 
Helden einer Novelle gemacht hat. 

Die monologische Natur des Dichters, die im Drama es nur zu breiter 
Aussprache des Hauptcharakters bringt, der im lyrischen Ergufl Anmut und 
melodische Kraft abgehen, drangt ihn zum Epos und in Novelle und Roman 
hat er sein Bestes, Eigenstes geleistet. Die eigentiimlichen Verhaltnisse seiner 
mahrischen Heimat und das bewunderte Vorbild Conrad Ferdinand Meyers, 
dem er in einer allzu gewaltsam zugespitzten Novelle auch einmal ins Italien 
der Renaissance gefolgt ist, drangen furs erste die Zeiten religiosen 
Kampfes in den Vordergrund seines Interesses; selbst in einem Roman 
aus der Gegenwart, der die Macht des ererbten Blutes, die verderblichen 
Wirkungen willkiirlichen Eingreifens in fremdes Schicksal nach eigenen 
schmerzlichen Erfahrungen darstellt, ist es der strenge Kalvinismus der 
Pachterin Salome, der ein Hauptmotiv in der traurigen Geschichte von 
Gabi's vergeblicher Erziehung zu biirgerlicher Anstandigkeit bildet. Fanatis- 
mus des Glaubens und seine furchtbaren, lebenzerstorenden Wirkungen hat er 
dann wiederholt geschildert, noch lieber aber die schreckliche Unsicherheit 
des Rechtes und der Sitte, die im Gefolge der Religionskampfe einherging, 



1 88 David. 

diese blutige Nacht der Verwilderung und Grausamkeit, an deren Ende 
blafl und ungewifl ein Friihschein sich erhebt, »den nur der sieht und 
begreift, den die Schrecken der Finsternis nicht schlafen liefien oder der 
mit starker Erwartung dem ersten Licht entgegengehtc Die Stoffe, die 
David hier behandelt, kommen seiner miihsamen, strengen, dustern Dar- 
stellungsweise entgegen; fur solche finstere, gedriickte oder leidenschaftlich 
wilde Menschen hat er die rechte murmelnde, grollende Sprache und wie in 
lichter Anmut heben sich aus solcher Dunkelheit selbst die durftigen, biassen 
Gestalten ab, in denen Unschuld und Jugend durch die zerwiihlte, vergramte 
Welt schreiten. Aber gerade, weil diese Stoffe die Mangel seiner Begabung 
verdeckten, steigerten sie seinen Stil zur Manier und es hat lange gebraucht, 
bis David davon abgelassen hat, einfOrmig grau in grau, mit aufgesetzten 
roten Lichtern, zu malen. 

Seine erste grftfiere Erzahlung fuhrt in ein neues Milieu und beginnt eine 
Doppelreihe von Novellen und Romanen, die Heimatserinnerungen und 
Wiener Erfahrungen des Dichters zur Schilderung der verhangnisvollen Wirkung 
der Hauptstadt auf die Jugend aus der Provinz verwerten, bis in den letzten, 
reifsten Werken die beiden unvertraglichen Kreise sich I6sen und neben den Wie- 
ner Roman und einzelne Charakterstudien aus der Wiener Gesellschaft die boden- 
st&ndige Novelle aus dem heimischen Bauernleben tritt. Die vollige Verbindung 
der beiden Welten ist dem Dichter nie gelungen, am wenigsten in seinem 
Erstlingsroman »Das Hoferecht«, dem uberdies die etwas konventionelle 
Kontrastierung der feindlichen Bruder die Wirkung mindert, die aus der 
famosen Schilderung eines dritten, des dorfjudischen, Milieus und der hier 
unheimischen, lebenshungrigen Fanny und aus den charakteristischen Wiener 
Kaffeehausszenen sich ergibt. Das Studentenleben Wiens, das hier nur in 
einer Episode lebendig geschildert wird, hat er noch mit dem Ingrimm 
eigener bdser Erlebqisse in dem trostlosen, an russische Muster mahnenden 
Roman »Am Wege sterben « von seiner traurigsten Seite dargestellt, freilich nicht 
ohne zu einem lichteren, kampffrohen Epilog vorzudringen. Einzelne Charakter- 
studien, die ihm schon vorher gelungen waren, kdnnen geradezu als Vorarbeiten 
fur die gluckliche, aber noch immer manchmal zu absichtliche Wiedergabe 
einer Reihe lebensvoller Gestalten gelten, die, von dem entnervenden Hauch 
der Residenz getroffen, die zahe Kraft des dsterreichischen Landes im Kampfe 
mit der grinsenden Not nutzlos verbrauchen. Der unter Slaven Aufge- 
wachsene, mit aller Liebe dem Deutschtum Ergebene hat vor allem in den 
Figuren des am Heimweh sterbenden schlesischen Webersohnes Forster und des 
kriecherischen Strebers Stara Proben friiher Meisterschaft geliefert. Aber die 
Sch6nheit Wiens und die unvergangliche Erneuerungsfahigkeit seiner weich- 
lichen, aber hochbegabten Bev5lkerung hat er hier noch nicht voll erkannt, wo nur 
in den beiden wirksamen Kontrastszenen der Heurigenschenke und der Arbeiter- 
landpartie Niedergang altburgerlicherFr6hlichkeit undTuchtigkeit undAufstieg 
einer neuen, eroberungslustigen Klasse leicht gestreift werden; erst drei Jahre 
spater hat der Heimischgewordene die Tiefe des Blickes fiir den groflen »Uber- 
gang «vom dekadenten Patriziertum zur aufstrebenden Herrschaft einer nur kurz- 
lich zugewanderten, aus der slavischen und deutschen Provinz sich erneuemden 
Generation gewonnen. In diesem Roman, der Anzengrubers » Viertes Gebot « in 
der aufieren Handlung und in einzelnen Charakteren ohne Beeintrachrigung der 



David. 189 

Originalitat nachahmen durfte, hat D. zum erstenmal ein ganz geschlossenes, ein- 
heitliches Kunstwerk geschaffen, das auch seine spateren Arbeiten an Grofie der 
Konzeption und Schonheit der Durchfiihrung nicht erreichen. Gestalten, urn die 
er im Drama vergeblich gerungen hat, haben hier erst voiles Leben erlangt, 
andere sind hinzugekommen, die an typischer Geltung und individuellster 
Bestimmtheit ihresgleichen suchen. Die Handlung nimmt ihren geraden, un- 
aufhaltsamen, machtig aufregenden Fortgang und durchaus ungezwungen er- 
gibt sich die Tendenz des Romanes, an dessen Hohepunkt eine Abrechnung 
ganz andere Wirkung ubt als des Sieverroithers pathetische Generalbeichte. 
In den drei Generationen der Mayerischen Familie und in dem czechischen 
Tischler Navratil treten alle Vorziige und Fehler der herrlichen Stadt zutage, 
deren bezwingende Anmut es auch diesem vierschrOtigen Sonderling angetan 
hatte. 

Aber D. hat nie seiner mahrischen Heimat vergessen und zu ihr ist er 
in seinen letzten Novellen zuriickgekehrt. Schon fruh hat er kleine Skizzen 
aus dem bauerlichen Leben der Hanna seinen Arbeiten eingereiht, Studien 
eher als ausgereifte Novellen. Nun hat er in der letzten Geschichte des 
Sammelbandes » Troika «, in der programmatischen Novelle » Hanna « und den 
ihr beigegebenen Erzahlungen sich ganz und gerne wieder aufs Land begeben, 
dem er noch in seinen letzten Jugenderinnerungen den Zoll der Liebe ent- 
richtet hat. Immer steht in diesen Geschichten eine einzelne Gestalt im 
Vordergrunde, meist eine weibliche. Es sind stille, aber starke, opferfahige 
Menschen, die ihr Leben an die Liebe hangen, in denen eine wilde Leiden- 
schaft miihsam geziigelt sich aufbaumt, bis sie dem Zaum sich entreifit und 
verheerend einherstiirmt. Kraftvolle Sinnlichkeit vertragt sich mit strenger 
Keuschheit und anspruchsloser Hingabe, geistige Beschranktheit mit sicherer 
Beherrschung des Lebens. Der Kranke, an Leib und Seele Gebrochene hat 
in diesen braunen, sehnigen Gestalten, der an die larmende Grofistadt Gefesselte in 
der treu geschilderten, traumverschSnten Landschaft Gebilde seiner Sehnsucht 
geschaffen. D.'s Landschaftschilderung ist durchaus lyrisch, so wenig Natur- 
bilder sich unter seinen Gedichten finden. Dieser kurzsichtige Halbtaube 
hat Farben und Formen gesehen, Murmeln und Singen gehbrt, wie es Scharf- 
sinnigen nicht leicht gegeben ist. Die feinsten Stimmungen hat er aus 
einer Landschaft geschGpft, deren sprode Reize, erst kurzlich auch malerisch 
entdeckt, dem Ungelenken, Anmutlosen seines Wesens kongenial sind, und 
mit grGfiter Kunst hat er es verstanden, die Menschen und ihr Tun mit dieser 
Landschaft in eine grofie Einheit zu zwingen. 

Zu zwingen, — denn auf dem harten Boden seines Talentes wuchs nichts 
ohne hingebungsvollen Fleifi und eisernen Willen. Mit wenigem moglichst 
viel zu sagen, war sein stetes Streben und nichts dem Goethischen Altersstil 
ehrfurchtig Bewundernden verhafiter als gedankenleere Phrase. So bleibt 
etwas Geprefites, Schweres seiner Sprache eigen, die gegen Ende seines 
Lebens dem geschwachten Geiste nicht mehr gehorcht und ihre sonstige iiber- 
sichtliche Klarheit verliert. Sein Bemiihen um Pragnanz findet nicht immer 
zutragliche Hilfe bei seiner Kenntnis alterer Zustande der deutschen Sprache, 
aus denen er seinem Wort- und Formenschatz Ungewohntes, selbst nicht mehr 
Verstandenes beiprefit, so dafi bei innerer Ehrlichkeit der Eindruck des pretitts 
Gewollten nicht immer vermieden wird. Wie er um den Ausdruck gekampft 



I90 David. Schuller. 

hat, so war sein ktinstlerisches Schaffen iiberhaupt miihsame Arbeit eines 
Mannes, der, von dem Wert der Kunst in tiefer Andacht durchdrungen, sich 
auch iiber unbewufit in ihm Wirkendes Rechenschaft zu geben gewohnt war 
und, ein bedeutendes, aber beschr£nktes Talent bei ungunstigen &ufieren 
Verhaltnissen bis zur auOersten Grenze seiner Leistungsf&higkeit und doch 
nie gewaltsam aufpeitschend anzuspannen, fur Pflicht und Recht des Kunstlers 
hielt. Ein Ganzer, ein Aufrechter ist mit ihm dahin. 

Hauptwerke: Das Hoferecbt. Eine Erz&hlung. 1890. — Die Wiedergeborenen. 
Erz&blungen. 1891. — Das Blut. Roman. 189 1. — Hagars Sohn. Schauspicl in 4 Akten. 
1 89 1. — Gedichte. 1891. — Problerae. Erz&blungen. 1892. — Ein Regentag. Drama in 
3 Aufzilgen. 1896. — Frubschein. Geschicbten vom Ausgange des groBen Krieges. 1896. — 
Neigung. Ein Scbauspiel in 4 Aufzilgen. 1898. — Vier Geschicbten. 1899. — Am Wege 
sterben. Roman. 1900. — Der getreue Eckardt. Ein Scbauspiel in 5 Aufzilgen. 1902. — Die 
Troika. Erzablungen. 1901. — Der Obergang. Roman. 1903. — Stromabw&rts (Erzihlungen) 
!9°3- — Die Hanna. Erzablungen aus Mabren. 1904. — Wunderlicbe Heilige. Erzablungen, 
1906. — Vom Schaffen. Essays. 1906. 

Gesammelte Werke. Herausgegeben von Ernst Heilborn und Erich Schmidt. 1908. 

Stefan Hock. 



Schuller, Friedrich Ludwig, * am 18. Januar 1826 in Feffernitz in 
Karnten, f am 18. M&rz 1906 in Sch&fiburg in Siebenburgen, entstammt 
vaterlicherseits einer siebenbiirgisch-sichsischen Familie. Sch.s Vater, Johann, 
war ev. Pfarrer in Feffernitz und mif der Tochter des kOnigl. dftnischen 
Generalkonsuls in Venedig Conrad Martens verheiratet. Schon 1827 starb 
Sch.s Mutter; der Vater tibersiedelte, seiner Sehnsucht nach der Heimat 
folgend, nach Sch&fiburg, wo er als Stadtprediger eine Lebensstellung fand. 
Den im zartesten Kindesalter stehenden Knaben nahm zun&chst sein Oheim 
Ludwig Wilh. Martens, Inspektor der gr&flich Widmanschen Eisenwerke, zu 
sich nach Kellerberg. Aber nach kurzer Zeit kam er zu seiner Groflmutter, 
einer geb. Gr&fin Scheler, auf das grofivftterliche Landgut nach Mira an der 
Brenta in Pflege. Ein halbes Jahr darauf mufite der Knabe wieder weiter 
wandern und wurde zu seinen Verwandten in Stuttgart gebracht. Vom 
Jahre 1829 — 1834 lebte er bei seinem Oheim Georg Martens in Ludwigsburg 
bei Stuttgart und besuchte hier die Volksschule. Im Jahre 1837 mufite Sch. 
auch von hier Abschied nehmen und tibersiedelte nach Marbach in die 
Pensionsanstalt des Pr&zeptors Fr. Richter. Er erhielt hier Gymnasialunter- 
richt und was ihn haupts&chlich interessierte, Unterricht im Zeichnen nach 
Vorlagen. Im Jahre 1839 schied er schweren Herzens von der ihm lieb- 
gewordenen Anstalt und wurde von seinem Oheim Ludwig Martens zu seiner 
Familie nach Schlofi Kellerberg in Karnten gebracht Sch. wurde von 
seinem Oheim freigestellt, Eisenwerksbeamter zu werden oder sich der 
kunstlerischen Laufbahn zu widmen. Er entschlofi sich ftir die letztere. 
Der Oheim, der selbst von hervorragend kiinstlerischer Begabung war, nahm 
nun die weitere Ausbildung Sch.s in die Hand, die neben den gewdhnlichen 
Unterricht£gegenst&nden Zeichnen, franzOsische, engliche und italienische 
Sprache und mechanische Arbeit in der Werkstatt umfafite. Diese ubte auf 
Sch. eine ganz besondere Anziehungskraft aus. In ihr bet&tigte er auch sein 
Erfindertalent, das wfthrend seines Pariser Aufenthaltes in der Konstruktion 



Schuller. 



191 



eines um die Vertikalachse rotierenden photographischen Panoramenapparates 
erfolgreich zum Ausdruck kam. Am eifrigsten aber war Sch., wenn er, durch 
Wald und Feld streifend, nach der Natur zeichnen konnte. 

Im Marz 1843 kam Sch. nach Klagenfurt in die lithographische Anstalt 
Wagner. Hier waren seine ersten selbstandigen Arbeiten Zeichnungen von 
Ansichten von Klagenfurt nach der Natur und deren Ausfiihrung auf Stein, 
die unter dem Titel » Ansichten aus Klagenfurt, nach der Natur gezeichnet 
von Ludwig Schuller « verftffentlicht wurden. Sie fanden eine freundliche 
Aufnahme. Wahrend seines Klagenfurter Aufenthaltes machte Sch. die Be- 
kanntschaft des Miinchner Malers Hanson, dem er viele kiinstlerische An- 
regung verdankte. 

Nach zweijahrigem Aufenthalte verliefl Sch. Klagenfurt und reiste nach 
Schafiburg, um — seinen Vater kennen zu lernen. Die Reise durch die 
Pufita Ungarns und die Hochebene Siebenbiirgens auf WollwSgen machten 
in kiinstlerischer Beziehung einen tiefen Eindruck auf ihn, noch mehr aber 
die alten, befestigten Stadte Siebenbiirgens, insbesondere seine zweite Vater- 
stadt Schafiburg. Drei Monate verlebte er hier in der Freude des Wieder- 
sehens mit seinem Vater, den er spater nicht mehr gesehen hat. Seine 
ganze Jugend ist erfullt von der Sehnsucht nach Eltemliebe, die er so 
schmerzlich vermissen muflte, obwohl er bei seinen Verwandten auf das 
liebevollste gehalten worden. Hier regt sich das sachsische Blut in ihm. 
Die heimatliche Erde, neu erworbene Freunde halten beinahe schon jetzt ihn 
in Siebenbiirgen zuriick. Es ist dieselbe Sehnsucht, die ihm im friihesten 
Kindesalter den Vater von der Seite gerissen hatte. In Schafiburg zeichnet 
er die Portr&ts des nachmaligen Gymasialdirektors Htthr, der Frau des 
Dr. Roth, seines Vaters, des Pfarrers Melas von Kaisd und anderer. 

Im Oktober 1845 verliefi Sch. Siebenbiirgen und begab sich nach Wien, 
um hier seine Ausbildung auf der Malerakademie zu beginnen. Als aber 
schon 1846 sein Oheim Ludwig Martens in Karnten starb, trieb ihn sein 
Pflichtgefiihl dahin, um seiner Tante und ihren noch in jugendlichem 
Alter stehenden Kindern in der ersten und schwierigsten Zeit nach dem 
Hinscheiden des Oheims, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Zwei Jahre 
hindurch arbeitet er nun wieder in der lithographischen Anstalt Wagner in 
Klagenfurt und besch&ftigt sich gleichzeitig mit Portratmalerei in Aquarell, 
in welcher er es spater zu grofier Vollendung brachte. 

Schon Ende des Jahres 1847 hatte Sch. die Absicht gehabt, eingeladen 
von seinem Oheim, Friedrich Martens, einem bekannten Kupferstecher in 
Paris, dahin zu reisen. Infolge der unruhigen Zeit konnte er dies erst im 
Januar 1849 tun. Hier besuchte er zunachst eine Privatmal- und Zeichen- 
schule. Seine Arbeiten korrigierte, durch Vermittlung des Oheims, Bildhauer 
Simard, der mit der Herstellung des Basreliefs fur die Gruft Napoleon I. 
im Invalidendom beschaftigt war. Spater besserte auch der Historienmaler 
Bremond seine Aktzeichnungen aus und beschaftigte ihn bei der Herstellung 
der Friese in einer Kirche der Vorstadt La Villette, die er zu malen hatte. 
Er erhielt auch Erlaubnis, in der Bildergalerie des Louvre zu kopieren, 
wo er anfing, Landschaften in 01 zu malen. Aus der privaten Mai- und 
Zeichenschule trat Sch. nun in das Meisteratelier Gleyre und dann in die 
Akademie ein, die er von 1850—54 besuchte. Wahrend seines Pariser 



I g 2 Schuiler. 

Aufenthaltes, der bis 1857 dauerte, bereiste er im Auftrage von Pariser 
Kunsthandlungen die Schweiz und Frankreich, um zeichnerische und photo- 
graphiscbe Aufnahmen zu machen. Die Entwicklung der Photographie erregte 
damals allgemeines Interesse und kunstlerische Aufnahmen wurden aufier- 
ordentlich geschatzt. Mit schOnem Erfolge hatte Sch. in Paris auch Portrats 
zu malen begonnen, doch konnte er sich, trotz des Rates seiner Freunde, 
nicht entschlie6en f ein grofies, schon ausgestattetes Atelier zu mieten, dazu 
war er zu bescbeiden; er hat afters erzahlt, dafl Leute, denen er empfohlen 
worden, beim Anblick seines bescheidenen Ateliers es vorzogen — keine 
Bestellungen zu machen. 

Obwohl Sch. in Paris die besten Verbindungen hatte und ein reiches 
Arbeitsfeld in der Zukunft winkte, konnte er dem Rufe, die Zeichenlehrerstelle 
am Schaflburger Gymnasium anzunehmen, nicht widerstehen. So verliefl er 
1857 Paris und eilte nacb Siebenburgen. Mit frischen, unverbrauchten 
Kraften ging er in seinem neuen Berufe an die Arbeit. Zu dem Zeichen- 
unterricht am Gymnasium kam mit der Zeit auch der Unterricht an der 
Madchen-, Burger- und Gewerbeschule und erstreckte sich daher auch auf 
gewerbliches, perspektivisches und geometrisches Zeichnen. Bei seinem 
Unterrichte war Sch. jederzeit bestrebt, den jeweiligen Zweck desselben 
im gegebenen Rahmen v5llig zu erschOpfen und gleichzeitig auch die 
individuellen Fahigkeiten seiner Schuler herauszufinden und zu fOrdern. 

Seine liebste und ureigenste Tatigkeit war und blieb aber auch in Schafi- 
burg immer die Malerei in 01 und in Aquarell. Eine grofie Anzahl Portrats, 
Altarbilder und Landschaften in Siebenburgen stammen von seiner Hand. 
Er hat hier die meisten bedeutenden Manner seiner Zeit portratiert, u. a. 
die Bischdfe G. D. Teutsch und Fr. Miiller, dann die Professoren M. Albert, 
Steinburg, Stadtpfarrer Teutsch, die Burgermeister von Schafiburg, Sternheim, 
Maetz und Gull und zahlreiche andere, sowie viele Frauen und Kinder. 

In vielen siebenbiirgischen Kirchen hangen von ihm gemalte Altarbilder, 
allerdings nur selten eigene Kompositionen, meistens sind es Entwiirfe nach 
Reproduktionen beriihmter Meister. Seine bemerkenswerteren Altarbilder 
sind: »Christus am Olberg« (Birk), »Die Miihseligen und Beladenenc 
(Lasseln), »Christus mit dem Kelch« (Dunnesdorf), »Christus segnet die 
Kinder* (Bergkirche in Schaflburg), »Christus auf dem Meere« (Zepling), 
» Ostermorgen « (Kaisd). 

Sein Familienleben war ein gliickliches, wenn auch herber Schmerz ihm 
nicht erspart blieb. Allzufriih verlor er seine reichbegabte Tochter Betty, 
die als Malerin Bedeutendes zu leisten versprach. Im Jahre 1903 trat Sch. 
in den Ruhestand und hatte das Gluck, noch durch einige Jahre ganz hin- 
gegeben seinem kunstlerischen Schaffen und seinen philosophischen Studien 
zu leben, bis der Tod ihn ganz plOtzlich nach zweistiindigem Leiden dahin- 
raffte. Wohl ist Sch. das Gliick zuteil geworden, im kleinen, selbst gewahlten 
Wirkungskreis sich als Mensch und Burger voll ausgeben zu kdnnen, doch 
war es ihm nicht vergonnt, in dem kleinen, kunstlerisch erst erwachenden 
sachsischen Volke sich als Kunstler ganz auszuleben, dafiir ist ihm das stille, 
begluckende Gefiihl zuteil geworden, dem Kunstsinnn seiner Landsleute und 
den aufstrebenden jungen sachsischen Talenten mit die Wege geebnet zu haben. 

Herman nstadt. Dr. Fr. Schuiler. 



Speidel. 1 93 

Speidel, Ludwig, Schriftsteller, * 11. April 1830 in Ulm, f 3. Februar 1906 
in Wien. — Die Zeit fangt an, Ludwig Speidel in Perspektive zu setzen. Sein 
historisches Nachleben beginnt und man sucht unwillkiirlich nach der Formel, 
die ihn fassen mochte. Den Klassiker der Wiener Kritik diirfte man ihn 
zunachst nennen, aber er war noch manches andere. Grofi und schwer, 
ganz aus einem Stuck, lag dieser Block in der ausgedehnten Nfederung der 
Tagesliteratur, und von seinem Gipfel hatten die Zeitgenossen einen ungeheuren 
Rundblick. Eine grofle Einfachheit ist der nachste Gesamteindruck von ihm, 
nach Wesen und Tun, und dennoch liegt seine Sache nichts weniger als auf 
der Hand. Ich habe liber ein Menschenalter mit ihm verkehrt, in den letzten 
sechs Jahren auf sehr vertrautem Fufie; dennoch mafie ich mir uber manche 
Wichtigkeiten seines Lebens kein Urteil an. Er hatte uberhaupt viel von 
einem grofien Unbekannten. Als vor einigen Jahren ein deutsches Unternehmen 
von mir eine literarische Monographic wiinschte, schlug ich Ludwig Speidel 
vor; der Bescheid war: Speidel ist in Deutschland zu wenig bekannt, inter- 
essiert also das Publikum nicht. Der Mann, der seit vierzig Jahren an der 
Spitze der Wiener Kritik stand und auch den Geschmack in Deutschland 
ganz wesentlich beeinflufite. Ihm fehlte das Weltl&ufige, Ausgreifende, er 
war ein Konzentrierter, in sich selbst Eingedickter. Wie ein kostbarer Natur- 
stoff, der sich nach innewohnendem Gesetz ein fur allemal kristallisiert hat 
und dann in Unvemickbarkeit den Beruf eines unendlichen Strahlenbrechens 
erfullt. Mit seinen Spriihkanten und Blinkflachen ist nicht zu rechten; sie 
miissen. »Ich kann nicht anders, als ich kann!« h5rte ich ihn in sehr alten 
und kranken Tagen unwirsch ausrufen. Das konnte der Wahlspruch seines 
Lebens sein. Seinem aufieren Leben hatte er einen verhaltnismafiig engen 
Kreis gezogen, der sich gerade in den Jahrzehnten seiner unbeschrankten 
Machtfulle kaum je veranderte. Seine meisten Freundschaften waren lebens- 
langlich, und zwar gehorten zu seinen Vertrautesten nicht blofi beruhmte Zeit- 
genossen, sondern auch ganz schlichte Niemande, deren Wesen ihn ansprach 
oder nicht storte. Desto reicher baute er sich innerlich aus. Nichts Wert- 
volles, Gediegenes, was der asthetische Mensch geschaffen, blieb dem Kreis- 
laufe seines geistigen Organismus fremd. Aber der unermudliche Aufnehmer 
war ein verdrossener Mitteiler. Vor allem das Gegenteil eines Redners. 
Beriihmt geworden ist ja sein einziger Redeversuch, als er bei dem Festessen, 
mit dem die »Neue Freie Presse« den Siebzigj&hrigen ehrte, die Festrede 
beantworten sollte. Er brachte blofi den ersten Satz heraus; »Das Feuilleton 
ist die Unsterblichkeit eines Tages«*; dann schwieg er und setzte sich. 
Vollends hafite er das Schreiben. Uber seine »Schreibfaulheit« hat sich 
eine Mythologie gebildet. Er war imstande, die letzte Novitat vor den 
Ferien des Burgtheaters nach den Ferien zu besprechen. Dafi ihn also nichts 
bewegen konnte, auch noch nach Deutschland zu schreiben, ist selbstver- 
standlich. Er glich jenen grofien Schauspielern des klassischen Burgtheaters, 
denen er als Kritiker an den Leib geboren war. Wie Anschiitz, L6we, 
La Roche, Fichtner in ihrer Bliitezeit kaum je als Gaste in Deutschland 
auftraten, so auch der Schriftsteller Sp. Er und sie blieben draufien gleich 
unbekannt, wurden hochstens ein grofies HOrensagen. Dazu kam, dafi Sp. 
nie zu bewegen war, seine Aufsatze gesammelt herauszugeben. Auch nicht 
die kostbaren Stimmungsbilder, Novelletten, M&rchen, die er fur Festtage 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. ix. Bd. 13 



1 94 Speidel, 

schrieb. Er hatte sie vermutlich nicht einmal aufgehoben, denn einmal aus 
der Feder, waren sie fiir ihn nicht mehr vorhanden. »Ich habe nie eine 
Korrektur gelesen «, sagte er mir, » und nie ein gedrucktes Feuilleton wieder 
angesehen.* Seine Frau war die Vorsehung dieser Wertpapiere, die sie 
sorglich ausschnitt, in P&ckchen band und so in einer gewissen alten 
geschnitzten Trube einsargte, zu frdhlicher Urst&nd, irgend einmal in 
posthumeren Zeiten. Daher ist auch die Lebensarbeit Sp.s einstweilen nicht 
zu iibersehen. Er existiert, so weit sich die Abonnenten der »Neuen Freien 
Presse« und des Wiener »Fremden-BIatt« erinnern. Und die grofle Gemeinde 
der Kaffeehausleser. In Wien, in Osterreich, war Sp.s literarische Geltung 
von Anfang bis zu Ende unbestritten. Sein schriftstellerisches Genie siegte, 
wie es wollte. Der Kritiker allerdings wurde von Parteigegnern mit einer 
Erbitterung verworfen und nach Mdglichkeit schlecht gemacht, die eben 
auch wieder beweist, wie schmerzlich er ihnen alle die Jahre her wehgetan. 
Es waren die Kampfe um die neue Musik. Sp.s intransigente Stellung gegen 
Wagner, wie spater gegen Brahms, zog ihm die heftigste Gegnerschaft zu. 
Eine Generation stand wider ihn in Waffen, aber er wich nicht. Die Psycho- 
logie dieser Naturerscheinung wird dem Leser spater klarer werden. Eduard 
Hanslick, die geschmeidigere Natur, wuflte sich eher Bracken zu bauen fiir 
gelegentlichen Riickzug von allzu verlorenem Posten. Sp. konnte kraft seiner 
ganzen Natur nicht anders; gewisse bites noircs waren fiir ihn absolut nicht 
weifl zu waschen. Und sein Ssthetischer Mensch wurzelte eben Uberhaupt 
in sehr konservativer Zeit. Er war um ein Vierteljahrhundert zu frfih geboren, 
mitten in eine schale, saftlose Epigonik hinein. Als Theaterkritiker, der er 
doch haupts&chlich wurde, hatte er eine Tagesproduktion vor sich, bei der 
das Spiel die Kerze nicht wert war. Er stand so hoch iiber alledem, wie 
ein Billroth, der Kdnig des Messers, Ober seinem klinischen » Material*. Er 
kritisierte in anitna vili. Das macht auf die Dauer souverSn und absolut. 
Und stOflt er dann in der flachen Ode auf ein echtes Ungetiim, so jauchzt 
er hell auf ob der gottgesandten Aventiure und besteht den Drachen, 
oder auch. den fremden Helden, mit Feuer und Schwert in funkenstiebender 
Kampfeslust. Erlegen kann er ihn nicht, aber er hat gekflmpft, hat sich 
ausgetummelt in schneidigem Tournament. Kurzsichtige nennen ihn dann 
kurzsichtig, Blinde blind, Ungerechte ungerecht Denn er ist ein Kritiker, 
und wer wSre der Kritik mehr ausgesetzt als dieser? Aber er war nur ein 
Echter, Voller, eine Vollnatur, die nichts vermag wider sich. Er lebt sich 
naturgem&fi aus in grimmiger Fehde gegen Grofle und Grdflte, die ja das 
n&mliche tun. Ich kann nicht anders, als ich kann. 

Ludwig Speidel war zu Ulm geboren, am n. April 1830. Sein Vater hiefl 
Konrad, seine Mutter Anna, eine geborene Steiner. (Die allerersten Artikel 
Sp.s erschienen unter dem Namen Steiner.) Konrad Speidel war Musiklehrer 
mehrerer Generationen und erbte sich in Ulmer Biirgerf ami lien so fort, auch 
als Vertrauensmann fiir alles und jedes. Sein ausfiihrlicher Nekrolog in der 
» Ulmer Schnellpost«, von Sonntag, dem 1. Februar 1880, schildert ihn als 
Mann von musterhafter Tiichtigkeit. Er war am 16. September 1804 im 
Dorfe SOflingen bei Ulm als Sohn wenig bemittelter katholischer Eltern 
geboren. Die Musik regte sich in ihm friih. Mit ftinfzehn Jahren trat er in 
die » Brigademusik « ein und ging mit zwanzig Jahren, schOn und stimm- 



SpeideK \gt 

begabt, nach Stuttgart, wo er bei Krebs und Lindpaintner studierte. Zwei 
Jahre spater heiratete er seine Landsm£nnin Anna Steiner, mit der er vierzig 
Jahre in glucklicher Ehe lebte, dann noch zwOlf mit zwei TGchtern, gleich- 
falls Musiklehrerinnen. Er spielte die meisten Instrumente, am besten Geige 
und Horn, und dirigierte vortrefflich. Er gab blofi Privatstunden, die 
damals mit 12 — 18 Kreuzern als nobel gezahlt galten, stand aber auch an 
der Spitze des »Frohsinn«, dann des »Liederkranz«, der unter ihm 1853 
auf dem Sangerfest zu Hall den ersten Preis gewann und ihn 1877 zum 
Ehrenmitglied wahlte. In den sechziger Jahren war er Genosse der 
»Liechtensteiner«, welche gute Musik pflegen wollten, und leitete das aus 
ihnen hervorgegangene Quartett. Ein milder, froher Mann, suchte er auch 
vor allem Freude an der Musik zu wecken. Unter ihm wurde auf Haydn, 
Mozart, Beethoven geschworen, fur die Sensationen des Tages hatte man 
wenig iibrig. Sein alterer Sohn Wilhelm, Professor und Doktor in Stuttgart, 
war der bekannte Komponist und Musikdirektor. Auf seinen Sohn Ludwig 
war er besonders stolz. »Das hat mein Sohn Ludwig geschrieben«, pflegte 
er mit besonderem Nachdruck zu sagen, wenn er so einen Aufsatz aus der 
Tasche zog und herumzeigte. Stramm bis ans Ende, wollte er durchaus 
nicht alt werden. Vom Alter durfte man ihm niemals sprechen. Als er 
einmal mit seinem Stock geneckt wurde, legte er auch diesen ab und 
humpelte ohne Stiitze furbafi. Er starb nach schwerer Krankheit am 
26. Januar 1880. 

Auch Ludwig musizierte viel, im Sinne des Vaters, und machte in Ulm 
das Gymnasium durch. Fur die Universitat fehlten die Mittel, nur als Gast- 
hSrer belegte er dann in Miinchen dieses und jenes Kolleg. In der 
Hauptsache war er selbstgebildet. Noch sind aus jener Zeit mancherlei 
Schreibereien erhalten; Exzerpte, Lesefriichte, Wdrterverzeichnisse zu 
lateinischen und griechischen Autoren. Und eine schwere Menge Gedichte. 
Sein lyrischer Friihling bliihte reich genug, und manches davon wird wohl 
noch die Sonne sehen. Er schickte sich ganz unzweideutig an, der 
schwabischen Dichterschule zuzuwachsen. Knappheit, Schlichtheit, ein 
Schmelz von Naivetat stellten sich wie von selbst ein. Naturfreude, Liebes- 
schwarmerei, alle Sehnsuchten des Jiinglings singen los. Ware er nicht ins 
Zeitungsgetriebe geraten, in der stilleren Heimat hatte er die Leier nicht 
sobald beiseite gelegt; wir hatten einen schwabischen Lyriker mehr. Selbst 
in Wien noch dichtete er herzhaft; in einigen Nummern des » Wanderer* 
(28. Mai, 18. Juni 1854) finde ich an der Spitze 'des Feuilletons » Gedichte 
von Ludwig Speidel«, acht an der Zahl. »Friihlingslust«, » Die Welt aus der 
Vogelsicht*, »Letztes Erwachen* u. s. f.; die Druckfehler sind mit Bleistift 
sorglich verbessert. Die Wiener Feuilletonisten dichteten in dieser Zeitung 
ganz ungeniert; auch Emil Kuh, L. J. Semlitsch (der Saphirtoter), Emerich 
Ranzoni. Das war der hoffnungsvolle Nachwuchs. Bruder Wilhelm ermangelte 
auch nicht, ihn zu vertonen und schreibt (Miinchen, 22. Januar 1854): ,Dein 
Gedicht »Was ich im Sternenglanz gesuchu habe ich komponiert und, wie 
es scheint, ist es mir gelungen. Nun habe ich fiinf Lieder von Dir 
zusammengestellt, um sie zusammen herauszugeben: 1. Wir haben uns nicht 
gesucht und doch gefunden. 2. Wie freut mich doch. 3. Vom Weinen. 
4. Gefunden. 5. Wir safien beisammen, bei welchem ich den letzten Vers 

13* 



196 Speidel. 

weglasse.' Und auch grdflere Plane rumorten in ihm. Ein regelrechtcs 
Jambendrama »Hasdrubal« wurde kilhn angegangen, aber noch in den 
ersten Stadien verbrannt. Ein erz&hlendes Gedicht in Hexametern: »Die 
Hochzeit im Freien* (Miinchen, September 1852) gedieh bis zum zweiten 
Gesang. Noch ist das blaue Heftchen erhalten, mit 633 Versen in tadelloser 
Reinschrift. Kein Wunder, dafl sich in Wien eine z&he Sage erhielt von 
einem Bandchen Lyrik, das Sp. einst verdffentlicht, dann aber reuevoll zuriick- 
gekauft und vernichtet hatte. Das ist nicht wahr. Er verzichtete auf diese 
Art des Dichtens, ganz im Sinne eines spateren kdstlichen Feuilletons: »Das 
Gluck, kein Dichter zu sein« (2. April 1899), worin es unumwunden heiflt: 
»Wie beneidenswert ist dagegen der Aufrichtige, der kein Dichter sein will, 
aus dem einfachen Grunde, weil er keiner ist!« Dafi Sp. ein Dichter war, 
wird kein Kenner seiner Prosa leugnen, die gar oft im feinsten Schmelz der 
Poesie schimmert. 

So war seine Jugend rastlose Arbeit. Die Geisteswelt strfimte machtvoll 
in ihn hinein. Er war ein Gef&fl von unbegrenzter Fassungskraft. Literatur, 
Geschichte, Philosophic aller Zeiten. Die Philosophen studierte er samtlich 
durch; man merkt es, wenn er sp&ter so anlafiweise ganz vergessene Schriften 
irgendeines Hegelschiilers (Rosenkranz fillt mir ein) anzuziehen weifi. Noch 
sehr spSt r3cht er einmal Hegel an Schopenhauer, dessen » Dickschidel « er 
schildert, wegen des zu unglimpflichen Portr£ts, das dieser einst von jenem 
entworfen. Und im reifen Mannesalter noch erw&hnt er, dafi er mit seinem 
Freunde Bernhard Scholz in ungez&hlten Sitzungen den ganzen Spinoza iiber- 
setzt hat, aber ohne ein Wort niederzuschreiben. Das Schreiben als solches 
scheint ihm von jeher zuwider gewesen zu sein. Und das Briefschreiben 
schon gar. Fftrmlich hochdramatisch kdnnen sich da die Situationen 
zuspitzen. Hatte es fur Briefschulden einen Schuldturm gegeben, Sp. ware 
nicht viel auf freiem Fufi gewesen. In einem ganz dringenden Falle gibt 
ihm Wilhelm drei Wochen Zeit zur Antwort; erfolgt keine, so werde er ihm 
nie wieder schreiben. Selbst seine treue GSnnerin Frau v. Kaulbach in 
Miinchen schreibt ihm, schon nach Wien: »Lieber Ludwig! Wenn ich auch 
im voraus weifl, dafl von einer Antwort oder irgendeinem Lebenszeichen 
keine Rede sein wird usw. K5nnte ich Ihnen doch endlich recht ins Herz 
reden, wie ich es friiher getan. . .« Wilhelm klage, er habe schon seit Jahr 
und Tag keine Nachricht, die Eltern desgleichen u. s. f. Innere MSchte 
mufiten ihn schon ganz unwiderstehlich dr&ngen, wenn er zur Feder griff. 
Und das kam vor. Im Nachlafi befindet sich sogar ein >Tag- und Nacht- 
Buch« (1849 — 50), worin er sich lakonisch Luft machte. Und auch die 
Liebe I6ste seine Stummheit. Ich denke da an ein allerprivatestes Heftchen, 
worin ganz einfache und iiber die Mafien liebe Dinge stehen, bei deren 
Niederschrift gewifi an keinen Leser und noch weniger an einen Setzer 
gedacht wurde. 

Sp&ter hatte er wenig Verkehr mit seiner Familie. Nach Ulm ist er 
zwar wiederholt gekommen; nachweislich 1872 und 1877. Dieses zweite Mai 
schreibt er seiner Frau recht scherzhaft: »Meine Ulmer Bibliothek habe ich 
tuchtig geplttndert und bringe — gottlob! wirst Du sagen — einen ganzen 
Pack Biicher mit.«* Er hatte deren wahrlich schon genug. So lange er 
ledig war, standen sie in hohen StOfien durch die ganze Wohnung am Boden 



Speidel. 1 97 

herum. Erst seine Frau schaffte Gestelle an und hielt sie und ihn in 
Ordnung. Mit Bruder Wilhelm war seine Beziehung viele Jahre gespannt. 
Sie waren zu verschieden gestimmt. Wilhelm, ein grundtuchtiger Mann, 
war von etwas sprGdem Ernst und erzieherischem Wesen. Da konnte sich 
denn Ludwig, den Schalk im Nacken, gelegentlich nicht enthalten, ihm 
einen kleinen Possen zu spielen. So schrieb er ihm unter anderem: »Ich 
mufi mir nur noch eine Fetter schneiden«, und richtig ging Wilhelm in die 
Falle und berichtigte postwendend: »Ich mache Dich aufmerksam, lieber 
Bruder, dafl man nicht Fetter, sondern Feder schreibt.« In diesen jungen 
Garungsjahren war Ludwigs Stimmung unbehaglich genug. Es gait Stellung 
zu nehmen zum Leben, vor allem zum Brot. Einen Brotberuf hatte er 
nicht, ein »Fach« war ihm nicht beschieden. Ihm bliihte hGchstens das 
Unterrichtgeben oder die obligate Hofmeisterstelle so vieler junger Helden 
der Literaturgeschichte. Wo hinaus? An dringenden Ermahnungen wird es 
nicht gefehlt haben. Der Vater hatte noch fur zwei Tochter zu sorgen. 
Und die Fliigel zum Aufschwung waren noch nicht frei. Beleuchtend ist 
folgende Briefstelle Wilhelms (Munchen, 6. Nov. 1850): »Packe Deine Hab- 
seligkeiten zusammen und schreibe mir noch genau, wann Du Ulm verlassen 
kannst, um Dir einen Zehrpfennig auf die Herreise schicken zu konnen. 
Wenn Du mit sehr kleinen Anspnichen und bescheiden in jeder Hinsicht 
hieherkommst, wird es Dir mit Gottes Hilfe gut gehen. Ich will erst tun, 
was in meinen geringen Kraften steht, und ich glaube, dafi Du bald einige 
Stunden bekommen wirst; freilich iiber 30 Kreuzer die Stunde darfst Du nicht 
verlangen. Ich habe schon mit Frau Forster, Frau von Aretin und Frau Kaul- 
bach gesprochen, die Dich geniigend empfehlen werden. Du wirst Dich 
dann mit aller Deiner Kraft auf ein gewisses Studium werfen und dabei 
bleiben. Dies ist der einzige Wunsch, den Du mir erfiillen mufit.« 
Zum Schlufi: »Komme anspruchslos und bescheiden. Dies noch eine Bitte 
neben dem obigen Wunsch. « 

Munchen, das war dann die Welt. Das Lemen im Grofien, das 
Schaffen im Lebendigen, * das Mitleben in jedem Sinne. Seine geniale 
Frische, sein herzhaftes Wesen gewann ihm die Bedeutenden der Zeit. In 
wie manchem Feuilleton hat er spater das damalige Munchen geschildert, 
den Kreis der Kaulbach, Ernst Forster, Fallmerayer, Liebig, Steub, Bayers- 
dorfer; er hat ihre Namen in »Erinnerungen« gleich girlandenweise durch 
die Spalten des Feuilletons gespannt, nicht ohne jene kurzen Charakteristiken, 
die alles mogliche zu sagen wufiten. l)ber Kaulbach schrieb er 1874: »Er 
ist mehr gewesen als seine Werke. Ich bekenne frei, dafi ich mich erkennt- 
lich fuhle fiir das Gluck, ihn gekannt, dafi ich ihm dankbar bin fur 
die seltene Gunst, mir das Schauspiel einer bedeutenden Personlichkeit 
gewahrt zu haben. « Jeden Sonn- und Feiertag traf sich bei Kaulbach 
erlesene Gesellschaft, obgleich »er es durch seine Fresken mit aller Welt 
verdorben hatte. Der Widerwille gegen diese Fresken hat auch auf die 
iibrigen Werke Kaulbachs seinen gelben Schein geworfen«. Er wettert da- 
gegen, dafl man auf Kaulbachs Kosten »kleinere Talente emporhebt, wie 
z. B. Schwind, der nur im Kleinen grofi ist, wahrend er grofieren Aufgaben 
gegenuber" bedenklich zusammenschwindet«. (Dafi die Auflerung iiber 
Schwind nur ad Im gelten soil, braucht wohl nicht betont zu werden.) Darum 



1 98 SpcidcL 

kamen zu Kaulbach mehr Schriftsteller und Gelehrte. » Salon? Kaulbach 
wurde lachen. Und doch ist es wahr, dafi die Gesellschaften in Kaulbachs 
Haus durch Einfachheit und heitere Freiheit des Tones an das franzGsische 
Salonleben erinnern. Die Anwesenden teilen sich in Gruppen, und gruppen- 
weise wird konversiert* usw. Frau von Kaulbach aber ist ihm, nach 
Ludwig Steubs Ausdruck, *die erste Frau Miinchens*. So nennt er sie in 
einem Reisebrief an seine Frau und berichtet nicht ohne Wehmut, wie sie 
ihr vierzig Jahre bewohntes Gartenhaus (in dem auch noch Kurnberger 
gestorben) verlassen muflte, nachdem sie an der Wiener B6rse ihr Vermdgen 
verloren. Auch das FSrstersche Haus wurde dem jungen Sp. ein Heim. Die 
Hausfrau war bekanntlich Jean Pauls Tochter (»PauN f nicht »Pol« aus- 
gesprochen, bemerkte er mir gelegentlich), und daher kam fiir ihn eine Zeit 
des Jean Paul-Kultus. Auch den beriihmten » Zettelkasten « des Dichters 
sah er dort noch stehen. »Meinen griin gebundenen, in Gold gepreflten 
Jean Paul vom Biicherbrette holen«, schreibt er einmal, da er der Erquickung 
bedarf. Jedenfalls war Sp. in diesem Kreise nicht blofl ein empfangendes, 
sondern auch schon ein gebendes Element. Beweis dafiir, wenn Bruder 
Wilhelm ihm (25. Okt. 1853) nach Wien schreibt: » Kaulbach sagte mir 
vorige Woche: ,Ludwig geht mir recht ab; was ich mit ihm zusammen 
sprach, kann ich hier in Munchen mit niemandem sprechen, obgleich es selten 
war.' Dingelstedt, den ich neulich traf, erging sich mit grofiem Bedauern 
liber Dein Fortsein, und Lachner soil ganz ungliicklich sein. Nun scheint 
es doch, dafi er jemand gefunden hat, der den Vorsatz hat, das Gesch&ft in 
Deiner Weise fortzutreiben. In einer der letzten Allgemeinen steht n&mlich 
ein Aufsatz iiber die Beethovensche Messe in Deinem Ton. Teichlein 
ereiferte sich schon iiber Dein mildes Urteil, was Du Dir schon in Wien 
angeschafft hast, er furchtet sehr fiir dessen Selbstandigkeit. Er meint, Du 
w&rest schon ganz verwienert, und Laube h&tte sehr wohl daran getan, sich 
einen kommen zu lassen, der, vom Glanz frappiert, seine grofien Eindriicke 
in die Spalten der Allgemeinen niederlegt.* Sp. war n&mlich, dank seinen 
Verbindungen, statt Stunden zu 30 Kreuzer zu geben, Musikkritiker der 
» Allgemeinen Zeitung« geworden, der er dann noch von Wien aus kritische 
Berichte schrieb. Die erste Sp.sche Kritik in der Beilage der Allgemeinen 
erschien am 28. Oktober 1852. (Wieder abgedruckt nach Sp.s Tode im 
Feuilleton des 9. Februar 1906.) » Musikalisches aus Miinchen*, vom 26. Ok- 
tober datiert, mit der Chiffre »V« bezeichnet. Es handelt von dem neuen 
Programm der Odeonkonzerte, wo als Novum auch Wagners Tannhauser- 
Ouvertiire gegeben werden soil. Von Wagner sei »hierorts noch kein Ton 
geh6rt worden* und dieses Stuck keine gute Einfiihrung. Wagners Haupt- 
starke sei die »Dramatik«, man musse »ein ganzes Opernwerk* von ihm 
auffuhren. Er begriindet dies an der Hand des Buches iiber Oper und 
Drama und kennzeichnet dessen »paradoxe Behauptungen«. Er ist fiir diese 
nicht eingenommen, meint aber doch: »Auf die L&nge ist Richard Wagner 
gewifi nicht von der Buhne abzuweisen. M6ge man von dem absoluten 
Werte seiner Werke denken, was immer man wolle, eine geschichtliche Be- 
deutung haben sie unbestreitbar und werden auch auf die kiinftige Entwicklung 
der Oper einen nachhaltigen Eindruck ausiiben.« Die erste gedruckte Aufle- 
rung Sp.s iiber Wagner, den er aufgefiihrt sehen will. Am Schlusse des Be- 



Speidel. \gg 

richtes spricht er von der Sangerin Frl. Falconi-Bochkolz. Er lobt sie, aber 
»die Natur hat ihr, wie den meisten Singvogeln, Schonheit des Leibes 
versagt«. Eine schon sehr Sp.sche Pointe. 

Nach Wien kam Sp. im Jahre 1853. Gleichzeitig mit dem schonen 
Wittelsbacherkinde, das die Zierde des Habsburgerthrones werden sollte. 
Es heifit, er sei aus diesem Anlafi als Berichterstatter entsandt worden. 
Aber er und Wien liefien einander nicht mehr los. Noch immer spuken 
Kaulbachsche Worte in seinem Hirn. Der hatte aus Wien geschrieben: 
»Hier geht alles im Dreivierteltakt, auch die Kunst.* Sp. knlipft daran, 
schon in Wien, bedenkliche Betrachtungen : »Das ist ein lustiges Wort fur 
eine traurige Sache. Einem Fremden, der Wien nur beriihrt, wie die 
fliegende Schwalbe das Wasser, mag es gestattet sein, sich mit solchem 
Witze den ganzen Jammer des osterreichischen Kunstwesens von den Fliigeln 
zu schiitteln; wer aber in diesen Kafig eingesperrt ist, der lernt andere 
Weisen pfeifen.« Den »Anschlufl«, dessen er als Wesensfremder in all der 
Halbschlachtigkeit dringend bedurfte, fand er zunachst bei Karl Rahl. Doch 
davon spater. Jedenfalls fand er hier einen breiten Strom, in dem er mit 
starken Armen schwimmen konnte. Er wienerte sich bald ein und hatte ja 
auch wirklich, wie Brahms, Gabillons, Hartmanns, Dombaumeister Schmidt 
und so viele andere aus dem Reich, ein angeborenes Talent, Wiener zu 
werden. Jene gewissen besonderen Eigenschaften, die z. B. Anselm Feuerbach 
nicht besafi. An Fleifi liefl er es nicht fehlen. In jener geschnitzten Truhe finden 
sich noch biindelweise sortiert seine Beitrage zu alien moglichen Zeitungen. 
Er schrieb fiir den » Wanderer « (1854 und dann wieder 1869 — 70, aus diesen 
Jahren hat er sich auch einen Pack Joh. N. Bergerscher Leitartikel aufgehoben), 
fur den » Lloyd « (1854), die »Donau« (1855 — 63), die » Osterreichische 
Zeitung« von Albert Hugo (1855 — 58), Hugos » Jagdzeitung« (1858, u. a. 
iiber Laubes »Jagdbrevier«), die »Morgen-Post« (1858), O. B. Friedmanns 
» Neueste Nachrichten « (1859), die » Wiener Zeitung« (1858 — 59). Er schrieb 
damals und noch in den sechziger Jahren viel, oft und iiber alles: Theater, 
Musik, Kunst, Plaudereien, Humoresken, Reisebriefe, sogar aus Prag unci 
Pest, Genrebilder, Stimmungsbilder aus dem Wienerwald. Selbst fiir den 
Leitartikel wurde er geprefit. Er ging in samtliche Vorstadttheater, ja in 
landliche Sommertheater, schrieb iiber die kleinsten Debuts (z. B. Karl 
Bukovics als Max im »Freischiitz«) und die unklassischesten Stlicke. Er 
kritisierte sogar eine Verherrlichung des persischen Insektenpulvers im 
Thaliatheater, in einem Zacherlstucke von Th. Flamm. Da hiefi es denn: 
» Es schlagen in ganz Osterreich wenig fiihlende Herzen, denen Herr Zacherl 
nicht einmal ein stiller Wohltater gewesen« und er stellt sich den Mann 
vor als einen von den Erinnyen erschlagenen Ungeziefers gehetzten Helden. 
Im Sommertheater zu Braunhirschen wiirdigt er tapfer Anton Langers Posse: 
»Der Bankier von Wachs«. Wie der richtige Schauspieler in seinen Anfangen, 
»kugelte er sich herum«. Das waren seine Schmierenjahre, nichts Feuille- 
tonistisches blieb ihm fremd. Mit diesen Erfahrungen im Leibe konnte er 
dann die Hohen seiner Kunst erklimmen. In den sechziger Jahren sehen 
wir ihn fiir Karl Terzkys »Glocke« arbeiten (1863 — 64). Da kommt sogar 
eine » Petition des Praterwurstls an den Gemeinderat« vor, natiirlich pro 
Wurstl. Und eine Humoreske: »Die Pitsche«, wider das eklige Abtropfbier; 



200 * Spcidel. 

ganz macbethisch ist der Ausruf: »T0te nicht das BierU Die »Glocke« 
wurde aber von seinem vertrauten Freunde Bernhard Scholz gegrundet, dem 
rheinischen Dramatiker, der dann wieder heim ging und in Wiesbaden schon 
187 1 starb. Die Nekrolognummer seines dort herausgegebenen Blattes, des 
• Rheinischen Kurier« (i2.Dezember) hat sich Sp. aufgehoben. LangereDauer 
hatte seine Mitarbeit am »Vaterland« (i860 — 64), das ihn auch nach London 
zur grofien Kunstgewerbeausstellung schickte. Das wurde freilich ein be- 
riihmtes Abenteuer. Die noch jetzt herrschende Sage in Wien ist, dafi er 
iiberhaupt nie bis London gelangte, sondern unterwegs im Munchener Hof- 
brau sitzen blieb. Der sei starker gewesen als er und das Vaterland. Das 
ist wieder einmal nicht wahr. Er wurde in London krank und konnte 
unmOglich schreiben. Es ist urkundlich erwiesen durch einen Brief seiner 
Schwester Josephine an seine Frau (n.Juli 1862), worin es heifit: »Das 
Londoner Klima hat ihm recht arg zugesetzt, seine Hausfrau, des shorthand 
writers lftbliche Eheh&lfte, hat mir einen trostlosen Bericht Ciber Ludwigs 
Zustand gegeben. Doch habe ich mich bald dariiber getr6stet, da ich ihn 
so munter und »lieb« getroffen habe, nur wollte er noch nichts essen und 
ernahrte sich mit beinahe nichts als Tee, von dem er mit einer gewissen 
Leidenschaft einige zwanzig Tassen hinunterschlurfte, was mich nicht wenig 
erg6tzte.« Seine Zeitung aber mufite sich freilich anders helfen und tat 
dies den Lesern durch folgende Notiz kund, die sich noch als Ausschnitt 
unter den Papieren findet: »Herr Ludwig Speidel, unser Berichterstatter fiir 
die Londoner Ausstellung, ist, wie wir infolge giitiger Mitteilungen erfahren, 
leider auf der Reise mehrfach erkrankt und es ist daher zu bezweifeln, ob 
wir von ihm Briefe liber die gro&e Ausstellung empfangen. Inzwischen 
werden die geistvollen Berichte des Herrn Levin Schiicking unsere Leser 
vollstiindig entschadigen.« In den folgenden Jahren finden wir ihn dann 
noch bei der » Presses, 1872 bei der »Deutschen Zeitung «, mit einzelnen 
Musikfeuilletons auch in der » Montags-Revue « (1879), in der Hauptsache 
aber als erste Feuilletonkraft der »Neuen Freien Presse«, seit ihrer Be- 
griindung, und durch raehr als vierzig Jahre als Musikkritiker des Wiener 
»Fremden-Blatt«. Nur in ganz besonderen Fallen (Schillerfest .u. dgl.) 
zeichnete er mit seinem Namen, sonst nur mit der beriihmt gewordenen 
Chiffre »L. Sp.«, im »Fremden-Blatt« mit »sp. «. Anderw&rts benutzte er 
die verschiedensten Chiffern : S (sogar noch als Kunstreferent der » N. Fr. Pr. *), 
cr. (Musikalisches in der » Wiener Ztg. «), — 1, j^j, Xf * u. s. f. Die Chiffre 
»L. Sp. « hatte er schon 1855 in der »Donau«. 

An Karl Rahl also schloG er sich in Wien zuerst an, mit der ganzen 
Hingabe seiner warmen Jugend. Man sieht, er kam von Kaulbach und den 
groBen historisch-allegorischen »Maschinen« des damaligen Munchen her. 
Er suchte und brauchte wieder eine Vollnatur, als ein Naturschauspiel, seine 
Seele zu fullen. Das Wort Obermensch war damals noch nicht gepr&gt, 
aber Rahl war einer. Und er hatte sich einen Uberstil gemacht, gut fur 
Augen, die was vertrugen, und hatte dazu noch ein neues grofles Farben- 
gefiihl. Wie oft hat Sp. seinen Rahl gefeiert, mit alien seinen kraftnatiir- 
lichen Eigenschaften, seine »Macht der Invektive« mit inbegriffen, »deren 
Feuer noch den Schmutz adelte«, und seinen »Zynismus, das Erbteil der 
Arzte und Maler, der sich in aristophanisch-groflartigen Formen bewegte*. 



Speidel. 201 

»Zum ersten Male seit Schubert hat Wien wieder einen groflen schOpferischen 
Kunstler hervorgebracht, aber man verfahrt mit ihm, als ob die Genien hier- 
zulande gleich Distelk5pfen wucherten« (1865). Er schildert ihn selbst noch 
aufgebahrt. »Seinen Kopf, in welchem sich die Ziige eines Sehers mit 
denen eines antiken Waldgottes wunderbar verschmolzen.« Er beschwort 
noch jede einzelne Gebarde des Mannes herauf. »Beim Sprechen pflegte er 
die geschlossene Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger der Schlafe zu nahern.« 
Er bewunderte ihn als »wirklichen Maler«, neben dem ihm Gallait grau 
erschien. Und Rahl war keiner von den »Flachen und Modernen«, er war 
»unberiihrt geblieben von jener krankhaften Zeitrichtung, die man Realismus 
heifit*. (Man bemerke, was ihm damals als »krankhaft« gait; jetzt ist dies 
das Wort der Realisten fiir die modernen Romantiker.) Nur fiir Wilhelm 
Leibl, unter alien Malern, fand er spater solche Warme, als er ihn, von 
Wilhelm Trubner gefuhrt, in Aibling aufgesucht hatte (1881). Als Rahls 
athenischer Fries in Reproduktion erschien, schrieb Sp. dazu die ausfuhrliche 
Erlauterung. Und einige Kohlenstudien Rahls hingen zeitlebens in seinem 
Salon. Es ist interessant, wie er 1866, noch im Banne des toten Rahl, den 
toten Wiener Grofirealisten Waldmiiller, den »Bauern-Rafael«, beurteilte. 
Die Waldmuller-Ausstellung schien ihm unter der kurz vorher stattgefundenen 
Rahl-Ausstellung nicht wenig zu leiden. Er vermiBt bei W. »das Halten an 
der Tradition «. »Die kiinstlerische Bliitezeit Waldmiillers war kurz bemessen, 
sie fiillte kaum ein Jahrzehent aus. Seine besten Werke fallen in die vierziger 
Jahre und wie ihm bis dahin nichts Rechtes gelingen wollte, so geht es mit 
ihm vom Jahre 1848 an rasch bergab. Seine spateren Gemalde, die durchaus 
manieriert sind und geradezu auf das Hafiliche losgehen, sind nicht mehr 
genieBbar. Wie schon friiher, nachdem ihm sein Bestes gelungen, so ver- 
tauscht er auch jetzt, nachdem er sein Mifilungenstes hervorgebracht, den 
Pinsel mit der Feder und will die Welt mit einer neuen Lehre von der 
Kunst beglucken. Diese Schriften, die das niedrigste theoretische Bewufltsein 
von der Kunst verraten, haben dem seligen Meister viele Feinde zugezogen 
und selbst verstandige Leute fiir seine wirklichen Verdienste blind gemacht. 
Was nahm man ihn aber auch beim Wort und nicht beim Werke? Wir 
lacheln iiber seine wunderlichen, ganz und gar verworrenen und verschrobenen 
Ansichten von der Kunst; wenn wir aber auf etwa ein halbes Dutzend seiner 
Bilder blicken, so miissen wir sagen, dafi weder ein osterreichischer, noch 
ein deutscher Genremaler der neueren Zeit solche lebendige und lebensfahige 
Werke geschaffen.« Dieser herzhafte und unumwundene SchluB zeigt, wie 
lebendig der Kritiker das Lebendige des Malers spiirte; was vorangeht, ist 
eben die Meinung der besten Kunstkenner jener akademischen Zeit. Auch 
ich hatte keine andere gehabt. Bei den » Modernen Amoretten« des eben 
auftauchenden Makart schreibt er: »Wo dieses jugendliche Talent hinaus will, 
wissen die Gotten Es steht leider zu befiirchten, daB es sich in leerer 
Virtuositat verlieren werde.« Er hatte das namliche Gefuhl, wie Anselm 
Feuerbach, der in seinen Aufzeichnungen die schlimmsten Worte fiir Makart 
findet. Feuerbach stromte seine Entriistung in einem ganzen Aufsatz: 
» Makartismus « aus, dessen Handschrift er eigens Sp. schenkte. (Sie 
saBen damals oft im Cafe Schwarzenberg, Heugasse, zu Biere.) Es ist eben 
nicht leicht, Kaulbach und Rahl restlos zu verdauen, und Cornelius und 



202 Spcidcl. 

Genelli (»grofler Kfinstler«, 1854) und die ganze deutsche Kartonwelt. Er 
fand sich bald zurecht und erwartete die neue Kunst mit offenen Sinnen. 
Welches Verst&ndnis hatte er dann far Munk&csys » Milton*, Courbets 
»Steinklopfer«, fiir jede neue Einfleischung des malerischen Prinzips. Hatte 
die Moderne ihn noch frisch und streitlustig gefunden, er hatte sich ihr 
schwerlich verschlossen. Mancbes lobte er mir riickhaltlos, wenn ich ihn 
aber bewegen wollte, doch einmal das Seinige fiber die neuen Dinge zu 
sagen, hiefl es: »Das ist mir alles fremd, ich mfiflte mich in Menschen und 
Sachen erst hineinlernen.* Sein letzes Kunstfeuilleton, fiber Constantin 
Meunier (10. April 1898), ist geschrieben wie fiber einen alten Meister, fiber 
den es gar keinen Streit geben kann. 

In der Musik ist er wohl am meisten kanonisch verblieben. Er hatte 
Klassikerblut in seinen Adern und war fur einen musikalischen Religions- 
wechsel schwer oder gar nicht zu haben. Das waren im Vater- und Mutter- 
hause die ersten Toneindrticke des SSuglings gewesen. Klassische Musik 
spielte er selbst mit Leidenschaft sein lebenlang. In den edelsten t)ber- 
lieferungen der Philharmonik, der Kammermusik wogte sein TSneleben dahin. 
Als er nach Wien kam, erlebte Frau Musica gerade wieder einen Ruckfall 
in die blfihendste Jugend. Schubert wurde ausgegraben und von Herbeck 
auf einen echt vergoldeten Biedermeierthron gesetzt. Man lese einen 
Sp.schen Artikel fiber ihn; keine Kritik, sondern etwa » Schubert und die 
H6ldrichsmtihle«. Das war immer die recht eigentliche Freude an der 
Musik, wie sie noch der alte Vater Konrad in Ulm verstanden. Und nun 
pldtzlich all dieses »neue Wesen« ringsum, dieses neue Musikprogramm, 
diese unbequem anspruchsvollen Innerlichkeiten und Aufierlichkeiten eines 
neuen Tonevangeliums. Er drfickte mir das einmal so aus: »Denken Sie 
sich, was ein Christ ffihlte, als der Islam* gegriindet wurde «. Wir haben 
gesehen, wie schon sein erster, noch schfichterner Musikartikel Wagner 
empfehlend ablehnte. Das blieb dann seine Haltung bis ans Ende. Ohne 
Zweifel hat persOnliche Abneigung dazu beigetragen. Als Wagner in Penzing 
hauste, gab es Veranlassung genug. Die Geberde des grofien Marines, das 
GetOse der » Clique «, der Anspruch auf unbedingte Gefolgschaft, all das 
ging der kraftvollen Selbstffille einer Sp.schen Pers6nlichkeit wider den Strich. 
Sie waren zwei Pole, die sich naturgem£fi abstiefien. Auch Brahms 
gegenfiber spielte das Persdnliche stark mit. Aus so mancher frfihen 
Au6erung schon klingt die Unvereinbarkeit zweier Wesen deutlich hervor. 
»Ein hervorragender Tonsetzer, eine der hellsten Leuchten der deutschen 
Musik der Gegenwart« ist er ihm zwar, aber auch »eine viel zu weltkluge, 
ironische Natur, die viel zu tief in die Menschen hineinschaut, um sich um 
ihren momentanen Beifall nur etwas zu kfimmern«. Damals waren sie 
einander noch mOglich. Sp&ter versch&rfte sich der Gegensatz immer mehr. 
Es entstand einer jener langen, aufreibenden, kritischen Kleinkriege, in 
denen der unerschftpfliche feuilletonistische Witz Sp.s, seine unglaubliche 
Virtuosity der Nadelstiche sich ein Fest leistete. Und das oft unleidliche 
Gebaren des Parteig&ngertums, das sich an diese grofien Musikschopfer 
heftete, zog ihnen fast noch mehr kritisches Ungemach zu, als ihr eigenes 
Schaffen. Wobei fibrigens auch noch in Anschlag zu bringen, dafi Sp. 
seine Musikkritiken nicht fiir die »Neue Freie Presses, sondern fiir das 



Speidel. 203 

» Fremden-Blatt « schrieb. Es gab zwei ganz verschiedene Sp.s nebeneinander. 
In der »N. Fr. Pr. « hielt er den Ton wesentlich hdher, im «Frdbl.« durfte 
und sollte er popular sein. Da war alles Aufmischende willkommen und 
neue Facetten schliffen sich an Sp.s Schreibart heraus, auch eine gottliche 
Gaminerie, die ans Witzblatt streifen konnte. Er hatte eben alle erdenklichen 
Saiten auf seinem Instrument. Und gewisse kleine Bosheiten schmerzten 
die Betroffenen noch weit mehr als blutige Schwertstreiche, da sie doch 
wuflten, dafi sie bei alledem unvernichtbar waren. Wenn er etwa iiber 
Hans Richter ganz harmlos schrieb: »Herr Johann Richter dirigierte mit 
der unerschutterlichen Ruhe eines Hollanders. « Wer konnte es so bald 
feststellen, wie vielerlei kleine und grofie Menschlichkeiten zusammenwirkten, 
urn ein kritisches Verhaltnis festzustellen und in der einmal gewahlten 
Richtung folgerichtig fortzubilden. Auch was an richtigem Sportreiz sich 
aus vorhandener Scharfe der Feder auslost, ist nicht gering anzuschlagen. 
Nur wer selbst solche Feder fiihrt, weifi das genau abzuschatzen. Und das 
alles ist auch so sehr Temperamentsache; Blutmischung von Hause aus, 
Tages- und Jahresstimmungen, wichtige seelische Durchgangsmomente spielen 
mit. Dazu das Bewufltsein, das Gewiirz des Blattes zu sein. 

Obrigens war Sp., wenn man ihn richtig zu fassen wufite, merkwurdig 
rasch umzustimmen. Einer intelligenten Vermittlung war er sehr zuganglich. 
Und dann hatte er einen unerschopflichen Fonds von Seelengute, Menschen- 
freundlichkeit, Humor, und schliefilich war der ganze Mensch von einem 
schimmernden Zauberschleier von Liebenswiirdigkeit, Gefalligkeit, Noblesse 
umwallt. Man konnte an seine Seele heran, auch wenn er nicht recht 
wollte; er tat dann, als habe man an seinen Verstand oder seine kunst- 
politische Einsicht appelliert. So in den Fallen Wilbrandt und Burckhard, im 
Burgtheater. Ein hiibsches Beispiel solcher Umkehr ist aus seinem Verhaltnis 
zu Anton Bruckner anzufiihren. Anfangs mochte er ihn gar nicht und liefi ihn 
wesentlich satirisch an, bis eines Tages Albert Kauders — so erzahlt er in 
seinem Aufsatz: » Speidel als Musikkritiker« — sich ins Mittel legte und 
ihn zu griindlichem Studium Brucknerscher Partituren bewog. Da war 
Bruckner gerettet. Es erschien ein herrlicher Artikel voll liebevoll humori- 
sierender Anerkennung (»Mefinerfigur mit dem Imperatorenschadel «). Selbst 
Richard Wagner wandte er sich gelegentlich mit plotzlich durchbrechendem 
asthetischem Gefiihl zu. Im Jahre 1883 schrieb er noch einen » Hohnartikel « 
(Kauders) gegen den » Tristan*, zwolf Jahre spater wiirdigte er das Werk 
tief eindringend, mit einer Art Selbstaufopferung. Nur zu Brahms fand er 
keine Briicke mehr; beide waren alt geworden ohne Briicke und behalfen 
sich ohne einander. Auf den Wagnerkrieg in Wien blicken wir ja heute 
historisch zuriick, leidenschaftslos wie auf eine andere notwendige Natur- 
erscheinung. Das war ein gesundes Erdbeben, wie in jungster Zeit wieder 
die Sezession. Morsches ist eingestiirzt, Starkes ragt nach wie vor. Eine 
Weile wird das nun vorhalten. Die Wiener Wagnergegner bildeten jedenfalls 
eine glanzende Phalanx, die einst gewifl literarische Schatzung geniefien wird. 
Wie heute die Xeniengegner und Werthersatiriker, allerdings minderes Geziicht, 
richtig gewertet werden, deren Opuscula sogar wieder in authentisch nach- 
geahmter Originalform ans Licht gelangt sind. Und wie Sp. seinen Wagner- 
krieg fiihrte, das wird immer ein geistiges Ergotzen bleiben. Was hatte Lessing 



204 Speidel. 

getan, wenn er an des braven Hauptpastors Stelle einen Richard Wagner 
vor sich gehabt hatte? Wie grofi wSre er an dem Riesen geworden. Und 
wie mancherlei Abschattungen kommen in der Kriegfuhrung Sp.s vor. Sogar 
ausgiebiges Lob, in friiher und sp&ter Zeit. »Das Libretto ist szenisch ganz 
meisterhaft gearbeiteU, heifit es von der »Walkure«. Eine »wundersame 
HarmoniefoIge« nennt er die Stelle: »Mir allein weckte das Auge siifl 
sehnender Harm, Tranen und Trost zugleich.* Zugleich freilich: »Im all- 
gemeinen liegt in diesen Leitmotiven eine Armut der Erfindung.* Mit 
welcher Griindlichkeit analysiert er etwa den neuen * Lohengrin «, in mehreren 
Fortsetzungen (» Wiener Zeitung*, 1859), allerdings nicht zu Glimpf. Das 
wurde auch in Leipzig gelesen und jemand schickte ihm von dort als Ant- 
wort Hans v. Bronsarts Broschiire: » Musikalische Pflichten*. Die besprach 
er dann in einem Feuilletonf «Das Geheimnis der Zukunftsmusiker«, nicht 
ohne zu fragen, wer ihm das Opus geschickt haben mSchte. »Sollte es 
etwa Herr Breridel sein, der tapfere Zukunfts-Haudegen, welcher, seit 
Richard Wagner aufgekommen, seinen Zopf in ein Schwert verwandelt hat?« 
In Deutschland fanden namlich Sp.s kleine Streitschriften lauten Widerhall. 
Die dortigen Wagnergegner hielten sie in regem Umlauf und meldeten sich 
gelegentlich auch beim Verfasser. In einem Artikel »Wagneriana« erw&hnt 
er, dafl ihm »von mehreren im »Schwan« zu Hochheim versammelten edlen 
Rheinlandern als Zeichen der Anerkennung etliche Flaschen edlen Hoch- 
heimers zugesandt worden«. In diesem Aufsatz polemisiert er gegen Julius 
FrObel, der (im »Botschafter«) seinen letzten Wagnerartikel »grob« gefunden 
hatte. Da heifit es: »Das wiiste Treiben jener Pr&torianer, die sfch urn 
Richard Wagner geschart, einer wahren musikalisch-kritischen Schwefelbande, 
die mit Hui und Pfui iiber jeden herfahrt, der nicht mit vollen Backen in 
das Zauberhorn der Zukunftsmusik st6fit.« Er wehrt sich eben stolz und 
stark, wenn man will auch »grob«, wider Vergewaltigung. Nun erst recht 
nichtl Er war jung und frei, und weil er das erste war, wollte er sich das 
zweite nicht nehmen lassen. Charaktersache. »Wir sind dieser Eine gegen 
Tausende, die Wagners Posiemusik vorderhand schOn finden.« Er findet Wagners 
Musik nicht einmal deutsch. » Wagners Musik ist dagegen durch und durch 
aufierlich, im schlechten Sinne sinnlich, gemutlos, kurz undeutsch, und die 
ihr Wagners Musik bewundert, seid wenigstens in musikalischer Hinsicht die 
schlechtesten Deutschen.« Und auch Wagner als Person erschien ihm danach. 
Er, der ein so wunderbarer Portratmaler mit der Feder war (»Beethovens 
aufiere Erscheinung* u. dgl.) fand bei dem grofien ersten Wagnerkonzert in 
Wien, wo der Meister einen ungeheuren Triumph feierte: »Noch scharfer als 
friiher, pragt sich in seinen Zugen der -Doktrinar, der Pedant, der sSchsische 
Schulmeister aus.« 1861 schildert er einmal (»Vaterland« 19. Mai) Wagner 
in Venedig, in buntem Schlafrock, Hose, Mutze. Dieses Motiv wurde viel 
spater von seinem Freunde Daniel Spitzer, dem » Wiener Spazierg&nger«, in 
dem bekannten Biichlein: »Briefe einer Putzmacherin an Richard Wagner « 
mit ausfuhrlicherer Lauge ubergossen. Dieser Aufsatz ist iiberhaupt ein 
elegant gearbeiteter Kocher voll purpurgefiederter Pfeile. »Diese Unendlich- 
keit der Melodie ist die »schlechte Unendlichkeit « Hegels, ein Ding, man 
weifl weder wo es anf&ngt, noch wo es aufh6rt« — »endlos, nicht unendlich* — 
»ein Bandwurm, dessen Kopf nicht aufzufinden ist« — » endlose Stammelei « — 



Spcidel. 205 

»W. ist kunstlerisch nicht der Ausdruck des deutschen Geistes, sondern nur 
ein Zerrbild desselben« — »er ist eine innerlichst unproduktive, eine kiinst- 
liche, hohle, reflektierte Natur* — » Berlioz ungleich bedeutender als er« — 
»dafi Wagners Musik stellenweise anregend wirken und interessieren kann, 
begreifen wir vollkommen; wer aber in seinen Opern musikalische Be* 
friedigung findet, den mufi man asthetisch ganz und gar verloren geben.« 
Ein Wort trugen und tragen ihm die Wagnerianer (wie man damals sagte) 
mit besonderer UnversShnlichkeit nach, es wird noch jetzt bei Gelegenheit 
als eine Art Hauptargument wider ihn geschleudert. Das letzte Mai las ich 
es bei Prof. Volbehr, samt Feststellung des Datums. Das Wort »Affenschande«. 
Es wurde eben nicht mit Billardkugeln geschossen in diesem Dreifiigjahrigen 
Krieg. Ein weiteres Jahrzehnt verging, Bayreuth stand am Horizonte, Wagner 
war der grofle Deutsche neben Bismarck. Auch Sp. fuhlte es deutlich in 
seiner stammtreuen Schwabenseele. Da schrieb er den mannhaften Aufsatz: 
» Richard Wagner und die deutsche Sache « (» Deutsche Zeitung« 1872). 
Schon zu einem friiheren Wagner-Feuilleton hatte er als Feuilletonredakteur 
die Fufinote geschrieben: » Richard Wagners Sache ist von der deutschen 
Sache nicht mehr zu trennen.« Nun fiihrt er diesen Gedanken aus. »Eine 
Eigenschaft hat Richard Wagner bis zur Virtuositat ausgebildet, mit dem zu 
bezahlen, was er ist . . . Abgesehen vom Werte oder Unwerte der Wagnerschen 
Musik, so besitzt sie doch eine positive Eigenschaft. Das Positive an 
ihr ist, dafi sie Begeisterung hervorruft. Wir anderen, die Wagners 
Musik kuhl lafit, wir sind unter der Masse begeisterter Menschen nur Aus- 
nahmen, nur seltsame Kauze . . . Das deutsche Volk sieht in Wagners Opern 
seine zeitweiligen musikalischen Ideale verwirklicht und wer sie ihm nehmen 
wollte — vorausgesetzt, dafi er es konnte — wurde diesem Volke ein Stuck 
Seele aus dem Leibe reifien.« Er fand sich ab. In demselben Jahre, nach 
dem grofien Wagnerkonzert in Wien, dessen Erfolg er bedingt anerkannte 
(»Buhne und Orchester vermissen, das ist bei Wagner zu viel«), gonnte er 
sich doch auch den hiibschen Satz iiber die Juden und ihre Wagner- 
begeisterung: *Zwei Dinge sind den Juden nicht abzusprechen : Geld und 
Geist — ein wohlklingender Stabreim. Aber wenn Wagner winkt, geben sie 
das eine her, den anderen auf.« Zu dieser Wagnerepisode meiner biographischen 
Skizze mOchte ich nur noch beilaufig bemerken, dafi ich in musikalischen 
Dingen zu keinem Urteil berechtigt bin. Ich mochte kein Thebaner sein, 
der zwischen zwei streitenden Athenern richten soil. 

Das starkste Ansehen genofi Sp. als Theaterkritiker. Nicht als ob er 
gerade ein Wiener Theatermensch von seltener Starke gewesen ware. Dazu 
hatte er in Wien geboren sein miissen. Ich halte uberhaupt die Literatur- 
kritik fur seine eigentliche Starke. Auch waren seine besten Theaterkritiken 
immer von stark literarischem Charakter. Wahre Meisterwerke dieser Art, 
wie jenes Molfere-Feuilleton vom 13. Mai 1900, in dem jede Wendung ein 
Gedanke war, oder vielmehr schien, denn bei aller Bestimmtheit des Wortes 
war doch kein Gedanke fertig gepr£gt, er lag aber eingesponnen und man 
brauchte nur mit der Nadelspitze die Kokons anzustechen, so flatterte es 
ringsum von den buntesten Flugelkreaturen. Das war eines jener Bravour- 
stiicke, wie sie nur einem strotzenden Gehirn entschlupfen, es weifi selbst 
nicht wie. Eng beieinander wohnen die Gedanken. Aber Theater war 



206 Spcidcl. 

daran das wenigste. Ein merkwurdiges PrObchen solcher indirekter Theater- 
kritik war das Feuilleton uber den Juristen Dr. Max Burckhard, als er alien 
unvermutet zum Direktor des Burgtheaters ernannt wurde (1890). Seine 
Be&higung dazu untersuchte Sp. in Form einer Zergliederung seines grofien 
juristischen Werkes: » System des Osterreichischen Privatrechts*. Aus diesem 
heraus stellte er eine ganze Charakteristik des Verfassers auf und wog den 
neuen Hoftheaterleiter, und was man von ihm zu erwarten habe, bis aufs 
Quentchen ab. In rein theatralischen oder gar schauspielerischen Dingen 
hat er oft geirrt (Frl. Barsescu »das Gliick des Burgtheaters «), auch vergingen 
Reihen von Jahren, in denen er die Darstellung eines grofien Stfickes mit 
wenigen Zeilen am Schlusse abtat. Aber er hatte uber vierzig Jahre lang 
das Wiener Theater kritisiert, war dessen geschriebenes Gewissen geworden, 
jedenfalls eine lebendige Chronik des Burgtheaters, mit dem er am innigsten 
verwuchs, wie er denn auch mit einigen GrOfien der Burg (Sonnenthal, 
Gabillons, Mitterwurzers, Robert) alte treue Freundschaft hielt. Es war eine 
sinnige Oberraschung, dafi die Direktion beim Abbruch des alten Burg- 
theaters die beiden » Referentensitze « Speidels aus dem Parkett heraus- 
s&gen liefi und ihm als Andenken so vieljahriger Benutzung verehrte. Sie 
standen seither in seiner Wohnung. Sp. und das Wiener Theater waren 
also untrennbare Begriffe geworden. Nur darum liefi er sich auch be- 
stimmen, diesem Thema zweimal grOfiere Essays zu widmen. In der 
Festschrift »Wien 1848— 1888 «, der Stadt Wien zum Vierzigjahrfest des 
Kaisers, liest man sein Kapitel: » Theater € und in der » Osterreichisch- 
Ungarischen Monarchie in Wort und Bild« die historische Darstellung: 
»Das Wiener Theater «. Der Herausgeber dieses Werkes, Kronprinz Rudolf, 
hielt ihn besonders wert und schickte ihm immer wieder durch Hofrat v. Weilen, 
den Redakteur des Werkes, ein Achtungszeichen in Gestalt eines Viergespannes 
kolossaler Havannazigarren. Nebenbei kann man sich denken, welche Muhe 
es die Umgebung Sp.s kostete, ihn dann zur tats&chlichen Abfassung dieser 
grOfieren Arbeiten zu pressen. Seine Stellung zum Burgtheater wurde mit 
der Zeit die eines getreuen Eckart, eines kritischen Schirmherrn. Als 
Wilbrandt die Direktion niedergelegt hatte (1887), wurde ihm sogar diese 
Stellung angeboten; er lehnte sie natiirlich ab, sein Brief an die General- 
intendanz erschien dann in der » Neuen Freien Presse«. »Ffir das Burg- 
theater bin ich immer zu Hause«, hiefi es da. Und dies war kein leeres 
Wort. Er bewies es so manches Mai, wenn die Not am h&chsten war. 
Welches Aufsehen erregte sein Feuilleton: »Der neue Direktor des Burg- 
theaters*, worin er der ausgebrochenen Seuche, fttr diesen Posten zu kandi- 
dieren, ein Ende mit Schrecken machte, indem er alle seither genannten 
Kandidaten (»mit Uberwindung manchen persOnlichen Gefiihls*, was sich 
etwa auf Ludwig Gabillon bezog) arg durchhechelte. Am schlimmsten kam 
Friedrich Uhl weg, am besten Ludwig Doczi, der liebenswtirdige Dichter des 
»Kufl«, obgleich er sich einst in einem sonst sehr wiirdigenden Speidel- 
feuilleton die Freiheit genommen hatte, ihm offen » Ungerechtigkeit « vor- 
zuwerfen. Er trug es ihm nicht allzu lange nach. »Der Genius des 
Burgtheaters, ein zartes Seelchen, will geschont sein«, hiefi es da. Und es 
waren schliefilich Worte, »aus deren Scharfe und Milde die Liebe zum 
Burgtheater leuchtet«. Ein andermal (1889) gait es, nach ErOffnung des 



Speidel. 207 

neuen Burgtheaters, der allgemeinen Unzufriedenheit mit dem Sehen und 
Horen darin Ausdruck zu geben. Entweder ein neues Haus oder den Zu- 
schauerraum umbauen, »dafi kein Stein auf dem anderen bleibtU so radikal 
sprach er das Wort des Augenblicks aus. Und der Zuschauerraum wurde 
umgebaut, die beriichtigte »Lyraform« beseitigt, die Hohe freilich mufite 
bleiben; diese Uberarbeitung kostete eine halbe Million Gulden. 

Auch mit der Geschichte des Burgtheaters hat sich Sp. wiederholt 
beschaftigt. Seine Parallele: » Holbein und Laube«, zwei grofie Aufsatze, 
ist von diesem Schlage. Wahrend aller dieser Direktionen und Umstiirze — 
Laube, Dingelstedt, Wilbrandt, Forster, Burckhard — stand er auf seiner 
hohen Warte, fern und doch nah, von Direktion zu Direktion an Gewicht 
wachsend, immer gefurchteter und umworbener, aber unter all denVerlockungen 
die Wurde seines Amtes unverbriichlich wahrend. Bei besonderen Anlassen 
griff er hilfreich ein. Als Dingelstedt 1879 Grillparzers »Weh dem, der 
liigt«, das von den Wienern einst so verh&ngnisvoll abgelehnte, wieder auf- 
fuhrte, hiefi es dem Publikum vorher einen Wink geben. Dies tat Sp. am 
Morgen der Auffiihrung, in Ernst und Kiirze, und abends wagte kein 
Zuschauer, den »dummen Galomir« dumm zu finden. Und wem hatte er 
solchen Liebesdienst lieber getan, als dem groflen Wiener Dichter, der seiner 
Zeit so weit vorausgekommen war, dafi erst die Nachwelt ihn einholen 
konnte? Die schonsten Bilder gehen ihm auf, wenn er an ihn denkt. In 
dem Feuilleton: »Aus dem Zeitalter Franz Josefs*, zum Fiinfzigjahrfest des 
Kaisers (1898) vermengt er visionar Grillparzer mit Rudolf II. im »Bruder- 
zwist von Habsburg«, in dem so viel Selbstbildnis des Dichters steckt: »Da 
kommt einem dfir Dichter so m&rchenhaft vor, wie ein verwunschener 
Habsburgischer Prinz, der bei Tage zum Archivdirektor der Hofkammer 
verdammt sei und nachts Erinnerungen an seine glanzende Vergangenheit 
niederschreibe. « Und auch fur andere edle Wiener Dramatiker hatte er ein 
Herz. Kam doch immer wieder einer und pochte an die gestrenge Pforte 
des Burgtheaters um Einlafl. »Warum denn nicht, wenn man ihn spielen 
kann!« sagte er mir einmal, als der »Verschwender« burgtheaterfahig werden 
wollte. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Sie k6nnen ihn freilich nur 
mehr oder weniger spielen, und eher weniger. »Wenn es in Wien einen 
Dichter gegeben hat, so ist es Raimund gewesen«, schreibt er einmal. Auch 
fur Anzengruber tritt er ein, immerhin bedingt; samt Mundart. »Wir denken 
schriftdeutsch, aber wir fuhlen in der Mundart. « Er hielt ihn als Dramatiker 
sehr hoch. »Solange Anzengruber geschrieben, hat kein anderer deutscher 
Dichter gediegeneren Inhalt in dramatische Formen hineingelegt.* Freilich, 
wiederum die Unzul&nglichkeit eines Theaters, an dem immer nur der eine 
(Mitterwurzer, allenfalls Kainz) oder die andere (Schratt) dem Dichter gerecht 
werden konnte. »Ihn im Burgtheater aufzufuhren, hatte einen Sinn, wenn 
es den anderen Theatern Musterauffiihrungen bieten k6nnte.« Auch »Der 
Kampf um das vierte Gebot« fand Sp. natiirlich auf Seite des Dichters. 
Wenn einst die Schriften Sp.s gesammelt vorliegen, wird es voraussichtlich 
Monographien iiber ihn regnen. Dann wird es auch an der Zeit sein, ihn 
in seinem Verhaltnis zum Burgtheater gerecht zu wiirdigen. Und zu Shake- 
speare, den deutschen Klassikern, den Modernen, was ja alles urkundlich zu 
belegen sein wird. Mein kurzer Abrifl kann sich nur auf Andeutungen 



208 Spcidcl. 

beschranken. Die Moderne hat Sp. jedenfalls im Theater am bereitwilligsten 
angenommen. Bequem war sie ihm zwar auch da nicht, namentlich traute 
er manchem grofien Dichter Neu-Berlins nicht Uber den Weg. Und dann 
wieder war er fdrmlich froh, wenn er von der Leber weg loben konnte, 
etwa Hauptmanns » Hannele « ; konnte sich aber dabei doch eines Kraftwortes 
aus mehr hahnebuchener Zeit nicht enthalten, das ich aus dem Gedichtnis 
zitiere: »Und so ist auf dem Misthaufen doch noch eine schQne Blume 
erwachsen.« Gar manche Bemerkung in Gespr&chen iiber dieses Thema 
liefi deutlich erkennen, dafi er den Neuen viel Gliick wunschte, insbesondere 
aber, wie er einmal auch ausdriicklich sagte, viel Talent. » Das Burgtheater, 
das zwischen Vergangenheit und Zukunft unentschieden schwebt*, war doch 
eine seiner Lebenssorgen, und er war schon zu alt, um Rat zu wissen. Er 
freute sich noch der so ganz anderen Leistungen eines Mitterwurzer, die von 
einem Teile der Kritik Fall fur Fall vernichtet wurden. Die Sympathischen 
sagten dann: »Die beiden Ludwige* (mit dem anderen war meine Wenigkeit 
gemeint) »haben wieder das Ihrige getan.« Fur Ibsen, den man im Burg- 
theater lange nur mit Vorsicht genofi und mehr mit seinen altmodischeren 
Sachen auffuhrte, H&tte er gerne Lanzen gebrochen. In den starksten Worten 
sprach er fiir die »Gespenster«, als sie noch allgemein fiir eine Schrecklichkeit 
ohnegleichen galten. » Ibsen gehfcrt zu den Geistern, die nach den Wurzeln 
der Dinge graben und sie zugleich zu einer H6he wachsen lassen, wohin 
keine Wirklichkeit reicht.« (Zu John Gabriel Borkman.) Und er schrieb 
es auch klipp und klar hin, dafi die Zeit ihr Drama haben will. Das 
Burgtheater hat die » edlere Aufgabe, in die merkwurdige Phantasiewelt eines 
nicht mehr abzuweisenden Dichters einzufiihren*. Nicht n^ehr abzuweisend. 
Das konnte nicht mehr das Programm eines Lebenden sein, ist aber das 
Verm&chtnis eines Toten. Sp. hatte sich fiir die Moderne entschieden. 

Sp. als Kritiker, das ist ein anziehendes Problem, aber nicht nach dem 
Einmaleins auszurechnen. Es mag schon etwas daran sein, was Jakob Minor 
nach seinem Tode schrieb: er sei kein Kritiker gewesen, sondern Schrift- 
steller. Eine starke vollsaftige PersOnlichkeit, die annahm oder abwies, was 
ihr genehm oder ungenehm war. Ich kann nicht anders, als ich kann. 
Objektiv oder subjektiv (ich tibersetze: sachlich oder ichlich), das sind leere 
Worte. Ich leugne iiberhaupt jede objektive Kritik. Es kann hOchstens den 
Willen dazu geben, die Absicht. Ich sage nicht einmal: die gute Absicht, 
denn warum gut? Meinem Ich gemafi, das ist das einzig in der Natur 
begriindete. Auch mit sachlichsten Absichten wird das Werk auf jedes Ich 
nach Mafigabe seiner Ichlichkeit wirken. Und zwar, wie dieses Ich gerade 
in dem Augenblick gestimmt ist. Von zehn zu zehn Lebensjahren immer 
anders, auf den Verliebten anders als auf den silbernen Hochzeiter. Wenn 
zehn Landschafter das n&mliche Motiv malen, werden zehn verschiedene 
Landschaften daraus. Auch Lessing konnte die Stticke von x oder y, die 
er kritisierte, nur lessingisch empfinden. Ist vollends eine Natur gewohnt, 
sich durchzusetzen, Recht zu behalten, wie der Grofikritiker einer kiinstlerischen 
Grofistadt, so ist er seine eigene kritische Rechtsquelle. Wer kann wider 
ihn? Er ist der Kliigere, Wissendere, Feinfuhligere, er ist der Suggestivste 
von alien, die eine Meinung £uflern. Die Wiener Kritik hatte in der Bltite 
der Speidelzeit, von 1875 etwa bis 1895, eine Art Heroenzeitalter. Ein 



Speidel. 209 

souveraner kritischer Geist gab den Ton an. Selbst zahmere Kritiker ver- 
suchten mit Blut zu schreiben. Im Jahre 1880, als ich mit ihm bei den 
Munchner Mustergastspielen war, sah ich es aus nachster Nahe, wie fiir das 
Theater »in Wien gutes und schlechtes Wetter gemacht« wurde. In einem 
Briefe an seine Frau (7. Juli) schreibt er: »wahrend ich wegen meines auf- 
richtigen Urteils in Miinchen vielfach verwiinscht werde«. Sie waren draufien 
eine weit konventionellere Kritik gewohnt. Bei ihm war es noch immer die 
scharfe Frische, die durch die Kaulbachsche Erziehung gegangen war. Von 
der erwahnten »Verwienerung« keine Spur. Im Gegenteil, schw£bische Derb- 
heit blieb bis ans Ende der Kern seines Wesens. Sie ist aus ihm so wenig 
hinwegzudenken, wie aus .dem V-Vischer, und bei beiden vertrug sie sich 
ganz gut mit weichem Gemiit und warmem Herzen. Auch war dieser Kultur- 
mensch von alien Feinheiten bis ans Ende ein Stuck Volk. Hartnackig in 
seinen Neigungen und Abneigungen, und dann wieder kinderleicht herum- 
zukriegen, durch eine Naivitat, die ihm einging, oder auch durch eine 
Schlauheit, die ihn zu fassen wufite. Das Kapitel vom personlichen Moment 
ist bei ihm lang, aber das Gegenteil von unriihmlich. Schwabenvolk, 
schwabenstreichefahig, der Naturbursche in ihm nie ganz auszurotten. Hatte 
er doch das Vorrecht, nie einen Frack anzuziehen. Er behandelte selbst die 
Mode, wie es ihm paflte. Er trug seine eigene schwarze schmale Halsbinde 
im Matrosenknoten geschlungen und frei herabhangend. Und hatte seinen 
Spafi an Schwflnken, iiber die seinesgleichen hoch erhaben zu sein pflegt. 
Was konnte er noch mit weiflen Haaren iiber eine populare Schnurre aus 
der Jugendzeit lachen, wenn er mir sie erzahlte. Zum Beispiel: »Blaue 
Hosen sein schie; wenn's regn't, wer'ns grie.« Und hielt sich den Bauch. 
Ein anderer Zug: sein Verhaltnis zu seinem Kater » Tristan «, einem wunder- 
baren Tier, das einem seiner vielen nachtlichen Abenteuer zum Opfer fiel. 
Sp. beweinte ihn wie einen Menschen. Er erinnert mich an Anselm Feuerbach 
und seinen geliebten Kater » Merlin «. In einem Briefe an seine Mutter 
kiindigt er seine Heimkehr mit den Worten an: »Freitag bin ich bei 
Merlin. « (Allgeyer II. 269.) So war Sp. Einfalt war in ihm und Weisheit; 
ein mannhafter Mann und ein kindliches Kind. Man brauchte ihn blofi 
lachen zu horen, hellauf, mit Silberklang, iiber ganz harmlose Sachen, in 
denen er augenscheinlich mehr Kitzliges spiirte als gewohnliche Zwerchfell- 
menschen, und man ahnte sofort, dafi er »auchEiner« war. Ein »Eigener«, 
der gar nie unrecht haben konnte, weil man von ihm nicht verlangen 
konnte, dafi er sich einen fremden Gesichtswinkel ins Auge setze. 

Uberhaupt ist er eine der schlagendsten Widerlegungen der selbst von 
Kritikern geaufierten Ansicht, dafi die Kritik an sich schon tiefer stehe als 
die »Produktion«. Das hangt eben vom Wert des Kritikers ab. Eine 
Sp.sche Kritik iiber ein Mosenthalsches Machwerk konnte ein Meisterwerk 
sein. Wer war nun der Produktive, Sp. oder Mosenthal? Unter den Hand- 
werkern der Feder ist dieses Vorurteil eingerissen: X schreibt ja blofi iiber 
das, was Y schon geschrieben hat. Selbst in der Einleitung einer der 
jiingsten Literaturgeschichten glaubt Verfasser den »Produzierenden« gegen- 
iiber so bescheiden sein zu miissen. Mir schwebt bei dem Thema immer 
ein Bild vor: der geniale Kritiker, der iiber die Sch5pfung eines anderen 
schreibt, ist wie Makart, der aus einem kostbaren Goldbrokatstoff ein 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nckrologf. 11. Bd. 1 4 



2IO Spcidcl. 

prachtiges Kostiim zurechtschneidert. Oder meinetwegen wie ein Meister- 
schneider, der das n&mliche tut; in seinem Fach ein Makart. Der Brokat 
mag ein Kunstwerk sein, das Kostiim ist es auch und kommt ins Museum. 
Ubrigens sind die besten Kritiken Sp.s wahre Muster dessen, was man zu 
seiner Zeit und angesichts seiner Urteilsf&llungen anfing die »produktive 
Kritik « zu nennen. Er selbst hat sich fiber dieses Thema schon sehr friih 
und noch sehr bescheiden ge&ufiert, im Nekrolog des franzGsischen Kunst- 
kritikers Gustave Planche (1857): 

» Unproduktivitat ist der Hauptvorwurf, den man gegen die Kritik vor- 
bringt. Er entspringt aus einem doppelten Mifiverst&ndnis: einmal, indem 
man die Aufgabe der Kritik, und dann, indem man das Wesen der Produktion 
verkennt. Kritik besteht weder in Lob noch in Tadel. Lobt oder tadelt 
sie, so ist ihr das nicht Zweck, sondern blofl eines ihrer Mittel. Lob und 
Tadel ist nur die helle oder dunkle Farbe, welche das Urteil annimmt, und 
Urteil ist die Seele der Kritik. Tadeln, man mag es zugeben, ist leicht; es 
ist so leicht (und was ist leichter?) als loben. Aber tadeln mit Verstand, 
das ist doch das leichte Ding nicht, woffir man es gemeinhin ausgibt. 
Urteilskraft im h6chsten Sinn ist ein so seltenes Kraut wie Genialitat. Oder 
weisen die Annalen der Kunst und Literatur eine reichere FCille grofier 
Kritiker auf als grofier Dichter und Kfinstler? Das Verh&ltnis ist eher 
umgekehrt. Auf unsere Klopstock, Goethe, Schiller haben wir nur einen 
Lessing. Diese Tatsache, kann man einwenden, spricht aber gerade gegen 
den Wert der Kritik fiberhaupt, und insbesondere gegen den Wert der 
heutigen Kritik — denn wo ist euer Lessing? Die Antwort ist uns leicht 
gemacht. Wir antworten fragend: Wo ist Klopstock, wo Goethe? Man darf 
dreist behaupten, die Klopstock und Goethe von heute haben ihre Lessinge 
gefunden. Ja, die Gegenwart hat mehr Verstand als Genie — ein Ober- 
gewicht indessen, worauf der Verstand wenig Ursache hat stolz zu sein. 
Die Kritik ist freilich nicht produktiv in dem Sinne, dafi sie, wie Kunst 
und Dichtung, aus dem Ursprfinglichen herausarbeitet. Mit einem Worte: 
sie schafft nicht. Ihr Zweck ist vielmehr das Begreifen eines Werkes, ihr 
Organ der Verstand, die Form ihrer Aufierung das Urteil. Allein als ein 
Hilfsmittel der Produktion wird man sie wohl miissen gelten lassen. (Er 
zitiert Lessing, der sich fur keinen Dichter Mit, als Muster fur kritikfeind- 
liche Herren, die nicht wiirdig, ihm die Schuhriemen aufzuldsen.) Aber 
auch an und fur sich ist die Kritik produktiv. Bdrnes Theaterkritiken 
stehen manchmal als Produktion hdher als die Theaterstficke, die sie 
behandeln. (Houwalds »Bild« und »Leuchtturm« — Lessing und Goeze usw.) 
Jene Produzenten sind vergessen, der Kritiker lebt fort und wird fortleben, 
solange noch ein deutsches Wort erklingt.« In sp&teren Jahren h&tte Sp. dies 
in siegreicherer Tonart geschrieben ; er selbst war sein Argument geworden. 

Und er war ja, wie Lessing, Dichter. Ganz kdstlich konnten manchmal 
seine zwei Eigenschaften ineinander spielen. In einem jener Stimmungsbilder 
von den Weinhugeln um Wien, fiber Nufidorf oder Sievering, schildert er 
die Lerche. Wie sie im Blau schwebt und singt, wie sie ist und tut, ganz 
und gar. Dabei dichtet und kritisiert er zugleich, die Lerche wird ihm zur 
S&ngerin, das Gedicht durchdringt sich mit Rezension, Natur und Theater 
kennen sich nicht mehr voneinander, und das Ganze hat einer geschrieben, 



Speidel. 2 1 I 

ein Lyriker und Sghalk dazu. Ein Kabinettstuck seines feinsten Kultur- 
humors; eines seiner mancherlei Humore.. Selbst die sogenannte Leier wurde 
ibm ja nie ganz fremd. Wenn das Herz ihn trieb, stromte er noch in sehr 
reifen Jahren den Uberschwang in Reimen und Rhythmen aus. Die 
wundersam gestimmten Strophen aus Adriach bei Frohnleiten (Steiermark) 
sind zwar Handschrift geblieben, manches aber liefi er als Flugblatt fiir 
Freunde drucken. So das tiefe, fast selbstbiographische Gedicht: »Auf der 
H6he« (»zur Erinnerung an Wilhelm Schenner«, Frohnleiten, 16. September 
1 891). Schenner war sein Jugendfreund aus Ulm, spater Professor der Musik 
in Wien. Oder jenes furchtbare Hohn- und Strafgedicht: » Goethe und die 
Goetheforscherei«, worin er den Knittelvers mit mehr als Hans Sachsscher 
Wucht und schier mehr als Sp.schem Grimm um die Schadel der banausischen 
Goetheschnuffler sausen lafit. Er war ein Dichter von Herzenssachen. Fiir 
das Publikum mochte er nicht dichten. Freilich, die Zeitung zwang ihn 
dazu, in allerlei Tagesformen. Wenn Weihnachten kam, oder Ostern, buch- 
stablich alle heiligen Zeiten einmal, schrieb er ein Feuilleton, das allerdings 
ein Gedicht war. Den biederen Typus des sogenannten Weihnachtsfeuilletons, 
mit seiner obligaten Gelegenheitsmafiigkeit, machte er in Wien ein fiir alle- 
mal unmoglich. Nun gait es an solchen Tagen plotzlich Tiefe haben, Natur, 
Warme, Menschlichkeit, Stimmung. Wer hatte das alles, so wie er? Und 
Humor dazu, dieses in seiner Unbestimmtheit so wirkliche Etwas, liber alle 
Tragik und Komik hinaus, die irrationale Zahl in der geistigen Lebens- 
rechnung. Das waren rechte Festmorgen des Lesers. Und der Leserin. 
Der Wienerin, fiir welche dieser Schwabe so viel iibrig hatte, die er so mit 
dem Herzen verstand. »Das Beste, was die Wiener besitzen, sind ihre 
Frauen«, schrieb er einst in jenem Meisterwerk aus dem Leben geschOpfter 
Stimmungsprosa: »Eine Wienerin. « Das war eigentlich der Nekrolog einer 
Frau; C&lestine Bosendorfers, der Gattin seines alten Freundes Ludwig 
Bftsendorfer. Einer edlen Dame und einfachen Frau. Als ob es eine ein- 
fache Frau gabe! »Man lernt schon eine einzige Frau nie ganz kennen« 
(ich zitiere aus dem Gedachtnis), schrieb er einst. »Was ist doch ein 
Madchen fiir ein oberflachliches und zugleich tiefes Ding«, steht in einem 
seiner geheimsten Tagebuchheftchen. Er bewunderte die Frau zeitlebens als 
Krone der Schopfung, bis in ihre physischesten Arrangements hinein. So in 
dem Feuilleton: » Weibesschonheit«: »Wenn man die schlauen Gange und 
den Situationswitz der Natur iiberdenkt, so ist das Weib das Meisterstiick 
der Schopfung. . . Ein System von Zwecken, aber das wundervollste, das in 
dieser Welt zu ersp£hen.« Und dann wieder einmal scherzend, mit dem 
scharfen Jagerblick fiir die Natiirlichkeiten aller Geschopfe, wenn er etwa 
vom breit hintappenden Gang der Venezianerin sagt: »als hatte sie Schwimm- 
haute zwischen den Zehen«. Aus diesem tiefen, elementaren und doch 
wieder abschatzenden Mannesgefuhl fiir das Weib, aus dieser Triebhaftigkeit 
des Verstandnisses fiir das Geschlecht, flossen dann gewisse lebensphilo- 
sophische Festdichtungen, die man auch nur Feuilletons nannte. »Frauen- 
alter«, »Fiir die Wienerinnen*, » Fanny Elfilers Fufi«, »Hans Makart und 
die Frauen«, »Ohne Mutter* (»Die Mutter sind iiberall zugegen, und miiBten 
sie das Grabgew5lbe durchbrechen*), die marchenartige Novellette »Spiegel- 
bilder«, »Die Kunst, arm zu werden«, aber auch einige spatere Nekrologe, 

14* 



2 1 2 Spcidcl. 

fiber Helene Hartmann etwa und Charlotte Wolter. Selbst auf der Reise 
trat ihm gelegentlich eine solche Weiblichkeit entgegen und regte ihn zum 
Formen an; etwa die alte polnische Gr&fin in Krapina-Teplitz, wo er dfters 
zur Kur weilte. Das ergreifendste dieser Stficke heifit »Alte M&dchen* 
(1876). Wie viele stille Trftnen schmerzlich sfiflen Trostes und elegischer 
Ergebung haben dieses Zeitungsfeuilleton benetzt. In wie vielen Ausschnitten, 
mit arbeitgewohnter Schere, ruht es auf dem Grunde irgend welches alt- 
jfingferlichen Reliquienschreines weithin durch das grofie Wien. Aus wie 
vielen einsam stillen Herzen heraus ist dieses Feuilleton geschrieben. Den 
» Pindar der alten Jungfern« nennt er sich hinterdrein einmal, im Scherz 
fiber die eigene Bewegtheit. Und wer ffir das Weib ftihlt, ffihlt auch for 
das Kind. »Ein Fatschenkindlein, kaum vierzehn Tage alt, ist der Held 
dieses liebenswfirdigen Gemaldes«, heifit es in einem frfihen Weihnachts- 
feuilleton: »Aus der Kinderstube.* Und Weihnachten 1872: »Wir glauben 
Kinder zu machen und werden von ihnen gemacht, wir glauben Kinder zu 
erziehen und werden von ihnen erzogen.* Ein wahres Kinderfest ist es ihm 
sogar, wenn er schildert, wie Mitterwurzer einem erwachsenen Publikum 
MSrchen vorliest (»MSrchenhaftes«). Wenn er solche intime Dinge schreibt, 
steht er so mitten in ihnen, zugleich aber hoch darfiber, mit dem Blick 
hinab und hinein und hindurch bis auf den Grund. Das ist der eigentfim- 
liche Charakter/iieser so esoterisch anmutenden Schriften. Er ist ein Durch- 
schauer, darum sieht er auch sofort das Undurchschaubare. In alien 
diesen anscheinend so offenbaren Dingen geht ihm das Geheimnis auf 
und rfihrt ihn mit leisen Schauern an, die hinfiberzittern in die Nerven 
des Lesers. Wie ratios steht er dann vor dem Mysterium, und auch 
diese Attittide ist eine ihm eigene. Und die leise, kaum einbekannte 
Rfihrung ob dieser Ratlosigkeit Seit Jean Paul ist in deutscher Sprache 
solches nicht geschrieben worden. In englischer eher; Carlyle, Emerson, 
Ruskin. 

Auch seinen Freunden hat er solche kleine Denkm&ler gesetzt. Ich 
sage Freunden, aber das Wort spielt in allerlei Schattierungen. Der Begriff 
reicht vom Schulkameraden Schenner bis zum Stammtischgenossen (der stille, 
ehrenfeste Kaufmann Ludwig f£llt mir ein), von der lauteren CSlestine bis 
zum einsamen Spatzen, dessen Ode Weihnachten er schilderte. »Einsame 
Spatzen«, ja, das ist wieder eines jener unvergefllichen Feuilletons, von 
denen die Generation spricht, so lange sie eben noch am Leben ist. Der 
Held dieser ganz besonderen Stimmungsstudie ist nicht genannt. Es war 
einer meiner Kollegen vom Wiener »Fremden-Blatt«, Ludwig Porges. Ein 
schlichter, treuer Mann, nicht ohne eigenen Zug von anges&uerter Lebens- 
freude und resigniertem Trost im Humpen. Nebenbei Jude, getauft, aber 
mit plOtzlichen judischen Jahren zwischendurch; wer kennt die Schleichwege 
des Gemtits und seiner Atavismen? Er hatte in der Redaktion einen groflen 
Kafig stehen, mit einer aus Dalmatien zugesandten Schwarzdrossel oder 
Blauamsel (ich bin kein Omithologe), die in der Mundart »einsamer Spatz* 
heifit, Jahrelang safl der dunkle Vogel in dem groflen Kafig und wenn er 
sang, liefen dem alten verwitterten Junggesellen am beklecksten Bureautisch, 
dem verwittwet geborenen Tintenkuli mit der rostigen Schere in der Hand, 
dicke Tr£nen fiber die Backen. Der einsame Spatz war dem einsamen 



Speidel. 2 1 3 

Spatzen eine Ruhrung. Zu seinem Leichenbegangnis ging Sp. natiirlich nicht. 
Er ging iiberhaupt mit keinem Toten. Er haflte den Tod und wollte nichts 
von ihm hflren. Wie Goethe, der nicht einmal zu bewegen war, die Leiche 
Schillers anzuschauen. Dann aber kam wohl ein Augenblick, da erwies er 
dem Toten die letzte Ehre in seiner Weise. Trat unangemeldet an sein 
Grab, der Stein und der Name darauf gleich unschfeinbar, und schrieb iiber 
den Mann . . . eine Wiener Stimmungslandschaft. » Auf freier H5he « heifit 
das wunderliebe Spazierfeuilleton, dessen Ziel der idyllenhafte Friedhof auf 
der Tiirkenschanze ist. An Porges' Grabe setzt er sich und spricht lange 
mit ihm, als waren sie noch beide lebendig oder schon beide tot. » Er war, 
wie die Schrift sagt, ein gerechter Israeli ter.« Und zuletzt: »Ich kdnnte ihn 
nennen, aber wozu? Er war ein bescheidener Journalist. Ich ehre seine 
Bescheidenheit, indem ich ihn nicht nenne.« Ein gefafites, stilles Gedenken, 
eine Gegenwart, die von einer Abwesenheit durchdrungen ist. Manchmal 
mehr nekrologisch gef&rbt, aber doch immer mehr am inneren, privaten 
Menschen haftend, aus ihm heraus spinnend. Man denke an die Feuilletons 
iiber den Bildhauer Heinrich Natter, die treue Seele, iiber den musikgelehrten 
Kauz Gustav Nottebohm, iiber Anselm Feuerbach, den Satiriker Daniel 
Spitzer. Manchmal nekrologisierte er sie gleichsam schon zu Lebzeiten, 
gleich biischel weise : »Ein Wiener Stammtisch« (im alten »Winterbierhaus«), 
oder in peripatetischer Sommerlichkeit in einer jener geschriebenen Land- 
partien um den Kahlenberg herum: »Auf der H5he von Liesing« (Mai 1872), 
wo ihn eine Menge Freunde oder Zeitgenossen unsichtbar begleiten : Finanz- 
minister Brestl, Bernhard Scholz, Martin Greif, Johannes Ziegler, Ludwig 
Steub, jeder mit unverkennbaren Lebenszeichen sich kundgebend. Er war 
ja so ein Medium. Und auf dem »Liesinger Felsenkeller« versammelt er 
die Korperlosen um sich und tauscht mit ihnen »Biergedanken«. Er wird 
nicht miide, diese anmutigsten der denkbaren Hiigel zu bewandern; nur 
Weinhiigel konnen so in geistigem Reize schimmern. »Wer kennt nicht die 
Goldene Krone zu Gumpoldskirchen?« fragt er einmal in »Stilleben im 
Wienerwald*, einer novellistisch durchsetzten Feuilletonfolge aus friiherer 
Zeit. Klassische Hiigel und Taler. Mit noch ganz anderen alten Freunden 
durchstreift er sie oft. » Beethoven in Heiligenstadt« (noch 1907, jedenfalls 
variierter Neudruck), » Franz Schubert in der Holdrichsmiihle « (Hinterbriihl 
bei MGdling). Beethoven ist iiberhaupt einer der Gotter seines Lebens. 
»Beethovens aufiere Erscheinung« ist so einer seiner Feiertagsartikel ; kann 
es etwas Festlicheres geben, als sich Beethoven vorzustellen, wie er war und 
nun bleiben wird? Die Max Klingersche Vorstellung freilich ging ihm 
weniger ein. Wer so stark ist, dafi er sich seinen eigenen Beethoven machen 
kann, dem gefallt der eines andern nicht. Klinger empfand den Menschen 
in Gottergestalt, Sp. den Gott in Menschengestalt. Er spiirte auch das 
» Biedere « der Biederzeit in ihm und das war ihm nur noch ein menschlicher 
Reiz mehr. Das gewisse Altmodische (was ist denn archaisch anders?), das 
alle Heiligkeit hat; und fiir uns projiziert sich das eben chronologisch in 
die Biedermeierzeit hinein. Kein Wunder, dafi gelegentlich einer den 
ganzen Sp. zu »bieder« sah und seine Vorm&rzlichkeit lobte. In einem der 
neuesten Jubilaumswerke iiber Wien wird gar festgestellt, er habe dergleichen 
»in Wielands Art geschildert*. Warum nicht gar! 



2 1 4 Speidel. 

Stimmungskunst, das ist das innerste Wesen dessen, was wir heute 
modern nennen. Als grofier Stimmungsklinstler war auch Sp. durchaus 
modern. In seinem Stil eher Plastiker als Kolorist, wie die ganze neuere 
alemannische Literatur, von Ulm bis Seldwyla hinab, war er doch ganz 
vergoldet von den weicheren, westlichen Luftstrdmungen. Danim hatte er 
auch so das Talent, sicfh einzuwienern, obgleich er keineswegs nach jener 
Mfinchner Befiirchtung verwienerte. In einer Reihe seiner Stimmungs- 
feuilletons nun erhob er sich bis zu HOhen historischer Stimmung, von 
denen ein Gregorovius etwa (der ihm uberhaupt zu prezids war) keine Ahnung 
hatte. Schon in jungeren Jahren fehlte es nicht an Anlissen, hOchste 
deutsche Warten zu erklimmen und von da aus die Zeit zu betrachten. 
Das sittliche Moment war ihm ohnehin immer der natQrliche Hintergrund 
des Schaffens. Er liebte es und verzieh es, wenn es dann einmal nicht 
gerade zu kiinstlerischer Mitwirkung gelangte. Zu Schiller schrieb er einst: 
»Der Deutsche mag sich gern den Vorwurf gefallen lassen, dafl er das 
Sittliche und Poetische nicht zu trennen verstehe. Es liegt nun einmal in 
unserer Art, von der Poesie ein wenig etwas wie Erbauung zu verlangen.* 
Da kam denn auch die Zeit der m&chtigen deutschen Stimmungen liber ihn. 
Im »groflen Weltjahre 1870* schrieb er jenes Feuilleton: »Der Gott im 
deutschen Lager.« Einen Lobgesang auf Armut und Arbeit der Deutschen; 
das ist der Gott in ihrem Lager, der sie grofl und stark gemacht hat. 
Gl&nzende Schillertage kamen, zuletzt noch der 3. Juli 1904, und verlangten 
ihn. »Wo zwei Deutsche beieinander sind, da ist Schiller mitten unter 
ihnen.« Er hatte iiber Schiller in gar verschiedene Zeitungen zu schreiben, 
auch in die kaiserliche » Wiener Zeitung«. Es ist sehr interessant, wie er 
sich da eigens auf die Definition der Schillerschen Freiheit wirft, die so 
stark mit Ordnung und Gesetz synonym war. » Schiller als Partei-Name« 
heifit der Aufsatz (Abendblatt der W. Ztg. 18. November 1859). » Freiheit 
im Sinne eines Partei-Spitznamens « sei nicht nach Schillers Sinne, dessen Tell 
»Wiederherstellung der durch persOnliche Zwingherrschaft vernichteten gesetz- 
lichen Zustande« angestrebt habe. »Der Ehrenbiirger der franzdsischen 
Republik bezeichnete jene Manner auf gut schwabisch als »elende Schinder- 
knechte* und verschlofl sich gegen die franzSsische Revolution ebenso wie 
sein Freund Goethe. « Erst mit der inneren Reife, bei endgQltig gefestigten 
dufieren Lebensumst&nden, fand er den ihm naturgem&fien Standpunkt und 
sprach wie von Souver£n zu Souver£n. Ich kOnnte ebenso gut sagen: von 
Deutschem zu Deutschem. Nie ist er so ganz Sp., als wenn er von einem 
starken deutschen Manne sagt und dessen innnere und &ufiere Natur auf- 
bauend miBt und begreift. Die Schriftsteller liegen ihm ja ganz besonders; 
die Schiller, Vischer, Jakob Grimm, D. F. Straufi, Uhland, Freytag, auch 
Andreas Schmeller und sein bayrisches W6rterbuch. »Das Heimatsgefiihl 
der Briider Grimm « ist ihm noch ein besonderer Weihnachtsstoff geworden 
Da ist er ganz und gar in seinem Element. Literarische, philosophische, 
kritische Selbstmanner. Je mehr Kernmensch, ihm desto genehmer. Selbst 
der Jude schreckt ihn nicht. Moses Mendelssohn, Heinrich Heine, dem $r 
sein Denkmal heischt, und Ludwig BOrne, dem er im Auftrage des Wiener 
Schriftstellervereins » Concordia* die Festrede schrieb, » gegen den Sturm, 
der mir ins Gesicht weht« (in antisemitischer Zeit). »Nein, ich kann nicht 



Speidel. 215 

glauben, dafl Bfirne tot sei.« Er steht »an der Spitze der Geister, die ver- 
neinen,, aber er verneint nur, um fur die Zukunft Raum zu schaffen*. Ins 
Monumentale geht er, wenn er von Ulrich Zwingli schreibt, dem sein Freund 
Natter in Zurich das Denkmal gesetzt. Und ins Monumentalste, wenn er 
Martin Luther feiert (1883), der Katholik den Protestanten. »Reicher, als 
man glaubt und nicht in wenige Worte zu fassen«, schreibt er unwillkurlich 
hin, wie ihm dieser Stoff unter den Handen ins Ungeheure schwillt. Seine 
T6chter erinnern sich noch genau an den Tag, an dem »Papa iiber Martin 
Luther schrieb«. Den ganzen Tag herrschte eine feierlich gehobene Stimmung 
in der Familie, kein Laut war zu hftren, Andacht machte das Haus zur 
Kirche. Und als der Gottesdienst dieser Arbeit zu Ende war, zog stiller 
Jubel ein. Weib und Kinder verehrten ihn grenzenlos. 

Deutsch, im Sinne der Klassikerzeit, war auch sein lebenslanges Fest- 
sitzen. Er war die eingefleischte Seflhaftigkeit. Sein Sehkreis war eigentlich 
ein Stubenhorizont, wenn auch die Stube hoch lag und weit in die Runde 
sah. Nicht bis ans Ende der Welt, aber hoch in den Himmel hinauf. Er 
kannte die Weltstadte drauflen weniger gut als die WeltkGrper droben. Nach 
jener Londoner Reise kommen erst spat weitere Fliige. Allein schwang er 
sich zu solchen Abenteuern iiberhaupt nicht auf. Wenn sich eine Lokomotive 
wie Heinrich Natter vorspannte, liefi er sich allenfalls auch nach Italien 
remorkieren, aber es kam erst 1888 dazu. Vorher hatte er blofl die Schwelle 
betreten, auch wiederholt mit der Familie im heifien Bade zu Battaglia, bei 
Padua, geweilt. Ein vorziigliches Feuilleton von dort gleicht einem 
abgeblendeten Zimmer, in das durch Ritzen allerhand unglaublich Licht- 
gliihendes fallt. Es ist auf Albrecht Diirers Wort gestimmt: »Wie wird mich 
nach der Sonnen frieren!« Auch in die nahen Euganeen fuhren sie, nach 
Arqui, die Petrarca-Statte. Mit Natter kam er bis nach Rom. Einige 
Stellen aus Briefen an seine Frau deuten den Eindruck an. Rom, 19. April: 
»Wir sind sechs Tage in Florenz geblieben, dann je einen Tag in Siena 
und Assisi — beim heiligen Franz — zugebracht. Venedig hat uns auch 
drei Tage gekostet. Wir haben viel gesehen, fast zu viel, und eine Masse 
Makkaroni, vorziigliche, gegessen, die nur noch besser sind, wenn Du sie 
bereitest. Von Rom habe ich noch keinen Eindruck, er wird kommen. 
Hotel Aliberti, via Margutta.« (Er hatte in vier Hotels kein Zimmer 
bekommen.) Rom, 20. April: »Beim Anblick vom Moses brach Natter so 
heftig in Tranen aus, dafi er sich zehn Minuten lang hinter einem Pfeiler 
unsichtbar verbarg. Hier in Rom ist alles viel einfacher und grofier, als 
man es sich aus der Feme denkt; Michelangelo, Raffael und die ganze 
Stadt. Worte und Abbildungen helfen wenig, wie ja auch der Mensch 
immer ein anderer ist, wenn man ihn nach dem Horensagen personlich 
kennen lernt.« Aus Venedig, im April: » In Venedig, das mir wieder unglaub- 
lich gefiel, bin ich im Pelzrock herumgegangen.« Er war voll gesogen und 
gewifi des Eindruckes froh, dennoch schreibt er auf der Ruckreise (Bergamo, 
1. Mai): »Ich bin miide und werde so bald nicht wieder reisen. Reisen ist 
nicht mein Talent, ich bin eine viel zu beschauliche Natur, als dafl ich mich 
jeden Augenblick durch die Aufienwelt mftchte aufschrecken lassen.« In 
seinen jungen Wiener. Jahren mufl er sich wenigstens zu Abstechern nach 
Salzburg, Prag, Pest aufraffen, von wo er Sommerfeuilletons oder Musik- 



2l6 Speidel. 

berichte schreibt. 1880 waren wir zusammen bei den bertihmt gebliebenen 
Mustergastspielen in Mfinchen. Dort schlofl sich ihm besonders Wilhelm 
Triibner an, und er hatte auch eine Audienz beim Prinzen Karl. Er machte 
dann mit mir und meiner Schwester den Ausflug zum Spiel nach Ober- 
ammergau. (Das Feuilleton dariiber schrieb er freilich erst zu nSchsten 
Weihnachten.) Er war ein sehr bekdmmlicher Reisegef&hrte und hatte eine 
Riesenfreude an der Natur. Am liebsten safi er auf dem Bock und genofi 
sie aus der »Kutscherperspektive«. Im Ettaler Br&ustubel, wie auch auf den 
luftigen Sommerkellern der Theresienwiese hat er uns manche Stunde so 
recht auf Altmunchen gestimmt. Ich sehe ihn noch, wie er mit dem Daumen 
in den Maflkrug fahrt und den Schaum herausschleudert. Und wie er den 
weiflen Rettig kunstgerecht tranchiert, mit der Rettigmaschine natiirlich, 
deren Spiraldrehung und die Entstehung der »unendlichen Kringel* einen 
feierlich kosmischen Unter- oder Ubersinn bekam. In den Jahren 1883 und 
1886 schrieb er aus Berlin fiber das Deutsche Theater, fiber eine Jubelaus- 
stellung. Seine anmutige Reiselaune macht fibrigens seine Briefe an die 
Familie ungemein erquicklich. Und sie sind es so ohne Absicht. (» Kraft 
ist die Wurzel der Anmut«, schrieb er einst in jenem Aufsatz fiber Fanny 
Elfilers Bein.) Da heiflt es an Frau Leontine: »Nicht wahr, die Feme 
idealisiert und auf funfzig Meilen bin ich ein ganz lieber Kerl? Ich werde 
Dich also nfichsten Donnerstag entzaubern, wo ich mich Strohgasse 1 im 
dritten Stock einfinde.* (Ulm, 24. Juli 1872.) Und an eine jungere Dame f 
eigens als Postskriptum: »Du bist ein gutes M&dchen, aber dumm vor lauter 
Gescheitheit Das Alter wird das bessern und Du wirst gescheit werden 
vor lauter Dummheit* 

Uber den Stil Sp.s ist nach allem Bisherigen weiter wenig zu sagen. 
Er ist einfach, sinnlich und deutsch. Es ist keinerlei Geflunker und Gekr&usel 
daran, alles soil in seiner natfirlichen, wie selbstverstfindlichen Form gesagt 
sein, ohne Zuviel noch Zuwenig. Ohne wirksame Geberde oder aufgepflanzte 
Kftrperhaltung, ohne Rednerei und papiernen SchnSrkel. Der innere Reichtum 
schwellt die Form, sprengt sie aber nie. In seinen besten Sachen steckt 
immer viel mehr, als gesagt ist* Man kann seinen Worten nachh&ngen, an 
6einem kurzen Garn noch lang weiterspinnen. Kfirze n8mlich ist bei solcher 
Artung sein natfirliches Mafi. Wie er keine langen Reden halt, sondern 
lieber epigrammweise mit schlagenden Bemerkungen, Meinungen, Urteilen in 
das Gespr&ch eingreift, so hat er sich auch im Schreiben nicht auf den 
langen Atem trainiert. Wie kein Dauerredner, so kein Dauerschreiber. 
Und in der Handschrift sahen seine AufsStze noch weit lakonischer aus. 
Auf ein Oktavblattchen schrieb er ein sechsspaltiges Feuilleton, mit einer 
nervigen, aber winzigen Schrift, die nach unten hin immer mikroskopischer 
wurde. Sein grofler Essay fiber das Theater fur das Gedenkbuch »Wien« 
macht im Manuskript sechs kleine Quartseiten. Diese knappe Feder kam 
sichtlich aus der Sphare Lessing-B6rne. Mit franzdsischer Schulung, wie 
gelegentlich gesagt worden, hatte sie nichts zu tun. Er war von Grund aus 
deutsch. Deutsch wie unsere grofien Klassiker auch darin, dafl dichterische 
Einbildungskraft und denkerische Grubelkraft ihm aus gemeinsamer Wurzel 
kamen. Er faflte ganz begriffliche Werte in so sinnliche Formeln, dafi der 
Geist dem Leser wie materialisiert entgegentrat. Es war, wie Alfred 



Speidel. 2 1 7 

von Berger treffend bemerkt, als gebrauche er die deutschen Worter naeh 
ihrer »Urbedeutung«, nach dem ersten, tiefsten Sinne, den sie von Natur 
aus haben, der aber jetzt durch Gebrauchlichkeiten verschleiert ist. Wobei 
iibrigens zu merken, dafi er keineswegs » germanistisch « schrieb. Die 
meisten hielten ihn fur einen gewiegten Germanisten; so tiefes Sprach- 
empfinden schien aus der Fachschule kommen zu miissen. Aber er war 
nichts weniger als so ein Schuldeutscher. Sein Deutsch war das einer 
genialen Triebnatur, eines Germanisten, wie das Volk einer ist. Dabei hing 
sein Sprachwesen stark nach der Vergangenheit fiber. Luther, Hans Sachs, 
Lessing, Goethe, Hamann, die Ehrenfesten des achtzehnten Jahrhunderts 
uberhaupt, das war seine Akademie fur deutsche Sprache. Bezeichnend 
genug, dafi der Magus aus Norden zeitlebens einer seiner Lieblings- 
schriftsteller blieb. Daran liefi sich so gut kauen, namlich wenn einer 
die Zahne dazu hatte. Er hat in diesen dunklen Buchern gelebt und mit 
ihren R&tseln so lange getandelt, bis er Losungen fand; immer andere 
Losungen, denn das ist ja gerade der Reiz des Unl6sbaren, dafi es ins 
Unendliche losbar ist. Solche Zimmergymnastik mit Zentnergerwichten ist 
auch deutsch. Er hatte in seiner Biicherei zwei alte Hamannausgaben. Die 
kleine mit den vielen gelben Bandchen war ihm die liebste. Auch wenn 
er so an einer seiner langwierigen Venenentzundungen daniederlag, liefi er 
sich immer wieder so ein gelbes Bandchen ins Bett reichen. Das war ihm 
Hebe Erbauung. Den Damen des Hauses war das alles schon gelaufig. 
Uberhaupt nahmen sie an seinem geistigen Leben den regsten Anteil und 
waren ihm »Hilfen«, mit Ibsen zu reden. Sie waren ihm ein Widerhall, 
den er brauchte und oft suchte. Etwa wenn er mit einem Bandchen Goethe 
seiner Frau bis in die Kuche nachlief und keine Ruhe gab: »Hor einmal, 
was er da wieder sagt.« Auch dieser Goethe war iibrigens so eine machtig 
lange Reihe niedlicher Bandchen, in altem Originaleinband von violettem 
Leder mit gelbem Schnitt. Alle diese Biicher waren ihm ans Herz gewachsen. 
In einem Goetheb&ndchen stiefi ich [einmal auf ein getrocknetes Pflanzlein. 
»Ach, das ist Gingo biloba,* hiefl es. Sp. spazierte gem im nahen botanischen 
Garten und war entzuckt, als er auf einem der weifien Tafelchen bei einem 
unscheinbaren Krautlein den Namen » Gingo triloba Z.« las. So heifit auch 
ein reizendes Gedichtchen Goethes. Er nahm die kleine Gingo heim und 
legte sie ins Buchlein zu dem Liede, das Goethe ihr gesungen. So lebte er 
in Poesie, ohne dafi die vielen es ahnten. Sehr bezeichnend ist auch, dafi 
nach seinem Tode ein Zettel gefunden wurde, und dann anderswo wieder 
einer, auf die er, bereits den Tod erwartend, mit zittrigem Rotstift die alt- 
biedern Verse geschrieben hatte: 

Ob Sterben grausam ist, so bild* ich mir doch ein, 

Dafi Lieblichers nicht ist, als schon gestorben sein. (Logau.) 

Angesichts des Todes trostete er sich mit dem Spruchlein eines jener ver- 
gessenen deutschen Dichter, die ihm lieb waren. Er durfte wohl der einzige 
Mensch in Wien gewesen sein, dem in seinen vorletzten Augenblicken gerade 
diese Logauschen Verse im Gemiit aufsteigen konnten. 

Deutsch, der echte deutsche Hausvater, war Sp. auch in seiner Familie. 
Er heiratete 1858 Fraulein Leontine Ziegelmayer, Tochter eines Professors 



2l8 Spcidel. 

an der k. k/ Ingenieurakademie. Sie starb am 6. Januar 1903, fast unerwartet. 
Dafi er sie iiberleben wCirde, war nie einem in den Sinn gekommen. Bei 
ihrem Begr&bnis war er selbst leidend und konnte sie nicht auf der letzten 
Fahrt geleiten. Er stand am Fenster hinter den Scheiben, und winkte ihr 
mit der Hand hach, ein Lebewohl, auf baldiges Wiedersehen vielmehr. Er 
war im Innersteri erschfittert und von da an ein anderer Mensch. Sprechen 
durfte man mit 'ihm iiber solche Dinge nicht. Leontine Speidel war eine 
Frau von seltenen Eigenschaften, wie geboren, seine irdische Vorsehung zu 
sein. Es war die reinste Liebesheirat. Das bildschOne, tiefbrtinette M&dchen, 
mit der hohen Gestalt und dem feurigen Temperament, wurde die tiichtigste 
Hau&frau, die lieb- und hilfreichste Gattin, Mutter. Ein starkes Gefiihlswesen, 
mit elementaren Zu- und Abneigungen, eine energische Natur, die ihn zu 
seinem Besten disziplinierte und in ihrer Weise auch regierte. Alles, was 
den geistig Schaffenden an umweltlicher Sekkatur (auch Goethe gebraucht 
dieses Wort des 18. Jahrhunderts) zu bedrangen pflegt, nahm sie ihm in 
Bausch und Bogen ab. Unberiihrt sollte er wandeln von allem gesellschaft- 
lichen Formelkram, materiellen Interessenzeug, von ehrenden Belastigungen, 
katzbuckelndem Zulauf, von allem, was Geldsache hiefi, von allem, was der 
Begriff » Mensch mit Menschen« Unbequemes, in die Quere Kommendes, 
iiber die Hutschnur Gehendes in sich fafit. Frau Leontine war die Schwelle 
zu seiner Tiire, und man mag sich denken, was das bedeutet bei dem 
allmachtigen Kritiker jener Zeiten. Sie war die unsichtbare Hand, die man 
nur aus den Ergebnissen ihres Waltens herausfiihlte. Sie war das Ruckgrat 
des Hauses, der Wille zum Zweck, gewissermafien sogar die Verwalterin des 
Sp.schen Geistes. Sie konnte von diesem reichlich spenden oder das Almosen 
versagen. Aber ihre Liebe zu ihm wurde ihr zum Gewissen, vor dem sie 
verantworten konnte, wie sie mit seinem Pfunde wucherte. Alle, die sie 
gekannt, sind darin einig, dafi sie ein unersetzlicher Schatz fiir ihn war. 
Das vorherbestimmte Korrektiv zu seiner genialen Bummelnatur; denn auch 
das Zeug, sich zu verbummeln, hatte er von Hause aus, als eine seiner 
Genialitaten. Zwei treffliche Tftchter wuchsen heran, ganz in der Stimmung 
dieses Hauses. Die eine, Amrei, heiratete den Wiener Frauenarzt Dr. Adolf 
Hink, die andere, Leontine, war noch die aufopfernde Pflegerin des Vaters 
nach dem Tode der Mutter. Mit zartlicherer Piet&t ist auch ein Andenken 
nie gehiltet worden. " 

Dieses System h&uslicher Vorsehungen, das Sp. umgab, war auch die 
materielle Vorbedingung seiner ScbaffensmOglichkeiten. Ein Hauptthema des 
Speidelmythos ist ja sein erbitterter Hafl gegen alles Schreiben. Die Leute 
nannten das einfach »Faulheit«. Das ist bequem, aber nicht erschOpfend. 
In jiingeren Jahren war er sogar fleifiig, vielseitig, allbereit. Erst spater, als 
er ein wichtiges Kulturelement Wiens war, wurde sein klassisches Zeitlassen 
ein stadtbekanntes Naturph&nomen. Die spezifische Schreibfaulheit (ich weifi 
nicht, ob die Psychiater sie schon unter ihre Typen von AbnormitSt auf- 
genommen haben) bekam nun bei ihm einen sittlichen Untergrund. Der 
strengste Kritiker war er gegen sich selbst. Nichts, was er schrieb, genugte 
ihm. »K6nnt' ich nur den Schmarrn in den Ofen werfen!« seufzte er, wenn 
er eben ein Feuilleton fertig gebracht hatte, das am n&chsten Morgen das 
literarische Ereignis war. Dann sagte wohl Frail Leontine: »Was der 



Speidcl. 210 

Pintsch gesehrieben hat, das ist gesehrieben. « (»Pintsch« war ein Bernhard 
Scholzisches Zartelwort und bezog sich auf die LGwenmfthne Sp.s.) Zufrieden 
mit seiner Arbeit hat ihn nie einer gesehen. Wenn er etwas besonders Gutes 
gesehrieben hatte, nahm er es eben hin, wie eine Fiigung des Schicksals, 
die man stoisch zu tragen hat. In seiner vorletzten Zeit neckte er mich 
einmal leise, ob ich nun nicht auch ein Feuilleton zum Tausendjahrtag des 
Cervantes schreiben wurde. Ich verneinte. Da sagte er wortlich: »Ober 
Cervantes zu schreiben ist sehr schwer. Man miifite ihn und seine ganze Zeit 
in sich lebendig haben. Namlich etwas Gescheites zu schreiben. Das macht 
ja Feiglinge aus uns alien. Ich schreibe nichts. Es soil sich ein anderer 
blamieren.« Die Schadenfreude im voraus, mit der er dies sagte, war 
iiberaus nett. Er war immer vollbewufit der Verantwortlichkeit eines solchen 
Unternehmens. Aller blaue Dunst war ihm zuwider, das Nursotun der Leute, 
das Wortemachen um der Worte willen. »Das reiche Schaufenster vor dem 
leeren Laden « nannte er so eine Leistung. Manches kraftige Wort ist mir 
im Ged&chtnis geblieben uber Nichtkonner, die sich fur Konner geben. 
»Dingelstedt hatte vom Dramatiker nichts als die Frechheit, sich fur einen 
zu halten.« Solche Satze fielen ihm aus dem Munde, ohne dafl er eigentlich 
etwas Wesentliches sagen wollte. So ist auch die Abneigung gegen das 
Schreiben aus verschiedenen Ursachen geflossen. Jedenfalls wurde sie ein 
chronischer Zustand, mit akuten Verscharfungen, die alien Mitteln trotzten. 
Auch Suggestion spielte dabei mit. Gerade um seine Bliitezeit, noch die 
achtziger Jahre durch, herrschte in seinem Freundeskreise ein fbrmlicher 
Sport, eine Bravour des Nichtschreibens. Daniel Spitzer sagte mir often: 
»Ich bin krank, wenn ich schreiben mufi.« Auch einige andere des Stamm- 
tisches bei Gause waren grofie Nichtschreiber oder Schwerschreiber vor 
dem Herrn. Da fand Sp.s Anlage reichlich Nahrung; jeder Psychologe weifi, 
was das bedeutet. Schon in seiner Vollkraft kostete es ihn die hochste 
Uberwindung, sich an den Schreibtisch zu setzen. Hatte er nur erst 
begonnen, so ging es ja und erstaunlich bald lag das Manuskript da, wie 
gestochen, ohne ein gestrichenes Wort. Immer schwerere Tage kamen. Das 
ganze Haus fieberte, wenn Papa zu schreiben hatte. Schon tags vorher 
richtete er seine ganze Lebensweise darauf ein. Der Arbeitstag selbst aber 
war ein kritischer erster Ordnung. Es wurde Nacht gemacht, die Lampe 
angeziindet, die Tiire verriegelt, kein Mauschen durfte sich im Hause riihren. 
Zum Essen erschien er nicht, die Klausur war unverbriichlich. Die Horchenden 
hOrten ihn drinnen achzen und stohnen, auch wettern und im Kafig umher- 
stiirmen. Dann wurde es stiller, er schrieb. Gegen Abend ging seine Tiire 
auf, er erschien. Man begruflte ihn wie einen Operierten, der endlich das 
Sanatorium verlafit, der Alp wich vom Hause. Er hatte wiederum sein 
Bestes geleistet, aber er wandte sich mit Abscheu davoh. Es gibt auch 
junge Mutter, die ihr Neugebornes nicht ansehen kGnnen. Ludwig B6sen- 
dorfer erzahlte mir, wie er ihm oft ganze Feuilletons mehrere Wochen, ehe 
er sich zum Niederschreiben entschlofi, auswendig hergesagt habe, bis auf 
das letzte i-Tiipfelchen. Er war eine Natur, wie die alten Philosophen, die 
mit ihren Junglingen im Haine des Akademos oder in der Stoa wandelten, 
oder auch vor ihrem DiogenesfaB in der Sonne lagen und zwanglos 
disputierten. Mochte dann irgend ein Plato ihre Worte nachtraglich auf- 



220 Spcidcl. 

schreiben, sie selbst riihrten keine Feder an. So einer war Sp. Mehrere 
Eckermanner hatten urn ihn reichlich zu tun gehabt. Im Alter wurde dann 
dieser Zustand zur wirklichen Krankheit. Eine Idiosynkrasie, wie sie 
im Buche steht, bildete sich aus, er konnte wirklich nicht mehr. Seine 
Redaktionen dr&ngten, boten Schlauheiten auf, fuhrten Handstreiche aus, es 
nutzte nichts. Er schlofi sich wohl wieder ein, das Blatt Papier vor sich, 
und safl stundenlang davor, in TnLnen. Wenn die Tiire aufging, war keine 
Zeile geschrieben. Man machte sogar Miene, ibm das libel zu nehmen. 
Warum? Wie viele Menschen schreiben denn noch mit 72, 74, 76 Jahren? 
Warum sollte gerade er es sein? Eine Zeile von seiner Hand war in diesen 
Jahren schon eine solche Raritat, dafi ich es fur besonders zarte Auf* 
merksamkeit nehmen mufite, als er einmal eigens ftir mich ein Epigramm 
abschrieb, das er fiir das Stammbuch der Tochter des Hofschauspielers 
Konrad L6we verfafit hatte. Denn schon das Abschreiben war ihm schreck- 
lich. Klassisch-dafur ist der Fall bei seinem 70. Geburtstag. Dieser wurde 
f estlich begangen, die Redaktion der » Neuen Freien Presse « gab ein Festmahl 
im Hotel Continental, auch ein Speidel-Festblatt erschien dazu (15. April 1900). 
Und von fernher kamen Griifle, ja Huldigungen. Die bekannte deutsche Wein- 
kolonie in Griechenland, »Achaia« bei Patras, auch »Gutland« geheifien, 
schickte ihm damals eine Kiste voll ihres edelsten Mavrodaphne. Er freute 
sich und schrieb ein langes, wirklich schdnes Dankgedicht in achtzeiligen 
Stanzen. Ich habe es im Entwurf gelesen. Denn es abzuschreiben und 
abzusenden, dazu brachte der Poet den Entschlufi doch nicht auf. Erst 
Jahre spater, als ich in Achaja war und in einem Feuilleton flber den 
Mavrodaphne diesen Fall Sp. erzahlte, wurde das Gedicht wieder bervor- 
gesucht und » sollte « endlich ins Reine und auf die Post gebracht werden. 
Aber es kam wieder nicht dazu. 

Man kann sich vorstellen, welche Anstrengungen es seiner Umgebung 
kostete, ihn dahin zu bringen, dafl er zugesagte grttfiere Beitr&ge zu hervor- 
ragenden Verttffentlichungen wirklich verfaflte. Die betreffenden Redakteure 
erzShlen Abenteuerliches. F6rmliche VerschwOrungen der Freunde und der 
Familie fanden statt, um ihn physisch und moralisch herumzukriegen. So 
entstanden die erwahnten groflen gehaltvollen Essays: » Theater* in dem 
Jubiiaumswerke »Wien 1848— 1888 « und »Das Wiener Theater « in dem 
bekannten Quellenwerk »Die Osterreichisch-Ungarische Monarchic in Wort 
und Bild«. Wie erwahnt, schrieb er auch zu Rahls athenischem Fries die 
Einleitung. Auch in dem mit Hugo Wittmann herausgegebenen Buche: »Bilder 
aus der Schillerzeit « (Stuttgart, Spemann) war sein Beitrag nur das erste 
Kapitel. Desgleichen zu dem Buchlein: »Kleine Schriften von Heinrich 
Natter. « An diesem hatte ihn die naive Natiirlichkeit des schreibenden 
Bildhauers und Tiroler Kernmenschen gereizt, so dafi er ein Natter-Feuilleton 
als Vorwort beifugte. An Versuchen, ihn zur Herausgabe seiner Schriften 
oder einer Auswahl zu bewegen, hat es natiirlich nicht gefehlt. Der Haupt- 
grund, dafi er es nicht tat, war doch eigentlich, dafi er darin seiner Familie 
ein verwertbares Vermachtnis vorbehielt, das er nicht erst durch vorzeitige 
Antastung schwachen mochte. Frau Leontine barg das alles ergeben in der 
' grofien alten Truhe und liefi die Zukunft herankommen. 

Ein Konservativer war Sp. auch in seinen Freundschaften. Einige dieser 



Speidel. 221 

Beziehungen sind ja schon erwahnt. Manche kundigen sich bereits in 
friiherer Generation an. In seinem Nekrolog auf den Wiener Klavierbauer 
Ignaz Bosendorfer (1859) verweist er schon auf dessen altesten Sohn Ludwig, 
auf den die Hoffnungen der Fabrik iibergehen. Schon damals, wie spater 
bei diesem, heifit es: » Seine Klaviere besitzen das beneidenswerte Talent, 
den Kiinstlern Geniige zu leisten und dem Publikum zu gefallen. Sie 
geniefien das seltene Gluck, zugleich vortrefflich und popular zu sein.« 
Ludwig wurde spater einei seiner vertrautesten Freunde. Eine besondere 
Stellung zu ihm nahm Hugo Wittmann ein, sein Landsmann aus Ulm und 
ausgezeichneter Mitfeuilletonist an der »Neuen Freien Presses Von ihm 
erwartet man auch die Herausgabe der gesammelten oder ausgewahlten 
Schriften. Es ware eine lange Liste, die Personen alle zu nennen, die zeit- 
weilig oder dauernd am Sp.schen Stammtisch gesessen, wo immer er sich 
befand, im » Reichenberger Beisel«, Winterbierhaus, » Griechenbeisel « oder 
bei Gause (es war die erste Siegesblute des Pilsener Bieres). Da war 
durchaus kein Fachprotzentum, mancher schlichte Mann war eine Hauptstlitze 
des Tisches und mit der Zeit als Veteran in dieser Eigenschaft gefeiert. 
Wie Kaiser Franz sagte: »Gemischte Gesellschaft? Wenn ich in keiner 
solchen sein wollte, miiflte ich in die Kapuzinergruft gehen.« Es waren 
natlirlich meist trinkbare Leute. Der Musikkritiker Eduard Schelle trug wohl 
den Rekord davon; auf ihn und noch etliche pafiten gewisse in echt Sp.scher 
Weise ergriindende Betrachtungen »uber die unbandige deutsche Trinklust, 
die ihre tief damonische Seite hat«. (In der Kritik iiber » College Crampton«, 
auf eine Rosenkranzsche Diatribe gestiitzt.) Aber auch in dieser Richtung 
wurde alle die Zeit her viel gefabelt. Jedenfalls konnte es, wo Sp. zu Biere 
saB, jederzeit mit Plutarch (Brutus 34) heifien: »Kort raiSidv -oto; ecr/ev oux 
Syapiv oio dcpdoaocpov. « (»Auch war Scherz bei dem Trinken, und dieser war 
nicht ungefallig und nicht unphilosophisch«.) Man vertrug viel, aber nicht 
ohne Wurde. Noch jetzt ist ein grofies Kartonblatt erhalten, worauf Anselm 
Feuerbach bei Gause (1876) »Die Plejaden« gezeichnet hat, namlich die 
Sp.sche Tafelrunde, mit sieben Portrats und zwei Vignetten. (»Neue Aus- 
grabungen in Pompeji. Mosaikboden in der Casa des Latitius Asinius. 
Gefunden von Prof. Zucurtius in Berlin. «) In der Mitte der Kopf Sp.s als 
Sonne, die Mahne als Strahlenkranz stilisiert. Um ihn her Johannes Ziegler, 
Nottebohm (der beste), der Pianist Eder, Josef Bayer, Martin Greif und 
Hugo Wittmann, dieser noch voll Pariser Erlebnisses, Cancan tanzend nach 
der Melodie: »fai du bofi tabac* Horaz hatte dazu gelachelt. Es war 
damals iiberhaupt, man mOchte sagen, eine jungere Zeit. Die grofle Wiener 
Lebezeit vor dem Krach wirkte noch nach und der Krach hatte diesen 
Musenpriestern nichts anhaben konnen. Ein Stil fur reizende Privatissima 
bei Wein, Weib und Gesang hatte sich erhalten. Ich erinnere nur an die 
kostlichen Kellerabende im Hause des Barons Erlanger in der Metternich- 
gasse, wo junge Damen der Gesellschaft, als Kellnerinnen gekleidet, auf- 
warteten und das amiisante Wien beisammen war. Auch Sp. gehorte dazu. 
Und Bosendorfer, der taktvoll Fursorgliche, machte so manches Mai den 
getreuen Eckart, der unverlafilich gewordene Schritte sicher heimwarts lenkte. 
Man war jung. Sp. war sein lebelang ein aufierst angenehmer Gesellschafter. 
Gemiitlich, scherzbereit, nie zum Bedeutendsein aufgelegt, eher all die 



I 



222 Spcidcl. 

Lichtlein leuchten lassend, er lastete nicht auf der Gesellschaft. Allerdings 
ging er nur in wenige vertraute Hauser. Ich glaube ubrigens keineswegs, 
dafi etwa der Wein daran schuld war, dafi Sp. einst in Kaltenleutgeben, 
lings des Baches (der »Kalte Gang« heifit er) heimwarts wandernd, die 
Herrschaft fiber sein Gleichgewicht verlor und in den Bach fiel. Ein 
Schrecken ging durch die ganze Ortschaft, so dafi der Vizebiirgermeister 
tags darauf eigens nach Wien reiste, bei Sp. Audienz nahm und sich und 
Kaltenleutgeben und den Bach in aller Form entschuldigte. Es sei nicht 
gern geschehen. Sp. war eben schon damals ein schwerer KOrper, der all 
die Leiblichkeit nicht immer in der Gewalt hatte. Spater wurde er noch 
umfangreicher und schwerfalliger; Krankheitszustande hinderten ihn oft Be- 
wegung zu machen. Noch ein Jahr vor seinem Tode fiel er auf seinem 
eigenen Hausgang im Dunkeln kopfiiber zehn Stufen hinab, merkwiirdiger- 
weise ohne Schaden zu nehmen. 

Einige Jahre vor seinem Ende verzog Sp. aus jener Strohgasse des 
dritten Bezirkes, wo der dritte Stock ihm unerklimmbar geworden. Hohe Warte 
Nr. 48 war die neue Adresse. Ein Hochparterre, mit parkartigem Garten 
dahinter und Aussicht iiber Wien hinweg, das taugte nun. Auf dem Wege 
hinaus kommt man in der Nufidorferstrafie an Schuberts Geburtshaus vorbei, 
mit der kleinen weifien Bttste iiber dem Haustor. Ein paar hundert Schritte 
jenseits seines neuen Heims senkt sich die Strafle nach Heiligenstadt hinab, 
Beethovenschen Angedenkens. Auch friiher hatte er diese Schubert- 
Beethovensche Seite Wiens bevorzugt. Sonnige Rebenhiigel, mit kiihlen 
Felsenkellern in ihren Flanken, mit Lerchen und Echos klassischer Musik 
driiber hin. In Sievering hatte er h&ufig die Sommerwohnung bezogen, von 
deren ansteigendem Garten aus der Blick nach jener Irrenpension streift, 
wo Nikolaus Lenau gestorben ist. Selbst sein Hausarzt war der Sieveringer 
Dr. Schatzl, der sein voiles Vertrauen verdiente; er ist ubrigens auch Maler, 
in Nebenstunden. Und in Sievering ist er ja nun auch begraben. Zu 
Badereisen und entlegeneren Sommerfrischen (wiederholt Mattighofen in 
OberSsterreich) schwang er sich nicht mehr auf. Er war schwer beweglich 
geworden, und es war schon ein Ausflug, wenn er voll ausgerustet eine Bank 
in der Allee vor dem Hause aufsuchte. Daheim safl er den ganzen Tag im 
Grofivaterstuhl, dessen hohe geschnitzte Lehne hinan das Enkelknablein 
gewagte Kletterpartien machte, um einen Gutenachtkufi anzubringen. So 
klettert man spater nach Edelweifi. In seinem gelben Kamelhaarschlafrock, 
den im Sommer ein weifileinener ersetzte, safi der alte Herr machtig da. 
Wuchtig und massig wie ein Block. Im Lehnstuhl wurde er von Zimmer 
zu Zimmer geschoben, bis Benedikt, der Herausgeber der » Neuen Freien 
Presse*, ihn mit einem gediegenen Rollstuhl iiberraschte. Das Herz litt 
bereits und mehrmals traten leichte Lahmungserscheinungen auf. Er las 
viel; bis zuletzt ohne Brille, deren er aber fur die Feme bedurfte. Schwere 
wissenschaftliche Literatur, mit der ihn Verehrer versorgten; aber auch 
leichte Buchlein des huldigenden Nachwuchses blatterte er an. Am meisten 
doch seine Alten: Goethe, Hamann, die Bibel. Auf einem alten Nahtischchen 
war immer eine Menge Tageslekttire aufgestapelt. Er hatte hinreichend Besuch 
von Freunden oder von deren Witwen. Die der Burgschauspieler Robert 
und Mitterwurzer waren ihm besonders anhanglich. Frau Mitterwurzer zuliebe 



.Speidcl. HasseL 223 

ermannte er sich sogar zu einem Brief an mich. An seinen guten Tagen 
war er liebenswiirdig und geweckt, wie je. Er lachte gern und seine 
epigrammatischen Bemerkungen stiegen gleich Raketen. Er war noch immer 
ein reizender Verkehr. Dann wieder kamen umnebelte Tage, mit Verworren- 
heiten. Auch aus diesen heraus wetterleuchtete es noch manchmal gar hubsch. 
Einmal sprudelte er hastig drei Verse heraus, die nach etwas klangen. »Ist 
das ein Zitat?« fragte ich. Er merkte plStzlich, dafi etwas schief gegangen 
war, und sagte halb verdriefilich, halb entschuldigend : » Na, es war eben so 
dran hinzitiert.« Oft spielten wir Tarok. Wie er das erlernt hat, ist mir 
ein Ratsel. Er spielte es freilich, sagen wir, in seiner Weise. Da es, aufler 
wenigen Photographien, kein Portrat von ihin gab, bewog ich ihn, dem Maler 
Josef Engelhart zu sitzen. Ich wShlte diesen mit gutem Bedacht, als einen 
Kulturmenschen mit Natur im Leibe, einen jener Wiener, wie sie Sp. gern 
mochte. Wir gingen wiederholt hinaus, und Engelhart malte zwei Portrat- 
studien in 01, die eine lebensgrofi, und zeichnete, um sich den Bau des 
Kopfes ganz klar zu machen, mehrere Ansichten von alien Seiten. Das war 
drei Monate vor seinem Tode. Es ist bezeichnend fur das posefreie Wesen 
Sp.s, dafi der Freund eines Rahl, Natter, Feuerbach und so vieler anderer 
Grofikunstler sich nie zu einem Portrat haben liefi. Den Nachmittag vor 
seinem Tode sah ich ihn zum letzten Mai. Er wufite, woran er war, und 
hatte, schon zu Bette, einmal plotzlich gerufen: »Jetzt weifi ich schon, wo 
Bartel den Most holt!« Einer aus dem Volke hatte die bittere Erkenntnis 
nicht derber und dabei, sozusagen, bauernphilosophischer ausdriicken konnen. 

Am 5. Februar 1906 war die Bestattung. Ein schmelzendes Schneewetter 
beeintrachtigte die Teilnahme. Dennoch war die Wiener Geisteswelt zahl- 
reich vertreten. Ein langer Wagenzug bewegte sich hinab zur alten gotischen 
Pfarrkirche in Heiligenstadt, wo die Einsegnung stattfand, und dann hiniiber 
nach Sievering. Das Wetter machte die Reden kurz, barhaupt zu stehen 
war nicht ratsam. Am unteren Ende des Gottesackers, mit dem Blick iiber 
Wien, ruht er mit seiner Frau unter einem unbehauenen Stein, dessen Tafel 
blofi die Namen und Daten tragt. 

Literatur: Die Wiener Tagesblatter vom 11. bez. 13. April 1900 (siebzigster Ge- 
burtstag) und 4. Februar 1906 (Tag nach dem Tode). In der »Ncuen Freien Presses an 
der Spitze des Sonntag-Morgenblattes, 4. Februar, Nekrolog aus der Feder des Heraus- 
gebers Moritz Bencdikt, dann Feuilleton von Hugo Wittmann, an den folgenden Tagen 
Berichte, Beileidsbezeigungen, 8. Februar WUrdigungen von Prof. Jakob Minor und Alfred 
Freiherrn von Berger. Im »Fremden-Blatt« f dessen Musikkritiker Sp. Uber vierzig Jahre war, 
Aufsatze von Ludwig Hevesi (auch 1900) und Albert Kauders (» Ludwig Speidel als Musik- 
kritiker«, 8. Februar 1906). In der » Osterreichischen Rundschau* (Sommer 1906) Schilde- 
rung seiner letzten Zeit: > Mit Ludwig Speidel «, von Ludw. Hevesi. Unter den Nekrologen 
etwa noch die von Max Kalbeck (»Neues Wiener Tageblattc) und Dr. Max Graf 
(•Wiener Journal*) zu erwahnen. In der Berliner »Zukunft« ging gelegentlich Maximilian 
Harden (>Zwei Kritiker*) mit ihm scharfer ins Gericht. 

Ludwig Hevesi. 

Hassel, Johann Paul Otto, Geh. Rat, Dr. phil., Direktor des Konigl. 
Sachsischen Hauptstaatsarchivs, * 22. Juli 1838 in Berlin, f 31. Juli 1906 in 
Jena. — H. studierte anfangs in Berlin und in Giefien Medizin. Dann aber 
wandte er sich in Berlin dem Studium der Geschichtswissenschaft zu. Er 



224 Hassel. . von Saar. 

besuchte die Seminare von Ranke und Droysen, schlofi sich aber besonders 
an Rudolf Kdpke an. 1862 promovierte er mit der Dissertation: »De imperii 
Brandenburgico ad Rhemm fundato she de primardiis belli Juliacensis eommcntatio 
tdstorica. Berolini 1862 j6j.« 1866 habilitierte er sich als Privatdozent 
an der Berliner Universit&t. Den Krieg von 1870/71 machte er als 
Berichterstatter des Kgl. Preufiischen Staatsanzeigers im Hauptquartier 
der 3. Armee mit und verOffentlichte auch Feldzugsberichte in Buchform 
(»Von der 3. Armee. Kriegsgeschichtliche Skizzen aus dem Feldzuge von 
1870 — 187 1. Leipzig 1872*). Danach trat er in den preufiischen Archiv- 
dienst ein und wurde Geheimer Staatsarchivar in Berlin, zuletzt mit dem 
Titel Geheimer Archivrat. Im Juli 1882 erfolgte seine Berufung zum Leiter 
des Kdnigl. Hauptstaatsarchivs zu Dresden als Nachfolger des Geh. Rats von 
Witzleben, mit dem Titel Geh. Regierungsrat (1898 Geh. Rat). In dieser 
Stellung verblieb er bis zu seinem Ende. Durch ein schweres Leiden, das 
ihn 1905 befiel, sah er sich gendtigt, im Sommer 1906 um seine Pensionierung 
nachzusuchen. Aber einen Tag bevor er seinen Ruhestand antreten sollte, 
wurde er in Jena, wo er in einer Heilanstalt Aufnahme gefunden hatte, durch 
den Tod erldst. Seine Beisetzung erfolgte in Berlin auf dem alten 
MatthSi-Kirchhofe. — H. erhielt zahlreiche Ordensauszeichnungen*. Seine 
wissenschaftliche Tatigkeit erstreckte sich hauptsachlich auf die branden- 
burgisch-preufiische und die s&chsische Geschichte im 17. und 19. Jahrhundert. 

Im Vercin mit A. von Witxlebcn gab er heraus: >Fehrbellin. 18. Juni 1675. 
Berlin 1875 c, im Verein mit Vitzthum von Eckstadt: *Zur Geschichte des Ttirkenkrieges 
im Jahre 1683. Die Beteiligung der kursachsischen Truppen an demselben. Dresden 1883. « 
Als 6. Band der > Publikationen aus den Kgl. preuBischen Staatsarchiven« erschien seine 
auf reichem archivalischem Material bemhende » Geschichte der preufiischen Politik 1807 — 1815. 
Teil I (1807, 1808). Leipzig 188 1.« Leider blieb dieses Werk unvollendet, wie auch das 
auf zwei Bande berechnete: » Josef Maria von Radowitz. Bd. I. 1797 — 1848. Berlin 1905 c 
und das grofi angelegte: » Aus dem Leben des Kttnigs Albert von Sachsen. Teil I. 11 (bis 
1873). Berlin 1898. 1900 c, in dem H. eine Biographie des Kttnigs im Rahmen der 
Zeitgeschichte zu geben versucht. Auch verttffentlichte H. einige historische Arbeiten in 
verschiedenen Zeitschriften. 

»Neues Archiv flirsachsische Geschichte c Bd. 27. Dresden 1906S.412. — J. Treffli in der 
» Historischen Vierteljahrschrift c Jahrg. 10. 1907 S. 127 f. — »Dresdner Journal c 31. Juli 
und 1. Aug. 1906. Nr. 175 S. x, Nr. 176 S. 4 u. 6. — »Dresdner Anzeigerc 1. Aug. 1906. 
Nr. 209 S. 5 und 23. — »Dresdner Nachrichtenc 2. Aug. 1906. Nr. 210 S. 1. — »Nord- 
deutsche Allgemeine Zeitungc 3. Aug. 1906. Nr. 179, Unterhaltungs-Beilage. — » Archivalischer 
Almanach, hgg. von Hettler.c Jahrg. 1. % 1903/04 S. 79 f. — »IUustriertes Universum- Jahrbuchc 
1906. S. 376 u. 385. 

A. Reichardt. 

Saar, Ferdinand von, * 30. September 1833 in Wien, wo er am 24. Juli 
1906 ft stammt vaterlicher- wie miitterlicherseits aus Beamtenfamilien, deren 
kiinstlerische Begabung in einer Reihe von Malern, vor alien in S.s Vetter August 
Pettenkofen, zum Vorschein kam. Nach dem Tode des Vaters, den S. nie gekannt 
hat, iibernahm der Grofivater Hofrat von Nespern die Sorge fur den Enkel. So 
wuchs der Knabe bis zum Tode des Grofivaters (1840) in einem Hause auf, dem 
bei aller Beschranktheit der Mittel weder altbiirgerliche Anst&ndigkeit und Wurde 
noch geistige Regsamkeit und Kunstliebe fehlten. In dem ausgezeichneten Gym- 
nasium der Schotten genofi S. nur bis zu seinem 16. Lebensjabre Unterricht; 



von Saar. 22 5 

dann trat er, dem Wunsche des Vormundes gehorchend, als Kadett in 
die Armee. In dem osterreichischen Offizierskorps waren urn diese Zeit 
literarische Ambitionen nicht selten, und in Italien, in Prag und vor allem 
in Wien fand der junge Leutnant, den schon friih eifrige Lekture zu 
eigenen dichterischen Versuchen begeistert hatte, Kameraden, die gleich ihm, 
heimlich oder offen, mit oder ohne Beruf, sich der Poesie ergaben; unter 
ihnen ein wirkliches Talent, Stefan von Millenkovics (Stefan Milow), mit dem 
S. eine rasch gekniipfte und langbewahrte Freundschaft verband. Er fand 
den Mut, dem oden Garnisonsdienst, den der Krieg von 1859 nur kurz un d 
fur ihn bedeutungslos unterbrochen hatte, ein Ende zu machen und im Ver- 
trauen auf erfolgreiches Gelingen seiner dichterischen Plane jedem festen 
Beruf zu entsagen. Der standhaft ertragenen Not der nachsten Jahre machte 
auch das Erscheinen der ersten, beifallig aufgenommenen Dichtungen kein 
Ende. Stefan Milow gewahrte dem darbenden Freunde ein bescheidenes Asyl 
in dem steirischen Orte Ehrenhausen, wo er ein kleines Anwesen besafi; die 
Hoffnung, durch eine freie Anstellung sein Brot zu verdienen, mufite der 
schwer Produzierende nach wiederholten Versuchen, 1870 an der Hofbiblio- 
thek, 1875 * m Unterrichtsministerium anzukommen, aufgeben. Allmahlich 
erweiterte sich der Kreis freundschaftlich zugetaner Heifer. In dem geistig 
regen Hause der edlen, schonen Josefine von Wertheimstein und ihrer anmuts- 
vollen, durch schweres Leiden verklarten Tochter Franzi, auf den mahrischen 
Gutern und in den Wiener Salons ihrer Briider Gomperz war er bald ein 
lieber, treu zugehSriger Gast, und die Furstin Elisabeth zu Salm-Reifferscheid 
geb. Prinzessin Liechtenstein bot ihm auf ihren Schlossern Blansko und 
Raiz ein durch liebevolle Freundschaft verschbntes Heim. Hier lernte er 
auch seine Gattin kennen, die er bald und plotzlich an den Tod verlor. 
In den letzten Jahren seines Lebens hielt er sich vorzuglich in D5bling, 
einem noch immer nicht ganz seines landlichen Charakters entkleideten 
Bezirke Wiens, auf. Die materiellen Sorgen waren zuletzt von ihm ge- 
wichen, aber schwere, kaum ertragliche Krankheit an ihre Stelle getreten, 
der der Greis mit tapferem Sinn und sicherer Hand ein Ende machte. 
Die Ehrungen, die ihm sein 70. Geburtstag brachte, hatten es nicht vermocht, 
die letzten Tage des zu wenig gewiirdigten und an seiner Unterschatzung 
leidenden Dichters zu erhellen. 

S.s Jugend fallt in die letzten Jahre des vormarzlichen Regimes, und er 
hat die Einflusse dieser Zeit nie mehr abstreifen konnen. Die Lassigkeit 
und Miidigkeit dieser Jahre, in denen der strenge Absolutismus seine 
Kraft verloren, die liberale Opposition sich noch nicht gesammelt hatte, 
haftete ihm ebenso an wie der Sch5nheitssinn dieser einer kunstlerisch 
bedeutungsvollen Epoche entstammten Generation. In dem sozialen Milieu, 
in dem er erwuchs, war revolutionise Gesinnung nicht zu Hause, man 
liefi die Dinge gehen, wie sie wollten. Doch wirkte die josefinische 
Tradition so stark nach, dafl man in religiosen Fragen frei, in nationalen 
deutsch gesinnt war und hier keine Konzessionen machen wollte. Im ubrigen 
lebte man ein auf personliche Interessen und kiinstlerischen Genufi beschranktes 
Leben, schatzte die Freuden der Tafel, war im tiefsten empfanglich fiir 
weibliche Anmut und Schonheit, liebte Theater und Musik und wahrte so 
inmitten einer bewegten Zeit eine sorgfaltig gepflegte vornehme, etwas 

Eiogr. Jahrbucli u. Deutschcr Nekrolojj-. it. Bd. k 



226 von Saar. 

resignierte Ruhe. Und ganz Shnliche Srimmungen und Neigungen fand S. in 
der Armee wieder, deren Offiziere sich ja zum grofien Teil aus denselben 
Kreisen rekrutierten. Nur dafi hier deutsche und antiklerikale Gesinnung 
aus unmittelbaren politisch-militarischen Griinden noch sch&rfer hervortrat, 
literariscbe Vorlieben den Charakter leidenschaftlich betriebener Lieb- 
habereien annahmen, Liebeserlebnisse in den meisten Fallen wie rasch vor- 
ubergleitende Abenteuer betrachtet wurden. Und als S. in reiferen Jahren in 
den Kreisen des deutschen Adels und des vornehmen Wiener BOrgertums 
verkehrte, da fand er dieselben politischen Anschauungen, dasselbe Interesse 
fiir Theater und Literatur und einen Kreis hochbegabter, reizvoller Frauen. 
So erklart es sich, dafi S.s geistige Entwicklung frilh abgeschlossen ist, 
dafi seine politischen Interessen und Anschauungen, seine literarischen 
Neigungen und Gepflogenheiten bis ins Alter dieselben bleiben, und dafi eine 
mitunter eifrigst betriebene Lektiire verh&ltnism&fiig geringe Spuren in seiner 
Produktion zuriicklifit; nur Arthur Schopenhauer hat tiefen und dauernden 
Eindruck auf ihn gemacht. Aufier an dem Kampf gegen den Klerikalismus, 
dessen Sieg bei Abschlufi des Konkordates und dessen Niederlage in den 
Verfassungskimpfen der 60 er Jahre S. mit lebhaftem Interesse miterlebt 
hat, und an der nationalen Frage, die ihm in M&hren besonders deutlich 
entgegentrat, hat ihn nur gelegentlich Crtliche Nihe und ein tiefes mensch- 
liches Erbarmen an den Schicksalen der Proletarier und Arbeiter Anteil 
nehmen lassen. Schon hier wird die grofie soziale Erscheinung von ihm 
vorzugsweise als eine Reihe von Einzelschicksalen aufgefafit, und durchaus 
personlich kommen ihm grofie Probleme, wie das des selbst&ndigen 
Frauenerwerbs, zum Bewufitsein. Er war kein abstrakter Denker, und bei 
all em theoretischen Pessimismus ein lebensfroher, gliicksuchender Mensch. 
Die naive Freude am Genufl wiinscht er sich und den andern, und darum 
preist er die einfachen Menschen, die ihren Instinkten folgend das GlQck 
ergreifen und sich ihm hingeben. Nur aus solchem eud&monistischen Ge- 
sichtspunkte will und kann der Sinnenfreudige, Lebenshungrige vor allem 
das Schicksal der Frau betrachten, in der er in Leben und Dichten nur das 
Weib gesucht und gefunden hat. 

Dieser konservative Mann hat in langem Leben grofie politische, soziale, 
klinstlerische, lokale Umwalzungen miterlebt, die stark genug in seine 
Existenz eingriffen, um ihn zu entschiedener Stellungnahme zu dr&ngen. 
Und darin vor allem liegt seine literarhistorische Bedeutung, dafi hier ein 
Z6gling des ttsterreichischen VormSrz beobachtend, schildernd, urteilend ein 
Kompromifl mit der neuen Zeit einzugehen sich redlich und erfolgreich 
bemiiht hat. Vor allem sind es zwei grofie Epochen, die hier hervortreten : 
die Jahre der Konzentration und Regeneration von der M&rzrevolution bis 
zum Ausbau der Verfassung, und die durch das Aufbliihen der Industrie und 
des Handels bedingte Umwandlung Wiens in eine moderne Grofistadt, mit ' 
alien sozialen und literarischen Folgeerscheinungen dieses Vorgangs. S.s 
Stellungnahme zu diesen beiden Entwicklungen ist durch seine Gesinnungen 
und Neigungen, diese selbst sind zum Teil durch das Lebensalter bedingt, 
in dem ihn die Wandlungen treffen. Im ersten Abschnitte Osterreichischer 
Geschichte, den er derart miterlebt hat, nimmt er offen Partei fiir das Neue 
und beteiligt sich literarisch wiederholt an den Kampf en; in der zweiten 



von Saar. 227 

Periode verhalt er sich mehr beobachtend und steht mit seinen Sympathien 
beim Alten, wenn er auch, seiner lebensfreudigen Art gemafi, das Junge, 
Frische nicht gerade feindselig betrachtet. Dieser verschiedenen Reaktion 
auf die Ereignisse des flffentlichen Lebens entspricht die Wahl der Dichtungs- 
gattungen fiir ihre poetische Bewaltigung. Vom Drama, das im Anfange 
seiner dichterischen Tatigkeit vorherrscht, wendet er sich immer entschiedener 
der Novelle und der elegischen Lyrik zu. 

S.s Erstlinge sind durchaus unter dem Einflusse seiner Lekture ent- 
standen. Seine von ihm verworfene Jugendlyrik und ein verloren gegangenes 
Faust-Fragment sind durch Lenau angeregt, mit Ernst Schulze's »Bezauberter 
Rose« wollte er in einem Marchenepos wetteifern, Goethe's »Hermann und 
Dorothea« stand Pate bei einem Idyll »Elsbeth«, zu dem er als alter Mann 
wieder zuriickkehrte, und seine ersten Dramen zeigen eine starke Abhangigkeit 
von literarischen Vorbildern. Lessings »Emilia Galotti«, Goethes »Tasso« f 
»Othello« und Grillparzers »Treuer Diener* haben mehrfach auf das Eifer- 
suchtsdrama »Tempesta« (1859/60; es hiefl zuerst nach dem Wohlt&ter »Der 
Borromaer«) eingewirkt; es gehort nicht in die anriichige Kategorie des 
Kiinstlerdramas, das S. spater in seinem unvollendeten »Benvenuto Cellini* 
zu personlichster Auseinandersetzung verwendete, — das Kiinstlertum des 
Titelhelden dient nur dazu, seine rasch auflodernde, leidenschaftliche Eifer- 
sucht mit zu motivieren. Im Vordergrunde steht vielmehr das leise an- 
gedeutete Verhaltnis, das sich zwischen Tempestas Frau und dem Be- 
schiitzer des Ehepaars anspinnt; ein durchaus episches Motiv, das zu seiner 
Entfaltung ruhige Entwicklung und langsames Fortschreiten der Handlung 
erfordert, die zum Schlusse etwas gewaltsam zu tragischem Ende gefuhrt 
wird. Ein zweiter Versuch (»Eine Wohltat«, 1861), dasselbe Thema in einem 
Bauernstiick, wie sie damals besonders die Birch-Pfeiffer und Mosenthal auf 
die Biihne brachten, dramatischer zu gestalten, indem auf die psychologisch 
interessante Beziehung des Wohltaters zu seinem Schutzling verzichtet und 
die Handlung bewegter und auflerlicher gefuhrt wurde, mufite in storender 
Weise zu Zufallen und Mifiverstandnissen greifen, ohne dafi dadurch die 
tragische L6sung glaubhafter wurde. In beiden Stucken verrat sich der 
Epiker durch Verweilen bei Nebensachlichem, durch das bequeme Fort- 
schreiten der Handlung, deren Exposition vielmehr der Auseinandersetzung 
der Charaktere, der Darstellung des Milieus als der Einfiihrung in die Haupt- 
konflikte dient. Einzelne Personen werden aus ihrer Umgebung herausgegriffen 
und mit Liebhaberei von alien Seiten her dargestellt, wo das Drama scharfes 
Hervorheben der fiir die weitere Entwicklung bedeutungsvollen Eigenschaften 
erforderte. 

Auf eigenem Grund und Boden steht S. erst, wenn er in historischen 
Dramen politischen Streitfragen der Gegenwart den Spiegel vorhalt. So 
stark auch hier die Abhangigkeit von Schiller, Grillparzer, Kleist und zumal 
von Shakespeares Historien hervortritt, so kann man den besten unter diesen 
Dichtungen weder Eigentumlichkeit noch dramatische Kraft absprechen. Den 
Kampf zwischen Staatsgewalt und Papsttum hat er in seinem deutschen 
Trauerspiel in zwei Abteilungen »Kaiser Heinrich IV.« zum geistigen Mittel- 
punkt gewahlt, derart freilich, dafl in dem zweiten Stiicke die beiden Gegner 
einander nicht mehr unmittelbar Aug in Auge stehn, so dafi der Zusammen- 

15* 



228 von Saar. 

hang der beiden Teile eigentlich nur durch die Person des Helden hergestellt 
ist. In dieser losen Verbindung zweier Dramen, von denen das zweite dennoch 
das erste unbedingt voraussetzt, liegt eine durch Shakespeares Vorgang nicht 
zu entschuldigende Schwache der Komposition. Der erste Teil, »Hilde- 
brand«, Jeidet zudem unter dem &ufierlichen Motiv persdnlicher Rivalitat des 
Papstes und des Kaisers in ihrem Verh&ltnis zur Markgrafin Mathilde, wobei 
es nicht vermieden werden kann, einen welthistorischen Gegensatz fast in 
der Art des Scribeschen Lustspiels durch Zufalligkeiten und Mifiverstandnisse 
zu trivialisieren. Und im zweiten Teil, »Heinrichs Tod«, sind die wichtigsten 
Voraussetzungen in die Zwischenakte verlegt, die Intrigen plump und aufler- 
lich, so dafl der Kaiser, der ihnen erliegt, recht schwach und tOricht erscheint. 
Dazu kommen eine Reihe von technischen Ungeschicklichkeiten und Gewalt- 
samkeiten, eine Fiille von nicht immer scharf charakterisierten Nebenpersonen, 
die nur selten in anschaulicher Kraft geballte, meist langatmige, unpers6nliche 
Sprache. Aber die herbe, strenge Herrengestalt des freudelosen, hafllichen, 
genialen Papstes und die Figur des zielsicheren, skrupellosen, kraftvollen 
jungen Heinrich V. sind dem Dichter ebenso gelungen wie die Zusammen- 
fassung der reichen und weitverzweigten Handlung in den engen Rahmen 
von je fiinf schlank gewachsenen Akten. Zudem hat er es verstanden, 
ohne allzuviel programmatische Reden und Streitgespr&che die politischen 
Konflikte in helles Licht zu riicken, eine einheitliche Auffassung ohne Zwang 
durchzufiihren und ohne offene Parteinahme seiner Tendenz Geltung zu 
verschaffen. So bildet dieses Doppeldrama, dem die tfsterreichische Zensur die 
Biihne verschlofi, bei alien M&ngeln den nicht wieder erreichten H6hepunkt 
in S.s dramatischer Produktion. 

Wie die K&mpfe gegen das dsterreichische Konkordat den » Kaiser 
Heinrich«, so hat der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland sein 
Drama »Thassilo« (1866 begonnen) inspiriert, ohne dafl hier oder dort mehr 
als die Grundprobleme der Gegenwart entnommen wllren. Es ist der Versuch 
gemacht, in Thassilo eine Art Kleistischen Hermann zu zeichnen, der ruhig 
und unbeirrt seinen Weg schreitet, zwischen ungestum und unverst&ndig 
dr^ngenden Freunden und lauernden oder blind zutappenden Feinden. 
Aber mitten in bunt durcheinander wirrenden Intrigen, unter einer Flut von 
unausgefuhrten Motiven, von unvorbereitet einwirkenden, krafl gezeichneten 
Nebenpersonen erstickt unser Interesse an dem Helden, dem in Kaiser Karl 
ein gut angelegter, aber zu wenig hell beleuchteter problematischer Charakter 
gegeniiber, in seiner Gattin ein nun allzu heldenhaftes, dann wieder weichlich 
sentimentales Weib zur Seite steht. Noch schwacher als dieses, mit Ausnahme 
der Katastrophe, wenigstens auf eine Frage orientierte Stuck sind »Die 
beiden de Witt«, mit denen es das Burgtheater wagte. Ein bis auf einige 
grofle rhetorische Szenen ganz wirkungsloses Drama, das unser Interesse 
gleichzeitig fur den Konflikt zwischen den Oraniern und den Republikanern 
und fur den zwischen den Brudern de Witt in Anspruch nehmen will, in 
dessen Vordergrunde ein durchaus passiver Held steht und in dem sich die 
in den beiden vorhergehenden historischen Dramen weislich diskret behandelte 
ideale Liebesepisode recht breit macht. Ein fragmentarischer »Ludwig XVI. «, 
der den Dichter bis in die letzten Jahre beschaftigte, weist in die Zeiten des 
blassesten historischen Epigonen-Dramas zuriick, ermangelt scharfer Charak- 



von Saar. 



J29 



teristik und sucht mit konstruierten, rhetorischenAuseinandersetzungen Wirkung 
zu iiben. 

So hat S. sein Leben lang vergeblich um das Drama gerungen, dessen 
zweckvoller Geschlossenheit seine zu bequemem Ergehen und ruhiger Be- 
trachtung neigende Begabung entgegenstand; je mehr er sich bemiihte, seinen 
lyrischen Neigungen zu widerstreben, sachlich und unpersonlich zu bleiben, 
um so farbloser, um so matter und wirkungsloser wurden seine Stiicke, denen 
er vergeblich durch ein Obermafi von Motiven und Begebenheiten Leben 
einzuflofien sich miihte. Was ihm das historische Drama beharrlich weigerte, 
das gab ihm bald und dauernd die Novelle aus der Gegenwart: innere Be- 
friedigung und aufiern Erfolg. 

Demselben Gedankenkreis wie sein Heinrichdrama entsprang die erste, 
durch mehr als ein Lustrum von den spatern geschiedene Novelle; der 
Zolibat, den Anzengruber wenige Jahre spater als dramatisches Motiv 
brauchte, ist das Thema des »Innocens«. Ein Priester findet in ernstem 
Pflichtbewufitsein und im Anschauen des tragischen Endes eines von ihm 
still beneideten Liebesglucks die Kraft, eine mitten in der bliihenden Ein- 
samkeit seiner Umgebung an seine wachen Sinne herantretende Versuchung 
freudig zu iiberwinden. Er selbst erzahlt die einfache Geschichte, die dadurch 
und durch die vorhergehende Schilderung der idyllisch friedlichen Existenz 
des Geistlichen und der einst von ihm Geliebten jede aufierliche Spannung 
und alle Unruhe verliert; er erzahlt sie in demselben Milieu, in dem sie sich 
abgespielt hat, so dafi die behagliche, stimmunggebende Schilderung der 
Umwelt in die Rahmenerzahlung verlegt und dadurch zunachst Selbstzweck 
werden kann; und er erzahlt sie dem Dichter selbst, der derart Burge fur die 
Wahrheit des Erzahlten wird und als Person der Erzahlung uns lieb und 
vertraut wird. So ist der milde, elegische Ton der Geschichte gegeben, die 
mit der Biographie S.s in Zusammenhang gebracht und durch den italienischen 
Feldzug, der den Anlafi zum Abschied des Dichters von seinem Helden und 
zu dessen Bericht bietet, zeitlich fixiert wird. In der feinen, diskreten Cha- 
rakteristik der handelnden Personen, in der gedampften Sinnlichkeit der 
Motive, in der Anschaulichkeit der Situationen, in der gliicklichen Paralleli- 
sierung und Kontrastierung der mit tiefer Empfindung geschilderten Natur zu 
den Begebenheiten und Seelenstimmungen liegen die hohen Vorzuge der 
Novelle; dafi die Leidenschaft des Priesters aus einer allgemeinen sinnlichen 
Beriihrtheit entspringt und sich durchaus an die aufierlichen Eigenschaften 
des Madchens heftet, entspricht dem Problem, wenn auch eine tiefere Auf- 
fassung der Liebe vielleicht die Entsagung schwerer und wirkungsvoller hatte 
erscheinen lassen. 

All diese Eigentumlichkeiten seiner Erstlingsnovelle lassen sich in den 
spateren wieder nachweisen, und auch hier zeigt sich die geringe Wandlungs- 
fahigkeit der poetischen Begabung S.s. Die retrospektive Technik, die 
vor S. schon Stifter mit Meisterschaft geiibt hatte, ist in der eigenartigen 
Form, dafi der Dichter den Helden selbst seine Geschichte erzahlen lafit, 
fast stereotyp geworden. Doch weifi er sehr gliicklich zu variieren, indem er 
einmal die Geschichte in einer grofiern Gesellschaft erzahlen, dann wieder 
sie sich allein anvertrauen lafit, einmal den Erzahler ganz kurz einfiihrt, 
dann wieder einen Teil der Geschichte in den Rahmen verlegt. In »Ma- 



230 



von Saar. 



rianne« riickt das Erlebnis vor unsern Augen von Brief zu Brief weiter, und 
immer mehr wird es S.s Gewohnheit, die Handlung in Abschnitte zu zer- 
legen, zwischen denen eine Begegnung des Dichters mit dem Helden oder 
einer dritten Person zu neuen Mitteilungen leitet, so dafi nur ein Teil der 
Geschichte von ihrem vorlaufigen Abschlufi aus erzahlt wird, meist die Ex- 
position, die dadurch stets eine gewisse Ruhe und Breite gewinnt. Mitunter 
erweckt der Anblick eines Menschen oder einer Gegend in dem Dichter 
Erinnerungen, die nun einfach mitgeteilt werden. All das ist nicht nur 
technisches Mittel; es entspringt im tiefsten der unbedingten Wahrhaftigkeit 
des Dichters, der nichts erz&hlt, was er nicht erlebt hat, und der es nur so 
erzahlen kann, wie es allmahlich in seinen Gesichtskreis getreten ist. 

Viele Novellen sind — wie der »Innocens« — an ein bestimmtes 
historisches E reign is angekniipft. Und das ist keine Aufierlichkeit, sondern 
die notwendige Folge der Absicht, ganz bestimmte, allgemein herrschende 
Zust&nde in den ausgew&hlten Einzelschicksalen zu schildern. In den beiden 
Gegenstucken »Haus Reichegg* und »Schlofi Kostenitz* sind es die ver- 
stOrten Moralbegriffe, die Roheit und Ungebundenheit der Osterreichischen 
Gesellschaft um 1848, die zu tragischem Ende einzelner fiihren, in *Vae vietisl* 
spiegelt sich der Niedergang der Annee, das Aufkommen des Parlamentarismus 
um i860. Eine andere Gruppe behandelt mit dem bittern Pessimism us 
Turgenjews, dessen Einflufl hier zu beachten ist, grofie soziale Wandlungen, 
ohne an ein festes Datum oder bestimmte Vorkommnisse anzuknupfen. 
Die Arbeiterbewegung, die in die »Steinklopfer« nur wie von weitem herein- 
klingt, bildet das Thema der »Familie Worel« und der fliichtigen Studie 
»Dissonanzen«, die moderne Entwicklung der Wiener Gesellschaft wird mehr 
oder weniger deutlich auf dem Hintergrunde einer ganzen Reihe von No- 
vellen skizziert. Typische Lebenslftufe weiblicher Abenteurer, die durch alle 
Schichten der Gesellschaft streichen, entwerfen die Geschichten eines Wiener 
Kindes und der Krawall-Ninerl, der Niedergang einzelner Gewerbe gibt den 
»Pfriindnern« die Folie, »Der Burggraf* zeichnet einen dekadenten Adeligen, 
»Seligmann Hirsch* den Aufstieg der jiidischen Zuwanderer. Und die ihm 
verhaflten literarischen Koterien weifi S. wieder in der »Geschichte eines 
Wiener Kindes« und in »Ninon« zu schildern, w&hrend »Tambi« das traurige 
Schicksal eines gescheiterten Dichters behandelt. 

In fast alien Novellen steht eine Liebesgeschichte im Vordergrunde, die 
einen typischen Verlauf nimmt. Zwei Menschen, die fur einander bestimmt 
sind, treffen einander zu spat oder gehen aus Vorsicht oder Hochmut an- 
einander voriiber; ein einsames, freudloses Leben ist ihr Los. Auch hier 
sucht S. das einfache Thema mannigfach zu variieren. Am reinsten stellt 
den Typus seine letzte Geschichte »Die Pfriindner* dar, wo die Liebenden 
einander im Alter linden und durch Mifigunst Fremder ihr spates Gluck 
verlieren, oder »Der Exzellenzherr«, den ein Mifiverstandnis von der Geliebten 
fiir immer trennt. Auflere Hindernisse, — der ZOlibat, ein Ehebund — 
stehen der Vereinigung in »Innocens« und »Marianne« gegeniiber, wahrend 
in »Ginevra« und im »SQndenfall« die Untreue des Mannes, der sinnlicher 
Verfiihrung erliegt, das Paar scheidet. Sehr hubsch ist das Motiv im » Requiem 
der Liebe« gewendet, wo die beiden einander spat finden, der Mann aber 
gewahr wird, dafi er einer herzlosen Kokette anheimgefallen ist. Es ist, als 



von Saar. 



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hatte S. sich hier selbst vorgehalten, wie aufierlich und jeder tieferen Be- 
griindung bar sich bei ihm ein solches Finden vollzieht. Das MSdchen, das 
er vom Fenster aus beobachtet, das er nie gesprochen hat, glaubt 
der Komponist im »Requiem der Liebe« fur sich bestimmt, sowie der 
Exzellenzherr die Geliebte, die er vom Kirchengang her kennt, furs 
Leben im Herzen bewahrt, obwohl er nur ein paar feindselige Worte 
mit ihr getauscht hat. Die Liebe wird — und das ist S. mit Grill- 
parzer und andem osterreichischen Dichtern gemein — als sinnliches Be- 
riihrtsein aufgefafit, und nur aus diesem Gesichtspunkt werden verschmahte 
Frauen, wie »Die Geigerin« und »Sappho«, geschildert. Nur so erklart sich 
die unbegrenzte Macht sinnlicher Weiber auf die spiefiburgerlich besonnenen 
Helden der Novellen »Die Troglodytin« und »Herr Fridolin und sein Gliick«, 
die nur in schwerem Kampfe oder durch Zufall der Versuchung entrinnen. 
Und nur so werden die Geschichten verstandlich, in denen S. den Ehebruch 
behandelt; da jeder Mensch seinen Sinnen erliegen mufl, so steht die ehe- 
brechende Frau fast nie im Vordergrund des Interesses — , der eigentliche 
Held der Geschichte ist der betrogene Ehemann. So vor allem in » Vae 
victish) wo alles Licht auf den tapfern General f&llt, so aber auch in »Haus 
Reichegg«, wo der Staatsrat mit besonderer Vorliebe geschildert ist, wahrend 
die Ehebrecher nur in raschen Strichen gezeichnet sind, so im »Brauer von 
Habrovan*, wo die brutal-k5rperliche Auffassung des Ehebruchs unertr&glich 
schroff hervortritt. Eine Ausnahme bildet das feine Seelengemalde »Schlofi 
Kostenitz*; hier hat der Dichter alle Kraft zusammengenommen, um die 
Gedankenschuld der Frau plausibel zu machen, mit hundert kleinen, un- 
scheinbaren Motiven gearbeitet, — und es doch nicht vermocht, die Kata- 
strophe glaubhaft zu gestalten. 

Wenn so den Personen S.s ihr Leben im Zwange der Sinne verrinnt 
und selbst die als genial bezeichneten die Sklaven ihrer Begierden sind, so 
hat uns der Dichter durch die feine Kunst entsch&digt, mit der er den Verlauf 
solcher Liebesgeschichten erzahlt. Seine mimische Technik unterstlizt ihn 
hier, da er bloB die seelischen Erlebnisse einer Person schildert und den 
Partner nur von aufien her beobachtet. Schon bei der ersten Begegnung 
fiihlt sich der Held — fast immer erzahlt der Mann, nur »Sappho« ist 
ausgenommen — von Sympathie fur die Erwahlte ergriffen, und in 
rascher Steigerung wird die Entwicklung bis zur Ldsung gefiihrt. Mit 
grofler Meisterschaft weifi der Dichter uns die weibliche Hauptperson 
durch die Augen seines Helden bis in die leisesten Eigentumlichkeiten ihrer 
Erscheinung zu schildern und aus dem belebten Antlitz die Vorgange in 
ihrem Innern zu lesen. Sehr grofie Sorgfalt ist auf das Milieu verwendet, 
und es ist genau dem Charakter und der Stellung der Geliebten angepaflt, 
ob das Beisammensein auf der Strafie oder im Zimmer, im Omnibus oder in 
der Kirche, auf dem Ball oder in einer musikalischen Gesellschaft, im Park 
oder in den Weinbergen um Wien stattfindet. Mit verstehender Liebe ist 
die Natur in die Handlung einbezogen und in wunderbaren Stimmungsbildern 
ihr dienstbar gemacht. Am feinsten und innigsten wohl in der Meisternovelle 
»Marianne«; hier gehort der Garten des Vorstadthauses in alien Stadien' des 
Bliihens, Reifens und Welkens ebenso untrennbar zur Geschichte dieserungliick- 
lichen Liebe wie die herrliche Mondnacht auf den Grinzinger Hiigeln zu dem 



232 



von Saar. 



tragischen Schlufi. Ein Kenner und Schatzer der intimen Reize des alten, 
winkligen, gartenreichen Wien hat die Stadt ebenso treu und liebevoll 
geschildert wie ihre Frauen, wahrend ihn in den wenigen Novellen, die er in 
Mahren auf dem Lande angesiedelt hat, die Landschaft recht wenig interessiert. 
Nur der kultivierten SchOnheit des Schlofiparks hat er so zartlich gehuldigt 
wie der Halbnatur im Bannkreis seiner Vaterstadt. 

Der vornehme Verehrer verfeinerter Menschen und stiller, gepfiegter 
Landschaften hat nur selten aus den Salons der besten Gesellschaft, aus den 
Stuben der erbgesessenen Burger und den romantischen Behausungen der 
grofist&dtischen Boh&me den Weg in die Hiitten der Armen genommen. Aber 
er war auch da nicht fremd und hat den Proletariertrotz der »Troglodytin« 
ebenso sicher zu schildern verstanden wie die Qualen und das bescheidene 
Gliick der »Steinklopfer«. Freilich steigt er nur selten urn ihrer selbst willen 
in solche Kreise hinab; after hat er die Beriihrungspunkte dieser Schichten 
mit den hftheren im »Fridolin«, in der »Troglodytin«, in der »Familie 
Worel« aufzuzeigen oder gescheiterte Existenzen wie den »Burggrafen« in die 
Tiefe zu begleiten. 

»Der Burggraf« gehdrt einer eigenen Gruppe von Novellen an, in denen 
S. um die Schilderung eines merkwurdigen Menschen eine ganz durftige 
Handlung gelegt hat. Schon die Gegenuberstellungen grundverschiedener 
Geschwister (»Die Parzen*, »Die Bruder«, auch »Die Geigerin«) in ihren 
durcheinander laufenden Schicksalen nahern sich diesem Typus. Deutlicher 
repr&sentieren ihn kleine Studien, in deren Mittelpunkt Sonderlinge, halbe 
Narren, Ungluckliche stehen, die dem Zwang der Verhaltnisse, blinder Triebe, 
fixer Ideen erliegen. Die ergreifenden Gestalten des operationsfeindlichen 
»Doktor Trojan« und des adelsuchtigen »Leutnant Burda« gehdren hierher 
und der erbSrmliche Weibernarr »Conte Gasparo«, vor allem aber der un- 
gluckliche Dichter in »Tambi« und der tragikomische jiidische Kftnig »Liar« 
»Seligmann Hirsch«. Hier wie nirgends bewahrt sich die Gabe S.s, feinste 
Beobachtungen unaufdringlich und Glauben erzwingend wiederzugeben und 
ohne uberfliissige Ruhrseligkeit nur durch die Macht der Tatsachen tiefste 
Wirkung zu uben. 

Alle diese Geschichten sind aus innerstem Erleben gedichtet. Nicht 
nur aufierlich tritt uns die Gestalt des Dichters fast in alien Novellen ent- 
gegen; er selbst ist in den meisten Fallen der Held der Aventiure. Und 
daher kommt die enge Verwandtschaft seiner m&nnlichen Personen, die oft 
nur auflerlich nach bestimmten Modellen gezeichnet sind. Sie gehdren — 
von wenigen Ausnahmen abgesehen — zwei Typen an. Der eine ist S.s un- 
eingestandenes Ideal, aber ins Bose verzerrt, der Mann, der instinktiv dem 
Gebot seiner Sinne gehorcht und frischweg geniefit; meist in die unwider- 
stehlich machende Uniform gekleklet, jung, energisch, gewissenlos, manchmal 
recht absichtlich aufierlich und innerlich schlecht gemacht, immer aber den 
Frauen gefahrlich und von Erfolg zu Erfolg weiterschreitend. Der andere 
ist S. selbst: auch eine vollebige Natur, gequalt durch das Begehren der 
immer wachen Sinne, aber ein griibelnder Zauderer, ein dumpfer, triiber 
Gesell, den die Leidenschaft wie ein Sturm wind fafit und niederwirft; das 
sind gedankenvolle MiifiiggSnger, die ein Leben in Schonheit und Gliick 
traumen, sich aus jeder Bliite und jedem Baum ein Fest machen und an 



von Saar. 



233 



dem bliihenden, gliihenden Leben sehnsuchtsvoll und tatenarm voriibergehen; 
Resignation ist ihr Los, Erinnerung ihre Wonne. — Mannigfaltiger — wieder 
den Erlebnissen S.s entsprechend — stehen die Frauen da, und in ihrer 
Schilderung hat er sein Bestes gegeben. Alle Stande und alle Lebens- 
alter ziehen an uns voriiber, aber mit besonderer Vorliebe schildert der 
Dichter die Muden und Wissenden, denen das Leben unter den Handen 
zerrinnt; mit holder Anmut weifl er die knospende Jugend auszuschmiicken, 
am liebsten aber legt er die weiche Hand auf den ergrauenden Scheitel der 
Entt&uschten, die noch einmal geniefien will, bevor der kalte Abend und 
die lange Nacht kommt. Die letzte Sehnsucht, die letzte Hoffnung der 
Alternden hat er immer wieder geschildert, diese verzweifelte Flucht vor der 
Einsamkeit eines Lebens ohne Liebe. Auch hier findet sich das Gegenspiel 
in den Frauen, die in wildem Taumel von Liebe zu Liebe jagen, robusten, 
sinnlichen Naturen, die den M&nnern gefahrlich werden, und endlich an der 
Schalheit ihres Wesens und ihres Lebens zugrunde gehen. Diese Frauen- 
gestalten alle hat S. von aufien angeschaut und dargestellt. So genau er 
uns ihre Erscheinung bis auf Form und Muskelspiel der Hande, bis auf die 
kleinsten Einzelheiten der Toilette zu schildern weifl, so wenig ist es ihm 
darum zu tun, ihre Handlungen und Empfindungen psychologisch zu moti- 
vieren. Wie die Manner, denen diese Frauen begegnen und die uns die 
Geschichte erzahlen, stehen auch wir meist vor einem RStsel, dessen Ldsung 
hflchstens angedeutet ist. Auch das hingt wieder mit S.s Wahrhaitigkeit zu- 
sammen, der eben nur erzahlt, was er von einem einmal eingenommenen 
festen Standpunkt aus sehen und erfahren kann. Eine eindringende Analyse 
des weiblichen Seelenlebens wie in »Schlofl Kostenitz« steht ziemlich ver- 
einzelt da. 

Diesen f&rmlich im Spazierengehen durchs Leben aufgefundenen Ge- 
schichten fehlt meistens die scharfe Silhouette. Sie sind nicht Novellen im 
Sinne Goethes oder Heyses, sie enthalten keine unvergeflliche Hauptsituation. 
Die Ausnahmen von dieser Regel finden sich unter den ersten Geschichten: 
das Haupt der Geliebten im Schofle des Innocens, der Todestanz in 
»Marianne«; sp&ter noch etwa die brutale Werbung des Rittmeisters in 
»Schlofl Kostenitz«. Sonst vollzieht sich die Handlung in stiller, rhythmischer 
Bewegung, deren durch die Begegnungen des Helden mit dem Dichter niarkierte 
Haltpunkte niemals die Kulmination, sondern stets das Ausschwingen der 
einzelnen Welle bezeichnen. So still und einfflrmig ist auch die Redeweise 
S.s, die fast nie zu gewaltsamen Ausbriichen, selten zu lyrisch gesteigerten 
Momenten fiihrt, selbst im Affekt vornehme Korrektheit bewahrt und mimische 
Charakteristik mit ganz wenigen Ausnahmen vermeidet. Die resignierte 
Stimmung der Novellen spiegelt sich in diesem gedSmpften Vortrag, der 
gerne schildernd verweilt und schon dadurch — wie durch die riickschauende 
Technik des Erz£hlens — den Eindruck ruhiger Fassung erweckt. In diesen 
Schilderungen ist S. Meister, und er hat hier seine hohe Kunst bew&hrt, 
Menschen und Natur als Einheit darzustellen. Nie ist eine Jahreszeit, eine 
Landschaft, eine Strafle zuf&llig gewdhlt, und oft ist durch die Schilderung einer 
Gegend und ihrer Geschichte die Handlung der Novelle symbolisch vor- 
gedeutet. All das ist dem Dichter ein bewuflt verfolgtes, hohes Ziel gewesen, 
und er hat in harter Arbeit die Strenge der Form seinem urwiichsig wienerischen 



234 



von Saar. 



Idiom abgewonnen. Dieses muhsame Bew&ltigen des Rohmaterials schliefit 
von vornherein eine humoristische Auffassung aus, die dem schwermutigen 
Pessimisten tiberhaupt feme liegt und nur in wenigen spiteren Novellen (Heir 
Fridolin und sein Gliick, Ninon) sich leise geltend macht. Aber eine mude 
Ironie l&chelt manchmal durch den Ernst der Darstellung hindurch. 

Darum ist es dem Dichter auch versagt gewesen, auf dem steinigen 
Boden des komischen Epos Lorbeeren zu ernten. Als satirischer Epilog zu 
seinen Novellen ist »Die Pincelliade* aufzufassen, die sein altes Thema von 
dem lebenshungrigen Mann und der liebestollen Frau zur Karikatur verzerrt. 
Sie ist derber, als es n6tig ware, und gerade daran sieht man, welche Muhe 
es dem Dichter kostete, sich in der Narrenkleidung dffentlich zu zeigen. 
Alle Eleganz der Form und alle Scharfe der satirischen Seitenhiebe, die 
absichtliche Obertreibung der Charaktere und die gute Schilderung des 
Kasernenmilieus hilft nicht iiber die innere Unlustigkeit und die Annut 
der Handlung hinweg. Ebenso einfdrmig und uninteressant bleibt die 
Idylle » Hermann und Dorotheas in der S. seinen Jugendplan, Goethes 
Meisterwerk ernsthaft zu parodieren, aufgenommen hat Es ist charakte- 
ristisch fur S.s Abneigung gegen alle &u&erlichen Motive, dafi Hermann 
in seiner Bewerbung gar keinen Widerstand findet, worn it dem Gedicht 
jede Spannung genemmen ist, so daB es vielmehr an Vofi als an Goethe 
erinnert. Und die czechisch-deutschen Streitigkeiten an der Sprachgrenze 
kOnnen es mit dem grofiartigen Hintergrund des Goethischen Epos ebenso- 
wenig aufnehmen wie die typisch charakterisierten Nebenfiguren mit den 
entsprechenden Gestalten des Vorbilds. Es ist bei aller Anmut der Schilde- 
rung und Gl&tte der Form ein mifllungenes Werk. 

Der Dichter, dem die Gabe der Erfindung so spSrlich geschenkt war, 
der wenigen, immer wiederkehrenden Situationen und Charakteren ihre feinste 
Stimmung abzulauschen vermochte, war seinem ganzen Wesen nach ein 
Lyriker. Und nirgends ist ihm so Voilendetes gelungen als in der Lyrik. 
Auch hier sind es wenige Gedanken, EmpAndungen, Situationen, die er in 
scheinbar einfachster Form wiedergibt Aber er weifi ihren lyrischen Gehalt 
vOllig auszuschOpfen und in immer neue Bilder und Vergleiche zu fassen. 
Nur selten hat er die Form der klassischen Ode fur politische und litera- 
rische Polemik und Apologie gewahlt, nicht glucklich seinen Groll in die 
trotz Riickert versOhnliche Form des Sonetts gegossen. Seine Lieblingsformen 
sind freie, eher nach Heine als nach Goethe gebildete Rhytbmen und die 
schlichte Sippe jambischer und daktylischer Liedstrophen, die all ihre Melodie 
in sich selbst haben und unsangbar sind wie die ahnlichen Gedichte Grill- 
parzers. Aber von den Gedichten dieses im ersten Wurf oder gar nicht 
treffenden Lyrikers unterscheiden sich die S.schen durch die sorgf&ltig gefeilte 
und gerundete Versifikation und Sprache. Nur selten entgleitet ihm mitten 
im Schwung der Rede ein prosaisches Wort, eine im abstrakten Gedanken 
stecken gebliebene Wendung; meist erscheint seine Lyrik ohne jede KGnstelei 
als das Werk eines besonnenen und ernsten Kunstlers. 

Verh&ltnism&fiig kleinen Raum nimmt die politische Lyrik ein, die bei 
festlichen AnlSssen begeisternde T6ne ohne Uberschwang vernehmen lSflt, 
sonst aber besorgter Liebe entspringt und nicht immer frei von schlechter 
Laune bleibt. Diese wird allzu machtig in den zahlreichen Gedichten, die 



von Saar. 235 

literarische Polemik treiben, unci macht den Dichter, der sonst so gerne und 
froh mit der Zeit vorgeschritten ist, zu einem murrischen laudator temporis 
aeti* Freilich ist er das freudigen Herzens, wenn es gilt, Grillparzers GroBe 
zu preisen oder Arthur Schopenhauern zu huldigen. 

Wie er hier an alien Zeitereignissen lebhaft teilnehmend sich darstellt, 
so hat er — in seinen lyrischen Gedichten 5fter als in den Novellen — an 
der sozialen Entwicklung der neuesten Zeit anteilgenommen. Von der stillen 
Ecke seines Arbeitszimmers und von gedankenschweren Dichterspaziergangen 
aus hat er auf das schwere Tagwerk des Arbeiters geblickt, den trostlosen 
Schmutz der Ziegelei mit tiefem Mitleid fur die dorthin Verbannten 
geschildert, das Elend des Taglfthnerkindes und den trotzigen Hafl des 
Proletariers gegen den reichen MuBigganger so scharf beobachtet wie sonst 
die zarten Frauen der vornehmen Gesellschaft. Die Arbeit ist dem geordneter 
Tatigkeit Fremden stets als Fluch erschienen, und darum konnte er in dem Be- 
streben der Frauen, sich erwerbsf ahig zu machen, nur den t6richten Wunsch sehen, 
zu allem Leid ihres Geschlechtes noch den Daseinsfluch des Mannes auf ihre 
Schultern zu laden. Auch das Dichten ist ihm Arbeit und daher Qual, und 
er beneidet die Armen im Geiste, die ohne Ehrgeiz und ohne inneren Zwie- 
spalt in den Tag hineinleben. Er selbst leidet am Leben, an diesem fort- 
wahrenden Jagen nach einem unerreichbaren Ziel, an diesem ewigen Ent- 
tauschtwerden, Sichsehnen und Einsambleiben. Und doch hungert er nach 
diesem Leben, ist ihm selbst das Erleiden ein Erleben und darum lieb, doch 
sieht er das h5chste Gluck im LebensgenuB, im Liebesgenufi. 

Auch hier, wie in seiner Epik, steht Frauenliebe im Vordergrunde. Wie 
nicht ausgereifte Novellen lesen sich die Gedichte »An eine Hollanderin* 
und »Vergessene Liebe« und in die Sphare seiner »Ninon« steigt er mit 
»Lydia« wieder hinunter. Aber deutlicher und ofter als in den Novellen hat 
er hier seine tiefe Neigung zu Frauen bekundet, die — wie er selbst in diesen 
spaten Gedichten — ihre Blute hinter sich haben und sehnsuchtsvoll nach dem 
rauschenden Leben blicken, das zu geniefien sie versaumten. Auch hier ist 
die Liebe durchaus korperlich aufgefafit, und nur aus diesem Gesichtspunkte 
ist es zu verstehen, dafi er das Los der Frau als ein unabanderlich trauriges 
Geschick beklagt: 

Nach kurzen Jugendtagen 
Verschuldetes Entbehren — 
Die Einen durch Versagen, 
Die Andern durch Gewfihren. 

Doch wehe, wenn da beides 
In Eins zusammenfliefit, 
Und so ein Meer des Leides 
Die stumme Brust verschlieBt! 

Seinem truben Blick ist auch die Natur ein ewiges Bild langsamen Ver- 
gehens, und nur selten hat er ein helles Lied dem Friihling entgegengesungen. 
Das uppige Reifen und Leuchten, der schwule Duft des Sommers, der in 
heiligem Ernst die Menschen zur Besinnung ruft, ist ihm vertraut, noch 
lieber aber hat er den Herbst mit seinen weichen Farben, mit seinem milden 



236 v on Saar. 

Licht, das letzte Aufatmen der Natur vor ihrem Ende. Die sich entblatternde 
Rose, das fallende Laub mahnen ihn wehmtitig an das Vergehen aller Lust 
und stimmen zu der miiden Sehnsucht seines Herzens. Und daneben sind 
es die einsam stolzen Pappeln und die duftlos unscheinbaren Primeln, die 
in ihrem unfruchtbaren Selbstgenugen und in ihrer keuschen Jugend sein 
Herz gewinnen. Die feinen, melodischen Schwingungen der Hugel um Wien, 
liber denen das melancholische Licht des Herbstabends liegt, wahrend herbe 
Diifte aus Wiese und Feld aufsteigen, sind aus diesen Gedichten zu ver- 
nehmen, in denen die schwermutig lachelnde Schftnheit der Wiener Land- 
schaft und der Wiener Frauen eingefangen ist. 

Wien war die Liebe, war der Lebensodem dieses Dichters. Und der 
geliebten Vaterstadt hat er das popul&rste seiner Werke geweiht: die » Wiener 
Elegien«. Seine Riickkehr in die Heimat feiert er in ernsten Ges&ngen, denen 
nur selten ein heiteres Bild, ein scherzendes Wort, ein froher Ausblick hoff- 
nungsvoll sich einflicht. Den Untergang seines alten engen Wien beklagt 
der Dichter, der miflmutig ein neues, fremdes, unverstandenes an der alten 
Stelle findet. Wehmiitig denkt er vergangener Tage, vergangenen Ruhms, 
vergangenen Frohsinns, und fast feindselig blickt er auf das neue, hastende 
Grofistadtgeschlecht. Aber auf dem Kahlengebirge, da ist er wieder in 
seinem alten Wien, und er versOhnt sich mit dem neuen, das — von Deutsch- 
land getrennt, von den Reichsgenossen angefeindet — bestehen wird, was 
auch die Zukunft ihm bringe: 

Sieh, es dammert der Abend, doch morgen flammt wieder das Friihrot, — 
Und bei fernem Gel&ut segnet dich jetzt dein Poet. 

In formvollendeten Versen und in bei aller Erhabenheit selten gezwungener 
und niemals schwiilstiger Sprache hat S. hier sein poetisches Glaubens- 
bekenntnis abgelegt, fiir die Stadt gezeugt, der er sein Bestes verdankt, und 
noch einmal seine Meinungen, Befiirchtungen, Hoffnungen in dem elegischen 
Ton, der ihm gem&fl war, in einer durchaus einheitlich entworfenen und 
durchgefuhrten Dichtung ausgesprochen. Wer die »Wiener Elegien« gelesen 
hat, darf sagen, daQ er S.s Eigenart kennt. 

S. war kein dichterischer Dilettant In unablassiger, qualvoller Arbeit 
hat er sich um seine Werke bemuht und sie rastlos bessernd nach bester 
Kraft vollendet. Aber er war ein folgsamer Schiiler seiner Muse und hat 
nie darnach gestrebt, die Poesie zu kommandieren. So hat er in langem 
Leben verhaltnism&fiig wenig produziert und hat — wenn man von seinem 
Bemiihen um das Drama absieht — nie versucht, die Grenzen seines dich- 
terischen Reichs zu erweitern. Darum hat er sein Bestes zu Anfang gegeben 
und ist, gewohnte Weisen leise variierend, in den Werken seines Alters zur 
leeren Manier herabgesunken. Aber auch da war es nicht etwa unlautere 
Absieht, die dem durchaus Ehrlichen stets fremd war, sondern Erlahmen 
seiner Phantasie und seines technischen Konnens. Auf einem engen Gebiete 
hat er Meisterliches geschaffen. Starke Wirkungen waren ihm versagt, aber 
fiir die zartesten und subtilsten Vorg&nge in der Menschenseele, fiir die feinen, 
leisen SchOnheiten der Natur hat er das scharfe Auge und die sichere 
schonende Hand besessen. Die schSnsten seiner Novellen werden ein 
dauernder Besitz des deutschen Volkes bleiben, und mit seiner Lyrik darf er 
sich den Besten seiner Zeit als Ebenburtiger gesellen. 



von Saar. von Budde. 



237 



Hauptwerke: Kaiser Heinrich IV, Ein deutsches Trauerspiel in zwei Abteilungen 
(I. Hildebrand. II. Heinrichs Tod) 1865, 1867; 2 « Auflage 1871; 3. Auflage 1904. — 
lnnocens. Novelle. 1866. — Marianne. Novelle. 1873. — Die Steinklopfer. Novelle. 
1873. — Die Geigerin. Novelle. 1874. — Die beiden de Witt. Trauerspiel in 5 Akten 
1875; 2. Auflage 1879. — Novellen aus Osterreich (lnnocens; Marianne; Die Stein- 
klopfer; Die Geigerin; Das Haus Reichegg) 1876. — Tempesta. Trauerspiel in 5 Akten. 
1881. — Gedichte. 1882; 2. Auflage 1888, 3. Auflage 1904. — Drei neue Novellen 
{Vac victis\\ Der »Exzellenzherr« ; Tambi) 1883. — Thassilo. TragGdie in 5 Akten. 1886. — 
Eine Wohltat. Volksdrama in 4 Akten. 1887. — Schicksale. Drei Novellen. (Leutnant 
Burda; Seligmann Hirsch; Die Troglodytin) 1888. — Frauenbilder (Ginevra; Geschichte 
eines Wiener Kindes) 1892. — Schlofl Kostenitz. Novelle 1893. — Wiener Elegien. 
1893; 2. und 3. Auflage 1894. — Die Pincelliade. Ein Poem in 5 Gesangen. 1897. — 
Novellen aus Osterreich I. II. (lnnocens; Marianne; Die Steinklopfer; Die Geigerin; Das 
Haus Reichegg; Vac Victis\\ Der »Exzellenzherr« ; Tambi; — Leutnant Burda; Seligmann 
Hirsch; Die Troglodytin; Ginevra; Geschichte eines Wiener Kindes; Schlofl Kostenitz) 
x ^97; 3. und 4. Tausend 1904. — Herbstreigen. Drei Novellen (Herr Fridolin und sein 
Glttck; Ninon; Requiem der Liebc) 1897. — Nachklange. Neue Gedichte und Novellen 
(Gedichte; Dramatische Fragmente: Ludwig XVI., Benvenuto Cellini; Novellen: Doktor 
Trojan, Conte Gasparo, Stindenfall). 1899. — Camera obscura. Flinf Geschichten (Die 
Brttder; Die Parzen; Der Burggraf ; Der Brauer von Habrovan; Dissonanzen). 1901. 2. Auf- 
lage 1904. Vermehrt durch: Aufler Dienst; Heirat des Herrn Staudl; Der Hellene. — 
Hermann und Dorothea. Ein Idyll in 5 Gesangen. 1902. — Tragik des Lebens. Vier 
neue Novellen (Die Familie Worel; Sappho; Hymen; Die Pfrttndner). 1906. — 

Eine Gesarotausgabe, hg. von Anton Bettelheim und Jacob Minor, in Vorbereitung. 

Vergl. J. Minor, Ferdinand von Saar. Eine Studie. Leipzig und Wien 1898. 

Stefan Hock. 



v. Budde, Hermann, Kgl. Preufiischer Staatsminister und Minister der 
offentlichen Arbeiten. * 15. November 1851 zu Bensberg, f 28. April 1906 
in Berlin. — Hermann B. war ein Sohn des Professors an dem Kadettenhause 
in Bensberg. Dort wurde er auch erzogen, wurde aus der Selekta am 
14. April 1869 entlassen und zum Leutnant im Infanterie-Regt. Nr. 81 in 
Mainz ernannt. Als soldier machte er den Feldzug 1870/71 gegen Frank- 
reich mit, wurde am 1. Sept. 1870 in der Schlacht bei Noisseville durch 
einen Schufi in die Brust schwer verwundet; er erhielt das Eiserne Kreuz. 
Er besuchte die Kriegsakademie, gab* im Jahr 1877 eine Schrift iiber die 
franzosischen Eisenbahnen im Kriege 1870/71 und ihre seitherige Entwick- 
lung in militarischer Hinsicht heraus, fur die ihm 1878, nachdem er in den 
Generalstab versetzt war, der Generalstabschef Graf Moltke persfinlich den 
Roten Adlerorden iiberreichte. Bis 1891 blieb er beim Grofien Generalstab 
in der Eisenbahnabteilung, kehrte dann auf kurze Zeit in die Front zuriick, 
wurde 1895 wieder in den Generalstab versetzt und dort zum Chef der Eisen- 
bahnabteilung ernannt. Aus dieser Stellung schied er als General 1901 aus, 
um in die Direktion der haupts£chlich in der Waffen- und Munitionsfabrikation 
t&tigen Aktiengesellschaft Ludwig Lowe & Co. einzutreten. Am 23. Juni 
1902 berief ihn das Vertrauen des Kaisers auf die Stelle als Staatsminister 
und Minister der Offentlichen Arbeiten, die er bis zu seinem 33/4 Jahre 
spater erfolgten Tode bekleidete. Als Budde sein Ministeramt antrat, war 
der Ruf des friiheren Generals als eines ausgezeichnet befahigten, im Verkehrs- 
wesen bewanderten und sehr energischen Mannes bereits fest begrundet; sehr 



238 von Buddc. 

bald zeigte sich die kntftige zieibewufite Hand des neuen Marines. Der 
bezeichnende Punkt der von ihm vertretenen Richtung war sein Eintreten 
fiir eine bessere Ausgestaltung des Eisenbahnwesens in alien seinen Teilen 
gegeniiber den widerstrebenden fiskalisehen RQcksichten. Er kannte aus 
seiner Generalstabstatigkeit das preufiische Eisenbahnnetz ungemein griind- 
lich; er wufite daher auch, an welchen Stellen der Hebel fiir die bessernde 
Hand anzusetzen war, und er besafi den Willen und die Kraft, seine For- 
derungen durchzusetzen. Er war dabei ein guter Rechner und Haushalter; 
er wufite sehr wohl, dafi die aus den Eisenbahnen strdmende Oberschufi- 
quelle nicht angetastet werden durfte, aber er batte auch die feste Ober- 
zeugung von der werbenden Kraft aller Ausgaben, die das Werkzeug der 
Eisenbahnen zur Erfiillung ihrer Verkehrsaufgaben geeigneter machen. Er 
schatzte den belebenden Einflufl guter Einrichtungen des Verkehrs auf 
diesen selbst richtig ein. Naturlich lagen ihm als Soldaten die Interessen 
der Landesverteidigung besonders am Herzen; hatte er doch als Chef der 
Eisenbahnabteilung des Generalstabs die Eisenbahnen haupts&chlich unter 
dem Gesichtspunkt der milit&rischen Leistungsfahigkeit betrachtet. Aber er 
wufite, dafi, was hierfiir geschah, auch dem Verkehr zugute kam. 

Neben dieser Hauptrichtung seiner T&tigkeit war die Sozialpolitik des 
Ministers besonders hervortretend. Mit einer entschiedenen, riicksichtslosen 
BekSrapfung der Sozialdemokratie verband er eine wirklich t&tige Fiirsorge 
fiir das Wohl des seiner Leitung unterstehenden ungeheuren Personals und 
wurde nicht miide in der rastlosen Besserung aller sozialen Einrichtungen; 
er vertrat dabei den richtigen Standpunkt, dafi auch die Arbeiter selbst 
gehftrt und mit ihnen beraten werden miisse, was zu ihrem Wohl geschehen 
solle. Er war ein Arbeiterfreund im besten Sinne des Worts. Als einen 
dritten stark hervortretenden Zug mGchte man das Streben des Ministers 
nach Vereinfachung des Geschafts verkehrs und Verminderung des Schreibwerks, 
kurz seinen Kampf gegen den bureaukratischen Zopf bezeichnen. 

Wir heben nachstehend die wichtigsten Merksteine aus der Minister- 
tatigkeit B.s hervor. Schon wenige Monate nach seinem Amtsantritt 
erfolgte das Verstaatlichungsanerbieten an fiinf Privatbahnunternehmungen 
im rechtselbischen Teile Preufiens, durch das die Durchfiihrung einer ein- 
heitlichen nationalen Tarifpolitik ermOglicht und die wirtschaftliche Er- 
starkung der 6stlichen Provinzen gefttrdert wurde. Eine weitere Verstaat- 
lichung im westfalischen Industriegebiet geschah etwas sp&ter. 

Der anfangs 1903 dem Landtag vorgelegte neue Etat zeigte schon Spuren 
der Wirksamkeit des Ministers: die VerstSrkung des Oberbaues sollte zur 
Besserung des Schnellzugverkehres und ErhOhung der Betriebssicherheit be- 
schleunigt durchgefuhrt werden, so dafi die 41 — 43 kg schwere Schiene mit 
vermehrter Schwellenzahl binnen wenigen Jahren auf alien Hauptschnellzug- 
linien liegen sollte. Bei der zweiten Lesung dieses Etats im Abgeordnetenhause 
hatte der Minister Gelegenheit, sein Programm mit der ihm eigenen frischen und 
schlagfertigen Beredsamkeit zu begrlinden. Fiir den neuen Sommerfahrplan 
wurde eine grofie Anzahl neuer Schnell- und Personenziige eingefiihrt und 
dabei namentlich auch der Osten der Monarchic bedacht. Der f olgende Winter- 
fahrplan zeigte nicht nur keine Einschrinkung, sondern eine weitere Vermehrung 
der Ztige und Verbesserung der Zugverbindungen, dieB. auch in den kommenden 



von Budde. 239 

Jahren ununterbrochen fortgesetzt hat. Mit ihr hielt die bessere Ausstattung der 
Wagen, bessere Heizung und Beleuchtung gleichen Schritt; die III. Klasse wurde 
in immer steigendem Mafie auch in die Schnellztige eingestellt, die IV. Klasse 
immer vollkommener und bequemer eingerichtet. Beim Etat 1904 war B.s 
vorschauender Blick auf eine umfassende Vermehrung des Fahrparks gerichtet. 
Statt der bisher hierfiir jahrlich verausgabten 90 Millionen verlangte und 
erhielt er bewilligt 120 Millionen, fur zahlreiche Bahnhofsumbauten wurden 
neue grofie Summen gefordert In der grofien Rede, die er am 7. Marz 1904 
zum Eisenbahnetat im Abgeordnetenhause hielt, konnte er unter lebhaftem 
Beifall von alien Seiten des Hauses ein Bild von der bisherigen und der zu- 
kiinftigen Entwicklung des unter seiner Leitung stehenden Eisenbahnwesens 
entwerfen, das auf alien Gebieten wichtige Fortschritte zeigte und in Aussicht 
stellte. Fast noch glanzender und farbenreicher war das Bild in der Etats- 
rede 1905, die er mit den fur seine ganze Art bezeichnenden Worten schlofi: 
»Rast' ich, so rost' ich.« Die Etatsvorlage fiir 1906 konnte er leider nicht 
mehr selbst vertreten, weil er schon an das Krankenlager gefesselt war, von 
dem er sich nicht mehr erheben sollte. Aber sie zeigt weitere grofie Fort- 
schritte; von alien Seiten wurde die treffliche Leitung des Eisenbahnwesens 
anerkannt und das innige Bedauern hervorgehoben, dafi der Minister durch 
Krankheit ferngehalten werde. 

Dafi auf deutschem Boden die weltbekannten Versuchsfahrten der elek- 
trischen Schnellbahnwagen im Herbst 1903 stattfinden konnten, war der leb- 
haften Unterstiitzung dieses Unternehmens durch Hergabe der fiir den ver- 
starkten Oberbau erforderlichen Materialien an die Militarbahn zu verdanken, 
die B. ohne fiskalische Bedenken anordnete. Den gleichzeitigen grofiartigen 
Fortschritten des Dampflokomotivbaus liefi er alle erdenkliche Forderung zuteil 
werden, wie denn insbesondere die Heifidampfmaschinen immer starker zur 
Verwendung gekommen sind. 

Im Giiterverkehr war B.s Streben auf die fortgesetzte Vermehrung des 
Wagenparks, die Beschleunigung des Wagenumlaufs, die Erhohung der 
Tragfahigkeit der Guterwagen gerichtet. Der Guterzugfahrplan wurde 
stetig durch weitere Trennung der Zuge nach Gattungen verbessert. Die 
Beseitigung oder doch weitgehende Beschrankung der Umleitungen inner- 
halb der deutschen Eisenbahnen ist gleichfalls sein Verdienst. Der Giiter- 
dienst wurde unter seiner Leitung durch das vereinfachte Abfertigungs- 
verfahren und durch die immer mehr verbesserten Einrichtungen der Stiick- 
giiterbeforderung weiter vervollkommnet, letztere erheblich beschleunigt. Im 
Giitertarifwesen wurde auf der vorsichtigen Bahn allmahlicher Weiterent- 
wicklung fortgeschritten; eine Reihe von Ermafiigungen sind aus der Amtszeit 
des Ministers zu erwahnen, insbesondere die Gewahrung von Erleichterungen 
an die Industrie des Siegerlandes. 

Seine besonders eifrige Fiirsorge gait alien Einrichtungen zur Erhfthung 
der Betriebssicherheit. In diesen Fragen spielte Geld bei ihm keine Rolle, 
wie er zu sagen pflegte. Wahrhaft grofiartige Summen wurden hierfiir in 
fortgesetzt steigendem Mafie aufgewendet, insbesondere ist die elektrische 
Streckenblockung auf immer weitere Strecken ausgedehnt worden. 

Ein Freund der unmittelbaren Anschauung und des miindlichen Verkehrs, 
wo er den schriftlichen nur irgend ersetzen konnte, hielt sich B. durch haufige 



24O v on Budde. 

Bereisungen in steter unmittelbarer Kenntnis von den Sachen und Personen 
seines Bezirks, wie knapp auch die Zeit war, die ihm zur Verfugung stand. 
Im Geiste dieser Auffassung schuf er auch die sogenannten Uberraschungs- 
kommissionen, die liberal 1 die Strecken bereisen, selbst nachsehen und priifen, 
die Beamten und Arbeiter der mittleren und unteren Dienstzweige persdnlich 
befragen mufiten. Dies auch selbst zu tun bei seinen Reisen, war ein be- 
zeichnender Zug des Ministers, der dadurch vieles mit eigenem scharfen 
Blick sah und erkannte, was durch die Brille von Berichten anderer gesehen 
ihm entgangen ware. Sehr glucklich war der Gedanke, die Prasidenten 
s&mtlicher Direktionsbezirke zu regelmafiigen Konferenzen nach Berlin zu 
laden und dort mit ihnen in vielstundiger angestrengter Arbeit alle dienst- 
lichen Angelegenheiten durchzusprechen. Wie er selbst ein Meister der Rede 
war, so liebte er in alien Dingen die mundliche Aussprache und hiefi jede 
mogliche Vermeidung des Schreibwerks willkommen. 

Weiter bemuhte er sich, die Einkommensverh£ltnisse des Personals zu 
verbessern, die Zahl der etatsm&fiigen Stellen zu vennehren, die Dauer der 
Arbeitszeit zu beschranken, die Arbeitsleistung aber auf alle Weise zu erhohen; 
sein ganzes Augenmerk richtete er auf die Besserung der Lebenshaltung, der 
Ernahrung, der Wohnung, der Bekleidung des Personals. Zahllose unter 
seiner Leitung ergangene Verfugungen bezogen sich auf die Besserung der 
dienstlichen Aufenthaltsr&ume, die Gewfihrung billigen und warmen Essens 
in den Dienstpausen, die Darbietung im Winter erwarmender, im Sommer 
erfrischender alkoholfreier Getrinke. Die ErhOhung der Krankengelder er- 
reichte er namentlich durch eine einmalige grofiartige Zuwendung von 
3000000 M. an die Verbandskrankenkasse. Fur Erholungs- und Genesungs- 
heime, fiir die Belebung des Vereinswesens und die Pflege des vaterlandischen 
Sinnes in den Eisenbahnvereinen geschah alles Erdenkliche. Eine besondere 
Freude war dem Minister die auf seinen Antrag vom Kaiser gewahrte Stiftung 
des Erinnerungszeichens fiir 25- und 4ojahrige Eisenbahndienstzeit, mit der 
er die bei der Feier von Kaisers Geburtstag am 27. Januar 1905 um ihn 
Versammelten iiberraschte. Die Heranziehung von Vertretern der kleineren 
Beamten und der Arbeiter zu dem in seinem Hause stattfindenden Festmahl 
zu Kaisers Geburtstag gehort gleichfalls zu den liebenswiirdigsten ZQgen 
seiner Wirksamkeit. 

Hand in Hand mit dieser v&terlichen Fursorge ging eine im Eisenbahn- 
dienst unbedingt notwendige straffe Handhabung der Disziplin. B. verlangte 
von dem gesamten Personal hdchste Anspannung der Krafte wahrend des 
Dienstes, er duldete keine »Bummelei«. Gegen die Sozialdemokratie ging 
er riicksichtslos und mit Erfolg vor, er duldete keinen Teilnehmer an ihren 
Bestrebungen im Dienst. 

Die Personentarifreform des Jahres 1907 ist in ihren Hauptpunkten B.s 
unablassigen Bemlihungen und seiner haufig ausgesprochenen Uberzeugung 
von der Unhaltbarkeit der friiheren bunten Zustande im Personentarifwesen 
zu danken. 

Seinen grdfiten und glanzendsten Erfolg erlebte B. auf einem anderen 
Gebiete als dem des Eisenbahnwesens. Die Durchsetzung der unter seinem 
Amtsvorganger gescheiterten grofien Kanalvorlage war eine von den Aufgaben, 
die ihm sein kdniglicher Herr besonders ans Herz gelegt hatte. Durchdrungen 



von Budde. von Thielen. 



241 



von ihrer hohen wirtschaftlichen und verkehrspolitischen Bedeutung, fiihrte 
er sie, wenn auch in etwas verkiirzter Gestalt, mit grofiem Geschick gliicklich 
durch alle Schwierigkeiten der parlamentarischen Kampfe hindurch. So sehr 
rechnete ihm der Konig dies zum personlichen Verdienst, dafl er ihm als 
Anerkennung den Schwarzen Adlerorden verlieh. 

Neben der Burde des Amts, das die Arbeitskraft des Unenmidlichen 
aufs auflerste in Anspruch nahm, fand er doch noch die Zeit, sich auch 
schriftstellerisch zu betatigen. Schon als Generalstabsoffizier hatte er, wie 
erwahnt, sich mit dem Eisenbahnwesen im Kriege von 1870/71 literarisch 
beschaftigt. Im Herbst 1903 gab er unter dem Titel: »Die franzosischen 
Eisenbahnen im deutschen Kriegsbetriebe 1870/7 1«, eine Darstellung der 
Eisenbahnvorgange, heraus, die als Erganzung der Kriegsgeschichte eine 
Fiille von Erfahrungen brachte zur Verwendung bei der Handhabung des 
Dienstes auf den riickwartigen Verbindungen in einem kunftigen Kriege. 
Das Werk bietet eine hervorragende Bereicherung der Lehre von den Eisen- 
bahnen im Kriege. 

Zum Schlufl einiges iiber die Personlichkeit B.s. In der gedrungenen 
Gestalt, der aufrechten Haltung, den entschlossenen Ziigen erkannte man 
sogleich den Soldaten von Beruf, den Mann der Tat. Seine Arbeitskraft 
war erstaunlich. Seine Redeweise war knapp und klar, gewiirzt von packenden 
Bildern, humorvollen Wendungen. Seine Auffassung war schnell, sein Ge- 
dachtnis glanzend, seine Entscheidungen erfolgten rasch und ohne Bedenken. 

Hohe Anforderungen stellte er an sich selbst, aber auch in seinem ganzen 
Geschaftskreise verlangte er stramme, hingebende, schnelle Arbeit. 

Ein schweres Leiden befiel den kraftigen Mann schon ein Jahr nach 
dem Antritt des Ministeramts. Mit eiserner Zahigkeit hielt er sich nach einer 
zun&chst gliicklichen Operation aufrecht. Noch am Tage vor seinem Tode, 
dessen Herannahen er flihlte, schrieb er folgende Worte nieder: »Der ster- 
bende Minister sendet alien Eisenbahnern herzlichen Grufi. Mdge das Per- 
sonal treu zusammenhalten, ein Vorbild der Treue gegen KOnig und Vater- 
land! Dies ist alien Eisenbahnern kund zu tun. Staatsminister v. Budde. « 
So starb er »in den Sielen«. Das schone Beileidstelegramm des Kaisers an 
die Witwe schloB mit den Worten: »Er war ein Held.* 

Schriften: Die franzosischen Eisenbahnen im deutschen Kriegsbetriebe 1870/71. Berlin 
1904, Verlag von Ernst Siegfried Mittler und Sohn. 

Benutzte Quellen: Zeitung des Vereins Deutscher Eisenbahnverwaltungen, Jahrgang 
1902, Nr. 49 S. 783 und Jahrgang 1906 Nr. 33 S. 537 ff. 

v. Miihlenfels. 

v. Thielen, Karl, Kgl. Preufiischer Staatsminister und Minister der off en t- 
lichen Arbeiten a. D. * 30. Januar 1832 in Wesel, f IO - Januar 1906 in 
Berlin. Karl Th. war der Sohn eines Geistlichen, des nachmaligen evan- 
gelischen Feldpropstes der Armee Thielen. Nach Beendigung des juristischen 
Studiums in Bonn und Berlin trat er am 9. Oktober 1854 als Auskultator in 
den Staatsdienst. Im Jahre i860 bestand er die grofie Staatspriifung mit Aus- 
zeichnung. Als Regierungsassessor hat er dann zunachst drei Jahre lang das 
Landratsamt in Berleburg verwaltet. Hierauf war er kurze Zeit Mitglied der 
Regierung in Koblenz und wurde von dort im Jahre 1864 als Hilfsarbeiter 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog-. u. Bd. 1 6 



242 von Thiden. 

an die KOnigliche Eisenbahndirektion SaarbrQcken berufen. Seitdem blieb 
er dauernd im Eisenbahndienste. Nachdem er wiederholt in der Eisenbahn- 
abteilung des Handelsministeriums und (1866) als Mitglied der Kgl. Eisen- 
bahndirektion in Breslau beschaftigt gewesen war, schied er am 1. April 
1867 aus dem Staatsdienste aus und wurde Direktionsmitglied der Rheinischen 
Eisenbahngesellschaft. Bei der im Jahre 1880 erfolgten Verstaatlichung dieser 
Bahn trat er in den Staatsdienst zurGck, wurde unter Ernennung zum Geheimen 
Regierungsrat Abteilungsdirigent der linksrheinischen Eisenbahndirektion 
zu KOln und noch in demselben Jahre Oberregierungsrat. Am 1. November 
1881 erfolgte seine Ernennung zum Pr&sidenten der Kttniglichen Eisenbahn- 
direktion in Elberfeld, im Jahre 1887 zum Pr&sidenten der K5niglichen 
Eisenbahndirektion in Hannover. Am 20. Juni 189 1 wurde er als Nachfolger 
des Staatsministers v. Maybach zur Leitung des Ministeriums der Offentlichen 
Arbeiten berufen, am Neujahrstage 1900 ihm der erbliche Adel verliehen. 
Am 23. Juni 1902, also nach gerade 1 1 j&hriger Wirksamkeit als Staatsminister, 
erbat v. Th. als Siebzigj&hriger seinen Abschied, der ihm unter Belassung 
des Titels und Ranges eines Staatsministers gew&hrt wurde. Gleichzeitig 
erhielt er die hOchste einem preuflischen Beamten erreichbare Auszeichnung, 
den hohen Orden vom Schwarzen Adler. 

Th.s Namen wird stets unter den Vordersten genannt werden, die dem 
preuflischen Eisenbahnwesen das Gepr&ge gegeben haben. Wenn mit dem Namen 
seines Amtsvorg&ngers Maybach die Durchfuhrung der preuflischen Eisenbahn- 
verstaatlichung verknQpft ist, so war Th.s Werk die organische Durchbildung 
des grofien Staatseisenbahngeb&udes. Nachdem er die Grunds&tze der 
preuflischen allgemeinen Staatsverwaltung kennen gelernt hatte, trat er schon 
1864 zur Staatseisenbahnverwaltung ilber. Von besonderer Bedeutung fur 
die fachm&nnische Entwicklung des sp&teren Ministers war es, dafl er in 
seinen besten Mannesjahren, von 1867 bis 1880, in der Leitung der grofien 
Rheinischen Eisenbahn tatig war, die sich von jeher durch den Geist einer 
grofiziigigen Verkehrspolitik auszeichnete. Hier lernte Th. eine Privat- 
bahnverwaltung trefflichster Art kennen und brachte von ihr in seine sp&teren 
leitenden Stellungen im Staatseisenbahndienst kaufm&nnische Anschauungen 
im besten Sinne des Wortes, Freiheit von bureaukratischer Schablone, 
Kenntnis der grofien Industrien des Westens, des dortigen reichen wirtschaft- 
lichen Lebens, des internationalen Verkehrs mit. So ausgertistet, wurde er 
bei der Verstaatlichung der Rheinischen Bahn 1880 zunichst Abteilungsdirigent 
bei der linksrheinischen Direktion in KOln, schon ein Jahr sp&ter President 
der KOniglichen Eisenbahndirektion in Elberfeld. Hier verlebte er inmitten 
eines weitreichenden Einflusses, hOchst befriedigenden Wirkungskreises und 
eines glftcklichen Familienlebens sechs sch6ne Jahre. Nur ungern schied er 
im Jahre 1887 von Elberfeld, um den Pr&sidentenstuhl in Hannover einzu- 
nehmen. War er bis jetzt haupts&chlich im Rheinland tatig gewesen, so 
umfafite sein Eisenbahnreich nun die weiten Gebiete vom Harz und Teuto- 
burger Wald bis zur Nordsee mit den grofien Hafenpl&tzen an der Weser 
und Elbe. Als er im Jahre 1891 zum Minister der dffentlichen Arbeiten aus- 
ersehen wurde, war wohl in der ganzen Eisenbahnwelt nur eine Stimme, dafl 
die Krone hier eine treffliche Wahl getroffen habe. Das best&tigte sich auch 
sehr bald, es zog ein freier, frischer Geist in das Arbeitsministerium ein. 



von Thielen. 243 

Gleich in die Anfangszeit seiner Tatigkeit fiel ein wichtiger gesetzgeberischer 
Schritt: die Belebung des fast erloschenen privaten und kommunalen Unter- 
nehmungsgeistes im Eisenbahnbau durch den Erlafi des Kleinbahngesetzes 
(1892). Obgleich dessen Anf&nge noch aus der Maybachschen Zeit stammen, 
so war es doch haupts&chlich der freieren Auffassung des neuen Ministers 
zu verdanken, dafl das Gesetz in der zwar nicht vollkommenen, aber doch 
durchaus lebensfahigen Form zustande kam, in der es seither eine sehr 
segensreiche Wirksamkeit entfaltet und das Zustandekommen eines bedeutenden, 
noch in steter Erweiterung begriffenen Kleinbahnnetzes ermSglicht hat, das 
sich nicht nur der iiberwachenden Fiirsorge des Staates, sondern auch seiner 
werktatigen Unterstiitzung durch erhebliche Beihilfen erfreut. Die groflen 
Verstaatlichungen waren unter Herrn v. Maybach glanzend durchgefiihrt, 
aber die Verwaltungsmaschine arbeitete etwas schwerfallig. Die Betriebs 
&mter, die in den ersten Jahren der Verstaatlichung zweckmafiig gewesen 
waren, hatten sich iiberlebt, die Direktionsbezirke waren zu grofi und uniiber- 
sichtlich geworden. Schon 1895 schuf Thielen, in seinen Bestrebungen von 
dem damaligen Finanzminister v. Miquel lebhaft unterstiitzt, die Neuordnung 
der Staatseisenbahnverwaltung, wie sie mit wenigen Anderungen jetzt noch 
besteht. Sie hat sich ausgezeichnet bewahrt als das Werk eines Mannes, 
der das Getriebe des gesamten Eisenbahndienstes und seinen Zusammenhang 
mit dem Geschaftsleben kannte und auch die technische wie kaufmannische 
Seite des Eisenbahnwesens erfafite und beherrschte. 

Wie bef£higt der so gefiigte Bau der Eisenbahnverwaltung zur Erweiterung 
und Angliederung neuer Bahnen war, das zeigte sich bei der dritten Tat des 
Ministers Thielen: der Schaffung der preufiisch-hessischen Eisenbahngemein- 
schaft im Jahre 1897, die einige Jahre spater noch durch Aufnahme der 
Main-Neckarbahn erweitert wurde. Hier vereinigten sich wirtschaftliche und 
nationale Gesichtspunkte zu einem mit Recht bewunderten Ganzen, das sich 
glanzend bewahrt hat. An diese Neuordnung schlofien sich im Laufe der 
elf jahrigen Ministertatigkeit eine Fiille weiterer Mafinahmen. Geschaftsverein- 
fachungen mannigfachster Art, umfassende Bahnbauten und Bahnhofsanlagen, 
mustergultige Wohlfahrtsanstalten, neue Betriebseinrichtungen (D-Ziige, Bahn- 
steigsperre, Dampfheizung), wichtige Tarifermafiigungen (Rohstofftarif, 45tagige 
Giiltigkeitsdauer der Riickfahrkarten) sind ihm zu danken, Die Uberschiisse 
der preuflischen Staatsbahnen wuchsen unter seiner Leitung standig und 
entwickelten sich mehr und mehr zum Riickgrat der preuflischen Finanzen. 

Wie vorurteilsfrei der Blick Th.s fur die groflen allgemeinen Verkehrs- 
interessen war, das bewies er in besonders eindringlicher Weise, als er, der 
Eisenbahnminister, fur die grofle Kanalvorlage mit seiner ganzen PersGn- 
lichkeit und mit groflem Aufwand von Beredsamkeit und Kenntnissen eintrat. 
Zu der Uberzeugung von der Notwendigkeit der Erganzung unseres Eisen- 
bahnnetzes durch leistungsfahige Wasserstrafien war er als griindlicher Kenner 
der Industrie, des Bergbaus, der Eisenbahnen des preuflischen Westens gelangt. 
Sein im Abgeordnetenhause dem leidenschaftlichen Widerstande der Konser- 
vativen gegenuber gebrauchtes geflugeltes Wort: »Gebaut wird ei doch!« ist 
bekanntlich durch Annahme der anfanglich heftig befehdeten Kanalvorlage 
im Jahre 1905 in Erfullung gegangen, nachdem sie unter Th.s Nachfolger, 
dem Staatsminister v. Budde, umgearbeitet war. 

i6» 



244 von Thielen. Schuri. 

Ein besonders wohltuend hervortretender Zug in der ganzen Amtst&tigkeit 
Th.s war seine wirkliche Herzensgtite. Er war ein Mensch von warmer 
Empfindung und ein ebensolcher Vorgesetzter. Seine ganze Verwaltung 
wurde daher durch zahllose Ziige seines Wirkens in diesem Sinne gekenn- 
zeichnet. Das sichere Bewufltsein, dafl die oberste leitende Stelle ein Mann 
von ebensoviel Verstand wie Herz innehatte, erfiillte das ganze Personal 
mit Arbeitsfreudigkeit und sicherem Vertrauen. 

Th. besafi Geist und Witz, liebenswurdige Formen, lebhafte und schnelle 
Auffassung, einen groflen Reichtum der Kenntnisse und der Bildung, die 
Gabe der Vermittlung, des Eingehens auf fremde Gedankenkreise. Dafl er als 
echter Rheinlander auch ein Freund heiterer Geselligkeit war, von frShlichstem 
Humor als Erzahler und als Tischredner, durfen wir zur Vervollst&ndigung 
des Lebensbildes hier nicht vergessen. Zu diesen Eigenschaften gesellte 
sich eine ausgezeichnete Arbeitskraft und grofles Verwaltungstalent, die ihn 
zu seinem hohen Staatsamt besonders befahigten. Sein Name wird in der 
Geschichte des deutschen und preuflischen Eisenbahnwesens stets einen her- 
vorragenden Platz einnehmen. 

Benutzte Qucllcn: Zeitung des Vereins Deutscher Eisenbahn-Verwaltungen, Jahrgang 
1906, Nr. 3 und 4. 

v. Muhlenfels. 



Schurz, Carl, ist am 2. M3rz 1829 zu Liblar, einem Dorfe von etwa 
800 Einwohnern im linksrheinischen Preuflen, drei Stunden von Kdln entfernt, 
als Sohn katholischer Eltern geboren. Sein Vater, der Dorfschulmeister, 
geboren 1797, entstammte einer Bauernfamilie aus Duisdorf bei Bonn. Seine 
Mutter, Marianne Jttssen, war die Tochter eines gr&flich Wolff-Metternichschen 
Pachters, Heribert Jiissen, welcber einen Teil des Stammsitzes dieser Familie, 
der Burg Gracht, bewohnte, und noch sechs Jahre lang nach der 1827 ge- 
schlossenen Ehe die Tochter mit ihrer Familie bei sich im Hause behielt. 
Auch nachdem dann die Eltern mit Carl und einem inzwischen geborenen 
zweiten Sohn ins Dorf iibersiedelt waren, kam der Lieblingsenkel noch jahre- 
lang t&glich zum Groflvater auf die Burg. 

Lebhafte Eindrucke nahm sein empf&ngliches Gemlit in der eigenartigen 
Umgebung auf, die ihm das Leben einer der hervorragendsten Familien des 
Landes unmittelbar und st&ndig vor Augen stellte, und ihn auf der andern 
Seite mit dem Getriebe einer groflen, wohlgedeihenden Bauernwirtschaft 
vertraut machte. Lebhafter noch aber wirkte die kfirperlich, geistig und 
sozial iiberragende PersOnlichkeit des Grofivaters, der, ein Hune an Gestalt 
und Kraft, auch durch die Wucht des Verstandes und Einflusses unter den 
AngehOrigen seines Standes und bei den Bewohnern des Herrenhauses eine 
geschStzte Stellung einnahm, mit seinen VorzQgen und den dem leichtlebigen, 
fest- und trunkfreudigen rheinischen Charakter entsprechenden Fehlern gleich 
unbedingt Respekt wie Liebe der Seinen genofi. 

Den ersten Unterricht erhielt Carl in der Dorfschule, zunichst vom 
Vater, bis dieser nach einem Jahr das Amt auf gab und eine Eisenwaren- 
handlung anting, um die ndtigen Mittel zur Ern&hrung der inzwischen durch 
zwei TOchter weiter vergrOflerten Familie zu gewinnen. Friih wurde zu den 



Schurz. 245 

Lehrgegenstanden der Schule ein Musikunterricht beim Organisten, bald auch 
die Elemente des Lateinischen beim Pfarrkaplan des benachbarten Brlihl 
hinzugefugt. Mit dem beginnenden neunten Jahre ging er in die dortige 
Elementarschule uber. 

Die Einwirkung des eifrig strebenden und bildungsbedachten, tolerant 
gesinnten Vaters und der klugen, warmherzigen Mutter, der Verkehr mit den 
verschiedenen Gliedern der grofien und wohlgestellten Bauernfamilie, die 
gleich alien Bewohnern der Gegend streng katholische Gesinnung mit rheinischer 
Frohlichkeit vereinigte und bei ihren Zusammenkunften und Festen betatigte, 
die Beriihrung mit mancherlei Originalen, an denen der kleine Ort nicht arm 
war, legten gute Grundlagen. Aber es fielen fruhzeitig auch schon Schatten in 
sein Leben, so der fruhe Tod des geliebten Bruders und der Verlust der 
Grofleltern, welcher weniger als ein Jahr nach der von dem Kinde mit 
tiefem Groll als ein schweres Unrecht instinktiv empfundenen Aufhebung des 
Pachtvertrages seitens des inzwischen in die Stelle des alten Pachtherrn ein- 
geriickten jungen Graf en und der Versteigerung des Wirtschaftsinventars er- 
folgte. Mit dem beginnenden neunten Jahr ging er in die Elementarschule des 
benachbarten Brtihl uber, und mit dem beginnenden zehnten brachte ihn der 
Vater zum Zweck des Gymnasialbesuchs nach K5ln. Hier wurde er in 
bescheidenster Weise bei einem Schlossermeister einquartiert. Guter Unter- 
richt verstandiger und wohlwollender Lehrer trug dazu bei, die Schuljahre 
fruchtbar zu machen. Der Verkehr mit einzelnen Mitschulern legte den Grund 
zu dauernden Freundschaften. 

Doch sollte die Schulzeit nicht voriibergehen, ohne dafi die Seele des 
mit vorziiglichen Anlagen ausgestatteten fruhreifen Junglings noch weiter 
nach verschiedenen Richtungen tiefgreifend erschiittert wurde. Die glaubige 
Uberzeugung iiblicher katholischer Observanz geriet schon vor der ersten 
Kommunion gelegentlich, spater in ernsten inneren KSmpfen dauernd hin- 
sichtlich der Frage ins Schwanken, ob die katholische die alleinseligmachende 
Kirche sei. Die Probleme der Zeit fanden durch die Lekture der Werke des 
» Jungen Deutschland«, Freiligrath, Gutzkow, Laube, Heine, Herwegh, Hoffmann 
von Fallersleben, im Herzen lebhaften Widerhall. Der rheinische Geist, der 
in der preuflischen Regierung noch ein Stuck unterdriickender Fremdherrschaft 
sah, kam in den Anschauungen und Auflerungen der ihm nahestehenden Mit- 
schiiler zum Ausdruck und wirkte auf ihn ein. Die in der Luft liegende 
Bewegung nach einem volkstumlich regierten Deutschland erfullte die Ge- 
danken und die zahlreichen lyrischen und dramatischen Versuche des 
Junglings, ja machte sich sogar einmal in einer dem Lehrer bedenklichen 
Weise in einem Aufsatz Luft. Doch bereiteten ihm die verst£ndigen Pada- 
gogen wegen seines Freimuts nach der religiftsen und politischen Seite 
hin keine Schwierigkeiten. Ein guter Lerner, und von bescheidensten 
Lebensgewohnheiten, gab er sich gern kunstlerischen Genussen und Eindriicken 
in der Gem&ldegalerie, bei den musikalischen Messen im Dom, der Wacht- 
parade, der Betrachtung altertumlicher Bauwerke und gelegentlich im Theater 
hin. Die Ferien brachten mancherlei Besuche und Vergniigungen im engeren 
und weiteren Kreise der Seinen. Um den Eltern die Last zu erleichtern, 
bestritt er einen Teil des Unterrichts durch ein beschafftes Stipendium, und 
einen weiteren durch Unterrichterteilung an jiingere Mitschuler. 



246 Schurx. 

Noch vor Abschlufl der Schulzeit aber gerieten die Veriuiltnisse des 
Vaters in vollst&ndige Unordnung. Dieser war nach dem Verkauf seines 
Besitzes nach Bonn gezogen. Da der K&ufer aber nicht zahlte, erwuchsen 
ihm selbst Schwierigkeiten, die in Schuldhaft gipfelten. Der Sohn, durch 
den Anblick des gefangenen Vaters tief erschuttert, mufite noch vor Ablegung 
des Examens die Schule verlassen und die hauslichen Angelegenheiten in 
Bonn in die Hand nehmen. Als jener alsbald wieder befreit wurde, 
begann Carl sich privatim ein Jahr lang auf das Abiturientenexamen als 
Externer vorzubereiten, benutzte aber auch inzwischen die Gelegenheit, als 
nichtimmatrikulierter H5rer die ersten Vorlesungen an der Universitat zu 
besuchen. Mit gutem Erfolg wurde dann das schwierige Examen Qberwunden, 
und so trat er nach seiner im Herbst 1847 erfolgten Immatrikulation in den 
Kreis der vollberechtigten akademischen Burger der rheinischen Friedrich- 
Wilhelms-Universitat ein. 

Seine Absicht war von vornherein, Philologie und Geschichte zu studieren 
und sich in letzterem Fach auf die akademische Lehrt&tigkeit vorzubereiten. 
In jenen Disziplinen hOrte er schon 1846/47 Vorlesungen als Hospitant. 
Hatte er vorher als »Mitbummler« bei der angesehenen Burschenschaft 
»Franconia« Anschlufi und, nach Uberwindung einer grofien angeborenen 
Schiichternheit, durch seine gesellschaftlichen und geistigen Gaben eine 
hohe Sch&tzung gefunden, so sah der akademische Biirger nunmehr als ihr 
vollberechtigtes Mitglied in einem Kreise, dem auch Johannes Overbeck, 
Friedrich Spielhagen, Adolf Strodtmann und eine Reihe spflter als Akademiker 
hervorragender Manner angehdrten, alle Anspriiche an ein angeregtes und 
frdhliches Studentenleben vollauf erfiillt. Doch nur kurze Zeit sollte er sich 
des harmlosen Verkehrs und der M6glichkeit ungestOrter Studien erfreuen. 

Die Burschenschaften selbst pflegten nicht mehr aktiv die politischen 
Traditionen des alteren Geschlechts. Aber sie standen innerlich zum alten 
schwarz-rot-goldenen Band und verfolgten eifrig die liberate Bewegung, die 
seit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. die Versprechungen auf 
die Schafiung volkstumlicher Institutionen in Preufien erftillt zu sehen hoffte. 
Bis nach Bonn tonten die Reden der liberal en FQhrer in der badischen 
Kammer und auf dem in Berlin zusammengetretenen vereinigten Landtag. 
Sch.s Bestrebungen erschftpften sich zun&chst, allerdings neben eifrigen 
akademischen Arbeiten, in dieser Richtung in Versuchen an einem Hutten- 
drama. Da, gegen Schlufi seines ersten Vollsemesters, brachte die Februar- 
revolution in Paris eine Wendung. Zundende Funken sprangen in die 
elektrisch hochgeladene politische Atmosphere Deutschlands hiniiber. Wie 
von einem Rausch wurden weite Kreise des Volks, nicht am wenigsten 
nattirlich im Rheinland, ergriffen, und mit den grdfiten Hoffnungen auf die 
Schaffung des lang ertraumten neuen Deutschen Reichs weihten sich die 
MusensOhne jener Stadt der Bewegung, von deren Katheder die Traditionen 
Ernst Moritz Arndts, der Briider Welcker, Dahlmanns, Ritschls und anderer 
tdnten. Sch. speziell wurde am st&rksten durch den Kunsthistoriker, 
Rhetoriker und Dichter Kinkel, einen der radikalsten Politiker, beeinflufit. 
In seinem Hause hatte er freundschaftliche Aufnahme gefunden. 

Wie die akademischen Kreise in den Freiheitskriegen eine bedeutende 
Rolle gespielt hatten, so glaubten sie auch nun wieder ihre Stunde gekommen, 



Schurz. 



247 



und aus den Universit£tsstadten wurden Brennpunkte der Bewegung nach 
Reichseinheit und Verfassungsstaat. Sch. ist sich sein Leben lang der Be- 
deutung des »grofien Erweckungsjahres«, wie er es nannte, fur die sp£tere 
Verwirklichung des Reichsgedankens bewufit geblieben. Und wenn das 
L&cheln, mit welchem man spater auf die Rolle gerade der Studentenschaft 
in dieser Bewegung zuriickblickte, auch seinen Lippen nicht fern blieb, so 
klangen in ihm doch allezeit die Akkorde sittlichen Ernstes und das Pathos 
der Geltendmachung wertvollster Volkskrafte nach, die gerade seine Kreise 
in die Bewegung hineinzutragen mit ganzer Seele gestrebt hatten. 

Schnell und unbewufit, vom Sturm und Drang getrieben, kam er in die 
vordersten Reihen, als bei seinem ersten Sffentlichen Auftreten aus angeborenen 
Quellen der Strom jener unvergleichlichen Beredsamkeit plOtzlich seinem 
Innern entquoll, deren Vorhandensein, ihm bis dahin selbst unbekannt, fur 
seine Zukunft in mehr als einer Hinsicht entscheidend werden sollte. Schlofi 
seine Jugend — er war 19 Jahre alt — auch die Wahl zum Parlament noch 
aus, fur welche ihn der Anlage nach der Philologe Ritschl bereits fur geeignet 
erachtete, so konnte er sich doch erheblich an der Organisation des linken 
politischen Fliigels der demokratischen Partei und der Herausgabe ihres Organs, 
der » Bonner Zeitung*, unter Kinkel beteiligen. Durch eifriges Studium 
historischer, philosophischer und politischer Werke und Broschiiren suchte 
er fur diesen Zweck seine Bildung zu vertiefen. Als ein Bonner Vertreter 
wohnte er dann im September dem Eisenacher Studentenkongrefi bei, jener 
eigenartigen Mischung von studentischem Frohsinn, Uberschwang und 
politischen Betatigungsversuchen, der in seinem Verlauf und seiner Wirkung 
bzw. Wirkungslosigkeit als ein besonders charakteristisches Widerspiel der 
wahrhaften Bedeutung, nicht nur der akademischen, sondern in gewisser 
Hinsicht der ganzen i848er Bewegung sich darstellt. 

Entgegen seinen Erwartungen ignorierten die Behorden die ganze Ver- 
anstaltung und auch die Tatsache, dafl er sich durch Unterzeichnung eines 
radikalen Aufrufs blofigestellt hatte. Er konnte sich auch in der Folgezeit 
unangefochten weiter an der demokratischen Agitation in Bonn beteiligen, 
bis im Mai 1849, nachdem inzwischen die Revolution abgeebbt, das Frank- 
furter Parlament in ein anderes Fahrwasser geraten, die Kaiserkrone vom 
Konig von Preuflen abgelehnt und das Ministerium Manteuffel in Berlin ans 
Ruder gekommen war, der Gedanke in seine Kreise hinubergriff, man musse 
der Frankfurter Reichsverfassung mit den Waffen in der Hand zur Geltung 
verhelfen. 

In der Nacht vom 10. zum 11. Mai sollte ein Handstreich auf das 
Arsenal von Siegburg versucht werden, nach dessen Mifilingen Sch. sich 
schleunigst zu dem Volksheer der Aufstandischen in der Pfalz begab. Hier 
wurde, allerdings mit nach jeder Richtung unzureichenden Mitteln, der Ver- 
such gemacht, ein Heer zu organisieren. Binnen kurzem fand er eine An- 
stellung mit Leutnantspatent als Adjutant des Artilleriechefs Anneke, eines 
ehemals preufiischen Offiziers, dem zu grOfierer Betatigung nur die nOtigen 
Kanonen und die Munition dauernd fehlten. Nach kurzer ereignisloser 
Wirksamkeit erhielt er im Gefecht bei Udstadt die Feuertaufe, wurde aber 
am 30. Juni mit Teilen der zuriickgeworfenen badisch-pfalzischen Armee in 
die Festung Rastatt eingeschlossen und fungierte als Adjutant des Gouverneurs 



248 Schurz. 

Tiedemann. Wahrend der mehrwdchigen Belagerung war die Revolution im 
Lande vdllig erloschen und so war es ein Gebot der Selbstverst&ndlichkeit, 
dafl man auch diesen letzten befestigten Punkt an die Belagerungsarmee 
Qbergab. 

WSre der preuflische Untertan im militardienstpflichtigen Alter, dessen 
Beteiligung an dem Zug auf Siegburg und weitere Tatigkeit bekannt war, 
hierbei in deren Hande gefallen, so war ihm eine standrechtliche Kugel 
sicher. Deswegen entschlofl er sich im letzten Augenblick zu einem Versuch, 
durch einen ihm bekannten unterirdischen Abzugskanal fiir das Strafienwasser 
die Festung zu verlassen und die franz6sische Grenze zu erreichen. Nach 
abenteuerlichsten Fahrnissen und einigen Tagen schwerster NQte gelang dies 
und er betrat im Elsafl den franz5sischen Boden, von wo er nach weiteren 
wenigen Tagen sich in die Schweiz begab. 

Damit war das Leben des deutschen Studenten Sch. endgultig ab- 
geschlossen und es begann jene sechsjahrige Epoche der Wanderjahre des 
Heimatlosen auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans bis zu seiner Nieder- 
lassung in Wisconsin, die nicht weniger reich an romantischen Geschehnissen 
und ilberraschenden Erfolgen sein sollte. 

Herbst und Winter 1849/50 verlebte er, nachdem die Verbindung mit der 
Heimat wiederhergestellt und ihm von hier die nOtigen Mittel und ermutigende 
Briefe zugesandt waren, in ZQrich. In enger Fiihlung mit den verschiedenen 
auf ein Wiederaufleben des Aufstandes in der nSchsten Zukunft hoffenden 
revolutionaren Kreisen trieb er ernste militarische Studien als Vorbereitung 
auf einen Wiederausbruch des Kampfes. Aber daneben nahm er auch die 
rein historische Seite mit Hinblick auf die Aufnahme einer historischen 
Lehrtatigkeit an einer schweizerischen Hochschule wieder vor. Zum Unter- 
halt lieferten Korrespondenzen flir die vom » roten Becker « geleitete KOlnische 
Zeitung die Mittel. 

Doch mufiten die friedlichen Hoffnungen endgultig scheitern, denn das 
Schicksal des vom Kriegsgericht zu lebenslanglicher Festungshaft verurteilten, 
auf KOniglichen Befehl aber zur Verbiifiung der Strafe ins Zuchthaus zu 
Naugard i. P. gebrachten Lehrers und Freundes Gottfried Kinkel klopfte 
durch einen Brief von dessen Frau, Johanna, mahnend an die Ttir seines 
Gewissens im schweizerischen Asyl, Dankbarkeit und Treue fiir den Freund 
und Lehrer, grimme Empftrung fiber eine allgemein empfundene Unbill 
entflammte alle Triebe seiner Feuerseele zum raschen Entschlufl, sich dem 
Befreiungswerk des Vielbeklagten mit grdfitem Eifer zu widmen. Mit einem 
Pafi seines gleichgestalteten Vetters Heribert Jussen kehrte er nach Deutsch- 
land zurtick. Den Freunden gait sein heimlicher Aufenthalt als eine 
politische Mission im Auftrage der revolutionaren Komi tees. Als er indes zu 
offenkundig wurde, begab er sich fiir einige Zeit nach Paris, dessen Schfin- 
heiten er zugleich mit der franzOsischen Sprache eifrig studierte, bis der 
Ausgang eines weiteren Prozesses gegen Kinkel feststand. Die Folge des 
von diesem durch eine gewaltige rhetorische Leistung vor den Geschworenen 
zu Kdln im Mai erzielten Freispruchs war, dafl er nicht wieder in sein 
pommersches Zuchthaus gebracht, sondern zu grOBerer Sicherheit in dasjenige 
von Spandau ttberfiihrt wurde. Daraufhin ging Schurz-Jiissen alsbald nach 
Berlin und bereitete, unterstutzt durch die von Kinkels Freunden zusammen- 



Schurz. 249 

gebrachten Mittel, mit iiberaus grofler Vorsicht und Umsicht bis zum Dezember 
allmahlich den Plan der Entfuhrung vor. Die Beschreibung ihrer romantischen 
Einzelheiten in seinen Memoiren wird fiir immer zu den hervorragendsten 
Denkmalern deutscher Literatur gehOren. Am 6. November 1850 gelang das 
in jeder Beziehung lebensgef&hrliche und halsbrecherische Werk. Am 8. 
gelangte man in das mecklenburgische Warnemunde, von wo am 17. zwei 
unbekannte Passagiere auf einem eigens ausgeriisteten Weizenschiffe von 
40 Last nach England abfuhren. 14 Tage spater, nach schwerer Fahrt, 
landete er mit Kinkel im Hafen von Leith. Die Fama war den Reisenden 
vorangeeilt und als eine weltberiihmte PersSnlichkeit, Vollbringer einer durch 
mannigfache Ausschmiickung sogleich ins Sagenhafte vergrofierten Tat, erschien 
der 21 jahrige auf dem englischen Boden; zunachst indes nur, um nach kurzem 
Aufenthalt abermals nach Paris zurlickzukehren. Trotz aller Beriihmtheit 
blieb seine Lebensstellung in der nachsten Zeit eine durchaus unsichere. 
Er wartete mit den Gesinnungsgenossen auf das Wiederaufleben der Revolution 
und suchte sich inzwischen durch Korrespondenzen, die ihm im Monat etwa 
180 Frs. brachten, zu erhalten, andererseits sich die franzosische Sprache in 
moglichst wirksamer und rascher Weise anzueignen. Er machte sich inzwischen 
mit der Geschichte und den Sitten des Landes weiter vertraut. Aber in 
Frankreich war seines Bleibens nicht. Das Drangen der Freunde Kinkel, in 
ihre Nahe nach England zu kommen, erhielt nach verhaltnismafiig kurzer Zeit 
durch ein besonderes Ereignis wirkungsvolle Nachhilfe. Im Fnihjahr 185 1 
wurde er auf Veranlassung der Verwaltung des den Staatsstreich vorbereitenden 
Napoleon, welchem an einer Entfernung gef&hrlicher republikanischer Elemente 
liegen mufite, in Haft genommen und aus Frankreich ansgewiesen. Er wandte 
sich nach London und nahm hier als neuen Tatigkeitszweig Sprach- und 
Literaturunterricht auf. Sein Verkehr bewegte sich wesentlich im Kreise der 
Fliichtlinge. Lothar Bucher und L5we-Calbe, die spater wieder an dem 
deutschen Einigungswerk mitwirken sollten, erschienen ihm da als hervor- 
ragende Pers&nlichkeiten, weniger der traumerische Arnold Ruge. Karl Marx, 
1 neben August Willich ein Mittelpunkt der Arbeitergruppen, blieb ihm, wie 

I friiher, herzlich unsympathisch. Von den »intemationalen Revolutionaren« 

kam er mit Mazzini und Kossuth in Beriihrung. Engere Freundschaft ver- 
kniipfte ihn mit der heute in Deutschland durch ihre Memoiren zu voller 
Wurdigung gelangten »Idealistin« Malvida von Meysenbug. Dagegen kam 
er angesichts der verhaltnismafiigen Isoliertheit der fremden Revolutionare 
und speziell seiner mangelnden Sprachkenntnisse mit Englandern nur weniger 
in Beriihrung. 

Noch ehe er im Lande recht warm geworden, vollzogen sich nun aber 

die entscheidenden Ereignisse in Paris. Der dritte Napoleon safl auf dem 

I Kaiserthron. Alle kontinentalen Revolutionshoffnungen schienen ihm fur lange 

Zeit Illusionen. Nun tauchte ein neuer Hoffnungstern in seinem Herzen auf. 

Mit Amerika, dem Land der Freiheit, hatte sich seine Phantasie seit friiher 

Jugeod beschaftigt. Waren die Missionen Kinkels und Kossuths, die Unter- 

stiitzung fiir die europaischen Revolutionen suchten, auch gescheitert, so 

J glaubte er doch in jenem Lande selbst die voile Verwirklichung seiner 

I Freiheitstraume und zugleich aussichtsvolle MSglichkeit fiir die Begriindung 

I eines eigenen Wirkungskreises finden zu kdnnen. 



25O Schurx. 

Gerade das muflte ihm aber am Herzen liegen, denn am 6. Juli 1852 
war er zu London mit Margarete Meyer getraut. Sie war eine Waise, Tochter 
eines der hervorragendsten Btirger Hamburgs, des drei Jahre vorher ver- 
storbenen Heinrich Christian Meyer und seiner Frau Agathe Margarete geb. 
Beusch, die bei der Geburt dieses ihres elften Kindes im Jahre 1832 ihr 
Leben hatte lassen miissen. Ihr Vater, als »Stockmeyer« der deutschen 
Industriegeschichte des 19. Jahrhunderts hdchst ehrenvoll bekannt, hatte als 
Selfmademan begonnen und ein sehr erhebliches Vermdgen zusammengebracht, 
dessen auf sie entfallender, nicht ganz unbetr&chtlicher Teil in seinen Ertragen 
dazu beitragen sollte, dem Ehepaar den Lebenskampf in der neuen Welt zu 
erleichtern. Sie unternahm das von ihrer Familie nicht ohne Sorgen an- 
gesehene Wagnis, ihr Geschick dem Freunde ihres Schwagers, in dessen Haus 
sie zum Besuch weilte, zu verbinden. Vater und Geschwister waren schon seit 
langer an amerikanischen Unternehmungen beteiligt gewesen ; so gab es auch 
in dieser Richtung eine weitere Briicke. Nach voll erwogenem Entschlufi 
schiffte sich das junge Ehepaar in Portsmouth ein und landete am 17. Sep- 
tember 1852 nach 28t&giger Reise hoffnungsfreudig in der Neuen Welt. 

Nach kurzem Aufenthalt in New York iibersiedelten sie fiir einige Zeit 
nach Philadelphia, ohne die Frage definitiver Sefihaftmachung schon zu ent- 
scheiden. Zun&chst gait es die Grundlagen fiir die MGglichkeit eines Fort- 
kommens im Lande zu legen. Etwa sechs Monate intensiver Arbeit brachten 
die Anf&nge zu einer ausreichenden Beherrschung der englischen Sprache 
nach bestem Rezept ohne Benutzung der Grammatik, aber mit eifriger Lektiire, 
h&ufiger Ubersetzung und RiickQbersetzung guter Autoren. Mit Studien der 
Geschichte und der Einrichtungen des Landes verkntipfte Sch. im Hinblick 
auf eine sp&ter auszuiibende juristische Praxis ein Eindringen in die Kommen- 
tare Blackstones. Aufier der Anlehnung an deutsche Beziehungen zu anderen 
Fliichtlingen und deren AngehOrigen entwickelten sich allm&hlich die ersten 
Bekanntschaften mit eingeborenen Amerikanern. Einzelne Reisen fuhrten 
Sch. auch weiter in das Innere des Landes. Die journalistische T&tigkeit 
ruhte inzwischen nicht. 1854 kam er zum erstenmal nach Washington, um 
den Schlufidebatten liber die alsbald zur Annahme gelangende Kansas- 
Nebraska-Bill beizuwohnen. Durch dies Gesetz glaubte die Sklavenhalter- 
klasse einen erheblichen Erfolg fiir die AusdehnungsmOglichkeiten der Neger- 
sklaverei erreicht zu haben, doch gab es in Wahrheit den Anstofi zur 
prinzipiellen Aufrollung der Sklavenfrage in der Union und damit zur Ver- 
nichtung der »eigenartigen Institution «. Unter den Bekanntschaften, die er 
machte, war ihm spftter die mit dem derzeitigen Kriegsminister, Jefferson 
Davis, eine der interessantesten Erinnerungen. Besonders ntitzlich zur Ein- 
fiihrung in das Wesen der Landesinstitutionen erwies sich der Verkehr mit 
dem deutschgebiirtigen Journalisten Franz Grund (Verfasser eines guten Buches 
»Die Amerikaner«, 1837), der ihm allerdings manche Illusionen raubte und ihn 
manche Erscheinungen, die far ihn spSter von Wichtigkeit werden sollten, 
mit ruhigem Blick anschauen lehrte. 

Entscheidend aber wurde im Herbst eine Reise nach dem Westen, 
die ihn nicht nur in Beriihrung mit manchen anderen im Lande an- 
sassigen Fliichtlingen von 1848 brachte, sondern vor alien Dingen den 
Entschlufi reifen liefl, mit der ganzen Familie — auch Vater, Mutter und 



Schurz. 



251 



Geschwister waren inzwischen in die Neue Welt ubersiedelt — in der Nahe 
der seit langem ans&ssigen Verwandten Jiissen im damals fernen Westen bei 
der Stadt Watertown, Wisconsin, seflhaft zu werden. Sch. erwarb eine Farm, 
und bezog sie nach einer wegen der Gesundheit seiner Frau angetretenen 
Europareise im Sommer 1856. Die Wanderjahre waren zu Ende. 

Nach kurzester Zeit aber zeigten sich die ersten Anzeichen einer ganz 
eigenartigen Wendung seines Daseins. Zwei Jahre hatte er die friedliche 
Beschaftigung des Farmers getrieben. 1858, nach seiner Zulassung zum 
Juristenstand, begann er eine aussichtsreiche Praxis als Rechtsanwalt. Kaum 
aber war er einigermaflen auf dem Wege zu ruhiger Burgertatigkeit, als er 
auch schon wieder durch 6ffentliche Angelegenheiten von deren Verfolgung 
abgerufen wurde. Das Land und seine n£here Umgebung waren schon 
seit 1856 in lebhafter Erregung. In der Pr&sidentschaftskampagne waren 
zum erstenmal mit grofier Wucht die Kriegsrufe der um die Sklaverei 
k&mpfenden Parteien ertftnt. Durch die Griindung der neuen sklavereifeind- 
lichen republikanischen Partei anderte sich die Konstellation von Grund auf. 
Schlag auf Schlag dr&ngten sich in vier Jahren die Ereignisse. 

War es Sch. von vornherein eine der schlimmsten Enttauschungen 
gewesen, in weiten Gebieten des Landes der Freiheit die Institution der 
Negersklaverei vorzufinden und in ihren Vertretern die tatsachlichen Meister 
der Regierung des ganzen Bundes zu sehen, so wagte er doch zunachst 
nicht, sich, kaum warm geworden, in die ftffentlichen Angelegenheiten ein- 
zumischen. Bald aber brach sich das innere Feuer Bahn und schon in der 
Prasidentschaftskampagne von 1856 gab es in der n&heren und ferneren 
Umgebung keinen eifrigeren Vork&mpfer der Republikaner unter seinen 
Landsleuten. Englisch zu sprechen traute er sich noch nicht zu, die 
Deutschen aber beeinflufite die Wucht seines Wortes wesentlich. Die Nieder- 
lage des republikanischen Kandidaten, Fremont, war eine bittere Enttauschung, 
aber keine Entmutigung. 

Reiches hausliches Gliick war ihm inzwischen erbliiht, die Gattin hatte 
ihn mit zwei T6chtern beschenkt. Mit der Wirtschaft erging es nicht iibel. 
Bei seinen Mitbiirgern gewann er so rasch an Achtung, dafi er bereits im 
folgenden Jahr, fur die Vizegouverneurstelle von Wisconsin als Kandidat auf- 
gestellt, nahe an die Majoritat herankam. 

Dann kam die Kampagne fur die Wahlen zum Reprasentantenhaus und 
zur Erganzung des Senats von 1858. Tiefergreifend war die Erregung 
geworden; das »blutende Kansas «, die Entscheidung des Oberbundesgerichts 
zugunsten der Sklavenhalter im Dred-Scot-Case verbreitete gewaltige Auf- 
regung. Der hervorragendste Freund der Sklavereianhftnger im Norden, der 
zukunftige Prasidentschaftskandidat Douglas, war Sch. von der ersten persSn- 
lichen Beobachtung in Washington an durch seine Ansichten und die Art 
der politischen Kampfesweise, mit der er sie vertrat, zuwider, und bereit- 
willig folgte er einer Einladung der Republikaner des benachbarten Staates 
Illinois, in der Kampagne um dessen Wiederwahl zum Senat den Gegner, 
Abraham Lincoln, durch Reden zu unterstiitzen. Hier aber beschrankte er 
sich nicht mehr auf das deutsche Element, und so wurde diese Kampagne 
in doppelter Hinsicht fur ihn grundlegend wichtig. Am 28. September 1858 
hielt er in Chicago die erste jener grofien englischen Reden, die in kurzem 



252 



Schurz. 



die Aufmerksamkeit des ganzen Landes auf diese neue Bet&tigungsart des 
Mannes lenken sollten. Thema war das in aller Leute Mund befindlicbe 
Schlagwort » The Irrepressible Conflict*. Andererseits kam er in enge persOn- 
liche Fiihlung mit dem kiinftigen PrSsidenten. Im folgenden Jahr sollte 
sich sein ftffentlicher Wirkungskreis abermals ausdehnen. Einer Einladung 
nach Neu-England folgend, iibernahm er es hier zum erstenmal, die ge- 
schlossene Phalanx der deutschen Einwanderer gegen die nativistische 
Bewegung der sogenannten Know-nothings, einer Gruppe eingeborener 
Amerikaner, zu vertreten, die, urspriinglich antikatholisch, sich alsbald auch 
in Wort und Reden den Interessen der Einwanderung und den politischen 
Rechten der Eingewanderten feindlich gegeniiberstellten. Sch.s Erfolg war 
so durchgreifend, dafi zunachst die Neu-Engl&nder, dann die gesamte 
republikanische Partei den Zusammenhang mit den fremdenfeindlichen Be- 
strebungen grunds&tzlich desavouierten. Das war um so wich tiger, als nun 
erst den Deutschen, die bisher sowohl durch die nativistische Tendenz der 
Republikaner abgeschreckt als durch den aus der Heimat gewohnten Namen 
der »Demokraten« angezogen waren, der Weg des Obergangs zur neuen Partei 
geebnet wurde. Von diesem Zeitpunkt an datierte fur Sch. der Aufstieg als 
anerkannter Vertreter der zu amerikanischen Burgern gewordenen Deutschen 
in Amerika. Als solcher konnte er sich in der folgenden Kampagne fiir 
Lincoln bereits mit derartigem Erfolg bet&tigen, dafi er im Friihjahr i860 
vom Staatskonvent zum Mitglied der republikanischen Delegation fiir die 
Aufstellung des Pr&sidentschaftskandidaten auf dem republikanischen National- 
konvent zu Chicago gew&hlt und von jener zu ihrem stimmabgebenden 
Vorsitzenden gemacht, dann Mitglied der Kommission fiir die Aufstellung 
der republikanischen »Plattform« des Wahlprogramms, und der Abordnung 
zur Nominationsankiindigung an Lincoln, schliefilich eines der sieben Mit- 
glieder des Nationalkomitees wurde, das die Kampagne fiihrt An der 
Bekehrung seiner deutschen Mitbiirger zur Antisklavereipartei wirkte er nun- 
mehr mit solcher Unermiidlichkeit, dafi ihm ein erheblicher Teil an dem 
Gesamterfolg von alien Seiten zugesprochen wurde. Er war einer der 
einflufireichsten M&nner der zur Macht gelangten Partei geworden und 
schon vor Amtsantritt des neuen Pr&sidenten drangten sich demgem&fi viel 
Amterbewerber um ihn. Nachdem er der denkwiirdigen Inaugurationsfeier 
am 4. Marz 1861 beige wohnt hatte, erschien es allgemein als selbstverst&nd- 
lich, dafi auch seine eigenen Verdienste nach dem Landesbrauch durch ein 
hohes Staatsamt belohnt werden wiirden. Nach Kr&ften suchte er an dem 
Ersatz der bisherigen Beamten durch neue »richtig gesinnte« mitzuwirken, 
iiberzeugt, dafi es das Interesse des Landes sei, wenn nur Gegner der 
Sklavereiinstitution, nicht Anh&nger des offiziell im Abfall befindlichen 
Siidens in amtlichen Stellen verblieben. 

Alsbald wurde ihm vom Pr&sidenten der Posten des amerikanischen 
Gesandten in Spanien angeboten, eine Emennung, die vom Senat ohne 
weiteres gebilligt wurde. Welch Hochgefiihl stolzer Genugtuung mag den 
Zweiunddreifiigj&hrigen beherrscht habenl 1850, bei seiner Landung in 
Leith, verstand er kein Wort der englischen Sprache, mit Ausnahme des 
einenWortes » Beefsteak «. Durch Zeichen mufite er im iibrigen denWunsch 
nach Stillung seines Hungers ausdriicken. Jetzt war er einer der gefeiertsten 



Schurz, 253 

Redner des Landes, auch in der Landessprache. Vor weniger als zehn 
Jahren war der Heimatlose und Geachtete ohne irgendwelche sicheren 
Aussichten in der Neuen Welt ans Ufer gekommen, nunmehr sollte er sich 
als deren Wortfiihrer an dem stolzesten Hof Europas heimisch machen. Der 
Staatssekretar des Auflern, Seward, allerdings hatte einige nur allzu gerecht- 
fertigte Bedenken geauflert, ob es in der kritischen Lage des Landes 
politisch klug ware, eine wegen politischer Umtriebe in Europa notorische 
Persflnlichkeit an den in verschiedener Richtung recht verantwortlichen 
Posten zu delegieren. Aber Lincoln setzte sich liber die Skrupel hinweg, 
und der Gang der Dinge gab ihm recht. Die Aufnahme in Madrid war 
eine gute, und Sch. vermochte nach der tatsachlichen Unabhangigkeits* 
erklarung der konfoderierten Staaten und dem Ausbruch des Krieges dem 
neuen Vaterlande gute Dienste zu leisten. Vorher hatte er sich ubrigens als 
schon ernannter Gesandter noch mit der Aufstellung einer deutschen 
Kavallerietruppe in New York beschaftigt und dabei mit einer Anzahl der 
alten deutschen revolutionaren Offiziere, wie Schimmelpfennig, Mahler, 
Blencker, ein Wiedersehen gefeiert. Doch ehe noch das erste Regiment 
vollst&ndig ausgeriistet war, hatte er auf Drangen Sewards die Ausreise 
antreten miissen, denn es gait eine Stellungnahme der spanischen Regierung 
in einem fiir die Nordstaaten giinstigen Sinne herbeizufiihren. Die Aufgabe 
der Vertretung der Vereinigten Staaten war in Madrid allerdings eine 
erheblich leichtere als in London und Paris. In England und Frankreich 
hatte man mit einfluflreichen Parteien und grofien Interessen zu rechnen, 
welche die Anerkennung der siidstaatlichen Unabh&ngigkeit betrieben. Sie 
konnten mannigfache Griinde vorbringen, mit denen sie bewiesen, dafl eine 
solche Haltung im Interesse ihrer Lander liegen wiirde. Die spanischen 
Interessen dagegen waren denjenigen der Siidstaaten in alien entscheidenden 
Punkten entgegengesetzt. Waren es doch die Sklavenhalter gewesen, die 
seit den vierziger Jahren auf eine Annexion Cubas hinarbeiteten, bis unter 
dem Prasidenten Buchanan deswegen beide Lander schon fast sich in einen 
Krieg verwickelt hatten. Mehr als wahrscheinlich war es, dafl ein un- 
abhangiger Staatenbund mit Sklavenwirtschaft als Nachbar Ursache unablassiger 
Beunruhigung des spanischen Kolonialbesitzes geworden ware. 

Es kam nur darauf an, dafl diese Seite der Frage den Spaniern durch 
den amerikanischen Vertreter in nachdriicklicher Weise zu Gemiite gefiihrt 
wurde, und das verstand der neue Gesandte so gut, dafl er bald berichten 
konnte, jeder Gedanke einer spanischen Intervention zugunsten der Siidstaaten 
sei v6llig ausgeschlossen und man sei zur Pflege guter Beziehungen zu der 
Washingtoner Regierung entschlossen. Hinsichtlich einer etwaigen Anerkennung 
der Siidstaaten allerdings wiirde sich Spanien wohl nicht auf die Dauer von 
den Schritten Englands und Frankreichs getrennt haben. Daher kam Sch. 
bald zu der Oberzeugung, dafl auch unter dem Gesichtspunkt seiner speziellen 
Mission die wichtigste Aufgabe eine richtige Bearbeitung der dffentlichen 
Meinung in England und Frankreich sei. Fiir diese aber sah er nur zwei 
Wege often. Entweder mufite man durch iiberwaltigende Siege die Aussichts- 
losigkeit des Vorgehens der Siidstaaten dartun, oder durch offizielle Bezeich- 
nung der Sklavenemanzipation als Kampfesziel die europaischen Machte von 
einer Einmischung fernhalten. In diesem Sinn ergingen seine ferneren Be- 



254 



Schurz. 



richte nach Washington, doch mufite er finden, dafi die Regierung doit, 
speziell der Staatssekret&r Seward, ihnen aus Grtinden innerpolitischer Er- 
wagungen keinerlei Folge gab. Dadurch wurde er dann erheblich in dem 
Wunsch gest&rkt, m5glichst bald wieder nach Amerika zuriickzugehen, um 
selbst fiir das eintreten zu kdnnen, was er fur unumg&nglich notwendig 
erachtete. 

Recht heimisch war ihm Madrid nie geworden. Er hatte von vornherein 
seine Familie nicht mitgebracht. Uberhaupt ffihlte er sich in der schwfilen 
Atmosphere der n&heren Umgebung der Konigin Isabella und in der diplo- 
matischen Gesellschaft, deren persOnliche und soziale Interessen ihm doch 
einigermafien fern lagen, nicht recht wohl. * Die Nachrichten fiber den Gang 
der KSmpfe in Amerika bewegten ihn tief. H&tte er vorausgesehen, wie es 
kommen wfirde, so h&tten ihn seine Neigungen und das Bewufitsein, mit den 
in Europa gewonnenen milit£rischen Erfahrungen auf diesem Gebiet nfitzlicher 
sein zu kdnnen, von vornherein bei den nordstaatlichen Armeen gehalten. 
Nachdem er also die prinzipielle Seite der Frage in Spanien weit genug 
gekl&rt hatte, um die Union gegen unerwfinschte Uberraschungen gesichert 
zu wissen, suchte er dringend um Heimaturlaub nach, um speziell, da die 
Feder seinen Standpunkt nicht genfigend wirksam zu vertreten schien, mit 
der Rede und dem Degen wirken zu kOnnen. 

Noch vor Jahresschlufl wurde der Urlaub bewilligt Auf der Rfickreise, 
die sich durch Deutschland fiber Hamburg zu nehmen als rfitlich erwies, 
hatte er die Genugtuung, dafi ihm auf seine in natfirlicher Vorsicht an den 
preufiischen Gesandten, Grafen Galen, gerichtete Anfrage fiber die Opportunist 
der Bertthrung Preufiens die Mitteilung wurde, er wfirde auf einer solchen 
Reise jede gewfinschte Erleichterung erhalten. Mit richtigem Takt entschlofi 
er sich, das Land im Dunkel der Nacht zu passieren. »Ich war noch vOllig 
wach, « schreibt er, » als der Zug in den Bahnhof von K6ln einlief und 
konnte den Kirchenglocken lauschen, deren Klang mir aus meiner Jugend 
so vertraut war. Als wir dann fiber den geliebten alten Rhein fuhren, hOrte 
ich seine Wasser im Dunkeln rauschen.* Eigenartige Geffihle mdgen Seine 
Exzellenz den Gesandten der Vereinigten Staaten allerdings beseelt haben, als 
er auf diesem Wege nach Hamburg, von der Zollrevision befreit, respektvoll 
von den Beamten begrfifit und nach etwaigen Wfinschen befragt, die 
preufiische Grenze passierte. Im Januar kehrte er dann mit den Seinen 
nach Amerika zurfick. 

Hier trat er sogleich mit allem Nachdruck fiir jenen Standpunkt in 
der Sklavenfrage ein, welchen er in seinen Noten niedergelegt hatte. Er 
trat in enge Fuhlung mit den radikalen Sklavereigegnern, wie Charles Sum- 
ner. Bei Lincoln fanden seine Argumente ein offenes Ohr, sowohl die Be- 
tonung der Oberzeugung, durch eine offene Antisklavereipolitik sei die euro- 
paische Einmischung mit Sicherheit hintanzuhalten, als der Hinweis, die 
Sklaverei sei die Ursache zur Sezession gewesen, nur durch ihre Vernichtung 
kOnne man eine Wiedervereinigung sichern. Der PrSsident gestattete seinem 
Gesandten, diesen Standpunkt in dffentlichen Reden zu vertreten und eine 
schrittweise Abolitionspolitik vorzusch lagen. Doch war jenem die Schwierig- 
keit der Lage in seiner verantwortlichen Stellung klarer und er entschlofi 
sich nur so langsam zu enscheidenden Schritten, dafi der ursprunglich vdllig 



Schurz. 255 

uberzeugte Sch. hinterher zeitweilig an dem Ernst seiner Entschlusse zu 
zweifeln sich fur berechtigt hielt Er hat seinen Irrtum allerdings in der 
Folge eingesehen und often bekannt. 

Der Stand der Dinge im Fruhjahr 1862 uberzeugte ihn durchaus von der 
Richtigkeit des Entschlusses, die Stellung in Madrid niederzulegen, wo er 
nicht mehr nOtig war, und sein militarisches Wissen dem Lande zur 
Verfiigung zu stellen. Der President war hiermit einverstanden. Der Ge- 
sandte Schurz demissionierte und wurde alsbald zum Brigadegeneral ernannt 
und vom Senat bestatigt. Am 10. Juni 1862 trat er unter General Fremont 
im Shenandoah-Tal seinen Dienst an. Ein Bericht, den er iiber die vorge- 
fundenen ZustSnde an den Prasidenten erstattete, durfte dazu beigetragen 
haben, dafl Fremont durch den Deutschen Siegel ersetzt wurde, der librigens 
Sch. schon aus der deutschen Revolutionszeit bekannt war. Er hatte zu- 
nachst bei und mit seiner Truppe gute Erfolge und auch im weiteren Ver- 
lauf des Feldzuges betatigte er sich nach besten Kr&ften. Am 14. Marz 1863 
wurde er zum Generalmajor befSrdert. 

Immerhin gelang es ihm nicht, die vielleicht uberschwenglichen Hoff- 
nungen, die man auf seine militarischen Leistungen im nahern Kreise seiner 
Freunde und Verehrer setzte, voll zu erfiillen, sei es, dafl das Gltick nicht 
so sehr mit dem Truppenteil war, dem er angehOrte, sei es, dafl seine guten 
militarischen Talente hinsichtlich der Fuhrung grflflerer Massen jene Begren- 
zung nach oben hatten, die man in der militarischen Hierarchie oftmals 
findet. Immerhin sind die zeitweilig gegen das 11. Armeekorps, dem er an- 
gehdrte, hinsichtlich der Haltung bei Chancellorsville gerichteten Angriffe 
hinterher als durchaus ubertrieben anerkannt und speziell seine Haltung als 
untadelig gewiirdigt. Es war ihm auch verg&nnt, am 30. Juni in der fur den 
Krieg entscheidenden Schlacht von Gettysburg, in welcher das Eindringen 
der siidlichen Armeen unter Lee in den Norden endgiiltig verhindert wurde, 
und aus der er unverwundet, aber mit erschossenem Pferde herauskam, eine 
wiirdige Rolle zu spielen. Im weiteren Verlauf focht er bei Missionary Ridge 
und hinterher unter Sherman im Westen. Ende des Jahres wurde er zum 
Kommandeur des sogenannten Instruktionskorps in Nashville ernannt. 

Aber die militarische Seite des Lagerlebens nahm nicht seine ganze Zeit 
in Anspruch. Fortdauernd nahm er regen Anteil an der Politik und stand 
in lebhaftem Briefwechsel mit dem Prasidenten. Nicht immer war er mit 
diesem in vollem Einvernehmen, doch folgte einem erregten Briefwechsel 
Ende des Jahres 1863 eine freie Aussprache, und als 1864 die Aussichten auf 
Lincolns Wiederwahl einigermaflen zweifelhaft erschienen, entschlofi er sich 
mit dessen Zustimmung zeitweilig aus dem Felde der Waffen in dasjenige der 
Politik hiniiberzugehen und in die Wahlkampagne aktiv einzugreifen. Erst 
nachdem die Wahl voriiber, ging er zur Armee zuriick und wurde bis zum 
Schlufl des Winters mit Verhandlungen zwecks Aufstellung eines Veteranen- 
korps beschaftigt. Den Schlufl des Krieges machte er unter Sherman als Chef 
des Stabes bei der Georgiaarmee des Generals Slocum mit. Hier erreichte 
ihn die Nachricht vom Fall Richmonds, der Cbergabe Lee's und unmittelbar 
darauf die Trauerbotschaft von der Ermordung des geliebten Prasidenten. 
Nachdem er Zeuge der Schwierigkeiten geworden war, die sich aus Shermans 
Versuch entwickelten, die Ubergabe des Generals Johnston zu einem politischen 



2 56 Schura. 

Akt zu machen, beschlofl er als erster aller amerikanischen Generale durch 
Einreichen seines Abschiedes seiner militarischen Karriere ein Ende zu machen 
und suchte seine in Bethlehem, Pennsylvania, weilende Familie auf, die er 
naturlich w&hrend des Krieges nur ganz voriibergehend hatte sehen kdnnen, 
um mit ihr nach Wisconsin zuriickzukehren *). 

Ehe er zur Ausfiihrung des Entschlusses kam, fand er mehrfach 
Gelegenheit, mit dem Pr£sidenten Johnson iiber die Lage im Siiden zu be- 
raten. Die Situation war nach der Ermordung Lincolns und der Gefangen- 
nahme Jefferson Davis' und einer Anzahl anderer Fuhrer des Sudens kom- 
pliziert, der Aufstand v5llig unterdriickt, aber die bisherigen Herren des Sudens 
nicht bereit, sich alle Bedingungen diktieren zu lassen. Der President war 
zunachst zu durchgreifenden Maftregeln, die weit iiber das von Lincoln ge- 
steckte Rekonstruktionsprogamm hinausgingen, geneigt. 

Um ein gutes Bild von der Lage des Landes zu gewinnen, entschlofl 
sich der President, Sch. auf eine Reise durch den Siiden auszusenden, da- 
mn er als Augenzeuge die Dinge sehen, und geeignete VorschlSge machen 
k6nne. 

In gliihender Sommerhitze trat er diese Tour, die far die Zukunft des 
Landes sehr bedeutsam werden sollte, an, und am 22. November erstattete 
er iiber seine Erfahrungen den Schluflbericht, dessen Vorlegung nachher vom 
Senat gefordert wurde. NatQrlich war er mit einem starken Vorurteil gegen 
die bisherigen Rebellen und einer unbegrenzten Sympathie far die befreiten 
Neger auf die Reise gegangen. Was er unterwegs sah und hdrte war nicht 
geeignet, seine Ansichten zu Sndern. Noch viel aufriihrerischer Geist war 
latent, noch wenig Neigung vorhanden, die Sklavenbefreiung in einer Weise 
durchzufiihren, die den vorher als Sache geltenden Negern den vollen Besitz 
allgemeiner Menschenrechte einschliefilich vollstandiger wirtschaftlicher, sozialer 
und politischer Gleichberechtigung ohne weiteres zubilligte. Mancherlei Ge- 
walttaten ereigneten sich; Versuche, die formelle Sklaverei durch eine leichtere 
Form der Horigkeit fortzusetzen, waren h&ufig. 

Es war nur zu naturlich, dafi der Freiheitskampfer von 1848, der im 
Polizeistaat grofl geworden, dann in einem freien demokratischen Gemein- 
wesen ans&ssig gewesen, mit der Negerfrage bisher nur als Sklavereigegner in 
Bertthrung gekommen war, durch die Zust&nde in dem stets eigenartigen, jetzt 
vOllig desorganisierten Siiden ganz merkwurdig frappiert wurde und aus der 
Gesamtheit ungewohnter Erscheinungen das Rassenproblem in seiner wahren 
Bedeutung nicht auszusondern vermochte. Er sah im Siiden lediglich zwei 
Probleme: unbezwungene Rebellen, die den Farbigen um einen mdglichst 
grofien Teil seiner Rechte wieder bringen wollten, und aufgehobene Sklaverei, 
deren Fortsetzung in irgendeiner Form verhindert werden mufite. Bei seinen 



>) Es ist eigenttimlich, dafi auch ein so ruhiger Beuiteiler wie Sch. (Lebenserinne- 
rungen, Bd. II, S. 397) es als einen noch grtifiern Triumph ftir die amerikanische Demo- 
kratie als irgendeinen Sieg auf dem Schlachtfelde ansieht, dafi sogleich nach dem Kriege 
die Armeen sich friedlich auflosten und nach Hause gingen, um statt des Schwertes die 
Pflugschar, den Hammer, das Weberschifflein oder die Kontorfeder xu ergreifen. Darin 
liegt gegenUber europaischen Verhaltnissen nach grofien Kriegen gar nichts Besonderes, spe- 
ziell nicht in den Zeiten der allgemeinen Wehrpflicht, wo genau das gleiche mit vielen 
Hunderttausenden und Millionen eingetreten ist 



Schurz. 



257 



Beobachtungen leitete ihn natiirlich der starke dogmatische Zug, der zu andern 
Zeiten seinen Erfolg wesentlich mit verursacht hatte, wie ein solcher ja iiber- 
haupt fiir einen hervorragenden Mann erforderlich ist. t)ber die Zustande 
im Siiden vor dem Kriege konnte er nicht aus eigener Anschauung 
urteilen, hatte die weifien Sudstaatler bis dahin nur als politische Gegner 
im offentlichen Leben und als militarische Gegner im Felde vor sich 
gesehen. Alle Stimmen in seinem Innern sprachen dafiir, dafi man dem 
Neger die vollen Friichte des Sieges zugute kommen lassen und gleichzeitig 
die Herrschaft der republikanischen Partei im Interesse des ganzen Landes 
denkbar sichern musse. 

Er berichtete demgemafi, daB das Vaterland in Gefahr sei, wenn nicht 
durch durchgreifende gesetzgeberische Mafiregeln die Neger gegen Ubergriffe 
ihrer bisherigen Herren geschiitzt wiirden. Fiir eine vollstandige Unterwerfung 
sah er nur zwei Alternativen: entweder lange Fortdauer der militarischen 
Okkupation, und eine solche schien ihm in direktem Widerspruch zu den 
amerikanischen Institutionen zu stehen, oder: Sicherstellung der vollen Gleich- 
berechtigung der Farbigen auch in politischer Beziehung, auf einer durch keine 
siidstaatlichen Mafinahmen erschiitterlichen Grundlage, namlich dadurch, dafi 
ihnen mittels eines Zusatzes zur Vereinigten-Staaten-Verfassung die vollen 
politischen Rechte gesichert wiirden. Gleich den extremen Enthusiasten des 
Nordens war er iiberzeugt, dafi die Verleihung des Stimmrechts gemeinsam 
mit der Einfiihrung von Negerschulen in Kiirze eine gesunde Erziehung der 
bisherigen Sklaven zu Wege bringen wiirde, urn sie zu einer verstandigen 
Ausiibung aller aktiven und passiven burgerlichen Rechte zu befahigen. Er 
hat hinterher die Fehler seiner Vorschlage nach dieser Richtung namentlich 
hinsichtlich des Wahlrechts der Neger freimiitig, wenn auch mit tiefem Be- 
dauern anerkannt und diese fiir den schwachsten Teil seines Berichtes erklart. 
Er erklart in seinen Memoiren, dafi nicht der Gedanke an sich falsch ware, 
aber er liefie verschiedene wichtige erst spater als solche zutage getretene 
Gesichtspunkte aufier acht. Er war eben seinem enthusiastischen menschen- 
freundlichen Herzen gefolgt und hatte sich auf einen Boden der Anschauung 
hinsichtlich allgemeiner Menschengleichheit gestellt, von welchem ihn die 
vollere Erkenntnis der Tatsachen wieder vertreiben mufite. Hielt er trotz- 
dem den Bericht fiir das beste, was er je in Offentlichen Angelegenheiten 
geschrieben hatte, so wird man heute wohl sagen konnen, dafi er hier seine 
Tatigkeit auf andern Gebieten wesentlich unter-, dagegen den Bericht noch 
am Ende seines Lebens einigermafien ubersch&tzt hat. Seine Beobachtungen 
waren gewifi kasuistisch richtig, und auch eine Seite der Stimmung kam in 
mancher Hinsicht korrekt zur Geltung. Aber das Gesamtbild war doch 
falsch, weil er eben den Siiden vorher nicht gekannt hatte und nicht 
iibersah, inwieweit es gelingen kftnnte, das nun einmal vorhandene Menschen- 
material nach seinen und den nftrdlichen Wiinschen aus- und umzugestalten. 
Die Folge eines langen Krieges und die Eigenart der Bewohner brachte eine 
Lage hervor, welche man zwar durch Eingreifen weiter zuspitzen, aber nicht 
dauernd beliebig abSndern konnte, wie es einem Aufienstehenden moglich 
erscheinen mochte. Auch wenn alle Tatsachen, die er berichtete, gestimmt 
haben, hatte eine erheblich anders lautende Interpretation ihnen und den 
Siidstaatlern vielleicht vollere Gerechtigkeit getan. 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. ir. Bd. \n 



258 



Schurz. 



Das Bedeutsame war nun, dafl inzwischen Johnson seinen Standpunkt 
gegeniiber den Siidstaatlern wesentlich zu indent begonnen hatte, w£hrend 
die radikalen Kongrefimitglieder ihrerseits mit Versuchen begannen, die er- 
fochtenen Siege parteipolitisch mOglichst auszuschlachten und hierfur in der 
Partei der unbedingten Negerfreunde die wichtigsten Verb&ndeten fanden. 
Ihnen lieferte der Bericht alsbald wertvollstes Material gegen den Pr&sidenten, 
der vergeblich durch eine zweite Reise General Grants und dessen anders 
lautende Beobachtungen die Wirkung auszugleichen versuchte. 

Die von Sch. vorgeschlagene Richtung wurde akzeptiert, allerdings nicht 
zum Heil des Landes, denn jene Periode grofier politischer Korruption folgte, 
die als Rekonstruktionszeit im Siiden zwar 1876 ihr Ende fand, in ihrer 
ungiinstigen Wirkung fur das Land und fur die Moral der republikaniscben 
Partei noch lange dariiber hinaus w&hrte. Und dabei war die militSrische 
Okkupation und Aufrechterhaltung des Kriegszustandes mit h&ufiger Prokla- 
mation des Standrechts usw. doch ffir mehr als 10 Jahre nicht zu vermeiden 
gewesen. Freimutig hat Sch. sp&ter seine Fehler auch hinsichtlich der voll- 
kommenen AusschlieBung bisheriger Rebellen von der Rekonstruktion an- 
erkannt. Zunachst aber war seine Stellungnahme seiner politischen Reputation 
zweifellos fdrdersam, und er gait als eine der Sftulen der Partei. 

In seinem ftuflern Leben waren inzwischen entscheidende Verftnderungen 
vor sich gegangen. Nachdem er vom Pr&sidenten mit seinem Bericht uber 
die Reiseergebnisse naturgem&fi ftufierst kuhl aufgenommen war, wollte er 
nach Westen zuriickkehren, doch wunschten die Republikaner seinen Rat 
und seine Erfahrung in Washington zu halten. Man stellte ihn deswegen 
an die Spitze des dortigen Korrespondenzbureaus der »New York Times « 9 
dem er bis zu Ende des Winters vorstand. Damit schien er dem Joumalis- 
mus ausgeliefert zu sein. Im Friihjahr 1866 iibernahm er die Chefredaktion 
der Detroit-Post in Michigan und vertrat hier den Standpunkt der Sumner, 
Stevens, Phillipps, der Radikalsten der Radikalen. 

Im Friihjahr 1867 aber trat die letzte entscheidende Wendung in 
diesem Lebensabschnitt ein, welche ihn auf die H&he des politischen Er- 
folges f&hren sollte. Er wurde von den Besitzern der »Westlichen Post*, 
einer deutschen Zeitung in St. Louis, aufgefordert, sich an ihrem Unternehmen 
zu beteiligen und fand hier in Emil Pr&torius, einem der 48er-Klmpfer, einen 
ausgezeichneten Kollegen. Wurde diese Beteiligung, deren finanzieller Teil 
bis ans Ende seines Lebens fortdauerte, nun eine dauernd ntttzliche pekuni&re 
Stiitze, und die Verbindung mit der deutsch-amerikanischen Presse die Ge- 
legenheit zu einer noch intensiveren Beeinflussung der alten Landsleute, so 
kam er vor allem im Staate Missouri auf einen Boden, der ihm den grdfiten 
volkstumlichen politischen Erfolg bescheren sollte, welchen ein nicht geborener 
Amerikaner, dem die Wahl zum Prasidenten verschlossen ist, uberhaupt er- 
hoffen kann. Kaum von einer Reise in das neue Deutschland des Nord- 
deutschen Bundes zuriickgekehrt, wo er in langen Gesprachen mit dem 
Bundeskanzler im Januar 1868 tiefe Einblicke in die europaische Politik tun 
durfte, erschien er als Abgeordneter auf dem republikanischen National- 
konvent und interessierte sich lebhaft fiir die Erwihlung Grants zum Prasi- 
denten; dann aber brachten seine Freunde ihn selbst fiir eine hohe nationale 
Stellung auf die Wahlliste. Unerwartet wurde ihm eine Kandidatur fiir einen 



Schurz. 259 

der beiden Senatorensitze des Staates Missouri im Kongrefl angeboten und 
ein kurzer Wahlkampf brachte ihm den Sieg. 

Es spricht fiir den unvergleichlichen Zauber der PersSnlichkeit des 
Mannes, dafi es ihm gelang, abermals in einem fremden Gemeinwesen, dem 
er eben zugewandert und in welchem er kaum warm geworden war, zum 
Mittelpunkt der politischen Einfliisse zu werden. 

Auch im Senat, in welchem seine sechsjahrige Legislaturperiode am 
4. Marz 1869 begann, gelang es ihm bald, eine drinnen und draufien geachtete 
Stellung zu gewinnen. Er wurde sogleich zum Mitglied der Kommissionen fiir 
militarische Angelegenheiten, Pensionen und Territorialverwaltung gewahlt. 
Dafi an sich in der Korperschaft, in welcher die rednerischen Traditionen 
eines Clay, Calhoun und Webster als hOchste Vorbilder und die Kunst kraft- 
voller und schoner Ausdrucksweise als besondere Qualifikation der Mitglied- 
schaft galten, Sch. sich grofier Wertsch&tzung erfreute, ist natiirlich, und 
jede der 12 grofien Reden, die er im Laufe der Jahre iiber Wiederzulassung 
von Georgia (18. Marz und 19. April 1870), Durchfuhrung des XV. Verfassungs- 
amendements (19. Mai 1870), die politische Disqualification (15. Dezember 
1870), Annexion von Santo Domingo (11. Januar 187 1), Zivildienstreform 
(27. Januar 1871), Usurpation der Kriegsherrengewalt (28-/29. M&rz 187 1), 
allgemeine Amnestie (30. Januar 1872), Waffenverkauf an franzdsische Agenten 
(15./20. Febr. u. 30. Mai 1872), die Wiederaufnahme der Barzahlung (14. Jan. 
1874) und militarisches Einschreiten in Louisiana (11. Jan. 1875) hielt, schufen 
den Hftrern und schaffen heute dem Leser den Genufi einer Meisterleistung. 
Er selbst erklarte hinterher die Reden iiber » Usurpation of War-Powers* und 
^General Amnesty* fiir die literarisch wertvollsten. 

Allerlei Griinde aber trugen jetzt und, in der Folge dazu bei, seine Offentliche 
Position einigermafien zu andern. Er befand sich nun inmitten der grofien parla- 
mentarischen Maschinerie, deren Getriebe schon starke Spuren der unheilvollen 
Einfliisse aufwies, welche in der Folgezeit den einst so unbefleckten Schild der 
republikanischen Partei noch groblicher zu entstellen bestimmt waren. Als 
Mitglied der gemischten Kongrefikommission fiir Ausgabeneinschrankung diirfte 
er bereits im Jahre 1869 mancherlei Dinge gesehen haben, die ihm sehr 
miflfielen. Da konnte er nicht mittun, wie denn iiberhaupt die Rolle des 
politischen Drahtziehers in dem Sinne, in welchem sie fiir Einflufiausiibung 
innerhalb des Parlaments gebr&uchlich war, seinem innersten Wesen vollig 
fremd blieb. Eine genauere Bekanntschaft mit dem Tun und Treiben speziell 
im unterworfenen Siiden, wo die Zeit der Schnappsackler und beutegierigen 
korrupten Beamten begonnen hatte, die nur um der Aussaugung des Landes 
willen vom Norden her gekommen waren und sich lukrative Amter von der 
Bundesregierung oder durch die feilen Negermajoritaten anweisen liefien, begann 
ihn iiberhaupt der offiziellen Partei zu entfremden. Diese Sachlage diirfte 
es ge wesen sein, welche ihn am 20. Dezember 1869 zum erstenmal jene Ton- 
art anschlagen liefi, die spater fiir seine offentliche Wirksamkeit bestimmend 
werden sollte. Er brachte einen Gesetzentwurf zwecks Reform der Zivil- 
verwaltung ein. Eine BehGrde sollte zur Priifung von Bewerbern um Beamten- 
stellen eingesetzt, und BefOrderung auf Grundage der Leistungen eingefiihrt 
werden. Die Befiirwortung von Mafinahmen erzieherischen Charakters, bei 
denen er auf die Gleichstellung der Rassen besonderen Wert legte, lokale 

17* 



260 Schur*. 

Ffirsorge fur den Landesteil, der ihn erwahlte, Fragen des Zolltarifs etc. er- 
ganzten im wesentlichen seine regulare Tatigkeit wahrend der ersten Kongrefi- 
periode seiner Mitgliedschaft. Am 4. Juli 1870 war er fOr die Zulassung der 
Chinesen zur Naturalisation eingetreten, die nach seiner Ansicht gleichfalls 
den Amerikanern assimiliert und endlich zu Bfirgern werden kOnnten. Er 
war gegen eine Einwanderungsbeschrankung und sah keine Gefahr darin, 
dafi in 30 Jahren die Zahl der Chinesen im Lande sich auf eine Million 
steigern wfirde, eine Rede, die besonders charakteristisch darum ist, weil 
sie seinen Standpunkt gegeniiber Rassenproblemen, den er hinterher auch in der 
Indianerfrage bewahrte, klar beleuchtete. 

Ein Wendepunkt seiner Stellung in der Partei war in gewissem Sinne 
sein Auftreten gegen ein Lieblingsprojekt Grants, die beantragte Einverleibung 
von Santo Domingo in die Union. Hier finden sich die Grundzfige seiner 
dauernden Ablehnung einer » imperialistischen « Politik, die er gleichfalls bis 
zum Schlufi seines Lebens beibehielt. Nicht zum wenigsten war es die 
Haltung des Verfassers jenes Berichts fiber die Neger von 1865, welche die 
Vorschlage Grants zum Fall brachten. 

Oberhaupt aber wurde, je mehr er von der Grant'schen Verwaltung sah, 
um so starker seine Entriistung fiber das Mafi ihrer Kormption. Er zog sich 
daher vom Rate der offiziellen Partei zurfick und war alsbald 187 1 eine der 
Hauptstfitzen der > liberal-republikanischen « Bewegung, welche den offiziellen 
Kandidaten Grant durch den Herausgeber der New York Tribune, Horace 
Greeley, ersetzen wollte. Indem er dieses tat, machte er nur jenes Wort wahr, 
das er der neuen republikanischen Partei schon am 18. November 1858 in seiner 
Milwaukee-Rede fiber die politische Moral entgegengeschleudert hatte: »Ich 
warne Sie, sich durch diesen Sieg nicht zu der gefahrlichen Tftuschung ver- 
leiten zu lassen, dafi die Deutschen, nachdem sie das despotische Joch einer 
Partei abgeschfittelt haben, jetzt auf ihren Nacken das einer anderen nehmen 
werden. Nachdem sie heute das Banner moralischer Unabh&ngigkeit aufge- 
pflanzt haben, werden sie es nicht morgen wieder verlassen. Sie werden 
der Leitung ehrenhafter Politik folgen, solange es wahre Ehrenhaftigkeit ist, 

die sie leitet Aber ich sage Ihnen, meine republikanischen Freunde, 

und ich spreche mit der vollen Ernsthaftigkeit meines Gemfits, ich hoffe 
auf rich tig, dafi meine Landsleute, die sich vom Parteidespotismus befreit 
haben, sich nicht wieder zu korrupten Machinationen gebrauchen lassen, nie 
wieder an schmutzigen politischen Handelsgeschaften und korrupten Ab- 
machungen teilnehmen werden, von welcher Seite her dies auch immer ver- 
sucht werden mag. Und ich prophezeie ohne Zdgem, dafi, wenn die repu- 
blikanische Partei das Ungltick haben sollte, in dasselbe Netzwerk der Kor- 
ruption zu verfallen, in welchem die Demokratie sich jetzt verstrickt, dann 
wird das Volk sie mit demselben zermalmenden Urteil niederschmettern, unter 
welchem jetzt die Hunkerpartei l ) fallt. « 

Immerhin hatte er nach der Wiederwahl Grants durch den ihn mit den 
eigentlichen Machthabern verfeindenden Schritt wohl dauernder und erheb- 
licher an Einflufi verloren, wenn nicht inzwischen die Wandlung in Europa, 
die glanzenden deutschen Siege fiber Frankreich, die Stellung des anerkannten 
Wortffihrers der Deutschen Nordamerikas zu neuer Bedeutung erhoben hatten. 

») Name ftir eine besondere Schattiening der demokratischen Partei. 



Schurz. 26 1 

Gewaltig flammte in den Seelen der Millionen von Auswanderern, deren Wiege 
auf dem Boden des nunmehr neugeeinten Deutschen Reichs gestanden, und 
ihrer Kinder der Stolz des deutschen Blutes und die Liebe zur alten 
Heimat auf. Und war das auch fiir die meisten keine Veranlassung zur 
Ruckkehr nach Deutschland, so wurden sie doch in ganz anderem Sinne 
als bisher zu Vertretern von dessen Eigenart und fuhlten sich auch im neuen 
Vaterlande durch die Wiederbelebung alter Bande gehoben und zusammenge- 
schlossen* Ein neues Vollgefiihl erwachte in dem Fiihrer der nordamerika- 
nischen Deutschen, als er zu ihnen und in ihrem Namen von der Erfullung 
jener Traume sprach, denen er ja seine Jugend zum Opfer zu bringen be- 
reit gewesen. War das Reich mit seiner Verfassung und seinen modernen 
Institutionen auch auf andere Weise geworden, als es die Achtundvierziger 
fur mGglich gehalten hatten, es war da und es war wieder ein Stolz, ihm zu 
entstammen. Leicht hatte Sch. Donnerworte des Protestes gegen die offen- 
kundigen Neutralitatsverletzungen durch Duldung eines fast offen betriebenen 
Kontrebandehandels mit Waffen und Munitionen nach Frankreich gefunden, 
und er rief die Legionen der Landsleute zum Widerstande gegen die noch 
lange franzosenfreundliche Stimmung Nordamerikas auf, welche an sich nur 
allzu natiirlich war, da Frankreich einst im Unabhangigkeitskriege der erste 
Bundes- und Kampfgenosse der neugegriindeten Republik gewesen war. 

Dafi wir ihn trotz seiner administrationsfeindlichen Stellung im 43. 
Kongrefi als Mitglied des wichtigen Ausschusses fiir auswartige Angelegen- 
heiten wiederfinden, legt fiir diese verSnderte Stellung der Deutschen beredtes 
Zeugnis ab. 

Im iibrigen wandelte sich alsdann die politische Lage mehr in seinem Sinne. 
Grant war wiedergew&hlt, aber in der nachsten Neuwahl ging den Republikanern 
das Reprasentantenhaus verloren, und gegen die allmachtigen Politiker regte 
sich in der Partei selbst der Widerstand. So stieg Sch.s Einflufl auch im 
Innern wieder, und er konnte in der Partei selbst sich an den gegen die 
Mitte der siebziger Jahre im Vordergrunde stehenden Debatten iiber die Wah- 
rungsprobleme nachdriicklich beteiligen. Diese fanden ihn auf Seite derFreunde 
einer Wiederaufnahme der Barzahlungen, fiir die er seit Februar 1874 mehr- 
fach eintrat. Seine Mitgliedschaft eines Spezialkomitees fiir die Mississippi- 
ufer war die Veranlassung zu einem Antrag vom Juni 1874 iiber eine bessere 
Schiffbarmachung des Mississippi, wofiir die bisherigen Instanzen sehr wenig 
geleistet hatten. Sein letztes Auftreten im Senat im Marz 1875, kurz vor 
Ende seines Wahlturnus, war gegen das im Kongrefi beratene Zoll- und 
Steuergesetz gerichtet. 

Fiir eine Wiederwahl nach Ablauf seines Turnus war keine Aussicht. 

Sch. hatte die Absicht, nach St. Louis zuriickzugehen und sich der Re- 
daktionstatigkeit an der »Westlichen Post«, fur die er auch als Senator in 
Washington dauernd geschrieben hatte, zu widmen. Sein Standpunkt in der 
Wahrungsfrage aber fiihrte ihn in andere Bahnen. 

Hatte seine Rede zugunsten der Wiederaufnahme der Barzahlungen ihm 
die hohe Auszeichnung der Ernennung zum Ehrenmitgliede der New Yorker 
Handelskammer gebracht, so hatte ein Redefeldzug im Staate Ohio fiir den 
Kandidaten fiir den Gouverneurposten Hayes und dessen Programm der 
Wiederaufnahme der Barzahlungen noch weitergehende Folgen. 



262 Schurz. 

Der unerwartete Sieg auf dieses Programm hin 6ffnete letzterem den 
Weg zur Pr&sidentschaftkandidatur. Seinem treuen, einflufireichen Heifer 
Sch. aber flihlte er sich so zu Dank verpflichtet, dafi er ihm diesen in nach- 
drficklichster Form zu bestStigen wiinschte. Als er sein Kabinett bildete, 
stand Sch. auf der Liste als Staatssekret&r des Inneren und nahm diesen 
Posten alsbald an. 

Das Haus des Ministers zu Washington konnte nicht mehr jene Statte 
anregender und anmutsvoller Gastfreundschaft sein, wie es einst dasjenige des 
Senators Schurz gewesen war. Das Jahr 1876 war das triibste seines Lebens. Die 
edle und geliebte Gattin hatte bei der Geburt des Knaben Herbert, welcher 
als viertes Kind den beiden T6chtern Agathe und Marianne und dem Sohne 
Carl gefolgt war, den Weg beschreiten miissen, den einst ihre eigene Mutter 
bei ihrer Geburt vorangegangen war. Eine 25j&hrige Ehe ungetriibten Gluckes 
war j&h abgeschlossen, ein tiefgebeugter Witwer trat 1877 in das verant- 
wortungsvolle Amt. 

Aber das Leben verlangte sein Recht. Es war Sch., nachdem er als 
Senator die hOchste Stellung erreicht hatte, zu der der Fremdgeborene durch 
Wahl gelangen konnte, auch verg6nnt, den hochsten durch Ernennung er- 
reichbaren Verwaltungsposten zu bekleiden. Zum erstenmal hatte ein ge- 
borener Deutscher einen der sieben Sitze im Kabinett inne. Amerikanische 
Schriftsteller diirften geneigt sein, in Qblicher Weise dies als die aufier- 
ordentlichste Karriere zu bezeichnen, welche die Welt je gesehen hat, 
ohne Parallele in der Geschichte. Auch wenn man sich dieser Auffassung 
mit Recht nicht anschlieflen wird, sondern sich erinnert, dafi in frftheren 
Zeiten die Ernennung fremdgeborener oder ausw&rtiger Staatsleute zu Ministem 
in Europa nicht ohne Vorbilder gewesen ist, bleibt es ein ganz aufierordentliches 
Zeugnis fiir die Bedeutung des Mannes und die Schatzung seiner Leistungen. 

Die ErfUllung der ihm gestellten Aufgaben im Laufe der folgenden vier Jahre, 
bei welcher es natiirlich nicht an starken Anfeindungen gegen den Auslander 
fehlte, der an der Spitze der inneren Verwaltung des Landes stand, war in 
jeder Beziehung eine vorzugliche. 

Das Department of the Interieur war das gr6flte der ministeriellen Ressorts, 
was die Mannigfaltigkeit der Aufgaben angeht. Von ihm ressortierten die Ver- 
waltung derlndianerangelegenheiten, der fcffentlichen L&ndereien, des Pensions- 
wesens (in Amerika gibt es ausschliefilich milit&rische Pensionen), das Patent- 
amt, in den Perioden der Zensusaufnahme das Zensusamt, die Aufsicht iiber 
die Eisenbahnen, an welchen die Regierung Beteiligung hatte {Bureau of 
Railway Accounts), das Bureau fiir das Erziehungswesen, die geographische 
und geologische Aufnahme, fiir welche unter seiner Verwaltung ein besonderes 
Bureau geschaffen wurde, die entomologische Kommission, sowie die Auf- 
sicht ttber die noch nicht als Staaten zugelassenen Territorien, deren es bei 
Sch.s Amtsantritt noch acht gab, namlich Utah, Montana, Idaho, Arizona, 
Washington, Dacota, Wyoming und New Mexico, ferner eine Reihe kleinerer 
Kommissionen und Verwaltungen, wie die der heifien Quellen von Arkansas, 
des Yellowstone Parks, des Irrenhauses, Taubstummeninstituts, Freedmeris 
Hospitals, Frauenhospitals, Kapitolgeb&udes zu Washington usw. 

Bei seinem Verwaltungsantritt fand er in dieser ungemein aus- 
gedehnten Beh6rde natiirlich auf vielen Gebieten das Widerspiel jener Mifi- 



Schurz. 263 

wirtschaft, die unter dem Grantschen Presidium, nicht nur im Siiden, ein- 
gerissen war. 

Grofie Beschwerden lagen iiber mifibrauchliche Verwaltung der Angelegen- 
heiten der Indianer vor. War diese schon in friiheren Zeiten vielfach der 
Schauplatz einer Ubervorteilung der farbigen Schutzbefohlenen der Nation 
durch die Indianeragenten gewesen, so hatte die organisierte Ausbeutung der 
Schwarzen im Siiden wahrend der Rekonstruktionszeit natiirlich ansteckend 
auf die Verwalter der Angelegenheiten der Roth&ute gewirkt. Im Pensions- 
department drohten die Forderungen ins Ungemessene zu steigen. In der 
Verwaltung der Staatslandereien war es namentlich der im grofien organisierte 
Holzdiebstahl aus deir offentlichen Waldern, der dem Nationalverm6gen all- 
jahrlich Millionen entzog. Der Geist der Beamtenschaft war keineswegs 
durchweg so geartet, wie es den hohen moralischen Anschauungen des neuen 
Chefs entsprach. 

So vermehrte er denn eine Reihe grunds&tzlicher Neuerungen, die am 
Schlufl der vierjahrigen Amtsperiode zwar nicht durchweg und dauernd voll- 
kommen durchgefiihrt waren, aber doch auf vielen Gebieten erhebliche Er- 
folge eingeleitet und erzielt hatten. Es ist Sch. spater zum besonderen 
Ruhm gerechnet, dafl wahrend seiner Amtszeit im inneren Department der 
erste tatsachliche Versuch mit einer Zivildienstreform gemacht wurde. War 
bisher die ganz iiberwiegende Zahl der Beamten auf Grund politischer Em- 
pfehlung angestellt und jeweilig mit einem Wechsel der Partei, der die Re- 
gierung angehOrte, wieder aus dem Amt geschieden, so suchte er, zunachst 
in beschranktem Umfange, das » Verdienstsystem*, Emennung auf Grund nach- 
bewiesener Fahigkeiten und bestandener Examina und dauernden Verbleib 
im Amt, wie er es seit seinem Eintritt in den Staat als Kenner europ&ischer 
Verhaltnisse standig empfohlen hatte, zur Durchfiihrung zu bringen. In 
den einzelnen Abteilungen des Ressorts ging es alsdann an positive Reformen. 
Die Anmeldestellen fur die Pensionsgewahrung wurden an Zahl vermindert, 
dennoch stieg der Bedarf rapide. An Kriegs-, Invaliden- und Soldatenpensionen 
waren am Schlufl seiner Verwaltung jahrlich mehr als 50 Millionen Dollar aus- 
zuzahlen. In der Verwaltung der offentlichen Landereien wurde namentlich 
gegen den organisierten Holzdiebstahl durch Anrufung der Gerichte vorgegangen. 
Trotz geringer Unterstiitzung seitens des Kongresses, der nicht die Mittel furwirk- 
sames Durchgreifen bewilligte, wurden in zahlreichen Prozessen die Ubertreter 
zur Ruckzahlung erheblicher Summen verurteilt. Uber l j% Million Dollars wurden 
in den ersten 39 Monaten seiner Verwaltung der Bundesregierung gerichtlich 
zugebilligt, mehr als das Doppelte des Betrages, der vorher in den 21 Jahren 
seit Bestehen des das Holzfallen auf Gffentlichem Land verbietenden Gesetzes 
wieder eingezogen war. 

Im Anschlufi an diese Spezialfrage aber begann der Staatssekretar mit 
einer lebhaften und in der Folgezeit von ihm fortgesetzten Agitation zugun- 
sten des Erlasses einer wirksamen Forstgesetzgebung zur Verhinderung der 
Verwiistung der offentlichen Forsten und zur Erhaltung des aus wirtschaft- 
lichen wie klimatischen Grunden so ungemein wertvollen Baumbestandes, ohne 
dafi es ihm allerdings bis ans Ende seines Lebens gelingen sollte, das, was 
theoretisch allgemein anerkannt war, in der Praxis gegenuber den Widerstanden 
der machtigen Interessenten in der amerikanischen Holzindustrie durchzusetzen. 



264 Schurz. 

Die grdflte wissenschaftliche Leistung in der Zeit seiner Verwaltung war 
die Einrichtung des geologischen Vermessungswesens. Das » United States 
Geological Survey* konnte noch vor seinem Abgang den ersten Jahresbericht 
erstatten. 

Auch auf die Vorbereitung des X, Zensus iibte er einen heilsamen 
Einflufi aus. Der zum Vorstand des Zensusamtes ernannte General Francis 
Walker war eine ausgezeichnete PersOnlichkeit und bot die Gewfthr, dafi die 
neue Aufnahme die SchwSchen und UnwaHrheiten des Zensus von 1870 
nicht wiederholen wiirde. Er fand nach seinen eigenen Mitteilungen in 
Sch. einen verst&ndnisvollen und eifrigen FOrderer seiner erfolgreichen Be- 
strebungen, den Zensus auf ein hOheres und wissenschaftliches Niveau zu bringen. 

Am hOchsten scheint Sch. selbst seine TStigkeit in der Indianerfrage 
eingesch&tzt zu haben. Seine Theorie war den bisherigen Anschauungen 
entgegengesetzt. Er wollte jene nicht in grofien Reservationen konzentrieren, 
sondern sie in der Regel auf ihrem angestammten Besitz sitzen lassen und 
sie hier mit den Errungenschaften der Kultur vertraut machen. Die Rechte 
der Indianer an dem von ihnen besetzten Land sollten geachtet, nur dann 
Veranderungen vorgenommen werden, wenn die L&ndereien sich fiir Land- 
und Weidewirtschaft als ungeeignet erwiesen; den Indianern sollte Erziehung 
zuteil werden, verschiedene Gewerbe unter ihnen durch Anregung und 
Unterweisung eingefuhrt, sie £llm£hlich mit einem Verst&ndnis fiir die aus 
dem Privateigentum erwachsenden Verantwortlichkeiten erfiillt und fur 
ihren Unterhalt auf ihre eigenen Leistungen in zunehmendem Mafie verwiesen 
werden. Nach jeder mit ihrer eigenen Sicherheit vereinbaren Richtung sollte 
ihnen der Gewerbebetrieb zwecks Verwertung der Erzeugnisse ihrer Arbeit und 
ihres Fleifles gestattet sein. Es sollte das Land an sie zu Privateigentum 
aufgeteilt und ihnen ein fiir eine gewisse Zeit allerdings unverSufierlicher 
voller Eigentumstitel gew&hrt, dagegen mit ihrer eigenen Zustimmung und 
zu ihren Gunsten die Flachen, die sie nicht selbst bestellen und verwenden 
kftnnten, an weifle Ansiedler verkauft werden. Ihr Stammeszusammenhang 
sollte schrittweise aufgeldst und sie in ein biirgerliches Gemeinwesen als 
selbstverantwortliche und unabh&ngige Leute ubergefiihrt werden, die die 
gleichen Rechte mit alien anderen Landeskindern besaflen. 

Sch. hatte hier sowenig, wie hinsichtlich der Neger und Chinesen, 
irgendeinen Zweifel, dafl dies ebensowohl eine mOgliche, wie auch die ver- 
st&ndigste und wunschenswerteste Politik sei. 

Hat aber die Folgezeit im allgemeinen seinen Maflnahmen und Theorien 
auf anderen Gebieten vielfach recht geben, so hat er auf dem Gebiet der 
Rassenfragen, gerade hinsichtlich der Chinesen und Indianer, selbst mit an- 
sehen miissen, dafi die Dinge doch anders lagen, als sie dem Schuler der 
franzdsischen und der 48 er Revolution, der Freiheit, Gleichheit, Briiderlichkeit, 
erschienen. 

Uber die Sphare seines eigenen Amtes hinaus hat der Staatssekretar dem 
Schatzsekretar Sherman, mit dem er Schulter an Schulter fiir die Wieder- 
aufnahme der Barzahlungen im Senat seinerzeit gefochten hatte, durch seine 
Stellungnahme und Unterstiitzung bei der Durchfuhrung dieser Maflregeln 
wertvolle Dienste geleistet, und in dieser Richtung liegt wahrlich nicht das 
kleinste Verdienst um das Gedeihen des amerikanischen Volkes. 



Schurz. 265 

Alles in allem ist es anerkannt, dafl Sch. in seinem Amte ganz 
hervorragende Qualitaten bewiesen, und dafi seine administrative Geschafts- 
fuhrung den Leistungen des Soldaten und Politikers mindestens ebenbiirtig war. 

Dennoch ging mit dem Ablauf der Hayesschen Administration seine 
offizielle Betatigung im politischen Leben zu Ende. Hatte er 10 — 20 Jahre 
friiher als andere die dffentliche Arena betreten, so ist er — wenigstens aus 
der offiziellen Laufbahn — auch um eine ebenso lange Zeit friiher aus- 
geschieden. 

Dafi dem so war, und der Mann, der in jeder Richtung seine Quali- 
fikation zu den hochsten Leistungen durch seine Erfolge vor der ganzen 
Welt bewiesen hatte, zwar bis an sein Ende eine der markantesten Er- 
scheinungen des Gffentlichen Lebens in den Vereinigten Staaten blieb, nicht 
mehr aber offiziell an deren Konzilien teilnahm, wird erst verstandlich, 
wenn man die Eigenart seiner politischen Personlichkeit und seine Stellung- 
nahme zu dem Gang der Dinge im einzelnen ins Auge fafit. 

Er hatte die Zeit seines Amtes nicht wie fast alle anderen benutzt, um 
sich durch eine geschickte Taktik und, wenn nicht finanziellen, so doch 
durch moralischen Amterschacher, durch Begiinstigungen oder Drohungen eine 
Schar von willfahrigen Hintersassen, Klienten und Parteigangern zu schaffen. 
Er hatte versucht, ganz uneigenniitzig der Offentlichkeit zu dienen. Dies 
allein erklart fur den Sachkenner schon zum Teil, wenn auch nicht vollkommen, 
die weitere Entwicklung. Unter den einflufireicheren Politikern niederen 
Kalibers war niemand, der je wieder dafiir eintrat, ihm eine Stellung zu 
iibertragen, weil er fur eine »do ut *fcy-Politik« doch nicht zu haben gewesen 
ware. Nun kam hinzu, dafi ihn die Entwicklung der Dinge abermals aus 
den Bahnen der Partei, mit der er grofi geworden war, hinausfiihrte, und 
wenn er auch in spaterer Zeit den alten Freunden noch einmal wieder naher 
trat, so war er von dem Moment an, wo er sich 1884 an der »unabhangigen 
Bewegung« {Independent Movement) beteiligte, endgiiltig nicht mehr repu- 
blikanischer Parteiangehoriger, sondern befand sich beiden Parteien als Un- 
abhangiger gegeniiber. Und dabei blieb es. Nicht aber war der von ihm 
nun vertretene Standpunkt ein solcher, dafi daraufhin wie einst bei der Be- 
griindung der republikanischen eine machtige neue Partei hatte entstehen 
konnen. 

Jene selbst hatte sich im Anfang des 9. Jahrzehntes des 19. Jahr- 
hunderts weiter gewandelt und war nicht nur numerisch sichtlich im Nieder- 
gang. 

Auf Hayes folgte die kurze Verwaltungszeit des Martyrerprasidenten 
Garfield, an die sich die nicht gerade erquickliche Zeit des ihm im 
Amte folgenden Vizeprasidenten Arthur anschlofi. Dann aber brachten die 
Republikaner einen Mann in den Vordergrund, der personlich nicht den 
hohen Anforderungen zu entsprechen schien, die Sch. hinsichtlich der 
Lauterkeit des Charakters fur einen Prasidentschaftskandidaten fur unum- 
ganglich erachtete, und der nach mehreren Richtungen ein Programm vertrat, 
welches mit seinen politischen Anschauungen in schroffem Widerspruch 
stand. Der bedeutende und gescheite, aber nicht im hochsten Sinne gewissen- 
hafte Blaine war ein Vertreter des Ausbeutungssystems und Gegner der Zivil- 
dienstreform. Er war ein AnhSnger jenes expansiven Amerikanismus, welcher 



266 Schurz. 

das Schlagwort der Monroe-Doktrin zu einer imperialistischen Politik der 
Vorherrschaft der Vereinigten Staaten auf dem ganzen amerikanischen Kon- 
tinent und dariiber hinaus ausbilden wollte. Seine Stellung zur Goldwahrungs- 
frage, die nach Wiederaufnahme der Barzahlungen und angesichts des sinkenden 
Silberpreises in den Vordergrund kam, war zweifelhaft. Nachdrficklichst trat 
er ftir das »amerikanische System* des Hochschutzzolls ein. Ihm konnte der 
Beamtendienstreformator, Weltfriedensfreund, Goldw&hrungsmann und Frei- 
handelsanh&nger Sch. nicht folgen, wahrend er in Grover Cleveland, trotz- 
dem dieser sich zu der seit dem Sezessionskriege gehaflten demokratischen 
Partei bekannte, eine absolut integere Natur und in vieler Beziehung den 
seinen verwandte Anschauungen fand. Zwischen ihnen entstand ein Ver- 
haltnis persdnlicher Freundschaft, das bis an das Ende fortgedauert hat. 

Die neue Losldsung von der republikanischen Partei war ein im 
amerikanischen Sinne hOchst ungewohnter Schritt Hatte Sch. in den soer 
Jahren die Deutschen aus der alten Partei herausgefiihrt, um fur jene zu 
k£mpfen, war er dann gegen Grant far Greeley als Reformrepublikaner ein- 
getreten, so wandte er sich je'tzt den Demokraten zu. Von 1884 — 1896 hat 
er der Reform-Demokratie, wie sie durch Cleveland vertreten war, die Treue 
bewahrt. Er h&tte daraufhin auch sicher von diesem ein hohes Amt ver- 
langen kdnnen und erhalten, fiihlte sich aber innerlich verpflichtet, auf die 
Obernahme eines solchen zu verzichten, um sich nicht dem Gerede aus- 
zusetzen, er wechsle seine Partei um des Interesses an der Amtsernennung 
willen. 

Diese Ansicht behielt er auch bei, als er 1896 abermals den Standpunkt 
wechselte. Der Liberale alten Kali be rs und Goldw&hrungsmann konnte sich 
von den sozialistischen Tendenzen des Silberapostels Bryan nicht flberzeugen 
lassen. Er sah in Mc Kinley das kleinere Ubel, obgleich er gegen dessen 
imperialistische und Hochschutzzolltendenzen Bedenken hatte. Trat er nicht- 
direkt fur diesen ein, so wandte er sich doch in zwei bedeutenden Reden 
gegen die Freisilberpr&gungsidee und trug dadurch mit dazu bei, die 
Deutschen dem Wahlbundnis der Demokraten mit den Agrarsozialisten und 
sozialdemokratischen Populisten fernzuhalten. Seine Worte ubten auf sie 
zum letzten Male den alten Zauber. In groflen Scharen blieben sie den 
Bannern Bryans fern, um dem alten Fiihrer zu folgen. Sie bewahrten ihm 
freiwillig Gefolgschaft. 

Aber schliefllich brachte es der Gang der Dinge mit sich, dafl er, der, 
um seinen Prinzipien treu zu bleiben, als schwankend in seiner politischen 
Stellungnahme erschien, in der Nationalpolitik vollig zuriicktrat. Die mit 
dem spanischen Kriege eingeleitete Politik der Expansion und Annexion war 
ihm im Grunde der Seele zu wider. Im Januar 1899 hielt er zu deren Be- 
kampfung eine Rede in Chicago. Die zweite Kandidatur McKinleys fand 
ihn nunmehr auf seiten des Gegners Bryan. In Millionen von Exemplaren 
wurde seine Rede wider den Imperalismus im Lande verbreitet, sein Name 
stand in erster Reihe unter den Mitgliedern der Anti- Imperialist League. Aber 
sein Einflufl reichte nicht aus, die Massen von der Zuwendung zu neuen 
Idealen fernzuhalten, welche er als einen strikten Widerspruch gegen die 
Grundlagen des Amerikanertums, so wie er es auffafite, erachtete. Nach der 
Wahl McKinleys und in der ersten Verwaltungszeit seines Nachfolgers Roose- 



Schurz. 267 

velt stand er in der Opposition. Schmerzlich empfand er, dafl er mit den 
neuen Regungen des amerikanischen Volksgeistes in der Nationalpolitik nicht 
mehr in Fuhlung stand. So sah er sich aus den angefiihrten Griinden und 
angesichts seiner den grofien Anstrengungen der nationalpolitischen Kam- 
pagne nicht mehr gewachsenen Gesundheit veranlafit, den Schwerpunkt seiner 
Tatigkeit vollig auf andere Gebiete zu verlegen. 

Wesentlich mit unter seinem Einflufi war im Lande die grofie Organisation 
der Civil Service Reform Associations entstanden. Die erste von diesen war 
im Jahre 1877 in New York begriindet, die zentrale National Civil Service 
Reform League folgte im Jahre 1881. Er trat der ersteren am 6. Oktober 

1880 bei und war in ihren Ausschiissen vielfach tatig, von 1893 an bis zu 
seinem Tode war er ihr President. Die Nationalliga hat er am 11. August 

1 88 1 selbst mitbegriindet, dauernd ihrem geschaftsfiihrenden Ausschufl an- 
gehort. Im Jahre 1893 folgte er seinem verstorbenen Freunde George William 
Curtis als President und blieb in dieser Stellung bis zum Dezember 1900, 
wo er das Amt niederlegte, weil er furchtete, dafl seine Stellungnahme gegen 
die Regierung in den andern nationalpolitischen Fragen der Liga schadlich 
sein konne. Seine Reden auf den Jahresversammlungen der Liga gehfcrten 
zu den bedeutsamsten Kundgebungen zugunsten des so warm verfochtenen 
Prinzips der Ernennung und Beforderung in der Beamtenkarriere allein auf 
Grundlage der F&higkeiten und des Verdienstes. Nach alien Seiten beleuchtete 
er vom amerikanischen Standpunkt aus die vorliegenden Probleme, ohne indes 
auf Seiten der Gegner sich dem unberechtigten Vorwurf entziehen zu kSnnen, er 
trete als Deutscher fiir Anschauungen ein, die er ins Land mitgebracht habe, 
die sich aber fur amerikanische Verh&ltnisse nicht wohl eigneten. 

Die Interessen auf diesem Gebiet aber brachten ihn in den letzten 
Jahren noch mit einer andern Reihe von Problemen in Verbindung, die auf 
kommunalem Gebiet lagen. Seit den 90 er Jahren befafite er sich intensiv mit 
der speziellen Phase der Zivildienstreform in der Stadt New York und warf 
das Schwergewicht seiner Stimme gegen die Mifibrauche von Tammany Hall 
und die korrupte Organisation der dortigen Ausbeutungspolitiker in die 
Wagschale. Mehrfach legte er sich fiir die Erwahlung des Columbia- College- 
Prasidenten Low zum Maire von New York ins Zeug. Doch auch hier wurde 
die Stellungnahme gegenuber veranderten Problemen fiir ihn recht schwierig. 

Einen »Schaukler«, » Mugwump* hat man den Mann genannt, der stets 
seine eigenen innersten Uberzeugungen zum Mafistab nahm, und sich weder 
von Traditionen noch von Anhanglichkeitsgefuhlen abhalten liefi in jedem 
Augenblick fiir das einzutreten, was er ein fiir allemal fiir das Richtige 
erkannt zu haben glaubte, denn ihm war die Politik ein philosophisches 
System, bei dem man von bestimmten Grundvoraussetzungen notwendig durch 
die Kraft der Logik zu unumganglichen und unwiderruflichen Schlussen 
kommen muflte. 

Sein Ausscheiden aus der praktischen Politik brachte es mit sich, 
dafi Sch. seit Anfang der 80 er Jahre, seinem Leben einen Inhalt nach anderer 
Richtung zu geben, versuchen muflte. Sein bzw. seiner Frau Vermbgen, 
soweit es nicht von sorgsamen Verwandten in Hamburg fiir die Kinder ver- 
waltet wurde, war in uneigenniitziger Weise in seinen amtlichen Stellungen 
mit aufgezehrt. Jeder Gedanke an persdnliche Bereicherung, dem eine so 



268 Schurz. 

grofie Schar von hohen und hOchsten Staatsbeamten in Amerika unterlegen 
ist, ist dem mit deutscher Ehrlichkeit unausrottbar Behafteten v6llig fremd 
geblieben. Armer schied er aus jeder neuen Stellung, und auch, wo es ihm 
in vollen Ehren moglich gewesen ware, sich zu bereichern, widersetzte sich 
sein Stolz und seine Uneigenniitzigkeit. Als man ihm Anfang der 80 er Jahre 
eine Nationaldotation seiner deutschen Landsleute von $ 100000 anbot, urn 
ihn fiir das im dffentlichen Leben verzehrte eigene Vermftgen zu entschadigen, 
lehnte er dies mit der Begriindung ab, solange er selbst seinen Unterhalt 
verdienen kdnne, bediirfe er keiner Beihilfe. 

Zun&chst nach Ablauf seines Staatssekretariats gab er den Wohnsitz in 
Missouri auf, wahrend er allerdings die nicht uneinkdmmliche Beteiligung 
an der »Westlichen Post«, des langjahrigen und treuen Freundes, Emil 
Pratorius, beibehielt, und folgte einer Aufforderung zur Mitiibernahme der 
Redaktion der »New York Evening Post* von 1881 — 83. Dann unternahm 
er mehrfach nach amerikanischer Sitte grofle Vortragstourneen durchs Land 
und begann aufierdem mit der VerSffentlichung grOflerer historischer Arbeiten. 
Vom Ende der 80 er Jahre bis 1892 war er New Yorker * Resident Direktor* 
der Hamburg -Amerikanischen Paketf ahrt - Aktiengesellschaft und schrieb 
schliefilich von 1892 — 98 die Leitartikel der Wochenschrift ^Harpers 
Weekly*. Auf alien Gebieten mit Ausnahme der Tatigkeit in der Schiff- 
fahrtsgesellschaft schnitt er in vieler Beziehung sehr gut ab. Keines aber 
hat den Mann, der die Bliite seiner Jahre so viel grofleren Aufgaben 
gewidmet hatte, dauernd zu fesseln vermocht, und auf keinem konnte 
er Erfolge sein eigen nennen, die jenen entsprachen. Am wenigsten 
lag ihm die rein geschaftliche Tatigkeit bei der Hamburg -Amerika- 
Linie. Und auch mehrfache Aufforderungen, der Leitung anderer Erwerbs- 
unternehmungen naherzutreten, vermochten ihn nicht zu locken. Bei der 
^Evening Post* hatte er sich mit seinem mafigebenden Mitherausgeber, dem 
scharfsinnigen, dogmatischen Manchesterman reinen Typs, E. L. Godkin, 
nicht wohl vertragen kdnnen, wahrend allerdings die Hauptinteressenten des 
Blattes, Horace White und Henry Villard, dauernd dem Kreise seiner intimen 
Freunde angehdrten. In der zweiten Tatigkeit war nur die Tatsache seiner 
Reprasentation fiir das Ansehen der Hamburger Linie von Nutzen. 

Wahrend der Tatigkeit an Harper's Weekly zeigte sich, dafi die 
Anschauungen, die er sich im hdheren Alter bewahrt hatte, nicht mehr durch- 
weg mit den Wiinschen und Oberzeugungen der Leser dieser Wochenschrift 
und dementsprechend nicht mit den Intentionen ihrer Verleger uberein- 
stimmten, obgleich die Beitrage sowohl literaxisch wie sachlich von aufler- 
ordentlichem Wert bleiben. 

So hat es Sch. an einem v6llig geeigneten Wirkungskreise in den 
letzten 2 1 /* Jahrzehnten gefehlt Heute wiirde einem Manne gleicher Art in 
der jetzt landesiiblichen Weise, die hervorragendsten Manner zu College- 
prasidenten zu ernennen, die Leitung einer der grSfiten Hochschulen des 
Landes angeboten werden. Diese M6glichkeit des WiederanknOpfens an die 
Ideale der fruhesten Jugend blieb ihm damals versagt. Nur das Ehrenamt 
der Mitgliedschaft im Rat der Harwarduniversitat hat er bekleidet. Dagegen 
konnte er seit 1887 in zwei Fallen beweisen, dafi die deutsche Wissenschaft 
einen nennenswerten Verlust dadurch erlitten hatte, dafi es ihm nicht verg6nnt 



Schurz. 269 

war, seine Absicht der Bekleidung einer historischen Professur zur Verwirk- 
lichung zu bringen. Sein zweibandiges Werk »Life of Henry Cfay«, 1887, 
ist eine der besten existierenden Arbeiten auf dem Gebiet der amerikanischen 
Geschichte, weit iiberlegen alien andern, die in American Statesman 
Series erschienen sind. Sein kurzes »Life of Abraham Lincoln* ist auch eine 
vortreffliche Leistung. Beiden Werken war grofler wissenschaftlicher und 
buchhandlerischer Erfolg beschieden. 

Die bedeutendste Leistung des Historikers allerdings ist es ihm nicht 
vergonnt gewesen zu vollenden. Gegen die Jahrhundertwende wandte er sich 
dem Plane der Niederschrift seiner Memoiren zu und verbrachte die letzten 
Jahre, wenn auch politisch und schriftstellerisch nicht ganz untatig, in deren 
Vorbereitung und Ausarbeitung. Er arbeitete mit der beschaulichen Ruhe des 
Alters, welchem ein wohlausgefiilltes Leben gestattet, von den gesammelten 
geistigen Vorraten der Vergangenheit als von einem reichen Schatz zu zehren. 
So entstand der erste Band seiner »Lebenserinnerungen«, die durch ihre Form 
und ihren Inhalt nicht fur die Zeit, sondern fiir die Ewigkeit, soweit dies Wort 
auf menschliche Dinge anzuwenden ist, geschaffen erscheinen. Als ein Meister- 
werk der Sprache und Darstellungskunst, ein wiirdigstes Monument, stehen die 
zwei Bande der Selbstbiographie vor uns da, die aber zugleich ein gutes Teil 
Zeitgeschichte sind, weil ihr Verfasser mit offenen Augen die Dinge um sich 
gesehen und selbst ein gut Teil Zeitgeschichte mitgemacht hat. In der 
Schaffung dieses Werkes hat Sch. der Nachwelt wahrlich nicht den kleinsten 
Dienst erwiesen. 

Der Aufienwelt riickte er ferner. Er blieb die Liebe und der Stolz der 
Deutschen Amerikas, wenn sie sich ihren politischen Rat auch von anderen 
einzuholen begannen. Er bewahrte sich die Verehrung der Tiichtigsten und 
Besten der alten und der neuen Heimat. Vielfach hatte er den Ozean gekreuzt 
und war im neuen Reiche ein gern gesehener Gast. Nicht nur bei Verwandten 
und Freunden, zu denen noch bis an sein Ende der Reichskanzler Bis- 
marck zahlte: zwei Kaiser, der alte Wilhelm und sein Enkel, haben ihm 
persflnlich zu erkennen geben, dafl sie das ihm und den Gleichstrebenden 
unter seinen Zeitgenossen in Preufien einstmals getane Unrecht durch 
mancherlei Ehrungen wieder gutzumachen wiinschten. Fiihlte er sich in 
Deutschland auch zu den Nachkommen alter Gesinnungsgenossen, einem 
Georg von Siemens und Theodor Barth, hingezogen, so kniipften sich doch 
auch mancherlei Bande zu Vertretern des Altpreufientums, zu M&nnern wie 
dem Grafen Donhoff-Friedrichstein. 

In Deutschland und in Amerika hat er es mit ansehen miissen, wie die 
alten Freunde und Mitkampfer in Scharen den groflen Vorbeimarsch in das 
unbekannte Land vollendeten. Die alten Mitkampfer aus dem Kriege, die 
Freunde aus dem Senat, Sumner, Bayard, Edmonds und Henderson, der 
riihrige Journalist und alsbaldige Eisenbahnmagnat Henry Villard und die 
Alt-Bostonier, Bruder Adams, und andere mehr sah er dahingehen. Auch die 
alten Freunde aus St. Louis, Emil Pratorius und Dr. Taussig, und der deutsche 
Gesandte in Washington zur Zeit seines Staatssekretariats, Kurt von SchlGzer, 
der zu seinen Intimsten geh6rt hatte, waren unter der Erde. Dieser oder 
jener allerdings von den Genossen seiner Jugend war noch am Leben, so 
der gr6fite unter den deutschen Arzten Amerikas, Abraham Jakoby, sein 48 er 



27 o 



Schurz. 



Mitstudent und Mitk&mpfer, und der in Amerika friih gewonnene Freund 
Horace White, haben an seinem Grabe stehen kOnnen. 

Vereinsamt f&hlte sich der greise Sch. allerdings keineswegs. Stets war 
er eine gesellige Natur gewesen. Von Jugend an hatte ihn Kunst und Musik 
erfreut. Die Vorstellungen der grofien Rachel, die Bekanntschaft mit der 
Wagnerschen Musik in Bayreuth, es waren nur Hdhepunkte in einem Kunst- 
geniefien, das dauernd seinem Interessenkreise und seinem Hause edle An- 
regung gab. Nicht viel beiiihmte europ&ische, sicher kein deutscher Kiinstler 
diirften nach Amerika gekommen sein, die nicht mit ihm in Beruhrung 
gekommen und auch in seinem Hause oft intime Proben ihres Kdnnens ab- 
gelegt h&tten. Hatte er die alte Welt immer wieder aufgesucht, so brachte 
der zunehmende Reiseverkehr auch immer aufs neue G&ste aus der alten 
Heimat in sein Haus, mochte sein Wohnsitz gerade in der Stadt liegen, oder 
hoch auf den Hugeln von Pocantico ragend uber die herrliche Landschaft 
des Hudson River blicken, wo das Bild in vergrSfierten Dimensionen an 
die bergumkrSnzten Ufer des alten Rheins gemahnt, mochte er in seinpr 
Sommerfrische am Lake George die stets gleiche Gastlichkeit gew&hren. 
Durch den Tod der Gattin mit ihrem Frohsinn, ihrer Herzensgute und An- 
regung war einst eine unheilbare Liicke in die H&uslichkeit gerissen. Aber 
den heranwachsenden Kindern versuchte der Vater erfolgreich das Heimats- 
gefiihl der Behaglichkeit am h&uslichen Herde zu erhalten. Der Anblick 
eines innigsten FamilienglQckes, das nur durch den Tod des jiingsten 
Sohnes 1897 getriibt wurde, erfreute den Fremden, der kam, den grofien 
Staatsmann und Politiker zu sehen und einen liebenswilrdigen und herzens- 
warmen, gastfreien, und bei allem Ernst, aller WQrde, humorvollen und fr6h- 
lichen Hausvater fand. Wer je von der stattlichen Erscheinung mit den 
klaren, grofien Augen, den kraftvollen, eigenartigen Zugen, dem wallenden, 
einst rfitlichblonden, allm&hlich ergrauenden Bart, begriiflt, in den Kreis des 
Hauses hineingefiihrt ist, wird diese wohltuende Mischung von weitem 
Interesse fiir die grofien Fragen der Welt und Freude und Verstindnis 
gegenliber den kleinen Dingen des Lebens nie vergessen. Oft mag er 
sich im Innern gewundert haben, dafi dieser so unendlich liebenswiirdige und 
weiche Optimist, der Friedensfreund und Liberale dereinst der Freiheitsk&mpfer 
und eisern energische Befreier Kinkels, der feurige Anti-Sklavereiapostel und 
eifrige Fechter fiir die Union, der leidenschaftliche Politiker gewesenwar, bis ein 
Blitz en des Auges, ein Aufwallen der Flammenseele bei der Erdrterung von 
Dingen, die sein Gerechtigkeitsgefuhl verletzten, verrieten, weiche Funken 
hier unter der Asche gliihten. Ein Manchesterman im gewdhnlichen Sinne 
war Sch. nicht, ein Laissez-faire-Apostel nur so lange, als es ihm schien, dafi 
die Dinge durch ihre eigene Vernunft, ihr eigenes Schwergewicht sich 
zurechtziehen wiirden. Wo aber die Gerechtigkeit gef&hrdet wurde, da war 
er auch bereit, zu jedem Mittel der Gewalt zu greifen, damit Recht Recht 
bliebe. 

Zu einer Zeit, als fiir die sozialen Probleme in Deutschland noch vielfach 
kein Verstindnis herrschte, schrieb er schon im Widerspruch zu Godkins 
Anschauungen mancherlei zugunsten der Schaffung gerechter Beziehungen 
zwischen Arbeitgebern und -nehmern. Im Jahre 1884 trat er fur Zwangs- 
schiedsgerichte in Arbeitsstreitigkeiten ein. Die neue Sozialpolitik in Europa, 



Schurz. 



271 



L der Versicherungszwang und die Staatseingriffe lagen seinem Empfinden fern. 

■ Er war fur Selbsthilfe und wenn moglich freiwilliges Zusammengehen. 

Oft findet man bei alten Leuten, die in ihrer Jugend selbst besonders 
aktiv an der Entwicklung der Dinge mitgewirkt haben, dafl die nach einer 
bestimmten Zeit auftauchenden Probleme, die nicht mehr mit denen 
der eigenen Jugend iibereinstimmen, ihrem Interessenkreis, ihrem Verstandnis, 
ihrer Sympathie ferner bleiben. Die letzte Entwicklungsphase des amerikanischen 
Volkskorpers, ja der gesamten Weltbewegung hat Sch. nicht mehr mitempfunden. 
War ihm der Sozialismus schon 1848 unsympathisch, so riickte er ihm nicht 
naher. Der Imperialismus blieb ihm unverstandlich. Die groBen kapita- 
listischen Organisationsprobleme waren seinen demokratischen Idealen zum 
mindesten unverstandlich. Er sah in ihnen mit Recht verhangnisvolle Ge- 
fahren fur die Erfiillung seiner einstigen Hoffnungen auf die Zukunft der 
Volker. So waren seine Ideale nicht die modernen. Aber ein grofies Gliicks- 
gefiihl war es ihm doch, dafi von den Idealen seiner Zeit sich gar viele 
unter seiner Mitwirkung erfiillt hatten. 

Die Lasten des Alters sind ihm dann nicht ferngeblieben. Naturgemafi 
liefi die korperliche Leistungsfahigkeit allm&hlich nach. 

Nach langerem Krankeln und kurzem Leiden, das speziell durch einen 
Straflenbahnunfall einige Monate vor seinem Tode verursacht wurde, ist Carl 
Schurz am 14. M&rz 1906 heimgegangen. 

»Zwei Welten« — hiefi es in seinem Nachruf — »trauerten an seiner Bahre«, 
und die Angeh6rigen verschiedener Stande aus beiden L&ndern erschienen 
dort. Nicht nur die Vertreter der Machtigen und Reichen, des deutschen 
Kaisers und des amerikanischen Pr&sidenten, der friihere President Cleveland 
und ein Andrew Carnegie legten hier Kranze nieder. Auch die Miihseligen 
und Beladenen trauerten, und die Vertreter der niederen Rassen, denen sein 
warmes Herz gehSrt und fur deren Hebung auf das Niveau des weiflen 
Mannes es gewirkt hatte, erschienen. Der Priester ethischer Kultur, Felix 
Adler, und der Freund und Arzt Jakoby sprachen in seinem Hause, ein 
Wortfuhrer der Neger und Indianer, Dr. Frissel, an seinem Grabe. Neben 
dem ersten Juristen des Landes, dem Botschafter Choate, dem Pr&sidenten der 
Harvard-Universit&t, Eliot, dem Staatssekretar des Marineamts, Bonaparte, 
sprachen Vertreter der deutschen Wissenschaft und der Apostel der Neger, 
Booker Washington, zu seinem Gedachtnis. 

Einen wahrhaft edlen Mann hatte man zu Grabe getragen, eine lautere 
Seele, die sich in ihrer innersten Begeisterung und Aufopferungsfahigkeit fur 
das HSchste und Edelste von Anfang bis zu Ende gleich geblieben war. 
War Sch. vom glaubigen katholischen Kinde zum zweifelnden Agnostiker 
' und konfessionsentwandten AnhSnger der ethischen Kultur geworden, so war 

ihm doch das Gefiihl der Ehrfurcht ebensowohl vor der Gewalt seines 
SchOpfers, dessen Wirken er auch mit